Sämtliche Werke 21

Part 16

Chapter 163,583 wordsPublic domain

Als ich aber einmal auf Polina zu sprechen kam, rief er fast jähzornig: „Dieses undankbare Frauenzimmer!“ und er schien aufrichtig empört zu sein. „Boshaft ist sie und undankbar! Sie hat die ganze Familie beschimpft! Wenn es hier Gesetze gäbe, würde ich ihr schon zeigen, was es heißt! ... Jawohl, mein Herr, jawohl!“

Doch von de Grillet konnte er nicht einmal den Namen hören: dann wurde er schon wild: „Er hat mich zugrunde gerichtet, er hat mich bestohlen! er hat mich erwürgt! Ganze zwei Jahre lang war er mein Albdruck! Ganze Monate habe ich ihn Nacht für Nacht im Traume gesehn! Das, das, das ... O, erinnern Sie mich nie mehr an diesen Menschen!“

Ich merkte natürlich bald, daß Blanche und er schon so ziemlich einig waren, schwieg aber nach meiner Gewohnheit. Eine Woche vor unserer Trennung erklärte mir dann Blanche den ganzen Sachverhalt.

„^Il a de la chance^,“ damit begann sie, denn das war die Hauptsache. „^La babouchka^ ist jetzt wirklich krank und wird bestimmt bald sterben. Mister Astley hat schon depeschiert. Nun, und er ist doch immerhin ihr Erbe. Aber selbst dann, wenn er nichts von ihr erben sollte, so schadet das ja weiter auch nichts. Denn, erstens hat er doch seine Pension, und zweitens wird er dort in dem Hinterzimmer leben und sehr glücklich sein. Und ich bin dann ^madame la générale^ und gehöre zur besten Gesellschaft.“ Daran dachte sie mit besonderer Vorliebe. „Und späterhin werde ich eben russische Gutsbesitzerin, ^j’aurai un château, des moujiks, et puis j’aurai toujours mon million^.“

„Nun, aber wenn er eifersüchtig wird und verlangt ... Gott weiß was, – verstehst du?“

„Oh nein, ^non, non, non^! Wie darf er es wagen! Ich habe Maßregeln getroffen, beruhige dich. Ich habe ihn einige Wechsel mit Alberts Namen unterzeichnen lassen. Sollte je etwas – dann wird er sofort bestraft! Aber er wird ja nichts wagen!“

„Nun, so heirate ihn ...“

Die Hochzeit wurde ohne besonderen Pomp still und ganz „unter uns“ gefeiert. Eingeladen waren nur Albert und noch ein paar Bekannte. Hortense, Cléopatre und die übrigen von dieser Kategorie wurden von nun an unerbittlich von uns ferngehalten. Der Bräutigam war sehr eingenommen von seiner neuen Würde. Blanche band ihm eigenhändig die Krawatte, und in seinem Frack und der weißen Weste sah er ^très comme il faut^ aus.

„^Il est pourtant très comme il faut^,“ erklärte mir Blanche, als sie aus seinem Zimmer trat, ganz als habe die Tatsache, daß er ^très comme il faut^ sei, sie selbst verblüfft. Ich interessierte mich so wenig für all diese Einzelheiten und da ich eben nur als tödlich gelangweilter Zuschauer an den Ereignissen teilnahm, so habe ich wohl sehr vieles von dem, was geschah, vergessen oder überhaupt nicht bemerkt. Ich weiß nur noch, daß Blanche plötzlich nicht mehr de Cominges hieß, ebensowenig wie ihre Mutter nicht ^madame veuve de Cominges^, sondern – du Placet. Weshalb sie sich aber bis dahin de Cominges genannt hatten, das weiß ich nicht. Der General war aber auch mit dieser Veränderung zufrieden, und du Placet schien ihm sogar noch mehr zu gefallen, als de Cominges. Am Morgen des Hochzeitstages ging er, bereits zur Trauung angekleidet, im Salon auf und ab und murmelte mit ungewöhnlich ernster und wichtiger Miene vor sich hin: „Mademoiselle Blanche du Placet! ... Blanche du Placet ... du Placet! Fräulein Blanche du Placet! ...“ und in seinem Gesicht drückte sich eine nicht unerhebliche Zufriedenheit aus. In der Kirche, beim Maire und zu Hause beim Diner sah er nicht nur froh und zufrieden aus, sondern war sogar ersichtlich stolz. Es war, als sei in das Brautpaar etwas Besonderes gefahren. Auch Blanche blickte ungeheuer würdevoll drein.

