Sämtliche Werke 20

Part 31

Chapter 313,800 wordsPublic domain

„Ich sehe, sie steht an der Wand, ganz nah am Fenster, hat die Hand an die Wand gelegt und preßt den Kopf in die Hand, steht so und denkt. Und steht so tief nachdenklich, daß sie gar nicht bemerkt hat, wie ich hereingekommen bin, und sie dort aus dem anderen Zimmer betrachte. Ich sehe, sie scheint so zu lächeln, steht, denkt und lächelt. Ich betrachtete sie, drehte mich dann leise um und ging wieder zurück, denke noch so bei mir selbst; nur höre ich plötzlich das Fenster öffnen. Ich ging sofort wieder hin, um zu sagen, daß es kalt ist, gnädige Frau, Sie könnten sich erkälten – und plötzlich sehe ich: sie steigt auf das Fenster und steht schon ganz aufgerichtet im offenen Fenster, mit dem Rücken zu mir, hält in den Händen das Heiligenbild. Mein Herz blieb mir stehn, schreie: Frau! Frau! Sie hörte es, wollte sich so wie zu mir umkehren, kehrte sich aber nicht um, und – trat vorwärts, preßte das Heiligenbild an die Brust und – stürzte!“

Ich erinnere mich nur noch, daß sie, als ich an der Haustür ankam, noch warm war. Und alle sehen sie mich an. Zuerst schrien sie und sprachen, und plötzlich ist alles still und verstummt und ... da treten sie vor mir zurück und ... und da sehe ich sie liegen mit dem Heiligenbild. Ich erinnere mich nur noch, wie durch einen dichten Nebel, daß ich schweigend zu ihr trat und lange vor mich hinsah. Und alle umringen sie mich, und sprechen etwas zu mir. Lukerja soll auch dort gewesen sein, ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gesehn. Sie sagt, sie hätte mit mir gesprochen. Ich erinnere mich nur noch jenes Bauern: er rief mir die ganze Zeit zu: „nur ein Löffelvoll Blut ist aus dem Mund geflossen, nur ein Löffelvoll, Löffelvoll!“ und wies, zu mir gewandt, immer auf das bißchen Blut daselbst auf dem Stein. Ich, ich glaube, – ich berührte das Blut mit dem Finger, beschmutzte den Finger, betrachtete darauf meinen Finger (dessen erinnere ich mich noch ganz genau), er aber schreit noch fortwährend: „ein Löffelvoll, ein Löffelvoll, ein Löffelvoll!“

„Was ist das für ein Löffelvoll!?“ soll ich plötzlich wütend aufgeschrien haben. Man sagt, ich habe die Hände erhoben und mich auf ihn gestürzt ...

Oh Wahnsinn! Mißverständnis! Unmöglichkeit! Unmöglichkeit!

IV. Im ganzen nur fünf Minuten zu spät.

Etwa nicht? Ist denn das wahrscheinlich? Kann man denn sagen, das wäre möglich? Wozu, warum starb diese Frau?

Ach, glauben Sie mir, ich verstehe es vollkommen, doch wozu ist sie gestorben – das bleibt immer noch eine Frage. Meine Liebe hat sie erschreckt, sie hat sich gewissenhaft gefragt: soll ich sie annehmen oder soll ich nicht, und hat die Frage nicht ertragen und ist lieber in den Tod gegangen. Ich weiß, ich weiß, es hat keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen: sie hatte zu viel versprochen, sie erschrak, fürchtete, daß sie es nicht würde halten können, – es ist doch klar. Hier gibt es ganz furchtbare Gründe ...

Aber wozu ist sie gestorben? – das bleibt immerhin die Frage. Diese Frage klopft, klopft in meinem Hirn, klopft, klopft ... Ich hätte sie doch einfach _so_ in Ruh gelassen, wenn sie gewollt hätte, daß es einfach _so_ bliebe. Sie aber konnte nicht daran glauben, das war’s! Nein nein, ich lüge, gar nicht das war’s. Einfach, weil man mit mir ehrlich sein mußte: lieben, dann auch ganz lieben, nicht aber so, wie sie den Kaufmann geliebt hätte. Da sie aber zu keusch war, zu rein, um sich mit solch einer Liebe, wie sie der Kaufmann braucht, abzufinden, so wollte sie mich nicht betrügen. Wollte mich nicht mit einer Halb-Liebe unter dem Anschein der Liebe betrügen oder mit einer Viertel-Liebe. Solche sind schon allzu ehrlich, das ist’s! Hochherzigkeit hatte ich ihr einimpfen wollen, wissen Sie noch? Sonderbarer Gedanke.

