Sämtliche Werke 21

Part 22

Chapter 223,781 wordsPublic domain

„Sieh, dieser Onkel da hat Mama früher gekannt, er war unser Freund, fürchte dich nicht vor ihm, gib ihm mal die Hand.“

Das kleine Mädchen verneigte sich leicht und reichte ihm schüchtern das Händchen.

„Natalja Wassiljewna wollte es ihr nicht beibringen, einen Knix zu machen, sondern so ... ihr gefiel diese englische Manier mehr – nur eine leichte Verbeugung – und die Hand gereicht,“ sagte Pawel Pawlowitsch zur Erklärung, während er ihn lauernd beobachtete.

Weltschaninoff wußte es, daß er ihn beobachtete, dachte aber gar nicht mehr daran, seine Erregung zu verbergen. Er saß schweigend und hielt immer noch Lisas Händchen in seiner Hand und verwandte keinen Blick von dem Kinde. Doch Lisa schien von etwas anderem ganz in Anspruch genommen zu sein; sie vergaß ihre Hand in der des Fremden und wandte keinen Blick vom Vater ab. Angstvoll horchte sie auf das, was er sprach. Weltschaninoff erkannte sofort diese großen blauen Augen, doch am meisten überzeugten ihn ihr erstaunlich zarter, wundervoller Teint und das ganz besondere Blond ihres Haares: diese Anzeichen waren für ihn von entscheidender Bedeutung. Das Oval des Gesichtchens dagegen und der Schnitt der Lippen erinnerten stark an Natalja Wassiljewna. Pawel Pawlowitsch sprach inzwischen immer weiter und schien sich in Rührung und Begeisterung hineinzureden, doch Weltschaninoff hatte kein Wort gehört – nur die letzten Sätze fing er noch auf:

„... so daß Sie sich unsere Freude über dieses Geschenk Gottes gar nicht werden vorstellen können!“ hörte er ihn gerade noch sagen. „Für mich war sie alles, der Inbegriff meines ganzen Lebens! Und ich habe oft bei mir gedacht, daß mir, wenn ich nach Gottes Ratschluß einmal mein stilles Glück verlieren sollte, dann – dann doch immer noch Lisa bliebe! – das wenigstens wußte ich mit aller Bestimmtheit!“

„Und Natalja Wassiljewna?“ fragte Weltschaninoff.

„Natalja Wassiljewna?“ Pawel Pawlowitschs Gesicht verzog sich eigentümlich. „Sie wissen doch, sie sprach nicht gern von Gefühlen, dafür aber, als sie auf dem Sterbebett von ihr Abschied nahm ... da kam dann alles zum Ausdruck! Freilich: auf dem Sterbebett! Wenn ich das sage, dann müssen Sie es nicht falsch auffassen! Sie war doch so, daß sie zum Beispiel noch am Tage vor dem Tode plötzlich behauptete – dabei ganz empört und aufgeregt, sie war gar nicht mehr zu beruhigen! – daß man sie mit all diesen Medikamenten nur vergiften wolle: sie habe nur eine ganz gewöhnliche Influenza, sagte sie, unsere beiden Ärzte verstünden nur von nichts etwas, wenn aber erst Koch wieder zurückkehren werde – Sie erinnern sich seiner wohl noch, unser alter Hausarzt, so ’n kleines Kerlchen! – dann werde sie in zwei Wochen gesund sein. Und noch fünf Stunden vor dem Tode sagte sie, daß sie nach drei Wochen unbedingt zum Namenstag der Tante, die auf ihrem Gut lebt, hinfahren wolle – es war Lisas Taufmutter ...“

Weltschaninoff erhob sich plötzlich vom Stuhl, doch ohne die Hand Lisas freizugeben. Er glaubte unter anderem, in dem unverwandt am Vater hängenden Blick der Kleinen einen Vorwurf zu lesen.

„Ist sie nicht krank?“ fragte er eigentümlich, ganz plötzlich und überstürzt.

