Sämtliche Werke 20

Part 23

Chapter 233,447 wordsPublic domain

Da aber besann sich endlich Pseldonimoff.

„Ew. Exzellenz, bitte, geruhen ... Ehre ...“ stotterte er unter erneuten Bücklingen, „geruhen Platz zu nehmen ...“ Und noch etwas mehr zu sich gekommen, wies er plötzlich mit beiden Händen auf das Sofa, das ohne Tisch an die Wand geschoben war, um den Tanzenden nicht im Wege zu sein ...

Herr Pralinski atmete innerlich auf und ließ sich wie erlöst auf das Sofa nieder; sofort beeilte sich einer der Herren, den bei Seite geschobenen Tisch wieder vorzuschieben Flüchtig blickte er sich um und da gewahrte er, daß außer ihm niemand saß: alle, auch die Damen standen. Das war ein schlechtes Zeichen. Doch war es noch nicht Zeit, zu ermuntern. Die Gäste standen noch immer scheu zurückgedrängt und vor ihm hielt sich Pseldonimoff immer noch krumm wie ein Haken und begriff immer noch nichts und war immer noch weit entfernt vom Lächeln. Es war einfach schändlich – oder kurz: in diesem Augenblick erlitt unser Held soviel Leid, daß sein Harûn-al-Raschid würdiges Unternehmen um des Prinzips willen wohl für eine Heldentat angesehn werden konnte. Da befand sich noch eine Gestalt plötzlich neben Pseldonimoff, die einen Bückling nach dem anderen machte. Zu seiner unbeschreiblichen Freude, ja, und auch zu seinem Glück erkannte Herr Pralinski in ihm den Sekretär aus seiner Kanzlei, Akim Petrowitsch Subikoff, den er zwar nicht gesellschaftlich, dafür aber als tätigen, schweigsamen Beamten kannte. Vor Freude erhob er sich sofort und streckte Subikoff seine Hand entgegen, die ganze Hand und nicht nur zwei Finger. Subikoff drückte sie vorsichtig in tiefster Ehrerbietung. Exzellenz triumphierte: alles war gerettet!

In der Tat, jetzt war Pseldonimoff nicht mehr, sagen wir, die zweite, sondern einfach die dritte Person. Man konnte sich mit der Erzählung direkt an Subikoff wenden, ihn in der Not wie einen Bekannten behandeln, sogar wie einen nahen Bekannten, Pseldonimoff aber konnte dann schweigen und zittern soviel er wollte. Folglich war der Anstand gewahrt. Die Erzählung aber war unbedingt nötig, das fühlte Herr Pralinski; er sah, daß alle Gäste etwas erwarteten, daß in beiden Türrahmen sich sogar das ganze Hausgesinde versammelt hatte und fast schon aufeinander kroch, um ihn besser sehn und hören zu können. Unangenehm war bloß, daß der Sekretär sich in seiner Dummheit immer noch nicht setzen wollte.

„Aber so setzen Sie sich doch!“ sagte Herr Pralinski und wies etwas ungeschickt neben sich auf das Sofa.

„Ich ... ich ... ich ... ich kann auch hier ...“ stotterte Akim Petrowitsch Subikoff verlegen und setzte sich flink auf einen Stuhl, der ihm im Handumdrehen von Pseldonimoff, der selbst nicht Platz zu nehmen wagte, in die Kniekehlen geschoben wurde.

„Denken Sie doch nur, was mir soeben passierte,“ begann Herr Pralinski mit einer zwar noch etwas unsicheren, aber immerhin liebenswürdigen Stimme ausschließlich zu Akim Petrowitsch gewandt. Er reckte sogar die Worte möglichst in die Länge, sprach die Silben langsam und das a fast wie ein e aus, kurz, er fühlte und begriff, daß er sich nicht natürlich gab, doch konnte er sich nicht mehr beherrschen. Und überhaupt erkannte und begriff er in jenem Augenblick furchtbar viel, weswegen er denn auch doppelt litt.

