Part 24
Der Mitarbeiter goß sich, allein zurückgeblieben, ein noch größeres Glas ein, um sich etwas Mut anzutrinken, darauf nahm er ein Kaviarbrötchen – und noch niemals hatte sich der wirkliche Geheimrat Pralinski einen schrecklicheren Feind und unerbittlicheren Rächer erworben, als es der von ihm übersehene Mitarbeiter des „Feuerbrand“ war, besonders nach dem zweiten Glase Schnaps. Doch wehe! Herr Pralinski ahnte nichts. Desgleichen ignorierte er völlig noch einen anderen wichtigen Umstand, der aber auf das weitere Verhältnis der Gäste zu seiner Exzellenz einen unheilvollen Einfluß haben sollte. Die Geschichte war nämlich die, daß seine Erklärung, warum er zu seinem Untergebenen gekommen war, niemand befriedigt hatte und die Gäste fortfuhren, sich zu ängstigen oder wenigstens sich bedrückt zu fühlen. Plötzlich aber veränderten sich alle wie durch einen Zauberschlag: alle beruhigten sich und waren sofort bereit, wieder zu tanzen, zu lachen, zu schreien, ganz als ob der unerwartete Gast überhaupt nicht zugegen gewesen wäre. Die Ursache dieser Veränderung war das auf unerklärliche Weise entstandene Gerücht, der Gast sei nicht ganz ... nüchtern! Und wenn dieses Gerücht auch den Stempel der schrecklichsten Verleumdung auf sich trug, so fand es allmählich doch immer mehr und mehr Glauben unter den Gästen und bald wurde es allgemein als unzweifelhafte Tatsache angesehn. Daher ging es denn plötzlich ungemein frei her. Die letzte Quadrille vor dem Essen begann.
Gerade als Herr Pralinski sich wieder an die Neuvermählte wenden wollte, um diese Festung mit einem Scherz zu stürmen, erschien plötzlich der lange Offizier und ließ sich unverhofft auf ein Knie vor ihr nieder. Sie erhob sich sofort und flog selig mit ihm davon, um sich in die Reihe zu stellen. Der Offizier machte nicht einmal seine Entschuldigung, als er sie entführte, und sie schenkte seiner Exzellenz nicht einmal einen Blick, als ob sie froh gewesen wäre, ihren Platz verlassen zu können.
„Im Grunde ist sie ja in ihrem Recht,“ dachte Herr Pralinski, „aber was ist denn das für ein Benehmen!“ – „Hm! ... mein lieber Porfirij Petroff,“ wandte er sich an Pseldonimoff, „vielleicht haben Sie irgendetwas anzuordnen ... das heißt, ich meine ja nur ... bitte lassen Sie sich dann nicht abhalten ...“ – „Der Kerl tut wirklich, als müsse er hier auf mich aufpassen,“ dachte er bei sich ungehalten.
Dieser Pseldonimoff, der mit seinem langen Hals und seiner gebogenen Nase neben ihm stand und seinen Blick nicht von ihm abwandte, wurde ihm unerträglich. Kurz, das war alles nicht das, längst nicht das, was Herr Pralinski sich gedacht hatte, aber er war noch lange nicht bereit, sich das einzugestehn.
* * * * *
Die Quadrille begann.
„Gestatten Exzellenz?“ fragte ehrfürchtig Akim Petrowitsch Subikoff, der zaghaft die Champagnerflasche in der Hand hielt und sich halbwegs anschickte, seiner Exzellenz einzugießen.
„Ich ... wirklich, ich weiß nicht, ob ...“
Doch schon goß Subikoff mit andächtig leuchtendem Gesicht den Champagner ein. Als das Glas bis zum Rande gefüllt war, entschloß er sich, auch sein Glas zu füllen, doch tat er das gleichsam unter Gewissensbissen, verlegen und betreten und mit dem Unterschied, daß er in sein Glas etwa einen Fingerbreit weniger eingoß, was seiner Meinung nach etwas höflicher war. Er fühlte sich wie eine Frau in Kindesnöten, als er neben seinem hohen Vorgesetzten saß. Wovon sollte er sprechen? Sprechen aber mußte er unbedingt, da er nun einmal die Ehre hatte, neben seiner Exzellenz zu sitzen: dafür mußte er doch wenigstens unterhaltend sein! Da mußte denn der Champagner retten. Seiner Exzellenz war es sogar angenehm, daß jener eingoß, nicht des Weines wegen, denn der war warm und überhaupt irgendein widerliches Zeug, sondern – gewissermaßen moralisch angenehm.
