Sämtliche Werke 20

Part 32

Chapter 323,632 wordsPublic domain

„Das ist aber wirklich stark! Da sehen wir’s ja, wie Sie sind! Sogar hier noch wollen Sie Ihre Rechnungen einkassieren! Gehen Sie nur nach oben. Fragen Sie bei meiner Nichte; die ist die Erbin.“

„Ach Gott, wo soll man jetzt noch fragen, und wohin gehn! Sind beide begraben und vor Gott beide in Fehl und Sünde gleich.“

„In Fehl und Sünde!“ spottete die Tote verächtlich. „Unterstehen Sie sich nicht, mit mir zu sprechen!“

„Och – chohoho!“

„Aber der Krämer gehorcht ihr doch, Exzellenz.“

„Warum sollte er denn auch nicht gehorchen?“

„Das schon, aber hier gibt es doch bekanntlich eine neue Ordnung, Exzellenz.“

„Was ist denn das für eine neue Ordnung?“

„Aber wir sind doch, wie man zu sagen pflegt, gestorben, Exzellenz.“

„Ach ja, richtig! Nun, aber immerhin eine Ordnung ...“ –

Na, das muß ich sagen, die haben mich wirklich zerstreut! Wenn es schon hier dazu kommt, was soll man dann noch von der oberen Etage erwarten? Was für Späßchen, in der Tat! Fuhr einstweilen fort, zuzuhören, wenn auch mit tiefem Unwillen.

* * * * *

„Nein, ich würde aber leben! Nein ... ich, wissen Sie ... ich würde aber leben!“ hörte ich da plötzlich eine neue Stimme, irgendwoher, so in der Mitte zwischen dem General und der reizbaren Dame.

„Hören Sie, Exzellenz? Unser Alter fängt wieder an. Schweigt, schweigt drei Tage lang womöglich, und mit einem Mal: ‚Ich würde aber leben, nein, ich würde aber leben!‘ Und mit solch einem, wissen Sie, Appetit, sagt er es, hi – hi!!“

„Und Leichtsinn.“

„Ihm geht’s schon nah, Exzellenz, und, wissen Sie, er schläft schon ein, ja, ja, er fängt bereits an, ganz einzuschlafen, ist doch seit dem April hier – und plötzlich: ‚ich würde aber leben!‘“

„Ziemlich langweilig,“ bemerkte seine Exzellenz.

„Langweilig, Exzellenz? Sollte man dann nicht wieder Awdotja Ignatjewna ein wenig necken, hi – hi, – wie?“

„Nein, da muß ich Sie doch bitten, mich mit der ungeschoren zu lassen. Kann diese keifende Schachtel nicht ausstehen.“

„Ich aber kann Sie alle beide nicht ausstehen!“ schrie sofort die Schachtel erbost zurück. „Alle beide sind Sie sterbenslangweilig, und keiner von Ihnen versteht etwas Ideales zu erzählen. Ich aber könnte, wenn ich wollte, ein Geschichtchen von Ihnen, Exzellenz, – bitte seien Sie nicht so hochnasig –, könnte ein Geschichtchen von Ihnen erzählen, ... wie ein Diener Sie früh morgens mit dem Besen unter einem Ehebett hervorgekehrt hat ...“

„Gemeines Frauenzimmer!“ stieß der General brummend zwischen den Zähnen hervor.

„Mütterchen Awdotja Ignatjewna,“ rief plötzlich wieder der Kaufmann dazwischen, „sag mir doch, meine Herrin, ohne des Bösen zu gedenken, sag mir doch, muß ich jetzt alleweil die Übergänge und Zustände der Seele nach dem Tode erst durchmachen, oder was ist das sonst?“

„Ach, da kommt er schon wieder damit, ahnte ich’s doch! Also von ihm rührt dieser Geruch her, also er verwest jetzt schon!“

„Ich verwese noch längst nicht, Mütterchen, und ich kann nicht sagen, daß von mir irgend solch ein besonderer Geruch ausginge, hab mich noch wie ich war an ganzem Leibe erhalten, aber Sie, Gnädige, Sie fangen ja schon an, in einen anderen Zustand überzugehen – denn der Gestank ist wirklich stark, sogar bis zu mir her. Schwieg bis jetzt nur aus Höflichkeit.“

