Part 4
Dann also – das sind immer noch Ihre Meinungen, meine Herren – werden die neuen ökonomischen Verhältnisse beginnen, vollkommen ausgearbeitete und gleichfalls mit mathematischer Genauigkeit berechnete, so daß im Handumdrehen alle Fragen verschwinden werden, – eigentlich nur aus dem Grunde, weil man sonst die verschiedensten Antworten auf dieselben erhielte. Dann wird ein Kristall-Palast gebaut werden, dann ... Nun, mit einem Wort, dann wird der Märchenvogel angeflogen kommen. Natürlich kann man nicht garantieren, – jetzt rede ich wiederum von mir aus –, daß es dann z. B. nicht furchtbar langweilig sein wird – denn was soll man noch machen, wenn alles schon berechnet ist? – dafür wird es aber ungemein vernünftig sein. Aber was denkt man sich nicht alles aus Langeweile aus! Die goldenen Nadeln wurden doch auch aus Langeweile gesteckt, und davon noch gar nicht zu reden! Gemein ist nämlich nur, daß man sich dann der Stecknadeln womöglich noch freuen wird. Denn der Mensch ist doch dumm, phänomenal dumm! Das heißt, wenn er auch durchaus nicht dumm ist, so ist er doch so undankbar, daß man etwas Undankbareres mit der Laterne suchen kann und doch nicht finden wird. Z. B. würde es mich nicht im geringsten wundern, wenn sich dann mir nichts, dir nichts inmitten der allgemeinen zukünftigen Vernünftigkeit plötzlich irgend ein Gentleman vor uns aufstellt, die Hände in die Seiten stemmt und mit spöttischer Physiognomie uns allen sagt: „Nun wie, meine geehrten Anwesenden, sollten wir nicht diese ganze Vernünftigkeit mit einem Fußtritt zertrümmern, auf daß alle diese verfluchten Logarithmen zum Teufel gehen und wir wieder nach unserem törichten Willen leben können!?“ Das wäre ja schließlich noch nicht so schlimm, aber kränkend ist nur, daß er doch zweifellos – was sage ich! – _unbedingt_ Gesinnungsgenossen finden wird. Der Mensch ist nun einmal so geschaffen. Und er würde es aus dem nichtigsten Grunde, den zu erwähnen es sich überhaupt nicht lohnen sollte, tun: weil der Mensch, wer er auch sei, immer und überall so zu handeln liebt, wie er will, und durchaus nicht so, wie es ihm Vernunft und Vorteil befehlen. Wollen aber kann man auch gegen seinen eigenen Vorteil und zuweilen _muß_ man es sogar _unbedingt_ – das ist schon so meine Idee. Sein eigenes, freies Wollen, seine eigenen, meinetwegen dümmsten Launen, seine Phantasie, die zuweilen selbst bis zur Verrücktheit aufgeschraubt sein mag – das, gerade das ist ja dieser auf keiner einzigen Liste vermerkte vorteilhafteste Vorteil, der sich unmöglich klassifizieren läßt und durch den alle Systeme und Theorien sofort zum Teufel gehen. Woher wissen es denn diese Weisen, daß der Mensch irgend ein normales, irgend ein edles Wollen braucht? Wie kommen Sie darauf, sich skrupellos einzubilden, daß der Mensch unbedingt ein vernünftig-vorteilhaftes Wollen nötig hätte? Der Mensch braucht einzig und allein _selbständiges_ Wollen, was diese Selbständigkeit auch kosten und wohin sie auch führen mag. Aber das Wollen – weiß der Teufel ...
VIII.