„Der Alte will natürlich selbst gern trinken,“ dachte Herr Pralinski, „allein aber wagt er es nicht. Ich kann ihn doch nicht des Genusses berauben. Und ’s wäre ja auch lächerlich, wenn die Flasche so unangerührt zwischen uns stände.“
Er nahm einen Schluck, denn das schien ihm besser, als so zu sitzen.
„Ich bin ja nur her–gekommen,“ begann er wieder in seiner „vornehmen“ Art und Weise, „ich bin ja nur, wie man sagt, zufällig her–gekommen, und vielleicht werden einige finden ... daß ich ... daß es mir, wie man sagt, nicht zu–steht, in solch einer ... Gesell–schaft zu sein.“
Subikoff schwieg und hörte nur in scheuer Neugier zu.
„Aber ich hoffe, daß Sie wenigstens verstehn, warum ich hergekommen bin ... Hehe ...“
Subikoff wollte zwar gleichfalls ehrerbietig lächeln, doch plötzlich ging es nicht und Herr Pralinski hörte wiederum nichts beruhigendes von ihm.
„Ich bin her–gekommen ... um, wie man sagt, zu ermuntern ... um zu zeigen, daß es ein, wie man sagt, moralisches Ziel gibt,“ fuhr Pralinski fort, doch die Stumpfheit seines Zuhörers ärgerte ihn und plötzlich verstummte auch er. Der arme Subikoff wagte nicht einmal aufzublicken, ganz als ob sein Gewissen Gott weiß wie schuldbeladen gewesen wäre. Ein wenig verwirrt nahm Exzellenz sein Glas und trank wieder einen Schluck, worauf Subikoff wie nach seinem letzten Strohhalm wieder nach der Flasche griff und von neuem einschenkte.
„Deine Ressourcen können doch unmöglich groß sein,“ dachte Herr Pralinski und betrachtete streng den armen Subikoff. Als dieser den Blick seines hohen Vorgesetzten auf sich ruhen fühlte, beschloß er endgültig, den seinen nicht mehr zu erheben. So saßen sie sich denn stumm gegenüber – das war für Subikoff eine furchtbare Zeit.
Dieser Subikoff war einer von den alten Unterbeamten, die jetzt so ziemlich ausgestorben sind. In Ehrerbietung und Gehorsam aufgewachsen, war er einerseits friedsam wie ein Huhn, und andrerseits ein guter und sogar edler Mensch. Er war ein Petersburger Russe, d. h. sein Vater und sein Urgroßvater waren in Petersburg geboren, aufgewachsen und schließlich gestorben, ohne diese Stadt auch nur ein einziges Mal verlassen zu haben. Das ist ein ganz besonderer Typ Russen. Von Rußland haben sie nicht die geringste Ahnung, was sie aber auch nicht im geringsten beunruhigt. Ihr ganzes Interesse ist auf Petersburg beschränkt und hauptsächlich auf ihren Dienst. Alle ihre Sorgen drehen sich um die Kopekenpréférence, die nächste Kolonialwarenhandlung und ihr Monatsgehalt. Sie kennen keinen einzigen russischen Brauch, kein einziges russisches Volkslied, ausgenommen das eine vom „Kienspanfeuer“ und auch das nur, weil die Drehorgeln dieses Motiv leiern. Übrigens gibt es zwei bestimmte Anzeichen, an denen man unfehlbar den Petersburger Russen von dem echten Russen unterscheiden kann. Erstens: alle Petersburger Russen, alle ohne Ausnahme, sagen „Die Akademischen Nachrichten“ und niemals „Petersburger Nachrichten“, wie das Blatt doch eigentlich heißt. Und zweitens: der Petersburger Russe wird, wenn er „Frühstück“ sagen will, niemals das russische Wort „Sawtrak“ gebrauchen, sondern immer „Frjühstick“ sagen, wobei er noch ganz besonders die erste Silbe betonen wird. An diesen beiden eingewurzelten Kennzeichen kann man sie genau unterscheiden.
