Sämtliche Werke 21

Part 24

Chapter 243,731 wordsPublic domain

„Ich bin nämlich ganz auf Abwege geraten seit dem März, Alexei Iwanowitsch, und das ist, wie gesagt, eine sehr eigentümliche Krankheit. In der Regel stirbt der Kranke, ohne es vorher auch nur zu ahnen, daß es mit ihm zu Ende geht. Ich sagte Ihnen ja: noch fünf Stunden vor dem Tode erklärte die selige Natalja Wassiljewna, daß sie in zwei Wochen zu ihrer Tante fahren werde, deren Gut vierzig Werst von der Stadt entfernt liegt. Außerdem wird Ihnen wohl nicht unbekannt sein, daß viele Damen, vielleicht aber auch Herren, die Angewohnheit oder die Manie haben, allen möglichen alten Plunder von ihrer Liebeskorrespondenz aufzubewahren ... Am vernünftigsten wäre es doch, so etwas in den Ofen zu werfen, nicht wahr? Aber nein, jedes Papierfetzchen wird von ihnen in Kästchen und Schiebfächern aufbewahrt, ja oft sind sie sogar numeriert nach Jahr und Datum und nach den Absendern sortiert. Wozu das alles, ob es ihnen nun einen Trost gewährt oder was sonst – das weiß ich nicht; aber wahrscheinlich, na, so zur angenehmen Erinnerung. Da nun Natalja Wassiljewna noch fünf Stunden, wie gesagt, vor ihrem Ende die Tante zu besuchen beabsichtigte, dachte sie natürlich nicht an den Tod, nicht einmal in der letzten Stunde, und erwartete immer noch mit Ungeduld den Doktor Koch. So kam es denn, daß sie starb, ihre kleine Schatulle aber – ein Kästchen aus Ebenholz mit kunstvoller Einlegearbeit in Perlmutter und Silber – die blieb in ihrem Schreibtisch. So’n nettes kleines Kästchen mit einem Schlüsselchen davor, ein Familienerbstück, von der Großmutter hatte sie es. Nun, und aus diesem Kästchen kamen dann all die Geheimnisse an den Tag, das heißt nämlich – alles, ohne jede Ausnahme, Tag für Tag und Jahr für Jahr, während des ganzen zwanzigjährigen Ehelebens. Da aber Stepan Michailowitsch eine ausgesprochene Neigung zur Literatur besessen, einmal sogar eine Novelle von höchst leidenschaftlichem Kolorit an eine Zeitschrift gesandt hat, nun, so ist es erklärlich, wenn ich sage, daß die Zahl seiner Schriftstücke in der Schatulle nahe an Hundert reichte – allerdings hatte er sie im Laufe von ganzen fünf Jahren geschrieben. Einige Nummern waren noch mit eigenhändigen Randbemerkungen von Natalja Wassiljewna versehen. Eine angenehme Entdeckung das, für den Gatten, was meinen Sie?“

Weltschaninoff überlegte im Augenblick und erinnerte sich genau, daß er niemals weder einen Brief noch einen Zettel heimlich an Natalja Wassiljewna geschrieben hatte. Aus Petersburg freilich hatte er zwei Briefe geschrieben, doch waren die an sie beide gerichtet gewesen, wie es vorher zwischen ihm und ihr verabredet worden war. Auf den letzten Brief Natalja Wassiljewnas, in dem sie ihm den Abschied erteilte, hatte er überhaupt nichts mehr geantwortet.

Als Pawel Pawlowitsch seine Erzählung beendet hatte, schwieg er eine ganze Weile und beobachtete den anderen nur mit einem aufdringlichen, spöttisch provozierenden Lächeln.

„Warum antworten Sie mir denn nichts auf meine kleine Frage?“ sagte er endlich.

„Auf welch eine kleine Frage?“

„Nun doch: bezüglich der angenehmen Gefühle des Gatten, der die Schatulle öffnet.“

„Oh, was geht das mich an!“ Weltschaninoff machte erbost eine gereizte Handbewegung, stand auf und begann im Zimmer hin- und herzugehen.

