Sämtliche Werke 21

Part 20

Chapter 203,609 wordsPublic domain

Indes hörte er seinem Gast mit einer äußerst seltsamen Empfindung zu, die sich in ihrer Art immer deutlicher fühlbar machte, und je aufmerksamer er ihn betrachtete, um so seltsamer war der Eindruck: und plötzlich, als jener innehielt, überfielen ihn mit einemmal die buntesten, verrücktesten Gedanken.

„Aber weshalb habe ich Sie denn nicht gleich erkannt!“ rief er lebhaft aus. „Wir haben uns doch ganze fünf Mal, glaube ich, auf der Straße gesehen!“

„Ja; auch ich entsinne mich dessen; Sie sind mir öfters begegnet – zweimal, oder vielleicht auch sogar dreimal ...“

„Das heißt – _Sie_ sind es, der _mir_ begegnet ist, nicht aber ich Ihnen!“

Weltschaninoff stand auf und plötzlich brach er ganz unvermittelt in lautes Gelächter aus. Pawel Pawlowitsch schloß vorsichtshalber sogleich den Mund, sah ihn aufmerksam an, fuhr aber dann schon im nächsten Moment ruhig fort, als sei nichts geschehen:

„Daß Sie mich nicht erkannt haben, ist weiter nicht verwunderlich, denn erstens ist es lange her, daß wir uns gesehen haben, und zweitens habe ich nachher die Pocken gehabt, von denen natürlich einige Narben im Gesicht geblieben sind.“

„Die Pocken? Bei Gott, er hat tatsächlich die Pocken gehabt! Aber wie hat denn das Sie so ...“

„Heimgesucht? wollen Sie sagen! Ach, es pflegt eben so manches vorzukommen, Alexei Iwanowitsch.“

„Nur ist das immerhin furchtbar komisch! Nun, fahren Sie fort, fahren Sie fort, bester Freund!“

„Obschon Sie auch mir begegnet sind ...“

„Pardon! Weshalb sagten Sie soeben ‚heimgesucht‘? Ich wollte mich ganz anders ausdrücken! – Doch fahren Sie fort!“

Aus irgendeinem Grunde wurde er immer aufgeräumter, geradezu heiter. Der erschütternde Eindruck wurde von ganz anderen Empfindungen verdrängt.

Mit schnellen Schritten ging er im Zimmer auf und ab.

„Und obschon Sie auch mir begegnet sind und ich sogar schon auf der Reise nach Petersburg die Absicht hatte, Sie unbedingt hier aufzusuchen, so bin ich doch jetzt, wie gesagt, in einer solchen Stimmung ... und auch geistig so zerschlagen, eben seit dem März ...“

„Ach ja! seit dem März, richtig ... Erlauben Sie, Sie rauchen doch?“

„Ich – Sie wissen, Natalja Wassiljewna ...“

„Nun ja, nun ja! – aber seit dem März?“

„Ein Zigarettchen vielleicht.“

„Hier, bitte; zünden Sie an und – fahren Sie fort! ... Fahren Sie nur fort, Sie haben mich kolossal ...“

Er zündete sich gerade selbst eine Zigarette an und setzte sich dann schnell wieder auf seinen Diwan. Doch Pawel Pawlowitsch machte eine kleine Pause.

„Weshalb sind denn auch Sie, wie ich sehe, so aufgeregt – sind Sie vielleicht nicht ganz gesund?“

„Eh, zum Teufel mit meiner Gesundheit!“ ärgerte sich Weltschaninoff. „Erzählen Sie weiter!“

Doch je deutlicher die Aufregung des Hausherrn zutage trat, um so ruhiger, selbstzufriedener und sicherer wurde der Gast.