„Es scheint, nicht ... aber ... die Verhältnisse haben sich hier so gefügt ...“ meinte Pawel Pawlowitsch in trüber Besorgnis, „und das Kind ist ein so eigenes Geschöpf, nervös, ängstlich, nach dem Tode der Mutter war sie in der Tat zwei Wochen krank. Sie haben ja selbst gehört, wie sie vorhin weinte, als Sie kamen – hörst du, Lisa, hörst du, jetzt erzähle ich es dem Onkel! – Und weshalb, was glauben Sie wohl? Alles nur deshalb, weil ich fortgehe und sie allein lasse, und sie folglich, wie sie sagt, nicht mehr so lieb habe wie zu Lebzeiten der Mama – sehen Sie, das ist es, was sie mir vorwirft. Ich begreife nicht, wie ihr solch ein Einfall in den Kopf kommen kann – einem Kinde, das nur an Spielsachen denken sollte! Aber das ist es eben, sie hat hier keinen, mit dem sie spielen könnte.“

„Ja, aber wie ... sind Sie denn hier ganz allein mit ihr?“

„Ganz allein; nur das Stubenmädchen kommt einmal am Tage, um aufzuräumen.“

„Und wenn Sie fortgehen, dann ist niemand bei ihr?“

„Ja, natürlich nicht, wie denn sonst? Als ich gestern fortging, schloß ich sie ein, dort im Stübchen, und deshalb gab es dann heute die Tränen. Aber, nicht wahr, was sollte ich denn machen, urteilen Sie doch selbst: vor drei Tagen hatte ich sie nicht eingeschlossen und da war sie ohne mich nach unten auf den Hof gegangen, und dort hat ihr ein Bengel einen Stein an den Kopf geworfen. Oder sonst, wenn ich sie nicht einschließe, fängt sie zu weinen an und läuft auf den Hof und fragt dort alle und jeden, wohin ich gegangen sei. Das geht doch nicht. Aber freilich habe auch ich Vorwürfe verdient: ich will oft bloß auf eine Stunde fortgehen und komme dann erst am nächsten Morgen zurück, wie es sich gerade diesmal wieder traf. Zum Glück hat die Frau, die Marja Ssyssojewna, die Tür endlich aufgemacht – sie hat den Schlosser gerufen. Das ist nun allerdings eine Schande und ich komme mir auch selbst wie ein Scheusal vor! Das kommt eben alles von der – Umnachtung ... Wie gesagt, von der – Umnachtung ...“

„Papa!“ unterbrach ihn plötzlich schüchtern und angstvoll die Kleine.

„Nun, schon wieder! Beginnst du schon wieder damit? Was habe ich dir vorhin gesagt?“

„Ich werd’ nicht, ich werd’ nicht!“ stammelte die Kleine erschrocken und faltete schnell bittend die Händchen vor ihm.

„So kann das hier nicht weitergehen!“ erklärte plötzlich Weltschaninoff gereizt und im Tone eines Machthabers. „Sie sind doch ... Sie sind doch, soviel ich weiß, vermögend! Wie kommen Sie dazu ... erstens, hier in diesem Hinterhause, in einem solchen Winkel zu leben?“

„Hier im Hinterhaus? Aber wir werden doch vielleicht schon nach einer Woche Petersburg wieder verlassen, und Geld haben wir sowieso schon viel verausgabt – dieses ‚vermögend sein‘ will nicht allzuviel besagen ...“

„Genug, schon gut,“ unterbrach ihn Weltschaninoff, dessen Ungeduld mit jeder Minute wuchs, und er machte dabei eine Handbewegung, die ungefähr sagte: „Brauchst keine Worte zu verlieren, ich weiß alles, weiß sogar, mit welchen Hintergedanken du sprichst!“ – Laut sagte er: „Hören Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sie sagten, daß Sie eine ganze Woche oder noch länger hier zu bleiben gedenken. Ich kenne hier eine Familie, in der ich wie zu Hause bin – ich kenne sie schon zwanzig Jahre – Poporjelzeff ... heißen sie. Alexandr Petrowitsch Poporjelzeff ist Geheimrat – er kann sich vielleicht noch für Sie verwenden, in Ihrer Angelegenheit. Sie leben jetzt auf ihrer Datsche[8], nicht weit von der Stadt. Sie haben ein sehr schönes Landhaus. Die Dame des Hauses ist wie eine Schwester zu mir, wie eine Mutter. Erlauben Sie, daß ich Lisa sogleich zu ihnen bringe ... ich meine, damit nicht unnötigerweise noch viel Zeit verloren wird. Man wird sie dort mit Freuden aufnehmen, mit offenen Armen, ich versichere Ihnen! Man wird sie mit der größten Liebe behandeln, wie ein eigenes Kind!“

Er wurde nervös vor Ungeduld und verbarg es nicht einmal.

