Sämtliche Werke 20

Part 25

Chapter 253,656 wordsPublic domain

„Die Wahrheit, die heilige Wahrheit vor allen anderen Dingen und die Aufrichtigkeit! Das ist’s: mit Aufrichtigkeit werde ich sie nehmen. Sie werden mir sofort Glauben schenken, ich sehe es schon kommen. Jetzt blicken sie noch feindselig, wenn ich ihnen aber alles sage, werde ich sie alle besiegen. Sie werden ihre Gläser füllen und sie mit einem Hoch auf mich austrinken. Der Offizier wird sein Glas natürlich an seinem Sporn zerschlagen. Sie könnten meinetwegen sogar Hurra schreien. Ja, selbst wenn sie mich auf Husarenart aufheben wollen, werde ich es ihnen nicht verbieten; es würde sich sogar sehr gut machen. Die Junge küsse ich dann auf die Stirn; sie ist doch wirklich ganz nett. Dieser Subikoff ist auch ein guter Mensch. Pseldonimoff wird sich mit der Zeit natürlich bessern. Ihm fehlt noch, wie man sagt, der gesellschaftliche Schliff. ... Und obgleich der ganzen neuen Generation diese gewisse Herzensvornehmheit abgeht, so ... aber ich werde von der gegenwärtigen Bedeutung Rußlands unter den anderen Mächten reden. Werde auch die Bauernfrage erwähnen, ja, und ... und alle werden sie mich lieben und ich werde als Sieger dieses Haus verlassen! ...“

Diese Gedanken waren natürlich sehr angenehm, aber unangenehm war nur, daß er plötzlich zwischen all diesen rosaroten Hoffnungen ganz unerwartet eine neue Eigenschaft an sich entdeckte, nämlich: unbewußt zu spucken. Wenigstens sah er, wenn er sprach, daß sein Speichel ganz gegen seinen Willen nur so spritzte. Zum ersten Mal bemerkte er es im Gespräch mit Subikoff, dem er plötzlich die Wange total bespritzte und der vor lauter Ehrfurcht nicht wagte, sie sich abzuwischen. Da nahm denn Exzellenz seine Serviette und wischte ihm selbst die Wange ab. Doch im selben Augenblick schien ihm was er tat dermaßen ungereimt, dermaßen gegen alle gesunde Vernunft, daß er verstummte und aus einer Verwunderung in die andere geriet. Subikoff saß wie abgebrüht auf seinem Stuhl. Da erinnerte sich Herr Pralinski, daß er schon seit einer Viertelstunde über ein äußerst interessantes Thema zu ihm sprach, dieser Subikoff aber, wenn er auch zuhörte, doch verlegen zu sein schien oder gar sich vor irgend etwas fürchtete. Pseldonimoff, der einen Stuhl weiter von ihm saß, streckte gleichfalls seinen langen Hals näher zu ihm und hörte mit dem allerunangenehmsten Gesichtsausdruck zu. Nein, es hatte wirklich den Anschein, als fühlte sich sein Registrator verpflichtet, auf ihn acht zu geben. Er überflog die Gäste mit seinem Blick und bemerkte, daß viele ihn ansahen und auslachten. Das Sonderbare war dabei nur, daß es ihn nicht im geringsten verwirrte; er tat noch einen Schluck aus seinem Glase und hob plötzlich laut zu sprechen an:

„Ich habe schon einmal gesagt,“ begann er möglichst laut, „meine Damen und Herren, ich habe schon einmal gesagt, und soeben habe ich es auch Akim Petrowitsch gesagt, daß Rußland ... ja, gerade Rußland ... mit einem Wort, Sie verstehen, was ich sa-sa-sagen will ... Rußland durchlebt jetzt, wenigstens meiner festen Überzeugung nach, eine Epoche der Hu-hu-manität ...“

„Hu-hu-humanität!“ tönte es vom anderen Tischende zurück.

„Huhuhuu!“

„Tututuu!“

Exzellenz verstummte. Pseldonimoff erhob sich und blickte streng hinüber: er wollte wissen, wer es geschrieen hatte. Subikoff schüttelte gleichsam heimlich ein wenig den Kopf, als ob er die Gäste warnen wollte. Exzellenz bemerkte es wohl, schwieg aber unter seinen Qualen.