„Ja was soll ich denn da noch weiter erzählen?“ begann er. „Stellen Sie sich doch selbst vor, Alexei Iwanowitsch – einen Menschen, der erstens ganz zerschlagen ist, und nicht nur etwa so bloß relativ, sondern einfach radikal; einen Menschen, der nach zwanzigjähriger Ehe seine Lebensweise von Grund aus ändert und sich hier auf den staubigen Straßen ziellos herumtreibt, wie in der Steppe verirrt, und fast in völliger Selbstvergessenheit, und dem diese Selbstvergessenheit sogar eine gewisse Befriedigung gewährt: Da ist es doch wohl nur natürlich, daß ich bisweilen, wenn mir ein Bekannter oder sogar ein aufrichtiger Freund begegnet, ihm absichtlich aus dem Wege gehe, um nicht mit ihm sprechen zu müssen, im Augenblick wenigstens nicht – d. h. in einem solchen Augenblick der Selbstvergessenheit. Aber dann kommen wieder Stunden, in denen alles lebendig wird und da kommt dann plötzlich eine solche Sehnsucht nach irgend jemandem, der jenes unwiderruflich Vergangene wenigstens miterlebt hat, und das Herz beginnt dabei so zu pochen, daß man nicht nur am Tage, sondern sogar mitten in der Nacht wagt, einen Freund aufzusuchen, nur um sich ihm in die Arme zu werfen, und müßte man ihn auch um vier Uhr – müßte man ihn auch um vier Uhr nachts einzig zu diesem Zweck aus dem Schlaf wecken. So habe ich mich auch jetzt nur in der Stunde geirrt, nicht in der Freundschaft, denn in diesem Augenblick fühle ich mich vollauf belohnt. Was aber die Zeit betrifft, so war ich wirklich der Meinung, es sei erst zwölf, zumal ich in entsprechender Stimmung war. Man trinkt eben seinen eigenen Kummer und es ist, als betrinke man sich an ihm. Aber es ist vielleicht nicht einmal der Kummer, sondern vielmehr die ganze Neuheit der Verfassung, die mich mürbe macht ...“

„Was für Ausdrücke Sie haben!“ bemerkte Weltschaninoff, der plötzlich wieder auffallend ernst geworden war, in eigentümlichem Tone – es klang fast düster.

„Tja, auch die Ausdrücke werden seltsam ...“

„Aber Sie ... Sie scherzen doch nicht?“

„Ob ich scherze!“ rief Pawel Pawlowitsch in wehmütiger Verwunderung, „und das in einem Augenblick, in dem ich mitteile ...“

„Ach, schweigen Sie davon, ich bitte Sie!“

Weltschaninoff stand auf und begann wieder im Zimmer auf und ab zu schreiten.

So vergingen etwa fünf Minuten. Der Gast schien sich gleichfalls erheben zu wollen, doch Weltschaninoff rief sofort: „Bleiben Sie, bleiben Sie, bleiben Sie nur sitzen!“ und so setzte er sich wieder hin.

„Aber wie Sie sich verändert haben!“ begann Weltschaninoff wieder, indem er plötzlich vor ihm stehen blieb, ganz als habe ihn diese Entdeckung geradezu frappiert. „Unglaublich verändert! Ganz fabelhaft! Als wären es zwei ganz verschiedene Menschen!“

„Kein Wunder schließlich: neun Jahre!“

„Nein, nein, nein, nicht die Jahre sind es! Äußerlich haben Sie sich gar nicht so verändert, Sie haben sich in anderer Beziehung verändert!“

„Gleichfalls vielleicht die neun Jahre.“

„Oder seit dem März!“

„He–he!“ lächelte Pawel Pawlowitsch arglistig, „Sie scheinen da einen spaßigen Gedanken zu haben ... Doch wenn ich fragen darf: worin besteht denn eigentlich diese Veränderung?“

„Ja, was ... Früher war’s ein so solider und anständiger Pawel Pawlowitsch, ein so artiger Pawel Pawlowitsch, jetzt aber scheint’s ein ganzer – ^Vaurien^ Pawel Pawlowitsch zu sein!“

Er war so gereizt, daß er – wie es übrigens auch die korrektesten Leute in dieser Stimmung bisweilen tun – bereits Überflüssiges zu sagen begann.

„^Vaurien!^ Finden Sie? Und nicht mehr so ‚artig‘ wie früher? Nicht mehr ein so ‚artiger‘ Pawel Pawlowitsch?“ grinste mit wahrer Wonne der sonderbare Gast.

„Zum Teufel mit der Artigkeit! Statt dessen sind Sie jetzt vielleicht klug geworden!“

„Ich bin grob, aber diese Kanaille ist einfach frech! Und ... was mag er nur wollen, was kann er im Auge haben?“ fragte sich Weltschaninoff unruhig.

