Part 22
„Solch ein Gaunervolk!“ schimpfte wütend Herr Pralinski. „Die Kanaille wollte sich bei mir vorhin die Erlaubnis ausbitten, hier auf der Petersburger Seite eine Hochzeit mitzumachen, irgend eine Verwandte von ihm soll heiraten – daß sie der Henker hole! Und ich verbot ihm strengstens, sich von hier zu entfernen. Ich könnte wetten, daß er dorthin gefahren ist!“
„Ja,“ bemerkte Warlam, „er ist auf diese Hochzeit gefahren, wollte aber gleich wieder umkehren und zur angesagten Zeit hier sein.“
„Da haben wir’s! Ich ahnte es ja! Der soll mir aber büßen!“
„Versohlen Sie ihn lieber zweimal wie es sich gehört, dann wird er gehorsamer sein,“ sagte Schipulenko, der schon die Schlittendecke zuknöpfte.
„Seien Sie unbesorgt, Ssemjon Iwanowitsch!“
„So wollen Sie nicht? Ich bringe Sie gern nach Haus.“
„Danke, nein. Und glückliche Reise!“
Schipulenko fuhr fort, Pralinski aber ging gereizt zu Fuß auf den Bretterstegen durch das öde Vorstadtviertel dem Zentrum der Stadt zu.
* * * * *
„Warte nur, Spitzbube, Du sollst mir aber büßen! Gehe jetzt zum Trotz zu Fuß, damit Du Angst bekommst! Wenn er zurückkehrt, wird er sofort erfahren, daß sein Herr zu Fuß gegangen ist ... Solch ein Spitzbube!“
Herr Pralinski hatte noch niemals innerlich so geflucht. Er war aber auch wirklich so gereizt und zudem brummte noch sein Kopf. Da er sonst kein Trinker war, so wirkten die fünf bis sechs Glas Champagner ziemlich schnell. Die Nacht war wundervoll. Es war kalt und klar und ungewöhnlich windstill. Der sternklare Himmel wölbte sich hoch, hoch, und der Mond breitete über die Erde matten, luftlosen Silberschein. Es war so schön, daß Pralinski schon nach kurzer Zeit seinen ganzen Ärger vergaß. Es wurde ihm plötzlich so wunderlich angenehm zu Mut. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß Menschen, die ein wenig getrunken haben, sehr schnell ihre Eindrücke und Empfindungen wechseln. Ihm gefielen plötzlich sogar die unscheinbaren Holzhäuschen der öden Straße.
„’S ist doch schön, daß ich zu Fuß gegangen bin,“ dachte er bei sich, „für Trifon ist’s eine Lehre und mir ist es ein Vergnügen. Man müßte wirklich öfter zu Fuß gehn ... Auf dem großen Prospekt werde ich ja sofort einen Schlitten finden. Prachtvolle Nacht! Was das hier für Häuschen sind. Wahrscheinlich Kleinbürger, Beamte ... Kaufleute, vielleicht ... Dieser Stepan Nikiforowitsch! Und was für Reaktionäre sie sind, diese Schlafmützen! ^Oui^, Schlafmützen, ^c’est le mot^. Er ist übrigens ein kluger Mensch; hat diesen ^bonsens^, das nüchterne, praktische Begreifen der Dinge. Dafür aber sind’s ja Greise, Greise! Dieser ... äh, wie heißt doch gleich der Kerl! ... Nun ja, was nicht noch ... Werden es nicht aushalten! Was mag er damit gemeint haben? Er versank ja sogar in Gedanken, als er das sagte. Übrigens hat er mich überhaupt nicht verstanden. Und wie _das_ nicht verstehn! Das _nicht_ zu verstehn ist ja schwerer, als zu verstehn. Die Hauptsache ist, daß ich überzeugt bin, im Herzen überzeugt ... Humanität ... Menschlichkeit. Den Menschen zu sich selbst zurückführen ... seine eigene Würde erwecken und dann ... macht Euch dann mit dem neuen Material an die Arbeit! Man sollte meinen, daß das klar