Sämtliche Werke 20

Part 21

Chapter 213,704 wordsPublic domain

„Und was glauben Sie, Herr – der Mensch ging wirklich fort! Ich warte einen Tag, denke bei mir, er kommt am Abend – nein! Am zweiten Tag – wieder nicht, am dritten auch nicht. Die Sorge quälte mich, ich konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Er hatte mich ganz entwaffnet, dieser Mensch! Am vierten Tage ging ich in die Kneipen, um ihn zu suchen, frage überall nach ihm – nichts! Emeljanuschka ist verschwunden! Hast Deinen armen Kopf verloren, denke ich. Oder vielleicht liegst Du Trunkenboldchen irgendwo am Zaun wie verfaultes Holz? ... Halbtot kam ich zu Hause an. Am anderen Tage suchte ich ihn wieder und verwünschte mich selbst, weil ich solch einem dummen Menschen seinen freien Willen gelassen hatte. Endlich am fünften Tage, es war ein Feiertag – es tagte kaum – da knarrte die Tür. Und siehe, Emelja kam! Ganz blau, die Haare voller Schmutz, als ob er auf der Straße geschlafen hätte, und mager war er geworden wie ein Holzspan! Zieht seinen Mantel aus, setzt sich zu mir auf den Koffer und sieht mich an. Ich freute mich, ihn wiederzusehn, doch der alte Kummer kam, wenn auch nur auf einen kurzen Augenblick, noch stärker über mich. Denn es ist doch so, Herr, hätte ich solch eine Sünde begangen, so hätte ich eher wie ein Hund am Zaune krepieren wollen, als so wiederkommen! Aber Emelja kam zurück. Nun, natürlich ist es schwer, einen Menschen in solch einer Lage zu sehn. Ich streichelte und tröstete ihn: Emeljanuschka, sage ich, bin froh, daß Du wieder da bist! Wenn Du auch heute nicht gekommen wärst, so wäre ich Dich wieder in allen Kneipen suchen gegangen. Hast Du gegessen?“

„‚Ja, Astaphij Iwanytsch.‘

„Das wirst Du wohl kaum getan haben? Hör mal, Brüderchen, von gestern ist noch Kohlsuppe nachgeblieben; haben nicht gefastet, haben sogar Fleisch gehabt. Hier sind auch Zwiebeln mit Brot. Iß, sage ich Dir, iß zur Gesundheit.

„Gab ihm zu essen und da sah ich denn, daß der Mensch vielleicht drei Tage nichts gegessen hatte – solch einen Hunger hatte er.

„Wie freue ich mich über Dich, Lieberchen! Warte, ich laufe und hole Dir noch einen Liter Branntwein, damit Du Deine betrübte Seele vergessen kannst! Machen wir Schluß mit allem, was gewesen ist, genug damit, ich bin nicht mehr böse auf Dich, Emeljanuschka! Ich brachte ihm den Branntwein.

„Nun, Emeljan Iljitsch, trinken wir auf den Feiertag. Willst Du? Zur Gesundheit!

Gierig streckte er seine Hand darnach aus, schon wollte er zugreifen, doch plötzlich zögerte er einen Augenblick; dann griff er wieder zu und führte das Liter Branntwein an den Mund. Seine Hand zitterte dabei so, daß er den Branntwein verschüttete. Was sehe ich aber, – er stellt ihn doch wieder ohne zu trinken auf den Tisch zurück!

„Was ist Dir denn, Emeljanuschka?

„‚Nichts. Ich ... Astaphij Iwanytsch ...‘

„Wie, Du trinkst nicht?

„‚Ja, ich ... Astaphij Iwanytsch ... ich werde nicht mehr trinken ... Astaphij Iwanytsch ...‘

„Was, Du hast also ganz aufgehört zu trinken, Emeljanuschka, oder trinkst Du nur heute nicht?

„Er schwieg. Nach einiger Zeit stützt er seinen Kopf in beide Hände.

„Bist Du nicht am Ende krank, Emelja?

„‚Ja, so, fühle mich schlecht, Astaphij Iwanytsch.‘

„Ich legte ihn zu Bett. Es ging ihm wirklich schlecht. Der Kopf brannte, und Fieber schüttelte ihn. Den Tag über saß ich bei ihm. Zur Nacht wurde ihm noch schlechter. Ich tat in den Kwaß etwas Butter und Zwiebeln, bröckelte etwas Brot hinein.

