Part 19
Die Frage, wie der ganze Anruf waren natürlich sehr dumm, doch Weltschaninoff sah das erst ein, als es schon zu spät war. Der Herr war zusammengezuckt und stehen geblieben, hatte sich halb umgedreht und gelächelt – sichtlich verwirrt – und so hatte er eine Weile gestanden, offenbar in der größten Unentschlossenheit, und dann plötzlich hatte er kehrtgemacht und war davongeeilt, ohne sich noch einmal umzusehen. Verwundert sah ihm Weltschaninoff nach.
„Aber wie? ...“ fragte er sich plötzlich, „wie, wenn in Wirklichkeit nicht er es ist, der mich verfolgt, sondern ich es bin, der ihn verfolgt, und wenn das schließlich die Sache ganz anders erklärt?“
Nachdem er gespeist und bezahlt hatte, begab er sich sogleich nach dem Landhause jenes einflußreichen Staatsrats. Er traf ihn jedoch nicht zu Hause an. Man sagte ihm, der Herr sei am Morgen ausgegangen und werde wohl kaum vor drei oder vier Uhr nachts aus der Stadt zurückkehren, da er zu einer Namenstag-Feier eingeladen sei. Das fand nun Weltschaninoff dermaßen „beleidigend“, daß er in der ersten Wut ohne weiteres beschloß, den Staatsrat dort im fremden Hause aufzusuchen, und so nannte er dem Kutscher die Adresse. Unterwegs wurde er zum Glück etwas ruhiger und sagte sich, daß er in seinem Vorhaben doch wohl zu weit gehe, und nachdem er das eingesehen, ließ er den Kutscher halten und stieg aus, um sich zu Fuß nach Hause zu begeben. Es stand ihm freilich noch ein weiter Weg bevor – bis zum Großen Theater – aber er hatte das Bedürfnis, sich Bewegung zu machen: um seine Nerven zu beruhigen, mußte er sich um jeden Preis einmal gut ausschlafen; um jedoch überhaupt einschlafen zu können, mußte er sich physisch ermüden. So langte er erst gegen elf Uhr in seiner Wohnung an und fühlte sich durch den weiten Gang auch wirklich ganz erschöpft.
Seine Wohnung, die er im März bezogen hatte, und an der er mit einer gewissen Schadenfreude alles auszusetzen fand – doch entschuldigte er sich gewöhnlich wieder damit, daß er ja nur durch „diesen verdammten Prozeß“ ^en passant^ in Petersburg steckengeblieben sei, was ihn dann etwas zu beruhigen schien – diese Wohnung war in Wirklichkeit durchaus nicht so schlecht und „geradezu schmachvoll“, wie er sich selbst ausdrückte. Der Eingang war allerdings etwas dunkel, was die Bezeichnung Weltschaninoffs, er sei „einfach schwierig“ in etwas rechtfertigte, zumal die Tür zum Treppenhaus sich unter dem Torbogen befand. Dafür aber war die Wohnung selbst, die im zweiten Stockwerk lag, sogar sehr anständig: sie bestand aus zwei großen, hohen und hellen Zimmern, die ein dunkles Vorzimmer voneinander trennte und von denen das eine nach der Straße, das andere nach dem Hofe lag. An letzteres schloß sich seitlich noch ein kleineres Zimmer an, das eigentlich als Schlafzimmer gedacht war, doch Weltschaninoff benutzte es als Aufbewahrungsraum, in dem er Bücher und Papiere kunterbunt liegen ließ. Als Schlafraum benutzte er dagegen das größte Zimmer, jenes, das an der Straßenseite des Hauses lag. Dort schlief er auf einem Diwan. Seine Möbel waren zwar nicht mehr ganz neu, aber doch nicht übel, und sogar einige kostbare Sachen waren darunter vorhanden – Reste einstiger Wohlhabenheit: kleine Kunstgegenstände in Bronze und Porzellan, große bucharische Teppiche, sogar zwei ganz gute Gemälde. Nur befand sich alles in einer gewissen Unordnung, alles stand wie nicht auf dem richtigen Platze und stellenweise war sogar Staub zu sehen, seitdem sein Dienstmädchen Pelageja zu ihren Verwandten nach Nowgorod gefahren war und ihn vorläufig allein gelassen hatte. Diese sonderbare Tatsache, daß er als unverheirateter Lebemann, der doch immer noch in erster Linie für einen Gentleman gelten wollte, nur einen einzigen dienstbaren Geist und noch dazu weiblichen Geschlechts hatte, ließ Weltschaninoff oft fast vor sich selber erröten, obschon er mit dieser Pelageja sehr zufrieden war. Im Frühling, als er die Wohnung bezogen, hatte er sie von einer bekannten Familie, die