„Hahaha! Aber das Wollen, das gibt es ja in Wirklichkeit überhaupt nicht!“ unterbrechen Sie mich lachend. „Die Wissenschaft hat den Menschen heute schon so anatomiert, daß, wie wir wissen, das Wollen und der sogenannte freie Wille nichts anderes sind, als ...“
Warten Sie, meine Herren, ich wollte ja selbst damit anfangen! Ich muß gestehen, ich erschrak sogar, als mir das einfiel. Ich wollte gerade ausrufen, daß das Wollen weiß der Teufel wovon abhängt, und daß wir dafür meinetwegen Gott danken können, aber da fiel mir plötzlich die Wissenschaft ein und ... da unterbrachen Sie mich auch schon. Nun, sagen wir, daß man einmal wirklich die Formel aller unserer Wünsche und Launen findet, ich meine, wovon sie abhängig sind, nach welchen Gesetzen sie eigentlich entstehen, wie sie sich verbreiten, wohin sie in diesem oder jenem Falle streben u. s. w., kurz, die richtige mathematische Formel, – so wird doch der Mensch dann sofort womöglich aufhören, zu wollen, ja, er wird sogar bestimmt aufhören, noch weiter zu wollen. Was ist denn das für ein Vergnügen, nach dem Kalender zu wollen? Und das wäre ja noch nicht alles: er verwandelt sich doch sofort aus einem Menschen in einen Drehorgelstift, oder etwas derartiges; denn was ist der Mensch ohne Wünsche, ohne Willen anderes, als ein Stiftchen an der Drehorgelwalze? Was meinen Sie dazu? Untersuchen wir die Wahrscheinlichkeiten, – kann das geschehen oder nicht?
„Hm! ...“ entscheiden Sie, – „unser Wollen ist infolge der fehlerhaften Auffassung unserer Vorteile größtenteils fehlerhaft. Darum wollen wir auch zuweilen reinen Blödsinn, weil wir infolge unserer Dummheit in diesem Blödsinn den leichtesten Weg zur Erreichung irgend welches vermeintlichen Vorteils sehen. Wenn aber alles erklärt, schwarz auf weiß ausgerechnet sein wird, – was keineswegs unmöglich ist, denn es wäre doch sinnlos und gemein, schon im voraus zu glauben, daß der Mensch gewisse Naturgesetze niemals erfahren könnte –, so wird es dann selbstverständlich diese sogenannten Wünsche nicht mehr geben. Denn wenn sich das Wollen einmal mit der Vernunft vereint haben wird, so werden wir dann eben vernunftgemäß denken, nicht aber wollen, und zwar einfach aus dem Grunde nicht, weil man doch z. B. bei voller Vernunft nicht Blödsinn _wollen_ und somit bewußt gegen seine Vernunft handeln und sich Nachteiliges wünschen kann ... Da man aber alle Wünsche und Gedanken tatsächlich einmal berechnet haben wird, denn irgend einmal wird man doch die Gesetze unseres sogenannten freien Willens entdecken, so wird es folglich doch zu so etwas in der Art einer Tabelle kommen, so daß wir dann auch ^in facto^ nach dieser Tabelle wollen werden. Denn wenn man mir vorrechnet und beweist, daß ich, wenn ich irgend jemandem eine lange Nase gezeigt, dieses ausschließlich getan habe, weil ich sie unbedingt gerade so, mit genau solch einer Grimasse habe zeigen müssen, so möchte ich bloß wissen, was nach dem noch _Freies_ in mir übrig bleibt, besonders wenn ich Gelehrter bin und irgendwo den Kursus der Wissenschaften beendet habe? Dann kann ich ja mein Leben auf ganze dreißig Jahre vorausberechnen. Mit einem Wort, wenn es einmal dazu kommt, so wird doch nichts mehr daran zu ändern sein; man wird es einfach annehmen müssen. Ja, und überhaupt müssen wir uns unermüdlich immer wieder sagen, daß die Natur uns dann und dann, sagen wir im Augenblick, da wir die lange Nase unter diesen oder jenen Umständen zeigen, nicht erst nach unserem Willen fragt; wir müssen sie so nehmen, wie sie ist, nicht aber so, wie wir sie uns vorstellen, und wenn wir wirklich nach der Tabelle und dem Kalender streben, nun und ... wenn auch meinetwegen zur Retorte, so – was ist denn dabei zu machen, – so müssen Sie auch die Retorte annehmen! Andernfalls wird sie eben ohne Sie angenommen ...“
