Sämtliche Werke 20

Part 5

Chapter 53,576 wordsPublic domain

Und warum sind Sie so fest, so feierlich überzeugt, daß ausschließlich das Normale und Positive – mit einem Wort, daß nur die Wohlfahrt dem Menschen vorteilhaft sei? Sollte sich diese Ihre Vernunft nicht vielleicht täuschen in dem, was sie Vorteile nennt? Denn es kann doch sein, daß der Mensch nicht nur die Wohlfahrt allein liebt? Vielleicht liebt er ganz ebenso sehr das Leiden? Vielleicht bringt ihm das Leid ebenso viel Gewinn, wie die Wohlfahrt? Und der Mensch liebt zuweilen wirklich das Leiden, bis zur Leidenschaft kann er es lieben, – bitte, das ist Tatsache. Da braucht man sich nicht mehr an die Weltgeschichte zu halten; man frage sich selbst, wenn man nur ein Mensch ist und zum mindesten ein wenig gelebt hat. Was meine persönliche Meinung anbetrifft, so ist nichts als Wohlfahrt lieben geradezu unanständig. Ob’s gut oder schlecht ist, – aber irgend etwas zerbrechen ist mitunter gleichfalls äußerst angenehm. Ich bin ja eigentlich nicht gerade für das Leiden, doch natürlich auch nicht für die Wohlfahrt. Ich bin für ... den Eigenwillen und dafür, daß ich mich zu jeder Zeit auf ihn verlassen kann. Das Leiden wird z. B. in Vaudevilles nicht zugelassen, das weiß ich. Im Kristallpalast ist es ja auch undenkbar: Leiden ist Zweifel, ist Verneinung, was aber gibt es im Kristallpalast, worüber man in Zweifel geraten könnte? Währenddessen aber bin ich überzeugt, daß der Mensch auf das wirkliche Leiden, d. h. auf Zerstörung und Chaos niemals verzichten wird. Das Leiden – ja, das ist doch die einzige Ursache der Erkenntnis! Wenn ich auch zu Anfang behauptet habe, daß die Erkenntnis meiner Meinung nach für den Menschen das größte Unglück ist, so weiß ich doch, daß der Mensch es liebt und gegen _keine_ Befriedigungen eintauschen würde. Die Erkenntnis steht z. B. unendlich höher als Zweimalzwei. Nach den Zweimalzweien, versteht sich, bleibt ja nicht nur nichts mehr zu tun, sondern auch nichts mehr zu erkennen übrig. Alles, was dann noch möglich sein wird, ist – seine fünf Sinne zu verstopfen und sich in Selbstanschauung zu versenken. Nun, und wenn es bei der Selbstanschauung auch zum selben Resultat kommen sollte, daß es nichts zu tun geben wird, so wird man wenigstens sich selbst mitunter zerfleischen können, das aber ermuntert doch immerhin. Wenn’s auch rückständig ist, so ist es doch, was man dagegen auch sagen mag, immer besser als nichts tun.

X.

Sie, meine Herren, glauben an einen ewig unzerstörbaren Kristallpalast, d. h. also an etwas, dem man heimlich weder die Zunge zeigen noch eine lange Nase machen kann. Ich aber fürchte diesen Palast, gerade weil er aus Kristall und ewig unzerstörbar ist, und weil man ihm nicht einmal heimlich wird die Zunge zeigen können.

Denn sehen Sie mal: wenn an Stelle des Palastes ein Hühnerstall wäre und es regnete, so würde ich vielleicht auch in den Hühnerstall kriechen, um nicht naß zu werden, doch würde ich trotzdem nicht aus bloßer Dankbarkeit den Hühnerstall für einen Palast halten, einzig weil er mich vor dem Regen beschützt hat. Sie lachen, Sie sagen, daß in diesem Fall der Hühnerstall und ein großes Wohnhaus – ein und dasselbe wären. Gewiß, antworte ich, wenn man nur zu dem Zweck leben müßte, um nicht naß zu werden.