„Nun, sage ich, iß die Brotsuppe, es wird Dir dann besser werden! ... Er schüttelt mit dem Kopf.

‚Nein,‘ sagt er, ‚heute werde ich nichts essen.‘

„Die Alte hat sich auch angestrengt für ihn; ich habe ihm Tee gemacht – hilft alles nichts, es geht ihm nicht besser. Nun, denke ich, jetzt wird’s schlimm! Am dritten Morgen ging ich zum Arzt. Der kam, sah ihn an und sagte: ‚Es lohnte sich nicht mehr, mich zu rufen. Man kann ihm ja Pulver geben ...‘ Nun, Pulver habe ich ihm nicht gegeben, dachte, der Arzt will ihn nur verwöhnen. Inzwischen kam aber schon der fünfte Tag.

„Er lag vor mir auf dem Bett, Herr. Ich saß auf dem Fenster, hielt gerade die Arbeit in der Hand. Die Alte heizte den Ofen. Wir schwiegen alle. Mir schmerzte das Herz zum Zerreißen, als ob ich meinen leiblichen Sohn verlor. Ich wußte, daß Emelja mich ansieht. Schon am Morgen bemerkte ich, daß er sich anstrengte, mir was zu sagen, es aber doch nicht wagte. Wie ich nun aufsehe, lag solche Trauer in seinen Augen. So wie er aber bemerkte, daß ich ihn ansah, wandte er gleich seinen Blick von mir ab.

„‚Astaphij Iwanytsch?‘

„Was, Emeljanuschka?

„‚Wie, wenn man, zum Beispiel, meinen Mantel auf dem Trödelmarkt verkaufen würde, wieviel würde, wieviel würde man für ihn geben, Astaphij Iwanytsch?‘

„Nun, wieviel würde man denn geben? Drei Rubelchen vielleicht, Emeljan Iljitsch.

„Versuch’s mal, bring ihn nur hin, dachte ich bei mir, nichts würde man Dir in Wirklichkeit dafür geben! Dich auslachen würde man, daß Du solch eine Sache verkaufen gehst. Sage ihm nur so zur Beruhigung, kenne doch den Menschen Gottes und seinen gutmütigen Charakter.

„‚Ja, ich denke auch, Astaphij Iwanytsch, daß man drei Rubel für ihn geben würde. Es ist doch eine Sache aus Tuch, Astaphij Iwanytsch.‘

„Ich weiß nicht, Emeljan Iljitsch, sage ich, wenn Du ihn hinbringen willst, dann mußt Du zuerst drei Rubel fragen.

„Emelja schwieg darauf eine Weile.

„‚Astaphij Iwanytsch?‘

„Was, Emeljanuschka?

„‚Verkaufen Sie den Mantel, wenn ich gestorben bin, beerdigen Sie mich nicht in ihm. Ich kann auch so liegen; er ist eine wertvolle Sache, Sie können ihn brauchen.‘

Das packte mich so, Herr, daß ich nichts mehr sagen konnte. Fühle nur, daß der Tod schon an sein Herz klopft. Wieder schwiegen wir alle. Eine Stunde verging so. Ich sehe heimlich zu ihm hinüber: immer sieht er mich noch an. So wie sich aber sein Blick mit dem meinen kreuzt, sieht er fort.

„Willst Du nicht vielleicht ein Schluckchen Wasser trinken, Emeljan Iljitsch?

„‚Geben Sie, Astaphij Iwanytsch.‘

„Ich gab ihm zu trinken. Er trank gierig. ‚Danke, sagt er, Astaphij Iwanytsch.‘

„Willst Du sonst noch was, Emeljanuschka?

„‚Nein, Astaphij Iwanytsch, ich habe nichts nötig, ich wollte nur ...‘

„Was?

„‚Davon ...‘

„Wovon, Emeljanuschka?