Ungemein interessant wäre doch zu wissen, ob sie mich überhaupt geachtet hat? Ich weiß nicht, hat sie mich verachtet oder nicht? Ich glaube nicht, daß sie mich verachtet hat. Wie sonderbar: warum ist es mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, im ganzen langen Winter, daß sie mich verachtet? Ich war im höchsten Grade vom Gegenteil überzeugt bis zu demselben Augenblick, da sie mich damals plötzlich mit _strenger Verwunderung_ anblickte. Gerade mit _strenger_. Da begriff ich denn mit einem Mal, daß sie mich verachtete. Begriff es unwiderruflich, auf ewig! Ach, gut, gut, möge sie mich verachten, meinetwegen das ganze Leben lang, aber – möge sie nur leben, leben! So kürzlich war es noch, daß sie hier herumging, sprach. Ich begreife wirklich nicht, wie sie sich aus dem Fenster gestürzt hat! Und wie hätte ich mir das nur fünf Minuten vorher denken können? Ich rief Lukerja. Oh, die Lukerja, die lasse ich jetzt auf keinen Fall fort, auf keinen Fall!

Wir hätten uns ja noch besprechen können, wir waren doch schon übereingekommen. Nur hatten wir uns im Winter so entwöhnt von einander, – aber hätten wir uns denn nicht wieder aneinander gewöhnen können? Warum, warum hätten wir nicht wieder eine Ehe führen und ein ganz neues Leben beginnen können? Ich bin großmütig und sie ist es gleichfalls – da hätten wir ja schon einen Einigungspunkt! Noch ein paar Worte, noch zwei Tage – nicht mehr, das hätte genügt, und sie würde alles begriffen haben.

Vor allen Dingen ist das kränkend, daß es nur ein Zufall war, – ein gewöhnlicher, barbarischer, passiver Zufall! Das ist ja das Beleidigende! Fünf Minuten, im ganzen, im ganzen nur fünf Minuten bin ich zu spät gekommen! Wäre ich fünf Minuten früher zurückgekehrt – und der Augenblick wäre wie eine Wolke vorübergezogen, und es wäre ihr nie wieder in den Sinn gekommen. Und schließlich hätte sie alles begriffen. Jetzt aber sind die Zimmer wieder leer, wieder bin ich allein. Dort tickt der Pendel, ihn geht es nichts an, ihm tut nichts leid. Niemand ist bei mir – das ist das Unglück!

Ich gehe, die ganze Zeit gehe ich ... Ich weiß, ich weiß, sagt mir nicht vor: Ihr lächelt darüber, daß ich den Zufall anklage und die fünf Minuten? Aber hier liegt es doch auf der Hand! Bedenken Sie bloß eines: sie hat nicht mal einen Zettel hinterlassen, daß ... nun, so, wie ihn alle hinterlassen. Anderenfalls hätte sie sich doch sagen müssen, daß man jetzt sogar Lukerja verdächtigen könnte ... „Bist ganz allein mit ihr gewesen, also hast Du sie zum Fenster hinausgestoßen.“ Wenigstens hätte man Lukerja doch beunruhigen können, wenn nicht zufällig vier Zeugen vorhanden wären, die aus ihren Fenstern gesehen haben, wie sie mit dem Heiligenbild im offenen Fenster gestanden und sich selbst hinuntergestürzt hat. Das ist doch ein reiner Zufall, daß diese vier es gesehn haben. Nein, das Ganze – war nur ein Augenblick, bloß ein willkürlicher Augenblick, in dem sie sich von ihrer Tat nicht Rechenschaft ablegte ... Plötzlichkeit und Phantasie! Was will’s besagen, daß sie vor dem Heiligenbild gebetet hat? Das bedeutet doch nicht, daß sie vor dem Tode ... Dieser Augenblick hat vielleicht im ganzen nur irgend welche zehn Minuten gedauert, den ganzen Entschluß hat sie gefaßt – gerade als sie, den Kopf in die Hand gestützt, an der Wand stand und lächelte. Der Gedanke ist ihr plötzlich durch den Kopf gegangen, hat ihr Schwindel verursacht und – und sie hat ihm nicht widerstehen können.

