Part 33
„Erlauben Sie, General –,“ unterbrach ihn Klinewitsch gemessen, „Erstens: Sie geruhten vorhin selbst im Grabe Préférence zu spielen und zweitens – sind Sie uns ganz egal – aber ganz!“
„Mein Herr, ich bitte Sie, sich nicht zu vergessen.“
„Was? – Tja, Sie können mich doch nicht erreichen und ich kann Sie ja von hier aus necken so viel ich will – wie Julchens Mops. Und übrigens, – äh, meine Herren, was ist er denn hier noch für ein General? Dort mag er ja auch General gewesen sein, hier aber ist er nichts – überhaupt nichts!“
„Nein, mein Herr, auch hier bin ich ...“
„Hier werden Sie im Sarge verfaulen und was von Ihnen übrig bleibt – sind sechs silberne Knöpfe.“
„Bravo, Klinewitsch, haha–ha!“ gröhlten lachende Stimmen.
„Ich habe meinem Kaiser gedient ... ich ... ich besitze einen Degen!“
„Äh, mit Ihrem Degen kann man jetzt Mäuse spießen und zudem haben Sie ihn doch noch nie gezogen.“
„Das ... bleibt sich gleich. Ich machte einen Teil des Ganzen aus!“
„Als ob es wenig Teile des Ganzen gäbe!“
„Bravo, Klinewitsch, bravo, ha–ha–ha!“
„Ich begreife nicht, was solch ein Degen überhaupt bedeuten soll,“ meinte spöttisch der Ingenieur.
„Vor den Preußen werden wir wie die Mäuse ausreißen, die werden uns doch zu Staub zerklopfen!“ schrie eine entferntere, mir noch unbekannte Stimme, die aber buchstäblich vor Begeisterung erstickte.
„Der Degen, mein Herr, ist die Ehre!“ schrie wohl noch der General, wenigstens konnte ich nur noch seine Stimme unterscheiden, denn es erhob sich ein wütendes, unbändiges Geschrei, das wie ein Getöse dahinbrauste, und das nur noch von dem ungeduldigen hysterischen Gekreisch Awdotja Ignatjewnas durchschnitten wurde.
„Ach schneller, schneller doch! Ach, wann werden wir denn endlich anfangen, uns nicht mehr zu schämen!“
„Och–chohoho! Wahrlich, wahrlich, meine Seele durchlebt das Fegefeuer!“ hörte ich zwar noch die Stimme des Kaufmanns, aber ...
Aber da nieste ich plötzlich. Es kam ganz plötzlich und unbeabsichtigt, doch die Wirkung war verblüffend: alles verstummte, verging wie ein Traum. Wahre Grabesstille brach an. Glaube nicht, daß sie sich vor mir schämten: sie hatten doch beschlossen, sich überhaupt nicht mehr zu schämen!
Ich wartete noch fünf Minuten –: kein Wort, kein Laut. Es ist doch nicht anzunehmen, daß sie eine Anzeige an die Polizei fürchteten; denn was könnte die Polizei hierbei tun? Schließe daraus, daß sie immerhin irgend solch ein Geheimnis haben müssen, eines, das uns Sterblichen unbekannt ist, und das sie sorgfältig vor uns bewahren.
„Nun, meine Lieben,“ dachte ich, „Euch werde ich noch oftmals besuchen.“ Und mit diesen Worten verließ ich den Friedhof.
* * * * *
Nein, das kann ich nicht zulassen; nein, wahrhaftig nicht! Da habe ich nun in Gräbern mein bobock gefunden! ... Hab ja weiter keine Angst davor, aber ...
Verderbnis an solch einem Ort, Verderbnis zerfallender, verwesender Leichen und das noch in dem letzten Augenblick der Besinnung, angesichts der letzten Zuversicht! Diese kurzen Augenblicke sind ihnen gegeben, geschenkt, um ... Doch die Hauptsache, die Hauptsache, – an solch einem Ort! Nein, das kann ich nicht zulassen! ...