„Humanität!“ fuhr er hartnäckig fort, „und vorhin, gerade vorhin sagte ich Stepan Niki–ki–fo–rowitsch ... ja, ... daß ... daß die Erneuerung, wie man sagt, der ...“

„Exzellenz!“ ertönte es laut am anderen Tischende.

„Wie beliebt?“ fragte der unterbrochene Redner, bemüht den Schreier zu entdecken.

„Nichts, Exzellenz, ich meinte nur so. Fahren Sie fort! Fah–ren–Sie–fort!“ ertönte von neuem dieselbe Stimme.

Herr Pralinski fühlte sich gekränkt, aber doch nicht allzu sehr.

„Die Erneuerung, wie man sagt, dieser selben ...“

„Exzellenz!“ rief die Stimme von neuem.

„Was wollen Sie?“

„Leben Sie hoch!“

Da hielt es Herr Pralinski nicht mehr aus. Er verstummte und wandte sich mit strenger Miene an den Friedensstörer und Beleidiger. Es war ein junger Gymnasiast, der viel getrunken hatte und große Befürchtungen erregte. Er hatte schon ein Glas und zwei Teller zerschlagen, unter dem Vorwande, daß man es auf einer Hochzeit so tun müsse. Als Herr Pralinski sich an ihn wandte, wies ihn der Offizier streng zur Ruhe.

„Was fehlt Dir eigentlich? Warum brüllst Du? Wenn Du nicht schweigst, werde ich Dich vor die Tür setzen!“

„Nicht von Ihnen, Exzellenz, nicht von Ihnen ist hier die Rede! Fahren Sie fort!“ schrie der heitere Schuljunge, auf seinem Stuhl in ungenierter Pose zurückgelehnt. „Fahren Sie fort, ich höre zu und bin mit Ihnen sehr zufrieden! Großartig, groß–artig!“

„Ein betrunkener Schulbub!“ raunte Pseldonimoff seinem Vorgesetzten zu.

„Das sehe ich, aber ...“

„Ich habe ihm vorhin eine Geschichte erzählt, Exzellenz,“ begann der Offizier, „von einem Leutnant unseres Regiments, der genau so mit seinem Vorgesetzten sprach; und jetzt kopiert er ihn. Zu allem, was sein Regimentschef sprach, sagte er: ‚groß–artig, groß–artig!‘ Dafür wurde er denn vor zehn Jahren aus dem Dienst entlassen.“

„Wa–wa–was ist denn das für ein Leutnant?“

„Ein Leutnant unseres Regiments, Exzellenz. Er war auf dem ‚groß–artig‘ einfach übergeschnappt. Zuerst bekam er Hausarrest, dann Verweise und dann Karzer ... Der Regimentschef redete ihm wie ein Vater zu, er aber sagt ihm: ‚groß–artig, groß–artig!‘ Und sonderbar: er war wirklich ein mutiger Offizier. Man wollte ihn schließlich vor’s Gericht stellen, aber da stellte es sich von selbst heraus, daß er irrsinnig war ...“

„Das bedeutet also ... ein Schuljunge. Für Schuljungenstreiche braucht man auch nicht so streng ... Ich bin meinerseits bereit, zu verzeihen ...“

„... was die Ärzte auch sofort bestätigten.“

„A–ber er war doch ganz lebendig? Wie, wie konnte man ihn denn anatomieren?“

Eine laute Lachsalve erhob sich. Das hatten sich die Gäste bis dahin denn doch noch nicht erlaubt! Exzellenz wurde wild.

„Meine Herren! Meine Damen und Herren!“ rief er, ohne auch nur ein einziges Mal zu stottern. – „ich weiß es sehr gut, daß man einen lebendigen Menschen nicht anatomieren kann. Ich nahm, wie gesagt, nur an, daß er im Wahnsinn nicht mehr lebendig war ... das heißt, schon gestorben war ... das heißt, ich meine nur ... daß Sie mich nicht lieben ... Ich aber liebe Sie alle ... ja, und ich liebe auch Dich, Por... Porfirij ... Ich erniedrige mich, wenn ich so spreche ...“

In dem Augenblick spritzte aber wieder Speichel von seinen Lippen und flog auf das Tischtuch – gerade auf die sichtbarste Stelle. Pseldonimoff stürzte sofort herbei, um abzuwischen. Dieses letzte Unglück vernichtete seine Exzellenz vollständig.