„Ich muß mich jetzt ganz anders halten,“ sagte sie mir sehr ernst. „^Mais vois-tu^, an dieses eine verwünschte Hindernis habe ich noch gar nicht gedacht: stelle dir vor, ich kann noch immer nicht meinen neuen Familiennamen behalten: Sa–go–rjanskij, Sago–sjanskij, ^madame la générale de Sago–Sago–, ces diables de noms russes! Enfin madame la générale à quatorze consonnses! Comme c’est agréable, n’est-ce pas?^“

Endlich aber kam dann der Augenblick der Trennung, und Blanche, diese dumme Blanche brach beim Abschied sogar in Tränen aus.

„^Tu étais bon enfant^,“ sagte sie schluchzend. „^Je te croyais bête et tu en avais l’air^, aber das paßt zu dir.“ Doch nachdem sie mir schon endgültig „zum letzten Mal“ die Hand gedrückt hatte, rief sie plötzlich: „^Attends!^“ lief schnell in ihr Boudoir und kehrte nach einer Minute wieder zurück – in der Hand zwei Tausendfranknoten, die sie mir aufdrängte. Ich traute meinen Augen nicht! Nein, alles eher, aber das hätte ich niemals von ihr erwartet!

„Nimm nur, du wirst es brauchen können! Du bist vielleicht ein sehr kluger ^outchitel^, aber du bist doch ein furchtbar dummer Mensch. Mehr als Zweitausend gebe ich dir auf keinen Fall, denn du wirst das Geld doch sowieso verspielen. Nun, leb wohl! ^Nous serons toujours bons amis^, wenn du aber wieder gewinnst, so komme unbedingt zu mir, ^et tu seras heureux^!“

Ich hatte selbst noch an fünfhundert Franken, außerdem eine goldene Uhr von tausend Franken Wert, moderne Hemdknöpfe mit Brillanten und dergl., so daß ich hier noch ziemlich lange sorgenfrei werde leben können. Ich habe mich absichtlich in diesem kleinen Städtchen und nicht in einer großen Stadt niedergelassen, um mich gewissermaßen erst einmal zu sammeln. Und dann – ich erwarte Mister Astley. Ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß er sich auf der Durchreise vierundzwanzig Stunden hier aufhalten wird – in Geschäften. Von ihm werde ich dann alles hören ... und dann – dann sofort nach Homburg! Nach Roulettenburg werde ich nicht fahren, wenigstens nicht in diesem Jahre! Im nächsten – vielleicht! In der Tat, man sagt ja, es sei ein schlechtes Omen, wenn man zweimal an ein und demselben Tisch sein Glück versucht. In Homburg aber, da wird ja noch ganz anders gespielt.

XVII.

Ein Jahr und acht Monate sind nun schon vergangen, seit ich diese Aufzeichnungen nicht mehr angerührt habe. Erst heute kam mir nach langer Zeit der Gedanke, die Blätter wieder hervorzusuchen und das Geschriebene durchzulesen, um darüber Sorgen und Sehnsucht vielleicht zu vergessen.