„Können Sie sich vorstellen: ich komme von Stepan Nikiforowitsch Nikiforoff, dem Geheimrat, Sie haben vielleicht von ihm gehört ...“

Subikoff beugte sich ehrerbietig mit seinem ganzen Oberkörper vor, als wollte er sagen: „Exzellenz, wie sollte ich nicht!“

„Er ist jetzt Ihr Nachbar,“ fuhr Herr Pralinski fort und wandte sich anstandshalber an Pseldonimoff, doch kehrte er sich sofort wieder von ihm ab, da er an den Augen Pseldonimoffs nur zu deutlich gesehn hatte, daß es ihm vollkommen gleichgültig war.

„Er hat sich immer ein Haus kaufen wollen ... Nun, und jetzt hat er es sich glücklich gekauft. Ein ganz allerliebstes Häuschen. Ja ... Und da kam es denn noch hinzu, daß heute sein Geburtstag ist und so hat er ihn denn diesmal vor lauter Freude über sein neues Haus uns nicht verheimlicht, wie er es sonst immer zu tun pflegte, hehe! Wie gesagt, er hatte uns zu sich eingeladen, mich und Ssemjon Iwanowitsch. Sie kennen ihn doch: Schipulenko.“

Subikoff machte mit seinem Oberkörper wieder eine respektvolle Verbeugung; er tat es sogar mit großem Eifer. Herr Pralinski beruhigte sich ein wenig, denn er hatte schon gefürchtet, sein untergebener Sekretär könnte es vielleicht erraten, daß er der einzige rettende Stützpunkt Seiner Exzellenz war. Das wäre gar zu dumm gewesen.

„Nun, wir saßen, tranken Champagner, sprachen über Regierungssachen, ... über dieses und jenes ... über verschiedene Prob–leme ... disputierten sogar ... Hehe!“

Subikoff machte ein ungewöhnlich ehrerbietiges Gesicht.

„Aber darum handelt es sich ja nicht hier. Ich verabschiedete mich schließlich, denn, wissen Sie, Stepan Nikiforowitsch ist sehr pünktlich, er geht stets um halb zwölf zu Bett ... er ist ja auch schon bejahrt. Ich trete hinaus – mein Trifon ist nirgends zu sehn. Gehe hin und her, erkundige mich: es stellt sich heraus, daß er sich in der Hoffnung, ich würde länger sitzen bleiben, auf eine Hochzeit – zu irgend einer Verwandten oder Schwester – begeben hatte ... gleichfalls hier irgendwo auf der Petersburger Seite. Und auch den Schlitten hatte er natürlich mitgenommen.“

Exzellenz blickte wieder vorsichtig zu Pseldonimoff hinüber, was diesen sofort veranlaßte, sich krummzubiegen, doch keineswegs in der Art, wie es Exzellenz haben wollte, und daher schloß er: „Dieser Mensch hat ja überhaupt kein Herz.“

„Nein, so etwas!“ sagte tief erschüttert Akim Petrowitsch Subikoff. Ein Schauer der Verwunderung lief tuschelnd gleichfalls über die dichtgedrängte Schar der übrigen Gäste.

„Nicht wahr? Sie können sich meine Lage denken ...“ Herr Pralinski ließ seinen fragenden Blick über alle Anwesenden schweifen. „Es war natürlich nichts zu machen, gehe also zu Fuß. Ich denke mir, nun, Du gehst bis zum großen Prospekt, dort wirst Du bestimmt noch einen Schlitten finden ... hehe!“

„Hihihi!“ tönte pflichtschuldig das Echo von Subikoff zurück, und wiederum ging ein Getuschel durch die gedrängte Gästeschar. In diesem Augenblick platzte mit lautem Knall der Zylinder der Wandlampe. Irgend jemand stürzte sofort eilfertig hin, um nachzusehn oder irgend etwas zu retten. Pseldonimoff fuhr zusammen und warf einen strengen Blick auf die Lampe, Exzellenz aber beachtete sie überhaupt nicht, und so beruhigte man sich bald.