Werde zu den anderen Klassen gehen, werde überall zuhören. Das ist’s ja eben, daß man überall zuhören muß, und nicht nur irgendwo am Rande an einer einzigen Stelle, um sich eine richtige Vorstellung machen zu können. Wer weiß, – vielleicht werde ich auch auf etwas Tröstendes stoßen.
Doch zu denen werde ich bestimmt noch zurückkehren. Versprachen doch ihre Biographien und verschiedene Geschichtchen ... Pfui! Aber ich werde überall hingehen, unbedingt werde ich hingehen! Gewissenssache!
Will es in die Redaktion des „Bürger“ bringen; dort hat man auch das Bild eines Redakteurs ausgestellt. Vielleicht drucken sie’s.
Der Traum eines lächerlichen Menschen.
Eine phantastische Erzählung.
I.
Ich bin ein lächerlicher Mensch. Jetzt halten sie mich sogar für irrsinnig. Das wäre ja eine Rangerhöhung, wenn ich dabei nicht immer noch lächerlich für sie bliebe. Jetzt aber ärgere ich mich nicht mehr darüber, jetzt sind sie mir alle lieb, auch wenn sie über mich lachen – ja dann sind sie mir aus irgend einem Grunde noch ganz besonders lieb. Ich würde gern mit ihnen lachen, – nicht gerade über mich, wohl aber aus Liebe zu ihnen, wenn mich nur ihr Anblick nicht so traurig machte. Traurig, weil sie die Wahrheit nicht wissen. Ich aber weiß die Wahrheit. Oh Gott, wie schwer ist es doch, ganz allein die Wahrheit zu wissen! Doch das werden sie nicht verstehn. Nein, das werden sie nicht verstehn.
Früher schuf es mir viel Leid, daß ich lächerlich schien. Nein, nicht schien, sondern war. Ich war immer lächerlich, und das weiß ich vielleicht schon seit meiner Geburt. Vielleicht wußte ich es schon mit sieben Jahren, daß ich lächerlich war. Später besuchte ich die Schule, dann die Universität, aber – je mehr ich lernte, desto mehr erkannte ich, daß ich lächerlich bin. So daß meine ganze Universitätswissenschaft zum Schluß für mich nichts anderes bedeutete, als mir in dem Maße, wie ich mich in sie vertiefte, zu beweisen und zu erklären, daß ich lächerlich bin. Und im Leben erging es mir ähnlich wie in der Wissenschaft. Mit jedem Jahr wuchs und befestigte sich in mir dieselbe Erkenntnis meiner Lächerlichkeit in jeder Lebensbeziehung. Über mich haben immer alle gelacht. Aber kein einziger von ihnen wußte oder erriet es wenigstens, daß, wenn es irgendwo in der Welt einen Menschen gab, der besser als alle anderen wußte, wie lächerlich ich bin, ich dieser Mensch war. Und gerade das war es, was mich am meisten kränkte: daß sie das nicht wußten. Aber daran war ich selbst schuld: ich war immer so stolz, daß ich es um nichts in der Welt einem Menschen gestanden hätte. Und dieser Stolz wuchs in mir noch mit den Jahren, und wenn es geschehen wäre, daß ich mir erlaubt hätte, irgend jemandem, einerlei wem, sei es wem es sei, einzugestehen, daß ich lächerlich bin, so würde ich mir sofort, noch am Abend desselben Tages eine Kugel durch den Kopf geschossen haben. Oh, wie litt ich in meiner Jugend unter der Angst, ich könnte es vielleicht nicht aushalten, und es plötzlich selbst meinen Kameraden sagen. Doch seit der Zeit, da ich schon ein junger Mann wurde, wenn ich dabei auch mit jedem Jahr immer mehr und mehr meine furchtbare Eigenschaft erkannte, wurde ich doch aus irgend einem Grunde ruhiger ... Gerade aus irgend einem Grunde, denn ich kann bis jetzt noch nicht sagen warum. Vielleicht weil in meiner Seele die Angst einer bestimmten Erkenntnis, die menschlich höher war als mein Ich, gerade damals wuchs und wuchs: – das war die mich ergreifende Überzeugung, daß in der ganzen Welt _alles einerlei_ ist.