ist! Ja–hm! Erlauben Sie mal, Exzellenz; nehmen Sie einen Syllogismus: ich treffe z. B. einen Beamten, einen armen Beamten, einen verprügelten, eingeschüchterten Menschen. Nun ... was bist Du? Antwort: Beamter. Also gut, Beamter; weiter: was für ein Beamter? Antwort: so und so. – Dienst Du? Ja, ich diene. – Willst Du glücklich sein? Will. – Was hast Du zum Glücklichsein nötig? Das und das. – Warum? Darum. – Und siehe, der Mensch begreift mich nach zwei Worten, der Mensch ist gewonnen, ist, sagen wir, bestrickt, der Mensch gehört mir und ich mache mit ihm, was ich will, d. h. natürlich nur zu seinem Besten. ’N gemeiner Mensch, dieser Schipulenko! Und welch eine scheußliche Fratze er hat ... ‚Versohlen Sie ihn!‘ – das hat er absichtlich so gesagt. – Nein, mein Lieber, das kannst Du selbst besorgen, wenn es Dich reizt; ich aber werde es _nicht_ tun; ich werde meinen Trifon mit einem einzigen Wort zu erziehen verstehn: ein kurzer Tadel – das genügt, er wird’s schon fühlen. Was jedoch die Prügelstrafe anbetrifft, hm! ... ungelöste Frage das ... hm! Pfui, Teufel, diese verfluchten Bretterstege!“ rief er plötzlich wütend; er hatte auf den Weg nicht acht gegeben und war gestolpert. „Und das will eine Hauptstadt sein! Oh Zivilisation! Hier kann man sich ja die Beine brechen! Hm! ... Ich hasse diesen Schipulenko; unsympathischer Kerl. Vorhin lachte er über mich, als ich sagte, man würde sich moralisch umarmen. Nun, man wird es auch, was geht das Dich an? Hab keine Angst, Dich werde ich nicht umarmen; eher einen Bauern ... Wenn ich jetzt einem Bauern begegnen sollte, so werde ich ihn anreden. Übrigens war ich etwas angetrunken und drückte mich vielleicht nicht so aus ... Hm! Werde nie mehr trinken. Was man am Abend schwatzt, das bereut man am nächsten Morgen. Wie!? Ich gehe doch ganz gerade ... Aber, weiß Gott, sie sind doch alle Spitzbuben!“
Das waren die zusammenhanglosen Gedanken, die Herrn Pralinski durch den Kopf gingen, als er auf den Bretterstegen nach Hause schritt. Die frische Nachtluft tat ihm gut, sie rüttelte ihn wieder wach, wie man zu sagen pflegt. Nach fünf Minuten aber hätte er sich wieder beruhigt und wäre dann vielleicht schläfrig geworden. Doch plötzlich, wenige Schritte vor dem großen Prospekt, hörte er Musik. Er blickte sich um. In einem alten einstöckigen, doch langgestreckten Holzhause, das einsam an der anderen Straßenseite lag, schien ein Fest zu sein: eine Geige, ein Kontrabaß und eine Flöte taten ihr Bestes, um tanzlustigen Leuten eine Quadrille aufzuspielen. Unter den Fenstern drängten sich Zuschauer, meistens Weiber in wattierten Mänteln und großen Tüchern; sie bemühten sich eifrig, durch die Spalten der Läden irgend etwas zu sehn. Das Gestampf der Tanzenden konnte man sogar auf der anderen Straßenseite hören. Pralinski erblickte nicht weit von sich einen Schutzmann und ging auf ihn zu.
„Wem gehört dieses Haus, mein Lieber?“ fragte er ihn kurz, wobei er seinen kostbaren Pelz am Halse etwas zurückschob, genau so viel, daß der Schutzmann seinen Orden erkennen konnte.
„Dem Beamten Pseldonimoff, dem Registrator,“ antwortete der Schutzmann, der natürlich den Orden sofort erkannt und eine stramme Haltung angenommen hatte.
