Part 17
„Sehen Sie, da hat es nun auch Ihr Interesse geweckt. Aber: das ist ein langes Thema, Mister Astley. Und es sind auch einige Vorkenntnisse vonnöten. Übrigens ist es ein sehr bedeutsames Problem, wie lächerlich das auch auf den ersten Blick scheinen mag. Ein Franzose, Mister Astley, ist die vollendete hübsche Form. Sie als Engländer brauchen sich damit nicht einverstanden zu erklären, Sie sind wahrscheinlich anderer Meinung. Und ich als Russe bin gleichfalls nicht damit einverstanden, wenn auch nur – nun, sagen wir meinetwegen, aus Neid. Unsere jungen Damen aber sind anderer Meinung. Wir beide können Racine unnatürlich finden, phrasenhaft, geziert und parfümiert, und lesen werden Sie ihn zu Ihrem Vergnügen ganz gewiß nicht. Ich finde ihn einfach lächerlich; aber er ist äußerlich von guter Form, Mister Astley, und ein Meister der poetischen Ausdrucksweise, gleichviel ob wir das anerkennen wollen – oder nicht. Die nationale Form des Franzosen, d. h. des Parisers, hat sich schon zu einer Zeit, als wir noch Bären waren, zu einer ausgesprochen eleganten Form entwickelt. Die Revolution stellte den Bourgeois neben den Edelmann. Und heutzutage kann der lumpigste Franzusischka Manieren, eine Ausdrucksweise und sogar Gedanken von durchaus eleganter Form haben, ohne dabei an dieser Form weder durch seine Erfindungsgabe, noch mit seiner Seele, seinem Herzen, seinem Geist irgendwie beteiligt zu sein: er hat eben alles das einfach geerbt. An sich kann er leerer als leer und gemeiner als gemein sein. Nun und jetzt, Mister Astley, sage ich Ihnen, daß es in der ganzen Welt kein Wesen gibt, das vertrauensvoller, aufrichtiger und von Herzen zutraulicher wäre, als die klugen, jungen russischen Mädchen, selbst wenn sie auch noch so verbildet sind. Freilich gar zu verbildet dürfen sie nicht sein. Daher kann so ein de Grillet, wenn er in einer schönen Rolle, d. h. also maskiert, unter ihnen erscheint, mit größter Leichtigkeit das Herz eines russischen Mädchens erobern; er hat die elegante Form, Mister Astley, und das betreffende Mädchen hält diese Form, diese äußere Maske, für das wahre Gesicht des inneren Menschen, für die natürliche Form seines Charakters und seines Herzens, und nicht bloß für ein Gewand, das ihm durch Erbschaft zugefallen ist.
Leider muß ich Ihnen sagen – Sie werden wohl kaum sehr erbaut davon sein –, daß die Engländer größtenteils eckig und steif sind, die Russinnen aber haben ein recht feines Empfinden für Schönheit und lassen sich durch sie am leichtesten ködern. Denn, um die innere Schönheit eines Menschen und die Originalität seiner Persönlichkeit erkennen zu können, dazu gehört unvergleichlich mehr Selbständigkeit und Sicherheit in der Beurteilung eines Menschen, als ihn unsere Frauen besitzen und erst recht unsere jungen Mädchen, und vor allen Dingen, versteht sich: weit mehr Erfahrung. Miß Polina aber – verzeihen Sie, was ausgesprochen ist, läßt sich nicht mehr unausgesprochen machen – muß sich sehr, sehr lange bedenken, bis sie sich entschließen kann, Sie dem Gauner de Grillet vorzuziehen. Sie wird Sie schätzen lernen, sie wird Ihr Freund werden, wird Ihnen ihr ganzes Herz öffnen, aber dennoch wird in diesem Herzen der verhaßte Lump, der kleinliche, gemeine und habgierige Wucherer de Grillet herrschen. Dabei bleibt es. Ihr Eigensinn und ihre Eigenliebe halten daran fest: denn dieser de Grillet ist ihr