„Ich gehe also zu Fuß ... Die Nacht ist wundervoll, ganz windstill. Da höre ich plötzlich Musik, Tanzmusik! Erkundige mich beim Schutzmann und erfahre, daß Pseldonimoff seine Hochzeit feiert. Mein Lieber, Ihr Fest ist ja auf der ganzen Petersburger Seite hörbar! Hahaha!“

„Hihihi! Stimmt ...“ meinte auch Subikoff; die Gäste flüsterten und bewegten sich wieder; dumm war nur, daß Pseldonimoff sogar nach diesem Scherz nicht lächelte, sondern wieder nur seinen Bückling machte – wirklich als ob er von Holz gewesen wäre. „Der Kerl scheint ja total borniert zu sein!“ dachte verwundert seine Exzellenz, „wenn der Esel doch einmal lächeln wollte, wäre ja alles gut.“ Die Ungeduld tobte in seinem Herzen.

„Halt! denke ich, wie wär’s, wenn Du einmal bei Deinem Untergebenen vorsprächst? Ob ich ihm willkommen bin oder nicht, er wird mich doch nicht vor die Tür setzen ... Sie verzeihen mir doch, mein Lieber ... Natürlich, wenn ich gestört habe, so werde ich schleunigst wieder gehn ... Ich bin ja eigentlich nur angekommen ...“

Allmählich aber hatte sich eine gewisse Bewegung unter den Gästen bemerkbar gemacht. Subikoff lächelte verklärt, als wollte er sagen: „Gütiger Himmel, wie kann nur Eure Exzellenz stören!“ Und auch an den übrigen Gästen waren die ersten Anzeichen des Zutrauens bemerkbar. Die Damen saßen schon fast alle: ein gutes, positives Zeichen. Die Keckeren von ihnen fächelten sich bereits mit den Taschentüchern zu. Eine von ihnen – es war eine Dame in einem vertragenen Sammetkleide – sagte absichtlich einige Worte etwas lauter. Der Offizier, an den sie gerichtet waren, wollte ihr gleichfalls etwas lauter antworten, doch da sie beide die einzigen mutigen waren, so führte er sein Vorhaben nicht aus. Die Herren, meistens Kanzleibeamten und zwei oder drei Studenten, tauschten untereinander Blicke aus, als wollten sie sich gegenseitig anfeuern, irgend etwas zu unternehmen; vorläufig aber räusperten sie sich nur oder traten von einem Fuß auf den anderen, um sich ein wenig von der Stelle zu rühren. Im Grunde hatte kein einziger Angst; sie waren nur ein wenig scheu und genau genommen blickten sie alle feindselig auf den Unglücklichen, der gekommen war, um ihr Vergnügen zu stören. Der Offizier, der sich schließlich seines Kleinmutes schämte, faßte sich ein Herz und näherte sich ein wenig dem Tisch.

„Äh, mein Lieber, gestatten Sie, nach Ihrem und Ihres Vaters Namen zu fragen?“ wandte sich Herr Pralinski an Pseldonimoff.

„Porfirij Petroff, Exzellenz,“ antwortete der sofort, als ob er Rapport erstattete.

„Nun, Porfirij Petroff, wann werden Sie mich denn mit Ihrer jungen Frau bekannt machen ... Führen Sie mich doch ... ich ...“

Und er bekundete schon die Absicht, sich vom Sofa zu erheben. Wie Pseldonimoff das bemerkte, stürzte er sofort ins Nebenzimmer. Die Neuvermählte stand übrigens an der Tür, als sie aber hörte, daß von ihr die Rede war, schlüpfte sie sofort zurück und versteckte sich. Nichtsdestoweniger führte Pseldonimoff sie nach einer Minute an der Hand wieder in den Saal. Man trat sofort auseinander, um ihnen Platz zum Durchgehen zu geben. Exzellenz erhob sich feierlich und wandte sich mit liebenswürdigem Lächeln an die Neuvermählte:

„Es freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen,“ sagte er mit der elegantesten Halbverbeugung, „und um so mehr, als es gerade an solch einem Tage ...“ u. s. w.

