Sämtliche Werke 21

Part 21

Chapter 213,688 wordsPublic domain

„Ihre Naivität sich selbst gegenüber, ihre Unwissenheit in diesen Beziehungen ist sicher echt,“ hatte Weltschaninoff schon damals in T. von ihr gedacht (während er, nebenbei bemerkt, an ihrer Ausschweifung nur allzu schuldig war). „Sie ist eine von jenen Frauen,“ sagte er sich, „die gleichsam nur dazu geboren werden, um untreue Frauen zu sein. Niemals werden sie sich als Mädchen verführen lassen: ihrem Naturgesetz gemäß müssen sie vorher unbedingt geheiratet haben. Ihr Gatte ist dann ihr erster Liebhaber, aber bedingungslos erst nach der Trauung. Und kein Mädchen findet so leicht und schnell einen Mann wie gerade dieser Typ. Daß es zum ersten Liebhaber kommt – daran ist in der Regel der Gatte selbst schuld. Und alles, was diese Frauen dann vollführen, geschieht in der aufrichtigen Überzeugung, daß sie nicht das geringste Unrecht begehen, daß sie ein solches weder ihrem Gatten noch sonst jemandem zufügen: sie halten sich für durchaus anständig und ehrenwert und natürlich für vollkommen unschuldig.“

Weltschaninoff war überzeugt, daß es tatsächlich einen solchen Frauentyp gebe, war aber auch nicht minder überzeugt, daß es demselben entsprechende Männer gab, deren einzige Bestimmung nur darin bestand, das richtige Gegenstück zu diesen Frauen zu sein. Das Wesen dieser Männer bestand seiner Ansicht nach darin, daß sie ihr Leben lang _nichts_ als Gatte, Gatte und immer nur Gatte waren, _nur_ Gatten, _ewige_ Gatten, und nichts weiter.

„Ein solcher Mensch wird geboren und wächst heran, um dann zu heiraten, und, sobald er geheiratet hat, zu einem Ergänzungsstück seiner Frau zu werden – auch dann, wenn er sogar einen eigenen und sehr ausgesprochenen Charakter besitzt. Die Haupteigenschaft dieses Gatten, oder ihr sicherstes Merkmal, wie man will, ist – die bewußte Kopfzier. Den Hörnern entgehen: das könnte er ebensowenig, wie der Mond seine Phasen verändern könnte; doch er selbst wird nicht nur nichts davon wissen, sondern das Wissen ist einfach, wie nach einem Naturgesetz, für ihn von vornherein ausgeschlossen.“ Von der Existenz dieser beiden Typen war Weltschaninoff fest überzeugt, und der vollendete Repräsentant des einen derselben war für ihn – Pawel Pawlowitsch Trussozkij. Freilich nicht dieser Pawel Pawlowitsch, der um drei Uhr nachts hier bei ihm gesessen hatte, denn das war ein ganz anderer, als der, mit dem er in T. bekannt gewesen war. Weltschaninoff fand, daß er sich ganz unglaublich verändert hatte, doch war das schließlich nur natürlich, ja anders hätte es wohl überhaupt nicht sein können: Herr Trussozkij konnte das, was er gewesen war, nur bei Lebzeiten seiner Frau sein, jetzt aber war er gewissermaßen nur ein Teil eines Ganzen, dem man plötzlich eine völlig ungewohnte, ihm gar nicht zustehende Freiheit gegeben hatte, weshalb er denn so als „Bruchstück“ ganz eigentümlich und absonderlich wirkte, fast wie etwas noch nie Dagewesenes.