„Pseldonimoff? Hm! Pseldonimoff! ... Und was ist denn da los? Heiratet er vielleicht?“
„Ja, Ew. Hochgeboren, er heiratet die Tochter eines Titularrats. Mlekopitajeff, Titularrat ... hat an der Behörde gedient. Dieses Haus bekommt jetzt der Schwiegersohn.“
„Also gehört es jetzt Pseldonimoff und nicht mehr Mlekopitajeff?“
„Pseldonimoff, jawohl, Ew. Hochgeboren, Mlekopitajeff gehörte es früher, jetzt aber gehört es Pseldonimoff.“
„Hm! Ich habe mich nur erkundigt, weil ich nämlich sein Vorgesetzter bin.“
„Zu Befehl, Exzellenz.“
Der Schutzmann nahm eine wenn möglich noch strammere Haltung an, Herr Pralinski aber schien nachzudenken. Er stand und überlegte ...
Ja, tatsächlich, dieser Pseldonimoff diente in seiner Kanzlei; das wußte er ganz genau. Er war ein kleiner Beamter, der etwa zehn Rubel monatlich erhielt. Da Herr Pralinski erst seit kurzer Zeit Chef seiner Kanzlei geworden war, so hätte er sich schließlich seiner Untergebenen nicht allzu genau erinnern können; Pseldonimoffs jedoch erinnerte er sich deutlich und zwar nur des Namens wegen: der war ihm sofort aufgefallen und so hatte er sich denn den Besitzer desselben etwas genauer angesehn. Er erinnerte sich eines noch sehr jungen Menschen mit einer langen gebogenen Nase mit blondem, strähnigem Haar, der krankhaft mager war, einen unmöglichen Rock und noch unmöglichere Unaussprechliche trug. Er erinnerte sich noch, daß ihm damals beim Anblick dieser Figur der Gedanke gekommen war, dem Armen zu Weihnachten einige zehn Rubel zur Aufbesserung der Toilette zukommen zu lassen. Da aber das Gesicht dieses Armen ungeheuer einfach wirkte und der Blick sogar sehr unsympathisch war, so verdunstete der gute Gedanke allmählich ganz von selbst, und Pseldonimoff erhielt kein Geschenk. Um so mehr setzte ihn aber dann dieser selbe Pseldonimoff in Erstaunen, als er ihn vor einer Woche um die Erlaubnis bat, heiraten zu können: Pralinski erinnerte sich noch, daß er damals keine Zeit gehabt hatte, sich mit der Sache eingehender zu beschäftigen, und so war denn die Heiratsgeschichte schnell erledigt worden. Trotzdem jedoch wußte er noch ganz genau, daß Pseldonimoff mit der Braut noch ein einstöckiges Holzhaus und vierhundert Rubel bar erhalten sollte. Dieser Umstand hatte ihn damals sogar etwas in Erstaunen gesetzt; und dann wußte er auch noch, daß er über die Namen Pseldonimoff und Mlekopitajeff einen Kalauer gemacht hatte. Dessen erinnerte er sich noch ganz genau.
Herr Pralinski verfiel immer mehr und mehr in Gedanken. Bekanntlich können zuweilen ganze seitenlange Betrachtungen oder Erwägungen in einer einzigen Sekunde durch unseren Kopf gehn, sagen wir, in Form gewisser Gefühle, die sich in menschlicher Sprache nicht so einfach ausdrücken lassen. So werde ich denn auch alle diese Gefühle unseres Helden nicht weiter auszudrücken versuchen, sondern nur das Wesen dieser Gefühle so gut ich es kann wiedergeben, sagen wir, nur das, was in ihnen das Notwendigste und Wahrscheinlichste war, denn viele unserer Empfindungen würden, in die menschliche Sprache übersetzt, vollkommen unwahrscheinlich sein. Das ist ja der Grund, warum sie niemand hört, obgleich sie doch ein jeder hat. Natürlich waren die Empfindungen und Gedanken Pralinskis ein wenig zusammenhanglos, doch wir wissen ja, warum sie es waren.
