Part 3
„Warum nicht? Auch im Zahnschmerz ist Genuß,“ antworte ich. Einmal habe ich einen ganzen Monat Zahnschmerzen gehabt – ich weiß, wie das ist! Natürlich, hierbei erbost man sich nicht schweigend – man stöhnt. Doch ist es dann kein aufrichtiges, sondern ein schadenfrohes Gestöhn, aber in dieser Schadenfreude ist ja alles enthalten! Gerade in diesem Gestöhn drückt sich ja die ganze Wonne, der ganze Genuß des Leidenden aus: empfände er keinen Genuß, so würde er auch nicht stöhnen. Das ist ein gutes Beispiel, meine Herren, bleiben wir bei ihm. In diesem Stöhnen liegt erstens die ganze für Ihre Erkenntnis erniedrigende Zwecklosigkeit Ihres Schmerzes, die ganze Gesetzlichkeit der Natur, auf die Sie natürlich spucken können, doch durch die _Sie_ trotzdem leiden, die Natur aber nicht. Zweitens, die Erkenntnis, daß kein Feind vorhanden, wohl aber der Schmerz vorhanden ist; die Erkenntnis, daß Sie zusammen mit allen möglichen Doktoren vollkommen Sklave Ihrer Zähne sind; daß, falls es irgend jemand will, Ihre Zähne nicht mehr schmerzen werden, wenn er es aber nicht will, sie noch weitere drei Monate schmerzen werden; und daß drittens, wenn Sie sich immer noch nicht ergeben und immer noch protestieren wollen, Ihnen zur eigenen Beruhigung nur noch übrig bleibt, sich selbst durchzuprügeln oder mit der Faust etwas schmerzhafter an Ihre Wand zu schlagen – sonst aber entschieden nichts. Nun, sehen Sie, – gerade von diesen Beleidigungen bis aufs Blut, von diesem Verspottetwerden, ohne zu wissen von wem, entsteht dann allmählich dieser Genuß, der oft bis zur höchsten Wollust steigen kann. Bitte, meine Herren, hören Sie doch einmal aufmerksam dem Gestöhn eines gebildeten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts zu, wenn er Zahnschmerzen hat, doch schon so am zweiten oder dritten Tage, wenn er nicht mehr so stöhnt, wie am ersten Tage, d. h., nicht nur einfach, weil seine Zähne schmerzen, nicht wie irgend ein gewöhnlicher Bauer stöhnt, sondern wie ein Mensch, der von der Bildung und der europäischen Kultur durchdrungen ist – wie ein Mensch, „der sich vom Boden und dem Volke getrennt hat,“ wie man sich jetzt auszudrücken pflegt. Sein Gestöhn wird gewissermaßen gemein, boshaft und hält ganze Tage und Nächte lang an. Und er weiß es ja selbst, daß ihm dieses Stöhnen nicht den geringsten Nutzen bringt; weiß es selbst am allerbesten, daß er damit ganz umsonst sich wie auch die anderen nur ärgert und reizt; er weiß sogar, daß das Publikum, vor dem er sich solche Mühe gibt, seine Familie, ihm schon bis zum Widerwillen zugehört hat, ihm nicht für einen Pfennig glaubt und bei sich denkt, daß er doch anders, einfacher stöhnen könnte, ohne Läufer, Triller und Sprünge, daß er es nur aus Bosheit, aus Schadenfreude tut. Nun, gerade in diesen Erkenntnissen und Qualen liegt ja die Wollust! „Ich beunruhige Euch, zerreiße Euch das Herz, gönne keinem im Hause Schlaf! So wacht denn, bitte, fühlt mal mit, daß meine Zähne schmerzen! Jetzt bin ich für Euch nicht mehr der Held, der ich früher scheinen wollte, sondern einfach ein gemeines Menschlein, ein Chenapan. Nun gut! Freut mich sehr, daß Ihr mich durchschaut! Mein häßliches Gestöhn widert Euch wohl an? Nur zu! werde Euch gleich einen noch häßlicheren Läufer vorstöhnen ...“ Verstehen Sie mich auch jetzt noch nicht, meine Herren? Nein, es scheint doch, daß man sich lange bis zu dem entwickeln und tief in sich selbst versenken muß, um alle Windungen dieser Wollust verstehen zu können. Sie lachen? Freut mich! Meine Späßchen sind vielleicht etwas abgeschmackt, sind uneben, verwirrt und voll von Mißtrauen zu mir selbst. Aber das kommt doch daher, daß ich mich selbst nicht achte! Aber kann denn ein erkennender Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?