„‚Die Pumphosen ... Davon, daß ... ich hatte sie damals von Ihnen genommen, Astaphij Iwanytsch.‘

„Nun, sage ich, Gott wird Dir verzeihn, Du Armer, gehe in Frieden ... Mir selbst aber, Herr, blieb der Atem stehn. Die Tränen stürzten mir aus den Augen, mußte mich abwenden.

„‚Astaphij Iwanytsch ...‘

„Ich kehre mich um und sehe, Emelja will mir noch was sagen, er will sich mit aller Gewalt aufrichten, er bewegt die Lippen ... Plötzlich wird er ganz rot im Gesicht und sieht mich an ... Darauf wird er immer blasser und blasser, wirft den Kopf zurück, seufzt noch einmal tief auf ... und dann ging seine Seele zu Gott. -- -- --

Eine dumme Geschichte.

Diese dumme Geschichte datiert aus der Zeit, da die Wiedergeburt unseres lieben Vaterlandes zu neuem Leben und das Streben all seiner tapferen Söhne nach neuen Zielen mit einer so unbezwingbaren Macht und in so rührend-naiver Weise gerade erst begonnen hatte. An einem klaren, frostigen Winterabend – übrigens ging es schon auf zwölf – saßen in einem reich ausgestatteten, doch gemütlichen Kaminzimmer eines schönen zweistöckigen Hauses auf der „Petersburger Seite“ drei hochangesehene Herren beisammen, und sprachen ernst und wohlbedacht über ein ungemein wichtiges Thema. Alle drei hatten es schon bis zur Exzellenz gebracht. Sie saßen um einen runden Tisch in großen weichen Sesseln und schlürften während des Gesprächs hin und wieder behaglich aus ihren Champagnergläsern. Die Flasche stand vor ihnen mitten auf dem Tisch in einem silbernen Kühler. Der Hausherr, Geheimrat Stepan Nikiforowitsch Nikiforoff, ein alter Junggeselle von fünfundsechzig Jahren, hatte nämlich zur Einweihung seines neugekauften Hauses und zu gleicher Zeit auch zur Feier seines Geburtstages – den er sonst nie festlich zu begehen pflegte – seine Freunde zum Abend eingeladen. Übrigens war die Feier nicht Gott weiß wie großartig; wie gesagt, es waren nur zwei Herren zu Gaste, beides frühere Kollegen des Hausherrn: der Wirkliche Staatsrat Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko und der ebenfalls Wirkliche Staatsrat Iwan Iljitsch Pralinski. Sie waren gegen neun Uhr zum Tee gekommen, tranken jetzt Champagner und wußten beide, daß sie sich um punkt halb zwölf erheben und verabschieden mußten. Der Hausherr liebte Regelmäßigkeit. Bei der Gelegenheit zwei Worte über ihn: seine Karriere hatte er als kleiner unversorgter Beamter begonnen, hatte ruhig seine Karre fünfundvierzig Jahre lang gezogen, hatte genau gewußt, zu was er sich aufdienen würde, konnte es nicht leiden, „vom Himmel Sterne zu pflücken“, obgleich er ihrer schon zwei auf der Brust hatte, und liebte es ganz besonders nicht, in einerlei welch einer Angelegenheit, und wenn es auch die wichtigste gewesen wäre, seine persönliche Meinung zu äußern. Er war ein ehrlicher Mensch, d. h. er hatte keine Gelegenheit gehabt, irgend etwas besonders Unehrliches zu begehen; war unverheiratet, da er Egoist war; war keineswegs dumm, konnte es aber, wie gesagt, ganz und gar nicht leiden, seinen Verstand leuchten zu lassen; ganz besonders mißfielen ihm Unordnung und Begeisterung, da er letztere für moralische Unordnung hielt, und am Abend seines Lebens versenkte er sich vollständig in eine gewisse komfortable Behaglichkeit und systematische Einsamkeit. Wenn er auch selbst zuweilen bei besseren Leuten zu Besuch war, so war es ihm doch von Jugend auf