Er lächelte verschmitzt. Die Damen waren angenehm erregt.

„Charmant,“ sagte die Dame im Sammetkleide fast laut.

Die Neuvermählte war ihres Gatten wert. Sie war ein kleines mageres Persönchen von sechzehn Jahren, bleich, mit einem kleinen Gesicht, in dem ein kleines spitzes Näschen saß. Ihr kleinen Augen blickten durchaus nicht verwirrt, im Gegenteil, sie sahen aufmerksam und sogar mit einer gewissen Feindseligkeit den liebenswürdigen Vorgesetzten an. Ihr Brautkleid war aus weißem Musselin auf einem rosa Unterkleide. Ihr Hals war erschreckend mager und ihr Körper war dem eines jungen Huhnes nicht gerade unähnlich. Auf die liebenswürdigen Worte seiner Exzellenz wußte sie so gut wie nichts zu sagen.

„Ich kann Ihnen zu Ihrem Geschmack nur gratulieren,“ sagte er zu Pseldonimoff gewandt halblaut, jedoch absichtlich so, daß sie es unbedingt hören mußte.

Pseldonimoff Antwortete aber auch auf diese Liebenswürdigkeit nur mit Schweigen; ja, diesmal vergaß er sogar, sich zu verbeugen: er rührte sich nicht. Herrn Pralinski schien es plötzlich, daß in seinen Augen etwas Kaltes, wenn nicht Feindseliges aufblitzte. Und doch hieß es für ihn mit aller Gewalt, was es auch koste, die gewünschte Stimmung erreichen. Deswegen war er ja überhaupt eingetreten!

„Das ist mir mal ein Pärchen!“ dachte er bei sich. „Übrigens ...“

Und er wandte sich von neuem an die Junge, die sich neben ihm auf das Sofa niedergelassen hatte, erhielt aber auf seine Fragen nur ein „Ja“ oder „Nein“, und zuweilen selbst das nicht einmal.

„Wenn sie doch wenigstens verlegen werden wollte!“ dachte er wütend. „Ich könnte dann mit ihr scherzen. Aber so ist ja meine Lage einfach aussichtslos!“

Und auch Subikoff schwieg wie zum Trotz, wenn er es auch aus Dummheit tat, so blieb es doch immerhin unverzeihlich.

„Aber meine Damen und Herren! Ich habe Sie doch nicht in Ihrer Geselligkeit gestört?“ wandte er sich an alle Gäste.

Er fühlte schon, daß sogar seine Handflächen transpirierten.

„Oh nein, Exzellenz, wir werden sofort weitertanzen, augenblicklich ... erholen wir uns ein wenig,“ antwortete ihm darauf der lange Offizier, auf dem die Neuvermählte wohlgefällig ihre Blicke ruhen ließ: er war noch nicht alt und sah gut aus in seiner Uniform. Pseldonimoff stand noch immer unbeweglich und seine gebogene Nase nahm sich noch größer aus. Er stand und hörte zu wie ein Diener, der mit Pelzen und Mänteln auf dem Arm dem Abschiedsgespräch seiner Herrschaft zuhört. Diesen Vergleich machte Herr Pralinski in Gedanken beim wiederholten Anblick seines Registrators. Ja, unser Held fühlte sich sehr ungemütlich, er fühlte, wie er den Boden unter den Füßen verlor, er fühlte, daß er irgendwohin hineingeraten war und sich nicht mehr herausziehen konnte.

* * * * *

Da traten die Gäste an der Tür wieder auseinander, um, wie es schien, jemandem Platz zu machen: es erschien eine mittelgroße, ziemlich stämmige ältere Frau, die einfach angezogen war, ein Tuch, das sie unter dem Kinn festgesteckt hatte, um die Schultern trug und an die Haube, die ihren Kopf schmückte, augenscheinlich noch nicht gewöhnt war. In den Händen hielt sie ein rundes Teebrett, auf dem eine volle, aber schon aufgekorkte Flasche Champagner und zwei Gläser standen – zwei, nicht mehr und nicht weniger. Ersichtlich war die Flasche nur für zwei Menschen gekauft worden.