Ich blieb dabei stehen, daß ich nach Homburg fahren wollte. Gott! Mit wie leichtem Herzen, im Vergleich zu jetzt, schrieb ich damals jene letzten Zeilen! Das heißt, nicht buchstäblich mit leichtem Herzen, aber doch – mit welch einem Selbstvertrauen, mit wie unerschütterlichen Hoffnungen! Zweifelte ich etwa auch nur im geringsten an mir selbst? – Und nun? Noch sind keine zwei Jahre seitdem vergangen und ich bin, meiner eigenen Überzeugung nach, schlimmer als ein Bettler! Was ist ein Bettler! Ich pfeife auf Armut! Ich aber habe mich einfach zugrunde gerichtet! Verkommen bin ich. Übrigens – es gibt nichts, womit ich mich überhaupt noch vergleichen könnte ... Aber wozu sich jetzt Moral predigen! Nichts kann dümmer sein, als Moral in solchen Zeiten! O, ihr selbstzufriedenen Leute! – mit welch stolzer Selbstgerechtigkeit sind diese Schwätzer jederzeit bereit, einem ihre Sentenzen zu predigen! Wenn sie wüßten, in welchem Maße ich den ganzen Ekel meines gegenwärtigen Zustandes begreife, so würde ihnen ihre Zunge, denke ich, nicht mehr gehorchen, wollten sie mich noch belehren. Was könnten sie mir wohl Neues sagen, das ich nicht selbst wüßte? Aber kommt es denn darauf an? Nein, sondern darauf, daß – eine Drehung des Rades alles ändern kann, und daß dann diese selben Moralprediger, die ersten sein werden, die (davon bin ich überzeugt) mit freundschaftlichen Scherzen zu mir kommen, um zu gratulieren. Und niemand wird sich dann so von mir abwenden, wie es jetzt alle tun. Ach, zum Teufel mit ihnen, was gehen sie mich an! Aber was bin ich jetzt? ^Zéro.^ Und was kann ich morgen sein? Morgen kann ich von den Toten auferstehen und von neuem zu leben beginnen! Ich kann den Menschen in mir wieder emporrichten, solange er noch nicht ertrunken ist in Verkommenheit.

Ich fuhr damals wirklich nach Homburg, aber ... dann war ich auch wieder in Roulettenburg, war auch in Spa, war sogar in Baden, wohin ich als Kammerdiener eines Herrn Hinze reiste, eines ekelhaften Menschen, der hier mein Brotherr war. Jawohl: ich bin sogar bis zum Diener herabgesunken – ganze fünf Monate war ich es! Das war nach dem Gefängnis. (Ich habe doch auch im Gefängnis gesessen, in Roulettenburg, wegen einer Schuld, die ich dort nicht bezahlen konnte. Ein Unbekannter hat mich losgekauft, – wer? Mister Astley? Polina? Ich weiß es nicht, aber die Schuld ist bezahlt worden, im ganzen zweihundert Taler: und so wurde ich aus dem Gefängnis entlassen.) Wo sollte ich bleiben? Ich kam also zu diesem Hinze. Er ist ein junger, leichtsinniger Mensch, der eine besondere Vorliebe fürs Faulenzen hat und ungern Briefe schreibt, ich aber beherrsche drei Sprachen in Wort und Schrift. Anfangs war ich sein Sekretär, denn als solcher hatte ich die Stelle angenommen, und erhielt dreißig Gulden monatlich. Doch bald erlaubten es ihm seine Mittel nicht mehr, soviel zu zahlen, und er verringerte mein Gehalt. Ich aber hatte nichts und blieb bei ihm. So machte es sich schließlich ganz von selbst, daß ich zu guter Letzt sein Diener wurde. Ich hungerte und trank keinen Tropfen, solange ich bei ihm war, dafür aber ersparte ich mir innerhalb dieser fünf Monate siebzig Gulden. Und eines Abends, es war in Baden, erklärte ich ihm, daß ich meine Stelle aufgäbe: und noch an demselben Abend suchte ich die Spielsäle auf. O, wie mein Herz schlug! Nein, nicht um das Geld war es mir zu tun! Damals wollte ich nur, daß morgen alle diese Hinzes, alle diese Oberkellner, alle diese reichen Damen der vornehmen Gesellschaft Badens – daß sie alle von mir sprechen, daß sie von meinem Glück erzählen, daß sie sich über mich wundern, mich loben und beneiden und alle sich vor der Macht meines neuen Reichtums beugen sollten. Das waren natürlich nur kindische Träume und kindischer Ehrgeiz, aber ... wer weiß: vielleicht hätte ich Polina getroffen, und dann hätte ich mit ihr gesprochen und sie hätte gesehen, daß ich _über_ dem Schicksal stehe, daß mir alle Schicksalsschläge nichts anhaben können ... O, nicht am Gelde liegt mir! Bin ich doch überzeugt, daß ich es wieder irgendeiner Blanche hinwerfen und wieder in Paris drei Wochen lang mit eigenen Pferden zu sechzehntausend Franken fahren würde! Ich weiß ja doch ganz genau, daß ich nicht geizig bin; ich glaube sogar, ich bin ein Verschwender, – aber dennoch: mit welchem Zittern, mit welchem atemraubenden Herzklopfen horche ich auf den Ruf des Croupiers: ^trente et un, rouge, impair et passe, oder: quatre, noir, pair et manque^! Mit welcher Gier starre ich auf den grünen Tisch, auf dem Louisdors, Friedrichsdors und Taler umherliegen, auf die kleinen Säulen von Goldmünzen, wenn sie durch die Krücke des Croupiers umfallen und sich in einen wie Glut brennend glänzenden Haufen zerstreuen, oder auf die langen, über einen halben Meter langen Silberrollen, die rings um das Rad liegen. Noch bevor ich den Spielsaal betreten, noch zwei Säle von ihm entfernt – sobald ich nur das Klingen und Klirren des Geldes, der zusammengescharrten Geldberge höre – ist es mir, als erfaßten mich Krämpfe.