„Ich könnte wetten, daß Sie jetzt denken: ‚Bist doch ein Schwein, wenn du selbst auf deine Hörner weist!‘ hehe! Nichts ist leichter als ... _Sie_ anzuekeln.“

„Es fällt mir nicht ein, das zu denken, was Sie mir da unterschieben wollen. Im Gegenteil, ich sage mir, daß der Tod Ihres Beleidigers Sie gar zu sehr geärgert hat, und außerdem haben Sie mehr als nötig getrunken. Doch sehe ich in alledem nichts Außergewöhnliches. Ich begreife auch sehr gut, wozu Sie des lebenden Bagontoff bedürfen und bin gern bereit, Ihren Ärger zu achten, aber ...“

„Und wozu würde ich wohl des lebenden Bagontoff bedürfen, Ihrer Meinung nach?“

„Das ist Ihre Sache.“

„Ich wette, daß Sie dabei an ein Duell denken!“

„Zum Teufel!“ Weltschaninoffs Selbstbeherrschung begann merklich nachzulassen. „Ich dachte eben, daß Sie, wie jeder anständige Mensch ... in ähnlichen Fällen sich nicht zu albernem Geschwätz erniedrigen würden, zu dummen Verstellungen, zu lächerlichen Klagen und gemeinen Anspielungen, mit denen ein jeder nur sich selbst noch mehr beschmutzt, sondern daß Sie offen und ehrlich handeln wollten – eben wie ein anständiger Mensch!“

„Hehe, aber vielleicht bin ich gar kein anständiger Mensch?“

„Das ist wiederum Ihre Sache ... Doch übrigens, zu welcher Teufelei hätten Sie denn sonst des lebenden Beleidigers bedurft?“

„Na, so ... wenn auch nur, um den lieben Hausfreund mal zu betrachten. Wir würden dann eben ein Fläschchen nehmen und es gemütlich austrinken.“

„Er hätte mit Ihnen doch nicht getrunken!“

„Warum nicht? ^Noblesse oblige!^ Trinken doch auch Sie mit mir; inwiefern sollte er besser sein als Sie?“

„Ich habe mit Ihnen nicht getrunken.“

„Weshalb denn plötzlich dieser Stolz?“

Weltschaninoff lachte nervös und gereizt auf.

„Pfui Teufel! Sie sind ja entschieden ein Raubtier-Typ! Und ich dachte, Sie seien nur ein – ewiger Gatte, und nichts weiter!“

„Wie das – ewiger Gatte, was bedeutet das?“ griff Pawel Pawlowitsch die Ohren spitzend sogleich das Wort auf.

„So – ich meine, meine so einen besonderen Typ Ehemänner ... es ist eine zu lange Geschichte, um sie zu erzählen. Packen Sie sich jetzt lieber, es ist Zeit für Sie ... außerdem: Sie werden langweilig und fallen für die Dauer auf die Nerven.“

„Und was bedeutet Raubtier-Typ? Sie sagten soeben ...“

„Wenn ich sagte, daß Sie ein Raubtier-Typ seien, na, so tat ich es, um mich über Sie lustig zu machen.“

„Aber was ist das für ein Raubtier-Typ? Erklären Sie es mir, Alexei Iwanowitsch, ich bitte Sie, um Gottes willen, um Christi willen!“

„Nun ... ach, nun, genug!“ ärgerte sich plötzlich Weltschaninoff ganz furchtbar. „Es ist Zeit für Sie, machen Sie, daß Sie fortkommen! Genug!“

„Nein, es ist noch nicht genug!“ Pawel Pawlowitsch erhob sich schnell. „Und selbst wenn ich Sie langweile, auch dann ist es noch nicht genug: denn vorher müssen wir beide noch anstoßen und zusammen trinken! Also trinken wir, dann gehe ich, aber jetzt ist es noch nicht genug!“

„Pawel Pawlowitsch, können Sie sich heute zum Teufel scheren oder nicht?“

„Ich kann und werde mich zum Teufel scheren, doch vorher werden wir noch trinken. Sie sagten, daß Sie gerade _mit mir_ nicht trinken wollten; nun, ich aber will es, daß Sie gerade mit mir trinken!“

Er schnitt jetzt nicht mehr Gesichter, er lächelte und kicherte auch nicht mehr. Alles an ihm hatte sich plötzlich wieder vollkommen verwandelt und war so entgegengesetzt der ganzen Erscheinung und dem ganzen Tone jenes Pawel Pawlowitsch, der noch vor ein paar Augenblicken dort gestanden hatte, daß Weltschaninoff ihn ganz befremdet ansah und wirklich stutzig wurde.