„Nein, das ist zu viel!“ rief er verzweifelt.

„Nur ein betrunkener Schuljunge, Exzellenz!“ flüsterte ihm wieder Pseldonimoff zu.

„Porfirij! Ich sehe, daß Ihr ... alle ... alle ... ja! Ich sage, daß ich hoffe ... ja, ich fordere alle auf, zu sagen: wodurch habe ich mich erniedrigt?“

Exzellenz war dem Weinen nahe.

„Aber Exzellenz! Wie kommen Exzellenz auf so etwas!“

„Porfirij, ich wende mich an Dich. – Sage, warum ich gekommen bin ... ja ... ja, auf die Hochzeit, ich hatte doch ein Ziel! Ich wollte moralisch erheben ... ich wollte, daß man fühlt ... Ich wende mich an alle: verehrte Anwesende! Bin ich in Ihren Augen sehr gesunken oder nicht?“

Grabesschweigen. Aber das war ja das Unglück, daß auf seine kategorische Frage nur allgemeines Schweigen die Antwort war. „Was würde es sie kosten, jetzt hurra zu schreien!“ zuckte es Exzellenz durch den Kopf. Aber die Gäste tauschten nur stumm vielsagende Blicke untereinander aus. Subikoff war weder tot noch lebendig und klammerte sich nur krampfhaft an seinen Stuhl; Pseldonimoff stellte sich, stumm vor Schreck, immer wieder die furchtbare Frage:

„Was wird mit mir dafür morgen geschehn?“

Plötzlich wandte sich der Mitarbeiter des „Feuerbrand“, der schon längst betrunken war, doch bis dahin in finsterem Schweigen vor sich hin gebrütet hatte, direkt an seine Exzellenz und antwortete im Namen der ganzen Gesellschaft:

„Ja!“ rief er mit lauter Stimme und seine Augen glänzten. „Ja! Sie haben sich erniedrigt, Sie sind ein ... Reaktionär!“

„Junger Mann, besinnen Sie sich! Mit wem Sie, wie man sagt, sprechen!“ rief heftig Herr Pralinski und sprang wieder von seinem Platz auf.

„Mit Ihnen, und zweitens bin ich kein ‚junger Mann‘ ... Sie sind hergekommen, um hier eine schöne Rolle zu spielen, um populär zu werden.“

„Pseldonimoff, was bedeutet das!“ schrie Exzellenz außer sich.

Pseldonimoff sprang in solch einem Entsetzen auf, daß er zuerst steif und betäubt stehen blieb, und nicht wußte, was er tun sollte. Die Gäste verstummten gleichfalls auf ihren Plätzen. Der freie Künstler und der Schüler klatschten Beifall und schrien „bravo, bravo!“

Der Mitarbeiter aber fuhr in unbändigem Eifer fort zu schreien:

„Ja, Sie sind hergekommen, um Ihre Humanität zu beweisen! Sie haben das allgemeine Vergnügen gestört! Sie haben Champagner getrunken und nicht bedacht, daß Champagner viel zu teuer ist für einen Beamten, der zehn Rubel monatlich erhält, und ich vermute sogar, daß Sie zu jenen Vorgesetzten gehören, die auf die jungen Frauen ihrer Untergebenen geschliffen sind! Ja, und ich bin sogar überzeugt, daß Sie Schmiergelder nehmen ... Ja, ja, ja!“

„Pseldonimoff, Pseldonimoff!“ rief Exzellenz und streckte in der Verzweiflung die Arme nach ihm aus. Er fühlte, daß jedes Wort des Mitarbeiters ein neuer Dolchstich für sein Herz war.