Was soll ich aber tun, wenn ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt habe, daß man nicht nur zu dem Zweck lebt, und daß, wenn man schon einmal lebt, dann auch in Wohnhäusern leben sollte. Das ist meine Überzeugung, das sind meine Wünsche, und die werden Sie nur dann aus mir herausreißen können, wenn es Ihnen zuerst gelingt, sie zu verändern. Nun gut, verändern Sie mich, verführen Sie mich zu etwas Anderem, geben Sie mir ein anderes Ideal. Vorher aber werde ich einen Hühnerstall doch nicht für einen Palast halten. Mag es sogar so sein, daß der Kristallpalast nur Aufschneiderei ist, daß man ihn nach den Naturgesetzen überhaupt nicht als möglich annehmen kann, und daß ich ihn mir nur infolge meiner eigenen Dummheit ausgedacht habe, infolge einiger alter irrationaler Angewohnheiten unserer Generation. Was geht es aber mich an, ob man ihn annehmen kann oder nicht. Bleibt sich das denn nicht ganz gleich, wenn er nur in meinen Wünschen vorhanden ist, oder, besser gesagt, so lange vorhanden ist, wie meine Wünsche vorhanden sind? Vielleicht belieben Sie wieder, über mich zu lachen? Nur zu! Ich nehme Ihren ganzen Spott gerne hin, doch werde ich nicht sagen, daß ich satt bin, wenn ich essen will; ich weiß, daß ich mich mit einem Kompromiß nicht zufrieden geben werde, mit einer unendlichen periodischen Null, bloß weil sie nach den Naturgesetzen wirklich vorhanden ist. Ich werde niemals sagen, die Krone meiner Wünsche sei – eine Mietskaserne mit Wohnungen für die Armen und auf alle Fälle mit dem Aushängeschild irgend eines jüdisch-deutschen Zahnarztes. Vernichten Sie meine Wünsche, verwischen Sie die Bilder meiner Ideale, zeigen Sie mir irgend etwas Besseres, und ich werde Ihnen glauben. Meine Herren, Sie wollen mir vielleicht sagen, es lohne sich nicht, unsere Bekanntschaft weiter fortzusetzen? In dem Falle aber könnte ich Ihnen von mir aus dasselbe sagen. Wir diskutieren ja im Ernst. Wollen Sie mich jedoch Ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr würdigen, so werde ich Sie nicht weiter belästigen. Meinetwegen. Ich werde Sie ja sowieso nicht grüßen.

Ich habe meinen dunklen Winkel, habe meinen Untergrund.

Vorläufig aber lebe und wünsche ich noch, – und daß mir meine Hand verdorre, wenn ich auch nur einen einzigen Ziegelstein zum Bau solch einer Mietskaserne bringe! Beachten Sie bitte weiter nicht, daß ich vorhin den Kristallpalast, wie ich vorgab, aus dem einen Grunde ablehnte, weil man ihm nicht die Zunge zeigen könne. Ich habe das keineswegs gesagt, weil ich es etwa so liebe, meine Zunge herauszustecken. Ich ... vielleicht hat es mich nur geärgert, daß es unter all Ihren Gebäuden bis jetzt noch kein einziges gibt, dem man auch nicht die Zunge zeigen wollte. Im Gegenteil, ich wäre sogar gern bereit, mir aus lauter Dankbarkeit die Zunge ganz und gar abschneiden zu lassen, wenn man mir dafür garantiert, daß mich dann niemals mehr der Wunsch anwandeln wird, sie noch herauszustecken. Was kann ich dafür, daß mir dieses niemand garantiert, und daß man sich mit Mietswohnungen begnügen muß! Warum bin ich denn mit solchen Wünschen geschaffen? Sollte ich denn wirklich nur geschaffen sein, um zur Überzeugung zu kommen, daß mein ganzer innerer Mensch nichts als Betrug ist? Sollte wirklich der ganze Zweck meines Daseins nur darin liegen? Glaub’s nicht.