unangenehm, Gäste auch bei sich zu empfangen, in der letzten Zeit aber begnügte er sich, wenn er nicht gerade Grande-patience legte, mit der Gesellschaft seiner Stutzuhr, deren eigensinnigem Ticken unter der Glasglocke auf dem Kamin er unerschütterlich ganze Abende lang zuhörte. Sein Äußeres war sehr anständig: glattrasiert, schien er etwas jünger, als er war, hielt sich gut, versprach noch lange zu leben und war stets vom Scheitel bis zur Sohle durchaus Gentleman. Zu arbeiten brauchte er nicht mehr; er bekleidete zwar noch einen Posten, doch hatte er dabei nur zu präsidieren und zu unterschreiben. Mit einem Wort, man hielt ihn für einen prachtvollen Menschen. Nur eine einzige Leidenschaft hatte dieser Mensch oder, sagen wir, einen einzigen heißen Wunsch: ein eigenes Haus zu besitzen, und zwar ein herrschaftliches, keine Mietskaserne. Endlich verwirklichte sich denn auch seine Sehnsucht: er fand schließlich ein Haus auf der „Petersburger Seite“, das allerdings vom Zentrum der Stadt etwas weit ablag, dafür jedoch sah es vornehm aus und hatte dazu noch einen Garten – und so kaufte er es denn. Ja, der neue Hausherr hielt es sogar für einen entschiedenen Vorzug, daß das Haus weiter lag: bei sich zu empfangen liebte er nicht, um aber andere zu besuchen oder in die Versammlungen zu fahren, dazu hatte er eine schöne Equipage von schokoladenbrauner Farbe, seinen Kutscher Michei und zwei kleine, doch starke und hübsche Pferdchen. Alles war durch vierzigjährige strenge Ökonomie erworben, so daß sein Herz sich beim Anblick seiner Habe freuen mußte. Das war auch der Grund, warum Stepan Nikiforowitsch Nikiforoff, nachdem er in sein neues Haus eingezogen war, sogar Gäste einlud und noch dazu sagte, daß er seinen Geburtstag feiern wollte, diesen Tag, den er sonst ängstlich sogar seinen besten Freunden verheimlicht hatte. Zudem gab es für diese Einladung noch einen besonderen Grund. Er bewohnte im Hause nur den oberen Stock, den unteren aber, der ganz so wie der obere gebaut war, hätte er gar zu gern vermietet. Nun hoffte Stepan Nikiforowitsch für diesen unteren Stock Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko zu gewinnen, und so brachte er denn an jenem Abend das Gespräch zweimal auf dieses Thema, ohne aber das gewünschte Ziel zu erreichen, denn Ssemjon Iwanowitsch schwieg hartnäckig über seine Pläne in Betreff eines etwaigen Wohnungswechsels. Dieser Schipulenko, der sich gleichfalls schon seit langer Zeit mühsam seinen Weg bahnte, war verheiratet, ein mürrischer Stubenhocker, im Hause ein Despot und diente mit großem Selbstbewußtsein. Auch er wußte genau, wie weit er es bringen würde, und noch besser, wie weit er es nicht bringen würde. Inzwischen saß er auf einem guten Posten und saß auf ihm sogar ungewöhnlich fest. Auf die neueingeführten Reformen blickte er allerdings nicht ohne Galle, regte sich aber ihretwegen doch nicht sonderlich auf: er war, wie gesagt, sehr selbstbewußt und hörte nicht ohne spöttische Bosheit der Schönrednerei Iwan Iljitsch Pralinskis zu, der über die neuen Themata nie genug reden konnte. Sie hatten alle etwas mehr als gewöhnlich getrunken, so daß denn auch der Hausherr sich zu einem kleinen Disput mit Herrn Pralinski über die neuen Ordnungen herabließ. Doch jetzt muß ich einige Worte auch über seine Exzellenz Herrn Pralinski sagen, um so mehr, als er der Held dieser Erzählung ist.