„Das ist doch wohl nicht gut möglich,“ wandte Pawel Pawlowitsch mit einem verkniffenen Schmunzeln ein, wobei er ihm, wie es Weltschaninoff scheinen wollte, listig in die Augen sah.

„Weshalb nicht? Warum soll es nicht möglich sein?“

„Ja wie denn, das Kind so plötzlich fortgeben – übrigens mit einem so aufrichtigen Freunde wie Sie ... doch ich rede nicht von Ihnen! Aber immerhin so in ein fremdes Haus, in eine vornehme Familie, in der man sie, ich weiß noch nicht, wie empfangen wird ...“

„Aber ich sage Ihnen doch, ich bin dort, als gehörte ich gleichfalls zur Familie!“ rief Weltschaninoff fast zornig. „Klawdia Petrowna, die Gemahlin des Geheimrats, wird sich glücklich schätzen, wenn ich sie darum bitte! Wie meine Tochter ... ach, zum Teufel, Sie wissen doch selbst, daß Sie nur so reden, um zu schwatzen ... da braucht man doch wahrhaftig keine Worte darüber zu verlieren!“

Und er stampfte vor Ärger mit dem Fuß auf.

„Ich meine ja nur, wird es vielleicht nicht doch etwas zu sonderbar erscheinen? Jedenfalls müßte ich dann ein- oder zweimal hinfahren, denn so ganz ohne Vater, wie sieht denn das aus? Hehe ... und noch dazu in ein so vornehmes Haus!“

„Es ist ein ganz gewöhnliches Haus, von Zeremonien keine Spur!“ versicherte Weltschaninoff. „Ich sage Ihnen doch: acht Kinder! Sie wird dort aufleben, nur deshalb ... Was aber Ihre Person betrifft, so kann ich Sie noch morgen am Tage dort einführen, wenn Sie wollen. Ja, das muß sogar unbedingt geschehen, Sie müssen sich eben einmal zeigen und Ihren Dank aussprechen. Wir können ja jeden Tag hinfahren, wenn Sie es wünschen ...“

„Es ist aber doch immer ...“

„Unsinn! Und die Hauptsache – Sie wissen das ja selbst! Hören Sie, machen wir es einfach so: Kommen Sie, wenn Sie wollen, schon heute abend zu mir, schlafen Sie die Nacht über meinetwegen bei mir, und dann am Morgen fahren wir beide früher aus, damit wir um zwölf dort sind!“

„Sie sind ... Sie sind wirklich mein Wohltäter! Sogar übernachten soll ich bei Ihnen! ...“ nahm Pawel Pawlowitsch den Vorschlag ganz plötzlich und fast gerührt an. „Sie erweisen mir Wohltaten, wie ich sie gar nicht verdient habe ... aber wo liegt denn dieses Landhaus?“

„In Ljesnoje ...“

„Nur, sehen Sie, wie machen wir denn das mit ihren Kleidern? Denn in ein so feines Haus, und noch dazu in einem so vornehmen Sommeraufenthalt, Sie wissen doch selbst ... Das Vaterherz ...“

„Wieso, was ist mit ihrem Kleide? Sie hat doch Trauer. Was kann sie da anderes tragen als Schwarz? Es ist das anständigste Kleidchen, das man sich denken kann. Nur ... etwas reinere Wäsche vielleicht, hier die Krause ...“

Die kleine Spitzenkrause am Halse, sowie die unter dem kurzen Kleidchen sichtbaren Röckchen waren allerdings nichts weniger als sauber.