„Ei, trinken wir, Alexei Iwanowitsch, Sie weigern sich nicht!“ fuhr Pawel Pawlowitsch in diesem an ihm ganz neuen Tone fort – und plötzlich packte er Weltschaninoff am Handgelenk und sah ihn eigentümlich an.

Offenbar handelte es sich für ihn hier nicht allein um das Trinken.

„Ja, nun, meinetwegen ...“ brummte Weltschaninoff. „Wo sind denn ... Aber da ist ja nur noch ein Bodensatz ...“

„Es reicht noch genau für zwei Gläser ... allerdings Bodensatz, aber wir werden trinken und anstoßen! Hier, bitte, nehmen Sie gefälligst Ihr Glas.“

Sie stießen an und tranken.

„Nun, und jetzt, und jetzt ... Ach!“

Pawel Pawlowitsch faßte sich plötzlich mit der Hand an die Stirn und verblieb mehrere Sekunden lang in dieser Stellung. Weltschaninoff glaubte schon, er werde im nächsten Augenblick ... werde sogleich das _letzte_ noch unausgesprochene Wort aussprechen. Doch siehe da: Pawel Pawlowitsch sprach es nicht aus – er sah Weltschaninoff nur an, und dann verzog sich sein Mund lautlos wieder zu jenem breiten, verschmitzten, gleichsam zuzwinkernden Lächeln, das so maßlos arglistig war und so widerlich sein konnte.

„Was wollen Sie von mir, Sie besoffener Kerl! Sie wollen mich wohl zum Narren haben?“ schrie ihn Weltschaninoff plötzlich zornbebend an.

„Schreien Sie nicht, schreien Sie nicht, wozu dies Geschrei?“ suchte ihn Pawel Pawlowitsch schnell zu beschwichtigen. „Ich halte Sie nicht zum Narren, wirklich nicht! Wissen Sie auch, was Sie mir jetzt geworden sind – Sie! – sehen Sie!“

Und schon hatte er seine Hand erfaßt und geküßt – Weltschaninoff war kaum zur Besinnung gekommen.

„Sehen Sie, das sind Sie mir jetzt! So – und jetzt packe ich mich zu allen Teufeln!“

„Warten Sie, warten Sie!“ hielt ihn Weltschaninoff noch zurück. „Ich vergaß ganz, Ihnen zu sagen ...“

Pawel Pawlowitsch trat von der Tür wieder ein paar Schritte ins Zimmer.

„Sehen Sie,“ begann Weltschaninoff schnell und geschäftig, indem er jedoch unwillkürlich errötete und sich fast ganz von ihm abwandte, „Sie müssen morgen unbedingt zu Porgojelzeffs fahren ... um ihnen Ihre Aufwartung zu machen und Ihren Dank auszusprechen. Sie müssen unbedingt ...“

„O, unbedingt, unbedingt, wie denn sonst, das ist doch selbstverständlich!“ pflichtete Pawel Pawlowitsch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit bei, und er machte eine Handbewegung, die ungefähr sagen sollte, daß es ganz überflüssig sei, ihn noch daran zu erinnern.

„Und außerdem werden Sie auch von Lisa sehnsüchtig erwartet. Ich versprach ...“

„Lisa ...!“ Pawel Pawlowitsch kehrte nochmals von der Tür zurück. „Lisa? Wissen Sie auch, was Lisa mir war, war und ist? War und ist!“ stieß er plötzlich wie außer sich hervor. „Doch ... He! Davon später, alles später ... Jetzt genügt mir das nicht mehr, daß Sie mit mir getrunken haben, Alexei Iwanowitsch, ich bedarf jetzt einer anderen Genugtuung ...“

Er legte seinen Hut auf den Stuhl und sah ihn wie vorhin mit verhaltenem Atem an.

„Küssen Sie mich, Alexei Iwanowitsch,“ sagte er plötzlich.

„Betrunken sind Sie!“ rief Weltschaninoff, unwillkürlich einen Schritt zurücktretend.