Wunderbar, aber gerade hier liegt meiner Meinung nach der Haken! Meine Herren, Sie werden mir verzeihen, daß ich mich von der Philosophie habe fortreißen lassen; in ihr liegen vierzig Jahre Dunkel! Da können Sie mir doch erlauben, zu phantasieren. Sehen Sie mal: die Vernunft, meine Herren, ist eine gute Sache, das wird niemand bestreiten, aber die Vernunft ist und bleibt nur Vernunft, und befriedigt nur den Geist des Menschen; das Wollen dagegen ist die Offenbarung des ganzen Lebens, d. h. des ganzen menschlichen Lebens mit allem, was drum und dran ist. Und wenn sich auch unser Leben in dieser Offenbarung oftmals als ein lumpiges Ding erweist, so ist es doch immerhin Leben und nicht nur ein Ausziehen von Quadratwurzeln. Denn ich z. B. will doch ganz natürlicher Weise leben, um meine ganze Lebensfähigkeit zu befriedigen, nicht aber, um bloß meiner Vernunft Genüge zu tun, also irgend einem zwanzigsten Teil meiner ganzen Lebensfähigkeit. Was weiß denn die Vernunft? Die Vernunft weiß nur das, was sie bereits erfahren hat – anderes wird sie überhaupt nie wissen: das ist zwar kein Trost, doch warum soll man es denn nicht aussprechen? –, die menschliche Natur jedoch handelt stets als Ganzes, mit allem, was in ihr ist, bewußt und unbewußt, und wenn sie auch lügt, so lebt sie doch. Ich argwöhne, meine Herren, daß Sie mich jetzt gewissermaßen bemitleiden; Sie wiederholen mir, daß es für einen gebildeten und entwickelten Menschen, kurz, für einen Menschen, wie wir ihn im zukünftigen Typ haben werden, unmöglich sein wird, wissentlich sich etwas für sich unvorteilhaftes zu wünschen, – daß dieses mathematisch klar sei. Bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine Herren, gebe zu, daß es tatsächlich mathematisch klar ist. Doch trotzdem sage ich Ihnen zum hundertsten Mal: es gibt solch einen Fall, nur einen einzigen, in dem sich der Mensch wissentlich, absichtlich sogar Schädliches, Dummes, ja sogar Allerdümmstes wünschen kann, und zwar: um das _Recht zu haben_, sich sogar das Dümmste wünschen zu können, und nicht durch die Pflicht, sich einzig und allein nur Kluges wünschen zu müssen, gebunden zu sein. Gerade dieses „Allerdümmste“, diese seine Laune kann ja doch, meine Herren, für unsereinen in der Tat das Vorteilhafteste von allem sein, was es auf der Welt gibt, und das besonders noch in gewissen Fällen. Und mitunter kann es sogar vorteilhafter als alle Vorteile selbst in solch einem Falle sein, wenn es uns augenscheinlich Schaden bringt und unseren allergesündesten Vernunftschlüssen über die Vorteile widerspricht, – denn es erhält uns doch jedenfalls das Hauptsächlichste und Teuerste: unsere Persönlichkeit, unsere Individualität. Behaupten doch schon einige Philosophen, daß dieses für den Menschen wirklich das Teuerste sei; das Wollen kann sich natürlich, wenn es will, auch mit der Vernunft vereinigen, besonders wenn man sie nicht mißbraucht, sondern sich ihrer gemäßigt bedient; das ist dann auch ganz nützlich und zuweilen sogar lobenswert. Nun ist aber das Wollen sehr häufig, ja, sogar größenteils vollkommen und eigensinnig anderer Meinung, wie die gesunde Vernunft, und ... und ... und wissen Sie auch, daß auch das nützlich und zuweilen sogar lobenswert ist? Meine Herren, nehmen wir an, daß der Mensch nicht dumm ist ... Das kann man ja auch wirklich nicht von ihm sagen, denn sonst erhebt sich sofort die Frage, wer denn eigentlich klug sein soll? ... Doch wenn er auch nicht dumm ist, so ist er doch – ungeheuer undankbar! Ganz phänomenal undankbar! Ich glaube sogar, daß die beste Bezeichnung des Menschen sein würde: ein Wesen, das auf zwei Beinen steht und undankbar ist. Doch das ist noch nicht so schlimm; das ist noch nicht sein Hauptfehler; sein Hauptfehler ist – seine fortwährende, beständige Unsittsamkeit, angefangen von der Sintflut bis zur Schleswig-Holsteinschen Periode der Menschenschicksale. Ja, Unsittsamkeit, folglich aber auch Unvernunft; denn es ist doch schon längst bekannt, daß Unvernunft nicht anders entsteht, als durch Unsittsamkeit. Versuchen Sie es, werfen Sie einen Blick auf die Geschichte der Menschheit: nun, was? Großartig – wie? Meinetwegen auch großartig; allein schon der Koloß von Rhodos, was der wert ist! Nicht umsonst sagen die einen von ihm, er sei ein Werk von Menschenhand, die anderen aber, er wäre von der Natur selbst geschaffen worden. – Oder finden Sie sie bunt? Nun, meinetwegen auch bunt: wollte man bloß die Paradeuniformen der Militärs und Staatsleute nach den Jahrhunderten und den Nationen klassifizieren, – welch eine Heidenarbeit wäre schon das allein, und dabei wären die Mäntel noch nicht einmal mitgerechnet, – kein Historiker würde das fertig stellen. – Oder einförmig? Nun, meinetwegen auch einförmig: sie raufen sich, und raufen sich, und raufen sich jetzt und haben sich früher gerauft und