Der Wirkliche Staatsrat Iwan Iljitsch Pralinski erfreute sich im ganzen erst seit vier Monaten des schönen Titels „Exzellenz“, war also mit anderen Worten eine sehr junge Exzellenz. An Jahren war er gleichfalls noch sehr jung, höchstens dreiundvierzig, jedenfalls bestimmt nicht mehr, dem Ansehen nach aber schien er – und wollte er auch scheinen – noch viel jünger. Er war ein schöner Mann, hoch von Wuchs, elegant, doch nicht auffallend, sondern stets gesucht vornehm gekleidet, und verstand es vorzüglich, seinen bedeutenden Orden am Halse zu tragen; hatte es seit Kindesbeinen verstanden, vornehme Angewohnheiten anzunehmen, und träumte, da er noch unverheiratet war, von einer reichen und warum nicht gar aristokratischen Braut. Allerdings träumte er auch noch von manchem anderem, wenn er auch durchaus nicht so dumm war. Bisweilen konnte er sehr gesprächig sein und dann nahm er gern parlamentarische Posen an. Er stammte aus guter Familie; sein Vater war General gewesen und als Kind hatte man ihn in Sammet oder Batist gekleidet; in einer aristokratischen Anstalt war er darauf erzogen worden und wenn er sie auch nicht mit großen Kenntnissen verlassen hatte, so schien er im Dienst doch guten Erfolg zu haben, denn er brachte es in Bälde bis zur Exzellenz. Die Vorgesetzten hielten ihn für einen äußerst befähigten Menschen und setzten sogar große Hoffnungen auf ihn. Herr Nikiforoff aber, unter dem er fast bis zur Exzellenz gearbeitet hatte, hielt ihn dagegen keineswegs für etwas Besonderes und setzte keine besonderen Hoffnungen auf ihn. Es gefiel Herrn Nikiforoff, daß Herr Pralinski guter Herkunft war, gute Einkünfte, d. h. ein großes Haus mit einem Verwalter hatte, nicht mit den letzten Leuten verwandt und schließlich gut angesehen war. Das hinderte jedoch nicht, daß er ihn im geheimen wegen Mangel an Einsicht und wegen großen Leichtsinns tadelte. Pralinski fühlte es zuweilen sogar selbst, daß er allzu viel Eigenliebe besaß und in diesem Punkte etwas sehr kitzlich war. Mitunter hatte er nämlich Anfälle geradezu krankhafter Gewissensbisse und sogar einer gewissen Reue in manchen Dingen. Dann gestand er sich mit heimlichem Kummer im Herzen, daß er durchaus kein so großes Tier war, wie er sich selbst glauben machen wollte. In solchen Augenblicken wurde er sogar ganz melancholisch; zwar geschah das gewöhnlich nur, wenn er Leibweh hatte; dann nannte er sein Leben ^une existence manquée^, hörte sogar auf, an seine parlamentarischen Fähigkeiten zu glauben, nannte sich einen Parleur, Phraseur, und obgleich das alles ihm natürlich viel Ehre machte, hinderte es ihn doch nicht, schon nach einer halben Stunde sein Haupt von neuem zu erheben und um so hartnäckiger, um so anmaßender sich zu versichern, daß er es noch verstehen würde, sich hervorzutun, und nicht nur ein hoher Würdenträger, sondern ein Staatsmann ersten Ranges zu werden, „den Rußland nimmer vergessen wird“. Ja, es kam dann so weit mit ihm, daß er sich schon in Bronze gegossen oder in Marmor gemeißelt auf einem Pralinskiplatz sah. Daraus ersieht man, daß er nach Großem strebte, wenn er auch diese Träume und Hoffnungen tief und fast ängstlich in seinem Innersten verbarg. Kurz, er war ein guter Mensch und in der Seele sogar ein Dichter. In den späteren Jahren suchten ihn die krankhaften Augenblicke der Verzweiflung immer häufiger heim. Er wurde ganz besonders reizbar und mißtrauisch und war schließlich bereit, jeden Widerspruch für eine Beleidigung zu halten. Doch da kam plötzlich das liberale Rußland und flößte ihm wieder große Hoffnungen ein. Und die „Exzellenz“ tat dann noch das ihrige hinzu. Er richtete sich auf; er warf den Kopf in den Nacken. Er redete plötzlich schön und viel, natürlich nur über die neuesten Themata, die er sich ungemein schnell und bis zur Leidenschaft angeeignet hatte. Er suchte Gelegenheiten zu reden, besuchte bekannte Persönlichkeiten und wurde denn auch bald als verzweifelter Liberaler bekannt, was ihm ungeheuer schmeichelte. An jenem Abend aber kam er nach dem vierten Glas ganz besonders in Schwung. Er wollte plötzlich den Hausherrn in allem bekehren. Er hatte ihn vorher lange nicht mehr gesehn, ihn immer sehr geachtet, und hatte sonst stets auf seinen Rat gehört. Plötzlich aber hielt er ihn für äußerst konservativ und griff ihn daher mit ungewöhnlichem Eifer an. Nikiforoff antwortete fast überhaupt nicht, sondern hörte ihm nur verschmitzt lächelnd zu, obgleich ihn das Thema interessierte. Pralinski dagegen ereiferte sich immer mehr und führte in der Hitze des vermeintlichen Disputs sein Glas weit häufiger als es sich gehörte an die Lippen. Da griff denn der Hausherr immer wieder zur Flasche, um das geleerte Glas zu füllen, was Herr Pralinski aus unbekannten Gründen plötzlich nicht gerade höflich fand, um so mehr, als Ssemjon Iwanowitsch Schipulenko, den er ganz besonders verachtete, und obendrein noch wegen seines Zynismus und seiner witzigen Bosheit fürchtete, an seiner Seite höchst verdächtig schwieg und gleichfalls häufiger als angebracht zu lächeln beliebte. „Ich glaube, sie halten mich für einen dummen Jungen,“ dachte er eine Sekunde lang.