V.
Nun, wie ist es denn möglich, wie kann sich denn ein Mensch auch nur ein wenig achten, wenn er sich verschworen hat, sogar im Gefühl der eigenen Erniedrigung Genuß zu suchen? Nicht aus irgend einer faden Reue sage ich das jetzt. Hab’s überhaupt nie leiden können, zu sagen: „Verzeihen Sie, Papa, ich werde nicht mehr ...“ – nicht etwa, weil ich das nicht sagen konnte, sondern im Gegenteil, vielleicht gerade, weil ich schon allzu schnell bereit war, das zu sagen, und wie noch! Wie absichtlich habe ich mich zuweilen beschuldigt, in Fällen, in denen ich selbst nicht einmal wußte, woran ich eigentlich hätte schuld sein können. Das war ja das Allergemeinste. Und dabei verging ich fast vor Mitleid mit mir selbst; ich bereute und vergoß viele Tränen, und – versteht sich – betrog mich an allen Ecken und Kanten, wenn ich mich auch nicht im geringsten verstellte: das Herz verpfuschte es einfach ... Dabei konnte ich nicht einmal mehr die „Gesetze“ der Natur beschuldigen, obgleich mich doch diese Gesetze der Natur fortwährend und am meisten beleidigten. Widerlich, sich dessen von neuem zu erinnern; es war auch damals widerlich. Denn schon nach einer Minute sagte ich mir, daß alles Lüge ist, ekelhafte, trügerische Lüge – ich meine dieses ewige Bereuen und diese ewigen Vorsätze, sich zu bessern. Fragen Sie mich aber, warum ich mich so wand und quälte? Antwort: weil es schon etwas zu langweilig war, mit gefalteten Händen still zu sitzen, und so ließ ich mich denn auf die Windungen ein. Wahrhaftig, so war’s. Beobachten Sie sich selbst etwas besser, meine Herren, dann werden Sie sehn, daß es so ist. Hab mir Abenteuer ausgedacht und das Leben zurecht gedichtet, um doch wenigstens auf diese Weise zu leben. Wie viel mal ist es nicht vorgekommen, daß ich mich – nun, sagen wir zum Beispiel, gequält habe, ganz einfach ohne jede Ursache, absichtlich. Und ich wußte doch selbst ganz genau, daß ich überhaupt keinen Grund hatte, gekränkt zu sein, hetzte mich auf mich selbst auf. Aber schließlich bringt man es tatsächlich so weit, daß man sich allen Ernstes gekränkt fühlt. Mein ganzes Leben lang habe ich mich auf diese Weise gereizt, so daß ich mich schließlich nicht mehr beherrschen konnte. Einmal wollte ich mich krampfhaft verlieben, sogar zweimal. Hab doch gelitten, meine Herren, versichere Ihnen. Im tiefsten Seelengrund glaubt man’s zwar nicht, daß man leidet, Spott kichert dort versteckt, aber man leidet doch und noch in einer wirklichen, ganz gehörigen Weise; bin eifersüchtig, fahre aus der Haut ... Und alles aus Langeweile, meine Herren, alles aus Langeweile! Die Inertie erdrückte mich. Denn die direkte, gesetzmäßige, unmittelbare Frucht der Erkenntnis, – das ist die Inertie, d. h., das bewußte Hände-im-Schoß-Stillsitzen. Das habe ich auch schon früher erwähnt. Wiederhole es, wiederhole es nachdrücklichst: alle Tatmenschen sind ja nur tätig, weil sie stumpfsinnig und beschränkt sind. Wie das erklären? Ganz einfach: infolge ihrer Beschränktheit nehmen sie die nächsten und zweitrangigen Ursachen für die Urgründe, und so überzeugen