„Im Augenblick, im Augenblick, sie muß sich unbedingt umkleiden,“ stimmte Pawel Pawlowitsch sogleich geschäftig bei. „Und auch die übrigen Sachen müssen wir sogleich einpacken. Aber das ist jetzt alles bei Marja Ssyssojewna in der Wäsche!“

„Dann schicken Sie nur gleich nach einer Droschke,“ versetzte Weltschaninoff schnell, „und vielleicht ohne Zögern wenn möglich.“

Es stellte sich jedoch heraus, daß zunächst noch ein anderes Hindernis zu überwinden war: Lisa wollte nicht fort. Die ganze Zeit, während der Weltschaninoff den Vater beredete, hatte sie angstvoll zugehört, und wenn er sie beobachtet hätte, würde er in ihrem Gesichtchen immer größer werdendes Entsetzen, zuletzt fast Verzweiflung wahrgenommen haben.

„Ich werde nicht fahren!“ sagte sie leise, doch mit aller Bestimmtheit.

„Sehen Sie, da sehen Sie es: ganz wie die Mama!“

„Nein, ich bin nicht wie Mama, ich bin nicht wie Mama!“ rief Lisa flehentlich und rang verzweifelt ihre kleinen Händchen, als wolle sie sich gegen den furchtbaren Vorwurf verteidigen, der Mutter ähnlich zu sein. „Papa, Papa, wenn Sie mich verlassen ...“

Und plötzlich stürzte sie sich auf den ganz erschrockenen Weltschaninoff:

„Wenn Sie mich fortbringen, werde ich ...“

Weiter kam sie nicht: Pawel Pawlowitsch hatte sie gepackt und zog sie bereits mit unverhohlener Wut ins kleine Nebenzimmer. Von dort hörte man dann wieder eine ganze Weile eifriges Geflüster; dazwischen unterdrücktes Weinen. Weltschaninoff wollte sich schon erheben und zu ihnen gehen, um der Quälerei ein Ende zu machen, als Pawel Pawlowitsch wieder auf der Schwelle erschien und mit einem eigentümlichen, verstellten Lächeln sagte, sie werde sogleich kommen. Weltschaninoff bemühte sich, ihn nicht anzusehen, und blickte zur Seite.

Bald erschien denn auch Marja Ssyssojewna, dieselbe Frauensperson, der Weltschaninoff im Korridor begegnet war, und die Pawel Pawlowitsch inzwischen gerufen hatte. Sie brachte Lisas Wäsche und machte sich daran, dieselbe in Lisas nette, kleine Reisetasche einzupacken.

„Sie wollen das Mädchen fortbringen, Väterchen?“ wandte sie sich an Weltschaninoff. „Sie haben wohl selbst eine Familie? Das ist gut von Ihnen, Väterchen, daß Sie sie fortbringen: ist ’n stilles Kindchen, so kommt’s wenigstens aus diesem Sodom hier heraus.“

„Wie wär’s, Marja Ssyssojewna ...“ begann Pawel Pawlowitsch etwas betreten.

„Na, was denn: Marja Ssyssojewna! Meinen Namen kann ein jeder nennen! Oder ist denn das ein Leben, wie es sich gehört? Ist denn das eine Art, wenn ein Kindchen, das doch schon was begreifen kann, solche Schande mit ansieht? – Der Wagen ist schon vorgefahren, Väterchen. Nach Ljesnoje, nicht?“

„Ja, ja.“

„Nun dann – mit Gott!“

Lisa kam ganz bleich, mit niedergeschlagenen Augen, aus dem kleinen Zimmer und nahm die Reisetasche: kein Blick nach Weltschaninoff! Sie nahm sich krampfhaft zusammen und wandte sich auch nicht mehr an den Vater, um bei ihm Schutz zu suchen oder ihn anzuflehen; auch beim Abschied rührte sie sich nicht; offenbar wollte sie ihn nicht einmal ansehen. Der Vater küßte sie auf die Stirn und streichelte ihr einmal übers Köpfchen; ihre Lippen zuckten und ihr Gesicht verkrampfte sich; aber sie sah doch nicht zu ihm auf. Pawel Pawlowitsch schien bleich zu sein und seine Hände zitterten – letzteres bemerkte Weltschaninoff ganz deutlich, obschon er sich alle Mühe gab, ihn nicht anzusehen. Er wollte nur so schnell als möglich fort, nur fort!