O, auch jener Abend, an dem ich meine siebzig Gulden zum Spieltisch trug, war merkwürdig. Ich begann mit zehn Gulden und setzte sie wieder auf ^passe^. Ich habe nun einmal Vertrauen zu ^passe^. Ich verlor. Es blieben mir noch sechzig Gulden in Silber; ich dachte nach und entschied mich für ^zéro^. Ich setzte immer zu fünf Gulden auf einmal. Das dritte Mal setzte ich – da kam ^zéro^. Ich starb fast vor Freude, als mir hundertundfünfundsiebzig Gulden zugeschoben wurden. So froh war ich nicht gewesen, als ich damals hunderttausend Gulden gewonnen hatte. Ich setzte sofort hundert Gulden auf ^rouge^ – und gewann; alle zweihundert auf ^rouge^ – und gewann; alle vierhundert auf ^noir^ – und gewann; alle achthundert auf ^manque^ – und gewann! Alles in allem hatte ich jetzt tausendundsiebenhundert Gulden und das – in weniger als fünf Minuten! Ja, in solchen Augenblicken vergißt man alle früheren Mißerfolge! Hatte ich sie doch gewonnen, indem ich mehr als mein Leben aufs Spiel gesetzt. Ich hatte es gewagt, und ich gehörte wieder zu den Menschen!

Ich nahm ein Zimmer im Hotel, schloß mich ein und saß bis drei Uhr nachts und zählte mein Geld. Als ich am Morgen erwachte, war ich nicht mehr Lakai. Ich beschloß, sogleich nach Homburg zu fahren: dort war ich nicht Diener gewesen und hatte nicht im Gefängnis gesessen. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt des Zuges ging ich noch einmal in den Spielsaal, um noch zwei Einsätze zu machen, nicht mehr, und ich verlor tausendfünfhundert Gulden. Ich fuhr aber trotzdem nach Homburg und nun bin ich schon einen Monat hier.