Ich hatte es schon sehr lange vorausgefühlt, aber die volle Überzeugung überkam mich erst im letzten Jahre und irgendwie ganz plötzlich. Ich fühlte mit einem Mal, daß es mir _ganz einerlei_ wäre, ob die Welt existierte, oder ob es überhaupt nichts gäbe. Allmählich sah und fühlte ich mit meinem ganzen Wesen, daß _es nichts außer mir gab_. Zuerst schien es mir immer, daß es dafür früher vieles gegeben hatte, dann aber erriet ich, daß auch früher nichts gewesen war, sondern nur aus irgend einem Grunde geschienen hatte. Und allmählich überzeugte ich mich, daß es auch hinfort niemals etwas geben wird. Da hörte ich plötzlich auf, mich über die Menschen zu ärgern, und ich bemerkte sie fast nicht mehr. Und das tat sich bald in den kleinsten Dingen kund, z. B. kam es vor, daß ich, wenn ich auf der Straße ging, mit den Leuten zusammenstieß. Und das nicht etwa, weil ich in Gedanken versunken gewesen wäre: woran hätte ich denn denken sollen, ich hatte damals ganz aufgehört, zu denken: mir war alles einerlei. Und wenn ich doch wenigstens Fragen gelöst hätte! Oh, keine einzige habe ich gelöst, und doch gab es ihrer wahrlich nicht wenig! Aber mir wurde _alles einerlei_, und die Fragen entfernten sich von selbst.
Und dann, plötzlich erfuhr ich die Wahrheit. Die Wahrheit erfuhr ich im vorigen November, genau am dritten November und seit der Zeit erinnere ich mich jedes Augenblicks meines Lebens. Es war in einer finsteren, so finsteren Nacht, wie ich sie dunkler noch nie gesehn. Ich kehrte damals um elf Uhr abends heim, und ich weiß noch, ich dachte gerade, daß es eine noch finstrere, dunklere Zeit nicht geben könnte. Sogar in physischer Beziehung. Der Regen hatte den ganzen Tag gerieselt, und das war der allerkälteste, allerfinsterste Regen gewesen, so ein die Seelen ängstigender Regen, das weiß ich noch, der so eine fühlbare Feindseligkeit zu den Menschen hatte. Und plötzlich, um elf Uhr nachts, hörte er auf, und es begann eine furchtbare Feuchtigkeit, die noch feuchter und noch kälter als der Regen war, und von überall her erhob sich ein Nebel, wie Dampf, von jedem feuchten Steine der Straße und aus jeder Quergasse, wenn man im Vorübergehn in sie tiefer hineinblickte, dorthin, wo die beiden Häuserstreifen sich ineinander näherten und im Dunkel verschwanden, stieg er auf. Ich dachte plötzlich, daß es doch viel wohltuender wäre, wenn das Gas erlöschen würde, denn die Beleuchtung machte das alles sichtbar, und so wurde es dem Herzen nur schwerer. Ich hatte an jenem Tage fast nichts gegessen und seit der Dämmerstunde war ich mit zwei anderen bei einem Ingenieur gewesen. Ich hatte die ganze Zeit geschwiegen und war ihnen wahrscheinlich langweilig gewesen. Sie sprachen über irgend etwas und plötzlich gerieten sie sogar in Meinungsverschiedenheiten und Streit. Aber es ging sie im Grunde doch nichts an, das wußte ich, und sie ereiferten sich nur um des Ereiferns willen. Das sagte ich ihnen denn auch plötzlich: „Hört, es ist Euch doch alles einerlei.“ Sie waren deswegen nicht gekränkt, sondern lachten nur über mich. Weil ich es ohne jeden Vorwurf gesagt hatte, einfach weil mir alles einerlei war. Sie sahen es denn auch ein, daß mir alles einerlei war, und wurden wieder guter Laune.
