Part 34
Im Traum fällt man zuweilen von einer Höhe herab oder man wird ermordet, oder geschlagen, doch fühlt man dabei niemals einen Schmerz, es sei denn, daß man sich selbst irgendwie am Bett beschädigt: dann allerdings fühlt man einen Schmerz, von dem man denn auch gewöhnlich erwacht. So war es auch in meinem Traum: Schmerz fühlte ich nicht, aber es war mir, als ob durch meinen Schuß alles in mir – erschüttert wurde und plötzlich erlosch, und um mich herum alles furchtbar dunkel wurde. Ich wurde gleichsam blind und stumm, und siehe da, ich liege auf etwas Hartem ausgestreckt, auf dem Rücken, sehe nichts und kann nicht die geringste Bewegung machen. Um mich herum wird gegangen und geschrieen, ich höre die Baßstimme des Hauptmanns und die Fistelstimme meiner Wirtin, – und plötzlich wieder eine Unterbrechung ... und da trägt man mich schon in geschlossenem Sarge. Und ich fühle wie die Träger beim Gehen den Sarg schaukeln und denke noch so darüber nach, und plötzlich fällt mir zum ersten Mal der Gedanke auf, daß ich ja doch gestorben bin, daß ich tot bin, daß ich es weiß und nicht daran zweifeln will, nicht sehe und mich nicht bewege, trotzdem aber fühle und denke. Doch ich söhne mich schnell damit aus und nehme, wie man es gewöhnlich im Traum tut, die Wirklichkeit widerspruchslos an.
Und siehe, da senkt man mich in ein tiefes Grab hinab und begräbt mich in der Erde. Alle gehen fort, ich bin allein, vollständig, ganz und gar allein. Ich rühre mich nicht. Wenn ich mir früher vorstellte, wie man mich beerdigen würde, so verband ich mit dem Begriff Grab eigentlich nur das Gefühl von Feuchtigkeit und Kälte. Und so wars denn auch: ich fühlte, daß ich es sehr kalt hatte, besonders an den Zehenspitzen, doch sonst fühlte ich nichts.
Ich lag und, sonderbar, – erwartete nichts, da ich widerspruchslos annahm, daß ein Toter nichts zu erwarten hat. Aber es war feucht. Ich weiß nicht, wieviel Zeit inzwischen verging, – eine Stunde oder einige Tage, oder viele Tage. Doch plötzlich – fiel auf mein linkes geschlossenes Auge ein durch den Sargdeckel durchgesickerter kalter Wassertropfen ... es verging eine Minute und es fiel ein zweiter – nach ihm ein dritter, und so weiter, und so weiter, immer nach einer Minute. Heftiger Unwille entbrannte darob mit einem Mal in meinem Herzen und plötzlich fühlte ich in ihm einen physischen Schmerz: „Das ist meine Wunde,“ dachte ich, „dort sitzt die Kugel“ ... Der Tropfen aber tropfte in jeder Minute und immer gerade auf mein linkes geschlossenes Auge. Da rief ich, nicht mit der Stimme, denn ich war unbeweglich, sondern mit meinem ganzen Wesen zum Beherrscher alles dessen, was mit mir geschah:
„Wer Du auch seist, doch wenn Du bist, und wenn es etwas Vernünftigeres gibt, als das, was soeben mit mir geschieht, so gebiete ihm auch hier zu sein. Wenn Du mich aber für meinen unvernünftigen Selbstmord mit dem Blödsinn eines weiteren Seins strafen willst, so wisse, daß sich nichts von dem, was mich auch erwartet, mit meiner Verachtung wird messen können, mit meiner Verachtung, die ich schweigend empfinden werde, und wenn auch im Verlauf von Jahrmillionen der Qual und des Märtyrertums! ...“
Ich rief es und verstummte. Fast eine ganze Minute lang dauerte das tiefe Schweigen an, und es tropfte sogar noch ein Tropfen auf mein geschlossenes Auge herab, doch ich wußte, grenzenlos und unerschütterlich wußte ich, und ich glaubte daran, daß sich unbedingt sofort alles verändern würde. Und siehe, plötzlich tat sich mein Grab auf. Das heißt, ich weiß nicht, ob es gerade aufgegraben wurde, ich weiß nur, daß ich von einem dunklen, mir unbekannten Wesen aufgenommen wurde und wir befanden uns im Weltenraum. Und plötzlich ward ich wieder sehend: Es war tiefe Nacht und niemals, niemals noch hatte es solch eine Dunkelheit gegeben! Wir durchzogen den Weltraum schon weit entfernt von der Erde. Ich stellte an den, der mich trug, keine einzige Frage, ich wartete und war stolz. Ich versicherte mir, daß ich mich nicht fürchtete, und erstarb fast vor Entzücken bei dem Gedanken, daß ich mich nicht fürchtete. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so schwebten und ich kann mir auch nicht recht vorstellen: geschah alles so, wie es gewöhnlich im Traum zu geschehen pflegt, wenn man Raum und Zeit und die Gesetze der Vernunft überspringt und nur auf den Punkten stehn bleibt, von denen das Herz träumt. Ich erinnere mich noch, daß ich plötzlich in der Dunkelheit einen kleinen Stern erblickte.
