Part 2
... Ich lebe schon lange so, – zwanzig Jahre. Jetzt bin ich vierzig. Früher hatte ich eine Anstellung in einer Kanzlei; jetzt aber nicht mehr. Ich war ein boshafter Beamter. Ich war roh – und das freute mich. Da ich keine Sporteln nahm, mußte ich mich eben auf eine andere Weise entschädigen. – Hm, fauler Witz, aber ich streiche ihn nicht aus. Als ich ihn schrieb, glaubte ich, er würde sich geistreich ausnehmen, doch jetzt, da ich selbst einsehe, daß er dumm ist, streiche ich ihn erst recht nicht aus! –
... Saß ich an meinem Pult und trat jemand zu mir – meistens Bittsteller mit Anfragen –, so fuhr ich sie zähneknirschend an und fühlte labende Genugtuung, wenn es mir gelang, jemanden einzuschüchtern – und es gelang mir fast immer: wir wissen ja, – zaghaftes Volk, diese Bittsteller. Doch gab es da unter den dreisteren einen Offizier, den ich ganz besonders haßte. Er wollte sich für keinen Preis einschüchtern lassen und rasselte geradezu unverschämt mit seinem Säbel. Dieses Säbels wegen habe ich anderthalb Jahre lang mit ihm Krieg geführt. Endlich besiegte ich ihn: er ließ das Rasseln. Doch das war noch in meiner Jugend. Aber wissen Sie auch, meine Herren, worin gerade meine Hauptwut bestand? Das war ja der ganze Jammer, darin lag ja gerade die größte Gemeinheit, daß ich in jeder Minute, in jeder Sekunde, im Augenblick meiner stärksten Wut mir schmachvoll selbst eingestehen mußte, daß ich nicht nur kein boshafter, sondern nicht einmal ein böser Mensch bin, daß ich ganz umsonst nur Spatzen schrecke und damit mich selbst zu trösten suche. Schaum steht mir vor dem Munde – doch bringt mir ein Püppchen oder gebt mir ein Zuckerstückchen und ich werde mich höchstwahrscheinlich sofort beruhigen. Werde sogar ganz windelweich werden ..., wenn ich mich auch nachher am liebsten selbst zerfleischen würde und vor Schande Monate lang schlaflose Nächte habe ... Ich bin nun einmal so.
Das habe ich übrigens vorhin gelogen, daß ich ein boshafter Beamter gewesen sei. Aus Bosheit hab ich’s gelogen. Das mit den Bittstellern und dem Offizier war einfach nur Eigensinn, – in Wirklichkeit konnte ich überhaupt nicht böse werden. Wollte ich es aber, so fühlte ich im Augenblick über die Maßen viel entgegengesetzte Elemente in mir. Ich fühlte sie nur so wimmeln in mir, diese entgegengesetzten Elemente. Ich wußte, daß sie mein ganzes Leben lang in mir so wimmelten und mich baten, sie hinauszulassen, aber ich ließ sie nicht, ich ließ sie nicht, absichtlich ließ ich sie nicht hinaus! Sie quälten mich bis zur Scham, bis zu Krämpfen brachten sie mich, und ach Gott! ich wurde ihrer schließlich so überdrüssig, so maßlos überdrüssig! Oder glauben Sie vielleicht gar, meine Herren, daß ich hier irgend etwas bereue – vor Ihnen? daß ich für irgend etwas Ihre Verzeihung erbitte? ... Ich bin überzeugt, daß Sie das glauben ... Doch, übrigens, versichere Ihnen, ’s ist mir ganz egal, was Sie da glauben ...