haben sich später gerauft und werden sich auch noch hinfort raufen – Sie müssen mir doch zugeben, nicht wahr, daß das denn doch schon verboten einförmig ist! Kurz, man kann alles über die Weltgeschichte sagen, alles, was der hirnverbranntesten Einbildungskraft einfällt. Nur eines kann man nicht sagen, nämlich: daß sie vernünftig wäre. Sie würden bei der ersten Silbe stecken bleiben und das Hüsteln kriegen. Und dabei stößt man noch bei jeder Gelegenheit auf folgendes Naturspiel: fortwährend erscheinen im Leben solche sittsame und vernünftige und weise Leute, und Freunde des Menschengeschlechts, die es sich zum Ziel setzen, ihr ganzes Leben lang sich möglichst sittsam und vernünftig zu benehmen, gleichsam um mit ihrer Person den lieben Nächsten eine Leuchte zu sein, und das eigentlich nur, um ihnen zu beweisen, daß man in der Welt tatsächlich sowohl sittsam als vernünftig leben kann. Und? Bekanntlich aber sind viele dieser Menschheitsfreunde früher oder später oder vielleicht auch erst am späten Lebensabend sich nicht treu geblieben und haben irgend so ein Geschichtchen gemacht, zuweilen sogar eines, das zu den allerunsittsamsten gehört. Jetzt frage ich Sie: was kann man nun von einem Menschen, als von einem Wesen, das mit solchen sonderbaren Eigenschaften bedacht ist, erwarten? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, versenken Sie ihn in Glück bis über die Ohren, bis über den Kopf, so daß auf der Oberfläche des Glücks wie auf dem Wasserspiegel nur noch Blasen aufsteigen, geben Sie ihm solch ein pekuniäres Auskommen, daß ihm nichts anderes zu tun übrig bleibt, als zu schlafen, Pfefferkuchen zu vertilgen und für das Nichtaussterben der Menschheit zu sorgen, – so wird er, dieser selbe Mensch, Ihnen doch auf der Stelle aus bloßer Undankbarkeit, einzig zu Ihrer Schmach und Schande einen Streich spielen. Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Blödsinn wünschen, den allerunökonomischsten Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit sein verderbliches, phantastisches Element hineinzumischen. Gerade seine phantastischen Gedanken, seine gemeinste Dummheit wird er behalten wollen, und zwar ausschließlich zu dem Zweck, um sich selbst zu beweisen – ganz als ob das weiß Gott wie nötig wäre –, daß die Menschen immer noch Menschen sind, und nicht Klaviertasten, auf denen meinetwegen die Naturgesetze eigenhändig spielen mögen, dafür aber doch drohen, sich dermaßen einzuspielen, daß man allseits vom Kalender überhaupt nichts mehr wird wünschen oder wollen dürfen. Und nicht genug damit: selbst wenn er sich wirklich nur als Klaviertaste erweisen sollte, und wenn man ihm das sogar wissenschaftlich und mathematisch beweisen würde, selbst dann würde er nicht Vernunft annehmen, und noch zum Trotz absichtlich etwas Unheilvolles machen, natürlich nur aus purer Undankbarkeit, und eigentlich nur, um auf dem Seinen zu bestehn. Falls sich aber bei ihm keine Mittel, keine Möglichkeiten dazu erweisen sollten, so würde er sich Zerstörung und Chaos ausdenken, würde sich womöglich selbst Qualen ausdenken, aber doch auf dem Seinen eigensinnig bestehn! Flüche würde er über die Welt ausschütten! Da aber nur der Mensch allein fluchen kann – das ist nun schon einmal sein Privilegium, eines, das ihn vorzugsweise von den anderen Tieren unterscheidet –, so wird er doch mit diesem Fluch allein erreichen, was er will, d. h. wird sich tatsächlich überzeugen, daß er ein Mensch und keine Klaviertaste ist. Wenn Sie sagen, man könne auch dieses nach der Tabelle ausrechnen, Chaos, Finsternis und Fluch, so daß schon die bloße Möglichkeit der vorherigen Berechnung alles stocken macht und die Vernunft dann das Ihre nimmt, – so wird der Mensch sich ja womöglich verrückt machen, um keine Vernunft mehr zu haben und somit doch auf dem Seinen bestehn zu können. Daran glaube ich fest, dafür stehe ich ein, denn genau genommen besteht doch das ganze menschliche Tun, wie’s scheint, bloß darin, daß der Mensch sich immerwährend beweist, daß er ein Mensch ist und kein Stiftchen! Und wenn er es auch selbst ausbaden muß, aber beweisen will er’s, einerlei womit, aber beweisen, beweisen! Wenn das aber wahr ist, wie soll man dann nicht sündigen, nicht Gott danken, daß dieses noch nicht eingeführt ist und das Wollen vorläufig noch weiß der Teufel wovon abhängt!?