„Ist das der Sirius?“ fragte ich mit einem Mal ganz gegen meinen Willen, da ich nichts fragen wollte.
„Nein, das ist derselbe Stern, den Du zwischen den Wolken erblicktest, als Du nach Hause gingst,“ antwortete mir das Wesen, das mich trug. Ich wußte nur, daß es ein menschenartiges Antlitz hatte. Doch sonderbar: ich liebte dieses Wesen nicht, ich empfand sogar eine tiefe Abneigung gegen dasselbe. Ich hatte vollkommenes Nichtsein erwartet und mit dieser Annahme hatte ich mir den Tod gegeben. Und siehe, ich bin in den Armen eines Wesens, natürlich keines menschlichen Wesens, aber trotzdem eines Wesens, das wirklich _ist_.
„Also gibt es auch nach dem Tode ein Leben!“ dachte ich mit dem sonderbaren Leichtsinn des Traumes, doch das Wesen meines Herzens blieb mit mir in seiner ganzen Tiefe. „Und wenn ich von neuem _sein_ muß,“ dachte ich, „und wieder nach irgend jemandes unabwendbarem Willen leben muß, so will ich nicht, daß man mich besiegt und erniedrigt!“
„Du weißt, daß ich mich vor Dir fürchte, und verachtest mich deswegen,“ sagte ich plötzlich zu meinem Gefährten: ich hatte mich nicht bezwingen können und so war denn die erniedrigende Frage, die das Bekenntnis in sich schloß, gestellt, und in meinem Herzen fühlte ich den Schmerz meiner Erniedrigung wie den Stich einer Stecknadel. Das Wesen antwortete auf meine Frage nicht, doch fühlte ich plötzlich, daß man mich nicht verachtete, und nicht über mich lachte, und daß man mich nicht einmal bemitleidete, und daß unser Flug sogar ein Ziel hatte, ein unbekanntes und geheimnisvolles, und das nur mich allein anging. Und die Angst wuchs in meinem Herzen. Irgend etwas ging von meinem stummen Gefährten schweigend, doch qualvoll auch auf mich über und durchdrang mich. Wir durchzogen dunkle, unbekannte Sphären. Schon längst waren die meinem Auge bekannten Gestirne verschwunden. Ich wußte, daß es im Weltenraum Sterne gibt, deren Strahlen erst in Jahrtausenden oder Jahrmillionen die Erde erreichen. Wir aber hatten vielleicht schon größere Entfernungen durchmessen. Ich erwartete irgend etwas und die Sehnsucht quälte mein Herz. Und plötzlich überkam mich ein bekanntes, heimisches Gefühl: ich erblickte unsere Sonne! Ich wußte, daß es nicht _unsere_ Sonne sein konnte, die Mutter unserer Erde, die _unsere_ Erde geboren hat, aber ich erfuhr durch irgend etwas, ich weiß nicht wodurch, doch mit meinem ganzen Wesen erfuhr ich es, daß es ganz eben solch eine Sonne war wie die unsrige, ihre Wiederholung und ihr Doppelgänger. Ein süßes, herrliches Gefühl durchdrang voll Entzücken meine Seele: die Kraft des Lichts, die jener Kraft verwandt war, die mich hervorgebracht, fand in meinem Herzen einen Widerschein und erweckte es wieder zu neuem Leben, und ich fühlte das Leben, das frühere Leben zum ersten Mal nach meinem Grabe.