... Nicht nur, daß ich es nicht verstand, böse zu werden, – ich verstand überhaupt nichts zu werden: weder böse noch gut, weder ehrlich noch schlecht, weder Held noch Insekt. Und jetzt lebe ich in meinem Winkel, verspotte mich selbst, indem ich mich „böse“ nenne und mich mit dem überflüssigen Troste beruhige, daß ein kluger Mensch – im Ernst – überhaupt nicht irgend etwas werden kann, sondern nur ein Pinsel etwas wird. Ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts muß, ja, ist sogar moralisch verpflichtet, ein im wahrsten Sinne des Wortes charakterloses Wesen zu sein. Ein Mensch jedoch mit einem Charakter, ein Tatmensch, muß – im vollsten Sinne des Wortes beschränkt sein. Dieses ist meine vierzigjährige Überzeugung. Ich bin jetzt vierzig Jahre alt; aber vierzig Jahre – das ist doch das ganze Leben, das ist doch das höchste Alter! Über vierzig Jahre zu leben ist unanständig, ist gemein, trivial, ist unsittlich! Wer lebt denn heutzutage noch über vierzig Jahre? – antwortet aufrichtig, ehrlich. Ich werde es Euch sagen, wer noch über vierzig lebt: Dummköpfe und Spitzbuben leben! Das sage ich allen Greisen ins Gesicht, allen diesen ehrwürdigen Greisen, allen diesen silberhaarigen, ehrwürdigen Greisen! Sage es der ganzen Welt ins Gesicht! Ich habe das Recht, das zu sagen, denn ich werde selbst bis sechzig leben. Bis siebzig werde ich leben! Bis achtzig werd ich leben! ... Wartet! Die Luft geht mir aus, ... laßt mich erst wieder zu Atem kommen ...
Sie denken bestimmt, meine Herren, daß ich Sie belustigen will? Dann irren Sie sich aber sehr. Ich bin durchaus kein so lustiger Mensch, wie es Ihnen scheint oder wie es Ihnen vielleicht auch nicht scheint. Übrigens, wenn dieses Geschwätz Sie ärgert – ich fühle es ja, daß Sie schon gereizt sind – so werden Sie mich vielleicht fragen wollen, wer ich denn eigentlich bin? – Gut, ich will Ihnen die Antwort nicht schuldig bleiben: ich bin Kollegienassessor. Ich war Beamter, um nicht zu verhungern – und zwar einzig aus diesem Grunde. Als mir aber im vorigen Jahre einer meiner entfernten Verwandten testamentarisch sechstausend Rubel hinterließ, trat ich sofort aus dem Dienst und siedelte mich hier in meinem Winkel an. Auch früher schon lebte ich hier, jetzt aber habe ich mich endgültig in diesem Winkel angesiedelt. Mein Zimmer ist ein elendes, scheußliches Nest. Meine Aufwartefrau ist ein Weib vom Lande, ein altes, das vor Dummheit wütend geworden ist und zudem noch unausstehlich riecht. Man sagt mir, das Petersburger Klima sei mir schädlich, und Petersburg für meine kümmerlichen Mittel viel zu teuer. Das weiß ich selbst ganz genau, weiß es hundertmal besser als diese erfahrenen und überklugen Ratgeber. Aber ich bleibe in Petersburg: ich fahre nicht fort! Ich fahre darum nicht fort, weil ... Ach! Das ist doch wirklich gleichgültig, ob ich nun fortfahre oder nicht fortfahre.
Übrigens, bei der Gelegenheit noch eine Frage: Worüber kann ein anständiger Mensch zu jeder Zeit mit dem größten Vergnügen reden?
Antwort: Über sich selbst.
Nun, dann werde auch ich über mich selbst reden.
II.