„Ich bin betrunken, aber küssen Sie mich trotzdem, Alexei Iwanowitsch. Nun, küssen Sie mich! Habe ich Ihnen doch soeben noch die Hand geküßt!“

Weltschaninoff schwieg eine Weile, und wußte nicht, was er sagen, noch denken sollte. Doch plötzlich beugte er sich zu Pawel Pawlowitsch herab, der ihm fast nur bis an die Schulter reichte, und küßte ihn auf den Mund, von dem ein starker Weinduft ausging. Übrigens war er selbst nicht ganz sicher, ob er die Lippen wirklich berührt hatte.

„Nun, jetzt aber, jetzt ...“ rief in betrunkener Ekstase Pawel Pawlowitsch und in seinen stieren Augen blitzte es auf, „jetzt hören Sie! Ich fragte mich damals: ‚Sollte auch er? ... Wenn auch er,‘ dachte ich, ‚wenn auch er, wem kann man dann überhaupt noch trauen!‘“

Und Pawel Pawlowitsch brach plötzlich in Tränen aus.

„Begreifen Sie nun, was für ein Freund Sie mir damit geblieben sind?! ...“

Und damit griff er nach seinem Hut und lief aus dem Zimmer.

Weltschaninoff stand wieder minutenlang auf einem Fleck mitten im Zimmer, ganz wie nach dem ersten Besuch Pawel Pawlowitschs.

„Eh, ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ sagte er sich endlich ärgerlich.

„Entschieden nichts weiter!“ bekräftigte er nochmals energisch, nachdem er sich bereits entkleidet hatte, während er sich auf seinem Schlafdiwan ausstreckte.

VIII. Lisas Krankheit.

Am nächsten Morgen wartete Weltschaninoff in eigentümlicher Stimmung auf Pawel Pawlowitsch, der ihm noch ausdrücklich versprochen hatte, rechtzeitig bei ihm vorzusprechen, um sich mit ihm zu Pogorjelzeffs zu begeben. Weltschaninoff ging im Zimmer auf und ab, trank dazwischen schluckweise seinen Kaffee, rauchte und gestand sich jeden Augenblick, daß er einem Menschen gleiche, der am Morgen erwacht ist und nun immerwährend daran denken muß, daß er am Abend vorher eine Ohrfeige erhalten hat.

„Hm! ... er begreift nur zu gut, um was es sich dabei handelt, und wird sich durch Lisa an mir rächen!“ dachte er fast angstvoll.

Der ganze rührende Eindruck, den das bleiche traurige Kind auf ihn gemacht hatte, erwachte wieder in ihm und sein Herz begann schneller zu schlagen bei dem Gedanken, daß er heute noch, schon bald, schon nach zwei Stunden _seine_ Lisa wiedersehen werde.

„Ach, wozu da viel Worte verlieren!“ meinte er plötzlich und schlug sich energisch die Sorgen aus dem Kopf. „Jetzt ist das mein Lebensinhalt, mein Ziel! Was sind dagegen all die Ohrfeigen und Erinnerungen, was gehen die mich an! ... Wozu habe ich bisher überhaupt gelebt? Was war mein ganzes Leben? Unordnung und Trübsal ... jetzt aber – wird alles anders werden, alles ganz anders!“

Trotz seiner gehobenen Stimmung kamen aber doch immer wieder trübe, bange Gedanken, die ihm Sorgen machten.

„Er will mich mit Lisa quälen – das ist klar! Er wird mich noch krank machen! Und Lisa gleichfalls. Ja, das ist es, auf diese Weise will er mir dann _alles_ heimzahlen. Hm! ... jedenfalls darf ich ihm solche Ausfälle wie gestern abend nicht wieder erlauben,“ sagte er sich plötzlich und errötete bei dem Gedanken an den Abend, „und ... aber was ist denn das, er kommt ja noch immer nicht und die Uhr geht schon auf zwölf!“

Er wartete und wartete – wartete bis halb eins, und seine Stimmung wurde immer gedrückter. Pawel Pawlowitsch erschien nicht. Schließlich sagte er sich – dieser Gedanke hatte sich übrigens schon ein paarmal in ihm zu regen begonnen, – daß er gewiß absichtlich nicht kommen werde, und zwar einzig deshalb nicht, um ihn, ganz wie gestern, nochmals „zum Narren“ zu halten. Das aber brachte ihn dann endgültig auf.