„Nein,“ fuhr er darauf mit noch größerem Aplomb fort, „nein, es ist Zeit! Wir sind zu sehr zurückgeblieben und meiner Meinung nach ist Humanität die erste Bedingung, Humanität in der Behandlung der Untergebenen, denn, nicht zu vergessen, auch _sie_ sind Menschen! Humanität wird alles retten und alles auf den richtigen ...“

„Hihihihi!“ ertönte es da halblaut aus der Richtung Herrn Schipulenkos.

„Ja, aber mein Lieber, warum waschen Sie uns denn so den Kopf?“ fragte endlich der Hausherr mit liebenswürdigem Lächeln. „Ich muß gestehen, Iwan Iljitsch, es ist mir bis jetzt noch nicht klar geworden, was Sie uns eigentlich erklären wollen. Sie betonen immer die Humanität. Das bedeutet doch Menschlichkeit, nicht wahr?“

„Ja, schön, meinetwegen auch Menschlichkeit. Ich ...“

„Erlauben Sie! Soweit ich darüber urteilen kann, handelt es sich aber nicht nur darum. Menschlichkeit ist selbstverständlich. Die Reformen jedoch beschränken sich nicht nur auf das Moralische. Da haben wir jetzt die Bauernfragen, die Leibeigenschaft, die neuen Gesetze, die Rechte, die moralischen Fragen und ... und ... sie nehmen ja kein Ende, diese Fragen, und alle zusammen, alles zusammen kann plötzlich große, sagen wir, Erschütterungen verursachen. Das ist es, was wir befürchten, aber gegen die Humanität haben wir nichts einzuwenden ...“

„Tja, die Sache liegt etwas tiefer,“ meinte Herr Schipulenko trocken.

„Das verstehe ich sehr wohl, und erlauben Sie, Ssemjon Iwanowitsch, Ihnen zu bemerken, daß ich keineswegs glaube, Ihnen in der Tiefe der Auffassung dieser Sache nachzustehn,“ bemerkte gereizt und fast zu schroff Herr Pralinski, „einstweilen aber erlaube ich mir, auch Ihnen, Stepan Nikiforowitsch, zu bemerken, daß Sie mich gleichfalls durchaus nicht verstanden haben ...“

„Hab’s auch nicht.“

„Währenddessen aber halte ich mich an die Idee, die ich auch überall durchführe, daß Humanität, und besonders Humanität den Untergebenen gegenüber, vom Beamten bis zum Schreiber, vom Schreiber bis zum Hausknecht, vom Hausknecht bis zum Bauer, – daß die Humanität, sage ich, als, sagen wir, als Eckstein der bevorstehenden Reformen und überhaupt der Erneuerung der Dinge dienen kann. Warum? Das werde ich Ihnen sofort sagen. Nehmen wir einen Syllogismus: ich bin human, folglich liebt man mich. Liebt man mich, so hat man Zutrauen zu mir. Hat man Zutrauen zu mir, so glaubt man auch an mich; glaubt man an mich, so wird man mich folglich auch lieben ... das heißt, nein, ich will nur sagen, daß, wenn man an mich glaubt, man dann auch an die Reform glauben und begreifen wird, worin das Wesen der Sache besteht, sagen wir, sich moralisch umarmen und die ganze Sache freundschaftlich und gründlich machen wird. Worüber lachen Sie, Herr Schipulenko? Können Sie das nicht begreifen?“

Der Hausherr zog schweigend die Brauen in die Höh; er schien erstaunt zu sein.