Was aber jenen früheren Pawel Pawlowitsch betraf, den Weltschaninoff in T. gekannt hatte, so entsann er sich seiner noch sehr gut:

„Natürlich war er in T. nichts als der Gatte seiner Frau!“ Wenn er außerdem zum Beispiel noch Beamter war, so war er es doch nur deshalb, weil auch der Dienst sozusagen zu seinen Gattenpflichten gehörte: er arbeitete nur für seine Frau und ihre gesellschaftliche Stellung in T., und wenn er auch von sich aus ein äußerst eifriger Beamter sein mochte, so konnte das an der Sache doch nichts ändern. Er war damals fünfunddreißig Jahre alt und besaß ein gewisses Kapital, sogar ein ziemlich bedeutendes. Im Dienst zeichnete er sich nicht gerade durch besondere Fähigkeiten aus, dafür aber auch nicht durch besondere Unfähigkeit. Er verkehrte mit allen, die zur Gesellschaft gehörten, und stand sich selbst mit den Angesehensten im Gouvernement ganz vortrefflich. Natalja Wassiljewna wurde in T. durchaus geachtet; sie schätzte das übrigens nicht sonderlich, da sie es als Selbstverständlichkeit betrachtete. Bei den Empfängen im eigenen Hause wußte sie tadellos zu repräsentieren, und Pawel Pawlowitsch war von ihr so gut geschult, daß er sogar die höchsten Potentaten des Gouvernements taktvoll und doch ungezwungen zu empfangen verstand. Vielleicht – so schien es Weltschaninoff – besaß er sogar Verstand, doch da Natalja Wassiljewna es nicht gern sah, daß ihr Mann viel sprach, so ließ sich der Umfang seines Verstandes eben nicht genau feststellen. Vielleicht hatte er auch eine ganze Menge guter Eigenschaften, und schlechte vielleicht in derselben Anzahl. Aber den guten Eigenschaften war gleichsam ein Futteral übergezogen und die schlechten schienen fast gänzlich und schon im Keime erstickt zu sein. Weltschaninoff entsann sich z. B., daß Herr Trussozkij mitunter eine gewisse Neigung bekundet hatte, sich über den lieben Nächsten lustig zu machen, doch das wurde ihm streng verboten. Auch schien er ganz gern zu erzählen, aber auch das wurde überwacht: nur kürzere unbedeutendere Geschichtchen durfte er zum besten geben. Ja, er war sogar nicht abgeneigt, im Freundeskreise ein Gläschen über den Durst zu trinken: doch diese Neigung wurde entschieden ausgerottet. Das Bemerkenswerteste bei alledem war aber, daß niemand von ihm hätte sagen können, er sei ein Pantoffelheld. Natalja Wassiljewna schien im Gegenteil ganz die gehorsame Frau ihres Mannes zu sein, und offenbar war das sogar ihre eigene Meinung. Vielleicht war Pawel Pawlowitsch sinnlos in seine Frau verliebt; doch feststellen konnte das niemand, und wahrscheinlich war das gleichfalls auf eine Maßregel Natalja Wassiljewnas zurückzuführen. Mehr als einmal hatte sich Weltschaninoff während seines Aufenthalts in T. gefragt, ob dieser Mann nicht doch einen Verdacht gegen ihn geschöpft habe und seine Beziehungen zu ihr ahne. Mehr als einmal hatte er auch Natalja Wassiljewna sehr ernst danach gefragt, doch immer nur die eine mit einem gewissen Ärger gegebene Antwort erhalten, daß ihr Mann nichts wisse und niemals etwas erfahren könne, und daß es ihn auch „nichts angehe“, denn das sei „gar nicht seine Sache“. Übrigens noch ein charakteristischer Zug: über Pawel Pawlowitsch machte sie sich nie lustig und überhaupt fand sie nichts Lächerliches an ihm, fand ihn weder schlecht noch häßlich, ja sie wäre sogar mit aller Entschiedenheit für ihn eingetreten, wenn jemand gewagt hätte, es ihm gegenüber an der nötigen Achtung fehlen zu lassen. Da sie keine Kinder hatte, so mußte sie naturgemäß immer mehr zum Gesellschaftsmenschen werden. Doch ihr eigenes Heim trat für sie deshalb durchaus nicht in den Hintergrund. Die gesellschaftlichen Vergnügungen beherrschten sie nie ausschließlich: sie beschäftigte sich vielmehr auch sehr gern in der Wirtschaft und mit mancherlei kleinen Handarbeiten.