Meine Herren, jetzt will ich Ihnen erzählen – einerlei ob Sie hören wollen oder nicht –, warum ich nicht einmal ein Insekt zu werden verstand. Versichere Ihnen feierlichst: schon mehrere Mal wollte ich ein Insekt werden. Doch selbst dazu langte es nicht. Meine Herren, ich schwöre Ihnen, daß allzuviel erkennen – Krankheit ist, eine richtige, rechte Krankheit. Für den menschlichen Bedarf wäre eine gewöhnliche menschliche Erkenntnis übergenug, d. h. die Hälfte oder dreiviertel von der Dosis, die auf einen entwickelten Menschen kommt, einen Menschen unseres unseligen neunzehnten Jahrhunderts, und der zudem noch das doppelte wenn nicht dreifache Unglück hat, in Petersburg zu leben, der abstraktesten und künstlichsten Stadt der ganzen Welt. – Es gibt künstliche Städte und nichtkünstliche Städte. – Zum Beispiel würde vollkommen genügen, sagen wir, solch eine Erkenntnis, wie die, mit der alle sogenannten unmittelbaren Menschen, d. h. alle Tatmenschen leben. Ich könnte wetten, Sie glauben jetzt, daß ich dieses aus Anmaßung schreibe, um über die Tatmenschen zu witzeln – und noch aus einer Anmaßung, die geschmacklos ist –: lasse den Säbel rasseln, wie mein Offizier. Aber, meine Herren, wer brüstet sich denn mit seinen eigenen Gebrechen?
Übrigens, – was sage ich? Alle tun das: alle prahlen mit ihren Gebrechen und ich, na, ich meinetwegen mehr als sie alle zusammen. Streiten wir nicht darüber: meine Einwendung ist nicht stichhaltig. – Schön; aber trotzdem bin ich doch fest überzeugt, daß nicht nur sehr viel Erkenntnis, sondern sogar jede Erkenntnis – Gebrechen, Krankheit ist. Dabei bleibe ich. Aber lassen wir dieses Thema auf einen Augenblick. Sagen Sie mir lieber etwas anderes: wie kam es, daß ich, zum Beispiel, in denselben, ja, in denselben Minuten, da ich am allerfähigsten war, sämtliche Feinheiten „alles Schönen und Hohen“ zu erkennen, zuweilen so widerliche Sachen nicht nur erkennen, sondern auch begehen konnte, Sachen, sag ich Ihnen, die ... nun ja, mit einem Wort, die meinetwegen alle machen, die aber wie zum Trotz gerade dann von mir begangen wurden, wenn ich am klarsten erkannte, daß man sie eigentlich überhaupt nie tun sollte? Je mehr ich von der Erkenntnis des Guten und „alles Schönen und Hohen“ durchdrungen war, desto tiefer sank ich in meinen Morast und desto fähiger war ich, völlig in ihm unterzugehn. Doch das Auffallendste an dem war, daß all dieses gewissermaßen durchaus nicht zufällig geschah, sondern geradezu als müßte es genau so sein. Als ob das mein allernormalster Zustand gewesen wäre und durchaus nicht Krankheit oder Verderbtheit, sodaß schließlich die Lust in mir verging, gegen ihn noch anzukämpfen. Es endete damit, daß ich fast zu glauben begann – oder vielleicht glaubte ich es schon tatsächlich –, dieses sei sozusagen mein wirklicher normaler Zustand. Aber zuerst, am Anfang, wieviel Qual lag für mich in diesem Kampf! Ich glaubte nicht, daß es anderen ebenso erginge und verbarg dieses Geheimnis mein Leben lang. Ich schämte mich, und – vielleicht schäme ich mich sogar jetzt noch –. Es kam so weit, daß ich, wenn ich zuweilen in einer der ekelhaftesten Petersburger Nächte nach Haus in meinen Winkel zurückkehrte, einen gewissen – wie soll ich sagen? – geheimen, unnormalen, gemeinen Genuß oder einen angenehmen Kitzel empfand, mich krampfhaft zu zwingen, zu erkennen, – zu erkennen, daß ich auch heute wieder eine Gemeinheit begangen hatte, daß ich das Getane wiederum auf keine Weise ungeschehen machen konnte, und mich dann innerlich, heimlich deswegen zu nagen, zu nagen, wie mit Zähnen zu feilen, mir mein eigenes Blut auszusaugen, mich zu foltern, – so lange, bis sich die Bitterkeit allmählich in eine schändliche verfluchte Süßigkeit, in eine Wonne