Part 18
Anfangs waren es übrigens mehr unangenehme, sogar peinliche Erlebnisse, die ihm seine Erinnerung wieder ins Gedächtnis rief, wie zum Beispiel gesellschaftliche Mißerfolge, Blößen, die er sich mal gegeben, kleine Kränkungen; etwa: wie ihn einmal ein „Intrigant verleumdet“ hatte, weshalb er in einem angesehenen Hause nicht mehr empfangen worden war; wie man ihn ein andermal – und das war gar nicht so lange her – öffentlich und im Ernst beleidigt und wie er damals den Beleidiger nicht gefordert; wie man ihn ein drittes Mal im Kreise der reizendsten Frauen mit einem geistvollen Epigramm abgetrumpft und wie er darauf keine Antwort gefunden hatte, während alle auf eine schlagfertige Replik warteten. Dann fielen ihm noch zwei oder drei unbezahlte Schulden ein, freilich nur geringe Summen, aber doch Ehrenschulden und überdies an Leute, mit denen er den Verkehr abgebrochen und über die er sich schon mehrfach abfällig geäußert hatte. Auch quälte ihn – jedoch nur in den bösesten Stunden – die Erinnerung an die zwei Vermögen, die er in der dümmsten Weise durchgebracht und von denen jedes nichts weniger als unbedeutend gewesen war.
Doch bald kamen auch die von ihm gefürchteten Erinnerungen an die Reihe, jene der „höheren“ Kategorien, wie er sie klassifizierte.
So sah er plötzlich und „ganz ohne jede Veranlassung“ die längst vergessene, in seinem Gedächtnis bis dahin spurlos ausgelöscht gewesene Gestalt eines alten guten Männleins vor sich, eines komischen kleinen Beamten mit silberweißem Haar, den er einmal vor langer, langer Zeit öffentlich und ungestraft beleidigt hatte, und zwar einzig deshalb, um einen guten Witz, der nachher viel belacht und weitererzählt worden war, im Augenblick anbringen zu können. Er hatte den Fall so sehr vergessen, daß er sich nicht einmal auf den Namen des Alten besinnen konnte, obschon er sich im Moment selbst der kleinsten Einzelheit der Umgebung – „und wie sich das alles zugetragen“ – mit geradezu fabelhafter Deutlichkeit entsann. Er erinnerte sich noch ganz genau, wie der Alte damals für die Ehre seiner Tochter – ein unverheiratetes, nicht mehr ganz junges Mädchen, das bei ihm lebte, und über das man in der Stadt zu munkeln begonnen – eingetreten war. Der Alte hatte seine Tochter zu verteidigen gesucht, hatte nur so gezittert vor Empörung und Aufregung, und plötzlich war er in Tränen ausgebrochen und hatte laut geschluchzt – vor der ganzen Gesellschaft, die selbst eine gewisse Peinlichkeit zu empfinden schien. Geendet aber hatte die Geschichte damit, daß man ihm zum Scherz immer wieder das Champagnerglas gefüllt, um dann nach Herzenslust über ihn lachen zu können.