„Aber wenn das die Sonne ist, wenn das ganz genau solch eine Sonne ist, wie die unsrige,“ rief ich, „– wo ist dann die Erde?“ Und mein Gefährte wies auf einen kleinen Stern, der in smaragdgrünem Glanze strahlte. Wir schwebten gerade auf ihn zu.
„Wie ist es möglich, daß es solche Wiederholungen im Weltall gibt, ist denn wirklich derart das Weltgesetz? ... Und wenn das dort die Erde ist, so sag mir doch, ist es eben solch eine Erde wie die unsrige? ... genau solch eine unglückliche, arme, doch so teure und ewig geliebte Erde, die ebenso qualvolle Liebe selbst in ihren undankbarsten Kindern zu sich erweckt, wie unsere Erde? ...“ rief ich, zitternd vor unbezwingbarer berauschender Liebe zu jener heiligen Mutter, der feuchten, sonnigen Erde, die ich verlassen hatte. Und die Gestalt des kleinen Mädchens, das ich angeschrieen hatte, tauchte auf einen Augenblick in meiner Erinnerung auf.
„Du wirst es selbst sehn,“ antwortete mein Gefährte und eine gewisse Trauer klang durch seine Worte. Wir näherten uns schnell dem Planeten. Er wuchs in meinen Augen, ich konnte schon die Ozeane unterscheiden, dann die Konturen Europas und plötzlich lohte eine große heilige Eifersucht in meinem Herzen auf:
„Wie darf es solch eine Wiederholung geben, und zu welch einem Zweck gibt es sie? Ich liebe und _kann_ ja nur jene Erde lieben, die ich verlassen habe, auf der die Tropfen meines verspritzten Blutes blieben, als ich, ich Undankbarer, mein Leben durch Selbstmord von mir warf! Doch niemals, niemals habe ich aufgehört, unsere Erde zu lieben, und sogar in jener Nacht, in der ich sie verließ, habe ich sie vielleicht heißer, qualvoller denn je geliebt! Gibt es auch auf dieser neuen Erde Qual? Auf unserer Erde können wir nur mit Qualen oder durch Qualen wahrhaft lieben! Anders verstehn wir nicht zu lieben und wir kennen keine andere Liebe. Ich will Qual, um lieben zu können. Ich will, oh, ich lechze jetzt, in diesem Augenblick danach, tränenüberströmt einzig und allein die Erde küssen zu können, die ich verlassen habe! Und ich will nicht, ich nehme kein anderes Leben an, als nur eines auf unserer Erde! ...“
Mein Gefährte aber hatte mich schon verlassen. Für mich ganz unmerklich, war ich auf jener anderen Erde angekommen, im grellen Sonnenlicht eines paradiesisch schönen Tages. Ich stand, glaube ich, auf einer jener Inseln, die auf unserer Erde den Griechischen Archipel ausmachen, oder vielleicht war es irgendwo an der Küste des Festlandes, das dort das Ägäische Meer umgibt. Oh, alles war ganz so wie bei uns, nur schien alles in einer Feststimmung zu sein, und in einem großen, heiligen, endlich erreichten Siege zu leuchten. Das freundliche tiefblaue Meer plätscherte leis an das Gestade und drängte sich zu ihm wie in unendlicher, sichtbarer, fast bewußter Liebe. Die hohen schattigen Bäume standen in der ganzen Pracht ihrer Blüten, und ich bin überzeugt, daß mich ihre unzähligen Blättchen mit ihrem sanften freundlichen Rauschen willkommen hießen und mir unbekannte Worte der Liebe zuflüsterten. Das Gras war von so leuchtendem frischen Grün, die Vögel durchzogen in Scharen die Luft und die kleinen setzten sich mir furchtlos auf die Schulter und Arme und schlugen mich freudig mit ihren lieben bebenden Flügelchen, und schließlich erblickte und erkannte ich auch die Menschen dieser glücklichen Erde. Sie kamen von selbst zu mir, umringten und küßten mich. Es waren Kinder der Sonne, Kinder ihrer Sonne, – oh, wie sie schön waren! Niemals noch hatte ich auf unserer Erde solch eine Schönheit im Menschen gesehn. Höchstens in unseren Kindern, in ihren ersten Lebensjahren hätte man einen entfernten, wenn auch schwachen Widerschein dieser Schönheit finden können. Die Augen dieser seligen Menschen waren licht und klar. Aus ihren Gesichtern sprach Vernunft und eine, ich möchte sagen, bis zur Ruhe vollkommene Erkenntnis, doch waren diese Gesichter ausnahmslos heiter; in den Worten und der Stimme dieser Menschen klang kindliche Freude. Oh, sofort, schon beim ersten Blick auf diese Gesichter, begriff ich alles, alles! Das war die Erde, die nicht durch den Sündenfall entweihte Erde, auf ihr lebten Menschen, die nicht gesündigt hatten und sie lebten in ebensolch einem Paradiese, wie das, in dem nach den Überlieferungen der ganzen Menschheit auch unsere Urväter vor dem Sündenfall gelebt haben, nur mit dem Unterschied, daß die ganze Erde hier überall ein und dasselbe Paradies war. Diese Menschen drängten sich freudig und lächelnd zu mir und liebkosten mich; sie führten mich zu sich und ein jeder von ihnen wollte mich beruhigen. Oh, sie fragten mich nicht, sie schienen schon alles zu wissen, und sie wollten nur schneller das Leid aus meinem Gesichte verscheuchen.