Doch, übrigens, wissen Sie was: ich bin überzeugt, daß man unsereinen, ich meine, solch einen Untergrundmenschen, im Zaum halten muß. Er ist wohl fähig, vierzig Jahre lang stumm im dunkelsten Winkel zu sitzen, dafür aber geht er denn auch sofort durch, wenn er einmal ans Tageslicht kommt, dann redet er, redet er, redet er ...

XI.

Das Resultat, meine Herren: am besten ist – überhaupt nichts tun! Lieber kontemplative Inertie! Und darum – es lebe der dunkle Untergrund! Ich habe zwar gesagt, daß ich den normalen Menschen bis zur grünsten Galle beneide, doch in jenen Verhältnissen, in denen ich ihn sehe, will ich nicht er sein – obgleich ich trotzdem nicht aufhören werde, ihn zu beneiden. Nein, nein, der Untergrund ist in jedem Fall vorteilhafter! In ihm kann man wenigstens ... Ach! Ich lüge ja schon wieder, sogar hier lüge ich! Ich lüge, weil ich ja selbst weiß, wie zweimal-zwei-ist-vier weiß, daß der Untergrund keineswegs besser ist, sondern etwas Anderes, ganz Anderes, nachdem ich mich sehne, über die Maßen sehne, und das ich doch nicht finden kann! Der Teufel hole den Untergrund!

Ja, wissen Sie, was dieses „Besser“ wäre: das wäre – wenn ich selbst nur an irgend etwas von dem glauben könnte, was ich soeben geschrieben habe. Ich schwöre Ihnen doch, meine Herren, daß ich keinem einzigen, aber auch wirklich keinem einzigen Wort von all dem, was ich geschrieben habe, glaube! Das heißt, schließlich glaube ich ja auch, doch im selben Augenblick fühle und argwöhne ich, weiß wirklich nicht warum, daß ich wie ein Schuster lüge.

„Ja, wozu haben Sie denn das alles geschrieben?“ fragen Sie mich.

Warten Sie mal, ich werde Sie auf vierzig Jahre ohne jede Beschäftigung in einen Keller einsperren, und dann nach vierzig Jahren zu Ihnen kommen, um mich zu erkundigen, wie weit Sie es gebracht haben. Kann man denn einen Menschen vierzig Jahre lang ohne Arbeit allein lassen?

„Und Sie schämen sich nicht einmal!?“ werden Sie mir vielleicht mit verächtlichem Kopfschütteln zurufen. „Sie lechzen nach dem Leben und wollen dabei doch die Lebensfragen mit logischem Unsinn lösen? Und wie zudringlich, wie frech Ihre Ausfälle sind, und, zu gleicher Zeit, wie fürchten Sie sich doch! Sie reden Unsinn und finden Gefallen an ihm; Sie sagen Frechheiten, wegen deren Sie sich fürchten, und für die Sie ununterbrochen um Entschuldigung bitten. Sie versichern, Sie fürchteten nichts, und währenddessen bemühen Sie sich doch, unsere gute Meinung zu erschmeicheln. Sie versichern, Sie knirschten mit den Zähnen, und zu gleicher Zeit reißen Sie Witzchen, um uns zu erheitern. Sie wissen, daß Ihre Witze nicht geistreich sind, doch sind Sie mit ihrem literarischen Wert augenscheinlich zufrieden. Es ist möglich, daß Sie vielleicht wirklich gelitten haben, doch achten Sie ihre Leiden nicht im Geringsten. In Ihnen steckt allerdings auch Wahrheit, doch was Ihnen gänzlich fehlt, ist Keuschheit; aus kleinlicher Ruhmsucht tragen Sie Ihre Wahrheit zur Schau, zu Schimpf und Schande auf den Markt ... Sie wollen, wie’s scheint, tatsächlich etwas sagen, doch aus Furcht verstecken Sie Ihr letztes Wort, denn Sie haben keinen Mut, es auszusprechen. Sie haben ja nur feige Gemeinheit. Sie rühmen sich mit Ihrer Erkenntnis, doch wirklich überzeugt sind Sie von keiner einzigen: Sie schwanken zwischen allen Erkenntnissen hin und her, denn wenn Ihr Verstand auch arbeitet, so ist doch Ihr Herz von Verderbnis beschmutzt, ohne ein reines Herz jedoch – wird man niemals zu voller, rechter Erkenntnis gelangen. Und wie zudringlich Sie sind, wie Sie sich verstellen! Alles ist bei Ihnen Lüge, Lüge, Lüge!“