Die Frau näherte sich ruhig dem Sofa.

„Bitte, Exzellenz, nehmen Sie vorlieb,“ sagte sie nach einem Gruß und einer Verbeugung, „wenn Sie uns schon einmal die Ehre erweisen zur Hochzeit meines Sohnes in eigener Person zu kommen, so bitte ich Sie gefälligst, begrüßen Sie auch schon das junge Paar mit einem Glas. Verachten Sie es nicht, erweisen Sie uns schon die Ehre.“

Herrn Pralinski erschien sie wie ein rettender Engel. Sie war noch durchaus nicht alt, vielleicht fünf- oder sechsundvierzig – nicht mehr. Aber sie hatte solch ein gutes, frisches, solch ein offenes, rundes russisches Gesicht, sie lächelte so gutmütig, begrüßte ihn so einfach, daß Herr Pralinski wieder Mut schöpfte.

„Also S–s–sie sind die Mutter Ihres Sohnes?“ fragte er, sich erhebend.

„Ja, Exzellenz, meine Mutter,“ bestätigte Pseldonimoff, wobei er seinen langen Hals noch mehr ausreckte und seine gebogene Nase noch weiter vorschob.

„Ah! Freut mich, freut mich ungemein!“

„So erweisen Sie uns schon die Ehre, Exzellenz.“

„Aber mit dem größten Vergnügen.“

Das Teebrett wurde auf den Tisch gestellt und Pseldonimoff goß eilfertig den Wein ein. Herr Pralinski nahm seinen Pokal.

„Ich freue mich, ich freue mich ganz besonders der Gelegenheit ...“ begann er, „daß ich bei der Gelegenheit ... Mit einem Wort, als Vorgesetzter mein Wohlwollen bezeugen kann ... Ich wünsche Ihnen, meine Gnädigste“ – er wandte sich an die Neuvermählte – „und auch Ihnen, mein lieber Porfirij Petroff, volles, seliges, leuchtendes Glück!“

Er erhob seinen Pokal und leerte ihn mit tiefem Gefühl auf einen Zug – es war der Zahl nach der siebente an jenem Abend. Pseldonimoff blickte ernst und mürrisch drein und Exzellenz fühlte, daß er ihn schon qualvoll haßte.

„Und diese verfluchte Bohnenstange“ – er blickte wütend auf den langen Offizier, „kann der Kerl denn wirklich nicht einmal Hurra schreien!? Damit würde er ja alles retten ...“

„Und auch Sie, Akim Petrowitsch, – bitte, trinken Sie auch auf das Glück des jungen Paares,“ wandte sich die Alte an den Sekretär. „Sie sind sein Vorgesetzter, beschützen Sie meinen Sohn, ich bitte Sie, wie eine Mutter bittet. Und auch hinfort vergessen Sie uns nicht, mein Liebling, ein guter Mensch sind Sie, Akim Petrowitsch!“

„Wie reizend doch diese alten russischen Frauen sind!“ dachte Herr Pralinski bei sich. „Alle hat sie belebt. Hm, ich habe ja immer gesagt: ich liebe alles, was volklich ist ...“

In dem Augenblick wurde noch ein Teebrett zum Tisch gebracht: eine Magd in einem steifen, noch ungewaschenen Zitzkleide mit einer Krinoline trug es herein; doch kaum konnte sie es fassen – so groß war es. Auf ihm standen eine Menge Schalen, Teller und Vasen mit Äpfeln, Konfekt, Marmeladen, Kuchen, Nüssen u. s. w. Dieses Teebrett hatte bis dahin im Nebenzimmer gestanden, zur Bewirtung der Gäste, vornehmlich der Damen. Nun wurde es aber zum Ehrengast gebracht.

„Verschmähen Sie nicht, Exzellenz, was wir Ihnen bieten können. Was wir haben, dessen freuen wir uns,“ sagte wieder gutmütig die Alte.