„Er weiß, daß ich von ihm abhängig bin! Aber was wird jetzt mit Lisa geschehen? Wie kann ich ohne ihn hinfahren?“

Um ein Uhr hielt er das Warten nicht mehr aus und fuhr zu Pawel Pawlowitsch. Dort erfuhr er, daß dieser überhaupt nicht in seiner Wohnung geschlafen habe und erst um neun Uhr morgens auf ein Viertelstündchen nach Haus gekommen sei – um dann wieder fortzugehen, ohne zu sagen, wohin. Weltschaninoff stand vor des Abwesenden Zimmer, während die Stubenmagd ihm das alles erzählte, und bewegte ganz gedankenlos die Klinke der verschlossenen Tür, drückte, zog und rüttelte an ihr – alles ganz mechanisch. Plötzlich kam er aus seiner Gedankenversunkenheit zu sich, unterdrückte einen Fluch, ließ die Klinke fahren und bat, ihn zu Marja Ssyssojewna zu führen. Doch diese hatte ihn schon gehört und kam ihm selbst entgegen.

Marja Ssyssojewna war ein gutmütiges Frauenzimmer, „ein Weib mit vernünftigen Anschauungen“, wie sich Weltschaninoff zu Klawdia Petrowna über sie äußerte. Sie fragte zuerst, wie er denn das „Mädchen hingebracht“ habe, begann dann aber sogleich und ganz unaufgefordert von Pawel Pawlowitsch zu erzählen. Nach ihren Worten hätte sie ihn „schon längst vor die Tür gesetzt“, wenn nicht das Mädchen bei ihm gewesen wäre. „Ist er doch auch aus dem Gasthof deshalb hinausgejagt worden, weil er es dort gar zu unanständig getrieben hat. Nu, ist es denn nicht eine wahre Schande, wenn er nachts ein liederliches Frauenzimmer mitbringt, während das Kindchen doch schon was begreifen kann! Und dabei schreit er noch: ‚Sieh, das hier wird deine Mutter sein, wenn ich es will!‘ Und was glauben Sie, er trieb es doch so, daß selbst diese Person, was sie da auch ist, ihm ins Gesicht spie. Und der Kleinen schreit er zu: ‚Du bist nicht meine Tochter, bild’ du dir nur das nicht ein! Ein ... bist du!‘“

Weltschaninoff fuhr zusammen bei diesem gemeinen Wort.

„Nicht möglich!“ stieß er ganz entsetzt hervor.

„Ich habe es selbst gehört. Er war ja wohl betrunken, als er das sagte, also nicht bei klarem Bewußtsein, aber immerhin ist das doch nichts für Kinderchen: wenn auch das Mädchen noch klein ist, begreifen tut es doch schon was, und es behält doch solche Wörter und denkt darüber nach und macht sich seine eigenen Gedanken! Und immer weinte das Mädchen, ganz krank hatte er es gemacht. Und vor ein paar Tagen noch, da war hier im Hause ein Verbrechen geschehen: ein Kommissar, oder was da die Leute sagten, hatte im Gasthof am Abend ein Zimmer genommen und gegen Morgen sich dann erhängt. Er soll fremdes Geld durchgebracht haben, heißt es. Nu, alles lief natürlich hin! Pawel Pawlowitsch war wieder nicht zu Hause und das Kindchen hatte er ohne Aufsicht zurückgelassen. Da sehe ich: auch das Mädchen steht dort unter all den Leuten im Korridor und guckt auch auf den Erhängten – so, wissen Sie, mit solchen Augen! Ich brachte sie schnell von dort fort, hierher zu mir. Aber was glauben Sie wohl, sie zitterte wie’n Espenblatt, ganz blau war sie im Gesicht, und kaum hatte ich sie wieder hier, da fiel sie auch schon hin und lag in Krämpfen. Ich hatte zu tun, daß sie wieder zu sich kam! Gott weiß, was das nu war – Fallsucht oder Kinderkrämpfchen oder was – aber seit der Zeit fing sie an zu kränkeln. Als er es dann erfuhr, am Abend, nachdem er zurückgekommen, da begann er von neuem, sie zu kneifen – denn er schlug sie ja nicht, er kniff gewöhnlich nur, – darauf soff er sich natürlich wieder voll, am selben Abend noch, kam wieder zurück, na, und da ging’s dann los mit dem Bangemachen: ‚Ich werde mich ebenso aufknüpfen, deinetwegen werde ich mich aufhängen,‘ sagte er, ‚an dieser selben Schnur‘ – dort, die vom Rouleau, sagt’ er, an dieser Schnur werde er sich aushängen. Und er machte sogar die Schlinge fertig, alles vor ihren Augen! Und die zittert sowieso schon, daß Gott erbarm’, und weiß nicht, wo sie sich lassen soll – schreit und weint und klammert sich mit ihren Ärmchen an ihn und jammert nur noch: ‚Ich werde nicht, ich werde nicht!‘ Daß Gott erbarm’!“