„Wenn ich sie erst dort habe ... Es ist nicht meine Schuld, daß es so gekommen ist! Was geht mich dieser Mensch an?“ dachte er bei sich. „Es hat so kommen müssen.“

Unten angelangt, wurde Lisa noch von Marja Ssyssojewna zum Abschied geküßt und dann in den Wagen gesetzt. Erst als auch Weltschaninoff eingestiegen war, schlug Lisa plötzlich die Augen auf und sah den Vater an – und plötzlich streckte sie die Hände nach ihm aus und schrie auf: im nächsten Augenblick wäre sie zu ihm hinausgestürzt, doch die Pferde zogen bereits an und sie fuhren davon.

VI. Ein neuer Einfall eines müßigen Menschen.

„Fühlst du dich nicht wohl, Lisa?“ fragte Weltschaninoff erschrocken. „Ich werde anhalten lassen ... ich lasse dir Wasser bringen ...“

Da schlug sie wieder ihre großen Kinderaugen zu ihm auf und aus ihnen sah ihn ein heißer, bitterer Vorwurf an.

„Wohin bringen Sie mich?“ fragte sie stockend.

„In ein wunderschönes Haus, Lisa. Es sind dort viele Kinder und die Eltern sind sehr nette Menschen. Sie leben jetzt auf ihrer Datsche. Es ist dort sehr schön und man wird dich sehr lieb haben ... Sei mir nicht böse, kleine Lisa, ich meine es gut mit dir ...“

Hätten ihn seine Bekannten jetzt sehen können, sie würden ihn zum mindesten sehr sonderbar gefunden haben.

„Wie Sie – wie – wie – hu, wie schlecht Sie sind!“ stieß Lisa, tapfer die Tränen schluckend, mit stockender, zitternder Stimme hervor, und ihre blauen Augen wurden ganz dunkel vor Zorn.

„Lisa, ich ...“

„Schlecht, schlecht, schlecht sind Sie!“

Und sie rang die Händchen vor Verzweiflung. Weltschaninoff sah einfach hilflos aus.

„Lisa, liebe Kleine, wenn du wüßtest, zu welch einer Verzweiflung du mich bringst!“

„Ist es wahr, daß er morgen kommen wird? Ist es wahr?“ fragte sie angstvoll.

„Aber gewiß wird er kommen! Ich werde ihn selbst hinbringen! Ich werde ihn einfach festnehmen und in den Wagen setzen!“

„Er wird fortlaufen,“ sagte sie leise und senkte betrübt den Blick.

„Hat er dich denn nicht lieb, Lisa?“

„Nein, er hat mich nicht lieb ...“

„Hat er dich gekränkt? Hat er dir etwas zuleide getan?“

Lisa blickte ihn finster an, sagte aber kein Wort. Sie wandte sich wieder von ihm ab und sah eigensinnig zu Boden. Er sprach auf sie ein, redete ihr gut zu und war dabei wie im Fieber. Lisa hörte ihn mißtrauisch und feindselig an – aber sie hörte wenigstens. Ihre Aufmerksamkeit war schon eine große Freude für ihn. Er suchte ihr zunächst zu erklären, weshalb ein Mensch trinkt. Er sagte ihr auch, daß er sie sehr lieb habe und auf den Vater achtgeben werde. Endlich schaute Lisa auf und sah ihn lange unverwandt an. Und er erzählte weiter: daß er ihre Mama gekannt und im Hause ihrer Eltern verkehrt habe; und als er sah, daß er sie mit seinen Erzählungen zu fesseln vermochte, war er sehr froh. Allmählich begann sie, auf seine Fragen zu antworten, aber immer noch vorsichtig und einsilbig und mit noch nicht überwundenem Mißtrauen. Die wichtigsten Fragen jedoch ließ sie unbeantwortet: so sagte sie z. B. kein Wort über den Vater und wie er sie behandelt hatte. Während Weltschaninoff zu ihr sprach, nahm er ihr Händchen in seine Hand und hielt es fest; sie entzog es ihm nicht. Übrigens verrieten ihre Antworten doch mancherlei: aus ihnen ging wenigstens hervor, daß sie den Vater früher mehr geliebt hatte als die Mutter, weil auch er sie früher mehr geliebt habe, denn die Mama sei früher gar nicht so gut zu ihr gewesen. Auf dem Sterbebett aber habe die Mama sie so geküßt und sie habe so geweint, als alle hinausgegangen und sie allein geblieben waren ... und jetzt liebe sie die Mama mehr als alle, mehr als alles in der Welt, mehr als alle Menschen, und in jeder Nacht liebe sie sie über alles! Aber die Kleine besaß zweifellos ihren Stolz: kaum hatte sie es ausgesprochen, da erschrak sie sichtlich und nichts konnte sie wieder dazu bewegen, weiterzusprechen: Weltschaninoff, der ihr das Geheimnis entlockt hatte, fing nur einen feindseligen Blick auf, und wieder wandte sie sich von ihm ab. Als sie bereits über die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten, bemerkte Weltschaninoff, daß die krankhafte Erregung der Kleinen sich gelegt zu haben schien, dafür aber war sie beängstigend nachdenklich und scheu geworden, und in dem kleinen zarten Gesichtchen drückten sich qualvoller Kummer, Angst und gleichzeitig doch auch Trotz und Entschlossenheit aus. Daß man sie in ein fremdes Haus, zu fremden Menschen brachte, daran schien sie vorläufig am wenigsten zu denken. Es war etwas ganz anderes, was ihr armes kleines Kinderherz quälte, das erriet Weltschaninoff sehr bald. Und zwar war es dies: daß sie sich für ihren Vater _schämte_, sich schämte, weil er sie ohne weiteres von einem Fremden hatte fortbringen lassen, fast als freue er sich, sie los zu werden – und daß nun dieser Fremde sie ohne weiteres auf dem Halse hatte.