„Ich glaube, ich habe etwas zu viel getrunken,“ meinte Herr Schipulenko nicht ohne bissigen Spott, „und bin daher wohl etwas schwerfällig im Begreifen. Die Spannkraft meines Gehirns hat, glaub ich, etwas nachgelassen.“

Pralinski fühlte einen Stich im Herzen.

„Wir werden es nicht aushalten,“ sagte plötzlich der Hausherr nach kurzem Nachdenken.

„Wieso, wie meinen Sie das – nicht aushalten?“ erkundigte sich Herr Pralinski, den die plötzliche und kurze Bemerkung des Hausherrn wunderte.

„So. Ganz einfach, werden’s nicht aushalten.“ Augenscheinlich wollte er sich über seine Meinung nicht weitläufig verbreiten.

„Sie meinen das doch nicht etwa in Betreff des neuen Weines und der neuen Schläuche?“ fragte ironisch Pralinski. „Nun, für mich garantiere ich.“

Da schlug die Stutzuhr halb zwölf.

„Da sitzen wir und sitzen und gehn nicht fort,“ sagte sich langsam erhebend Herr Schipulenko. Herr Pralinski jedoch kam ihm zuvor, erhob sich elastisch aus dem niedrigen Sessel und nahm vom Kamin seine Zobelmütze. Er schien beleidigt zu sein.

„Und wie bleibt es denn damit, Ssemjon Iwanowitsch, mit der Wohnung?“ fragte noch einmal der Hausherr, als er die Gäste begleitete.

„Mit der Wohnung? Ich werde sehn, ich werde sehn.“

„Jedenfalls benachrichtigen Sie mich bald.“

„Immer von Geschäften die Rede?“ erkundigte sich liebenswürdig Herr Pralinski. Seine Stimme klang wieder recht versöhnlich. Er wartete auf eine Antwort und spielte mit seiner Mütze. Es schien ihm, daß man ihn nicht sonderlich beachtete.

Der Hausherr zog wieder die Brauen in die Höh und schwieg zum Zeichen dessen, daß er die Gäste nicht aufhalten wollte. Herr Schipulenko verabschiedete sich denn auch eiligst.

„Ah ... so ... nun, wie Ihr wollt ... wenn Ihr nicht einmal eine einfache Liebenswürdigkeit versteht ...“ dachte Herr Pralinski bei sich und streckte seine Hand möglichst unabhängig dem Hausherrn entgegen.

Im Vorzimmer hüllte sich Herr Pralinski in seinen leichten teuren Pelz und bemühte sich aus irgend einem Grunde, den vertragenen Waschbär Herrn Schipulenkos nicht zu bemerken.

„Unser Alter scheint irgend etwas übelgenommen zu haben,“ sagte, als sie die Treppe hinabstiegen, Herr Pralinski zu Herrn Schipulenko.

„Wieso das? Ich glaube nicht,“ meinte ruhig und kühl der andere.

„Borniert!“ dachte bei sich Pralinski von seinem Begleiter.

Sie traten auf die Straße. Schipulenkos Schlitten fuhr vor. Sein Hengst war gerade nicht sehr schön.

„Teufel! Wo mag denn Trifon mit meinem Schlitten stecken!“ rief ungeduldig Herr Pralinski, da er sein Gefährt nicht erblicken konnte.

Hierhin, dorthin – der Schlitten war nicht zu sehn. Der Hausknecht konnte auch keine Auskunft geben. Da fragte man schließlich Warlam, den Kutscher Schipulenkos, und erfuhr von ihm, daß der andere die ganze Zeit gleichfalls gewartet habe, nun aber nicht mehr da sei, wie man ja sehen könne.

„Dumme Geschichte!“ meinte Herr Schipulenko. „Wollen Sie – ich bringe Sie nach Haus?“