„Da reden wir nun und reden,“ zuckte es ihm durch den Kopf, „kommt es aber zum Handeln – so tun wir doch nichts. Da haben wir jetzt ein Beispiel, nehmen wir meinetwegen diesen Pseldonimoff: er ist heute erregt aus der Kirche heimgekehrt, hoffnungsfroh, freudig ... Dieser Tag ist einer der seligsten seines Lebens ... Jetzt hat er mit den Gästen zu tun, gibt ein Fest – ist bescheiden und arm, aber doch heiter, froh, aufrichtig ... Wie, wenn er jetzt erfahren würde, daß in diesem Augenblick ich, ich, sein Vorgesetzter, sein höchster Vorgesetzter, Exzellenz Pralinski, hier vor seinem Hause stehe und seiner Hochzeitsmusik zuhöre? Nein, tatsächlich, was würde dann mit ihm geschehn? Was würde er tun, wenn ich jetzt einfach den Entschluß fasse und bei ihm eintrete? Hm! ... zuerst würde er natürlich vor Schreck verstummen: Ich würde ihm seine Hochzeitsfeier verleiden, würde alles verderben ... Ja, das würde das Erscheinen jedes anderen so hohen Vorgesetzten zweifellos tun, nicht aber, wenn ich ... Das ist es ja, daß jeder andere stören würde, nur ich nicht ...
„Ja, ja, mein lieber Nikiforoff! Vorhin konnten sie mich nicht verstehn, da haben sie jetzt ein fertiges Beispiel.
„Hm – ja. Wir alle reden von Humanität, doch zu Heroismus, zu Heldentaten sind wir noch immer nicht fähig.
„Was für eine Heldentat? Nun, urteilen Sie doch selbst: bei der jetzigen Gesellschaftseinteilung soll ich, ich um zwölf Uhr nachts zu meinem Registrator, der sich nur auf zehn Rubel monatlich steht, gehn! – Das ist doch Wahnsinn, ist doch Rotation aller Kulturideen, Sodoms Ende und Pompejis Untergang! Das würde niemand verstehn. Nikiforoff wird sterben, ohne das zu begreifen. Er sagte ja doch: wir werden es nicht aushalten. Ja, aber diese ‚wir‘ sind Sie, meine Herren, nicht ich; das sind Leute der Lähmung und Stagnation, ich aber, ich werde es aushalten! Ich werde den letzten Tag Pompejis in den schönsten Freudentag meines Untergebenen verwandeln und dieser unerhörte Schritt wird eine normale, patriarchalische, hohe und moralische Handlung werden. Wie das? So. Bitte aufzumerken ...
„Nun, nehmen wir an ... ich trete ein: sie sind erstaunt, erschrocken, unterbrechen den Tanz, blicken sich scheu nach allen Seiten um, drängen sich vor mir zurück. Schön; da aber trete ich vor: ich gehe geradenwegs auf den entsetzten Pseldonimoff zu und sage ihm mit dem liebenswürdigsten Lächeln: so und so, war bei Seiner Exzellenz, Herrn Nikiforoff, hier in der Nähe .. Nun, und dann erzähle ich so in spaßiger Art und Weise mein Pech mit diesem Trifon und gehe dann darauf über, wie es kam, daß ich zu Fuß ging ... Nun, und da hörte ich denn plötzlich Musik, erkundige mich beim Schutzmann und erfahre, daß Sie, mein Lieber, heute Ihre Hochzeit feiern. Ach, denke ich, da mußt Du doch hingehen, mußt doch einmal sehn, wie Deine Beamten sich amüsieren und ... heiraten. Ich hoffe, Sie werden mich nicht vor die Tür setzen! – Haha, vor die Tür setzen! Das einem Untergebenen! Ich glaube, er wird den Verstand verlieren, wird Hals über Kopf alle Sessel zusammenschleppen, um mir eine Sitzgelegenheit zu bieten, wird vor Entzücken erbeben, wird sich überhaupt nicht besinnen können! ...
„Nun, was kann es Einfacheres, Vornehmeres als solch eine Handlung geben! Warum ich eingetreten bin? Das ist eine andere Frage! Das ist die moralische Seite der Sache ...
„Hm ... Woran dachte ich eigentlich? Ach so!
„Natürlich werden sie mich mit dem vornehmsten Gast zusammenbringen, mit irgend einem Titularrat oder Verwandten, einem abgesetzten Hauptmann mit einer verfänglich roten Nase ... Gogol hat sie doch prachtvoll geschildert, diese Originale! Nun, ich lerne natürlich die junge Frau kennen, lobe sie, ermuntere die Gäste, bitte sie, sich nicht stören zu lassen, den Tanz wieder aufzunehmen, mache Bonmots; mit einem Wort – bin bezaubernd liebenswürdig. Ich bin immer bezaubernd liebenswürdig, wenn ich mit mir zufrieden bin. Hm! ... das ist es ja, daß ich immer noch so ein wenig, natürlich nicht gerade betrunken, aber so ...