ins Ausland reiste, übernommen und sich so an sie gewöhnt, daß er sich nicht entschließen konnte, für die Zeit ihrer Abwesenheit ein anderes weibliches Wesen zu nehmen. Einen Diener zu engagieren, das lohnte sich für die kurze Zeit nicht, und außerdem hatte er Diener eigentlich nicht gern. So kam denn jeden Morgen die Schwester der Portiersfrau, Mawra, um aufzuräumen, und ihr übergab er auch jedesmal den Türschlüssel, wenn er ausging. Nur tat diese Mawra für das Geld, das er ihr zahlte, so gut wie nichts und allem Anscheine nach stahl sie sogar. Doch Weltschaninoff befand sich in einer Stimmung, in der er alles Nebensächliche gehen ließ, wie es eben ging, und zuweilen war er sogar sehr zufrieden damit, daß er jetzt ganz allein sein konnte. Doch auch das hatte seine Grenze und wenn er verbittert in sein Heim zurückkehrte, rebellierten seine Nerven empfindlich gegen diesen ganzen „Schmutz“, wie er sich ausdrückte, und mit Widerwillen betrat er dann seine Zimmer.
Diesmal langte er aber so müde in seiner Wohnung an, daß er nichts als den einen Wunsch empfand – „nur zu schlafen“. Und kaum hatte er sich so – ohne sich ganz zu entkleiden – auf sein Lager geworfen und die Augen geschlossen, da vergaß er auch schon alles und schlief ein, während ihn sonst den ganzen Monat über fast in jeder Nacht Schlaflosigkeit gequält hatte.
Er schlief etwa drei Stunden, doch war es ein schwerer, unerquickender Schlaf mit so seltsamen Träumen, wie sie sonst nur Fieber und Krankheit zusammenzudichten vermögen. Es handelte sich da um irgendein Verbrechen, das er begangen haben sollte und nun zu verheimlichen suchte, doch wurde er einstimmig von Menschen, die ununterbrochen irgendwoher ins Zimmer traten, dieses Verbrechens beschuldigt. Es hatte sich schon eine ganze Menge versammelt, aber es kamen immer noch mehr hinzu, so daß die Tür gar nicht geschlossen wurde, sondern offen stand. Doch das allgemeine Interesse konzentrierte sich schließlich auf einen sonderbaren Menschen, den er gekannt und der ihm einmal sehr nahe gestanden hatte, jedoch schon seit Jahren verstorben, jetzt aber aus irgendeinem Grunde plötzlich gleichfalls eingetreten war. Am meisten quälte Weltschaninoff, daß er nicht wußte, wer dieser Mensch war, daß er seinen Namen vergessen hatte und sich nicht auf ihn besinnen konnte; er entsann sich nur noch, ihn einst sehr gern gehabt zu haben. Und von diesem Menschen schienen alle Anwesenden voll Ungeduld das entscheidende Wort zu erwarten: die Beschuldigung oder die Freisprechung Weltschaninoffs. Doch jener saß regungslos am Tisch und schwieg und wollte nicht sprechen. Die Menge wurde immer lauter, der Lärm wuchs unaufhaltsam, man war aufgebracht, gereizt, und plötzlich wurde Weltschaninoff von rasender Wut erfaßt, er holte aus und schlug diesen Menschen, weil er nicht sprechen wollte. Das Gefühl aber, das diese Tat in ihm hervorrief, war wie eine seltsame Genugtuung, wie ein Genuß: sein Herz stand still vor Entsetzen und Schmerz über seine Tat, doch gerade in diesem Aussetzen des Herzschlages lag der Genuß. Und da packte ihn plötzlich grimmiger Haß und er schlug ihn noch einmal und schlug ihn zum drittenmal, und wie trunken vor Jähzorn und sinnloser Angst, die fast an Wahnsinn grenzte und dennoch nur eine grenzenlose Lust war, zählte er nicht mehr seine Schläge, er schlug nur und schlug. Er wollte alles, alles „jenes“ vernichten. Plötzlich aber war irgend etwas geschehen: das Geschrei der Menge schwoll laut an und alle wandten sich wie in gespannter Erwartung zur Tür, und in derselben Sekunde wurde jäh die Türglocke gezogen, gellend laut, und mit solcher Kraft, als wolle man den Glockenzug abreißen. Weltschaninoff erwachte, kam im Augenblick zu sich, sprang auf und stürzte zur Tür – er war überzeugt, daß wirklich geläutet worden sei, – denn das konnte doch kein Traum sein! „Es wäre doch gar zu unnatürlich, wenn ich diesen lauten, greifbar hörbaren Schall nur im Traum gehört haben sollte!“ sagte er sich.