„Ach, mein teuerster, mein bester Alexei Iwanowitsch!“ regte sich der Gast mit einemmal furchtbar auf, indem er auf seinem Platz hin- und herrückte, „was geht denn das schließlich uns an? – lassen wir es sein, wie es ist! Wir sind doch jetzt nicht in der Öffentlichkeit, nicht in einer glänzenden, vornehmen Gesellschaft! Wir sind die innigsten und ältesten Freunde, sind hier sozusagen in vollster Aufrichtigkeit zusammengekommen und gedenken beide jenes teuren Bundes, in dem die Verstorbene das teuerste, das unersetzlichste Bindeglied war!“

Und scheinbar erschüttert von auf ihn einstürmenden Gefühlen, neigte er sein Haupt auf die Brust und bedeckte das Gesicht mit dem Hut. Weltschaninoff beobachtete ihn unruhig und fühlte sich angewidert durch sein Gebaren.

„Wie aber, wenn er einfach nur ein Narr ist?“ ging es ihm durch den Sinn, „n–n–nein, n–nein, doch wohl nicht! Er scheint nicht mal betrunken zu sein – übrigens, vielleicht doch: sein Gesicht ist rot. Aber wenn auch – das ist ja schließlich egal. Womit er sich nun wohl wieder heranschlängelt! Was will die Kanaille, wozu wärmt er das wieder auf?“

„Wissen Sie noch, wissen Sie noch,“ rief da Pawel Pawlowitsch, der allmählich den Hut hatte sinken lassen und sich nun von den Erinnerungen scheinbar immer mehr begeistern ließ, „entsinnen Sie sich noch unserer gemeinsamen Ausflüge, unserer Abendgesellschaften und Kränzchen, und wie wir bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch tanzten und Gesellschaftsspiele spielten? Und unsere Leseabende zu dreien? Und unsere erste Bekanntschaft, als Sie eines Vormittags bei mir eintraten, um gewisse Erkundigungen in Ihrer Angelegenheit einzuziehen. Sie ärgerten sich noch und zeterten, und plötzlich trat Natalja Wassiljewna ein und nach zehn Minuten schon wurden Sie zu unserem innigsten Hausfreunde, und das blieben Sie dann ein ganzes Jahr – alles genau so wie in der ‚Provinzlerin‘ von Turgenjeff ...“

Weltschaninoff schritt langsam auf und ab, blickte zu Boden, hörte beunruhigt und angewidert zu, und vernahm doch mit Spannung jedes Wort, das er da hörte.

„Wie kommen Sie auf die ‚Provinzlerin‘,“ unterbrach er ihn etwas konfus, „früher haben Sie nie von ihr gesprochen ... und nie in so rührseligem Tone und in einem ... Ihnen so fremden Stil. Weshalb das jetzt?“

„Ich habe früher allerdings mehr geschwiegen, das heißt, ich war schweigsamer,“ fiel ihm Pawel Pawlowitsch eilig ins Wort. „Wie Sie wissen, hörte ich lieber zu, wenn die Verstorbene sprach. Sie erinnern sich doch wohl noch, wie geistreich sie sich zu unterhalten verstand ... Was aber die ‚Provinzlerin‘ betrifft, und namentlich den Stupendjeff, so haben Sie auch hierin recht, denn erst nachher – nach Ihrer Abreise – haben wir, die teure Entschlafene und ich, in manchen stillen Stunden, in denen wir Ihrer gedachten, unsere erste Begegnung mit einer Szene dieses Theaterstücks verglichen, – es besteht nämlich in der Tat eine auffallende Ähnlichkeit. Von dem Stupendjeff aber wollte ich nur sagen ...“

„Zum Teufel, was ist das für ein ‚Stupendjeff‘, hol’s der Henker!“ rief Weltschaninoff nervös und stampfte sogar mit dem Fuß auf, so sehr brachte ihn der Name Stupendjeff, der so etwas wie eine blasse Erinnerung und eine ferne Ahnung in ihm heraufbeschwor, aus dem Gleichgewicht.