Selbstverständlich habe ich diese Ihre Worte mir selbst ausgedacht. Die kommen gleichfalls aus dem Untergrund. Dort habe ich vierzig Jahre lang auf diese Ihre Worte durch eine kleine Spalte gelauscht. Ich habe sie mir selbst ausgedacht ... das ist ja doch alles, was bei meinem Denken herausgekommen ist. Was Wunder, wenn ich sie schon auswendig hersagen kann, und wenn sie literarische Form angenommen haben ...

Sollte es möglich sein, wäre es wirklich möglich, daß Sie tatsächlich so leichtgläubig sind und faktisch glauben, ich würde alles, was ich geschrieben habe, drucken lassen und es dann noch Ihnen zu lesen geben? Und dann ist mir noch eines rätselhaft: warum nenne ich Sie „meine Herren“, warum wende ich mich an Sie, ganz als ob ich mich wirklich an Leser wendete? Geständnisse, wie _ich_ sie zu machen beabsichtige, läßt man nicht drucken, und gibt man nicht anderen zu lesen. Wenigstens habe ich nicht so viel Festigkeit in mir, um so etwas zu tun, und ich halte es auch für überflüssig, sie zu haben. Aber, sehen Sie, mir ist ein phantastischer Gedanke in den Kopf gekommen, und nun will ich ihn unbedingt aussprechen. Es handelt sich um folgendes:

In den Erinnerungen eines jeden Menschen gibt es Dinge, die er nicht allen mitteilt, sondern höchstens seinen Freunden. Aber es gibt auch Dinge, die er nicht einmal den Freunden aufdeckt, sondern nur sich selbst, ja und auch das nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Endlich gibt es aber auch noch Dinge, die der Mensch sogar sich selbst zu sagen sich fürchtet, und solcher Dinge sammelt sich bei jedem anständigen Menschen eine ganz beträchtliche Menge an. Und zwar läßt sich sogar folgendes sagen: je mehr er ein „anständiger Mensch“ ist, desto mehr wird er solcher Dinge haben. Wenigstens habe ich mich erst vor ganz kurzer Zeit entschlossen, mich einiger meiner früheren Erlebnisse zu erinnern, bis dahin aber umging ich sie immer mit einer gewissen Unruhe. Jetzt jedoch, da ich nicht nur an sie denke, sondern mich sogar entschlossen habe, sie niederzuschreiben, jetzt will ich gerade erproben: kann man denn wenigstens sich selbst gegenüber ganz und gar aufrichtig sein, ohne die Wahrheit zu fürchten? Bei der Gelegenheit: Heine behauptet, wahrheitsgetreue Autobiographien gäbe es überhaupt nicht, der Mensch könne niemals die ganze Wahrheit über sich schreiben. Seiner Meinung nach hat z. B. Rousseau in seinen Bekenntnissen bestimmt über sich selbst gelogen, und sogar bewußt gelogen, aus Ruhmsucht. Ich bin überzeugt, daß Heine recht hat; ich verstehe sehr gut, wie man sich zuweilen einzig aus Ruhmsucht ganze Verbrechen aufschwätzen kann, und ich begreife auch vollkommen, welcher Art diese Ruhmsucht ist. Doch Heine urteilte über einen Menschen, der vor dem Publikum beichtete. Ich jedoch schreibe nur für mich und erkläre hiermit ein für alle Mal, daß ich, wenn ich auch so schreibe, als ob ich mich an meine Leser wende, es nur zum Schein tue, weil es mir so leichter ist, zu schreiben. Es ist also nur eine gewisse Form bei mir, eine ganz bedeutungslose Redewendung; Leser werde ich niemals haben. Übrigens habe ich das ja schon einmal gesagt ...