„Ach, Sie schändlicher Lügner! Von ihm riecht es, daß man ohnmächtig werden könnte, und er hat noch die Frechheit, es auf mich zu schieben!“

„Och – chohoho! Wenn doch bald mein vierzigster Tag[8] käme: hörte dann ihre traurigen Stimmen über mir, meines Weibes Schluchzen und der Kinder stilles Weinen! ...“

„Ach, hört doch, worüber der trauert! Die werden schon den Reis[9] zu deiner Totenfeier verzehren, da sei Du unbesorgt! Ach, wenn doch wenigstens jemand erwachen würde!“

„Awdotja Ignatjewna,“ rief sofort der Beamte – ein Hofrat, glaub ich – „warten Sie nur noch einen Augenblick, bald werden Neue erwachen!“

„Ach, gibt es auch Junge unter ihnen?“

„Gewiß, gewiß, auch Junge – sogar Jünglinge!“

„Ach, das ist ja herrlich!“

„Wie, sind sie denn noch nicht erwacht?“ erkundigte sich seine Exzellenz.

„Selbst vorvorgestrige sind noch nicht erwacht; Exzellenz wissen es doch selbst, daß man sie gestern, vorgestern und heute mit einem Mal ganz plötzlich und zu gleicher Zeit angefahren hat. Sonst sind doch um uns etwa zehn Schritt in der Runde alles vorjährige.“

„Hm! interessant!“

„Und wissen Sie, Exzellenz, heute hat man den Wirklichen Geheimrat Tarassewitsch beerdigt. Ich erkannte die Stimmen. Seinen Neffen kenne ich sehr gut, – der half vorhin den Sarg versenken.“

„Hm – wo liegt er denn hier?“

„Etwa fünf oder sechs Schritt links von Ihnen, Exzellenz. Fast gerade Ihnen zu Füßen ... Wie wär’s, Exzellenz, wenn Sie sich mit ihm bekannt machen würden?“

„Hm, nein – wie denn!? ... ich kann doch nicht als erster ...“

„O, er wird schon selbst anfangen, Exzellenz. Er wird sich sogar sehr geschmeichelt fühlen, überlassen Sie es nur mir, Exzellenz, ich ...“

„Ach, ach ... ach, was ist mit mir?“ ließ sich da plötzlich ein neues, keuchendes, ganz erschrockenes Stimmchen hören.

„Ein Neuer, Exzellenz, ein Neuer, Gott sei Dank, und wie schnell erwacht! Zuweilen schweigen sie ja eine ganze Woche.“

„Ach, ich glaube, es ist ein junger!“ rief Awdotja Ignatjewna verzückt aus der Fistel.

„Ich ... ich ... ich bin an einem Rückfall und so plötzlich!“ stammelte wieder der Jüngling. „Noch am Abend untersuchte mich Schulz: Sie haben sich wieder erkältet, sagte er, haben einen Rückfall, und am Morgen starb ich plötzlich. Ach! Ach!“

„Nun, nichts zu machen, junger Mann,“ meinte der General, augenscheinlich gnädigst über den Neuling erfreut, „– man muß sich trösten! Willkommen in unserem, wie man sagt, Tale Josaphat. Wir sind gute Menschen; Sie werden uns ja selbst kennen und schätzen lernen. Generalmajor Wassili Wassiljewitsch Perwojedoff, zu Ihren Diensten.“

„Ach, nein! Nein, nein, das kann ich auf keinen Fall! Ich, wissen Sie, bei mir hat sich eine Verschlimmerung eingestellt, zuerst war’s nur die Brust und der Husten, dann aber erkältete ich mich: Brust und Katarrhalfieber ... und dann plötzlich ganz unerwartet ... das ist es ja, daß es so ganz unerwartet kam!“

„Sie sagen, zuerst war es nur die Brust?“ mischte sich mit freundlicher Stimme der Beamte ein, ganz als ob er den Jüngling ermuntern wollte.

„Ja, die Brust und Schleimauswurf, dann aber hörte der plötzlich auf und – ich kann nicht mehr atmen ... und wissen Sie ...“

„Ich weiß, ich weiß. Aber wenn’s die Brust war, so hätten Sie zu Eck gehen sollen, aber nicht zu Schulz.“

„Ich aber, wissen Sie, wollte immer zu Botkin gehen ... und plötzlich ...“

„Nun, Botkin schneidet,“ bemerkte der General.