nun einmal in der Aureole eines eleganten Marquis, eines enttäuschten und wie es hieß, verarmten Menschenfreundes erschienen, der ihrer Familie und dem leichtsinnigen General aus der Not geholfen hat. Die ganze Komödie, die er gespielt hat, ist ja jetzt für sie kein Geheimnis mehr, aber das hat nichts zu sagen, trotzdem: bitte, geben Sie ihr den früheren de Grillet, – das ist alles, was sie haben will! Und je mehr sie den jetzigen de Grillet haßt, um so mehr sehnt sie sich nach dem früheren, obschon der frühere nur in ihrer Phantasie existiert hat. Sie sind Zuckersieder, Mister Astley?“
„Ich bin Mitinhaber der bekannten Zuckerfabrik Lowell und Kompagnie.“
„Nun, sehen Sie wohl! Hier ein Zuckersieder – dort ein Apoll! Das geht eben nicht, es harmoniert nicht, es läßt sich nicht vereinigen. Ich aber bin nicht einmal Zuckersieder, sondern einfach nur ein kleiner Spieler, bin sogar ein Diener gewesen, was Miß Polina sicherlich bereits wissen wird, denn wie ich sehe, scheint sie eine gute Geheimpolizei zu haben ...“
„Sie sind verbittert, deshalb reden Sie diesen ganzen Unsinn,“ sagte Mister Astley kaltblütig, nach kurzem Nachdenken. „Außerdem entbehren Ihre Worte der Originalität.“
„Einverstanden! Aber gerade darin liegt ja das Entsetzliche, mein verehrter Freund, daß alle diese meine Beschuldigungen, so veraltet, so billig und phrasenhaft sie sein mögen, dennoch die Wahrheit selbst sind! Immerhin haben wir beide nichts erreichen können!“
„Das ist nichts weiter als ganz abscheulicher Unsinn ... denn ... denn ... so hören Sie!“ rief plötzlich Mister Astley mit aufblitzenden Augen, und seiner Stimme hörte man die innere Erregung an, „ich will es Ihnen sagen, Sie undankbarer und unwürdiger, gesunkener und unglücklicher Mensch: ich bin in ihrem Auftrage nach Homburg gekommen, nur um Sie zu sehen und aufrichtig und herzlich mit Ihnen zu sprechen, und ihr dann alles mitzuteilen, alles – Ihre Gefühle, Gedanken, Hoffnungen und ... Erinnerungen!“
„Nicht möglich! Das ist nicht möglich!“ rief ich, und plötzlich stürzten mir Tränen aus den Augen.
Ich konnte sie nicht zurückhalten, und das geschah, glaube ich, zum erstenmal in meinem Leben.
„Ja, Sie unglücklicher Mensch, sie liebte Sie – das kann ich Ihnen jetzt mitteilen, weil Sie ja doch schon ein verlorener Mensch sind. Ja, ich glaube sogar, selbst wenn ich Ihnen sage, daß sie Sie auch jetzt noch liebt – Sie werden trotzdem hier bleiben! Ja, Sie haben sich zugrunde gerichtet. Sie hatten einige Fähigkeiten, einen lebhaften Charakter und Sie waren kein schlechter Mensch. Sie könnten sogar Ihrem Vaterlande etwas sein – und Rußland hat doch einen solchen Mangel an Menschen – Sie aber werden hier bleiben. Ihr Leben ist zu Ende. Ich schreibe Ihnen keine Schuld zu. Meiner Ansicht nach sind alle Russen so – oder sind geneigt, so zu sein. Ist es nicht das Roulette, dann ist es etwas anderes, Ähnliches. Die Ausnahmen sind gar zu selten. Sie sind nicht der Erste, der nicht weiß, was Arbeit ist – natürlich rede ich nicht vom Volk. Das Roulette wird vorzugsweise von Russen gespielt. Bis jetzt waren Sie noch ehrlich und haben es vorgezogen, Diener zu werden, als zu stehlen ... Aber mir graut vor dem Gedanken, was in Zukunft geschehen wird. Doch genug, reden wir nicht davon! Leben Sie wohl. Sie haben Geld nötig? Hier haben Sie von mir zehn Louisdor, mehr gebe ich Ihnen nicht, denn Sie werden sie ja doch verspielen. Nehmen Sie und leben Sie wohl! So nehmen Sie doch!“