Ich will mich in der Redaktion meiner Aufzeichnungen durch nichts beeinflussen lassen. Ein besonderes System werde ich nicht anwenden. Werde schreiben, was mir gerade einfällt.

Nun, sehen Sie, da könnten Sie mich jetzt mit vollem Recht fragen: „Warum treffen Sie denn, wenn Sie wirklich nicht auf Leser rechnen, mit sich selbst und dazu noch schriftlich solche Verabredungen, wie z. B., daß Sie kein System einführen würden, daß Sie alles so niederschreiben wollten, wie es Ihnen einfällt u. s. w.? Wozu erklären Sie so viel? Warum entschuldigen Sie sich?“

„Ja, seht doch mal!“

Hierin liegt übrigens die ganze Psychologie. Es kann aber auch sein, daß ich einfach nur ein Feigling bin. Aber es kann auch sein, daß ich mir absichtlich ein Publikum ausdenke, um mich in der Zeit, in der ich schreibe, anständiger zu benehmen. Gründe kann es doch wirklich zu Tausenden geben.

Aber noch eines: warum eigentlich, zu welch einem Zweck will ich denn schreiben? Wenn es nicht für ein Publikum geschieht, so könnte man sich alles dessen doch auch so, einfach in Gedanken, erinnern, ohne es zu Papier zu bringen?

Stimmt. Aber auf dem Papier nimmt es sich doch gewissermaßen feierlicher aus, geschrieben liegt etwas eindringlicheres darin, es wird mehr wie Gericht über sich selbst sein, der Stil wird sich entwickeln. Außerdem: vielleicht wird mir das Aufschreiben wirklich Erleichterung bringen. Augenblicklich bedrückt mich ganz besonders eine dumme Erinnerung. Vor einigen Tagen fiel mir diese Geschichte plötzlich ein, und seit der Zeit kann ich sie nicht mehr los werden, ganz wie ein lästiges musikalisches Motiv, das einem zuweilen nicht aus den Ohren will. Und doch muß ich mich endlich von ihr befreien. Solcher Erinnerungen habe ich zu Hunderten; zuweilen aber löst sich aus den Hunderten eine einzige, irgend eine, die dann anfängt, mich zu quälen. Aus einem unbestimmten Grunde glaube ich, daß ich mich von ihr befreien werde, wenn ich sie niederschreibe. Warum soll ich’s nicht versuchen?

Und dann: ich habe es langweilig, habe nie etwas zu tun. Schreiben aber ist doch immerhin so etwas wie eine Arbeit. Man sagt, daß der Mensch durch Arbeit gut und ehrlich werde. Nun, da hätten wir wenigstens eine Chance.

Es schneit. Nasser, gelber, schwerer Schnee. Gestern schneite es gleichfalls, und auch vor einigen Tagen hat es geschneit. Ich glaube, dieser nasse Schnee war die Ursache, warum mir jene Geschichte, die ich jetzt nicht mehr los werden kann, wieder einfiel. So mag denn auch meine kleine Erzählung so heißen: Bei nassem Schnee.

Zweiter Teil. Bei nassem Schnee.

I.