IV.
Sehen Sie, wiederum: Nun gut, mag das nur ein Traum gewesen sein! Aber die Empfindung der Liebe dieser unschuldigen, schönen Menschen zu mir ist für alle Zeiten in mir geblieben, und ich fühle, daß ihre Liebe sich auch jetzt auf mich fernher von ihnen ergießt. Ich sah sie selbst, ich lernte sie kennen und ich liebte sie und litt für sie später. Oh, ich begriff sofort, sogar damals, daß ich sie in vielem überhaupt nicht würde verstehen können, es schien mir als zeitgenössischem russischem Fortschrittler und garstigem Petersburger unbegreiflich, warum sie, die so viel wußten, nicht unsere Wissenschaft hatten? Doch sah ich bald ein, daß ihr Wissen durch andere Erkenntnisse genährt wurde, als das Wissen auf unserer Erde, und daß ihre Bestrebungen gleichfalls ganz anderer Art waren. Sie wünschten sich nichts; sie waren ruhig und zufrieden, sie rangen nicht nach der Erkenntnis des Lebens so, wie wir es tun, denn ihr Leben war vollkommen ausgefüllt. Doch war ihr Wissen ein tieferes und höheres, als das unserer Wissenschaft; denn unsere Wissenschaft versucht das Leben zu erklären, will es selbst ergründen, um die Menschen zu lehren, wie sie leben sollen; sie aber wußten schon, wie sie zu leben hatten, und das begriff ich, aber ihr Wissen konnte ich nicht begreifen. Sie wiesen auf ihre Bäume hin, ich aber konnte diese Größe der Liebe, mit der sie sie betrachteten, nicht nachfühlen: als ob die Bäume Menschen wie sie gewesen wären. Und wissen Sie, vielleicht täusche ich mich nicht, wenn ich sage, daß sie auch mit ihnen sprachen! Ja, sie kannten deren Sprache und ich bin überzeugt, daß die Bäume sie verstanden. Und so sahen sie auch auf die ganze übrige Naturwelt, auch auf die Tiere, die friedlich bei ihnen lebten, sie nicht angriffen, sondern liebten, da sie durch ihre Liebe besiegt waren. Sie deuteten auf die Sterne, und sprachen zu mir etwas, das ich nicht begreifen konnte, doch bin ich überzeugt, daß sie durch irgend etwas mit den Sternen des Himmels in Verbindung standen, nicht nur durch den Gedanken, sondern noch auf eine andere Weise. Oh, diese Menschen trachteten nicht danach, daß ich sie verstand, sie liebten mich auch so schon, doch dafür wußte ich, daß sie auch mich niemals verstehen würden, und darum erzählte ich ihnen auch nichts von unserer Erde. Ich küßte nur in ihrer Gegenwart die Erde, die sie bewohnten, und vergötterte sie selbst, und sie sahen es und ließen es wortlos geschehn, ohne sich deswegen zu schämen, daß ich sie liebte, weil sie so viel liebten. Sie litten nicht für mich, wenn ich tränenüberströmt zuweilen ihre Füße küßte, da ich ja wußte, welch eine Liebe sie mir dafür entgegenbrachten. Zuweilen fragte ich mich verwundert: wie konnten sie nur einen Menschen wie mich kein einziges Mal beleidigen, und wie kam es nur, daß sie in mir kein einziges Mal das Gefühl der Eifersucht oder des Neides hervorriefen? Oftmals fragte ich mich, wie ich, solch ein Prahlhans und Lügner, ihnen nicht von meinen Erkenntnissen einiges mitteilte, von denen sie natürlich keine Ahnung hatten, um sie in Erstaunen zu setzen oder auch nur aus Liebe zu ihnen? – Sie waren mutwillig und fröhlich wie Kinder. Sie wandelten durch ihre prachtvollen Haine und auf den blumigen Wiesen umher, sie sangen schöne Lieder, sie nährten sich