Zu seiner größten Verwunderung aber erwies sich der Schall doch nur als Traum. Er öffnete die Tür, trat in den Flur hinaus, sah auch hinunter ins Treppenhaus – es war niemand zu sehen. Die Glocke hing regungslos. Er wunderte sich, fühlte sich aber doch leichter gestimmt, und kehrte ins Zimmer zurück. Während er das Licht anzündete, fiel es ihm ein, daß er die Tür wohl geschlossen, aber nicht verschlossen und verriegelt hatte. Auch früher schon hatte er nachts, wenn er nach Haus kam, oft vergessen, den Schlüssel umzudrehen, ohne der Sache irgendwelche Bedeutung beizumessen, obschon Pelageja ihm deshalb jedesmal Vorwürfe gemacht hatte. So ging er jetzt ins Vorzimmer zurück, öffnete noch einmal die Tür und sah in den Flur hinaus, dann schloß er sie wieder und schob den Riegel vor – nur um den Schlüssel umzudrehen, dazu war er doch zu faul. Die Uhr schlug halb drei; er mußte also über drei Stunden geschlafen haben.
Der Traum hatte ihn so aufgeregt, daß er sich nicht gleich wieder hinlegen wollte und im Zimmer eine halbe Stunde auf- und abzugehen beschloß – „Zeit, um eine Zigarette zu rauchen,“ sagte er sich. Er zog die vorhin abgeworfenen Kleidungsstücke wieder an, trat ans Fenster, schob den schweren Stoffvorhang zur Seite und zog das weiße Rouleau in die Höhe. Auf der Straße war es bereits hell genug, um alles deutlich unterscheiden zu können. Die hellen Petersburger Sommernächte hatten von jeher eine gewisse nervöse Reizbarkeit in ihm hervorgerufen, und in der letzten Zeit waren sie gewiß auch an seiner Schlaflosigkeit schuld gewesen, wenigstens zum Teil. Deshalb hatte er vor etwa zwei Wochen diese dicken Vorhänge gekauft, die das Zimmer vollständig verdunkelten, wenn er sie vorzog. Von draußen drang jetzt das fahle Dämmerlicht der hellen Nacht ins Zimmer, doch Weltschaninoff vergaß die brennende Kerze auf dem Tisch und ging mit einem eigentümlich schweren und kranken Gefühl auf und ab. Der Eindruck des Traumes wirkte noch nach. Er litt noch im Ernst darunter, daß er seine Hand gegen diesen Menschen hatte erheben und ihn schlagen können.
„Aber diesen Menschen gibt es ja gar nicht, hat es nie gegeben und wird es nie geben, das war doch nur ein Traum – was fällt mir denn ein?“
Und er zwang sich mit einer förmlichen Erbitterung – und als sei das seine einzige Sorge – nur daran zu denken, daß er entschieden einer Krankheit entgegengehe und daß er „überhaupt ein kranker Mensch“ sei.