Als ich auf der Straße an das Erlöschen der Gasbeleuchtung dachte, blickte ich zum Himmel auf. Er war unheimlich dunkel, doch deutlich konnte man hellere, zerrissene, zerflatterte Wolken unterscheiden und zwischen ihnen bodenlose schwarze Flecke. Plötzlich erblickte ich in einem dieser Flecke einen kleinen Stern: ich blieb stehn und betrachtete ihn aufmerksam. Ich tat es nur, weil mir dieser kleine Stern einen Gedanken gab: ich beschloß, mich noch in derselben Nacht zu erschießen. Das hatte ich schon vor zwei Monaten fest beschlossen, und wie arm ich auch war, ich hatte mir doch einen schönen Revolver gekauft und ihn noch am selben Tage geladen. Und doch waren schon zwei Monate vergangen und er lag immer noch in meinem Kasten; es war mir alles dermaßen einerlei, daß ich einen Augenblick, in dem mir nicht alles so einerlei sein würde, abwarten wollte, warum – weiß ich nicht. Und so kam es denn, daß ich in diesen zwei Monaten in jeder Nacht, wenn ich heimkehrte, glaubte, ich würde mich in dieser Nacht erschießen. Ich erwartete immer den Augenblick. Und plötzlich gab mir dieser kleine Stern den Gedanken, und ich beschloß, daß es _unbedingt_ in _dieser_ Nacht geschehen sollte. Warum mir aber der Stern den Gedanken gab – das weiß ich nicht.
Und da war’s denn, daß mich, als ich in den Himmel blickte, plötzlich dieses kleine Mädchen am Ellenbogen zupfte. Die Straße war schon ganz, ganz still, kein Mensch war ringsum zu sehn. Nur in der Ferne schlief ein Droschkenkutscher auf seinem Bock. Das Mädchen war vielleicht acht Jahre alt, in einem dünnen Kleidchen, hatte nur ein kleines Tuch um, war ganz durchnäßt, doch am meisten fielen mir ihre nassen zerrissenen Stiefel auf und auch jetzt noch erinnere ich mich ihrer deutlich. Sie stachen mir ganz besonders in die Augen. Sie zupfte mich plötzlich am Ärmel und rief irgend etwas. Sie weinte nicht, aber sie stieß wie bellend irgend welche Worte hervor, Worte, die sie nicht deutlich aussprechen konnte, da sie vor Kälte am ganzen Körper zitterte. Sie war so erschrocken, so entsetzt, daß sie in ihrer Verzweiflung nur stockend immer ein und dasselbe rief: „Mammi! Mammi!“ Ich blickte mich zwar einmal nach ihr um, sagte aber kein Wort und ging weiter, sie aber lief mir nach und zupfte mich immer am Ärmel und in ihrer Stimme klang jener Ton, der bei erschrockenen Kindern Verzweiflung bedeutet. Ich kenne diesen Ton. Wenn sie auch ihre Worte nicht aussprach, so begriff ich doch, daß ihre Mutter irgendwo im Sterben lag, oder daß bei ihnen sonst etwas Furchtbares geschehen sein mußte, und sie hinausgelaufen war, um irgend jemanden zu Hilfe zu rufen, um irgend etwas zu finden, ihrer Mammi zu helfen. Ich aber folgte ihr nicht, wohin sie mich rief, im Gegenteil, es fiel mir sogar ein, sie fortzujagen. Zuerst sagte ich ihr noch, sie solle den Schutzmann suchen. Sie jedoch faltete plötzlich die Händchen zusammen und lief schluchzend, atemlos, neben mir her: wahrscheinlich hatte sie Angst mich zu verlassen. Und da war es denn, daß ich plötzlich mit dem Fuß stampfte und sie anschrie. Sie rief nur angstvoll: „Herr, lieber Herr! ...“ dann aber blieb sie stehn und plötzlich lief sie schnell über die Straße: dort ging eine Gestalt, und so verließ sie mich, um zu dem anderen Menschen hinüber zu laufen.