„Sofort, Exzellenz, beunruhigen Sie sich nicht!“ rief energisch der wieder zu sich gekommene Pseldonimoff, lief zum Mitarbeiter, packte ihn am Kragen und schleifte ihn hinaus. Solch eine physische Kraft hätte niemand von dem schwächlichen Pseldonimoff erwartet. Der Mitarbeiter war aber sehr betrunken und Pseldonimoff vollkommen nüchtern. Darauf gab er ihm noch einige Rippenstöße und schloß dann die Tür hinter ihm zu.

„Alle seid Ihr Schufte!“ schrie der Mitarbeiter hinter der Tür. „Ich werde Euch morgen alle im ‚Feuerbrand‘ karrikieren! ...“

Erregt sprangen sofort alle auf.

„Exzellenz, Exzellenz!“ riefen Pseldonimoff, seine Mutter und noch einige Gäste, die sich um den Ehrengast drängten, „Exzellenz! Beruhigen Sie sich!“

„Nein, nein!“ rief Exzellenz, „ich bin vernichtet ... Ich kam ... ich wollte, sozusagen, taufen. Und das! Das habe ich dafür ... für alles, für alles! ...“

Er sank halb bewußtlos wieder auf seinen Stuhl, legte beide Arme auf den Tisch und beugte seinen Kopf auf sie nieder – d. h. gerade auf seinen Teller mit Blanc-manger. Ich glaube, es ist überflüssig, das allgemeine Entsetzen zu beschreiben. Nach einer Minute erhob er sich wieder, augenscheinlich in der Absicht fortzugehn, wankte aber, stieß an einen Stuhlfuß und fiel der Länge nach platt hin.

Das geschieht zuweilen mit Nichttrinkern, wenn sie sich einmal zufällig angetrunken haben. Bis ins Kleinste, bis zum letzten Augenblick behalten sie ihr Bewußtsein, dann aber fallen sie plötzlich wie vom Blitz getroffen hin. Exzellenz lag vollkommen bewußtlos auf dem Boden. Pseldonimoff fuhr sich in die Haare und erstarrte in dieser Bewegung. Die Gäste beeilten sich, nach Haus zu gehn, und alle sprachen sie über das Vorgefallene. Es war schon gegen drei Uhr morgens.

* * * * *

Das wirklich Schlimme war nur, daß die Verhältnisse Pseldonimoffs viel schlechter waren, als man es sich damals hätte denken können, ganz abgesehen selbst von der Peinlichkeit seiner Lage am Hochzeitstage.