Als Weltschaninoff sich nun auf einmal jener Szene erinnerte, in der der arme Alte in Tränen ausgebrochen war und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, wie es kleine Kinder tun, da war es ihm plötzlich, als habe er alles das nie auch nur einen Augenblick vergessen. Und sonderbar: damals war ihm der ganze Vorfall sehr komisch erschienen; jetzt aber war gerade das Gegenteil der Fall – namentlich jenes Verbergen des Gesichts in den Händen kam ihm fast tragisch vor. Dann fiel ihm ein, wie einmal die Frau eines Schullehrers – ein ganz entzückendes Frauchen – „nur so zum Scherz“ von ihm verleumdet worden war. Die Folgen waren ihm unbekannt geblieben, da er das Städtchen gleich darauf verlassen hatte; er wußte nur, daß die Verleumdung ihrem Manne zu Ohren gekommen sei. Jetzt aber begann er plötzlich sich diese Folgen auszumalen, und Gott weiß, bis zu welchen Schreckbildern seine Phantasie sich noch verstiegen hätte, wenn nicht plötzlich ein viel näher liegendes Erlebnis aufgetaucht wäre: die Erinnerung an ein Mädchen aus ganz einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, das ihm nicht einmal gefallen hatte, ja, dessen er sich, genau genommen, sogar geschämt, mit dem er aber, ohne selbst recht zu wissen warum und wozu, ein Kind in die Welt gesetzt. Und dann – ja, dann hatte er sie mit dem Kinde sitzen lassen und hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet (freilich nicht vorsätzlich, sondern so – aus Zeitmangel!) als er Petersburg verlassen. Später freilich hatte er dann ein ganzes Jahr lang nach diesem Mädchen geforscht, doch vergeblich: beide, sie und das Kind, waren spurlos verschwunden gewesen. Übrigens fielen ihm jetzt, wie ihm schien, hunderte solcher Geschichten ein – ja, es war ihm sogar, als ziehe eine jede dieser Erinnerungen gleich Dutzende ähnlicher nach sich. Alles das aber bewirkte, daß ihn mit der Zeit auch noch seine Eitelkeit zu quälen begann.
Wie bereits erwähnt, hatte sich seine Eitelkeit, oder, wenn man will, sein Ehrgeiz – der Unterschied ist nicht groß – zu einer ganz besonderen Abart entwickelt. Das war Tatsache. Mitunter – allerdings kam das nur selten vor – ging er in seiner Selbstvergessenheit so weit, _sich nicht einmal dessen zu schämen_, daß er keine eigene Equipage besaß, daß er zu Fuß die verschiedenen Gerichtsbehörden aufsuchte, daß er sich ein wenig nachlässiger kleidete; und hätte ihn einer seiner früheren Bekannten deshalb etwas erstaunt angesehen oder sich gar einfallen lassen, ihn nicht zu grüßen, so hätte seine Anmaßung ganz gewiß ausgereicht, die Kränkung zu übersehen und zwar, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken – auch innerlich nicht zu zucken, also nicht bloß, um sich äußerlich darüber erhaben zu zeigen. Natürlich galt das nur von Ausnahmefällen, wie es die Augenblicke vollständiger Apathie in diesen Dingen immerhin noch waren. Doch gleichviel, wie dem auch sein mochte – jedenfalls begann sein Ehrgeiz aus seinen früheren Grenzen herauszutreten und sich auf ein psychologisches Problem, mit dem er sich jetzt fast unausgesetzt beschäftigte, zu beschränken.
„Sonderbar,“ begann er zuweilen in sarkastischer Überlegenheit sein Selbstgespräch (wenn er an sich selbst dachte, begann er stets mit Sarkasmus), „da scheint sich ja wahrhaftig jemand um die Hebung meiner Sittlichkeit zu bemühen und mir diese verdammten Erinnerungen auf den Hals zu schicken, um mir lobesame Reuetränchen abzupressen! Nun, mag er, es ist ja doch zwecklos! Das sind ja nur blinde Schüsse! Als ob ich nicht wüßte, genau wüßte, mehr noch als genau, einfach mit tödlicher Sicherheit, daß trotz aller Reuetränen und Selbstverurteilung kein Atom Selbstbeherrschung in mir steckt, sogar ungeachtet meiner albernen vierzig Jahre! Es braucht ja doch morgen nur wieder mal so eine Versuchung an mich heranzutreten – nun, sagen wir zum Beispiel, die Umstände fügen es so, daß es mir vorteilhaft erscheint, zu sagen, die junge Frau jenes Lehrers habe von mir Geschenke angenommen – und ich werde es doch unbedingt wieder sagen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, – und es wird dann alles noch gemeiner und schmutziger herauskommen, als das erstemal, denn diesmal wäre es eben das zweitemal, da ist man schon geübter. Nun, oder sagen wir, jener junge Fürst, der einzige Sohn seiner Mutter, dem ich damals vor elf Jahren das Bein abschoß, der sollte mich wieder so beleidigen – ich würde ihn doch sofort wieder fordern und ihm wieder zu einem Stelzfuß verhelfen. Nun – und da sollen das nicht blinde Schüsse sein?! Nützen tun sie jedenfalls nichts! Wozu also diese Erinnerungen, wenn ich’s nun mal nicht verstehe, mich wenigstens einigermaßen mit Anstand von mir loszumachen!“
Und wenn er auch keine junge Frau wieder verleumdete und keinem jungen Fürsten zu einem Stelzfuß verhalf, so war für ihn doch allein schon der Gedanke, daß sich alles unfehlbar wiederholen würde, wenn nur die Umstände es wieder so fügten, fast tötend ... d. h. – bisweilen! Man kann doch, in der Tat, nicht immer unter Erinnerungen leiden! Man darf sich doch wohl auch etwas erholen und zerstreuen – in den Zwischenpausen.