Akim Petrowitsch Subikoff gehörte also zu jenen friedlichen Beamtentypen, die sich in den letzten fünfunddreißig Jahren endgültig ausgearbeitet haben. Übrigens war er keineswegs etwa dumm. Hätte Exzellenz ihn andere Dinge gefragt, Dinge, die in sein Fach schlugen, so würde er selbstverständlich geantwortet haben und vielleicht wäre dann das Gespräch gar nicht so uninteressant gewesen. Was aber hätte er als Untergebener auf solche Fragen, wie sie Exzellenz stellte, antworten sollen? Es wäre ja einfach unhöflich gewesen! Und doch hätte er für sein Leben gern etwas genaueres von den wirklichen Absichten seiner Exzellenz erfahren ...
Währenddessen aber versank Herr Pralinski immer mehr und mehr in stumpfes Nachdenken. In der Zerstreutheit griff er immer häufiger nach dem Glase um wieder einen Schluck zu tun. Und sein Nachbar ergriff jedesmal die Gelegenheit, um das Glas wieder bis zum Rand zu füllen. Beide schwiegen sie. Da fiel es Exzellenz plötzlich ein, daß man vor ihm tanzte, und alsbald nahm die Gesellschaft seine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch. Mit einem Mal aber fiel ihm etwas auf und setzte ihn sogar in nicht geringe Verwunderung.
Man war allerdings etwas ... sehr lustig. Man tanzte, um sich zu freuen und womöglich auch um sich auszutoben. Gute Tänzer gab es nicht gerade viel, aber die schlechten drehten sich und stampften dermaßen, daß man auch sie für gewandte Tänzer halten konnte. Vor allen anderen zeichnete sich der Offizier aus: er liebte besonders Figuren, in denen er allein blieb und gewissermaßen ein Solo tanzen konnte. Dann, d. h. wenn er allein blieb, verbog und verrenkte er sich wirklich bewunderungswürdig, und zwar in folgender Weise: groß und eine Werst lang wie er war, beugte er sich plötzlich auf eine Seite, so daß man glaubte, er sei in der Taille gebrochen und würde sofort gänzlich umfallen; doch siehe, mit dem zweiten Schritt richtete er sich wieder werstlang auf und mit dem dritten beugte er sich unter demselben schrägen Winkel auf die andere Seite. Der Ausdruck seines Gesichts blieb dabei unveränderlich ernst, und überhaupt tanzte er ersichtlich mit der vollen Überzeugung, daß alle ihn bewunderten. Ein anderer Kavalier, der allzu häufig in das Hinterzimmer gegangen war, schlief in der zweiten Tour neben seiner Dame ein, so daß diese gezwungen war, allein weiterzutanzen. Ein junger Registrator, der den ganzen Abend nur mit einer einzigen Dame tanzte, mit derselben, deren blaue Schärpe seiner Exzellenz über die Nase geflogen war, hatte sich etwas ganz besonderes ausgedacht: er blieb immer ein wenig hinter seiner Dame zurück und so konnte er denn in den Touren, beim Vorübergehn u. s. w. auf das schnell aufgefangene Ende dieser Schärpe zehn bis zwanzig Küsse drücken. Die Dame aber schwamm vor ihm im Tanz einher, als ob sie ein Schwan wäre und nichts von seinen Küssen bemerkte. Der Student der Medizin tanzte tatsächlich ein Solo auf den Händen und hatte unglaublichen Erfolg: die Begeisterung, die er hervorrief, war geradezu erschütternd. Mit einem Wort, die ganze Gesellschaft benahm sich vollkommen ungezwungen. Herr Pralinski, auf den der Wein seine Wirkung hatte, ließ sich herab, sogar