„Aber, ich bitte Sie! ...“ rief Herr Pralinski und nahm sogar mit Vergnügen eine Wallnuß, die er mit den Fingern zerdrückte. Er hatte sich entschlossen, bis zum Schluß populär zu sein.

Plötzlich kicherte die Neuvermählte neben ihm.

„Wie?“ erkundigte sich Herr Pralinski lächelnd, sichtlich sehr erfreut über die unvermuteten Lebensanzeichen.

„Hihi, Iwan Kostenjkinytsch scherzt wieder,“ entgegnete sie diesmal mit gesenktem Blick.

Er bemerkte tatsächlich einen hübschen blonden Jüngling, der sich auf einem Stuhl neben dem Sofa niedergelassen und sich halb hinter der Lehne und der jungen Pseldonimowa, der er etwas zuflüsterte, versteckt hatte. Der Jüngling erhob sich sofort. Er schien sehr schüchtern und noch sehr jung zu sein.

„Ich habe ihr nur vom Traumbuch erzählt, Exzellenz,“ sagte er, als wollte er sich entschuldigen.

„Von was für einem Traumbuch?“ fragte Herr Pralinski herablassend.

„Es gibt jetzt ein neues, ein literarisches. Ich hab ihr gesagt, daß, wenn man Herrn Panajeff im Traum sieht, das bedeutete dann, daß man sich das Chemisette mit Kaffee begießen würde.“

„Himmlische Unschuld!“ dachte Exzellenz nicht ohne Wut bei sich.

Der junge Mann errötete zwar, als er seine Erklärung gab, doch war er zu gleicher Zeit unglaublich stolz auf seinen Mut.

„Nun ja, schön, ich habe so etwas gehört ...“ meinte Exzellenz.

„Und was noch amüsanter ist,“ sagte plötzlich eine neue Stimme dicht neben Herrn Pralinski, „es wird ein neues Lexikon herausgegeben, und so heißt es denn, Herr Krajeffski würde palemische Artikel schreiben ...“

Der das sagte war ein junger Mensch, der aber durchaus nicht verlegen schien, sondern eine gewisse Sicherheit in seinem Auftreten hatte. Er war in Handschuhen und weißer Weste und behielt die ganze Zeit seinen Hut in der Hand. Er tanzte nicht, gab aber sonst den Ton an, blickte auf die übrigen Gäste von oben herab, denn er war schon Mitarbeiter an einem satyrischen Blatt, „Der Feuerbrand“, und war gleichsam als Ehrengast zur Hochzeit eingeladen worden. Er hatte schon ziemlich viel Wodka getrunken und war zu diesem Zweck des öfteren in ein bescheidenes Hinterzimmer, zu dem alle Herren den Weg kannten, gegangen. Seiner Exzellenz gefiel er ausnehmend wenig.

„Und das ist nur darum so komisch,“ unterbrach ihn plötzlich freudig der blonde Jüngling, der von der Chemisette erzählt hatte und den der „Mitarbeiter“ haßerfüllt anblickte, „so furchtbar komisch, weil der Herausgeber so tut, als ob Herr Krajeffski die Rechtschreibung nicht könnte und wirklich glaubte, man müsse statt ‚polemisch‘ ‚palemisch‘ sagen ...“ Der arme Jüngling sprach kaum zu Ende, was er sagen wollte. Er erkannte an den Augen seines Zuhörers, daß er eine bekannte Geschichte erzählte, denn seine Exzellenz wurde gleichfalls verlegen, und das natürlich nur, weil er sie schon selbst längst kannte. Der junge Mann schämte sich entsetzlich: er zog sich so schnell als möglich zurück und die ganze Zeit nachher war er tief melancholisch. Dafür aber trat der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ noch näher an seine Exzellenz heran und schien die Absicht zu haben, sich irgendwo in der Nähe niederzulassen. Solch eine liebenswürdige Annäherung schien aber Herrn Pralinski etwas kitzlich.