Das war ein augenscheinliches Mißverständnis – was Sie da auch einwenden mögen. Mit mir könnte man doch leben ... Wie aber, wenn es Blutarmut war? ... Einfach aus Blutarmut, aus Erschöpfung der Lebensenergie? Müde war sie geworden im Winter, das war’s ...

Zu spät!!!

Wie schmal sie im Sarge ist, wie das Näschen sich zugespitzt hat! Die Wimpern liegen wie kleine Zeiger. Und wie sie doch gefallen ist – nichts hat sie sich zerschlagen, nichts verunstaltet! Nur dieser eine „Löffel voll Blut“, nur ein Teelöffelvoll. Innere Verblutung.

Sonderbarer Einfall ... wenn es möglich wäre, sie _nicht_ zu beerdigen? Denn, wenn man sie fortträgt ... oh, nein, sie fortbringen ist fast unmöglich! Oh, ich weiß ja, daß man sie fortbringen muß, ich bin doch nicht wahnsinnig, ich phantasiere doch nicht, im Gegenteil, – nie noch ist mein Verstand so wach gewesen, aber wie soll denn das wieder so: – wieder kein Mensch im Hause, wieder zwei Zimmer und wieder ich allein mit den Pfändern ... Fieberphantasie, Fieberphantasie ... das ist ja Fieberphantasie! Ich habe sie zu Tode gequält – das ist’s!

Was sind mir jetzt Eure Gesetze? Was sollen mir jetzt Eure Gebräuche, Eure Sitten, Euer Leben, Euer Staat, Euer Glaube? Möge mich Euer Richter richten, möge man mich vor Euer Gericht schleppen, vor Euer Geschworenengericht, und ich werde sagen, daß ich nichts anerkenne! Der Richter wird mich anschreien: „Schweigen Sie, Offizier!“ Ich aber rufe zurück: „Woher willst Du solch eine Macht nehmen, daß ich Dir jetzt gehorchte? Warum hat finstere Passivität das zerschlagen, was mir am teuersten war? Was sind mir denn jetzt Eure Gesetze?! Ich scheide mich aus! Oh, ist mir doch alles gleich!“

Du blindes, blindes Wesen du! – Tot, – sie hört nicht – ... Du weißt nicht, mit welch einem Paradies ich Dich umgeben hätte. Das Paradies war in meiner Seele, ich hätte es um Dich gepflanzt! Gut, Du hättest mich nicht geliebt, – sei’s drum, nun, und – was? Alles wäre jetzt einfach _so_ und würde auch einfach _so_ bleiben. Würdest mir nur wie einem Freunde erzählen, – und da würden wir uns denn freuen, würden zusammen lachen, freudig uns in die Augen blicken. Und so würden wir denn gelebt haben ... Und wenn Du einen anderen lieb gewinnen solltest, – nun, sei’s drum, sei’s drum! Du würdest dann mit ihm gehn und lachen, ich aber würde nur von der anderen Straßenseite sehn ... Ach, alles alles! nur möge sie noch einmal die Augen aufschlagen! Nur auf einen Augenblick, nur auf einen! mich anblicken, so wie vorhin, da sie vor mir stand und schwor, daß sie mein treues Weib sein würde! Ach, mit einem einzigen Blick würde sie alles begreifen!

Oh Natur! Die Menschen sind einsam auf der Erde – das ist das Unglück! „Sprich, Ferne, lebt in dir ein Mensch?“ rief einstmals, wie unser Heldensang uns sagt, in alten Zeiten der fahrende russische Held. So rufe auch ich, doch niemand gibt mir Antwort und die Ferne verschlingt das Echo. Es heißt, die Sonne belebe das Weltall. Wenn die Sonne aufgeht – so seht sie doch an, – ist das nicht eine Leiche? ist sie nicht tot? ... Alles ist tot und überall sind Tote. Allein die Menschen sind noch, doch um sie herum ist Schweigen – das ist die Erde! Es tickt ... tickt ... tickt der Pendel, gefühllos, widerlich ... zwei Uhr nachts. Ihre Schuhchen stehn am Bett, ganz als ob sie sie erwarteten ... Nein, im Ernst, wenn man sie morgen fortträgt – was soll ich dann?