verwandelte und schließlich – in entschiedenen, wirklichen Genuß! Ja: in Genuß, in Genuß! Dabei bleibe ich. Deswegen habe ich doch überhaupt angefangen, davon zu sprechen, weil ich endlich genau wissen wollte, ob andere auch solche Genüsse haben? Warten Sie, ich werde es Ihnen ausführlicher erklären. Der Genuß liegt hier gerade in der allzu grellen Erkenntnis der eigenen Erniedrigung: in der Erkenntnis, daß man schon an der letzten Wand angekommen ist; daß man keine einzige Möglichkeit mehr hat, jemals noch ein anderer Mensch zu werden; daß, selbst wenn noch Zeit und Glaube übrig wären, sich in etwas anderes umzumachen, man sicherlich selbst dieses nicht wollen würde; wollte man es aber, so würde man es doch nicht tun, weil es im Grunde vielleicht nichts gibt, in was man sich ummachen könnte. Aber die Hauptsache und des Endes Ende ist, daß alles nach den normalen und fundamentalen Gesetzen angestrengten Erkennens vor sich geht und nach der Inertie, die sich unmittelbar aus diesen Gesetzen ergibt, folglich aber kann man sich hierbei nicht nur nicht ummachen, sondern kann hierbei überhaupt nichts machen. Es ergibt sich z. B. aus der angestrengten Erkenntnis: „stimmt, Du bist ein gemeiner Mensch“ – als ob das dem gemeinen Menschen eine Beruhigung sein könnte, wenn er schon selbst fühlt, daß er tatsächlich gemein ist. Doch genug ... Viel hab ich zusammengeschwatzt, was aber bewiesen? Wodurch erklärt sich hier dieser Genuß? Aber ich werde mich schon erklären! Ich werde es schon zu Ende führen!! Deswegen hab ich doch die Feder in die Hand genommen!
Meine Eigenliebe z. B. ist ganz furchtbar entwickelt. Argwöhnisch und empfindlich bin ich wie ein Krüppel oder ein Zwerg, aber – Hand aufs Herz – ich habe auch Augenblicke gehabt, in denen ich mich, wenn es geschehen wäre, daß mir jemand eine Ohrfeige gegeben, vielleicht darüber gefreut hätte. Nein, im Ernst: ich hätte bestimmt verstanden, auch darin einen Genuß zu finden, einen Genuß in seiner Art, versteht sich, einen Genuß der Verzweiflung, aber in der Verzweiflung sind ja gerade die tiefsten Genüsse, die heißesten Wonnen, besonders wenn man schon sehr stark die Aussichtslosigkeit seiner Lage erkennt. Und hier, also bei der Ohrfeige, – hier erdrückt einen ja die Erkenntnis, bis zu welch einer Schmiere man Dich zerdrückt hat. Die Hauptsache jedoch, wie man es sich auch überlegt und wie man es auch überdenkt, es kommt doch immer heraus, daß man als Erster an allem selbst schuld ist und das kränkendste an der Sache – daß man ohne Schuld schuldig ist, sagen wir einfach: nach den Naturgesetzen. Erstens, weil man klüger ist als alle, die einen umgeben. (Ich habe mich immer für klüger gehalten als die, die mich umgaben und gar manches Mal – glauben Sie es mir – mich sogar dessen geschämt. Wenigstens habe ich mein ganzes Leben lang immer zur Seite gesehn, und niemals den Menschen gerade in die Augen blicken können.) Und zweitens, weil ich, selbst wenn ich großmütig gewesen wäre, durch diese Großmut nur noch mehr gelitten hätte, nämlich durch die Erkenntnis ihrer ganzen Nutzlosigkeit. Ich hätte doch bestimmt nichts aus ihr zu machen verstanden: weder zu verzeihen, denn der Beleidiger hat mir vielleicht naturgesetzmäßig die Ohrfeige gegeben, und den Gesetzen der Natur hat man nichts zu verzeihen, noch zu vergessen, denn wenn es auch hundertmal die Gesetze der Natur sind, so bleibt es doch immerhin beleidigend. Und selbst wenn ich mich am Beleidiger hätte rächen wollen, so würde ich mich doch für nichts und an niemandem gerächt haben, denn es wäre mir bestimmt unmöglich gewesen, den Entschluß zu fassen, etwas zu tun, selbst wenn ichs hätte tun können. Warum nicht? Ja, darüber will ich jetzt einige besondere Worte sagen.