„Tja! was ich sagen wollte, Porfirij Petroff,“ begann er plötzlich zu diesem gewandt, bloß um etwas zu sagen, „warum – ich wollte es Sie schon längst fragen –, warum nennen Sie sich Pseldonimoff und nicht Pseudonimoff? Denn Ihr Name lautet doch zweifellos Pseudonimoff?“

„Das kann ich leider nicht genau erklären, Exzellenz,“ entgegnete Pseldonimoff.

„Das hat man wohl schon früher verwechselt, als sein Vater in den Dienst trat, ich meine, in den Papieren,“ bemerkte Akim Petrowitsch Subikoff. „Das kommt zuweilen vor.“

„Un–be–dingt!“ griff Exzellenz eifrig den Gedanken auf. „Unbedingt! Denn, urteilen Sie doch selbst: Pseudonimoff würde von dem literarischen Wort Pseudonym herkommen. Was aber bedeutet Pseldonimoff? – Überhaupt nichts!“

„Aus Dummheit,“ fügte plötzlich Subikoff noch hinzu.

„Das heißt, wie meinen Sie das – aus Dummheit?“

„Das russische Volk verwechselt zuweilen aus Dummheit die Buchstaben und spricht überhaupt die Fremdwörter auf seine Art aus. So sagt es z. B. Nevalide, während man doch Invalide sagen muß.“

„Ach so ... Nevalide, hehehe ...“

„Auch hört man häufig ‚Mummer‘ sagen, Exzellenz,“ fiel der lange Offizier ein, den die Lust, sich gleichfalls irgendwie auszuzeichnen, schon lange plagte.

„Wie das, ‚Mummer‘?“

„Mummer anstatt Nummer, Exzellenz.“

„Ach so, Mummer anstatt Nummer ... ja ja ... hehehe? ...“ Exzellenz war gezwungen, auch dem Offizier Beifall zu zollen.

Der Offizier zupfte an seinem Kragen.

„Und dann sagt man auch noch ‚vurbei‘,“ mischte sich der „Mitarbeiter“ des „Feuerbrandes“ in das Gespräch. Exzellenz aber tat, als hätte er die Bemerkung ganz überhört. Er konnte doch nicht für alle lächeln!

„_Vurbei_ anstatt _vorbei_,“ wiederholte der „Mitarbeiter“ ersichtlich gereizt.

Exzellenz blickte ihn streng an.

„Wozu drängst Du Dich so vor?“ flüsterte Pseldonimoff dem „Mitarbeiter“ zu.

„Wieso, darf ich denn etwa nicht sprechen!“ fragte der flüsternd zurück, schwieg aber doch und verließ mit heimlichem Ingrimm das Zimmer.

Er begab sich wieder in das anziehende Hinterzimmer, in dem für die Herren auf einem kleinen Tisch, der mit einem jaroslawschen Tischtuch bedeckt war, zwei Sorten Schnaps, Hering, Kaviarbrötchen und noch eine Flasche des allerstärksten Sherry aus einem russischen Keller zur Erfrischung hingestellt waren. Mit Wut im Herzen goß er sich ein Gläschen ein, als plötzlich der Student der Medizin hereinstürzte, hastig die Karaffe ergriff und sich eingoß.

„Es wird gleich wieder losgehn!“ sagte er, der erster Tänzer auf dieser Hochzeit Pseldonimoffs war. „Komm zusehn: werde ein Solo auf den Händen tanzen, d. h. mit den Beinen in der Luft und nach dem Essen will ich ’nen ‚Fisch‘ riskieren. Der paßt zur Hochzeit: sozusagen unserem Pseldonimoff ein freundschaftlicher Wink ... Famoses Weib, diese Kleopatra Ssemjonowna, man kann bei ihr faktisch alles riskieren.“

„Das ist ja ein Reaktionär,“ sagte finster der Mitarbeiter und stürzte sein Glas hinab.

„Wer das?“

„Die hohe Persönlichkeit, vor der man sämtliche Süßigkeiten plaziert hat. Ein Reaktionär vom reinsten Wasser, sag ich Dir.“

„Ach!“ rief der Student gleichgültig und stürzte hinaus, da er die ersten Takte der Quadrille hörte.