Es fiel ihm gar zu schwer, sich einzugestehen, daß er eben älter, daß er alt und schwach werde, und nur in den schlimmsten Stunden übertrieb er wohl in Gedanken alle Altersanzeichen geflissentlich und bis zur Boshaftigkeit, nur um sich in seinem Ingrimm noch mehr zu reizen.
„Ja: das ist das Alter!“ murmelte er dann vor sich hin, während er ruhelos auf- und abging, „bin schon der richtige Klappergreis – das Gedächtnis schwindet, sehe Halluzinationen, verrückte Träume, höre Glocken läuten ... Hol’s der Teufel! Ich weiß doch aus Erfahrung, daß solche Träume immer eine Krankheit bei mir ankünden! ... Ich bin überzeugt, daß auch diese ganze Geschichte mit dem Trauerflor gleichfalls nur ein Traum ist. Ganz entschieden habe ich gestern recht gehabt: nicht er ist es, der mir nachläuft, sondern umgekehrt: ich, ich bin es, der ihm nachläuft! Ich habe mir da ’ne ganze Ballade um seine Person zusammengereimt und bin vor Angst fast unter den Tisch gekrochen. Und wie komme ich eigentlich darauf, ihn mit allen nur ausdenkbaren Schimpfwörtern zu betiteln? Er kann sogar ein äußerst anständiger Mensch sein. Sein Gesicht – das ist wahr – ist allerdings unsympathisch, obschon darin eigentlich nichts ausgesprochen Häßliches liegt. Kleidet sich wie alle anderen. Der Blick ist zwar irgendwie so ... Doch schon wieder denke ich an ihn! Schon wieder! Was zum Teufel geht mich sein Blick an! Bei Gott, es ist ja, als konnte ich überhaupt nicht mehr leben ohne diesen ... Spitzbuben!“
Es fuhren ihm verschiedene Gedanken durch den Sinn, von denen ihn aber einer höchst unangenehm berührte; es war ihm, als sei er plötzlich überzeugt, daß dieser Mensch mit dem Trauerflor irgendwo und -wann einmal mit ihm befreundet gewesen sein müsse und jetzt bei jeder Begegnung über ihn lache, weil er um irgendein großes Geheimnis seiner Vergangenheit wußte und ihn nun in einer so „erniedrigenden Situation“ sah. Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat er ganz mechanisch ans Fenster, um es zu öffnen und die Nachtluft einzuatmen und – und plötzlich, er hatte den Fenstergriff noch nicht angerührt, erschrak er so heftig, daß er zusammenfuhr: es war die jähe Empfindung, daß dort vor ihm etwas Unerhörtes, Unmögliches geschehen sei.
Im Augenblick versteckte er sich hinter dem dunklen Vorhang, um vorsichtig, ohne selbst gesehen werden zu können, auf die Straße zu spähen: und richtig: auf dem gegenüberliegenden Trottoir der menschenleeren Straße sah er plötzlich, seinem Hause gerade gegenüber, den Herrn mit dem Trauerflor stehen. Der Herr stand, das Gesicht den Fenstern seiner Wohnung zugewandt, (doch offenbar hatte er ihn nicht am Fenster bemerkt) und betrachtete neugierig und wie mit bestimmten Gedanken vorbeschäftigt, das Haus. Es machte den Eindruck, als könne er mit den Gedanken nicht zu Ende kommen, obschon er sich sichtlich gern zu etwas entschließen wollte: er hob die Hand und schien den Finger an die Stirn zu legen. Endlich hatte er sich entschlossen: er sah sich flüchtig nach beiden Seiten um und schlich dann schnell auf den Fußspitzen über die Straße, und – richtig! – er verschwand unter dem Torbogen des Hauses –: das Nebenpförtchen, das im Sommer oft nicht vor dem Morgen verschlossen wurde, kreischte leise.
„Er kommt zu mir!“ fuhr es Weltschaninoff wie ein Blitz durch den Sinn, und plötzlich eilte er schnell, doch leise und auf den Fußspitzen, ins Vorzimmer zur Tür und – hielt den Atem an, die zuckende Rechte leicht auf den vorgeschobenen Riegel gelegt, und so lauschte er in äußerster Spannung auf das Geräusch der erwarteten Schritte im Treppenhaus.