„Ach nein, das ist gar nicht wahr, er schneidet gar nicht! Ich habe gehört, er soll so aufmerksam sein, und alles voraussagen.“

„Seine Exzellenz meinte es nur in betreff des Preises,“ berichtigte der Beamte.

„Ach – gar nicht, nur drei Rubel und er untersucht so gut und das Rezept ... und ich wollte es unbedingt, weil man mir gesagt hatte ... Ja, wie denn nun, meine Herren, was soll ich tun, zu wem soll ich jetzt: zu Eck, oder zu Botkin?“

„Wie? Wohin?“ fragte interessiert der General und in gemütlichem Lachen schüttelte sich seine Leiche. Der Beamte sekundierte ihm natürlich sofort in der Fistel.

„Mein lieber Junge, mein lieber fröhlicher Junge, wie ich Dich liebe!“ fiel bezaubert Awdotja Ignatjewna etwas kreischend ein. „Ach, wenn man doch solch einen neben mich gebettet hätte!“ –

Nein, das ist aber doch unmöglich. Und das soll ein Toter unseres Jahrhunderts sein! Einstweilen kann man aber noch zuhören und mit dem letzten Urteil noch etwas warten. Dieser grüne Neuling – ich erinnerte mich noch, wie er vorhin im Sarge aussah: Ausdruck eines erschrockenen Huhnes, der allerwiderlichste der ganzen Welt! Aber was weiter.

* * * * *

Doch was dann kam, war solch ein Chorus von Stimmen, daß ich alles nicht einmal behalten konnte, denn es erwachten sehr viele zu gleicher Zeit, unter anderen auch ein höherer Beamter, einer von den Staatsräten, der mit dem General sofort ein Gespräch anknüpfte über das Projekt einer Unterkommission im Ministerium der öffentlichen Arbeiten und die mutmaßlich damit in Verbindung stehende Versetzung der Amtspersonen, – wodurch er den General ersichtlich ungemein, ganz ungemein zerstreute. Ich muß gestehen, daß auch ich bei der Gelegenheit viel Neues erfuhr, – schüttelte noch mein Haupt über die sonderbaren Wege, auf denen man hier in dieser Hauptstadt administrative Neuigkeiten erfahren kann. Darauf erwachte auch halb und halb ein Ingenieur, schwätzte jedoch noch lange allerhand Unsinn, sodaß die anderen ihn vorläufig nicht belästigten, sondern ihn erst „sich ausliegen“ ließen. Zum Schluß bekundete auch noch die am Morgen unter dem Katafalk beerdigte vornehme Dame einige Anzeichen der Grabesbeseelung. Lebesätnikoff, – es stellte sich nämlich heraus, daß der schmeichlerische, mir verhaßte Hofrat, der sich neben dem General Perwojedoff befand, Lebesätnikoff hieß – nun ja, war furchtbar verwundert und in Anspruch genommen durch den ungewöhnlichen Umstand, daß dieses Mal die meisten so bald erwachten. Muß gestehen: auch mich nahm’s ein wenig wunder. Übrigens waren einige von den Erwachenden bereits vor drei Tagen beerdigt worden, wie z. B. ein ganz junges Mädchen, eine Sechzehnjährige, die aber die ganze Zeit über nur kicherte ... Widerlich.

„Exzellenz, Geheimrat Tarassewitsch ist soeben im Begriff, zu erwachen,“ meldete plötzlich Lebesätnikoff mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit.

„A? was?“ fragte da auch schon – ein wenig wie im Halbschlaf – der erwachende Geheimrat mit einer anmaßenden, quäkenden Stimme, in der etwas Eigensinnig-Befehlendes lag. Ich horchte interessiert auf, denn in den letzten Tagen hatte ich viel von diesem Tarassewitsch reden gehört – im höchsten Grade Verfängliches und Aufregendes.