Damals war ich erst vierundzwanzig Jahre alt. Mein Leben war auch schon zu der Zeit unfreundlich, unordentlich und bis zur Verwilderung einsam. Mit keinem einzigen Menschen pflegte ich Umgang; ich vermied es sogar zu sprechen, und immer mehr und mehr zog ich mich in meinen Winkel zurück. In der Kanzlei bemühte ich mich sogar, niemanden anzusehen, und doch glaubte ich, zu bemerken, daß meine Kollegen mich nicht nur für einen Sonderling hielten, sondern mich gleichsam mit einem gewissen Widerwillen betrachteten. Ich fragte mich: warum scheint es den anderen nicht, daß man Widerwillen vor ihnen empfindet? Einer unserer Kanzleibeamten hatte ein ganz abscheuliches, pockennarbiges Verbrechergesicht; ich glaube, ich hätte es nicht gewagt, mit solch einem unanständigen Gesicht irgend jemanden auch nur anzublicken. Ein anderer hatte eine so vertragene Uniform, daß es in seiner Nähe schon übel roch. Währenddessen aber genierte sich kein einziger dieser Herren – weder seiner Kleider, noch seines Gesichtes wegen, noch sonst aus irgend einem moralischen Grunde. Weder der eine noch der andere ließen es sich träumen, daß man vor ihnen hätte Ekel empfinden können, ja, und selbst wenn sie es sich hätten träumen lassen, so wäre es ihnen doch gleichgültig gewesen – wenn nur die Vorgesetzten nichts bemerkten. Jetzt ist es mir vollkommen klar, daß ich selbst, infolge meines grenzenlosen Ehrgeizes und somit auch infolge meiner grenzenlosen Ansprüche an mich selbst, sehr oft so unzufrieden mit mir war, daß diese Unzufriedenheit sich bis zum Ekel vor mir selbst, bis zur Raserei steigern konnte, und deswegen schrieb ich denn auch mein eigenes Empfinden in Gedanken jedem anderen zu. So z. B. haßte ich mein Gesicht, fand ich, daß es abscheulich war, und argwöhnte sogar, daß in ihm ein ganz besonders gemeiner Ausdruck lag, und darum bemühte ich mich qualvoll jedesmal, wenn ich in die Kanzlei kam, mit meinem Gesicht möglichst viel Edelmut auszudrücken, und mich möglichst ungezwungen und unabhängig zu benehmen, damit man mich nicht einer Gemeinheit verdächtige. „Mag es auch ein unschönes Gesicht sein,“ dachte ich, „dafür aber könnte es doch edel, ausdrucksvoll und vor allem außerordentlich klug sein.“ Zu gleicher Zeit aber wußte ich unter wahren Marterqualen auf das bestimmteste, daß ich alle diese Vollkommenheiten mit meinem Gesichte nie und nimmer würde ausdrücken können. Doch das Schrecklichste war, daß ich es ausgesprochen dumm fand. Und doch hätte ich mich mit dem klugen Ausdruck allein gern zufrieden gegeben. Sogar so gern, daß ich selbst einverstanden gewesen wäre, noch einen gemeinen Ausdruck mit in den Kauf zu nehmen, nur aber unter der einen Bedingung, daß alle mein Gesicht zu gleicher Zeit auch furchtbar klug fänden.