„Wie, Stupendjeff? Das ist eine Rolle, eine Theaterrolle, die Rolle des Gatten in der ‚Provinzlerin‘. Der heißt nämlich im Stück ‚Stupendjeff‘, wie gesagt,“ sang sogleich mit honigsüßer Stimme Pawel Pawlowitsch. „Doch das gehört bereits zu einem anderen Zyklus teurer und herrlicher Erinnerungen, Erinnerungen aus der Zeit nach Ihrer Abreise, als uns Stepan Michailowitsch Bagontoff mit seiner Freundschaft beglückte, ganz so wie Sie, nur blieb er uns volle fünf Jahre treu.“

„Bagontoff? Wie, was? Was für ein Bagontoff?“ Weltschaninoff war jäh vor ihm stehen geblieben.

„Bagontoff, Stepan Michailowitsch, der uns gerade ein Jahr nach Ihnen mit seiner Freundschaft beschenkte und ... überhaupt ganz so wie Sie ...“

„Ach, mein Gott, natürlich, das wußte ich ja!“ rief Weltschaninoff aus, sich plötzlich besinnend. „Bagontoff! Richtig, er war doch Beamter dort ...“

„Jawohl, jawohl! Beim Gouverneur! Er kam aus Petersburg – er war der eleganteste junge Mann – aus den besten Kreisen!“ versicherte in ausgesprochener Begeisterung Pawel Pawlowitsch.

„Ja, ja, ja! Daß ich nicht gleich drauf verfiel! Und auch er war ja ...“

„Und auch er, auch er!“ bestätigte sofort mit derselben Begeisterung Pawel Pawlowitsch, der das unvorsichtig entschlüpfte Wort eiligst aufgriff, „und auch er! Und mit ihm, sehen Sie, spielten wir dann einmal ‚Die Provinzlerin‘ – es war eine Liebhaberaufführung bei Seiner Exzellenz, dem gastfreundlichen Ssemjon Ssemjonowitsch – und Stepan Michailowitsch Bagontoff spielte den Grafen, ich den Gatten, und die Verstorbene die Provinzlerin ... Nur wurde mir die Rolle des Gatten wieder abgenommen – die Verstorbene bestand darauf – so daß ich den Gatten zur Aufführung denn doch nicht gespielt habe – weil ich angeblich nicht das Zeug dazu hatte ...“

„Ja was zum Teufel haben Sie mit Stupendjeff zu tun! Sie sind vor allem Pawel Pawlowitsch Trussozkij, nicht aber Stupendjeff!“ rief Weltschaninoff fast bebend vor Gereiztheit, alle Rücksichten bereits außer acht lassend. „Aber erlauben Sie, dieser Bagontoff ist doch hier, hier in Petersburg, ich habe ihn selbst gesehen, noch in diesem Frühling habe ich ihn gesehn! Weshalb sind Sie denn nicht auch zu ihm gegangen?“

„Aber ich bin doch gegangen, ich bin doch gegangen! Jeden Tag gehe ich zu ihm, jetzt schon die dritte Woche. Er empfängt aber nicht! Ist krank, kann nicht! Und denken Sie sich, wie ich aus der sichersten Quelle erfahren habe, ist er auch wirklich und sogar höchst gefährlich krank! Und das von einem zu hören, mit dem man sechs Jahre lang befreundet gewesen ist! Ach, Alexei Iwanowitsch, ich sage Ihnen, in einer solchen Stimmung will man oft nichts weiter, als einfach in die Erde versinken, im Ernst! – Im nächsten Augenblick aber, so scheint es einem, würde man am liebsten einen Menschen so nehmen und umarmen wollen, gerade so einen von diesen früheren ... ich möchte sagen, den Augenzeugen und Teilnehmern, und zwar einzig zu dem Zweck, um sich auszuweinen, das heißt, wirklich nur zu dem Zweck, um einmal recht weinen zu können!“

„Nun, jetzt aber – ist es doch genug für heute, nicht wahr?“ unterbrach ihn Weltschaninoff schroff.