„Das bin ich, Exzellenz, vorläufig nur ich.“

„Was wollen Sie?“

„Einzig mich um das Befinden Eurer Exzellenz erkundigen; aus Ungewohnheit fühlt sich hier fast jeder anfänglich ein wenig beengt. Entschuldigen Sie ... General Perwojedoff würde es sich zur Ehre anrechnen, die Bekanntschaft Eurer Exzellenz zu machen, und hofft ...“

„Kenne nicht.“

„Unmöglich, Exzellenz, General Perwojedoff, Wassili Wassiljewitsch ...“

„Sie sind also General Perwojedoff?“

„Nein, Verzeihung, Exzellenz, nicht ich, ich bin im ganzen nur Hofrat Lebesätnikoff, und stehe zu Ihren Diensten, aber General Perwojedoff ...“

„Blödsinn! Tun Sie mir den Gefallen, mich nicht zu stören.“

„Lassen Sie ihn,“ hielt schließlich würdevoll General Perwojedoff selbst die unvornehme Eilfertigkeit seines Grabklienten auf.

„Er ist ja noch nicht ganz erwacht, Exzellenz, das muß man doch in Betracht ziehen; das ist ja bei ihm vorläufig nur Ungewohnheit: wenn er ganz erwacht, wird er es natürlich anders aufnehmen ...“

„Lassen Sie ihn,“ wiederholte nur der General.

* * * * *

„Wassili Wassiljewitsch! Heda, Exzellenz!“ rief plötzlich laut und verwegen dicht neben Awdotja Ignatjewna eine ganz neue Stimme, – eine etwas blasierte „Herren“stimme mit jener gewissen müden Note und frechen Dehnung einzelner Silben in der Aussprache, wie sie jetzt in der Gesellschaft Mode ist. – „Ich beobachte Sie alle schon geschlagene zwei Stunden. Liege doch bereits drei Tage hier, Sie erinnern sich wohl meiner, Wassili Wassiljewitsch? – Klinewitsch. Haben uns bei Wolokonskis getroffen, wo man Sie – ich weiß übrigens nicht warum – gleichfalls empfing.“

„Wie, Graf Pjotr Petrowitsch ... sollten Sie denn wirklich schon ... und in so jungen Jahren! Wie ich’s bedauere!“

„Tja, bedaure es natürlich gleichfalls, bloß ist es mir jetzt ziemlich egal, und zudem will ich aus allem das möglichst Beste exstirpieren. Und – bin nicht Graf, sondern Baron, im ganzen nur Baron. Wir sind ja irgend solche räudige Barönchen von Lakaienabstammung, tja, und ich weiß auch wahrhaftig nicht warum, – äh, ’s ist doch übrigens ganz egal. Ich bin bloß ein Taugenichts der pseudo-höheren Gesellschaft und man hält mich für einen ‚lieben Polisson‘. Mein Vater, äh, – so ein armseliger General, und meine Mutter ist einmal ^en haut lieu^ empfangen worden. Habe mit dem elenden Hebräer Siffel im vorigen Jahre an fünfzigtausend falsche Scheine fabriziert, und ihn dann angezeigt, doch mit dem Gelde ist mir Julchen Charpentier de Lusignan exgezogen – äh – nach Bordeaux, glaube ich. Und denken Sie sich nur, ich war schon so gut wie verlobt – mit der kleinen Schtschewalewski, drei Monate fehlten ihr noch an sechzehn Jahren, ist noch im Institut, erbt Neunhunderttausend. Äh, Awdotja Ignatjewna, erinnern Sie sich noch dessen, wie Sie mich vor etwa fünfzehn Jahren, als ich noch vierzehnjähriger Page war, verdarben?“

„Ach, das bist Du, Nichtsnutz! Obgleich Dich wohl Gott gesandt hat, aber sonst wäre es ...“

„Sie haben umsonst Ihren Nachbar, den Negoziant, der Verbreitung des üblen Geruchs verdächtigt ... Ich schwieg nur und lachte im stillen; – das geht doch von mir aus; man hat mich ja schon in geschlossenem Sarge hergebracht.“

„Ach, wie abscheulich er ist! Aber es freut mich trotzdem; Sie können sich nicht denken, Klinewitsch, werden es sich bestimmt nicht vorstellen können, welch ein Mangel an Leben und Esprit hier herrscht!“

„Nun ja, nun ja, ... Tja ich beabsichtige hier etwas Originelles einzuführen, Exzellenz, – nicht Sie, Perwojedoff, – Exzellenz, ich meine den anderen, Herr Tarassewitsch, äh, Geheimrat! So antworten Sie doch! – Klinewitsch, der Sie zur Fastenzeit zu Mademoiselle Füry brachte, hören Sie mich?“