Pawel Pawlowitsch hatte ihn an ihre Leseabende erinnert. Ja, sie hatten viele Abende so zu dreien verbracht: Weltschaninoff und Pawel Pawlowitsch hatten abwechselnd vorgelesen – zu Weltschaninoffs Verwunderung hatte sich jener sogar als vorzüglicher Vorleser entpuppt – und Natalja Wassiljewna hatte dann gewöhnlich ihre Stickerei zur Hand genommen und ruhig gleichmütig zugehört. Man las Romane von Dickens oder irgend etwas aus russischen Zeitschriften, mitunter aber auch „etwas Ernstes“. Natalja Wassiljewna hatte für Weltschaninoffs Bildung und Belesenheit die größte Hochachtung, doch verlor sie darüber nie ein Wort, behandelte es eben wie eine Tatsache, über die weiter kein Wort zu verlieren nötig war. Im allgemeinen verhielt sie sich zu Büchern und zu jeder Gelehrsamkeit äußerst gleichmütig, wie zu etwas ganz Nebensächlichem, das ja immerhin und unter anderem auch nützlich sein mochte. Pawel Pawlowitsch dagegen konnte sich bisweilen für beides förmlich begeistern.

Weltschaninoffs Verhältnis zu dieser Frau brach ganz plötzlich ab, und zwar gerade in dem Augenblicke, als seine Leidenschaft zum größten Rausch geworden war und fast an Wahnsinn grenzte. Er wurde ganz einfach an die Luft gesetzt, ohne aber selbst auch nur zu ahnen, daß man ihn wie einen „alten abgetragenen Pantoffel“ fortwarf. Etwa anderthalb Monate vor seiner Abreise war ein blutjunger Artillerie-Offizier in T. eingetroffen, der gerade erst die Kadettenschule verlassen hatte, und bald war auch er bei Trussozkij ständiger Gast. Die Leseabende wurden zu vieren statt zu dreien fortgesetzt. Natalja Wassiljewna empfing den jungen Leutnant mit Wohlwollen, behandelte ihn aber noch ganz als Knaben. So schöpfte Weltschaninoff nicht den geringsten Verdacht, selbst dann nicht, als Natalja Wassiljewna ihm plötzlich erklärte, daß sie sich trennen müßten. Unter den hundert Gründen, die sie zum Beweise der Notwendigkeit seiner sofortigen Abreise anführte, war der Hauptgrund der, daß sie, wie sie ihm mitteilte, in anderen Umständen zu sein glaube: deshalb müsse er unbedingt und unverzüglich die Stadt auf mindestens drei bis vier Monate verlassen, damit in ihrem Manne später nicht irgendwelche Zweifel auftauchen könnten, falls einmal „doch irgendeine Verleumdung“ ihm zu Ohren kommen sollte. Das Argument war nun freilich ziemlich an den Haaren herbeigezogen und Weltschaninoff wollte anfangs natürlich nichts von einer Trennung hören; als ihm das aber nichts half, flehte er sie an, mit ihm nach Paris oder Amerika zu fliehen, bis er dann zu guter Letzt doch ganz allein nach Petersburg fuhr, allerdings „nur auf zwei Monate, höchstens auf drei!“ Nur unter dieser Bedingung war er zur Abreise zu bewegen gewesen – anderenfalls hätte er sie für keinen Preis verlassen – wenn sie auch tausend Gründe angeführt hätte! Es waren aber kaum zwei Monate vergangen, da erhielt er von Natalja Wassiljewna einen Brief mit der Bitte, nie mehr zurückzukehren, da sie bereits einen anderen liebe. Über ihren Zustand schrieb sie, daß sie sich in ihrer Annahme getäuscht habe. Diese Mitteilung war für ihn überflüssig, denn nun entsann er sich des jungen Leutnants und damit hatte er die Erklärung für alles gefunden. Die Sache war nun wirklich zu Ende. Nach mehreren Jahren hatte er dann einmal zufällig gehört, daß dieser Bagontoff sich ganze fünf Jahre in T. aufgehalten habe. Diese erstaunlich lange Dauer der Liebschaft Natalja Wassiljewnas mit dem jungen Offizier erklärte er sich unter anderen auch damit, daß sie inzwischen stark gealtert und infolgedessen anhänglicher geworden sein müsse.