„Vollkommen, vollkommen genug!“ versicherte, sogleich sich erhebend, Pawel Pawlowitsch. „Vier Uhr bereits – o, und ich habe Sie in so egoistischer Weise aufgehalten ...“

„Hören Sie, ich werde selbst zu Ihnen kommen, unbedingt, und dann hoffentlich ... Sagen Sie mir mal ganz ehrlich und aufrichtig: sind Sie heute nicht betrunken?“

„Betrunken? Nicht im geringsten ...“

„Haben Sie nichts getrunken, bevor Sie kamen, oder noch früher?“

„Wissen Sie, Alexei Iwanowitsch, Sie haben doch ausgesprochene Krankheitserscheinungen!“

„Ich werde Sie morgen unbedingt aufsuchen, am Vormittag, noch vor ein Uhr ...“

„Ich habe schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie offenbar hohes Fieber haben müssen,“ unterbrach ihn Pawel Pawlowitsch, der sichtlich und mit Hochgenuß bei diesem Thema blieb. „Ich schäme mich wirklich aufrichtig, daß ich durch meinen ungeschickten Besuch ... doch ich gehe, ich gehe schon! Sie aber müssen sich unbedingt gleich hinlegen – versuchen Sie mal, gleich einzuschlafen!“

„Aber weshalb haben Sie mir denn nicht gesagt, wo Sie wohnen?“ rief ihm Weltschaninoff plötzlich nach – es war ihm das gerade noch rechtzeitig eingefallen.

„Wie, habe ich es nicht gesagt? Im Gasthof neben der Kirche.“

„Neben welch einer Kirche?“

„Ja aber hier gleich doch, bei der nächsten Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte, in der Querstraße – im Moment ist mir leider der Straßenname entfallen und auch die Hausnummer habe ich vergessen, nur, wie gesagt, gleich bei der Kirche ...“

„Gut, ich werde Sie schon zu finden wissen!“

„Bitte sehr, Sie sollen mir willkommen sein.“

Er war bereits auf der Treppe.

Da rief ihn Weltschaninoff nochmals an: „Sie! – Sie werden doch nicht ausreißen?“

„Das heißt, wie denn das ‚losziehen‘?“ Pawel Pawlowitsch drehte sich auf der dritten Stufe um und lächelte mit erstaunten Glotzaugen.

Statt zu antworten schlug Weltschaninoff krachend die Tür zu, verschloß sie sorgfältig und schob den Riegel vor. Ins Zimmer zurückgekehrt, spie er aus, als habe er sich mit etwas Schmutzigem abgegeben.

Etwa fünf Minuten stand er unbeweglich mitten im Zimmer, dann warf er sich, so wie er war, ohne ein Kleidungsstück abzulegen, auf seinen Schlafdiwan und schlief im Augenblick ein. Das vergessene Licht auf dem Tisch brannte ruhig herunter, bis es von selbst erlosch.

IV. Die Frau, der Gatte und der Liebhaber.

Weltschaninoff schlief sehr fest und erwachte erst gegen halb zehn; er richtete sich sogleich auf, blieb aber auf dem Bett sitzen – seine Gedanken fingen an, sich mit dem Tode „jener Frau“ zu beschäftigen.

Der erschütternde Eindruck, den die plötzliche Nachricht von diesem Todesfall im ersten Augenblick auf ihn gemacht, hatte in ihm eine gewisse Gedankenverwirrung und sogar einen unbestimmten Schmerz zurückgelassen. Diese Verwirrung und dieser Schmerz waren anfangs durch Pawel Pawlowitschs Gegenwart von einem anderen seltsamen Gedanken in den Hintergrund gedrängt und gleichsam betäubt worden; jetzt aber, nach dem Erwachen, sah er plötzlich alles, was damals vor neun Jahren gewesen war, von neuem mit erstaunlicher Klarheit vor sich.

Jene Frau, die verstorbene Natalja Wassiljewna, die Gattin dieses Trussozkij, hatte er einst leidenschaftlich geliebt; er war damals ihr Liebhaber gewesen, als er sich in einer Vermögensangelegenheit (gleichfalls ein Prozeß wegen einer Erbschaft) ein ganzes Jahr in T. aufgehalten, obschon die Sache keineswegs seine persönliche Anwesenheit erforderte. Die wirkliche Ursache seines so langen Verweilens in dieser Stadt war eben nichts anderes als jenes Verhältnis gewesen.