„Ich höre Sie, Klinewitsch, freue mich sehr, und glauben Sie mir ...“

„Glaube Ihnen nicht ein Wort – übrigens, ’s ist doch ganz egal. Ich möchte Sie, lieber Alter, gerne abküssen, doch kann ich’s Gott sei Dank nicht. Wissen Sie denn, verehrte Anwesende, was dieser ^grand-père^ angestiftet hat? Er ist vor drei oder vier Tagen gestorben und, – können Sie sich vorstellen – hat rundum Vierzigtausend Kassendefizit hinterlassen! Geld der Witwen und Waisen, und er hat aus irgend einem Grunde ganz allein gewirtschaftet, sodaß man ihn oder vielmehr seine Bücher etwa acht Jahre nicht mehr revidiert hat. Äh, ich kann mir denken, was die jetzt dort für lange Gesichter machen werden, und wie sie seiner gedenken! ^N’est-ce pas^, wonniger Gedanke! Konnte es mir schon das ganze letzte Jahr nicht erklären, woher diesem siebzigjährigen Klappergreis, Podagristen und Chiragriker noch Kräfte zu einem so ausschweifenden Leben verblieben waren und – äh, da haben wir jetzt die Lösung des Rätsels! Diese Witwen und Waisen – tja, du lieber Gott, schon der bloße Gedanke an sie mußte ihn doch erglühen machen! ... Ich war der einzige, der es wußte, die Charpentier hatte mir alles erzählt, und sofort nachdem ich es erfahren hatte, ging ich zu ihm, und setzte diesem heiligen Sünder moralisch den Revolver auf die Brust, – äh, so wie’s sich Freunden geziemt –: ‚Sofort fünfundzwanzigtausend her, wenn nicht, kommt man morgen revidieren‘. Was glauben Sie wohl, meine Herren, er konnte nicht mehr wie dreizehntausend zusammenbringen, so daß er jetzt, wie’s scheint, sehr zur rechten Zeit gestorben ist. ^Grand-père, Grand-père^, hören Sie?“

„^Cher^ Klinewitsch, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber es ist ganz überflüssig ... daß Sie sich in solchen Details ergehen. Es gibt im Leben so viel Leid und Qual und so wenig Lohn dafür ... ich hatte den Wunsch, mich endlich zu beruhigen ... Und insoweit ich mir darüber klar bin, wird sich auch von hier noch vieles herausziehen lassen ...“

„Haha, ich könnte wetten, daß er schon Katjisch Berestowa herausgewittert hat!“

„Wen? ... Was für eine Katjisch?“ fragte sofort sinnlich vibrierend die Stimme des Alten zurück.

„A–ah? Also was für eine Katjisch? Äh, nun, hier links, etwa fünf Schritt von mir, – von Ihnen zehn. Sie liegt hier schon seit fünf Tagen. Wenn Sie wissen würden, ^Grand-père^, was das für ein Mädel ist ... Aus gutem Hause natürlich, wohlerzogen und – ein ^monstre, un monstre^ im höchsten Grade! Ich habe sie dort niemandem gezeigt, ich allein wußte es nur ... Katjisch, eh!?“

„Hi – hihi!“ kam als Antwort das kichernde Lachen einer feinen, hohen Mädchenstimme zurück, doch klang in ihm etwas, das wie ein Nadelstich war. – „Hi – hi – hi!“

„Und ... ist ... sie ... blond?“ stieß lispelnd, kurzatmig ^Grand-père^ in vier Lauten hervor.

„Hi – hi – hi!“

„Mir ... mir gefiel schon lange ...“ fuhr der Alte atemlos lispelnd fort, – „schon lange der Gedanke an ein Blondköpfchen ... ein ... ein fünfzehnjähriges ... und gerade unter solchen Umständen wie hier ...“

„Ungeheuer!“ rief Awdotja Ignatjewna empört.