Das tat denn auch Weltschaninoff: er war bereit, die Zwischenpausen auszunutzen; aber je länger die Sache dauerte, um so unangenehmer wurde ihm sein Leben in Petersburg. Der Juli stand schon vor der Tür. Ihm kam wohl mitunter der Gedanke, alles liegen zu lassen, sogar den Prozeß zu vergessen, und irgendwohin fortzufahren, nur fort, ohne sich umzuschauen, und ganz plötzlich, wie zufällig, gleichviel wohin, etwa nach der Krim zum Beispiel. Doch schon nach einer Stunde hatte er nur noch ein verächtliches Lächeln und blanken Spott für diesen Einfall. Sarkastisch sagte er sich dann: „Diesen miserablen Gedanken wird auch kein Süden ein Ende machen können, wenn sie einmal angefangen haben, mich heimzusuchen, und wenn ich wenigstens nur ein halbwegs anständiger Mensch bin! Folglich aber – wozu vor ihnen fliehen? Es liegt ja auch gar kein Grund vor!“
„Und überhaupt – wozu das Weite suchen,“ fuhr er vor Trübsal zu philosophieren fort, „hier ist es so staubig, so drückend schwül, in diesen Häusern der Gerichtsbehörden, in denen ich mich herumtreibe, ist doch alles so schmutzig, in diesen kleinen Geschäftsleuten, die sich dort drängen, steckt so viel nichtige, hastende, widerliche Geschäftigkeit, ganz als wären sie Mäuse und nicht Menschen, so viel bettelhafte Kopekensorgen! – in diesem ganzen Pöbel, der jetzt noch in der Stadt geblieben ist, in all diesen Gesichtern, die vom Morgen bis zum Abend an mir vorüberstreifen, drückt sich so aufrichtig ihre ganze dumme Gemeinheit aus, die ganze Feigheit ihrer kleinen Seelen, die ganze Hühnerherzigkeit ihrer kleinen Herzen, – daß man, bei Gott, Petersburg im Sommer nur das wahre Eldorado eines Hypochonders nennen kann! Im Ernst! Alles ist unmaskiert, alles offenkundig, nichts wird verdeckt, man denkt nicht mal daran, Verbergen für notwendig zu halten – ähnlich wie es unsere Damen in der Sommerfrische tun, oder in ausländischen Bädern! – Folglich verdient ja alles allein schon wegen dieser Offenheit und naiven Einfachheit meine vollste Hochachtung! ... Ich fahre nirgends hin! Basta! Und sollte ich auch bersten, ich rühr’ mich nicht von hier! ...“
II. Der Herr mit dem Trauerflor um den Hut.
Es war am dritten Juli. Die Schwüle und Hitze wurden um die Mittagszeit schier unerträglich. Und gerade an diesem Tage hatte Weltschaninoff so viele Gänge vor wie noch nie: den ganzen Tag ging und fuhr er in der Stadt umher, hierhin und dorthin, und für den Abend stand ihm noch ein äußerst wichtiger Besuch bei einem sehr angesehenen, einflußreichen Herrn bevor, einem Staatsrat, von dem fast der Ausgang seines Prozesses abhing, und der im Sommer außerhalb der Stadt irgendwo dort am Schwarzen Flüßchen in seinem Landhause lebte. Diesen Herrn galt es jetzt ganz plötzlich zu Hause zu überrumpeln, um einmal persönlich mit ihm sprechen zu können. Kurz vor sechs trat Weltschaninoff endlich in ein recht zweifelhaftes französisches Restaurant am Newskij-Prospekt in der Nähe der Polizeibrücke, setzte sich in einer stilleren Ecke auf seinen einmal gewohnten Platz und bestellte wie immer sein Mittagessen.