„Nein, Mister Astley, nach allem, was Sie soeben gesagt haben ...“
„Nehmen Sie!“ rief er impulsiv, „ich bin überzeugt, daß Sie noch ein anständiger Mensch sind und ich gebe es Ihnen als Freund. Könnte ich überzeugt sein, daß Sie sofort das Spiel aufgeben und Homburg verlassen würden, um in Ihr Vaterland zurückzukehren – ich wäre ohne weiteres bereit, Ihnen tausend Pfund Sterling für den Anfang eines neuen Lebens zu geben. Statt dessen gebe ich Ihnen nur zehn Louisdor, denn für Sie sind sie im Augenblick dasselbe wie tausend Pfund: sie werden ja doch alles verspielen! So, und jetzt nehmen Sie das Geld und leben Sie wohl.“
„Ich werde es annehmen, aber nur, wenn Sie mir erlauben, Sie zum Abschied zu umarmen.“
„O, das mit Vergnügen!“
Wir umarmten uns herzlich und Mister Astley verließ mich.
Nein, er hat nicht recht! Wenn ich mich vorschnell und dumm über Polina und de Grillet geäußert habe, so hat er das Gleiche in seiner Beurteilung der Russen getan. Von mir will ich nicht reden. Übrigens ... übrigens ist das ja vorläufig gar nicht, was – das sind ja nur Worte, Worte und Worte, während doch gerade Taten nottun! Die Hauptsache ist hier jetzt die Schweiz! Morgen noch – o, wenn ich doch morgen schon abreisen könnte! Ich muß ein neuer Mensch werden, ich muß auferstehen. Ich muß ihnen beweisen ... Polina soll wissen, daß ich noch Mensch sein kann. Ich brauche ja nur ... Jetzt ist es übrigens schon zu spät, – aber morgen ... O, ich habe ein gutes Vorgefühl, es kann nicht anders sein! Ich habe jetzt außer meinen fünf Gulden noch zehn Louisdor, und habe doch schon mit viel weniger, habe mit nur fünfzehn Gulden zu spielen begonnen! Wenn man vorsichtig beginnt ... – o, bin ich denn wirklich, wirklich ein so kleines Kind! Begreife ich denn wirklich nicht, daß ich ein verlorener Mensch bin? Aber – was hindert mich denn, aufzuerstehen? Ja! Man braucht nur einmal im Leben Berechnung und Ausdauer zu beweisen, einmal nicht die Geduld zu verlieren – und das ist alles! Ich muß nur einmal charakterfest sein und in einer Stunde kann sich mein ganzes Schicksal umdrehen! Die Hauptsache ist, wie gesagt – Charakter! Wenn ich daran denke, was ich vor sieben Monaten in Roulettenburg in der Beziehung erlebt habe! – es war gerade vor meinem großen Verlust. O, das ist das beste Beispiel dafür, was mitunter Entschlossenheit bedeuten kann. Ich hatte alles verloren, alles ... Wie ich aus dem Kurhaus hinaustrete – fühle ich plötzlich, daß in meiner Westentasche noch ein Gulden sich regt. „Ah, da habe ich ja noch was, wofür ich zu Mittag speisen kann!“ dachte ich bei mir, doch – keine hundert Schritte weiter hatte ich mich anders bedacht und kehrte zurück. Ich setzte den Gulden auf ^manque^ (damals war gerade ^manque^ an der Reihe) und wirklich, es liegt etwas Eigentümliches in unserem Gefühl und Bewußtsein, wenn man ganz allein in der Fremde, fern von der Heimat, fern von Freunden und Bekannten, ohne zu wissen, was man essen und wo man schlafen wird, den letzten, den allerletzten Gulden aufs Spiel setzt! Ich gewann, und nach zwanzig Minuten verließ ich das Kurhaus mit hundertsiebzig Gulden in der Tasche. Tatsache! Da sieht man, was mitunter der letzte Gulden bedeuten kann! Wie, wenn ich damals den Mut verloren hätte, wenn ich nicht gewagt hätte, den Entschluß zu fassen? ...