Wohl eine ganze Stunde lang saß Weltschaninoff so auf seinem Bett. Endlich besann er sich und klingelte. Mawra brachte ihm den Kaffee. Er trank ihn schnell aus, kleidete sich an und begab sich gegen elf Uhr nach der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, um den Gasthof, der in ihrer nächsten Nähe liegen sollte, aufzusuchen. Was nun diesen Gasthof betraf, so hatte er sich über ihn schon besondere Gedanken gemacht, – natürlich erst jetzt, am Morgen. Übrigens war es ihm etwas peinlich, daß er Pawel Pawlowitsch in dieser Weise behandelt hatte. Das mußte er nun wohl wieder gut machen!

Die ganze eigentümliche Episode an der Tür erklärte er sich mit dem offenbar nicht nüchternen Zustande Pawel Pawlowitschs und – nun, es ließen sich wohl auch noch andere Gründe finden ... Aber genau genommen war er sich selbst nicht ganz klar darüber, weshalb er jetzt zu ihm ging und damit neue Beziehungen zu dem ehemaligen Gatten anknüpfte, nachdem doch alles so natürlich und ganz von selbst ein Ende gefunden hatte. Es zog ihn aber irgend etwas hin. Es war da irgendein Eindruck, den er während dieses nächtlichen Besuchs empfangen und den er nun nicht loswerden konnte, vielleicht ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein ... infolge dieses Eindrucks also zog es ihn hin.

V. Lisa.

Pawel Pawlowitsch dachte nicht daran, „auszureißen“. Gott weiß, wie Weltschaninoff darauf gekommen war, ihm diese Frage noch nachzurufen – vermutlich war er selbst nicht bei voller Besinnung gewesen.

In der Nähe der Kirche erkundigte er sich in einem kleinen Laden nach dem Gasthof, und man wies ihn ein paar Schritte weiter um die Ecke in eine kleine Querstraße. Im Gasthof erfuhr er, daß Herr Trussozkij zwar anfangs hier abgestiegen sei, doch jetzt im Seitenflügel desselben Hauses bei Marja Ssyssojewna in deren möblierten Zimmern wohne. Während er noch auf der schmalen, nassen, sehr unsauberen Steintreppe zum zweiten Stockwerk, in dem sich die möblierten Zimmer befinden sollten, hinaufstieg, hörte er plötzlich eine Kinderstimme weinen. Es mußte, nach der Stimme zu urteilen, ein Kind im Alter zwischen sechs und zehn Jahren sein. Das Weinen hatte etwas Krampfhaftes: als könne das Kind sich nicht bezwingen und gar kein Ende finden: zwischendurch tönte atemloses Schluchzen – und dann wieder verzweifeltes Weinen. Gleichzeitig hörte man einen erwachsenen Menschen mit zorniger, doch gedämpfter Stimme, die infolgedessen mehr wie ein halblautes Keuchen klang, auf das Kind einreden und ängstlich schelten: es solle endlich still sein, damit man das Weinen nicht mehr höre – doch verursachte der Erwachsene schließlich noch mehr Lärm, als das Kind. Er behandelte es erbarmungslos und hatte im Jähzorn offenbar jede Geduld verloren, während das Kind den Betreffenden anzuflehen schien. Weltschaninoff trat in einen kleinen Korridor, zu dessen beiden Seiten sich je zwei Türen befanden. In dem Augenblick öffnete sich eine derselben und ein dickes großes Frauenzimmer in morgendlich unordentlicher Kleidung erschien. Er fragte sie nach Pawel Pawlowitsch und sie wies mit dem Finger auf die Tür, hinter der man das Kind weinen hörte. Das feiste, rote Gesicht der etwa vierzigjährigen Frau verriet einen gewissen Unwillen.

„Da hat er nun wieder sein Vergnügen dran!“ brummte sie halblaut, indem sie an Weltschaninoff vorüberging und sich zur Treppe wandte.