Sein Herz pochte so laut, daß er fürchtete, zu überhören, wie der Unbekannte auf den Fußspitzen die Treppen hinaufschlich. Er dachte nicht an die Bedeutung des Vorgangs, er fühlte nur alles mit einer wie verzehnfachten Schärfe. Sein Traum von vorhin schien mit der Wirklichkeit eins geworden zu sein. Weltschaninoff war von Natur mutig, doch liebte er es zuweilen, seine Furchtlosigkeit in Erwartung der Gefahr so weit zu treiben, daß sie förmlich an Prahlerei gemahnte – sogar dann, wenn niemand zugegen war; er tat’s eben, um sich selbst zu gefallen. Jetzt aber kam noch etwas anderes hinzu. Der Hypochonder und angehende Greis von vorhin hatte sich vollständig verwandelt, er war ein ganz anderer Mensch geworden. Ein nervöses, unhörbares Lachen erschütterte ihn innerlich. Hinter der geschlossenen Tür stehend, erriet er jede Bewegung des Unbekannten.
„Ah! Da kommt er! ... Jetzt ist er angelangt ... hält Umschau ... horcht hinunter ... atmet kaum, schleicht ... ah! Da hat er die Klinke gefaßt, drückt, versucht! Er hat wohl darauf gerechnet, daß meine Tür offen sein wird! Dann muß er also schon erfahren haben, daß ich bisweilen vergesse, zuzuschließen! Wieder drückt er die Klinke, zieht ... was er wohl denken mag? – daß der Riegel von selbst zurückschnellen wird? Er kann sich nicht trennen! Es tut ihm gewiß leid, umsonst gekommen zu sein!“
Und in der Tat, es mußte dort hinter der Tür wirklich alles so geschehen sein, wie er es sich vorstellte: jemand stand dort und versuchte leise und vorsichtig die Tür zu öffnen, und tat es – „versteht sich, nicht ohne besondere Absicht“, wie sich Weltschaninoff sagte: und im Nu hatte er seinen Entschluß gefaßt, wie er das Rätsel lösen wollte. Mit einer gewissen Begeisterung geradezu wartete er auf den richtigen Augenblick, stellte er sich zurecht und machte sich bereit: er wollte plötzlich den Riegel zurückziehen und die Tür aufstoßen und Auge in Auge dem „Schreckgespenst“ gegenüberstehen. – „Wenn ich bitten darf, was tun Sie denn hier, Verehrtester?“
Und so geschah es auch: als er den richtigen Moment abgepaßt hatte, zog er den Riegel zur Seite, riß die Tür auf und – prallte fast zusammen mit dem Herrn, der auf dem Hut einen Trauerflor trug.
III. Pawel Pawlowitsch Trussozkij.
Der Fremde schien sprachlos zu sein. Beide standen sie sich auf der Schwelle dicht gegenüber und sahen einander unbeweglich an. So vergingen mehrere Sekunden und plötzlich – erkannte Weltschaninoff seinen Gast!
Gleichzeitig schien auch der Gast zu erraten, daß Weltschaninoff ihn erkannt hatte: das verriet sein aufblitzender Blick. Und im Augenblick taute sein ganzes Gesicht auf und lächelte das freundlichste Lächeln ...
„Ich habe wohl das Vergnügen, mit Alexei Iwanowitsch zu sprechen?“ fragte er fast singend mit einer süßlichen und zur ganzen Situation so unpassenden Stimme, daß sie direkt komisch wirkte.
„Ja sind Sie denn wirklich Pawel Pawlowitsch Trussozkij?“ fragte endlich Weltschaninoff noch ganz verdutzt.