Noch vor einem Monat hatte er im aussichtslosesten Elend gelebt. Er stammte aus der Provinz, wo sein Vater Beamter gewesen war. Fünf Monate vor seiner Heirat, nachdem er sich ein ganzes Jahr lang vorher brotlos in Petersburg herumgetrieben, hatte er schließlich diese Stelle von zehn Rubel monatlich erhalten. Er wäre körperlich und geistig wiedererstanden, wenn sich nicht bald darauf seine Verhältnisse wieder verschlimmert hätten. Auf der Welt gab es im ganzen nur zwei Pseldonimoffs, ihn und seine Mutter, die nach dem Tode ihres Mannes die Provinz verlassen hatte. Mutter und Sohn waren beide obdachlos, und wären in der Kälte beinahe elend umgekommen: sie nährten sich nur von zweifelhaften Dingen. Auch gab es Tage, an denen Pseldonimoff selbst mit einem Krug zur Fontanka ging, um mit dem schmutzigen Flußwasser seinen Durst zu stillen. Als er die Stelle erhalten hatte, mietete er mit seiner Mutter einen Winkel. Sie wurde Wäscherin und er sparte drei, vier Monate, bis er sich ein Paar Stiefel und einen Paletot kaufen konnte. Und wieviel Unangenehmes mußte er in der Kanzlei erdulden: Vorgesetzte erkundigten sich bei ihm, ob er auch eine Badstube kannte? Über ihn verbreitete sich das Gerücht, daß im Kragen seiner Uniform sich Wanzen Nester bauten. Aber Pseldonimoff hatte einen festen Charakter. Er war ein friedlicher und stiller Mensch; seine Bildung war nur sehr gering, und sprechen hörte man ihn fast nie. Daher konnte man auch nicht wissen, ob er dachte, ob er Pläne machte und Systeme baute oder sich nach irgendetwas sehnte. Zum Ersatz dafür hatte sich aber bei ihm instinktiv der feste Entschluß entwickelt, sich aus dieser schlechten Lage herauszuarbeiten. Er besaß eine wahrhaft ameisenhafte Zähigkeit: zerstört man den Ameisen ihr Nest, so fangen sie bekanntlich sofort an, sich ein neues zu bauen, zerstört man auch dieses, so bauen sie sich wieder ein neues, und so weiter unermüdlich. Er war ein aufbauender und häuslicher Charakter. Es stand auf seiner Stirn geschrieben, daß er sich doch sein Nest bauen und vielleicht noch Vorräte ansammeln würde. Auf der ganzen Welt liebte ihn nur seine Mutter, die aber liebte ihn bis zur Grenzenlosigkeit. Sie war gleichfalls eine Frau von Charakter, war unermüdlich arbeitsam und von großer Güte. So hätten sie in ihrem Winkel unter diesen Verhältnissen vielleicht noch fünf oder sechs Jahre gelebt, wenn sie nicht mit dem Titularrat außer Diensten, dem alten Mlekopitajeff zusammengetroffen wären, der auch früher einmal in der Provinz gelebt und sich erst in letzter Zeit mit seiner Familie in Petersburg niedergelassen hatte. Mit Pseldonimoff war er bekannt und seinem Vater sogar einmal verpflichtet gewesen. Er war bemittelt, allerdings nicht sehr, wieviel er aber in Wirklichkeit besaß, das wußte Niemand, weder seine Frau, noch seine Tochter, noch sonst seine Verwandten. Er hatte zwei Töchter und da er ein eingebildeter Trunkenbold, ein Haustyrann und außerdem noch ein kranker Mensch war, so fiel es ihm plötzlich ein, die eine Tochter mit Pseldonimoff zu verheiraten: „Ich kenne ihn, sein Vater war ein guter Mensch, also wird auch er ein guter Mensch sein.