Morgen, morgen wird alles ein Ende haben!
Der ewige Gatte
I. Weltschaninoff.
Der Sommer war da und Weltschaninoff war ganz gegen alle Erwartung doch in Petersburg geblieben. Aus seiner beabsichtigten Reise nach dem Süden Rußlands war nichts geworden, sein Prozeß aber zog sich immer noch hin, ohne daß man auch nur das Ende hätte absehen können. Ja, dieser Prozeß – ein Rechtsstreit in Vermögenssachen – hatte in letzter Zeit sogar eine äußerst unangenehme Wendung genommen: noch vor drei Monaten war er ihm so klar und unverwickelt erschienen, fast als brauche man da überhaupt keine Worte mehr zu verlieren – plötzlich aber begann alles, sich zu verwickeln und zum Ungünstigen zu verändern.
„Und überhaupt scheint sich jetzt alles gegen mich zu verschwören: alles nimmt eine ungünstige Wendung!“ sagte Weltschaninoff neuerdings oft zu sich selbst, wobei er geradezu eine gewisse Schadenfreude empfand.
Er hatte sich an einen geschickten, berühmten und teuren Rechtsanwalt gewandt und scheute keine Ausgaben; seine Ungeduld und sein Mißtrauen verleiteten ihn aber, sich auch persönlich mit der Angelegenheit zu befassen: er las verschiedene, ihm wichtig scheinende Schriftstücke, verfaßte sogar selbst welche, die sein Rechtsanwalt jedoch ausnahmslos in den Papierkorb warf, lief von einer Gerichtsbehörde zur anderen, stellte auf eigene Faust Nachforschungen an und hielt den natürlichen Verlauf des Rechtsstreites vermutlich weit mehr auf, als daß er ihn beschleunigte. Wenigstens beklagte sich sein Rechtsanwalt wiederholt über diese Einmischungen seinerseits und redete ihm nach Kräften zu, doch irgendeine Sommerfrische aufzusuchen. Er aber konnte sich nicht einmal dazu entschließen. Und so blieb er in Petersburg, blieb ungeachtet des Staubes, der drückenden Schwüle und der nervenreizenden hellen Nächte.
Auch seine Wohnung, die er in der Nähe des Großen Theaters vor kurzem erst bezogen hatte, wollte ihm nicht gefallen. Kurz – „alles ging schief“! – und seine Hypochondrie wuchs mit jedem Tage. – Übrigens war er schon von jeher zum Hypochonder veranlagt gewesen.