„Sie ist krank, ganz fraglos ist sie krank!“ sagte sich Weltschaninoff. „Vielleicht sogar sehr krank. Und natürlich nur von seinen Quälereien ... O, dieser besoffene, gemeine Lump! Jetzt erst verstehe ich ihn! ...“

Er trieb den Kutscher zur Eile an: er setzte alle Hoffnung auf das Landhaus, die Luft, den Garten, die Kinder, auf das ganze neue, ihr bisher unbekannte Leben, und dann, später ... Denn darüber, was dann „später“ sein werde, war er sich keinen Augenblick mehr im unklaren. Große, helle Hoffnungen stiegen auf! Eines aber wußte er mehr als genau: daß er in seinem ganzen bisherigen Leben noch niemals das empfunden hatte, was er jetzt empfand und daß dieses Gefühl ihm für sein ganzes ferneres Leben bleiben würde!

„Ein Ziel! Jetzt habe ich ein Ziel, einen Lebensinhalt!“ dachte er begeistert.

Vieles ging ihm noch durch den Sinn und er schmiedete große Pläne, vermied es jedoch geflissentlich, an die „nebensächlichen“ Einzelheiten zu denken, weshalb ihm denn auch gelang, alles ganz wunderschön zu entwerfen. Der Hauptplan machte sich eigentlich ganz von selbst.

„Man wird eben diesen Schurken so lange bearbeiten,“ dachte er, „eventuell noch mit vereinten Kräften, bis er Lisa Pogorjelzeffs läßt, wenn auch vorläufig vielleicht nur für eine bestimmte Zeit, und allein zurückfährt. Dann aber gehört Lisa mir. Mehr verlange ich ja gar nicht! Und ... und natürlich ist das auch nur sein eigener Wunsch! Weshalb sollte er sie denn sonst so gequält haben?“

Endlich waren sie angelangt. Die Datsche der Pogorjelzeffs war wirklich ein reizender Erdenfleck. Empfangen wurden sie sogleich von einer fröhlich lärmenden Kinderschar, die kaum, daß der Wagen hielt, schon auf der Freitreppe erschien und lachend dem Besuch entgegendrängte. Weltschaninoff war lange nicht mehr bei ihnen gewesen, daher die unbändige Freude der Kinder: sie hatten ihn alle gern. Die älteren von ihnen riefen sogleich, noch bevor er ausgestiegen war:

„Ihr Prozeß, was macht Ihr Prozeß?“

Diese Frage griffen selbstverständlich auch die jüngeren und jüngsten auf und so tönte sie ihm denn aus allen Kehlen in allen Abstufungen unter Lachen und Geschrei entgegen. Er wurde hier nämlich mit seinem Prozeß regelmäßig geneckt. Als sie jedoch Lisa erblickten, verstummte eines nach dem anderen und alle umringten sie, um sie dann mit echtem ernstem Kinderinteresse zu betrachten. Da erschien aber schon Klawdia Petrowna und ihr folgte ihr Gemahl. Auch deren erstes Wort war eine lachende Frage nach dem Prozeß.