Weltschaninoff hatte sich zwar auf manches Seltsame gefaßt gemacht, diese Mitteilungen aber machten ihn so betroffen, daß er seinen Ohren nicht trauen wollte. Marja Ssyssojewna erzählte ihm noch vieles andere. Einmal zum Beispiel hätte sich Lisa „um ein Haar“ aus dem Fenster gestürzt, wenn sie, Marja Ssyssojewna, nicht dazwischen gekommen wäre.

Fast wie ein Betrunkener verließ er ihr Zimmer: „Ich werde ihn totschlagen, mit einem Knüppel totschlagen, wie einen Hund!“ fuhr es ihm durch den Kopf und lange noch wiederholte er in Gedanken diese Worte, als könnten sie ihn beruhigen.

Er nahm einen Wagen und fuhr zu Pogorjelzeffs. Doch noch war er aus der Stadt nicht hinausgefahren, als der Wagen plötzlich an einer Straßenkreuzung bei einer Kanalbrücke, über die sich ein langer Leichenzug bewegte, halten mußte. An beiden Enden der Brücke wurde der Verkehr dadurch aufgehalten und die Zahl der wartenden Gefährte wuchs mit jedem Augenblick. Fußgänger blieben schaulustig stehen und drängten sich näher. Es war ein vornehmes Begräbnis und die Reihe der nachfolgenden Equipagen daher sehr lang. Und plötzlich war es Weltschaninoff, als habe er in einem der Kutschenfenster das Gesicht Pawel Pawlowitschs erblickt. Einen Moment hielt er es für eine Täuschung, und er hätte seinen Augen auch wohl nicht getraut, – wenn nicht Pawel Pawlowitsch selbst seinen Kopf zum Fenster hinausgesteckt und ihm lächelnd zugenickt hätte. Offenbar war er riesig froh darüber, daß er Weltschaninoff erblickt und erkannt hatte, ja, er winkte ihm zum Gruß sogar mit der Hand. Weltschaninoff sprang aus dem Wagen und drängte sich trotz der Menge, der Schutzleute und ungeachtet dessen, daß Pawel Pawlowitschs Equipage bereits auf die Brücke fuhr, an den Wagenschlag heran. Pawel Pawlowitsch saß allein in seiner Kutsche.

„Was fällt Ihnen ein!“ schrie Weltschaninoff, „weshalb sind Sie nicht gekommen? Wie kommen Sie hierher?“

„Ich erweise dem Toten die letzte Ehre – schreien Sie nicht, schreien Sie nicht – ich muß meine Schuld tilgen!“ erwiderte Pawel Pawlowitsch kichernd und mit vergnügtem Zwinkern. „Ich geleite die irdischen Überreste meines aufrichtigen Freundes Stepan Michailowitsch!“

„Blödsinn! Betrunken sind Sie, verrückt!“ schrie Weltschaninoff, der im ersten Augenblick etwas gestutzt hatte. „Sie steigen sofort aus und setzen sich in meinen Wagen, sofort!“

„Ich kann nicht, meine Pflicht ...“

„Ich ziehe Sie am Kragen heraus und schleppe Sie hin!“ schrie Weltschaninoff.

„Aber ich werde schreien, ich werde schreien!“ kicherte mit derselben Vergnügtheit Pawel Pawlowitsch, ganz als scherze man nur mit ihm, zog sich jedoch in den fernsten Winkel der Kutsche zurück ...

„Achtung! Heda! Aufgepaßt!“ rief der Schutzmann.

In der Tat hatte, als der Wagen von der Brücke herabfuhr, eine fremde Kutsche die Reihe des Leichenzuges durchbrochen, was eine große Verwirrung und ein noch gefährlicheres Gedränge hervorrief. Weltschaninoff war gezwungen, zur Seite zu springen, und andere Kutschen und die Volksmenge drängten ihn noch weiter fort. Vor Ärger spie er aus und kehrte zu seinem Wagen zurück.