von den Früchten ihrer Bäume und der Milch der sie liebenden Tiere. Für ihre Nahrung und Kleidung mühten sie sich nur wenig. Es gab bei ihnen Liebe und sie gebaren Kinder, doch niemals gewahrte ich bei ihnen Ausbrüche jener _grausamen_ Wollust, die fast alle Menschen auf unserer Erde überkommt, alle und jeden, und die der einzige Ursprung fast aller Sünden unserer Menschheit ist. Sie freuten sich mit den Neugeborenen als neuer Teilhaber ihrer Seligkeit. Es gab weder Streit noch Eifersucht unter ihnen, und sie wußten nicht einmal, was das war. Ihre Kinder waren die Kinder aller, denn alle bildeten sie eine einzige Familie. Sie hatten fast überhaupt keine Krankheiten, obgleich sie doch starben; aber ihre Greise schieden so sanft hin, als ob sie einschliefen, umringt von den sie liebenden Menschen, segnend, lächelnd und von ihnen mit klaren, heiteren Blicken begleitet. Niemals sah ich Trauer oder Tränen bei einem Sterbebett, nur eine bis zur Verzücktheit, bis zu einer ruhigen, geklärten Begeisterung gesteigerte Liebe. Man hätte glauben können, daß sie mit ihren Toten sogar noch nach dem Tode in Verbindung standen, und daß ihr Erdenleben nicht durch den Tod unterbrochen wurde. Sie begriffen mich kaum, als ich sie nach dem ewigen Leben fragte, doch waren sie augenscheinlich dermaßen fest von ihm überzeugt, daß für sie überhaupt kein Zweifel mehr darüber bestehen konnte. Sie hatten keine Tempel, aber es war bei ihnen so ein lebendiges Einssein mit dem All; sie hatten keinen Glauben, dafür aber das überzeugte Wissen, daß dann, wenn ihre irdische Freude die Grenze der irdischen Natur erreicht haben würde, für sie, für die Lebenden wie für die Verstorbenen, eine noch größere Berührung mit dem All eintreten müßte. Freudig erwarteten sie diesen Augenblick, doch sehnten sie sich weder nach ihm, noch litten sie um ihn, sie hatten ihn gleichsam schon als Vorgefühl in ihren Herzen, und dieses Vorgefühl teilten sie einander mit. Des Abends vor dem Schlafengehn liebten sie es, in harmonischen Chören zu singen. In diesen Abendgesängen gaben sie die Gefühle wieder, die der vergangene Tag ihnen gebracht hatte, und sie lobten und priesen ihn und verabschiedeten sich von ihm. Sie priesen die Natur, die Erde, das Meer, die Wälder. Sie dichteten Lieder über einander und lobten sich, wie Kinder sich loben; es waren einfache Lieder, doch sie ergossen sich aus dem Herzen und gingen zu Herzen. Und nicht nur in Liedern, nein im ganzen Leben taten sie nichts anderes, als sich lieben. Das war geradezu eine gegenseitige Verliebtheit, eine große, allgemeine Verliebtheit. Einige aber ihrer Lieder, die triumphierend und begeistert klangen, konnte ich fast überhaupt nicht verstehn. Obgleich ich die Worte begriff, konnte ich doch nicht ihre ganze Bedeutung erfassen. Sie waren meinem Verstande unzugänglich, nur mein Herz durchdrangen sie immer mehr und mehr, ohne daß ich mir von dem Vorgang hätte Rechenschaft ablegen können. Ich sagte ihnen oftmals, daß ich das alles schon früher vorausgeahnt hatte, daß die Ahnung dieser ganzen Seligkeit, dieses freudigen Preisens sich in mir schon auf unserer Erde in ohnmächtiger Sehnsucht, die sich mitunter bis zu übergroßem Leid gesteigert, geäußert hatte; daß ich sie alle geahnt hatte in den Träumen meines Herzens und