Sie schreien mir zu – wenn Sie mich überhaupt noch Ihres Schreiens würdigen –, daß mir doch niemand den Willen entziehe, daß man ja hierbei nur eines im Auge hätte, nämlich: es irgendwie so zu machen, daß mein Wille ganz von selbst, freiwillig mit meinen normalen Interessen zusammenfiele, mit den Gesetzen der Natur und Arithmetik.
Ach, meine Herren, was kann es denn da noch für einen eigenen Willen geben, wenn die Sache schon bis zur Tabelle und bis zur Arithmetik kommt, wenn nur noch Zweimalzwei = vier im Gange ist? Zweimalzwei wird auch ohne meinen Willen vier sein. Sieht denn freier Wille etwa so aus?
IX.
Meine Herren, ich scherze natürlich nur, und ich weiß es ja selbst, daß ich erfolglos scherze, aber man kann doch wirklich nicht alles für Scherz nehmen. Ich scherze, während ich vielleicht mit den Zähnen knirsche. Meine Herren, mich quälen viele Fragen; beantworten Sie sie mir. Sie wollen z. B. den Menschen von seinen alten Angewohnheiten abbringen und seinen Willen den Erkenntnissen der Wissenschaft und der gesunden Vernunft gemäß verbessern. Woher aber wissen Sie, ob es nicht nur möglich, sondern überhaupt _nötig_ ist, den Menschen so zu verbessern? Woraus schließen Sie, daß das menschliche Wollen der Verbesserung so notwendig bedarf? Mit einem Wort, woraus schließen Sie, daß solch eine Verbesserung dem Menschen wirklich vorteilhaft sein wird? Und – da ich Sie schon einmal frage – warum sind Sie so _vollkommen_ überzeugt, daß den wahren, normalen Vorteilen, die durch die Schlüsse der gesunden Vernunft und Arithmetik garantiert werden, _nicht_ zuwiderhandeln, für den Menschen immer wirklich vorteilhaft, und der ganzen Menschheit durchaus Gesetz sei? Das ist doch vorläufig nur Ihre bloße Annahme. Nun schön, nehmen wir an, daß es die Gesetze der Logik sind, so sind es doch allein deswegen vielleicht noch längst nicht Gesetze der Menschheit. Sie glauben vielleicht, meine Herren, daß ich verrückt bin? Erlauben Sie, daß ich mich rechtfertige. Also gut: der Mensch ist ein vornehmlich schöpferisches Tier, das verurteilt ist, bewußt nach einem Ziel zu streben, und sich ewig und ununterbrochen einen Weg zu bahnen, wenn auch _einerlei wohin_. Nun aber will er sich vielleicht gerade deswegen zuweilen aus dem Staube machen, sich abseits in die Büsche schlagen, weil er dazu _verurteilt_ ist, sich diesen Weg zu bahnen, und meinetwegen auch noch aus dem anderen Grunde, weil ihm, wie dumm der unmittelbare Tatmensch im allgemeinen auch sein mag, zuweilen doch der Gedanke kommt, daß dieser Weg, wie es sich erweist, fast immer _einerlei wohin_ führt, und daß die Hauptsache durchaus nicht ist, _wohin_ er führt, sondern, daß er überhaupt nur führt, auf daß sich das sittsame Menschlein nicht dem verderblichen Müßiggang ergebe, der, wie allgemein bekannt, aller Laster Anfang ist. Der Mensch liebt, zu schaffen und Wege zu bahnen, das steht fest. Warum aber liebt er bis zur Leidenschaft gleichfalls die Zerstörung und das Chaos? Bitte, meine Herren, beantworten Sie mir doch diese Frage! Aber darüber will