sie sich schneller und leichter als die anderen, daß sie eine unwandelbare Basis für ihre Tätigkeit gefunden haben, nun, und geben sich damit zufrieden, – und das ist doch die Hauptsache. Denn um eine Tätigkeit zu beginnen, muß man vorläufig vollständig beruhigt sein, auf daß nicht die geringsten Zweifel mehr übrig bleiben. Nun, wie aber soll z. B. ich mich beruhigen? Wo sind bei mir die Urgründe, auf die ich mich stützen kann, wo die Basis? Woher soll ich sie nehmen? Ich übe mich im Denken und folglich zieht bei mir jeder Urgrund sofort einen anderen, noch älteren, hinter sich her und so geht es weiter bis in die Endlosigkeit. Derart ist eben das Wesen aller Erkenntnis und alles Denkens. Somit sind das also schon wieder die Gesetze der Natur. Und was ergibt sich denn schließlich im Resultat? Ja, ganz dasselbe. Erinnern Sie sich: vorhin sprach ich doch von der Rache. (Sie haben es bestimmt nicht begriffen.) Es heißt: der Mensch rächt sich, weil er darin Gerechtigkeit sieht. Also hat er doch die Basis gefunden, und zwar: die Gerechtigkeit. Also ist er allseitig beruhigt und folglich rächt er sich, da er überzeugt ist, eine ehrliche und gerechte Tat zu vollbringen, ruhig und mit gutem Erfolg. Ich jedoch sehe hierin keine Gerechtigkeit, und eine Wohltat kann ich hierin erst recht nicht entdecken; wollte ich mich aber dann trotzdem noch rächen, so könnte es allenfalls nur aus Bosheit geschehn. Allerdings könnte Bosheit vielleicht alles besiegen, alle meine Zweifel, und somit erfolgreich die Basis ersetzen, gerade weil sie kein Standpunkt ist. Was soll ich aber tun, wenn ich nicht einmal Bosheit habe! – damit begann ich ja vorhin. Infolge dieser verfluchten Gesetze der Erkenntnis unterwirft sich nämlich meine Bosheit der chemischen Zerlegung. Man sieht –: das Ding hebt sich auf, die Vernunftgründe verdunsten, der Schuldige ist nicht zu finden, die Beleidigung bleibt nicht Beleidigung, sondern wird Fatum, etwas in der Art wie Zahnschmerz, an dem niemand schuld ist, und so bleibt wiederum nur der eine Ausweg – etwas fester mit der Faust an die Wand zu schlagen. Nun, da winkt man denn wieder mit der Hand ab, denn man hat doch nicht die Basis gefunden. Versucht man es, läßt man sich von seinem Gefühl blindlings hinreißen, ohne Erwägungen, ohne Begründungen, verjagt man die Erkenntnis wenigstens für diese Zeit; ergibt man sich dem Haß oder ergibt man sich der Liebe, nur um nicht mit gefalteten Händen stillzusitzen: – Übermorgen, das ist die letzte Frist, wirst Du anfangen, Dich selbst zu verachten, dafür, daß Du Dich selbst wissentlich betrogen hast! Im Resultat: eine Seifenblase und Inertie. Oh, meine Herren, ich, vielleicht halte ich mich nur deswegen für einen klugen Menschen, weil ich in meinem ganzen Leben nichts habe weder beginnen noch beenden können. Schön, gut, möge ich ein Schwätzer sein, ein unschädlicher, langweiliger Schwätzer, wie wir alle. Aber was soll man denn machen, wenn die einzige und direkte Bestimmung jedes klugen Menschen – schwatzen ist, d. h. mit vollem Bewußtsein leeres Stroh dreschen?
VI.