zu lächeln, doch allmählich schlich sich eine etwas sonderbare Enttäuschung in seine Seele: oh, er liebte natürlich sehr ungezwungenes, natürliches Benehmen; wie hatte er es herbeigewünscht, als die Gäste noch scheu zurückgetreten waren, und plötzlich überschritten die gerufenen Geister alle Grenzen! Eine Dame in einem vertragenen blauen Sammetkleide z. B. steckte sich in der sechsten Tour den Rock mit Stecknadeln derart auf, daß es aussah, als hätte sie Hosen angehabt. Das war dieselbe Kleopatra Ssemjonowna, bei der man, allerdings nach dem Ausdruck ihres Kavaliers, des Studenten der Medizin, „alles riskieren konnte“. Von diesem Studenten der Medizin lohnt es sich nicht, zu reden: einfach ein zweiter Fokin[5]. – Wie kam das nur? Noch vor so kurzer Zeit waren sie scheu vor dem neuen Gaste zurückgewichen und mit einem Mal sah er sie so emanzipiert vor sich? Es wäre ja weiter nichts dabei gewesen, aber, aber dieser schnelle Übergang war doch etwas sonderbar: er schien etwas zu bedeuten. Es hatte wirklich den Anschein, als hätten sie ganz vergessen, daß Exzellenz zugegen war. Versteht sich, Exzellenz war der erste, der lachte und er ließ sich sogar herab, Beifall zu klatschen. Subikoff kicherte pflichtschuldigst mit, doch tat er es nicht nur gezwungen, sondern mit augenscheinlichem Vergnügen, – ahnungslos, daß Exzellenz bereits einen neuen Wurm in seinem Herzen nährte.
„Sie tanzen ja großartig!“ sagte Exzellenz, als der Student in der letzten Tour an ihm vorüber ging.
Der Student wandte sich hastig zu ihm um, schnitt eine unglaubliche Grimasse und näherte sein Gesicht blitzschnell bis auf eine unhöflich nahe Entfernung und – krähte plötzlich aus voller Kehle. Das war aber denn doch zu viel! Exzellenz erhob sich. Eine wahre Lachsalve erschütterte das Haus, denn die Grimasse des Studenten war dermaßen unerwartet gekommen und er hatte so naturgetreu gekräht, daß das Gelächter nur zu erklärlich war. Exzellenz stand immer noch halb bewußtlos, als plötzlich Pseldonimoff erschien und ihn unter Bücklingen zum Essen aufforderte. Gleich nach ihm kam auch seine Mutter.
„Väterchen, Eure Exzellenz,“ sagte sie, „erweisen Sie uns die Ehre, verabscheuen Sie nicht unser bescheidenes Mahl ...“
„Ich – ich weiß wirklich nicht ...“ stotterte Exzellenz, „ich bin doch nicht mit der Absicht ... ich ... wollte schon längst ...“
Allerdings hielt er noch seine Zobelmütze in der Hand. Ja, er gab sich sogar im selben Augenblick das Ehrenwort, sich unbedingt sofort zu verabschieden, um nichts in der Welt zum Essen zu bleiben und ... und blieb natürlich doch. Nach einer Minute schritt er als erster zu Tisch. Pseldonimoff und die Alte gingen vor ihm her, um ihm den Weg zu bahnen. Man wies ihm den Ehrenplatz an und wieder stand eine volle Champagnerflasche vor seinem Gedeck. Zuerst gab es einen Imbiß: Hering und Schnäpse. Er streckte – nicht ganz bewußt dessen, was er tat – die Hand nach der Schnapskaraffe aus und goß sich ein volles großes Glas ein. Es war ihm, als ob er von einem Berge hinabflog, er glaubte zu fallen, zu fallen, zu fallen und fühlte, daß er sich an irgend etwas halten, anklammern mußte, doch wußte und fand er nicht, was das hätte sein können.