„... Versteht sich, als Gentleman stehe ich auf gleichem Fuß mit ihnen und verlange nicht im geringsten irgend welche ... Aber moralisch, moralisch – das ist eine andere Sache: sie werden es begreifen und würdigen ... Meine Handlung wird Edelmut in ihnen erwecken ... Und dann bleibe ich so eine halbe Stunde .. Meinetwegen auch eine Stunde. Gehe selbstverständlich kurz vor dem Essen; sie werden natürlich alles mögliche zusammenbraten, mich himmelhoch zu bleiben bitten, ich aber erhebe nur meinen Pokal, spreche meinen Glückwunsch aus und danke für das Essen. Sage einfach – die Arbeit drängt. Dieses Wort wird genügen: sofort werden sie ehrerbietig-ernste Gesichter machen. Und damit gebe ich zu gleicher Zeit in delikater Weise zu verstehn, daß ich und sie – zwei verschiedene Dinge sind. Himmel und Erde. Ich meine, ich sage das nicht, um ... aber man muß doch ... im moralischen Sinn ist es sogar unbedingt nötig, was man auch einwenden mag. Übrigens kann ich ja sofort wieder lächeln, kann sogar lachen, und alle werden sie wieder Mut fassen ... Scherze noch ein wenig mit der Jungen; hm! ... ich könnte ja sogar andeuten, daß ich nach einer bestimmten Anzahl Monate wiederkommen würde als Taufpate, he–he! Sie wird sich dann bestimmt bemühen, pünktlich zum Termin einen kleinen Pseldonimoff auf die Welt zu setzen. Vermehren sich ja wie die Kaninchen. Nun, man wird natürlich lachen, sie wird feuerrot, gefühlvoll küsse ich sie dann auf die Stirn, segne sie womöglich noch ... und morgen kennt dann die ganze Kanzlei meine Heldentat. Am nächsten Tage bin ich wieder streng, anspruchsvoll, sogar unerbittlich, doch alle wissen dann bereits, wer ich bin. Kennen mein Innerstes, mein geheimstes Wesen: ‚Als Vorgesetzter ist er streng, doch als Mensch ist er – ein Engel!‘ Und da habe ich denn gesiegt; habe mit einer einzigen kleinen Handlung alle Herzen erobert: sie gehören mir; ich bin ihr Vater, sie sind meine Kinder ... Nun, Exzellenz Stepan Nikiforowitsch, versuchen Sie doch einmal, etwas Ähnliches zu machen ...
„... Ja, wissen Sie auch, begreifen Sie auch, daß Pseldonimoff seinen Kindern und Kindeskindern erzählen wird, wie seine Exzellenz in eigener Person auf seiner Hochzeit erschienen ist! Und die werden es noch ihren Enkeln als heiligste Familiengeschichte erzählen, wie der Würdenträger, der große Staatsmann – der ich dann bestimmt schon sein werde – sie einst der Ehre gewürdigt u. s. w., u. s. w. Aber das wäre ja doch einen Erniedrigten moralisch erheben, ihn sich selbst wiedergeben! ... Er bekommt ja nur zehn Rubel monatlich! ... Sollte ich etwas Ähnliches fünfmal wiederholen, so bin ich ja populär, ohne ... Werde in allen Herzen eingeschlossen sein und der Teufel weiß, was daraus noch alles in Zukunft entstehen kann, aus dieser Popularität! ...“
So, oder ungefähr so dachte Herr Pralinski. (Meine Herren, als ob der Mensch zuweilen wenig bei sich denkt, und besonders noch, wenn er in einer etwas exzentrischen Stimmung ist!). Diese Gedanken durchzuckten ihn vielleicht in kaum einer halben Minute, und natürlich würde er sich mit den Traumgebilden und der gedanklichen Beschämung Nikiforoffs zufrieden gegeben haben und würde weiter nach Haus und zu Bett gegangen sein – unter normalen Umständen. Doch der Jammer war bloß der, daß er in jenem Augenblick etwas exzentrisch war.