Oh, wenn ich doch aus _Faulheit_ nichts getan hätte! Herrgott, wie würde ich mich dann achten! Würde mich gerade deswegen achten, weil ich dann doch fähig wäre, wenigstens faul zu sein! Dann hätte ich doch wenigstens eine Eigenschaft, eine positive Eigenschaft, von der ich dann auch selbst überzeugt sein könnte. Man fragt: was ist das für einer? Antwort: ein Faulpelz. Aber ich bitt’ Sie, meine Herren, das wäre doch über alle Maßen angenehm von sich zu hören. Also bin ich dann doch positiv bezeichnet, klassifiziert, es gibt also etwas, was man von mir sagen kann. „Ein Faulpelz!“ – aber das ist doch eine Benennung, eine Bestimmung, das ist ja eine Karriere, ich bitt’ Sie! Scherz bei Seite, das ist so. Dann bin ich rechtmäßiges Mitglied des ersten Klubs der Welt und beschäftige mich ausschließlich mit der Hochachtung meiner selbst. Ich kannte einen Herrn, der sein Leben lang nichts anderes tat, als darauf stolz sein, daß er sich auf Weinsorten verstand. Er hielt das für eine positive Würde und zweifelte nie an sich. Er starb nicht nur mit einem ruhigen, sondern mit einem wahrhaft triumphierenden Gewissen und war auch vollkommen im Recht. Ich aber hätte mir dann eine Karriere gewählt – oh! – ich wäre Faulpelz und Vielfraß geworden! – doch kein gewöhnlicher etwa, sondern einer, der, sagen wir, mit allem Schönen und Hohen sympathisiert. Hm! Wie gefällt Ihnen das? Ich habe mir das schon lange ausgemalt. Dieses „Schöne und Hohe“ hat mir in den vierzig Jahren doch arg auf dem Puckel gelegen; jetzt aber bin ich schon vierzig; doch wenn ich damals – oh, dann wäre jetzt alles ganz anders! Ich hätte mir sofort eine entsprechende Lebensaufgabe gewählt, nämlich: auf die Gesundheit alles Schönen und Hohen zu trinken. Ich würde jede gebotene Gelegenheit ergriffen haben, um zuerst in meinen Pokal eine Träne zu träufeln und ihn dann auf’s Wohl alles Schönen und Hohen hinabzustürzen. Alles auf der Welt würde ich dann in Schönes und Hohes verwandelt, und selbst im gemeinsten Schmutz würde ich Schönes und Hohes gefunden haben. Tränenreich wäre ich geworden wie ein nasser Schwamm. Zum Beispiel –: ein Künstler hat ein Bild gemalt: sofort trinke ich auf die Gesundheit dieses Künstlers, denn ich liebe alles Schöne und Hohe. Ein Schriftsteller hat „Einerlei was“ verfaßt, und sofort trinke ich auf das Wohl „Einerlei wessen“, denn ich liebe „alles Schöne und Hohe“. – Achtung würde ich deswegen für mich heischen, würde jeden verfolgen, der mir dafür keine Achtung zollt! Lebe ruhig, sterbe triumphierend, – ja, aber das ist doch herrlich, einfach herrlich! Und was für einen Schmeerbauch ich mir dann anlegen würde, und welch ein dreifaches Doppelkinn, von der Leuchtkraft der Nase schon gar nicht zu reden! Jeder, der mir begegnet, würde bei meinem Anblick sagen: „Donnerwetter, das ist aber ein Plus! Das ist mal was Positives!“ Sagen Sie was Sie wollen, meine Herren, aber solche Bemerkungen sind doch in unserem negativen Jahrhundert ungemein schmeichelhaft zu hören, ungemein schmeichelhaft!
VII.
Doch das sind ja alles bloß goldene Träume.