in den Gedanken meiner Sinne, daß ich auf unserer Erde gar manches Mal die untergehende Sonne nicht ohne Tränen hatte ansehn können ... Daß in meinem Haß auf die Menschen unserer Erde immer Leid gewesen war: warum konnte ich sie nicht hassen, wenn ich sie doch nicht liebte, warum konnte ich ihnen nicht verzeihen, war doch in meiner Liebe zu ihnen Leid, warum konnte ich sie nicht hassend lieben? Sie hörten mir zu und ich sah, daß sie sich das nicht vorstellen konnten, was ich sprach, aber es tat mir nicht leid, daß ich ihnen davon gesprochen hatte: ich wußte, daß sie die ganze Macht meiner Sehnsucht nach denen, die ich verlassen hatte, begriffen. Ja, wenn ich ihren klaren, liebedurchdrungenen Blick auf mir ruhen fühlte, wenn ich fühlte, daß unter ihnen auch mein Herz so unschuldig und rein wurde, wie ihre Herzen, so tat es mir weiter nicht leid, daß ich sie nicht verstehen konnte. Vor lauter Fühlen der Lebensfülle verging mir der Atem, und schweigend betete ich sie an.
Oh, alle lachen mir jetzt ins Gesicht und versichern mir, daß man so etwas nicht sehen könnte, wie ich es jetzt wiedergebe, daß ich in meinem Traum bloß ein einziges Gefühl empfunden hätte, eines, das mein eigenes Herz geschaffen, diese Einzelheiten aber später, nachdem ich aufgewacht, hinzugedacht hätte. Und als ich ihnen gestand, daß es vielleicht in der Tat so gewesen ist – Gott, welch ein Gelächter sie da anstimmten, welch eine Heiterkeit meine Worte hervorriefen! Oh, natürlich war ich nur von dem Gefühl des Traumes beherrscht, und nur dieses eine Gefühl allein blieb in meinem blutigwunden Herzen zurück. Dafür aber waren die wirklichen Bilder und Gestalten meines Traumes, d. h. diejenigen, welche ich gerade in der Stunde meines Traumes sah, in solch einer Harmonie abgeschlossen, so vollendet, dermaßen bezaubernd, berauschend und schön, daß ich, als ich erwacht war, selbstverständlich nicht fähig war, sie in unseren schwachen Worten lebendig werden zu lassen, so daß sie in meinem Bewußtsein natürlich erbleichen, zergehen mußten und somit war ich vielleicht wirklich gezwungen, unbewußt später die Einzelheiten zu erdichten, wobei ich sie bestimmt entstellt haben werde, bei meinem leidenschaftlichen Wunsch, das große Gefühl doch wenigstens irgendwie wiederzugeben. Darum aber – warum soll man mir nicht glauben, daß alles wirklich so war? Vielleicht war es noch tausendmal besser, heller, schöner, als ich es schildere? Mag es auch ein Traum gewesen sein, aber all das konnte doch nicht _nicht_ sein. Wissen Sie, ich werde Ihnen ein Geheimnis sagen: das ganze war vielleicht überhaupt kein Traum! Denn hier geschah etwas Derartiges, etwas bis zu solch einem Entsetzen Wahres, daß es einem ja gar nicht hätte träumen können, _nur_ träumen! Mag der Traum auch mein Herz erweckt haben, aber wie konnte denn mein Herz allein jene furchtbare Wahrheit erwecken, die ich dann später sah? Wie hätte ich sie denn allein ausdenken oder mein Herz allein es sich erträumen können? Wär’s möglich, daß mein kleinliches Herz und mein flacher, launischer Verstand sich zu solch einer Offenbarung der Wahrheit emporschwingen könnten! Oh, urteilt doch selbst: bis jetzt hab ich’s verschwiegen – aber jetzt will ich die ganze Wahrheit sagen. Es endete damit, daß ich ... sie alle verdarb!
V.