Weltschaninoff wollte zuerst anklopfen, bedachte sich aber und öffnete ohne weiteres die Tür. In einem mittelgroßen Zimmer, das mit zahlreichen, doch billigen Möbeln ausgestattet war, stand halb angekleidet, ohne Rock und Weste, Pawel Pawlowitsch mit rotem zornigen Gesicht und bemühte sich, ein etwa achtjähriges Mädchen in einem einfachen schwarzen Kleidchen durch Schelten, Drohen und – so schien es Weltschaninoff – mit Schlägen und Püffen zur Ruhe zu bringen. Die Kleine aber war ganz fassungslos und streckte flehend ihre Ärmchen nach Pawel Pawlowitsch aus, als wolle sie ihn umfassen, um ihn anzuflehen und irgend etwas von ihm zu erbitten. Doch im Augenblick veränderte sich alles: kaum hatte die Kleine den Fremden erblickt, da schrie sie vor Schreck auf und lief fort, – in ein kleines Nebenzimmer hinein. Pawel Pawlowitsch aber, der im ersten Augenblick ganz verdutzt den Gast anstarrte, besann sich sogleich und im Nu war sein Gesicht zum süßesten Lächeln aufgetaut – genau wie in dem Augenblick, als Weltschaninoff plötzlich die Tür zum Treppenflur vor ihm aufgerissen hatte.

„Alexei Iwanowitsch,“ rief er entschieden verwundert. „Nie und nimmer hätte ich’s erwartet! ... Aber bitte hierher, hierher! Hier, sehen Sie, auf dieses Sofa, oder auf diesen Lehnstuhl! Ich aber ...“

Und er griff nach seinem Rock – die Weste vergaß er – und zog ihn eilig an.

„Bitte, genieren Sie sich nicht, bleiben Sie wie Sie sind.“

Weltschaninoff setzte sich auf einen Stuhl.

„Nein, das müssen Sie mir schon erlauben! So, jetzt bin ich doch etwas anständiger. Aber wohin haben Sie sich denn gesetzt, warum dorthin? in den Winkel? Nehmen Sie doch hier Platz, hier näher zum Tisch ... Nun, nein, das hätte ich nicht erwartet, wirklich nicht erwartet!“

Er setzte sich gleichfalls, doch auf einen einfachen Rohrstuhl, und nur auf den Rand desselben, rückte aber den Stuhl so, daß er seinem Gast gegenüber saß.

„Weshalb haben Sie mich denn nicht erwartet? Ich sagte Ihnen doch gestern, daß ich um diese Zeit kommen würde.“

„Ich dachte, Sie würden eben nicht kommen. Und als ich mir noch heute morgen alles wieder vergegenwärtigte, da gab ich ganz und gar die Hoffnung auf, Sie wiederzusehen, sogar überhaupt jemals wiederzusehen.“

Weltschaninoff sah sich flüchtig im Zimmer um. Alles war in Unordnung: das Bett noch nicht aufgemacht, hier und da Kleidungsstücke, auf dem Tisch zwei leere Kaffeetassen, Brotkrümchen und eine halbausgetrunkene Champagnerflasche, ohne Pfropfen, mit einem Glase daneben. Sein Blick streifte auch das kleine Nebenzimmer, doch dort war alles still: das kleine Mädchen schien sich vor dem Fremden versteckt zu haben.

„Trinken Sie denn schon jetzt?“ fragte er mit einem Hinweis auf die Champagnerflasche.

„O, nur ein Rest ...“ meinte Pawel Pawlowitsch etwas betreten.

„Nun, das muß ich sagen, Sie haben sich ja gründlich verändert!“

„Schlechte Angewohnheit und ... wie gesagt, erst jetzt. Wirklich, erst seit jener Zeit, ich lüge nicht! Ich kann mich nicht enthalten. Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Alexei Iwanowitsch, noch bin ich nicht betrunken und werde nicht solchen Unsinn schwatzen, wie gestern bei Ihnen, aber es ist wirklich wahr, was ich Ihnen sage: erst seit der Zeit! Und hätte mir jemand noch vor einem halben Jahr gesagt, daß ich plötzlich so aus dem Gleichgewicht kommen würde, wie jetzt, hätte mir jemand mich so im Spiegel gezeigt – ich hätt’s nicht geglaubt!“