„Wir waren vor etwa neun Jahren in T. miteinander bekannt, und – wenn Sie mir gestatten, Sie daran zu erinnern – waren sogar befreundet.“
„Ja ... nun ja ... schön, aber – jetzt ist es drei Uhr nachts und Sie haben ganze zehn Minuten lang meinen Türverschluß untersucht, um sich zu vergewissern, ob man bei mir nicht ohne weiteres eintreten kann ...“
„Drei Uhr!“ rief der Gast erstaunt, zog seine Uhr hervor und betrachtete sie ganz bekümmert, „ja richtig: drei Uhr! Entschuldigen Sie, Alexei Iwanowitsch, ich hätte mir das vorher sagen sollen – wie konnte ich nur! Doch – ich werde in den nächsten Tagen vorsprechen und dann alles erklären, jetzt aber ...“
„Oh, nein! Wenn Sie was erklären wollen, dann gefälligst gleich!“ fiel ihm Weltschaninoff scharf ins Wort. „Wenn ich bitten darf, dorthin ins Zimmer – treten Sie ein ... Sie werden doch, wie ich annehme, sowieso die Absicht gehabt haben, einzutreten, da Sie wohl nicht nur zu dem Zweck in der Nacht hergekommen sind, um Schlösser zu untersuchen ...“
Er war doch etwas aufgeregt und zugleich auch wie verdutzt. Dabei fühlte er, daß er seine Gedanken nicht sammeln konnte. Er begann sogar, sich zu schämen: also weder ein Geheimnis, noch eine Gefahr – nichts von dem steckte hinter seiner ganzen Gespensterseherei! Nichts blieb von ihr übrig als nur die dumme Gestalt irgendeines Pawel Pawlowitsch. Aber – im Grunde glaubte er doch nicht so ganz, daß wirklich nichts weiter dahinterstecke, es war doch wie eine dunkle, beklemmende Ahnung in ihm.
Er ließ seinen Gast Platz nehmen und setzte sich selbst in ungeduldiger Erwartung ihm gegenüber auf seinen Schlafdiwan, einen Schritt vom Lehnsessel des anderen entfernt, stützte die Handflächen auf die Knie und wartete gereizt auf das, was jener nun vorbringen würde. Er betrachtete ihn neugierig und die Erinnerungen an die Zeit ihrer einstigen Bekanntschaft vervollständigten sich. Doch seltsamerweise blieb jener immer noch stumm, ja er schien nicht einmal zu wissen, daß es einfach seine „Pflicht“ war, zu sprechen; er sah sogar im Gegenteil mit einem sichtlich erwartungsvollen Blick Weltschaninoff an, als müsse dieser beginnen. Vielleicht war er auch nur etwas scheu geworden und empfand zunächst bloß eine gewisse Unsicherheit, wie etwa eine in die Falle geratene Maus. Doch Weltschaninoff wurde wütend:
„Na, was denn nun?“ fuhr er ihn an. „Sie sind doch, denke ich, kein Spuk und kein Traum! Oder haben Sie sich herbemüht, nur um hier eine Leiche vorzustellen? Sie sind mir Ihre Erklärung schuldig, mein Bester!“
Der Gast bewegte sich ein wenig, lächelte und begann vorsichtig:
„Soviel ich sehe, scheint es Sie – vor allen Dingen – zu frappieren, daß ich zu so später Stunde gekommen bin, und – unter so besonderen Umständen ... So daß es mich – zumal wenn ich mich des Früheren erinnere und wie wir auseinandergingen – jetzt sogar selbst wundert ... Doch übrigens, ich hatte ja auch gar nicht die Absicht, Sie aufzusuchen, und wenn es nun schon so gekommen ist, so war das nur ein Zufall ...“
„Was, Teufel, Zufall! Ich habe Sie doch aus dem Fenster gesehen, wie Sie auf den Fußspitzen über die Straße geschlichen sind!“
„Ach, Sie haben es gesehen! Nun, dann wissen Sie jetzt schließlich besser als ich selbst über alles Bescheid! Doch ich reize Sie wohl nur ... Also kurz – da ist ja nicht viel zu sagen: ich halte mich schon seit etwa drei Wochen hier auf, in eigenen Angelegenheiten ... Ich bin ja doch Pawel Pawlowitsch Trussozkij, Sie haben mich ja selbst erkannt. Was mich hier festhält, ist, daß ich mich um meine Versetzung in ein anderes Gouvernement, in einen anderen Dienst und auf einen bedeutend höheren Posten bemühe ... Doch übrigens, das ist es auch nicht! ... Die Hauptsache, wenn Sie wollen, ist, daß ich mich hier nun schon die dritte Woche herumtreibe und die Erledigung meiner Angelegenheit – d. h. also meine Versetzung – wie mir scheint, selbst absichtlich in die Länge ziehe. Und wirklich, wenn mein Gesuch genehmigt werden sollte, so werde ich womöglich am selben Tage noch vergessen, daß ich versetzt bin und Ihr Petersburg nicht verlassen – in meiner gegenwärtigen Stimmung! Ich treibe mich hier herum, als hätte ich mein Ziel verloren, und es ist fast, als freute ich mich sogar darüber, daß ich es verloren habe – in meiner gegenwärtigen Stimmung, wie gesagt ...“
„Was ist denn das für eine gegenwärtige Stimmung?“ fragte Weltschaninoff unwirsch.