Klawdia Petrowna war eine Dame von siebenunddreißig Jahren, eine ziemlich volle und noch ganz hübsche Brünette mit einem frischen, sympathischen Gesicht. Ihr Gemahl war fünfundfünfzig, ein kluger und zugleich auch schlauer Kopf, doch in erster Linie und im Grunde ein gutmütiger Mensch. Ihr Haus war für Weltschaninoff im vollen Sinne des Wortes zu einem halben Heim geworden, wie er sich selbst ausdrückte. Übrigens war hier noch etwas anderes mit im Spiel: vor etwa zwanzig Jahren wäre dieselbe Klawdia Petrowna beinahe die Gattin Weltschaninoffs geworden, der damals, versieht sich, noch ein grüner Junge, noch Student gewesen war. Es war ihre erste, leidenschaftliche, lächerliche und doch so schöne Liebe gewesen. Geendet aber hatte ihr Verlöbnis damit, daß sie den Pogorjelzeff heiratete. Vor etwa fünf Jahren waren sie sich nun wieder begegnet und aus der einstigen Liebe war eine stille, heitere Freundschaft geworden, die aber doch eines gewissen wärmeren Untertones nicht entbehrte, der dieser Freundschaft noch einen ganz besonderen Reiz verlieh. In den Erinnerungen Weltschaninoffs an seine Beziehungen zu dieser Frau war alles rein und keusch, und deshalb um so teurer für ihn, als es die einzige Beziehung war, von der er das sagen konnte. In dieser Familie, und zwar nur hier allein, war er jungenhaft harmlos und gut; er gab sich mit den Kindern ab, verstellte sich nie, gestand alle seine Fehler ein und beichtete alles, was er auf dem Gewissen hatte. Mehr als einmal schon hatte er Pogorjelzeffs hoch und heilig versichert, daß er nur noch kurze Zeit sein altes Leben in der Welt weiterführen wolle, dann aber zu ihnen ziehen und für immer bei ihnen bleiben werde, so als freiwillig hinzugetretenes Familienmitglied, um in angenehmer Gesellschaft und stiller Beschaulichkeit freundlich sein Leben zu beschließen. In Gedanken nahm er diesen Scherz bisweilen sogar selbst für durchaus ernst gemeint.

Er erzählte ihnen ziemlich ausführlich alles, was über Lisa zu sagen war, doch seine Bitte allein genügte schon vollkommen, so daß die Erklärungen eigentlich überflüssig erschienen. Klawdia Petrowna küßte die „kleine Waise“ und versprach ihrerseits alles zu tun, was sich für sie tun ließ. Die Kinder waren sehr erfreut und im Augenblick schob die ganze Bande, Lisa in der Mitte, in den Garten ab. Nach einer halben Stunde lebhafter Unterhaltung erhob sich Weltschaninoff, um aufzubrechen. Er war so unruhig, daß es jedem auffallen mußte. Man war natürlich sehr erstaunt: drei Wochen lang hatte er sich nicht gezeigt, und nun wollte er nach einer halben Stunde schon wieder fort. Er versicherte zwar lachend, daß er nichts, „absolut nichts Besonderes“ habe und am nächsten Tage wiederkommen werde. Da aber sagte man ihm offen, daß er ja sehr aufgeregt zu sein scheine, und er zuckte zusammen und wandte sich dann plötzlich an Klawdia Petrowna, indem er bat, sie unter vier Augen sprechen zu dürfen, da er etwas sehr Wichtiges zu sagen vergessen habe. Sie gingen in ein anderes Zimmer.

„Erinnern Sie sich noch dessen, was ich Ihnen einmal erzählte,“ begann er, „nur Ihnen allein, was nicht einmal Ihr Mann weiß – ich meine das von meinem Aufenthalt in T.?“

„O, nur zu gut! Sie haben mir oft von diesem Jahr erzählt.“