Ich lebe natürlich in beständiger Aufregung, spiele nur sehr vorsichtig, wage nur die kleinsten Einsätze und warte auf irgend etwas, das ich selbst nicht zu nennen vermöchte, berechne und rechne, stehe ganze Tage lang am Spieltisch _und beobachte_ das Spiel, sogar im Traume sehe ich nur noch das Spiel, – aber bei alledem scheint es mir, daß ich doch schon gleichsam verknöchert, daß ich wie in einem Moor versunken bin, aus dem ich mich nicht mehr herausreißen kann. Ich schließe das aus dem Eindruck, den meine Begegnung mit Mister Astley auf mich gemacht hat. Ich hatte ihn seit jenem Morgen im Hotel d’Angleterre nicht wiedergesehen und traf ihn hier plötzlich ganz zufällig. Ich ging gerade in den Parkanlagen spazieren und rechnete und dachte daran, daß ich jetzt fast ganz ohne Geld sei, nur fünf Gulden besaß ich noch. Aber im Hotel, wo ich ein kleines, billiges Zimmer genommen, hatte ich vor drei Tagen alles bezahlt. Ich konnte also noch einmal spielen, nur einmal, sagte ich mir: gewinne ich, so kann ich das Spiel fortsetzen, verliere ich – so muß ich wieder Diener werden, falls ich nicht im Augenblick hier Russen finde, die gerade einen Lehrer brauchen. Mit diesen Gedanken beschäftigt, machte ich meinen täglichen Spaziergang durch den Park. Sehr oft ging ich weiter durch den Wald, bis ins nächste Fürstentum, und kehrte dann erst nach mehreren Stunden müde und hungrig nach Homburg zurück. Kaum aber war ich diesmal aus den Anlagen in den Park getreten, als ich plötzlich auf einer Bank Mister Astley erblickte. Er hatte mich zuerst bemerkt und mich angerufen. Ich setzte mich neben ihn. Doch da mir eine gewisse Kühle an ihm auffiel, mäßigte ich sogleich meine Freude. Sonst hätte ich mich fürchterlich über das Wiedersehen gefreut.

„Also Sie sind hier!“ sagte er. „Ich dachte es mir, daß ich Ihnen hier begegnen würde. – Bemühen Sie sich nicht, mir von Ihren Erlebnissen zu erzählen, ich weiß alles; Ihr ganzes Leben in diesen anderthalb Jahren, mehr als anderthalb Jahren, ist mir bekannt.“

„Bah! Also so viel ist Ihnen daran gelegen, Ihre alten Freunde im Auge zu behalten!“ versetzte ich. „Das macht Ihnen ja alle Ehre, daß Sie sie nicht vergessen ... Apropos! Sie bringen mich auf einen Gedanken: sind nicht Sie es gewesen, der mich aus dem Roulettenburger Gefängnis, in dem ich wegen einer Schuld von zweihundert Gulden saß, befreit hat? Ein Unbekannter hat die Schuld für mich bezahlt.“

„Nein, o nein, ich nicht, aber ich habe es gewußt, daß Sie wegen einer Schuld von zweihundert Gulden im Gefängnis saßen.“

„Und so wissen Sie doch auch, wer es getan hat?“

„O nein, ich kann nicht sagen, daß ich’s wüßte.“

„Sonderbar. Von den hiesigen Russen kennt mich keiner, und übrigens würden diese Russen hier wohl kaum einen Landsmann loskaufen; bei uns dort in Rußland, ja, dort kaufen Rechtgläubige wohl Rechtgläubige los. Und da dachte ich denn, daß es vielleicht irgendein englischer Sonderling aus Sonderbarkeit getan habe.“

Mister Astley hörte mit einiger Verwunderung zu. Ich glaube, er hatte erwartet, daß ich ganz niedergeschlagen und bekümmert sein würde.