Der Gast schlug die Augen zu ihm auf, erhob den Hut und wies mit ernster Würde auf den Trauerflor.
„Ja, sehen Sie, in _dieser_ Stimmung!“
Weltschaninoff sah mit stumpfem Blick auf den Flor, sah seinem Gast ins Gesicht, sah wieder auf den Flor. Plötzlich schoß ihm das Blut auf einen Augenblick jäh ins Gesicht und eine entsetzliche Aufregung überkam ihn.
„Doch nicht Natalja Wassiljewna?“
„Ja. Natalja Wassiljewna. In diesem März ... An der Schwindsucht. Und fast ganz plötzlich, kaum zwei oder drei Monate war sie krank. Und ich bin jetzt – wie Sie sehen!“
Damit breitete der Gast in tiefer Ergriffenheit die Arme aus – in der Linken seinen Hut mit dem Trauerflor – neigte seinen kahlen Kopf tief auf die Brust, und verblieb in dieser Stellung wohl reichlich zehn Sekunden.
Diese Geste und die ganze Pose wirkten auf Weltschaninoff wie eine ernüchternde Erfrischung; ein spöttisches und sogar kränkend verächtliches Lächeln spielte um seinen Mund – doch nur einen Augenblick: die Nachricht vom Tode dieser Dame (mit der er vor vielen Jahren bekannt gewesen war, und die er schon seit so vielen Jahren völlig vergessen hatte) machte auf ihn seltsamerweise einen nahezu erschütternden Eindruck.
„Ist es möglich!“ murmelte er die ersten besten Worte, die ihm gerade einfielen, „aber weshalb haben Sie mich dann nicht gleich aufgesucht und es mir mitgeteilt?“
„Ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme, ich sehe und schätze sie, ungeachtet ...“
„Ungeachtet?“
„Ich wollte nur sagen, ungeachtet des langen Zeitraums, der zwischen unserer früheren Bekanntschaft und unserem jetzigen Wiedersehen liegt, haben Sie mir doch sogleich Teilnahme bezeugt und mich noch dazu so aufrichtig Ihres Beileids versichert, daß ich, versteht sich, Dankbarkeit empfinde. Nur das war es, was ich ausdrücken wollte. Nicht, daß ich an meinen Freunden zweifelte oder vielmehr an der Aufrichtigkeit ihres Mitgefühls! Ich kann auch hier, und sogar in jedem Augenblick, mir aufrichtig zugetane Freunde aufsuchen – zum Beispiel, nur um einen Namen zu nennen, etwa Stepan Michailowitsch Bagontoff. Aber unsere Bekanntschaft, Alexei Iwanowitsch – oder sagen wir Freundschaft, zumal ich mit Erkenntlichkeit an sie zurückdenke – liegt ja schon ganze neun Jahre zurück, Sie haben uns doch nachher nicht mehr besucht, und Briefe sind weder von Ihnen noch von uns geschrieben worden ...“
Der Gast sprach so fließend, als hätte er Noten vor sich gehabt, nach denen er unbekümmert singen konnte, doch blickte er die ganze Zeit zu Boden, was natürlich nicht ausschloß, daß er jede Bewegung Weltschaninoffs verfolgte. Dieser hatte sich inzwischen zu ruhigerer Überlegung Zeit genommen.