Er pflegte jetzt täglich nur zu einem Rubel zu Mittag zu speisen – den Wein natürlich nicht mitgerechnet, – was er für ein Opfer hielt, das er vernünftigerweise seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen brachte. Während er aß, wunderte er sich darüber, wie man so was Geschmackloses überhaupt essen konnte, verzehrte aber nichtsdestoweniger alles bis auf das letzte Krümchen – und tat das jedesmal mit einem solchen Appetit, als habe er vorher drei Tage lang nichts genossen.
„Das ist entschieden etwas Krankhaftes,“ murmelte er vor sich hin, wenn ihn sein Appetit bisweilen doch selbst wundernahm.
Diesmal setzte er sich in der denkbar schlechtesten Laune an seinen Tisch, warf Hut und Stock auf irgendeinen Stuhl, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und versank in Nachdenken. Wenn jetzt sein Nachbar, der am nächsten Tisch ruhig speiste, irgendwie unruhig oder laut geworden wäre, oder wenn der Kellner seine Bestellung nicht sogleich verstanden hätte: er, Weltschaninoff, der sonst so höflich, so erhaben ruhig zu sein verstand, sobald es nötig war, – er wäre unfehlbar aufgebraust wie irgend so ein Grünschnabel und hätte womöglich einen Skandal hervorgerufen.
Man brachte ihm die Suppe, er nahm den Löffel – plötzlich aber, noch bevor er die Suppe angerührt hatte, fuhr er so zusammen, daß er fast vom Stuhl aufgesprungen wäre und unwillkürlich den Löffel auf den Tisch warf. Ein ganz unerwarteter Gedanke hatte ihn wie ein Blitz durchzuckt, und in derselben Sekunde hatte er – Gott weiß, wie das zuging – plötzlich die Ursache seiner Unruhe erkannt, die Ursache einer ganz besonderen, eigentümlichen Nervosität, die ihn schon seit mehreren Tagen quälte und mit den Erinnerungen nichts zu schaffen hatte, die, Gott weiß weshalb, über ihn gekommen waren und sich trotz aller Versuche nicht hatten abschütteln lassen. Und nun plötzlich war es wie Schuppen von seinen Augen gefallen und alles wurde ihm klar und er begriff den ganzen Zusammenhang.
„Das ist ja alles nur jener Hut!“ sagte er sich, und diese Erleuchtung erfüllte ihn geradezu mit Begeisterung. „Nur dieser verdammte runde Hut mit diesem abscheulichen Trauerflor, der ist an allem schuld!“
Er begann nachzudenken – und je länger er nachdachte, um so mehr verdüsterte sich sein Gesicht und um so wunderlicher erschien ihm diese ganze Begebenheit.