Weltschaninoff hatte ein flottes, genußreiches Leben hinter sich, war freilich auch nicht mehr jung – etwa achtunddreißig, wenn nicht gar neununddreißig – das aber war doch schon „das Alter“, wie er sich selbst gestand, oder glaubte, sich gestehen zu müssen, – in das er sich „ganz plötzlich und unerwartet“ hineinversetzt sah. Er begriff jedoch vollkommen, daß es weniger die Zahl als die Art der Jahre war, was ihn alt machte, daß das Alter sich daher, wenn man so sagen darf, mehr von innen heraus in ihm verbreitete, als daß es ihn von außen sichtbar überkam. Denn nach seinem Äußeren zu urteilen, war er immer noch ein stattlicher Mann in den besten Jahren, der es mit jedem aufnehmen konnte: er war sehr groß von Wuchs und dabei stämmig, hatte dichtes hellblondes Haar und einen langen blonden Bart, in dem sich ebenso wie auf seinem Haupte noch kein einziges graues Härchen finden ließ. Auf den ersten Blick mochte er jetzt vielleicht etwas plump und im Vergleich zu früher vielleicht auch vernachlässigt erscheinen, doch wenn man ihn genauer beobachtete, erkannte man in ihm sofort den feinen Herrn und Weltmann, der eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Sein Auftreten war auch jetzt noch sicher, ungezwungen und sogar elegant, trotz einer gewissen Behäbigkeit und Schwerfälligkeit, die er sich im Laufe der Jahre erworben hatte: Trotz alledem hatte sich Weltschaninoff noch sein ganzes unverfrorenes, wahrhaft unerschütterliches Selbstvertrauen bewahrt, dessen ganzer Größe er sich als Lebemann nicht einmal bewußt zu sein schien, obschon er kein dummer, in manchen Dingen sogar ein recht gescheiter, fast kann man sagen gebildeter und zweifellos ein in mancher Hinsicht begabter Mensch war. Sein offenes, frisches Gesicht hatte einst in jungen Jahren durch seine fast frauenhaft zarten Farben die Aufmerksamkeit der Damen auf sich gelenkt, und auch jetzt noch sagte so manch einer, wenn er ihn sah: „Welch ein kerngesunder Mensch, wahrhaftig, Milch und Blut!“
Und dennoch kannte dieser „kerngesunde Mensch“ bereits alle Qualen der Hypochondrie. Noch vor zehn Jahren hatten seine großen blauen Augen so siegesgewiß in die Welt geblickt: es waren noch so helle und gute, so lustige und sorglose Augen gewesen, daß ein jeder, der ihn sah, sich ohne weiteres zu ihm hingezogen fühlte. Jetzt aber, auf der Schwelle der vierziger Jahre, waren die Klarheit und Güte in ihnen fast ganz erloschen: um sie herum begannen sich schon leichte Runzeln einzugraben, und statt der jungen Sorglosigkeit sprach aus ihnen der Zynismus eines ermüdeten Menschen, dessen Lebenswandel, vom Standpunkt der Sittlichkeit aus betrachtet, nicht ganz einwandfrei gewesen war. Zu diesem Zynismus aber gesellte sich noch eine gewisse mißtrauische Schlauheit, sehr oft auch Spott, und dann noch ein neuer Ausdruck, den er früher nicht in ihnen gehabt hatte: es lag nämlich wie ein Schatten von Schwermut und Schmerz über ihnen – einer gleichsam zerstreuten, gewissermaßen gegenstandslosen Schwermut, die aber doch tief und echt zu sein schien. Diese Schwermut überkam ihn namentlich dann, wenn er allein blieb. Und sonderbar, dieser Mensch, der noch vor etwa zwei Jahren ein so lebenslustiger, in seiner Unterhaltung übersprudelnder Gesellschaftsmensch gewesen war und mit so köstlichem Humor seine lustigen Geschichten wiederzugeben verstanden hatte – der liebte jetzt nichts so sehr, als ganz allein zu sein. Mit Absicht gab er eine Menge seiner früheren Bekanntschaften auf, obschon er sie trotz seiner im Augenblick sehr zerrütteten Vermögensverhältnisse auch jetzt noch hätte fortsetzen und pflegen können. Doch um die Wahrheit zu sagen: hier war sein Ehrgeiz das ausschlaggebende Moment. Ein Mensch, der so argwöhnisch, eitel und ehrgeizig war wie er, mußte es allerdings als unmöglich empfinden, mit Leuten, die ihn nur in glänzenden Verhältnissen gekannt hatten, nun in minder glänzenden weiter zu verkehren. Doch auch seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz begannen sich unter dem Einfluß der Einsamkeit allmählich zu verwandeln. Nicht, daß sie sich verringert hätten – o nein, sogar im Gegenteil; aber sie entwickelten sich zu einer ganz besonderen Art von Ehrgeiz und Eitelkeit, die von ihrer früheren Art merklich abstach: er grämte sich jetzt immer öfter um ganz andere Dinge, als es die Ursachen seiner früheren kleinen menschlichen Leiden gewesen waren. Es waren das ganz entschieden „höhere“ Dinge als bisher – das heißt, wenn man sich nur so ausdrücken darf, wenn es in der Beziehung wirklich höhere und niedrigere Ursachen und Dinge gibt ... wie Weltschaninoff zu sich selbst sagte.