Seine Lage wurde wirklich immer exzentrischer. Er fühlte den Spott des Schicksals. Gott weiß was mit ihm alles in einer kurzen Stunde geschah. Als er eintrat, breitete er, wie man sagt, seine Arme aus, um die ganze Menschheit und alle seine Untergebenen an sein Herz zu drücken; und nach kaum einer Stunde wußte er unter allen Schmerzen seines Herzens, daß er diesen Pseldonimoff haßte und ihn samt seiner Frau und Hochzeit zu allen Teufeln verwünschte. Und zum Überfluß erkannte er noch an dessen Gesicht und Augen, daß auch er von ihm gehaßt wurde: das hatte ihm schon längst der feindselige Blick des jungen Mannes nur allzu deutlich verraten.
Selbstverständlich hätte sich Herr Pralinski, als er sich zu Tisch setzte, eher die Hand abschlagen lassen, als daß er sich selbst wirklich die ganze Wahrheit eingestanden hätte. Aber der Augenblick, da das hätte geschehen können, war noch nicht gekommen, und vorläufig gab es, wie man zu sagen pflegt, noch ein moralisches „Balancé“. Aber das Herz, das Herz ... oh, das tat so weh! es drängte hinaus, in die Freiheit, an die Luft, zur Erholung! Es war doch wirklich ein gar zu guter Mensch, dieser Iwan Iljitsch Pralinski!
Er wußte doch, wußte es ja ganz genau, daß er schon längst hätte fortgehn müssen, und nicht nur einfach fortgehn, sondern sich geradezu hätte retten müssen; daß sein ganzes Unternehmen vollkommen fehlgeschlagen, keineswegs das war, was er sich auf dem Brettersteg gedacht hatte!
„Warum bin ich denn hergekommen? Doch nicht, um hier zu essen und zu trinken?“ fragte er sich, als er den Hering aß. Er wurde sogar ganz Pessimist, und in seinem Herzen fühlte er, daß er sich selbst zuweilen lächerlich fand in seiner Heldenrolle. Ja, es kam sogar so weit mit ihm, daß er allmählich selbst nicht mehr begriff, warum er eigentlich eingetreten war.
„Wie hätte ich denn früher fortgehn sollen? So fortgehn, ohne die Sache bis zu Ende durchgeführt zu haben, war unmöglich. Was würde man sagen? Man würde sagen, daß ich mich an unanständigen Orten herumtreibe. Und das würde ja auch so sein, wenn ich es, wie gesagt, nicht durchführte. Was wird aber morgen – bis dahin wird es ja schon überall bekannt sein – z. B. Stepan Nikiforowitsch sagen, und Ssemjon Iwanytsch? Und was wird man in der Kanzlei sagen? Und bei Schembels? Und bei Schubins? Nein, ich muß so fortgehen, daß sie alle begreifen, warum ich überhaupt gekommen bin, ich muß den moralischen Zweck meines Erscheinens klarlegen ...“ Und doch wartete er vergeblich auf den pathetischen Moment. „Sie achten mich ja nicht einmal,“ fuhr er fort, zu denken. „Worüber mögen sie jetzt nur lachen? Sie sind so lustig, als ob sie ganz gefühllos wären ... Ich habe es ja immer gesagt: die ganze neue Generation taugt nichts: gefühllos. Ich muß bleiben, was es auch koste, ich muß! ... Bis jetzt haben sie getanzt, hier aber bei Tisch sind sie alle beisammen ... Ich werde einfach von den Tagesfragen reden, hm! ... von den Reformen, der Größe Rußlands ... oh! ich werde sie schon fortreißen! Ja! Und vielleicht ist überhaupt noch nichts verloren ... Vielleicht ist es in der Wirklichkeit immer so. Womit soll ich nur beginnen, um sie sofort zu fesseln? Hm! man müßte so einen besonderen Kniff erfinden ... Ich weiß wirklich nicht ... Und was wollen sie nur, was verlangen sie eigentlich? ... Wie ich sehe, lachen sie dort schon wieder. Sollten sie etwa über mich ...? Grundgütiger Himmel! Aber was will ich denn ... warum bin ich denn hier, warum gehe ich nicht fort, was will ich eigentlich? ...“ Und plötzlich, noch als er das dachte, befiel ihn eine tiefe Scham, eine unerträgliche Scham, die ihm das Herz zu zerreißen drohte.