„Aber ... aber, wo ist hier denn eine Begebenheit?“ protestierte er mißtrauisch gegen die eigene Bezeichnung. „Was liegt denn hier überhaupt vor, dem auch nur entfernt die Bezeichnung, ‚Begebenheit‘ zustände?“
Die Sache verhielt sich folgendermaßen. Vor etwa vierzehn Tagen (genau wußte er selbst nicht, wie lange es her war, aber es mochte immerhin annähernd stimmen) war ihm auf der Straße zum erstenmal – es war an der Ecke der Podjatscheskaja und der Meschtschanskaja gewesen, dessen entsann er sich plötzlich genau – ja, dort war ihm zum erstenmal ein Herr begegnet, der auf seinem Hut einen Trauerflor trug. Der Herr hatte wie jeder andere Herr ausgesehen, sagte sich Weltschaninoff, es war gar nichts Außergewöhnliches an ihm gewesen: er war schnell an ihm vorübergegangen, hatte ihn aber ... irgendwie – ja: irgendwie aufmerksam angesehen, so daß er unwillkürlich auch Weltschaninoffs Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, und das sogar in hohem Maße. Wenigstens war ihm das Gesicht des Fremden bekannt erschienen. „Ach, übrigens – wer kann all die tausend Physiognomien behalten, denen man im Leben begegnet ist!“ hatte er jedoch im nächsten Augenblick bei sich gedacht und seinen Weg fortgesetzt. Und nach etwa zwanzig Schritten, so schien es ihm nun, hatte er die Begegnung wieder vergessen, obschon der erste Eindruck kein geringer gewesen war. Und tatsächlich war er denn auch diesen Eindruck den ganzen Tag nicht losgeworden – freilich war es ganz unbewußt sozusagen ahnungslos geschehen, daß er ihn mit sich herumtrug, es war gewesen, wie wenn eine ganz eigentümliche, undeutliche, gegenstandslose Wut in ihm gelegen hätte, deren Ursache er selbst nicht anzugeben vermochte. Jetzt, nachdem fast schon zwei Wochen darüber vergangen waren, entsann er sich dessen ganz genau; und er erinnerte sich sogar, daß er damals nicht hatte verstehen können, woher diese Wut, diese Verbissenheit geradezu, über ihn gekommen war: er wäre wohl auf alles eher als auf den Gedanken verfallen, seine mißliche Gemütsverfassung an diesem Tage auch nur entfernt mit jener Begegnung am Morgen in Verbindung zu bringen, um wieviel weniger noch, in ihr die alleinige Ursache seiner unruhigen Stimmung zu suchen. Doch jener Unbekannte sorgte selbst dafür, daß er ihn nicht vergaß: am nächsten Tage begegnete er Weltschaninoff auf dem Newskij-Prospekt und wieder sah er ihn so eigentümlich an. Weltschaninoff spie aus, doch kaum war es geschehen, da wunderte er sich über sich selbst. Es gibt ja allerdings Physiognomien, die im Augenblick einen ganz grundlosen und zwecklosen Widerwillen erwecken, doch deshalb –
„Ja, ich muß ihm wirklich schon früher einmal begegnet sein,“ murmelte Weltschaninoff nachdenklich, als bereits eine halbe Stunde nach dieser Begegnung vergangen war. Den Rest des Tages verbrachte er aber wiederum in der unangenehmsten Stimmung, und in der Nacht hatte er sogar einen bösen Traum. Und doch kam er nicht darauf, daß die ganze Ursache dieser neuen und eigentümlichen Hypochondrie nur jener Herr mit dem Trauerflor um den Hut war, obschon er im Laufe des Abends mehr als einmal an ihn gedacht und sich vorübergehend sogar gallig darüber geärgert hatte, daß „solch ein Subjekt“ sich breit zu machen wagte; doch diesem „Subjekt“ nun gar seine ganze Unruhe zuzuschreiben – das hätte er entschieden für eine Erniedrigung gehalten, wenn er überhaupt auf den Gedanken gekommen wäre.
Zwei Tage darauf begegnete er ihm wieder, im dichtesten Gedränge an einer Landungsstelle der Newadampfer. Diesmal hätte Weltschaninoff darauf schwören mögen, daß der Herr mit dem Trauerflor um den Hut ihn erkannt und sich krampfhaft zu ihm hin gedrängt habe, doch die Menge brachte sie auseinander. Einen Moment hatte es ihm sogar geschienen, als habe sich jener „erfrecht“, ihm die Hand entgegen zu strecken, ja, vielleicht hatte er ihn sogar angerufen, sogar beim Namen gerufen! Letzteres hatte er übrigens nicht genau gehört, aber –
„Wer, zum Teufel, ist denn dieser Schuft und weshalb kommt er nicht auf mich zu, wenn er mich erkannt hat und doch offenbar etwas von mir haben will?“ dachte er ärgerlich, während er in eine Droschke stieg und in der Richtung des Ssmolnaklosters davonfuhr. Eine halbe Stunde darauf stritt er sich bereits heftig mit seinem Rechtsanwalt, doch am Abend und in der Nacht kamen wieder die Qualen seiner allerabscheulichsten und sogar ins Phantastische ausartenden Hypochondrie.