Wissen Sie vielleicht, wer es zum ersten Mal gesagt hat, daß der Mensch nur deswegen Gemeinheiten begehe, weil er seine wahren Interessen nicht kenne, und daß, wenn man ihm seine wirklichen normalen Interessen erklären könnte, er sofort aufhören würde, Gemeinheiten zu begehen, denn einmal aufgeklärt über seinen Vorteil, würde er natürlich nur im Guten seinen Vorteil finden – bekanntlich aber könne kein einziger Mensch wissentlich gegen seinen eigenen Vorteil handeln, – folglich würde er sozusagen gezwungener Weise immer nur Gutes tun? Oh Säugling, der du das gesagt! Oh reines, unschuldiges Kindlein! Wann ist es denn jemals in den vergangenen Jahrhunderten geschehen, daß der Mensch einzig und allein nur um des eigenen Vorteils willen seine Taten vollbracht hat? Was mit all diesen Millionen von Fakten anfangen, die da bezeugen, daß die Menschen _wissentlich_, d. h. bei vollem Verständnis für ihre wirklichen Vorteile, letztere doch zurücksetzten und sich auf einen anderen Weg begaben, aufs geratewohl, in die Gefahr, von niemandem und durch nichts dazu gezwungen, sondern als ob sie gerade die Vorteile verschmähten, und eigensinnig und verstockt womöglich das Gegenteil suchten? Das zeigt doch, daß ihnen dieser Eigensinn und Eigenwille lieber waren, als der eigene Vorteil ... Vorteil! Was ist Vorteil? Wollen Sie es vielleicht übernehmen, ganz genau zu erklären, zu bestimmen, worin der Vorteil des Menschen besteht? Wie aber, wenn es einmal vorkommen sollte, daß sich das Schlechtere wünschen und nicht das Vorteilhaftere, nicht nur der Vorteil des Menschen sein kann, sondern wirklich und wahrhaft ist? Wird aber einmal die Möglichkeit dieses Falles zugegeben, so ist sofort diese ganze Regel aufgehoben. Was meinen Sie, meine Herren, kann es solch einen Fall geben oder nicht? Sie lachen! Nun, lachen Sie meinetwegen, aber antworten Sie nur: sind denn die Vorteile des Menschen auch wirklich richtig festgesetzt und sind sie denn auch alle aufgezählt? Gibt es nicht auch solche, die nicht nur noch nicht klassifiziert sind, sondern sich überhaupt nicht klassifizieren lassen? Sie haben doch, meine Herren, soviel ich weiß, Ihr ganzes Register der menschlichen Vorteile als Durchschnittssumme aus den statistischen Zahlen und wissenschaftlich-praktischen Formeln genommen. Ihre Vorteile sind doch: Glück, Reichtum, Freiheit, Ruhe, nun, u. s. w., u. s. w., so daß, zum Beispiel, der Mensch, der offenbar und wissentlich gegen dieses ganze Register handelt, nach Ihrer Meinung, nun ja, und selbstverständlich auch nach meiner, ein Obskurant oder ein vollkommen Verrückter ist, nicht wahr? Aber bei alledem ist doch eines wunderlich: woher kommt es, daß diese sämtlichen Statistiker, Weisen, Menschenfreunde beim Aufzählen der menschlichen Vorteile beständig einen Vorteil übergehen? Sie nehmen ihn nicht einmal in ihre Liste auf, wenigstens nicht in der Weise, wie er aufgenommen werden müßte, von ihm aber hängt doch die ganze Rechnung ab! Nun, das wäre ja weiter nicht schlimm, man könnte diesen Vorteil nehmen und ihn einfach auf der Liste hinzufügen. Doch darin besteht ja das ganze Malheur, daß dieser eigentümliche Vorteil sich überhaupt nicht klassifizieren läßt und man ihn auch auf keiner einzigen Liste unterbringen kann! Ich habe z. B. einen Freund ... Ach, meine Herren, er ist ja bestimmt auch Ihr Freund, und überhaupt – wessen Freund ist er denn nicht!? Wenn sich nun dieser Freund an eine Sache macht, wird er Ihnen sofort redselig klar und deutlich auseinandersetzen, wie