III.
Wie geschieht es denn, zum Beispiel, bei Leuten, die es verstehen, sich zu rächen, und überhaupt – ihren Mann zu stehn? Wenn sie vom Rachedurst ergriffen werden, so bleibt ja von ihrem ganzen Wesen überhaupt nichts mehr übrig, außer diesem Gefühl. Solch ein Mensch schießt denn auch sofort wie ein wild gewordener Stier mit tiefgesenkten Hörnern auf das Ziel los, und höchstens eine Wand kann ihn dann noch zum Stehen bringen. (Bei der Gelegenheit sei es noch gesagt: vor der Wand ergeben sich solche Menschen, d. h. die Unmittelbaren- und Tatmenschen, widerspruchslos, vor der Wand „passen“ sie wie im Kartenspiel. Für sie ist die Wand keine Ablenkung wie z. B. für uns denkende und folglich tatlose Menschen, kein Vorwand, auf diesem Wege umzukehren – ein Vorwand, an den unsereiner gewöhnlich im Grunde selbst nicht glaubt, doch über den er sich stets ungemein freut. Nein, sie „passen“ vor ihr wirklich mit aller Aufrichtigkeit. Die Wand hat für sie stets etwas Beruhigendes, moralisch Entscheidendes und Definitives, meinetwegen sogar etwas Mystisches ... Doch von der Wand später.) Also gerade solch einen unmittelbaren Menschen halte ich für den wirklichen, normalen Menschen, wie ihn Mutter Natur selbst haben wollte, als sie ihn liebend aus der Erde gebar. Solch einen Menschen beneide ich bis zur grünsten Galle! Er ist dumm. Nun gut, darüber will ich mit Ihnen nicht streiten, vielleicht aber, wer kann’s denn wissen, _muß_ jeder normale Mensch dumm sein? Vielleicht ist das sogar sehr schön. Und ich bin um so mehr zu diesem, sagen wir, Verdacht geneigt, als z. B. die Antithese des normalen Menschen, also der verstärkt erkennende Mensch, der natürlich nicht aus dem Schoße der Erde hervorgegangen, sondern aus der Retorte, dem Destillationstopf aller Chemikalien, entstanden ist, – das ist fast schon Mystizismus, meine Herren, aber ich nehme auch das als Tatsache an – wenn man also diesen Retortenmenschen nimmt, so „paßt“ er vor seiner Antithese zuweilen dermaßen, daß er sich selbst samt seiner ganzen verstärkten Erkenntnis gewissenhaft für eine Maus hält, nicht aber für einen Menschen. Mag das auch eine verstärkt erkennende Maus sein, so bleibt sie doch trotzdem eine Maus, jener aber ist ein Mensch und folglich auch das Weitere. Und die Hauptsache: er _selbst_, _er selbst_ hält sich für eine Maus; niemand bittet ihn darum; das aber ist ein wichtiger Umstand. Betrachten wir nun diese Maus in der Tätigkeit. Nehmen wir zum Beispiel an, daß sie auch einmal beleidigt wird – und sie wird fast immer beleidigt – und sich gleichfalls rächen will. Wut kann sich in ihr vielleicht noch mehr ansammeln, als in einem ^homme de la nature et de la vérité^. Das gemeine, niedrige Wünschchen der Maus, dem Beleidiger mit derselben Münze heimzuzahlen, kann vielleicht noch heißer in ihr sieden, als in diesem ^homme de la nature et de la vérité^, denn ^l’homme de la nature et de la vérité^ hält bei seiner angeborenen Dummheit seine Rache allereinfachst für Gerechtigkeit. Die Maus jedoch verneint hierbei die Gerechtigkeit – infolge ihrer verstärkten Erkenntnis. Endlich kommt es zur Tat selbst, zum Racheakt. Die unglückliche Maus hat aber inzwischen außer der anfänglichen Gemeinheit schon soviel neue Gemeinheiten in Gestalt von Fragen und Zweifeln um sich herum aufgehäuft, hat an eine Frage so viele andere ungelöste Fragen angereiht, daß sich unwillkürlich