Bobock.

Dieses Mal bringe ich meinen Lesern die „Aufzeichnungen eines gewissen Menschen“. Dieser Mensch bin nicht ich; das ist vielmehr ein ganz anderer. Ich glaube, ein Vorwort ist weiter nicht nötig.

Aufzeichnungen eines gewissen Menschen.

Fährt mich da plötzlich dieser Ssemjon Ardaljonowitsch ganz ohne weiteres an:

„Sag’ doch bitte, Iwan Iwanytsch, wirst Du überhaupt einmal nüchtern werden oder nicht!?“

Sonderbare Anforderung! Fühle mich aber nicht gekränkt. Bin ein schüchterner Mensch. Einstweilen aber hat man mich schon für verrückt erklärt. Ein Maler hat mich porträtiert. Ganz zufällig. „Bist doch,“ sagt er, „immerhin Literat!“ Meinetwegen. Und so saß ich ihm dreimal. Jetzt hat er’s ausgestellt. Kurz darauf lese ich: „Man beeile sich, dieses kranke, dem Wahnsinn nahe Gesicht anzusehen!“

Meinetwegen. Aber trotzdem: wie kann man das nur so öffentlich in der Zeitung sagen? Schreiben muß man doch nur Edles; Ideale tun not; und da schreiben sie nun so was! ...

Sag’ es doch wenigstens indirekt, dazu gibt es doch Redewendungen! Nein, er will es nicht mehr indirekt sagen. Humor und guter Stil verschwinden heutzutage spurlos und Geschimpf wird jetzt für Witz und Scharfsinn gehalten. Nein. Fühle mich nicht gekränkt: bin nicht Gott weiß was für ein Literat, um verrückt zu werden. Schrieb mal eine Novelle – wurde nicht gedruckt. Schrieb ein Feuilleton – wurde abgewiesen. Solcher Feuilletons habe ich etliche in verschiedene Redaktionen geschleppt: vergeblich. „Sie haben,“ heißt es, „kein Salz in Ihren Schriften.“

„Was wollen Sie denn für ein Salz,“ frage ich spöttisch, „– etwa attisches?“

Begreifens nicht einmal. Übersetze größtenteils für Buchhändler aus dem Französischen. Schreibe auch Reklameannoncen für Kaufleute: „Seltenheit! Prima Sorte! Roter Tee von eigenen Plantagen! ...“ Zapfte auch einmal dem seligen Pjotr Matwejitsch ein stattliches Sümmchen für einen Panegyrikus ab. Schrieb: „Die Kunst gefällt dem schönen Geschlecht“ auf Bestellung des Buchhändlers. Ja, solcher Büchelchen habe ich schon an sechs Stück in meinem Leben verfaßt. Will zwar schon lange Voltaires Bonmots sammeln, fürchte aber, daß man sie fade finden wird. Was soll man heutzutage noch mit Voltaire! Knüppeldummheit, aber nicht Voltaire! Würden einander die letzten Zähne einschlagen. Das wäre also meine ganze literarische Tätigkeit. Es sei denn, daß man noch mitrechnete, was _ich_ so an ganz uneigennützigen Briefen an die Redaktionen verfaßt habe. Schicke sie stets mit meiner vollen Unterschrift. Ermahne, gebe Ratschläge, kritisiere und weise auf den richtigen Weg. An eine dieser Redaktionen habe ich in der vorigen Woche den vierzigsten Brief gesandt; macht vier Rubel allein für Postmarken. Mein Charakter taugt nichts, das ist’s.

Ich glaube, der Maler hat mich nicht wegen der Literatur gemalt, sondern wegen der zwei symmetrisch auf meiner Stirn wachsenden Warzen: ein Phänomen, sagt man. Haben ja keine Ideen mehr, da versuchen sie es denn jetzt mit den Phänomena. Dafür aber, wie sind bei ihm meine Warzen auf dem Bilde herausgekommen? – _lebendig_, sag ich Ihnen! Das nennen sie jetzt Realismus.