„Dann waren Sie also auch gestern betrunken?“

„Ich war’s,“ gestand Pawel Pawlowitsch leise, indem er reumütig und etwas verwirrt die Augen niederschlug. „Und sehen Sie: noch nicht gerade betrunken, aber schon etwas, nun, vorgerückt ... Ich erkläre das deshalb so ausdrücklich, weil besagte Vorgerücktheit bei mir nämlich das Schlimmere ist: der Nebel ist dann schon so’n bißchen da, aber die Gedanken und Gefühle arbeiten noch, bloß mit einem solchen kleinen Hang zur Grausamkeit und zu Unüberlegtheiten, und auch alles Leid empfinde ich dann heftiger. Aus Kummer trinke ich wohl überhaupt nur. Und gerade in dieser Stimmung bin ich dann zu allerhand Streichen aufgelegt, wirklich ganz dummen geradezu, und dann beleidige ich sogar meine besten Freunde. Ich muß Ihnen wohl gestern sehr sonderbar erschienen sein?“

„Erinnern Sie sich denn nicht mehr?“

„Wie denn nicht! – gewiß erinnere ich mich ...“

„Sehen Sie, Pawel Pawlowitsch, dasselbe habe auch ich gedacht und mir somit alles erklärt,“ sagte Weltschaninoff versöhnlich. „Außerdem war ich gestern selbst etwas gereizt und ... folglich etwas gar zu ungeduldig, was ich gern eingestehe. Ich fühle mich bisweilen nicht ganz wohl und Ihr überraschender Besuch gestern nacht ...“

„Ja, in der Nacht, in der Nacht!“ sagte Pawel Pawlowitsch mit mißbilligendem Kopfschütteln, als wundere er sich selbst über das, was er fertiggebracht hatte. „Was mich wohl getrieben haben mag! Aber ich wäre ja auf keinen Fall bei Ihnen eingetreten, wenn Sie nicht selbst die Tür aufgemacht hätten! Ich wäre so von der Tür wieder fortgegangen. Ich war doch schon vor etwa einer Woche mal bei Ihnen, traf Sie aber nicht zu Hause an, – deshalb wäre ich vielleicht nie wieder hingegangen. Immerhin habe auch ich meinen Stolz, Alexei Iwanowitsch, wenn ich auch selbst ... meinen Zustand eingestehe. Wir sind uns sogar auf der Straße begegnet, nur habe ich dann immer gedacht: ‚Aber wie, wenn er dich nun nicht erkennt, wenn er dir den Rücken kehrt, neun Jahre sind kein Spaß‘ – und so konnte ich mich nicht entschließen, mich Ihnen zu nähern. Gestern aber kam ich von der Petersburger Seite, schleppte mich ganz müde zurück, und da hatte ich denn sogar Zeit und Stunde vergessen. Das kommt alles davon“ – er wies auf die Flasche – „und von den Gefühlen. Dumm, wie gesagt! Sehr sogar! Und wären Sie nicht dieser Mensch, der Sie sind – sind Sie doch jetzt zu mir gekommen, und noch dazu nach meinem Besuch, also nur des Früheren gedenkend – so hätte ich doch jede Hoffnung verloren, die Bekanntschaft erneuern zu können!“

Weltschaninoff hörte ihm aufmerksam zu. Dieser Mensch schien wirklich aufrichtig und sogar mit einer gewissen Selbstachtung zu sprechen; indessen – er glaubte ihm doch nichts, und zwar schon von dem Augenblick an nichts, in dem er bei ihm eingetreten war.

„Sagen Sie, Pawel Pawlowitsch, Sie ... sind hier, wie ich sehe, nicht allein? Wessen Kind ist die Kleine, die ich bei Ihnen antraf?“

Pawel Pawlowitsch schien höchst erstaunt zu sein und zog die Brauen in die Hohe, sein Blick jedoch lag hell und freundlich auf Weltschaninoff.

„Wie, wessen Kind? Das ist doch Lisa!“ sagte er mit einem guten Lächeln.

„Welch eine Lisa?“ fragte halblaut Weltschaninoff, und plötzlich zuckte irgend etwas in ihm auf. Die Empfindung kam gar zu plötzlich: als er vorhin eingetreten war und Lisa erblickte, da hatte er sich ein wenig gewundert, aber doch keine Spur von einem Vorgefühl empfunden, kein einziger besonderer Gedanke war ihm dabei gekommen.