Diese Liebe hatte ihn förmlich zum Sklaven Natalja Wassiljewnas gemacht, und er wäre ganz zweifellos zu jeder Torheit, sogar zu fraglosen Dummheiten bereit gewesen, wenn eine Laune dieser Frau eine solche verlangt hätte. Etwas Ähnliches hatte er weder vorher noch nachher erlebt. Als gegen Ende des Jahres die Trennung aus gewissen Gründen notwendig wurde, da wurde auch Weltschaninoffs Verzweiflung – obwohl er nur auf kurze Zeit von ihr scheiden sollte – so groß, daß er Natalja Wassiljewna im Ernst den Vorschlag machte, sie zu entführen, sie ihrem Manne einfach zu rauben, und ins Ausland zu ziehen, um dort ungestört bis an ihr Lebensende sich gegenseitig treu bleiben zu können. Nur der beißende Spott und die unbeugsame Hartnäckigkeit Natalja Wassiljewnas – die übrigens diesem Projekt anfangs durchaus Beifall gezollt hatte, wenn auch wahrscheinlich nur aus Langeweile und zur Belustigung – hatten ihn zu guter Letzt doch noch von dem Plane abbringen und dazu bewegen können, allein die Stadt zu verlassen.

Und was geschah? Noch waren keine zwei Monate nach seiner Abreise vergangen, als er sich schon die Frage vorlegte, die für ihn ewig unbeantwortet bleiben sollte: ob er denn diese Frau auch wirklich geliebt hatte oder ob alles nur ein „Sinnenrausch“ gewesen war? Die Frage brauchte man dabei durchaus nicht leichtsinnigem Vergessen oder einer beginnenden neuen Liebe zuschreiben! Im Gegenteil: in diesen zwei Monaten war er eigentlich gar nicht er selbst gewesen, und wenn er auch in Petersburg sogleich wieder mit offenen Armen in seinem Bekanntenkreise aufgenommen worden und mit Hunderten von Frauen zusammengekommen war, so hatte er sich doch in keine verliebt, kaum eine von ihnen wirklich bemerkt. Übrigens wußte er selbst ganz genau, daß er nur nach T. zurückzukehren gebraucht hätte, um dem knechtenden Zauber dieser Frau trotz aller zweifelnden Fragen sofort von neuem zu unterliegen. Sogar nach fünf Jahren noch war er derselben Meinung; ein Unterschied bestand nur darin, daß er es sich dann bereits mit dem größten Unmut selbst eingestand und an „dieses Frauenzimmer“ nur noch mit Haß zurückdachte. Er schämte sich jenes Jahres in T., er glaubte nicht einmal begreifen zu können, wie eine so „alberne“ Leidenschaft für ihn, Weltschaninoff, überhaupt möglich gewesen war! Alle Erinnerungen an diese Leidenschaft waren für ihn zu einer „wahren Schmach“ geworden, und beim Gedanken an sie errötete er heiß und quälte sich mit Vorwürfen. Freilich, im Verlauf noch einiger weiterer Jahre beruhigte er sich einigermaßen: er gab sich Mühe, alles Vergangene zu vergessen, und es gelang ihm das auch zum Teil. Und nun nach neun Jahren sollte auf einmal die ganze Vergangenheit wieder auferstehen! Die Nachricht vom Tode Natalja Wassiljewnas hatte alles, was bereits tot und vergessen geglaubt war, wieder von neuem belebt!

Während er so auf seinem Lager saß und die Erinnerungen sich nach eigener Willkür durch seine Gedanken drängten, fühlte und erkannte er bewußt nur das eine: daß ihn ihr Tod, trotz des ersten erschütternden Eindrucks, den diese Nachricht auf ihn gemacht, im Grunde doch ganz ruhig, fast gleichgültig ließ.

„Sollte es mir wirklich nicht einmal leid um sie sein?“ fragte er sich.