* * * * *
Es war nichts mehr zu machen: das war einfach Verhängnis.
Genau zwei Minuten nachdem er sich zu Tisch gesetzt hatte, überfiel ihn ein furchtbarer Gedanke, ein Gedanke, der ihm kalten Schweiß auf die Stirn herauspreßte. Er fühlte plötzlich, daß er furchtbar betrunken war, d. h. nicht so, wie vorher, sondern wirklich total betrunken, und zwar infolge des einen Schnapses, den er nach dem vielen Champagner hinuntergestürzt hatte, und der alsbald seine Wirkung tat. Er fühlte es mit seinem ganzen Bewußtsein, daß ihn alle Kräfte verließen. Den Mut verlor er zwar deswegen nicht im geringsten, im Gegenteil, der nahm sogar noch ungeheuer zu, aber sein Bewußtsein verließ ihn keinen Augenblick und schrie ihm ununterbrochen in das linke Ohr: „das ist schlecht, sehr schlecht, sehr schlecht und sogar ganz unanständig!“ Selbstverständlich blieben die trunkenen Gedanken nicht bei diesem einen Punkte stehn: in ihm tat sich plötzlich, fast greifbar für ihn selbst, eine Duplizität seines Ichs kund. Sein erstes Ich war: Mut, das Verlangen den Feind zu schlagen, zu siegen, und die verzweifelte Überzeugung, daß er sein Ziel noch erreichen würde. Das zweite Ich aber tat sich durch dumpfen, quälenden Kopfschmerz kund: „was wird man sagen? Wie wird das enden? Was wird morgen sein, morgen, morgen!? ...“
Zuerst fühlte er nur gewissermaßen stumpfsinnig, daß er unter den Gästen Feinde hatte. „Das kommt daher, daß ich auch vorhin betrunken war,“ dachte er unter peinigenden Zweifeln. Wie groß aber war sein Entsetzen, als er wirklich an unzweifelhaften Anzeichen einsehen mußte, daß er am Tisch tatsächlich Feinde hatte.
„Und weswegen nur? Weswegen?“ fragte er sich.
An diesem Tisch saßen alle Gäste, etwa dreißig an der Zahl, doch waren von ihnen einige schon ganz und gar „unterm Tisch“. Und die anderen führten sich so sonderbar auf, mit solch einer bösartigen Ungezwungenheit, schrieen, sprachen alle laut durcheinander, kündeten vorzeitig Toaste an, schossen mit Brotkugeln auf die Damen ihrer ^Vis-à-vis^. Irgend ein Herr in einem fettigen Rock fiel, als er sich zu Tisch setzen wollte, unter den Tisch, wo er ruhig liegen blieb – vielleicht bis zum nächsten Morgen. Ein anderer wollte unbedingt auf den Tisch steigen, um einen Toast zu halten, und nur dem Offizier, der ihn an den Rockschößen ergriff, gelang es noch, ihn von seinem vorzeitigen begeisterten Vorhaben abzubringen. Das Essen war, was die Güte anbetraf, sehr verschiedenartig, obgleich man einen Koch, den Leibeigenen irgend eines Generals, um Rat und Hilfe gebeten hatte; es gab Eisbein, gebratene Zunge mit Kartoffeln, Fleischplätzchen mit grünen Erbsen, endlich gab es noch eine Gans und zum Schluß noch Blanc-manger. An Getränken hatte man Bier, Schnaps und Sherry. Die Champagnerflasche stand dicht vor seiner Exzellenz, was ihn zwang, sich wie Subikoff selbst einzugießen, besonders da letzterer bei Tisch nicht mehr aus eigener Initiative zu handeln wagte. Zu den Toasten auf das Wohl des jungen Paares war irgend ein roter Wein bestimmt. Der Tisch an und für sich bestand aus vielen Tischen, unter denen sich auch ein Kartentisch befand, und bedeckt waren sie gleichfalls mit vielen Tischtüchern, unter denen sich wiederum ein geblümtes jaroslawsches hervortat. Die Gäste saßen in bunter Reihe. Pseldonimoffs Mutter hatte nicht am Tisch sitzen wollen; sie hatte in der Küche zu tun. Dafür erschien ein anderes, aber bösartiges