Ich stieg in meinen fünften Stock. Ich wohne hier bei einer Frau, die Zimmer vermietet. Mein Zimmer ist ärmlich und klein; es hat nur ein halbrundes Dachfenster. Ich habe einen mit Wachstuch bezogenen Schlafdiwan, einen Tisch, auf dem meine Bücher stehn, zwei Stühle und einen Lehnstuhl, der zwar alt, uralt, dafür aber bequem ist. Ich setzte mich, zündete das Licht an und kam ins Denken. Im Nebenzimmer, das nur durch eine dünne Wand von meinem Zimmer geschieden ist, zog sich das Gelage schon den dritten Tag hin. Dort wohnte ein verabschiedeter Hauptmann und bei ihm waren wieder Gäste – sechs Mann; gewöhnlich tranken sie Schnaps und spielten mit alten fettigen Karten irgend ein Hazardspiel. In der vergangenen Nacht war es bei ihnen zu einer Prügelei gekommen und ich weiß, daß zwei von ihnen sich lange gegenseitig in den Haaren gelegen hatten. Die Wirtin wollte sich beklagen, wagte es jedoch nicht, da sie vor dem Hauptmann furchtbar Angst hatte. Sonst gibt es hier an Mietern nur noch eine kleine, magere Dame, eine angereiste, mit ihren drei kleinen und hier bei uns erkrankten Kinderchen. Sie wie die Kleinen fürchten den Hauptmann bis zur Lächerlichkeit und wenn er wieder Gäste hat, so schlafen sie die ganze Nacht nicht, zittern und bekreuzen sich und das kleinste soll vor Angst schon irgend welche Krämpfe gehabt haben. Dieser Hauptmann bettelt zuweilen, wie ich genau weiß, die Menschen auf dem Newsky an, eine Stelle sucht er sich nicht, doch sonderbarer Weise – deswegen erzähle ich ja nur von ihm – hat mich dieser Hauptmann während der ganzen Zeit, die er bei uns wohnt, noch kein einziges Mal gestört. Seinem Verkehr war ich allerdings gleich zu Anfang ausgewichen, und ich wurde ihm auch schon bei seinem ersten Besuch in meinem Zimmer furchtbar langweilig, doch wie laut sie auch im Nebenzimmer schreien mochten – mir war immer alles einerlei. Ich sitze die ganze Nacht in meinem Lehnstuhl, und wirklich, ich höre sie überhaupt nicht – so weit konnte ich sie und ihr Geschrei vergessen. Schlafe ich doch in keiner einzigen Nacht – und das tue ich jetzt schon ein Jahr lang. Ich sitze bis zum Morgengrauen in meinem Sessel und mache nichts. Bücher lese ich nur des Tags. Ich sitze und denke nicht einmal, ich sitze einfach so, irgend welche Gedanken schweifen umher und ich lasse sie ruhig gewähren. Das Licht brennt in der Nacht ganz aus. Ich setzte mich an den Tisch, nahm meinen Revolver und legte ihn vor mich hin. Ich weiß noch – als ich ihn vor mich hinlegte, fragte ich mich: „Ja?“ und vollkommen ruhig antwortete ich mir: „Ja.“ Also hatte ich beschlossen, mich noch in derselben Nacht zu erschießen. Ich wußte, daß ich mich in dieser Nacht bestimmt erschießen würde, wie lange ich aber vorher noch so sitzen würde – das wußte ich nicht. Und zweifellos hätte ich mich auch erschossen, wenn nicht jenes Mädchen ...
II.