Was aber das Verrücktsein anbetrifft, so haben sie ja bei uns im vorigen Jahre viele für verrückt erklärt. Und noch dazu in welch einem Stil: „Solch ein selbständiges Talent!“ schreiben sie zuerst verwundert, dann zum Schluß des Artikels: „übrigens war es schon längst vorauszusehen ...“ Das ist ja noch ganz gerieben. Könnte es vom Gesichtspunkte der reinen Kunst sogar loben. Warum auch nicht? Sie selbst aber sind dann plötzlich ungemein klug. Das ist’s ja! für verrückt erklären, das kann man bei uns schon, aber irgend jemanden klüger machen, das bringt man doch noch nicht fertig.

Der klügste ist meiner Meinung nach, wer sich freiwillig wenigstens einmal im Monat selbst einen Esel nennt, – heutzutage eine unerhört seltene Begabung. Früher sagte sich der Esel mindestens einmal im Jahr, daß er ein Esel ist, jetzt aber – nie und nimmer. Und derart haben sie jetzt alles verdreht, daß man, Hand aufs Herz, den Klugen wahrlich auf keine Weise mehr vom Esel unterscheiden kann. Das haben sie natürlich mit Absicht getan.

Soeben fällt mir eine spanische Anekdote ein. Man sagte dort vor zweieinhalb Jahrhunderten, als die Franzosen das erste Tollhaus bauten: „Die haben alle ihre Dummköpfe in ein besonderes Haus eingesperrt, um glauben zu machen, daß sie selbst kluge Leute sind“. Die Spanier haben recht: damit, daß man den anderen in die Irrenanstalt einsperrt, will man ja nur seinen eigenen Verstand beweisen. „X. ist verrückt geworden, – daraus folgt, daß wir jetzt klug sind.“ Nein, das folgt daraus noch längst nicht.

Hm! ... Teufel! – wozu mache ich auch mich denn mit meinem Verstande so breit? Schwatze, schwatze ... Sogar der Dienstmagd bin ich langweilig geworden: will mir nicht einmal mehr zuhören. Hat’s satt. Gestern kam ein Bekannter zu mir.

„Dein Stil,“ sagt er, „verändert sich: wird gehackt. Du hackst, hackst – und das soll dann eine Einleitung sein. Und dann kommt zu dieser Einleitung noch eine Einleitung, und die hat wiederum ein Vorwort, und dann schickst Du in Klammern noch etwas voraus, und dann geht das Hacken von neuem los.“

Er hat recht. Es geschieht wirklich etwas Sonderbares mit mir. Auch mein Charakter ändert sich und der Kopf tut mir weh. Ich fange schon an, ganz absonderliche Sachen zu hören und zu sehen. Nicht, daß es gerade Stimmen wären, aber es scheint mir immer, als ob irgend etwas oder irgend jemand neben mir gluckst: „bobock, bobock, bobock!“

Was zum Teufel ist das für ein „bobock“? Muß mich zerstreuen.

* * * * *

Ging mich zerstreuen, stieß auf eine Beerdigung. Entfernter Verwandter. Einstweilen aber doch Kollegienassessor. Eine Witwe, fünf Töchter – alle ledig. Allein, wenn man die Stiefel berechnet, was kostet das! Der Selige verstand noch zu verdienen, aber jetzt – Pensiönchen. Müssen aber auch auskommen. Mich haben sie immer ungern empfangen. Wäre auch jetzt nicht hingegangen, wenn’s nicht solch ein Ausnahmefall gewesen wäre. Ging bis zum Friedhof mit den anderen zusammen; wenden sich von mir ab, tun wichtig. Allerdings, mein Überzieher ist wirklich schon etwas schäbig. Es werden wohl so fünfundzwanzig Jahre her sein, daß ein Friedhof mich nicht mehr gesehen hat. Das wäre noch so ein Plätzchen!

Aber der Geruch! An Leichen waren etwa fünfzehn angekommen. Särge zu verschiedenen Preisen; sogar zwei Katafalke gab es: für einen General und irgend eine Dame. Viel traurige Gesichter, viel auch geheuchelte Trauer, und viel unverhohlene Fröhlichkeit. Die Geistlichkeit hat nicht zu klagen: gute Einkünfte. Aber der Geruch, der Geruch! Würde hier nicht Geistlicher sein wollen.