Unsere Kanzleibeamten haßte ich natürlich alle, vom ersten bis zum letzten ohne Ausnahme, trotzdem aber schien es mir, daß ich sie gewissermaßen auch fürchtete. Ja, es kam vor, daß ich sie plötzlich sogar über mich stellte. Das geschah bei mir damals immer abwechselnd: bald verachtete ich sie, bald stellte ich sie wieder über mich. Ein entwickelter und anständiger Mensch kann nicht ehrgeizig sein, ohne dabei grenzenlose Ansprüche an sich selbst zu stellen und sich in manchen Augenblicken bis zum Haß zu verachten. Doch ob ich mich nun verachtete oder hochschätzte, ich senkte doch vor jedem Menschen, der mir begegnete, die Augen. Ich stellte daraufhin sogar Versuche an: würde ich den Blick dieses oder jenes Menschen aushalten können, – und siehe: jedesmal mußte ich meinen Blick zuerst senken. Das quälte mich bis zum Wahnsinn ... Bis zu Krämpfen fürchtete ich gleichfalls, lächerlich zu sein, und darum vergötterte ich sklavisch die Routine in allem, was das Auftreten anbetraf; liebevoll schwamm ich mit dem Strom und fürchtete mit ganzer Seele jede Exzentrizität in mir. Wie hätte ich das lange aushalten können? Ich war krankhaft entwickelt, wie es eben ein entwickelter Mensch unserer Zeit sein muß. Sie aber waren alle stumpfsinnig und glichen sich untereinander wie die Schafe einer Heerde. Vielleicht war das der Grund, warum es mir immer schien, daß ich ein Feigling und ein Sklave sein müßte – weil ich allein entwickelt war. Aber es schien mir ja nicht nur so, es war auch wirklich der Fall: ich war ein Feigling und ein Sklave. Das sage ich jetzt ohne jede Verlegenheit. Jeder anständige Mensch unserer Zeit ist ein Feigling und Sklave und muß es sein. Das ist sein normaler Zustand. Davon bin ich nicht nur fest, sondern auch untergründig tief überzeugt. Er ist als Mensch unserer Zeit schon so geschaffen. Und nicht nur in unserer Zeit, und nicht nur durch irgend welche zufälligen Umstände, sondern überhaupt zu allen Zeiten muß der ordentliche Mensch Feigling und Sklave sein. Das ist das Naturgesetz aller anständigen Menschen. Und wenn es einmal geschehen sollte, daß sich einer von ihnen zu irgend etwas ermutigt, so soll er sich deswegen noch nicht gleich an seinem Mut berauschen: bei der nächsten Gelegenheit wird er sich doch als Feigling erweisen. Das ist nun einmal der einzige und ewige Ausweg. Nur Esel und ihre Bastarde ermutigen sich, aber auch die nur bis zu der gewissen Wand. Doch es lohnt sich nicht, noch weiter über sie zu reden, sie bedeuten ja doch so gut wie nichts.

Auch quälte mich noch etwas anderes: daß mir niemand gleicht und auch ich niemandem ähnlich sehe. „Nur ich bin allein, sie aber sind _alle_,“ dachte ich, und – versank in Nachdenken.

Daraus sieht man, daß ich noch ein ganz unreifer Junge war.

Mitunter geschah aber auch das Entgegengesetzte. War es doch zuweilen so entsetzlich langweilig, in die Kanzlei zu gehen, daß ich ganz krank aus dem Dienst nach Haus zurückkehrte. Und plötzlich begann dann wiederum eine Periode der Skepsis und Gleichgültigkeit – bei mir war alles in Perioden – und siehe, da lachte ich selbst über meine Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit, machte mir selbst wegen meiner _Romantik_ Vorwürfe. Bald will ich überhaupt nicht sprechen, bald aber werde ich nicht nur gesprächig, sondern es fällt mir sogar ein, mich freundschaftlich an meine Kollegen anzuschließen. Die ganze Reizbarkeit ist plötzlich im Handumdrehen verschwunden. Wer weiß, vielleicht habe ich sie nie gehabt, vielleicht ist sie nur Selbsttäuschung gewesen, nur vom Bücherlesen gekommen? Diese Frage habe ich bis auf den heutigen Tag noch nicht beantworten können. Einmal hatte ich mich bereits ganz mit ihnen angefreundet, besuchte sie sogar in ihren Wohnungen, spielte Préférence, trank Schnaps, diskutierte über Rußlands Produktionsfähigkeit ... Doch hier erlauben Sie mir bitte, einige vom Thema abweichende Worte zu sagen.