Ja, so weit war es mit ihm gekommen: diese sogenannten „höheren“ Ursachen, an die er früher überhaupt nicht gedacht hatte, quälten ihn jetzt regelrecht. Als „höher“ aber betrachtete er seiner Erkenntnis gemäß und vor seinem Gewissen alle diejenigen „Ursachen“, über die er sich (zu seiner eigenen Verwunderung) nicht mehr lustig zu machen vermochte – bei sich im stillen, versteht sich –, was bis dahin, wenigstens wenn er allein gewesen, noch nie vorgekommen war. Denn in Gesellschaft – o, da war es etwas ganz anderes! Er wußte ja nur zu gut, daß er auch jetzt noch – es brauchten sich nur die äußeren Umstände so zu fügen – ohne zu zögern und ungeachtet aller stillen Erkenntnisse und festen Vorsätze seines besseren Selbst, mit der größten Kaltschnauzigkeit alle diese „höheren Ursachen“ leugnen und selbst als erster über sie lachen würde – natürlich ohne dabei einzugestehen, daß es Stunden gab, in denen er anders dachte. Mit dieser Selbsterkenntnis täuschte er sich durchaus nichts vor: so war es, oder vielmehr, so wäre es unfehlbar gewesen, sogar trotz einer gewissen ganz erheblichen Portion Unabhängigkeit im Denken, die er sich neuerdings von den ihn bis dahin vorwiegend beherrschenden „niedrigeren Ursachen“ abgerungen hatte. Doch wie oft hatte er sich, wenn er sich morgens aus dem Bett erhob, seiner Gedanken und Gefühle geschämt, die er in den schlaflosen Stunden der Nacht gedacht und gefühlt! (In der ganzen letzten Zeit litt er nämlich wirklich an Schlaflosigkeit.) Hinzu kam, was ihm schon vor längerer Zeit aufgefallen: daß er in jeder Beziehung furchtbar mißtrauisch geworden war, und zwar sowohl in kleinen wie in großen Dingen. Infolgedessen nahm er sich vor, auch in Zukunft sich selbst möglichst wenig zu trauen. Indessen gab es da doch Verschiedenes, was einfach als eine Tatsache vor ihm stand, die er ganz unmöglich als solche nicht anerkennen oder leugnen konnte. So ließ es sich nicht aus der Welt schaffen, daß sich z. B. seine Gedanken und Gefühle nachts immer veränderten, wenigstens hatte er früher noch niemals solche gehabt, wie er sie jetzt hatte, und größtenteils glichen sie auch nicht im geringsten denjenigen, die er tagsüber oder wenigstens in der ersten Hälfte des Tages noch immer hatte. Das gab ihm zu denken. Ja, er sprach sogar – natürlich nur so bei Gelegenheit und im Scherz – mit einem berühmten Arzt, einem näheren Bekannten, über diesen „sonderbaren Fall“. Jener erwiderte ihm darauf, daß diese Veränderung oder vielmehr daß dieser Widerspruch der Gedanken und Gefühle in schlaflosen Nächten, oder überhaupt nachts, bei „viel denkenden und temperamentvollen“ Menschen keineswegs eine so ungewöhnliche Erscheinung sei: unter dem melancholischen Einfluß der Nacht käme es bei ihnen oft vor, daß sich ihre Überzeugungen, an denen sie ihr ganzes Leben gehangen, plötzlich änderten und daß sie ebenso plötzlich und ohne jeden triftigen Grund die schwerwiegendsten Entschlüsse faßten. Freilich habe das immer noch eine gewisse Grenze; wenn aber der Betreffende diese Widersprüche, diese Zwieheit fast schon als Pein empfinde, so müsse man sie fraglos als ein Krankheitssymptom betrachten und folglich – je früher desto besser – zur Behandlung schreiten. Das Zweckmäßigste sei in diesem Fall wohl eine radikale Veränderung der Lebensweise, eine andere Diät, wenn möglich eine Reise. Auch Abführmittel wären angebracht.