„Oder sollte etwa meine Galle nicht in Ordnung sein?“ fragte er sich argwöhnisch und betrachtete sich im Spiegel, um sein Gesicht auf etwaige Anzeichen der Gelbsucht hin zu prüfen.
Es war die dritte Begegnung gewesen. Darauf sah er ihn fünf Tage lang kein einziges Mal: der „Schuft“ schien verschwunden zu sein. Inzwischen aber, ob er wollte oder nicht, trat ihm der Mann mit dem Trauerflor doch immer wieder ins Gedächtnis und seine Gedanken beschäftigten sich unaufhörlich mit dem Unbekannten. Mit einer gewissen Verwunderung ertappte er sich selbst auf seinen Gedanken.
„Es ist ja, bei Gott, als hätte ich Sehnsucht nach ihm! – oder was ist es sonst? Hm! ... Er muß hier in Petersburg viel zu tun haben – um wen er wohl trauern mag? Augenscheinlich hat er mich erkannt, ich aber – ’s ist doch zu dumm! Ich kann mich wirklich nicht ... Und wozu nur diese Leute einen Trauerflor um den Hut tragen? Es steht ihnen nicht ... Ich glaube, wenn ich ihn genauer betrachtete, würde ich ihn erkennen ...“
Und da war es ihm, als beginne sich etwas ... so ... so wie zu regen in seinem Gedächtnis: gleichsam ein bekanntes, doch aus irgendeinem Grunde vergessenes Wort wollte aufsteigen, auf das er sich durch krampfhaft konzentriertes Denken zu besinnen suchte, wie man es so oft vergeblich tut: man kennt das im Moment entfallene Wort sehr gut und man weiß, daß man es kennt; man weiß auch, was es bedeutet, man windet sich förmlich darum herum, und doch – man kommt nicht darauf, so sehr man sich auch quält!
„Das war ... das ist schon lange her ... und das war irgendwo ... nicht hier. Da war etwas ... da war ... – ach, hol’s der Teufel, was dort war oder nicht war!“ rief er plötzlich entschieden verärgert aus, „und ist denn dieser Lump es überhaupt wert, daß man sich seinetwegen so ... abquält und erniedrigt? ...“
Und er ärgerte sich furchtbar; als er sich jedoch am Abend plötzlich erinnerte, daß er sich geärgert, und sogar furchtbar geärgert hatte, da war ihm das wieder sehr, wirklich, sehr unangenehm. Es war ihm, als habe ihn jemand in irgendeiner Beziehung gewissermaßen eingefangen. Das verwirrte ihn. Und er wunderte sich.
„So muß denn doch eine Ursache vorhanden sein, weshalb ich mich ärgere ... so ganz ohne jede Veranlassung ... bei der bloßen Erinnerung ...“ Er wollte aber seinen Gedanken nicht zu Ende denken.
Doch am nächsten Tage ärgerte er sich noch mehr, nur glaubte er diesmal, allen Grund dazu zu haben, und mit seinem Ärger durchaus im Recht zu sein, denn – „die Frechheit war unerhört!“ – jener war ihm zum vierten Male begegnet.