Sehen Sie: wenn mir auch alles einerlei war, so fühlte ich doch, zum Beispiel, den Schmerz, den fühlte ich doch. Hätte mich jemand geschlagen, so würde ich bestimmt den Schmerz gefühlt haben. Und ebenso auch in moralischer Hinsicht: wäre etwas sehr Trauriges geschehn, so würde ich Mitleid empfunden haben, ganz wie früher, als mir noch nicht alles im Leben einerlei war. Und so hatte ich denn auch jetzt Mitleid gefühlt: einem Kinde würde ich doch unter allen Umständen geholfen haben. Warum hatte ich dann dem kleinen Mädchen nicht geholfen? Weil mir gerade in dem Augenblick ein Gedanke gekommen war: als sie mich rief und zupfte, hatte sich vor mir gerade eine Frage erhoben, die ich nicht lösen konnte. Sie war müßig, aber sie ärgerte mich doch. Ärgerte mich wegen der logischen Folgerung, daß mir, wenn ich beschlossen hatte, mich noch in derselben Nacht zu erschießen, folglich alles auf der Welt mehr denn je gleichgültig sein mußte. Warum aber fühlte ich dann plötzlich, daß mir nicht alles gleichgültig war und daß ich das Mädchen bemitleidete? Ich weiß noch, daß sie mir wirklich leid tat; sogar bis zu einem ganz sonderbaren Schmerz tat sie mir leid, der doch in meiner Lage ganz unwahrscheinlich und unangebracht schien. Nein, ich kann mein damaliges vorübergehendes Empfinden nicht gut wiedergeben, aber es dauerte noch an, als ich schon in meinem Zimmer war, als ich mich schon an den Tisch gesetzt hatte; und ich war so aufgebracht, wie ich es seit langer Zeit nicht mehr gewesen war. Erwägung zog nach Erwägung vorüber. Es ist doch klar, daß ich, wenn ich ein Mensch und noch keine Null bin, d. h. mich noch nicht in eine Null verwandelt habe, daß ich dann lebe – und folglich kann ich mich dann noch ärgern, kann ich noch leiden, und wegen meiner Handlungen Scham empfinden. Schön. Meinetwegen. Aber wenn ich mich, zum Beispiel, nach zwei Stunden töte, was ist mir dann dieses kleine Mädchen und was geht mich dann die Scham an und überhaupt die ganze Welt? Ich verwandle mich in eine Null, in eine absolute Null. Und konnte denn wirklich die Erkenntnis, daß ich alsbald _überhaupt nicht_ mehr sein würde, folglich aber auch sonst überhaupt nichts mehr sein würde, weder auf das Gefühl des Mitleids mit dem kleinen Mädchen, noch auf das Gefühl der Scham nach der begangenen Rohheit nicht den geringsten Einfluß haben? Nur deswegen stampfte ich doch mit dem Fuß und schrie ich das arme Kindchen so wütend an, weil ich zeigen wollte, daß ich – nicht nur kein Mitleid empfinde, sondern auch die unmenschlichste Rohheit begehen kann, da nach zwei Stunden alles erlöschen und es dann nichts mehr geben wird. Werden Sie es mir glauben, daß ich sie deswegen anschrie? Ich bin jetzt fest überzeugt davon. Es war mir in jenem Augenblick vollkommen klar, daß das Leben und die Welt gleichsam nur von mir abhängen. Ja, ich kann es sogar so sagen: daß die Welt jetzt gleichsam nur für mich allein geschaffen ist – erschieße ich mich, so hört die Welt auf zu sein, wenigstens für mich. Ganz abgesehen davon, daß es vielleicht auch wirklich für niemanden mehr etwas nach mir geben wird, und die ganze Welt, sobald nur meine Erkenntnis erlischt, gleichfalls wie eine Vision vergeht, wie ein Attribut bloß dieser meiner Erkenntnis, und sich aufhebt: denn vielleicht ist diese ganze Welt und sind alle diese Menschen – nur ich selbst ganz allein. Ich weiß noch, daß ich diese neuen Fragen, die sich eine nach der anderen herandrängten, in das Entgegengesetzte umkehrte und mir etwas ganz Neues ausdachte. Das war, als ich in meinem Lehnstuhl saß und grübelte. So kam mir u. a. plötzlich auch ein sonderbarer Gedanke: wenn ich, zum Beispiel, früher auf dem Monde oder auf dem Mars gelebt und daselbst irgend eine unglaublich ehrlose, schändliche Tat begangen hätte, die schändlichste, die man sich nur denken kann, und wenn ich dort für diese Tat so beschimpft und entehrt worden wäre, wie man es sich höchstens im Traum zuweilen vorstellen, unter einem Alpdruck fühlen kann, und wenn mich dann auf der Erde die Erinnerung an das, was ich auf dem anderen Planeten getan, nicht verlassen und ich außerdem noch wissen würde, daß ich niemals mehr, unter keinen Umständen auf jenen anderen Planeten zurückkehren werde, so, frage ich mich, würde mir dann, wenn ich von der Erde aus auf den Mond blickte, – _alles einerlei_ sein oder nicht? Würde ich mich dann dieser meiner Tat schämen oder nicht? Die Fragen waren müßig und überflüssig, da der Revolver schon vor mir auf dem Tisch lag, und ich mit meinem ganzen Wesen wußte, daß es bestimmt geschehn würde – aber sie regten mich auf und ich ärgerte mich. Es war mir, als könnte ich nicht mehr sterben, bevor ich nicht etwas – Unbestimmtes gelöst hatte. Kurz, dieses kleine Mädchen rettete mich, denn durch die Fragen schob ich den Tod auf. Beim Hauptmann im Nebenzimmer wurde es mittlerweile still: sie hatten ihr Kartenspiel beendet und richteten sich zum Schlafen ein, inzwischen aber brummten sie noch oder schimpften schlaftrunken zu Ende. Und da geschah es denn, daß ich plötzlich einschlief, was mit mir sonst noch nie vorgekommen war: am Tisch im Lehnstuhl. Ich schlief, mir vollkommen unbewußt, ein.