„Gleichviel, in diesem Zustande hätte man ihn doch nicht hinbringen können!“ suchte er sich zu beruhigen, aber er wurde trotzdem eine gewisse erregende Verwunderung nicht los.

Als er Klawdia Petrowna die Mitteilungen Marja Ssyssojewnas wiedergegeben und von der Begegnung unterwegs erzählt hatte, wurde sie sehr nachdenklich.

„Ich muß gestehen, daß ich für Sie fürchte,“ sagte sie, „Sie müssen jede Beziehung zu ihm abbrechen, je früher, um so besser.“

„Ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ rief Weltschaninoff heftig. „Das fehlte noch, daß ich den zu fürchten beginne! Und wie soll ich denn die Beziehungen zu ihm abbrechen – Sie vergessen Lisa! Denken Sie doch an Lisa!“

Und nun hörte er erst, daß Lisa ernstlich erkrankt sei. Seit dem Abend war das Fieber bedeutend gestiegen und man erwartete mit Ungeduld einen hervorragenden Arzt aus der Stadt, nach dem man schon in aller Frühe geschickt hatte. Diese Nachrichten gaben Weltschaninoff natürlich noch den Rest! Klawdia Petrowna führte ihn zur Kranken.

„Ich habe sie gestern aufmerksam beobachtet,“ sagte sie zu ihm, bevor sie ins Krankenzimmer traten. „Sie ist ein stolzes und düsteres Kind; sie schämt sich, daß sie bei uns ist und daß der Vater sie verlassen hat. Es ist das, meiner Meinung nach, die ganze Ursache ihrer Krankheit.“

„Wieso verlassen? Weshalb glauben Sie, daß er sie verlassen habe?“

„Nun schon – ich meine die Tatsache, daß er sie so ohne weiteres in ein fremdes Haus hat bringen lassen und noch dazu von einem Menschen ... der doch fast fremd ist – oder wenigstens ...“

„Aber ich habe sie ihm doch selbst fortgenommen, einfach mit Gewalt fortgenommen! Ich finde nicht, daß ...“

„Ach, mein Gott, aber Lisa, das Kind, findet es! Und von ihm – nun, von ihm glaube ich, daß er überhaupt nicht kommen wird.“

Lisa war durchaus nicht erstaunt, als sie Weltschaninoff ohne den Vater erblickte. Sie lächelte nur traurig und wandte ihr fieberglühendes Gesichtchen zur Wand. Auf die fast schüchternen Trostversuche Weltschaninoffs und auf seine eifrigen Versicherungen, daß er morgen unter allen Umständen den Vater zu ihr bringen werde, antwortete sie nichts. Als er sie endlich verließ und die Tür des Krankenzimmers hinter sich schloß, brach er plötzlich in Tränen aus.

Der Arzt kam erst gegen Abend. Nachdem er die Kleine untersucht hatte, äußerte er sich zum Schrecken aller dahin, daß da wohl überhaupt nichts mehr zu machen sei. Als man ihm sagte, daß die Kleine erst am Abend vorher erkrankt sei, wollte er es zunächst gar nicht glauben.

„Alles hängt jetzt nur davon ab,“ meinte er schließlich, „wie sie diese Nacht überstehen wird.“ Darauf traf er noch seine Anordnungen und verabschiedete sich, mit dem Versprechen, am nächsten Morgen möglichst früh wiederzukommen. Weltschaninoff wollte unbedingt zur Nacht bei ihnen bleiben, doch Klawdia Petrowna bat ihn, noch einmal den Versuch zu machen, „diesen Unmenschen“ dazu zu bewegen, zu seiner kranken Tochter zu kommen.

„Noch einmal?“ stöhnte Weltschaninoff. „Ja!! Ich werde ihn binden, ich werde ihn knebeln, und wenn ich ihn auch auf meinen Armen herschleppen müßte –!“

Der Gedanke, Pawel Pawlowitsch „zu binden und zu knebeln“ und mit Gewalt zu Pogorjelzeffs zu bringen, bemächtigte sich seiner in dem Maße, daß er vor Ungeduld, es buchstäblich so auszuführen, ganz nervös wurde.