„Genug!“ entschied Klinewitsch. „Ich sehe schon, daß das Material vortrefflich ist. Wir werden uns hier bald famos einrichten. Die Hauptsache ist, daß man die übrig gebliebene Zeit lustig verbringt; doch was für eine Zeit ist das eigentlich? Heda, Sie, irgend ein Beamter, der Sie da sind, Lebesätnikoff – nicht? – ich glaube, man nannte Sie vorhin so?“

„Gewiß, gewiß, Lebesätnikoff, Hofrat, Ssemjon Jewssejitsch, stehe zu Ihren Diensten, und freut mich, freut mich, ungemein.“

„Äh, ’s ist mir wirklich ganz egal, ob es Sie freut, nur scheinen Sie hier alles zu wissen. Sagen Sie mal vor allen Dingen – ich wundere mich noch seit gestern darüber, – – auf welch eine Weise sprechen wir denn hier eigentlich? Wir sind doch tot, gestorben – nicht wahr, – trotzdem aber sprechen wir; ja es ist auch gleichsam, als ob wir uns sogar bewegten, währenddessen aber bewegen wir uns weder noch sprechen wir? Was soll das alles?“

„Das, oh das, wenn Sie wünschen, Baron, könnte Ihnen Platon Nikolajewitsch besser erklären als meine Wenigkeit.“

„Was für ein Platon Nikolajewitsch? Quatschen Sie nicht dummes Zeug – zur Sache.“

„Platon Nikolajewitsch ist hier unser einheimischer Philosoph, Naturforscher und Professor. Hat bei Lebzeiten mehrere philosophische Bücher verfaßt, doch werden es jetzt wohl schon drei Monate sein, daß er sich anschickt, ganz einzuschlafen, daher wird es wohl schwer fallen, ihn jetzt noch wachrütteln. Er brummt jetzt höchstens einmal in der Woche einige zusammenhanglose Worte, die eigentlich nicht zur Sache gehören ...“

„So kommen Sie doch wenigstens zur Sache!“

„Er – er – er erklärt das mit der ganz einfachen Tatsache, und zwar gerade mit der, daß wir oben, das heißt, als wir noch lebten, den dortigen Tod ganz irrtümlich für einen Tod hielten. Der Körper belebt sich hier gewissermaßen nochmals, die Reste des Lebens konzentrieren sich, aber nur im Bewußtsein. Das – ich kann Ihnen das nicht so recht sagen, ich weiß eigentlich nicht, wie ich mich ausdrücken soll, das Leben setzt sich hier gewissermaßen durch die Inertie fort. Alles konzentriert sich seiner Meinung nach irgendwo im Bewußtsein und lebt dort noch drei oder vier Monate lang fort, zuweilen sogar ein ganzes halbes Jahr ... Es gibt hier zum Beispiel einen, der sich schon total zersetzt hat, doch einmal in etwa sechs Wochen murmelt er plötzlich doch noch ein Wort, natürlich ein sinnloses, von irgend einem Bobock: bobock, bobock, bobock, – also glüht doch auch in ihm noch ein Lebensfünkchen ...“

„Alles ziemlich dumm, was Sie da sagen. Aber wie kommt es, daß ich, ohne Geruchssinn zu haben, doch diesen Gestank hier rieche?“

„Das ... he–he ... Nun, was das anbetrifft, so wurde unser Philosoph, offen gestanden, schon etwas schleierhaft in seiner Erklärung. Gerade über den Geruchssinn bemerkte er, man rieche hier nur, he–he, sozusagen den, he–he, moralischen Gestank! Den Gestank, heißt es, der Seele, um sich in diesen zwei–drei Monaten noch besinnen zu können ... und dieses wäre sozusagen noch die letzte Barmherzigkeit, die uns ... Nur glaube ich, Baron, das ist alles schon mystische Phantasterei, natürlich entschuldbar durch seine Verfassung ...“

„Danke, ich bin überzeugt, daß alles weitere Unsinn ist. Es genügt, daß wir jetzt wissen, woran wir sind –: also zwei oder drei Monate Leben und zum Schluß – bobock. Ich schlage allen vor, diese zwei Monate möglichst angenehm zu verbringen, und uns zu dem Zweck neue Grundsätze zu wählen. Meine Damen und Herren! ich schlage vor, _sich überhaupt nicht mehr zu schämen_!“

„Ach ja, ach ja! wollen wir uns nicht mehr schämen!“ riefen sofort viele Stimmen und sonderbar, es ließen sich auch viele ganz neue Stimmen hören, was natürlich bedeutete, daß inzwischen noch andere erwacht waren. Mit ganz besonderer Bereitwilligkeit und dröhnendem Baß aber äußerte der bereits völlig belebte Ingenieur seinen Beifall. Katjisch kicherte erfreut.