Wie vom Schicksal heraufbeschworen sah er plötzlich im entscheidenden Augenblick die zufriedenen Gesichter Nikiforoffs und Schipulenkos vor sich.
„Werden’s nicht aushalten!“ wiederholte Stepan Nikiforowitsch mit hochmütigem Lächeln.
„Hihihi!“ sekundierte Ssemjon Iwanowitsch mit seinem scheußlichen Gekicher.
„Das wollen wir mal sehn! Ich werde sofort beweisen, wie ich’s aushalte!“ sagte entschlossen Herr Pralinski und es stieg ihm sogar heiß zu Kopf.
Er verließ den Brettersteg und ging mit festen Schritten über die Straße auf das Haus seines Untergebenen, des Registrators Pseldonimoff zu.
* * * * *
Sein Stern riß ihn mit sich. Mutig schritt er durch die offene Hoftür, schob verächtlich mit dem Fuß einen kleinen, zottigen Spitz bei Seite, der ihm mehr anstandshalber als um der Sache willen mit heiserem Gekläff an die Beine fuhr. Auf den Brettern, die von der Hoftür bis zur Haustür führten, schritt er munter weiter und stieg dann die drei alten Holzstufen hinan, die unter einem kleinen Giebel einen Vorbau wie etwa ein Wächterhäuschen bildeten, und trat in einen erbärmlich kleinen Flur. Zwar brannte daselbst irgendwo in einer Ecke so etwas wie ein Licht oder eine bunte Laterne, doch hinderte das Herrn Pralinski nicht, so wie er war, in Galoschen, mit dem linken Fuß in eine Schüssel mit Gelée, die zum Kaltwerden herausgestellt worden war, hineinzutreten. Herr Pralinski beugte sich interessiert nieder, um den weichen Boden zu betrachten und erkannte mit Schrecken, was er angerichtet hatte; zu gleicher Zeit bemerkte er auch, daß neben ihm noch zwei Schalen mit irgend etwas Eßbarem, und zwei Formen mit einer süßen Speise, augenscheinlich mit Blanc-manger, standen. Das zerdrückte Gelée verwirrte ihn allerdings ein wenig und eine kurze Sekunde lang dachte er wohl, ob es nicht besser wäre, noch leise umzukehren und sich aus dem Staube zu machen. Doch gesinnungstüchtig wies er diesen Gedanken als niedrige Anwandlung weit von sich. Er überlegte, daß ihn doch niemand gesehn und man daher auch bestimmt nicht auf ihn verfallen würde, wischte schnell seine Galosche ab, um alle Spuren zu verstecken, tastete dann an der filzbeschlagenen Tür nach der Klinke, öffnete die Tür und trat in ein ganz kleines Vorzimmer. Die eine Hälfte desselben war mit Mänteln, Pelzjacken, Überziehern, Tüchern, Muffs und Galoschen total verbaut, in der anderen hatte man die Musikanten untergebracht: zwei Geigen, eine Flöte und ein Kontrabaß, im ganzen also vier Mann. Sie saßen um einen kleinen, ungestrichenen Holztisch, auf dem ein einziges Talglicht brannte, und fiedelten was das Zeug hielt die letzte Tour der Quadrille herunter. Durch die offene Tür konnte man im Saal die Tanzenden sehn, die sich in Staub-, Rauch- und Dunstwolken drehten. Es ging ausgelassen-lustig zu. Man hörte Gelächter, Schreie, Damengekreisch. Die Kavaliere stampften wie eine Eskadron Pferde, und aus dem ganzen Sodom klang das Kommando des Tanzordners, der, wie es schien, ein sehr freier Herr mit aufgeknöpftem Rock war: „^Avancez Messieurs, chaine de dames, balancez!^“ u. s. w., u. s. w. Herr Pralinski warf einigermaßen erregt seinen Pelz von den Schultern, schob die Galoschen ab, und trat mit der Mütze in der Hand in den sogenannten Saal. Übrigens hatte er schon aufgehört zu denken.