“ Und was Mlekopitajeff wollte, das führte er auch durch: gesagt – getan. Er war ein sonderbarer Kauz. Den größten Teil seines Lebens brachte er im Lehnstuhl zu, da er sich infolge einer Krankheit seiner Beine kaum bedienen konnte, was ihn indessen nicht hinderte, Schnaps zu trinken. Tagelang konnte er trinken und – schimpfen. Da er ein boshafter Mensch war, so mußte er immer irgend jemanden haben, den er ununterbrochen quälen konnte. Zu diesem Zweck unterhielt er bei sich einige entferntere Verwandte: seine Schwester, die ebenfalls krank und zänkisch war, zwei Schwestern seiner Frau, die der seinen in nichts nachstanden, und eine alte Tante, die sich bei irgendeiner Gelegenheit einmal eine Rippe gebrochen hatte. Dann gab es dort noch eine verrußte Deutsche, die er gleichfalls unentgeltlich bei sich hielt, weil sie ihm so schöne Märchen „aus Tausend und einer Nacht“ zu erzählen wußte. Sein ganzes Vermögen bestand darin, diese unglücklichen freien Kostgänger jeden Augenblick und bei jeder Gelegenheit zu schimpfen und aufzusticheln, seine Frau übrigens nicht ausgenommen, – ein Wesen, das mit Zahnschmerzen bereits auf die Welt gekommen war –, und sie alle wagten ihm nicht ein Wort zu erwidern. Er hetzte sie auch gegeneinander auf, erfand und verbreitete unter ihnen Klatschgeschichten und lachte und freute sich dann, wenn sie sich gegenseitig beinahe in die Haare gerieten. Ebenso freute er sich sehr, als seine älteste Tochter, die mit einem armen Offizier verheiratet gewesen war und zehn Jahre in der größten Armut gelebt hatte, jetzt als Witwe mit drei kleinen Kindern zu ihm übersiedelte. Ihre Kinder konnte er zwar nicht leiden, da sich aber dadurch das Material zu seinen täglichen Experimenten vergrößerte, so war der Alte schließlich doch ganz zufrieden damit. Diese Sammlung böser Weiber und kranker Kinder lebte samt ihrem Peiniger zusammen gedrängt in dem Holzhause auf der Petersburger Seite, konnte sich weder sattessen, denn der Alte war geizig und gab nur kopekenweise das Geld her, obgleich er sonst zum Schnaps immer genügend Geld hatte, noch sich ausschlafen, denn der Greis litt an Schlaflosigkeit und wollte unterhalten und zerstreut werden. Kurz, alle verwünschten sie ihr Schicksal. Und da war es denn, daß ihm plötzlich Pseldonimoff auffiel. Er war erstaunt über dessen lange Nase und ergebenen Gesichtsausdruck. Seine kränkliche und unansehnliche jüngere Tochter erreichte gerade das Alter von siebzehn Jahren. Wenn sie auch früher einmal so etwas wie eine deutsche Schule besucht hatte, so hatte sie es doch nicht weiter als bis zum Lesen und Schreiben gebracht. Sie wuchs auf, mager und skrophulös, unter dem Krückstock eines betrunkenen Vaters, in einem Sodom von häuslichen Klatschereien, Spionage und Verleumdungen. Freundinnen hatte sie niemals gehabt. Sie war zu allem zu dumm. Heiraten wollte sie aber schon längst. In Gegenwart von fremden Menschen sprach sie kein Wort, zu Hause aber war sie böse und zänkisch wie eine kleine Viper. Besonders liebte sie die Kinder ihrer Schwester zu kneifen und zu stoßen, sie anzugeben, wenn sie Zucker oder Brot gestohlen hatten, weshalb denn zwischen ihr und der älteren Schwester ein ewiges unerbittliches Gezänk war. Der Alte selbst bot seine Tochter Pseldonimoff an. Wie sehr sich dieser darüber auch unglücklich fühlte, so bat er sich doch eine Bedenkzeit aus. Lange berieten Mutter und Sohn miteinander, was zu tun war. Aber das Haus wurde auf den Namen der Braut geschrieben und wenn es auch ein unansehnliches einstöckiges Holzhaus war, so hatte es doch immerhin einen Wert. Außerdem bekam sie auch noch vierhundert Rubel Mitgift, wie aber sollte man sich die je zusammensparen! „Ich nehme mir diesen Menschen in’s Haus,“ schrie der betrunkene Alte, „erstens weil ihr alle Weiber seid und das Weibspack allein langweilt mich. Ich will, daß auch Pseldonimoff nach meiner Flöte tanzt, weil ich sein Wohltäter bin. Zweitens, nehme ich ihn darum, weil Ihr ihn alle nicht wollt und Euch darüber ärgert. Und so nehme ich ihn denn Euch zum Trotz. Was ich aber gesagt habe, das werde ich auch ausführen. Du aber, Pseldonimoff, haue sie, wenn sie Deine Frau wird; ihr sitzen von Geburt an sieben Teufel im Leibe. Jage sie alle hinaus!“