um sie herum ein verhängnisvoller Brei bildet, ein stinkender Schmutz, der unbedingt entstehen muß aus diesen ihren eigenen Zweifeln und Peinigungen und schließlich auch aus dem Speichel, der auf sie von den unzähligen unmittelbaren Tatmenschen, die sie als Richter und Diktatoren in feierlichem Kreise umstehn und aus vollem Halse über sie lachen, niederfliegt. Selbstverständlich kann _sie_ ja noch auf sie alle pfeifen, mit ihrem Pfötchen eine geringschätzige Gebärde machen und mit einem Lächeln vorgespielter Verachtung, an die sie selbst nicht glaubt, schimpflich in ihr Ritzchen zurückschlüpfen. Dort, in ihrem scheußlichen, stinkenden Winkel versenkt sich dann unsere beleidigte, zerschlagene und verhöhnte Maus alsbald in kalte, giftige – und vor allen Dingen – ewig andauernde Bosheit. Vierzig runde Jahre lang wird sie sich bis in die letzten, kleinsten, allerschmählichsten Einzelheiten der Beleidigung erinnern und dabei noch jedesmal von sich aus neue Details, noch schimpflichere, hinzufügen, wird sich fortwährend mit der eigenen Phantasie boshaft reizen und aufstacheln. Sie wird sich dieser Erinnerung schämen, trotzdem aber sich alles ins Gedächtnis zurückrufen, wieder alles von neuem erleben, sich Unerhörtes noch hinzudenken, unter dem Vorwand, daß dieses ja ebensogut hätte geschehen können – warum auch nicht? – und wird sich nichts, aber auch nichts verzeihen! Am Ende wird sie dann vielleicht auch anfangen, sich zu rächen, doch wird sie es immer irgendwie kleinlich tun, hinter dem Ofen hervor, inkognito; wird selbst nicht einmal weder an ihr Recht, sich zu rächen, noch an den Erfolg ihrer Rache glauben und im voraus wissen, daß unter allen ihren Racheversuchen sie selbst hundertmal mehr leiden wird, als der, an dem sie sich rächen will, ja, daß der sie vielleicht nicht einmal beachten wird. Auf dem Sterbebett wird sie sich wiederum des Ganzen erinnern und das noch mit allen in der Zwischenzeit angesammelten Prozenten ... Und gerade in dieser kalten, quälenden Halbverzweiflung, in diesem Halbglauben, in diesem bewußten Sich-vor-Leid-lebendig-begraben im dunkelsten Winkel des Kellers auf vierzig Jahr, in dieser verstärkt erkannten und immerhin doch teilweise zweifelhaften Aussichtslosigkeit der Lage, in diesem Gift unbefriedigter Wünsche, in diesem Fieber des Schwankens zwischen auf ewig gefaßten und nach einer Minute wieder aufgegebenen Entschlüssen – darin, gerade darin liegt ja der Saft dieses sonderbaren Genusses, von dem ich sprach. Dieser Genuß ist dermaßen fein und der Erkenntnis zuweilen so wenig zugänglich, daß nur etwas beschränktere Menschen oder sogar einfach Menschen mit starken Nerven überhaupt nichts davon verstehen können.
„Vielleicht können auch die nichts davon verstehen,“ denken Sie wohl soeben mit spöttischem Lächeln bei sich, „die niemals Ohrfeigen bekommen haben,“ und wollen mir auf diese Weise höflich zu verstehen geben, daß vielleicht auch ich in meinem Leben schon eine Ohrfeige ertragen habe und darum jetzt aus Erfahrung spreche. Ich könnte wetten, daß Sie das denken. Aber beruhigen Sie sich, meine Herren, ich habe niemals Ohrfeigen bekommen, obgleich es mir vollkommen einerlei ist, ob Sie das denken oder nicht. Ja, vielleicht bedauere ich es selbst noch, in meinem Leben wenig Ohrfeigen ausgeteilt zu haben. Doch genug, kein Wort mehr über dieses für Sie so ungemein interessante Thema.