Nur vorsichtig blickte ich in die Särge, den Toten ins Gesicht[7]: kann nicht wissen, was für einen Eindruck sie auf mich machen werden. Zuweilen haben sie einen sanften Ausdruck, zuweilen einen unangenehmen. Überhaupt – ihr Lächeln ist nicht gut, und bei manchen ist’s sogar schrecklich. Lieb’s nicht. Spuken dann im Traum.

Nach der Messe ging ich aus der Kirche an die frische Luft; der Tag war ein wenig trübe, dafür aber trocken. Und auch kalt; nun, wir haben ja schon Oktober. Ging zu den anderen. Verschiedene Klassen. Die dritte zu dreißig Rubel: anständig und doch nicht so teuer. Die ersten zwei in der Kirche; natürlich nur für große Beutel. Drittklassig wurden diesmal an sechs beerdigt, darunter auch der General und die Dame.

Warf einen Blick in die Gräber – furchtbar: Wasser, und welch ein Wasser! vollkommen grün und – ’s ist wahr, wahrhaftig! – der Totengräber schöpfte es fortwährend heraus. Ging, so lange die Messe noch gelesen wurde, ein wenig auf die Straße – spazieren. Dort ist gleich das Armenhaus und etwas weiter ein Restaurant. Und durchaus kein übles: Imbiß, Frühstück, Schnäpse. War voll von den Begleitenden. Bemerkte viel aufrichtige Lustigkeit und Begeisterung. Ich trank mein Glas und aß ein Brötchen dazu. –

Darauf beteiligte ich mich eigenhändig an der Überführung des Sarges aus der Kirche zum Grabe. Warum werden die Menschen als Leichen immer so schwer im Sarge? Man sagt, infolge irgend einer Inertie, weil der Körper sich nicht mehr selbst trage ... oder sonst einen Blödsinn ähnlicher Art; widerspricht der Mechanik und dem gesunden Menschenverstand. Kann’s nicht leiden, wenn man mit einer bloß allgemeinen Bildung über Spezialfragen urteilen will; bei uns aber tun das alle ohne Ausnahme. Zivilbeamte lieben es, über Militär oder gar Generalstabsfragen zu urteilen, und Ingenieure über Philosophie und Staatsökonomie.

Fuhr nicht zum Totenschmaus. Bin stolz, und wenn man mich nur im äußersten Notfall empfängt, wozu soll ich mich dann an ihre Tische drängen, selbst wenn es sich um einen Toten handelt? Begreife nur nicht, warum ich auf dem Friedhof blieb. Setzte mich auf einen Grabstein und verfiel in entsprechende Gedanken.

Begann mit der Moskauer Ausstellung und endete schließlich bei dem „sich wundern“ – letzteres im allgemeinen genommen, so als Thema überhaupt. Kam über dieses „sich wundern“ zu folgendem Schluß:

„Sich über alles wundern ist natürlich dumm, sich aber über nichts wundern ist viel hübscher und aus irgend einem Grunde sogar guter Ton. Doch ist es in Wirklichkeit wohl kaum so. Meiner Meinung nach ist sich über nichts wundern viel dümmer, als sich über alles wundern, ja, ist fast dasselbe, wie nichts achten. Aber ein dummer Mensch versteht ja auch nicht zu achten.“

„Vor allen Dingen will ich achten! Ich _lechze_ danach, achten zu können,“ sagte mir vor ein paar Tagen einer meiner Bekannten.

Lechzt danach, achten zu können! Herrgott, dachte ich, was würde wohl aus dir werden, wenn du es jetzt wagtest, das drucken zu lassen!

Verlor mich darüber in Gedanken. Liebe es nicht, die Grabinschriften zu lesen; ewig dasselbe. Neben mir auf der Marmortafel lag ein angebissenes Butterbrot; dumm und nicht am Platz. Warf es auf die Erde, denn das war ja kein Brot; bloß ein Brötchen. Übrigens ist auf die Erde Brot werfen, glaub ich, nicht Sünde; nur auf den Fußboden. Vielleicht ist’s auch umgekehrt. Muß in Ssuworins Kalender nachschlagen.