„Aber doch unsere Lisa, unsere Tochter Lisa!“ erklärte lächelnd Pawel Pawlowitsch.

„Ihre Tochter? Ja haben Sie denn mit Natalja ... mit der verstorbenen Natalja Wassiljewna Kinder gehabt?“ fragte Weltschaninoff ungläubig und schüchtern, und ganz leise mit einer so seltsamen Stimme, daß diese allein hätte auffallen müssen.

„Ja aber wie denn! Ach, mein Gott, es ist ja wahr, woher hätten Sie es auch wissen sollen? Was fällt mir denn ein? Das war ja nach Ihnen, nach Ihnen erst wurde sie uns von Gott geschenkt!“

Und Pawel Pawlowitsch sprang sogar in einer gewissen Erregung, die jedoch nicht die einer unangenehmen Berührung zu sein schien, von seinem Stuhle auf.

„Ich habe davon nichts gehört,“ sagte Weltschaninoff und erbleichte.

„In der Tat, freilich! ... gewiß! – von wem hätten Sie es denn auch hören sollen!“ Pawel Pawlowitsch sprach mit einer geradezu gerührt liebevollen Stimme. „Wir hatten ja doch, die Verstorbene und ich, alle Hoffnung bereits aufgegeben – Sie erinnern sich wohl selbst noch dessen – und da plötzlich segnete uns der Herr! – und wenn ich nur denke, was mir das war – das weiß nur Gott der Herr allein! Genau ein Jahr, glaube ich, nach einem Jahr, nein, viel früher, warten Sie mal. Sie verließen uns damals, wenn ich nicht irre, doch erst im Oktober oder erst im November, nicht?“

„Ich verließ T. Anfang September, am zwölften September, ich weiß es genau ...“

„Wirklich, im September? Hm! ... was fällt mir denn ein?“ wunderte sich Pawel Pawlowitsch nicht wenig. „Nun, denn, wenn es so ist – erlauben Sie mal, Lisa aber wurde am achten Mai geboren, das sind also – September, Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März, April – also nach acht Monaten und ein paar Tagen. Stimmt! Und wenn Sie nur gesehen hätten, wie die Verstorbene ...“

„Zeigen Sie mir ... rufen Sie sie einmal her ...“ brachte Weltschaninoff mit einer eigentümlich stockenden Stimme hervor.

„Unbedingt, das muß ich doch!“ Und Pawel Pawlowitsch vollendete nicht einmal den begonnenen Satz, ganz, als habe er eigentlich gar nichts sagen wollen, und wandte sich rasch zur Tür. „Sofort, sofort werde ich sie Ihnen vorführen!“

Und er begab sich eilig ins Nebenzimmer zu Lisa.

Es vergingen vielleicht ganze drei oder vier Minuten: im kleinen Stübchen nebenan wurde leise und schnell geflüstert, dazwischen hörte man kaum, kaum einige Laute einer Kinderstimme. „Sie will nicht kommen,“ dachte Weltschaninoff. Doch endlich erschienen sie beide.

„Hier, das ist sie, aber immer noch hat sie Angst vor Fremden!“ sagte Pawel Pawlowitsch. „So verschämt ist sie, und dabei stolz ... und der Verstorbenen wie aus dem Gesicht geschnitten!“

Lisas Tränen waren versiegt, doch trat sie mit niedergeschlagenen Augen ins Zimmer. Der Vater führte sie an der Hand. Es war ein zartes und sehr hübsches, für ihr Alter nicht kleines Mädchen. Allmählich löste sich ihr Blick vom Boden und plötzlich schlug sie die Augen schnell zu ihm auf – große blaue Augen – sah ihn mit ernster Neugier an und blickte dann sogleich wieder zu Boden. In ihrem Blick lag jene kindliche Würde, die man an allen Kindern beobachten kann, wenn sie mit einem Gast allein bleiben, sich in einen Winkel zurückziehen und von dort aus ernst und würdevoll und mit einem gewissen Mißtrauen den noch nie gesehenen fremden Menschen betrachten. Vielleicht aber lag – so schien es Weltschaninoff – noch ein anderer, nicht mehr kindlicher Gedanke in diesem Blick. Der Vater führte sie dicht an ihn heran.