Im ersten Augenblick bemerkte ihn niemand: alle tanzten in wildem Galopp oder Walzer die Quadrille zu Ende. Pralinski stand wie betäubt und konnte in diesem Wirrwarr nichts unterscheiden. Helle Damenkleider, Frack- und Rockschöße, Herren mit einer Zigarette zwischen den Zähnen schwirrten vor seinen Augen, und zwischen ihnen irgend eine vorüberfliehende Dame, deren lange flatternde hellblaue Schärpe mit Fransen ihm über die Nase wischte. Ihr setzte in heller Begeisterung ein Student nach, der dabei den Eingetretenen unsanft stieß. Darauf drehte sich vor ihm irgend ein Offizier, der länger als eine Werst lang war. Irgend jemand rief vor Begeisterung mit ungewöhnlich hoher Stimme im gemeinsamen Vorüberfliegen: „E–e–ech Pseldonimuschka!“ Herrn Pralinski schien es, als klebten seine Sohlen am Fußboden: der war mit Wachs oder Stearin gebohnt. In dem Zimmer, das übrigens nicht klein war, tanzten etwa dreißig Menschen.
Doch nach einer Minute war die Quadrille beendet und fast im selben Augenblick geschah genau dasselbe, was sich Herr Pralinski schon auf dem Bretterstege gedacht hatte. Unter den Gästen, die noch nicht Atem geschöpft, noch nicht den Schweiß von den Gesichtern gewischt hatten, verbreitete sich plötzlich ein ganz ungewöhnliches Tuscheln. Aller Augen, alle Gesichter wandten sich erschrocken schnell auf den eingetretenen Gast. Und gleich darauf begann ein allgemeines Reculement, alle schoben sie sich wie die Krebse rückwärts. Die ihn noch nicht bemerkt hatten, wurden an den Kleidern gezupft und eines Besseren belehrt. Herr Pralinski stand immer noch in der Tür und wagte keinen Schritt vorzutreten, zwischen ihm aber und den Gästen wurde der freie Zwischenraum immer größer und größer und schließlich war das halbe Zimmer leer, abgesehen von den Zigarettenstummeln und Konfektpapierchen, die friedlich den Fußboden verzierten. Da löste sich plötzlich aus diesem enggepreßten Publikum schüchtern ein junger Mensch in einem Gehrock los und trat vor in den leeren Raum: er hatte strähniges blondes Haar und eine gebogene Nase. Er schob sich zaghaft näher, machte einen Bückling nach dem anderen und blickte dabei auf den unerwarteten Gast genau so wie ein Hund, der sich mit gesenkter Rute an seinen ihn rufenden Herrn heranschlängelt, um verdiente Schläge in Empfang zu nehmen.
„Guten Abend, Pseldonimoff, erkennen Sie mich?“ sagte Herr Pralinski und fühlte doch im selben Augenblick, daß er es furchtbar ungeschickt sagte und vielleicht eine unglaubliche Dummheit beging.
„Eu–eu–eure E–exzellenz!“ murmelte Pseldonimoff.
„Ach was, Exzellenz, – bin, mein Lieber, ganz zufällig bei Ihnen eingetreten, wie Sie es sich wahrscheinlich denken können ...“
Doch Pseldonimoff konnte augenscheinlich überhaupt nicht denken. Er stand mit weit aufgerissenen Augen vor seinem Vorgesetzten und nur das Entsetzen des totalen Nichtverstehenkönnens drückte sich auf seinem bleichen Gesichte aus.
„Ich nehme an, daß Sie mich doch nicht vor die Tür setzen werden ... Ob willkommen oder nicht, aber einen Gast muß man stets empfangen! ...“ fuhr Herr Pralinski fort, wobei er wieder fühlte, daß er sich bis zu unanständiger Schwäche verwirrt, daß er lächeln will und doch selbst das nicht mehr kann; daß die humoristische Erzählung vom Ausbleiben seines Trifon immer unmöglicher wird. Pseldonimoff aber verharrte wie zum Trotz in seiner Erstarrung und fuhr bewegungslos fort, ihn blödsinnig anzublicken. Pralinski durchzuckte es, er fühlte: „noch eine solche Minute und es geschieht etwas Unerhörtes!“
„Oder habe ich vielleicht gestört ... dann werde ich natürlich sofort ...“ sagte er halbmechanisch und an seinem rechten Mundwinkel erzitterte ein kleiner Nerv ...