„Nun, es freut mich, daß Sie sich Ihre alte geistige Unabhängigkeit und sogar noch Munterkeit bewahrt haben, wie ich sehe,“ sagte er mit ziemlich mißvergnügter Miene.

„Das heißt, innerlich knirschen Sie vor Ärger darüber, daß ich nicht niedergeschlagen und bekümmert bin,“ sagte ich lachend.

Er begriff nicht sogleich, als er mich aber dann verstand, lächelte er.

„Ihre Bemerkungen gefallen mir. Ich erkenne in ihnen meinen alten begeisterten und gleichzeitig doch zynischen Freund von früher. Nur die Russen können soviel Gegensätze in sich vereinigen. In der Tat, der Mensch liebt es, seinen Nächsten, auch wenn er sein bester Freund ist, vor sich erniedrigt zu sehen: auf der Erniedrigung des anderen beruht zum größten Teil die Freundschaft. Das ist nun einmal eine alte, allen erfahrenen Leuten längst bekannte Wahrheit. Doch in diesem Fall, ich versichere Sie, bin ich aufrichtig froh, daß Sie den Mut nicht sinken lassen. Sagen Sie, Sie haben wohl nicht die Absicht, das Spiel aufzugeben?“

„O, der Teufel hole es! Sofort gebe ich es auf, wenn ich nur erst ...“

„Wenn ich nur erst das Verlorene wiedergewonnen habe? Das dachte ich mir – es ist nicht nötig, daß Sie weiterreden – ich weiß schon. Sie haben es ganz unbedacht gesagt, folglich waren Sie aufrichtig. Sagen Sie, außer mit dem Spiel beschäftigen Sie sich sonst mit nichts?“

„Nein, mit nichts.“

Er begann, mich nach allem möglichen auszufragen, das in der letzten Zeit in der Welt geschehen war.

Ich wußte von nichts, ich hatte ja kaum eine Zeitung zur Hand genommen, kaum mehr ein Buch aufgeschlagen.

„Sie sind abgestumpft,“ bemerkte er zum Schluß, „Sie haben nicht nur dem Leben, Ihren eigenen Interessen und denen der ganzen Menschheit den Rücken gewandt, Ihren Pflichten als Bürger und Mensch und außerdem auch Ihren Freunden – und Sie hatten doch wirklich Freunde –, Sie haben sich nicht nur von jedem Lebensziel und -zweck losgesagt – außer dem einen: im Spiel zu gewinnen –, Sie haben auch Ihre Erinnerungen als überflüssigen Ballast über Bord geworfen. Ich denke daran, wie Sie einmal in einer heißen und großen Stunde Ihres Lebens vor mir standen – aber ich bin überzeugt, daß Sie alle Ihre besten Empfindungen und Absichten von damals vergessen haben, und Ihre jetzigen Gedanken und Wünsche nicht hinausreichen über ^pair^, ^impair^, ^rouge^, ^noir^ – und so weiter ... davon bin ich überzeugt!“

„Genug, Mister Astley, bitte, erinnern Sie mich nicht daran!“ rief ich ärgerlich, fast erbittert. „Ich habe nichts vergessen – ich habe nur jetzt _zeitweilig_ alles das aus meinem Denken und Sinnen ausgeschlossen, ja, auch die Erinnerungen, Sie haben recht, – aber nur vorläufig, bis ich meine pekuniäre Lage radikal gebessert habe; dann aber ... dann werden Sie sehen, daß ich von den Toten auferstehe!“

„In zehn Jahren werden Sie noch hier sein,“ erwiderte Mister Astley darauf. „Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, daß ich Sie an diese meine Worte noch nach zehn Jahren, wenn ich lebe, hier auf dieser Bank erinnern werde.“

„Nun gut,“ schnitt ich ungeduldig ab, „doch um Ihnen zu beweisen, daß ich das Vergangene doch nicht ganz so vergessen habe, wie Sie annehmen, erlauben Sie die Frage: wo ist jetzt Miß Polina? Wenn nicht Sie mich aus dem Gefängnis befreit haben, so hat es bestimmt Miß Polina getan. Seit jenem letzten Tage damals in Roulettenburg habe ich nichts von ihr gehört.“

„Nein, o nein! Ich glaube nicht, daß sie Sie losgekauft hat. Sie ist jetzt in der Schweiz, aber Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragten,“ sagte er kurz und sichtlich verstimmt.