Es ist anzunehmen, daß ich lange saß, sogar zu lange; wollte sagen, daß ich mich auf der großen Marmorplatte sogar ausstreckte. Und wie das eigentlich so kam, daß ich plötzlich verschiedene Dinge hörte? Beachtete es zuerst natürlich nicht weiter; fand’s verächtlich. Einstweilen aber setzte sich das Gespräch fort. Höre –: dumpfe Laute, als ob man ihnen den Mund mit Kissen zugedrückt hätte; und bei alledem waren die Stimmen doch deutlich vernehmbar, als ob sie ganz nah gesprochen hätten. Ich erwachte, richtete mich auf, setzte mich und hörte aufmerksam zu.

„Aber Exzellenz, ich bitt’ Sie, das geht doch wirklich nicht! Sie sagten Coeur an, ich nehme das Spiel auf und plötzlich haben Sie Carreau sieben! Das hätte man doch im voraus abmachen müssen, ich bitt’ Sie!“

„Wie, was – also auswendig, aus dem Gedächtnis spielen? I, wo bleibt denn da die Gemütlichkeit?“

„Das geht nicht, Exzellenz, ich bitt’ Sie, ohne Garantien geht’s wirklich nicht! Sie müssen noch einmal die Karten geben, aber vergessen Sie diesmal nicht den Schafskopf ...“

„Nun, einen solchen gibt es hier wohl kaum, dächte ich.“

Welch hochmütige Worte! Ganz sonderbar und wie unerwartet! Die eine Stimme so selbstbewußt, solide, die andere süßlich schmeichelnd. Hätt’s wirklich nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Ohren gehört haben würde. Zum Leichenschmaus war ich, glaub ich, doch nicht gegangen ... Hier Préférence zu spielen! Und was ist das für eine Exzellenz? Daß die Stimmen aus den Gräbern kamen, daran war nicht zu zweifeln. Ich rückte etwas zur Seite und las die Inschrift auf dem Marmor.

„Hier ruht Generalmajor Perwojedoff ... Ritter dieser und dieser Orden, ... gest. im August ... im siebenundfünfzigsten ... Ruhe sanft bis zur seligen Auferstehung!“

Hm, wahrhaftig ein General! Auf dem andern Grabe, aus dem die schmeichlerische Stimme kam, war noch kein Denkmal: nur eine kleine Steinplatte; wohl ein Neuling. Der Stimme nach ein Hofrat.

„Och – chohoho!“ ertönte plötzlich eine neue Stimme, ungefähr fünf Schritt vom Generalsgrabe, unter einem noch ganz frischen Hügel hervor; eine Männerstimme, so eine einfachere, wie man sie im Volke hört; jetzt aber andächtig-gerührt und ein wenig schwach.

„Och – chohoho!“

„Ach, schon wieder stöhnt er!“ erklang plötzlich die launische, anmaßende Stimme einer gereizten Dame der höheren Gesellschaft, wie’s schien. – „Wirklich ein Kreuz, neben diesem Krämer zu liegen!“

„Hab gar nicht gestöhnt, hab doch schon lange nichts gegessen, das ist einzig nur so meine natürliche Gewohnheit. – Und immer können Sie, Gnädige, von Ihren Launen noch nicht lassen.“

„Warum haben Sie sich denn hierher gelegt?“

„Hab mich nicht selbst hierher gelegt, begraben haben mich meine Frau und meine kleinen Kinderchen, nicht selbst hab ich mich hier hingelegt. Das ist eben das Geheimnis des Todes! Hätt ich mich doch selber nie und nimmer neben Sie gelegt, für kein Gold der Welt! Liege hier nur infolge meines eigenen Kapitals, nach dem Preis zu urteilen. Denn das können wir, daß wir für unser Grabchen drittklassig zahlen.“

„Will’s gern glauben; auf das Leutebetrügen werden Sie sich schon verstehen.“

„Wo soll man Sie denn betrügen, wenn Sie schon seit dem Januar nichts mehr bezahlt haben. Ich hab noch eine nette Rechnung für Sie in meinem Kassenbuch.“