er nach den Gesetzen der Vernunft und Wahrheit handeln muß. Ja, er wird Ihnen sogar aufgeregt und leidenschaftlich viel von den wahren und normalen Interessen der Menschen erzählen; wird spöttelnd die kurzsichtigen Dummköpfe tadeln, die weder ihre Vorteile noch die wahre Bedeutung der Wohltat erkennen und – genau nach einer Viertelstunde ohne jede plötzliche äußere Veranlassung, sondern gerade aus irgend etwas Innerlichem, das stärker ist, als alle seine Interessen, wird er plötzlich ein ganz anderes Lied pfeifen, d. h. wird offen gegen alles vorgehen, was er selbst gesagt hat: gegen die Gesetze der Vernunft, gegen den eigenen Vorteil, mit einem Wort, gegen alles ... Doch – Sie wissen es ja selbst – mein Freund ist eine Kollektivperson und darum – ihn allein beschuldigen, hm, geht nicht gut an. Das ist es ja, meine Herren: gibt es denn wirklich nicht etwas, das fast jedem Menschen teurer ist, als seine besten Vorteile? Oder sagen wir – um die Logik nicht zu zerstören –: es gibt solch einen allervorteilhaftesten Vorteil, der aber in allen Vorteilsverzeichnissen beständig ausgelassen wird, einen Vorteil, der wichtiger und größer ist, als alle anderen Vorteile, und für den der Mensch bereit ist, wenn’s darauf ankommt, allen anerkannten Vorteilen, allen Gesetzen zuwider zu handeln, also gegen Vernunft, Ehre, Ruhe, Glück u. s. w. zu handeln, kurz, gegen alle diese guten und schönen Dinge, – nur um diesen größten, vorteilhaftesten Vorteil, der ihm am teuersten ist, zu haben.
„Aber es ist doch immerhin ein Vorteil!“ unterbrechen Sie mich.
Warten Sie, ich werde es noch erklären! Mir ist es nicht um einen Kalauer zu tun, sondern um den Beweis, daß dieser Vorteil gerade deswegen bemerkenswert ist, weil er alle Ihre Klassifikationen der Vorteile zerstört, und alle Systeme, die von den Menschenfreunden zur Erreichung des vollen Erdenglücks aufgestellt werden, einfach unmöglich macht. Bevor ich jedoch diesen Vorteil nenne, will ich mich noch persönlich kompromittieren, und darum erkläre ich jetzt dreist, daß alle diese schönen Systeme, alle diese Theorien – die den Menschen ihre wahren und normalen Interessen erklären wollen, auf daß sie dann gezwungen nach der Erfüllung derselben streben und somit gut und edel werden – meiner Meinung nach nichts als Logistik sind! Ja, – Logistik! Denn diese Theorie der Erneuerung der ganzen Menschheit mittels des Systems ihrer Vorteile bejahen, das ist doch fast dasselbe, wie ... nun, wie z. B. nach Buckle behaupten, der Mensch würde durch die Kultur weicher, folglich weniger blutdürstig und immer unfähiger zum Kriege. Nach der Logik, glaube ich, kommt er zu diesem Folgeschluß. Der Mensch aber hat solch eine Vorliebe für das System und den abstrakten Folgeschluß, daß er bereit ist, die Wahrheit absichtlich zu entstellen, bereit, mit den Augen nicht zu sehen, mit den Ohren nicht zu hören, nur damit seine Logik recht behält. Aber so öffnen Sie doch Ihre Augen, meine Herren, und blicken Sie um sich! Das Blut fließt in Strömen und dazu noch in einer so kreuzfidelen Weise, als ob’s Champagner wäre. Nehmen Sie doch unser ganzes neunzehntes Jahrhundert, in dem auch Herr Buckle gelebt hat: da haben Sie Napoleon – den Großen und den Dritten; da haben Sie Nord-Amerika – die ewige Union; da haben Sie endlich das karikaturhafte Schleswig-Holstein ... Und jetzt sagen Sie mir bitte, worin uns denn die Kultur weicher macht? Die Kultur arbeitet im Menschen nur die Vielseitigkeit der Empfindung aus und ... das ist alles, was sie tut. Und gerade durch die Entwicklung dieser Vielseitigkeit wird der Mensch schließlich auch im Blutvergießen Genuß finden. Er tut es ja schon jetzt. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß die raffiniertesten Blutvergießer fast ausnahmslos die zivilisiertesten Menschen gewesen sind, Menschen, mit denen sich solche wie Attila oder Stenjka Rasin[2] überhaupt nicht vergleichen können, und wenn sie nicht so bekannt sind wie Attila oder Stenjka Rasin, so kommt das nur daher, weil sie viel zu häufig vorkommen, viel zu gewöhnlich sind, so daß man ihrer schon überdrüssig geworden ist. Jedenfalls ist der Mensch durch die Zivilisation, wenn nicht blutdürstiger, so doch gewiß schlechter, gemeiner blutdürstig geworden, als er es früher war. Früher sah er im Blutvergießen Gerechtigkeit und vernichtete mit ruhigem Gewissen einen jeden, den er seiner Meinung nach vernichten mußte; jetzt jedoch vergießen wir weit mehr Menschenblut, obgleich wir es schon längst für eine Gemeinheit halten. Welch ein Blutvergießen ist nun schlechter? Urteilen Sie selbst. Man sagt, Kleopatra – Verzeihung für das Beispiel aus der Alten Geschichte – habe es geliebt, goldene Stecknadeln in die Brüste ihrer Sklavinnen zu stecken, und habe an deren Gestöhn und Geschrei Genuß gefunden. Sie werden sagen, daß das in, relativ gesprochen, barbarischen Zeiten geschehen ist, daß wir auch jetzt noch in barbarischen Zeiten leben, denn – wiederum relativ gesprochen – auch jetzt stecke man Stecknadeln, und daß der Mensch auch jetzt noch, wenn er auch schon gelernt habe, in manchen Dingen klarer zu sehen als in barbarischen Zeiten, sich doch noch lange nicht gewöhnt hätte, so zu handeln, wie es ihn die Vernunft und die Wissenschaften lehrten. Doch immerhin sind Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß er sich _bestimmt_ daran gewöhnen _wird_, in Zukunft, wenn auch die letzten alten, dummen Angewohnheiten ganz vergessen sein werden, und wenn die gesunde Vernunft nebst der Wissenschaft die menschliche Natur vollständig umerzogen und auf den einzig richtigen Weg gelenkt haben werden. Sie sind überzeugt, daß der Mensch dann von selbst aufhören wird, freiwillig Fehler zu begehen, und seinen Willen seinen normalen Interessen sozusagen unwillkürlich nicht mehr entgegensetzen wird. Ja, Sie sagen sogar noch: dann wird die Wissenschaft selbst den Menschen belehren – wenn das meiner Meinung nach auch schon Luxus ist – und ihm sagen, daß er weder Wille noch Eigensinn in Wirklichkeit besitzt noch je besessen hat, und daß er selbst nichts mehr ist, als etwas in der Art einer Klaviertaste oder eines Drehorgelstiftes, und daß auf der Welt außerdem noch Naturgesetze vorhanden sind: so daß alles, was er auch tun mag, nicht durch seinen Wunsch oder Willen getan wird, sondern ganz von selbst geschieht, einfach nach den Gesetzen der Natur. Folglich braucht man dann nur diese Gesetze der Natur zu entdecken und sofort wird der Mensch für seine Handlungen nicht mehr verantwortlich sein, und ein ungemein leichtes Leben beginnen können. Versteht sich – alle menschlichen Handlungen werden dann nach diesen Gesetzen mathematisch in der Art der Logarithmentafeln bis 108 000 berechnet und in einen Kalender eingetragen werden. Oder, noch besser, es werden einige wohlgemeinte Bücher erscheinen, etwa wie die jetzigen encyclopädischen Lexica, in denen dann alles so genau ausgerechnet und bezeichnet ist, daß auf der Welt hinfort weder Taten noch Abenteuer mehr vorkommen werden.