„Das bedeutet wohl, daß auch Ihr Herz schon gar zu sehr durch sie verwundet ist!“ sagte ich unwillkürlich lachend.

„Miß Polina verdient die größte Hochachtung und ist der beste Mensch, aber ich sage Ihnen nochmals, daß Sie mir einen großen Gefallen erweisen würden, wenn Sie mich nicht weiter nach ihr fragen wollten. Sie haben sie überhaupt nicht gekannt und ich empfinde es als Beleidigung, wenn Sie ihren Namen aussprechen.“

„Ah! Also so stehen wir! Übrigens täuschen Sie sich. Und wovon sollte ich denn mit Ihnen sprechen, sagen Sie doch selbst, wenn nicht – davon? Andere gemeinsame Erinnerungen haben wir ja gar nicht. Doch beunruhigen Sie sich nicht, ich frage ja nicht nach Geheimnissen oder Gefühlen ... ich interessiere mich sozusagen nur für die äußere Lage der Miß Polina, nur für die Verhältnisse, in denen sie jetzt lebt. Das aber läßt sich ja in zwei Worten sagen.“

„Nun gut, aber unter der Bedingung, daß die Sache damit abgetan ist. Miß Polina war lange krank; sie ist auch jetzt noch krank; eine Zeitlang lebte sie bei meiner Mutter und Schwester in Schottland. Vor einem halben Jahr starb ihre Großtante – Sie erinnern sich doch noch jener alten Dame? Nun, die ist jetzt tot, hat aber testamentarisch siebentausend Pfund Sterling Miß Polina vermacht. Augenblicklich reist sie mit der Familie meiner verheirateten Schwester in der Schweiz. Ihr kleiner Bruder und die kleine Schwester sind in London und lernen dort. Für sie ist gleichfalls durch das Testament der Großtante gesorgt. Der General, ihr Stiefvater, ist vor einem Monat in Paris am Schlage gestorben. Mademoiselle Blanche hat ihn gut behandelt, dafür aber alles, was er von der Tante geerbt hat, auf ihren Namen schreiben lassen ... Das ist, glaube ich, alles.“

„Und de Grillet? Reist er nicht gleichfalls in der Schweiz?“

„Nein, de Grillet reist nicht in der Schweiz, ich weiß nicht, wo er sich aufhält. Ich möchte Sie aber ein für allemal ersuchen, ähnliche Bemerkungen und Andeutungen, die Ihnen jedenfalls nicht Ehre machen, fernerhin zu unterlassen, anderenfalls werden Sie es mit mir zu tun haben.“

„Was! Ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen?“

„Ja, ungeachtet unserer früheren freundschaftlichen Beziehungen.“

„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Mister Astley. Aber erlauben Sie ... einstweilen – hierbei ist doch nichts Beleidigendes, ich mache ihr doch keinen Vorwurf oder ... sonst was. Außerdem ist, im allgemeinen gesprochen, die – nun: Zusammenstellung eines Franzosen und eines russischen jungen Mädchens etwas so Haarsträubendes, daß Sie und ich das Problem weder lösen noch überhaupt begreifen können.“

„Wenn Sie de Grillet nicht in einem Atemzuge mit dem anderen Namen nennen wollten oder überhaupt in Verbindung bringen, so würde ich ganz gern erfahren wollen, weshalb Sie so verallgemeinernd von dem Problem der ‚Zusammenstellung‘ eines ‚Franzosen mit einem russischen jungen Mädchen‘ reden. Wie kommen Sie überhaupt darauf?“