Träume sind bekanntlich eine äußerst sonderbare Sache: das Eine sieht man mit erschreckender Deutlichkeit, mit schmuckstückhafter Ausarbeitung der Einzelheiten, anderes dagegen übergeht man fast ganz, als ob es überhaupt nicht vorhanden wäre, so z. B. Raum und Zeit. Ich glaube, Träume träumt nicht die Vernunft, sondern der Wunsch, nicht der Kopf, sondern das Herz, und doch: welch komplizierte Dinge überwand meine Vernunft zuweilen im Traum! Ganz unbegreifliche Dinge! Zum Beispiel: mein Bruder ist vor fünf Jahren gestorben, ich sehe ihn aber sehr oft im Traum: er nimmt Anteil an meinen Interessen, wir sprechen sehr sachlich über alle möglichen Dinge, währenddessen aber weiß ich doch die ganze Zeit über genau und vergesse es keinen Augenblick, daß mein Bruder schon tot und längst begraben ist. Wie kommt es aber, daß ich mich nicht im geringsten über sein Erscheinen wundere? Daß der Tote neben mir sitzt und mit mir spricht? Warum läßt meine Vernunft so etwas ruhig zu? Doch genug. Ich komme jetzt zu meinem Traum. Ja, damals hatte ich jenen Traum, meinen Traum vom dritten November! Jetzt necken Sie mich damit, daß es ja doch nur ein Traum gewesen ist. Aber ist es denn wirklich nicht ganz gleichgültig, ob es ein Traum gewesen ist oder nicht, wenn nur dieser Traum mir die Wahrheit offenbart hat? Denn wenn man einmal die Wahrheit erkannt, sie nur einmal gesehn hat, so weiß man doch, daß sie die einzige Wahrheit ist und es außer ihr eine andere überhaupt nicht mehr geben kann, einerlei ob man schläft oder lebt. Nun gut, mags ein Traum sein, meinetwegen, aber dieses Leben, das Ihr so preist, wollte ich mit einem Selbstmord von mir werfen, mein Traum aber, mein Traum – oh, mein Traum offenbarte mir ein neues, großes, wundervolles Leben!
Hört.
III.
Ich sagte, daß ich ganz unmerklich einschlief; es war mir, als ob ich nur fortfuhr über dieselben Fragen nachzugrübeln. Plötzlich nehme ich den Revolver – d. h. es schien mir im Traum, daß ich ihn nahm – und setze ihn gerade an das Herz, – an das Herz, und nicht an die Stirn; ich aber hatte vorher fest beschlossen, mich durch einen Schuß in den Kopf, unbedingt in den Kopf, und zwar gerade durch die rechte Schläfe zu töten. Nachdem ich den Lauf auf die Brust gesetzt hatte, wartete ich eine, nein, zwei Sekunden lang und mein Licht, der Tisch und die Wand vor mir kamen plötzlich wie näher und fingen zu schaukeln an. Ich drückte schnell den Hahn ab.