Er empfand jetzt weder Haß noch Liebe für sie, und so konnte er vorurteilsloser und gerechter über sie urteilen. Seiner Meinung nach – und dieser Meinung glaubte er nach neunjähriger Trennung „schon von jeher“ gewesen zu sein – gehörte Natalja Wassiljewna zu den allergewöhnlichsten „Provinzdamen“ der „guten“ kleinstädtischen Gesellschaft. Nur wurde er dann doch wieder bedenklich und fragte sich: „Hol’s der Teufel, vielleicht war sie auch wirklich nichts anderes, und nur meine Phantasie hat aus ihr weiß Gott was geschaffen?!“ Eigentlich hatte er ja immer schon vermutet, daß jene Meinung vielleicht doch auf einem kleinen Irrtum beruhte, und diese Empfindung glaubte er auch jetzt zu haben. Überdies widersprachen dem auch die ihm bekannten Tatsachen. Bagontoff zum Beispiel! Dieser Bagontoff war nämlich gleichfalls ihr Liebhaber gewesen, und zwar ganze fünf Jahre lang, und hatte sich offenbar ebenso „im Zauberbann“ befunden wie Weltschaninoff. Bagontoff war Petersburger, gehörte zur besten Gesellschaft, und da er „einer der leersten Tröpfe“ war – das war das Urteil Weltschaninoffs über ihn – so hätte er folglich nur in Petersburg Karriere machen können. Er aber hatte Petersburg geopfert, d. h. auf seinen größten Vorteil verzichtet, und ganze fünf Jahre in T. gesessen, also fünf Jahre einfach verloren, und das einzig um dieser Frau willen! Wer wußte es: vielleicht war auch er nur deshalb nach Petersburg zurückgekehrt, weil sie auch ihn „wie einen alten abgetragenen Pantoffel fortgeworfen“ hatte. So mußte denn doch etwas Besonderes in ihr gesteckt haben – zum mindesten die Gabe, Männer anzuziehen, zu unterjochen und zu beherrschen!

Zwar hatte sie, sollte man meinen, eigentlich nicht einmal die Mittel, um einen Mann zu fesseln oder auch nur anzuziehen: „Sie war ja nicht einmal hübsch, vielleicht sogar eher häßlich!“ Zudem war sie, als Weltschaninoff sie kennen gelernt hatte, bereits achtundzwanzig Jahre alt gewesen. Ihr Gesicht konnte sich bisweilen allerdings angenehm und eigentümlich beleben, aber ihre Augen entbehrten selbst dann eines sympathischen Ausdrucks: es lag immer eine ganz überflüssige Härte in ihrem Blick. Sie war sehr mager. Mit ihrer geistigen Bildung aber war es ziemlich schwach bestellt, nur Verstand besaß sie ganz fraglos, und sogar einen sehr scharfen, durchdringenden, wenn auch leider einen ganz einseitig entwickelten Verstand. Ihre Manieren waren die einer „Provinzdame“, die zur besten Gesellschaft ihrer Stadt gehört. In der Tat besaß sie viel Takt. Sie hatte auch guten Geschmack, doch äußerte sich dieser fast nur in ihrem Verständnis, sich zu kleiden. Von ihren Charaktereigenschaften fielen namentlich ihre Entschlossenheit und ihre Herrschsucht auf – eine halbe Versöhnung mit ihr war ganz unmöglich: „entweder alles oder nichts“ – auf Kompromisse hätte sie sich nie eingelassen. In schwierigen Angelegenheiten bewies sie geradezu erstaunliche Festigkeit und Hartnäckigkeit. Sie konnte auch großmütig sein, war aber dann gleichzeitig fast immer maßlos ungerecht. Ein Streit mit dieser Dame war einfach hoffnungslos: in solchen Fällen hatten Beweise ^à la^ zwei mal zwei ist vier nicht die geringste Bedeutung für sie. Niemals hätte sie sich ihr Unrecht eingestanden oder sich in irgendeiner Beziehung für schuldig erklärt. Ihre fortwährenden unzähligen Treubrüche beunruhigten ihr Gewissen nicht im geringsten. Sie glaubte, ähnlich wie die Gottesmutter unserer Geißlersekte, mit der Weltschaninoff sie in Gedanken verglich, daß alles, was sie tat, das einzig Richtige sei und genau so geschehen müsse. Ihrem Liebhaber war sie treu, jedoch nur so lange bis – sie seiner überdrüssig wurde. Sie liebte es, ihn zu quälen, doch liebte sie es ebenso, ihn zu belohnen. Sie war leidenschaftlich, grausam und sinnlich. Sie haßte die Ausschweifung, verurteilte sie mit unglaublicher Strenge und – war selbst ausschweifend. Doch nichts in der Welt hätte sie davon wirklich zu überzeugen vermocht, daß sie ausschweifend war.