ich ganz gern selbst ein paar Worte sagen. Liebt er Zerstörung und Chaos vielleicht deswegen so sehr – denn es ist doch klar, daß er sie zuweilen ganz ungewöhnlich liebt, das ist schon so –, weil er sich instinktiv fürchtet, das Ziel zu erreichen, das zu schaffende Gebäude zu vollenden? Was können Sie wissen, meine Herren, vielleicht liebt er dieses Gebäude nur aus der Entfernung, nicht aber in der Nähe? Vielleicht liebt er nur, es zu schaffen, in ihm zu leben aber überläßt er ^aux animaux domestiques^, als da sind: Ameisen, Schafe, Ochsen usw. usw. Sehen Sie, die Ameisen z. B. sind ganz andere Geisteskinder. Sie haben schon ein bewunderungswürdiges, unzerstörbares Gebäude – den Ameisenhaufen.
Mit dem Ameisenhaufen haben die ehrenwerten Ameisen angefangen, mit dem Ameisenhaufen werden sie bestimmt auch enden, was ihrer Beständigkeit und Positivität fraglos große Ehre macht. Der Mensch aber ist ein leichtsinniges Wesen, und liebt vielleicht gleich dem Schachspieler nur den Prozeß des Strebens zum Ziel, nicht aber das Ziel an und für sich. Und wer weiß – man kann es doch nicht verreden –, es wäre vielleicht sogar möglich, daß auch das ganze Erdenziel, zu dem die Menschheit strebt, nur in diesem einen ununterbrochenen Prozeß des Strebens liegt, nicht aber eigentlich im Ziel, das natürlich nichts anderes sein kann, als Zweimalzwei-ist-vier, d. h. die Formel. Zweimalzwei-ist-vier ist aber nicht mehr Leben, meine Herren, sondern der Anfang des Todes. Wenigstens hat der Mensch dieses Zweimalzwei-ist-vier immer gewissermaßen gefürchtet, ich aber fürchte es auch jetzt noch. Nehmen wir an, daß der Mensch nichts anderes tut, als dieses Zweimalzwei-ist-vier suchen, in diesem Suchen Ozeane überschwimmt, das Leben opfert, jedoch es zu finden, sich, bei Gott, fürchtet. Er fühlt doch, daß ihm, wenn er es gefunden hat, nichts mehr zu suchen übrig bleibt. Wenn Arbeiter eine Arbeit beendet haben, so erhalten sie doch wenigstens Geld, für das sie in die Schenke gehn und sich betrinken, um darauf von der Polizei abgeführt zu werden, – und damit wäre eine Woche ausgefüllt. Wohin aber soll der Mensch gehn? Wenigstens kann man an ihm jedesmal, wenn er ein ähnliches Ziel erreicht hat, gewissermaßen eine Enttäuschung, etwas Unbeholfenes wahrnehmen. Das Streben nach der Erreichung des Zieles liebt er, das Erreichen aber selbst – nicht mehr so ganz; und das ist natürlich äußerst lächerlich. Kurz: der Mensch ist schon lächerlich von Natur; in allem zusammengenommen ist augenscheinlich ein Kalauer enthalten. Doch Zweimalzwei-ist-vier – bleibt immerhin eine verteufelt unerträgliche Sache. Zweimalzwei-ist-vier, das ist meiner Meinung nach nur eine unverschämte Frechheit! Zweimalzwei-ist-vier steht wie ein frecher Bengel mit den Händen in den Hosentaschen mitten auf unserer Straße und spuckt bloß nach rechts und links. Ich gebe ja widerspruchslos zu, daß zweimalzwei-ist-vier eine ganz vortreffliche Sache ist, doch, wenn man schon einmal lobt, so ist auch zweimal-zwei-ist-_fünf_ zuweilen ein allerliebstes Sächelchen.