Ich setze ruhig meine Erklärung fort – von den Menschen mit den starken Nerven, die besagte Feinheit des Genusses nicht verstehen. Diese Menschen beruhigen sich, wenn sie auch in manchen Fällen wie die Ochsen aus vollem Halse brüllen, und dieses ihnen meinetwegen auch die größte Ehre einlegt, so beruhigen sie sich doch sofort, wie ich schon bemerkt habe, vor der Unmöglichkeit. Die Unmöglichkeit – das ist die Wand! Was für eine Wand? Nun, versteht sich, die Naturgesetze, die Ergebnisse der Wissenschaft, der Mathematik. Und wenn man Dir gar beweist, z. B., daß Du vom Affen abstammst, so hast Du nichts mehr zu meinen, nimm es hin, so wie es ist. Oder wenn man Dir beweist, daß ein einziges Tröpfchen Deines eigenen Fettes Dir hunderttausendmal teurer sein muß, als die ganze Menschheit, und daß in diesem Resultat schließlich alle sogenannten Wohltaten und Pflichten und sonstigen Faseleien und Vorurteile gelöst werden, so nimm das nur ruhig an, ist ja nichts zu machen, denn, wie gesagt, zweimalzwei – Mathematik! Versuchen Sie zu widerlegen.
„Na, hören Sie mal!“ wird man Ihnen zuschreien, „das ist doch wie zweimalzwei = vier! Die Natur wird Sie nicht fragen; was gehen die Natur Ihre Wünsche an, und ob die Naturgesetze Ihnen gefallen oder nicht! Sie müssen die Natur so nehmen, wie sie ist, und folglich auch alle ihre Gesetze nebst allen Resultaten. Die Wand also bleibt Wand“ ... usw., usw.
Herrgott, was gehen aber mich die Gesetze der Natur und die Mathematik an, wenn mir aus irgend einem Grunde diese Gesetze und das zweimalzwei-ist-vier nicht gefallen? Versteht sich, ich werde solch eine Wand nicht mit dem Kopf einrennen, da ich ja auch tatsächlich nicht die Kraft dazu habe, aber ich werde mich ihnen doch nicht ergeben, bloß weil hier eine Wand ist und ich nicht genügend Kraft besitze!
Als ob solch eine Wand tatsächlich eine Beruhigung wäre, als ob sie irgend einen Trost enthielte, – einzig weil sie zweimalzwei = vier ist. Oh, Absurdität aller Absurditäten! Eine ganz andere Sache ist doch – alles verstehen, alles erkennen, alle Unmöglichkeiten und Steinwände; sich mit keiner einzigen dieser Unmöglichkeiten oder Wände aussöhnen, wenn es einem vor dem Aussöhnen ekelt; auf dem Wege der unumgänglichen logischen Kombinationen bis zu den allerwiderlichsten Schlüssen kommen – über das ewige Thema, daß man an der Steinwand irgendwie geradezu selbst schuldig ist, obgleich es wiederum bis zur Durchsichtigkeit augenscheinlich bleibt, daß man durchaus nicht schuldig ist – und infolgedessen schweigend und kraftlos zähneknirschend, wollüstig in der Inertie ersterben, mit dem Gedanken, daß man, wie es sich ergibt, nicht einmal einen Grund hat, sich über jemanden zu ärgern; daß überhaupt keine Ursache vorhanden ist und sich vielleicht auch niemals finden lassen wird, daß hier heimlicher Betrug ist, ein künstliches Aneinanderreihen von Tatsachen, Falschspielerei, einfach Brei, – unbekannt was, unbekannt wer, aber trotz all dieser Ungewißheiten und Täuschungen schmerzt es einen doch und je mehr einem unbekannt ist, desto mehr schmerzt es!
IV.
„Hahaha! Dann werden Sie ja auch an Zahnschmerzen Genuß finden!“ wenden Sie lachend ein.