Weiter wollte Weltschaninoff nichts mehr hören, doch seine Krankheit betrachtete er jetzt als bewiesen.
„Also nichts weiter als ein Krankheitssymptom, alles dieses ‚Höhere‘, also Krankheit, nichts als Krankheit!“ sagte er mit einem gewissen Ingrimm zu sich selbst, sagte es sich sogar ziemlich oft, denn es widerstrebte ihm doch gar zu sehr, innerlich derselben Meinung zu sein.
Sehr bald übrigens begann sich auch vormittags dasselbe zu wiederholen, was er sonst nur in einzelnen Nachtstunden gekannt hatte, bloß mit dem Unterschiede, daß ihn dabei weit mehr Galle überkam, als in der Nacht, daß er anstatt der Reue nur Bosheit empfand und bitteren Spott statt der nächtlichen Rührung.
Im Grunde wurden diese Stimmungen durch nichts anderes heraufbeschworen, als durch „plötzlich und Gott weiß weshalb“ auftauchende Erinnerungen an verschiedene Erlebnisse aus längst vergangenen und auch schon längst vergessenen Jahren, die ihm aber jetzt regelmäßig in einer ganz besonderen Weise wieder ins Gedächtnis traten. Ja, diese Begleitumstände waren vielleicht gerade das Merkwürdigste an der Sache. Weltschaninoff klagte zum Beispiel schon seit längerer Zeit über die augenscheinliche Abnahme seines Gedächtnisses: so vergaß er die Gesichter seiner Bekannten, die sich dann gekränkt fühlten, wenn er sie auf der Straße nicht grüßte; Bücher, die er vor einem halben Jahr gelesen, konnte er in dieser kurzen Frist so vergessen, als hätte er sie nie in der Hand gehabt. Andererseits aber, trotz dieser doch greifbar tatsächlichen Abnahme seiner Gedächtniskräfte, die ihn nicht wenig beunruhigte, begann jetzt alles längst Vergangene, was über zehn, fünfzehn Jahre zurücklag und ebenso lange sogar ganz vergessen gewesen war, wieder aufzutauchen – alles das fiel ihm jetzt plötzlich wieder ein, und zwar mit einer so erstaunlichen Deutlichkeit bis in die geringsten Details, als durchlebe er es in Wirklichkeit von neuem. Ja, einige dieser Erlebnisse hatte er in der Zwischenzeit so vergessen, daß ihm allein schon das Faktum, daß er sich ihrer überhaupt wieder erinnern konnte, als unfaßbares Wunder erschien. Dabei war das noch nicht alles; doch übrigens – welcher Lebemann hätte nicht seine besonderen Erinnerungen?
In seinem Falle freilich lag das Auffällige darin, daß alle diese Erlebnisse, die in seiner Erinnerung wieder auftauchten, jetzt in einer gleichsam von irgend jemandem vorbereiteten, früher ganz undenkbaren, ganz neuen Beleuchtung erschienen, d. h. er betrachtete und beurteilte sie jetzt von einem ganz, ganz anderen Standpunkt aus. Das befremdete ihn am meisten. Warum erschien ihm jetzt so manches geradezu als Verbrechen, was er früher kaum ernst genommen hatte? Und nicht nur sein Verstand urteilte jetzt so: dem allein hätte er, der in der Einsamkeit krank, griesgrämig, düster und innerlich einsam Gewordene, nicht so ohne weiteres getraut; aber es war ja bei ihm schon aus dem bloßen Gefühl heraus zu Verwünschungen und Flüchen gekommen und fast sogar zu Tränen – wenn auch nicht gerade zu äußerlich sichtbaren, so doch immerhin zu innerlichen. Noch vor zwei Jahren aber hätte er es nicht für möglich gehalten, daß er jemals weinen würde!