Wie aus dem Boden geschossen war plötzlich dieser verwünschte Hut mit dem Trauerflor vor ihm aufgetaucht. Weltschaninoff hatte gerade jenen einflußreichen Staatsrat, den er neuerdings in seiner Villa aufzusuchen, d. h. quasi zu überrumpeln gedachte, ganz zufällig auf der Straße getroffen und es war ihm sogar gelungen, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Er bemühte sich aber vergeblich, den alten Schlaukopf, dem diese Begegnung mit Weltschaninoff natürlich sehr unangenehm war, durch entsprechende Fragen auf das gewünschte Thema zu bringen, um ihn dann geschickt zu zwingen, doch irgend etwas über den Ausgang seines Prozesses verlauten zu lassen. Das verlangte ein gutes Stück Mühe, Gedankenverbindung und Politik, denn der alte Fuchs ließ sich nicht so leicht in die Enge treiben. Und da – gerade in dem Augenblicke, als Weltschaninoff eine geschickte Frage einflechten wollte – gerade da fügte es das Schicksal, daß er über die Straße sah und dort auf dem anderen Trottoir plötzlich – den Mann mit dem Trauerflor erblickte. Er stand und sah von dort aus aufmerksam zu den beiden hinüber: er mußte ihnen gefolgt sein, das war klar, und wie es schien, lächelte er sogar höhnisch.
„Zum Teufel!“ fluchte Weltschaninoff, nachdem er sich vom Staatsrat verabschiedet hatte und nun seinen ganzen Mißerfolg dem Erscheinen dieses „Frechlings“ zuschrieb. „Zum Teufel, sollte er etwa ein Spion sein, der mich nicht aus dem Auge lassen will? Daß er mich verfolgt, liegt ja auf der Hand! Sollte er etwa von irgend jemandem dazu angestellt sein ... und ... und bei Gott, das Vieh grinste noch obendrein! Ich werde ihn ... prügeln, daß ihm kein Knochen im Leibe heil bleiben soll, bei meiner Ehre! Schade nur, daß ich keinen Stock trage! ... Ich werde mir einen kaufen, ganz einfach! Das lasse ich mir nicht bieten! Wer er wohl sein mag? Das muß ich unbedingt in Erfahrung bringen!“
Drei Tage nach dieser vierten Begegnung, es war am dritten Juli, fühlte sich Weltschaninoff, als er das Restaurant betrat, in dem er zu speisen pflegte, bereits ernstlich erregt, beunruhigt und in etwas sogar aus dem Geleise gebracht. Doch das haben wir schon oben erwähnt. Nur konnte er sich jetzt nicht mehr über die Ursache dieses seines Zustandes Täuschungen hingeben, obschon sein Stolz diese letzteren der Wahrheit gern vorgezogen hätte. Wie die Dinge nun einmal lagen, wurde er ja geradezu zu der Erkenntnis gezwungen, daß seine ganze eigentümliche Stimmung, seine vierzehntägige Übellaunigkeit und Unruhe auf nichts anderes zurückzuführen waren, als auf „diesen selben Trauerflormenschen“, obschon dieses „nichtswürdige Subjekt“ einer solchen Ehre gar nicht wert war.
„Schön, sagen wir, nehmen wir an, ich bin ein Hypochonder,“ dachte Weltschaninoff, „und folglich geneigt, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, – so fragt es sich doch, ob es mir denn dadurch leichter wird, wenn ich mir sage, daß alles das _vielleicht_ nur meine Einbildung ist? Denn, wäre in der Tat jedes ähnliche Subjekt imstande, einen Menschen vollständig aus dem Gleichgewicht zu bringen, so wäre das doch ... so wäre das doch ...“
Er fand nicht sogleich den richtigen Ausdruck.
Allerdings hatte sich der Elefant diesmal bei der fünften Begegnung, die Weltschaninoff so aus dem „Gleichgewicht“ gebracht hatte, fast ganz als Mücke gezeigt: er war wie gewöhnlich aufgetaucht und an ihm vorübergeglitten, hatte ihn aber weder angesehen, noch sonstwie zu zeigen versucht, daß er ihn erkannt habe und überhaupt kenne, wie er es früher jedesmal getan, sondern hatte im Gegenteil den Blick gesenkt und offenbar ganz unbemerkt verschwinden wollen. Da hatte sich aber Weltschaninoff brüsk nach ihm umgekehrt und laut gerufen:
„He! Sie da! Hut mit dem Trauerflor! Jetzt laufen Sie! He! Stillgestanden! Wer sind Sie?“