„Ach, wie gern ich mich keiner einzigen meiner Handlungen schämen will!“ rief begeistert Awdotja Ignatjewna.

„Hören Sie, wenn schon Awdotja Ignatjewna sich keiner Sache mehr schämen will! ...“

„Nein nein nein, Klinewitsch, ich habe mich wirklich geschämt, immerhin habe ich mich doch geschämt, aber hier will ich mich furchtbar, furchtbar gern nicht mehr schämen!“

„Ich verstehe, Klinewitsch,“ meinte mit dröhnendem Baß der Ingenieur, „daß Sie vorschlagen, das hiesige, sagen wir, Leben auf neuen vernünftigen Grundsätzen aufzubauen ...“

„Äh, das ist mir wirklich ganz egal! Was das anbetrifft, wollen wir lieber Kudejaroff abwarten, – gestern beerdigt. Wenn er erwacht, wird er Ihnen alles erklären. ’N großartiger Kerl! Morgen, denk ich, wird man noch so einen Naturalisten ’ranschleppen, einen Leutnant jedenfalls bestimmt, und wenn ich mich nicht täusche, nach drei–vier Tagen einen Feuilletonisten – vielleicht mitsamt dem Redakteur. Übrigens, hol sie der Henker, nur wird sich hier bei uns ein geschlossener Kreis bilden und, na ja, es wird sich dann schon alles ganz von selbst machen. Doch – eine Bedingung! –: _ich verlange, daß man nicht lügt_. Nur dieses eine verlange ich, denn das ist doch die Hauptsache. Auf der Erde leben und nicht lügen ist unmöglich, denn Leben und Lüge sind synonym; hier aber wollen wir zur Erhöhung der Heiterkeit einmal _nicht_ lügen. Der Teufel noch eins! – es hat doch etwas zu bedeuten, daß man im Grabe liegt! ... Wir werden alle laut unsere Lebensgeschichte erzählen und uns keiner einzigen Sache mehr schämen. Ganz zuerst werde ich von mir erzählen. Ich, wissen Sie, gehöre zu den wollüstigen ... Dort oben war alles mit faulen Schnüren zusammengebunden. Reißen wir sie ab, diese faulen Schnüre, fort mit ihnen, und lassen Sie uns diese zwei Monate in der schamlosesten Wahrheit verleben! Entblößen wir uns alle, und zeigen wir uns nackt!“

„Ach ja, ja! Entblößen wir uns, entblößen wir uns!“ riefen alle Stimmen aus vollem Halse.

„Ach, ich will mich furchtbar, furchtbar gern entblößen!“ rief Awdotja Ignatjewna und ihre kreischende Stimme klappte vor lauter Begeisterung über.

„Ach ... ach ... ach, ich sehe schon, es wird hier lustig werden, ich will nicht mehr zu Eck!“

„Nein, ich würde aber leben, nein, wissen Sie, ich würde aber leben!“

„Hi–hi–hi!“ kicherte Katjisch.

„Vor allen Dingen kann uns niemand etwas verbieten und wenn sich auch Perwojedoff, wie ich sehe, ärgert, so kann er mich doch nicht kneifen, noch sonst mir etwas antun. ^Grand-père^, sind Sie einverstanden?“

„Oh, oh, ich bin durchaus, durchaus einverstanden und mit dem größten Vergnügen, aber nur mit der Bedingung: daß Katjisch als erste ihre Bi–o–graphie zum besten gibt.“

„Ich protestiere! Ich protestiere mit allem Nachdruck! ...“ erklärte plötzlich mit fester Stimme General Perwojedoff.

„Exzellenz!“ flehte sofort in ängstlicher Erregung und mit gesenkter Stimme der Nichtsnutz Lebesätnikoff – er wollte ihn eines Besseren überzeugen: „Aber, Exzellenz, es ist doch für uns sogar vorteilhafter, wenn wir zustimmen. Hier ist, wissen Sie, dieser Backfisch ... und schließlich, alle diese kleinen Späßchen ...“

„Nun schön, gesetzt – ein Backfisch, aber ...“

„... Vo–vo–vorteilhafter, Exzellenz, bei Gott, es wäre vorteilhafter! Sagen wir meinetwegen nur so zum Beispiel, nur so zur Probe ...“

„Selbst im Gra–abe läßt man einen nicht zur Ruhe kommen!“