Pseldonimoff schwieg, er hatte sich entschlossen. Man nahm ihn und seine Mutter bereits vor der Hochzeit ins Haus, wusch und kleidete sie und gab ihnen Geld. Der Alte protegierte sie vielleicht nur darum, weil die ganze Familie sich über sie ärgerte. Pseldonimoffs Mutter gefiel ihm sogar sehr und er enthielt sich ihr gegenüber jeglicher Gemeinheiten. Übrigens, ihrem Sohn befahl er alsbald, vor ihm den Kasatschock zu tanzen. „Nun, genug, ich wollte nur sehn, ob Du Dich mir gegenüber vergessen wirst,“ sagte er, nachdem er sich am Tanzen sattgesehen hatte. Geld zur Hochzeit gab er wie es sich gehörte und er lud sogar alle seine Verwandten und Bekannten ein. Von Seiten Pseldonimoffs waren der Mitarbeiter des „Feuerbrandes“ und Akim Petrowitsch Subikoff die Ehrengäste. Pseldonimoff wußte es sehr gut, daß seine Braut für ihn nur Widerwillen empfand und daß sie den langen Leutnant heiraten wollte, nicht aber ihn. Er ließ jedoch alles über sich ergehn, – das hatte er mit der Mutter so verabredet. Den ganzen Tag über und selbst am Hochzeitsabend noch hatte der Alte mit den gemeinsten Worten geschimpft und wieder gehörig getrunken. Die ganze Familie hatte sich des Festes wegen in die hinteren Zimmer zurückgezogen, wo es bis zum Ersticken heiß und eng war. Die vorderen Zimmer dagegen waren zum Tanz und Festessen bestimmt. Endlich, als der Alte vollständig betrunken einschlief, ungefähr um elf Uhr Abends, entschloß sich die Mutter der Braut, die sich diesen Tag ganz besonders schlecht zur Mutter Pseldonimoffs verhalten hatte, den Ärger in Güte zu verwandeln und sich am Fest zu beteiligen. Das Erscheinen seiner Exzellenz verdarb aber alles. Frau Mlekopitajeff verlor die Fassung, fühlte sich beleidigt und schimpfte, warum man es ihr nicht gesagt, daß man seine Exzellenz eingeladen hatte. Man versicherte ihr, daß er von selbst, uneingeladen gekommen wäre – sie aber war so dumm, daß sie es nicht glauben wollte. Man mußte Champagner reichen. Bei der Mutter fand sich noch ein Rubel Silber, Pseldonimoff selbst aber hatte keine Kopeke mehr. Man mußte also die alte wütende Mlekopitajeff anflehen, Geld für die eine und dann noch für die zweite Flasche zu geben. Man hielt ihr die Zukunft, die Karriere ihres Schwiegersohnes vor, die man durch solche Verbindungen machen könnte und sie gab denn auch zu guter Letzt von ihrem eigenen Gelde, doch mußte Pseldonimoff einen so bitteren Kelch dabei leeren, daß er wie wahnsinnig ins Zimmer lief, wo das Ehebett schon bereitet war, und sich mit beiden Händen sein Haar raufte und seinen Kopf in die schönen Kissen preßte, die doch nur zu paradiesischen Genüssen bestimmt waren, und vor ohnmächtiger Wut am ganzen Körper zitterte. Ja, Exzellenz ahnte es nicht, was diese zwei Flaschen Sekt, die er am Abend getrunken, gekostet hatten! Wie groß aber war das Entsetzen Pseldonimoffs, sein Kummer und seine Verzweiflung, als es mit seiner Exzellenz auf solche Weise endete! Wieder standen ihm die größten Sorgen bevor und die ganze Nacht über mußte er den Tränen seiner kapriziösen jungen Frau und den Vorwürfen der dummen Verwandten Widerstand leisten. Ihn schmerzte schon sowieso der Kopf und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Aber man mußte doch seiner Exzellenz zu Hilfe eilen, mußte ihm doch um drei Uhr morgens einen Arzt und einen festen Wagen suchen, denn auf einem kleinen offenen Schlitten konnte man solch eine Persönlichkeit und in solch einem Zustande nicht nach Hause bringen. Und woher das Geld für den Wagen nehmen? Die Mlekopitajeff, die darüber wütend war, daß der „General“ ihr nicht ein Wort gesagt noch sie bei Tisch angesehen hatte, erklärte einfach, sie hätte keine Kopeke mehr. Vielleicht hatte sie auch wirklich keine mehr. Wo also sollte man das Geld hernehmen? Was sollte man machen? Ja, es war genug Grund vorhanden, sich die Haare zu raufen.

* * * * *

Vorläufig hob man seine Exzellenz auf ein kleines Ledersofa, das im Speisezimmer stand, und während man im Zimmer Ordnung schaffte und alles abräumte, lief Pseldonimoff vom Einen zum Andern, um Geld aufzutreiben. Zuerst versuchte er es bei der Magd, doch stellte es sich heraus, daß niemand welches hatte. Er wagte es sogar Akim Petrowitsch Subikoff, der noch nicht fortgegangen war, zu beunruhigen. Der aber geriet in solch eine Verwirrung, wenn er auch sonst ein guter Mensch war, und erschrak dermaßen, als von Geld die Rede war, daß er den unglaublichsten Unsinn zusammensprach:

„Ein anderes Mal werde ich mit Vergnügen,“ murmelte er, „... aber jetzt ... wirklich, entschuldigen Sie mich ...“