Frauenzimmer, das sich vorher nicht gezeigt hatte, in einem rotseidenen Kleide, mit verbundener Backe und entsetzlich hoher Haube. Es war das die Mutter der Neuvermählten. Sie hatte sich endlich herabgelassen, zum Essen zu erscheinen; bis dahin war sie nicht zu bewegen gewesen, das Hinterzimmer zu verlassen, und das nur infolge ihres unversöhnlichen Hasses auf die Mutter ihres Schwiegersohnes; aber darauf werde ich noch später zurückkommen. Exzellenz wurde von dieser Dame gehässig, ja fast spöttisch betrachtet, und augenscheinlich wollte sie ihm nicht einmal vorgestellt werden. Das schien ihm sehr verdächtig. Doch außer ihr gab es noch andere Gesichter, die ihm verdächtig schienen und nicht wenig Sorgen bereiteten. Es schien ihm sogar, daß sie sich alle untereinander gegen ihn verschworen hatten, und während des Essens überzeugte er sich noch immer mehr und mehr davon. Vor allen anderen erschien ihm sehr bösartig: ein Herr mit einem kleinen Bart – irgend ein freier Künstler –, der mehrmals Exzellenz ostentativ betrachtete und sich dann wieder an seinen Nachbar wandte, um ihm etwas Spaßhaftes ins Ohr zu flüstern. Zweitens, ein Jüngling, der allerdings ganz betrunken war, aber nach einigen Anzeichen zu urteilen, doch keine Sympathieen für ihn übrig zu haben schien. Dasselbe konnte man auch von dem Studenten der Medizin sagen. Und sogar der Offizier war nicht ganz zuverlässig. Doch ganz unverhohlenen Haß brachte ihm der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ entgegen: der lag so nachlässig auf seinem Stuhl, blickte so stolz und herausfordernd drein, lachte so frech und frei. Und als plötzlich ein großes, dickes, wohlgezieltes Brotkügelchen neben seinem Teller niederfiel, da war Exzellenz fest überzeugt und hätte seinen Kopf auf die Wette gesetzt, daß der Absender dieses Geschosses niemand anderes als dieser „Mitarbeiter“ gewesen war.
Alles das beeinflußte ihn natürlich in bedauerlicher Weise.
Besonders unangenehm war auch noch eine andere Beobachtung. Herr Pralinski überzeugte sich nämlich, daß es ihm bereits einige Schwierigkeiten machte, die Worte auszusprechen, daß er sehr vieles sagen wollte, die Zunge sich aber nicht mehr so ganz bewegen ließ; und darauf, daß er sich allmählich in Gedanken verlor und plötzlich ohne jeden Grund lachte. Dieser Zustand verging aber bald nach einem neuen Glase Champagner, das er sich zwar selbst eingegossen hatte, doch im Grunde überhaupt nicht hatte trinken wollen, und das er dann plötzlich doch ganz in Versehen hinabstürzte. Darauf hätte er am liebsten geweint. Er fühlte, daß ihn wieder die exzentrischste Sentimentalität überkam, daß er wieder bereit war, alle zu lieben, alle, alle, selbst Pseldonimoff, selbst den Mitarbeiter des „Feuerbrandes“. Er wollte ihnen um den Hals fallen, sich mit ihnen versöhnen, alles vergessen. Ja, er wollte ihnen sogar alles erzählen, alles, alles, d. h. was für ein guter und lieber Mensch er war, welche prachtvollen Gaben er hatte, wie er dem Vaterlande nützlich sein würde, wie er die Damen zu unterhalten verstände und vor allen Dingen, welch ein Fortschrittler er wäre, wie human, wie bereit, zu allen hinabzusteigen, selbst zu den allerniedrigsten; er war sogar bereit, ihnen aufrichtig alle Motive zu erzählen, die ihn bewogen hatten, uneingeladen bei Pseldonimoff zu erscheinen, bei ihm zwei Flaschen Champagner auszutrinken und ihn dafür mit seiner Gegenwart zu beglücken.