Part 18
Ich sah mir diesen Menschen näher an. Sogar in seinem Äußeren hatte er etwas so Besonderes, das einen unfreiwillig zwang, wie zerstreut man auch gewesen wäre, ihn sich näher anzusehn, um dann sofort von einem unüberwindlichen Lachkrampf befallen zu werden. So geschah es auch mit mir. Die Äuglein dieses kleinen Herrn waren so beweglich oder vielmehr er selbst war dem Magnetismus eines jeden auf ihn gerichteten Blickes dermaßen unterlegen, daß er instinktiv erriet, wann man ihn betrachtete, sich gleich nach seinem Beobachter umkehrte und unruhig dessen Blick zu analysieren begann. Durch seine ständige Beweglichkeit und sein ewiges hin und her ähnelte er tatsächlich auffallend einer kleinen Wetterfahne. Sonderbar! Wie es schien, fürchtete er, daß man über ihn lachen könnte, und doch verdiente er sich gerade damit sein Brot: er war Allerweltsnarr und ließ sich, je nachdem in welcher Gesellschaft er sich befand, im moralischen wie im physischen Sinne alles gefallen. Freiwillige Narren tun einem ja nicht leid. Aber ich bemerkte sofort, daß dieses sonderbare Geschöpf, dieser lächerliche Mensch kein Narr von Beruf war. In ihm steckte noch etwas Anständiges. Seine Unruhe, seine ewig krankhafte Angst vor der Lächerlichkeit sprachen zu seinen Gunsten. Mir schien es vielmehr, daß sein Wunsch, anderen zu Diensten zu sein, nur aus seinem guten Herzen entsprang, nicht aber aus Berechnung eines materiellen Vorteils etwa. Er erlaubte es mit Vergnügen, daß man über ihn aus vollem Halse und in der taktlosesten Weise lachte, zu gleicher Zeit aber – und ich könnte es schwören – schmerzte ihm sein Herz, und das Blut stieg ihm zu Kopf bei dem Gedanken, daß seine Zuhörer so gemein und herzlos sein konnten, nicht nur über seine Witzchen allein, sondern auch noch über ihn selbst, ja über seinen ganzen Menschen zu lachen. Ich bin überzeugt, daß er in diesen Minuten die ganze Dummheit seiner Lage fühlte; aber der Protest erstarb sofort in seiner Brust, um jeden Augenblick von neuem geboren zu werden. Wie gesagt, ich bin überzeugt, daß bei ihm alles nur vom guten Herzen kam und nicht aus Angst vor dem materiellen Schaden, sagen wir, etwa fortgejagt zu werden und hinfort kein Geld mehr gepumpt zu erhalten: dieser Herr borgte nämlich immer Geld, d. h., er bat in dieser Form Almosen, und wenn er genug Faxen gemacht und andere auf seine Rechnung belustigt hatte, glaubte er, sich teilweise diese Almosen verdient zu haben. Aber, mein Gott, was war das für ein Pumpen! Und auf welche Weise machte er diesen Pump! Man hätte es niemals voraussetzen können, daß auf einer so kleinen Oberfläche, wie es das runzelige, eckige Gesicht dieses Menschen war, zu ein und derselben Zeit, so viel verschiedenartige Grimassen, so viel sonderbare, charakteristische Ausdrücke und die Widerspiegelung soviel allerqualvollster Eindrücke Platz finden konnten.
Was war doch alles auf ihm zu erblicken, – Scham und erlogene Frechheit, Ärger, Bangen vor dem Mißerfolg, die Bitte um Verzeihung, daß er es wagte, einen zu belästigen, das Bewußtsein des eigenen Wertes und wiederum das vollkommene Bewußtsein seiner eigenen Nichtigkeit – alles das ging wie Wetterleuchten über sein Gesicht. Ganze sechs Jahre lang fristete er sein Dasein in dieser Weise auf der Gotteswelt und konnte sich noch immer nicht in der wichtigsten Minute des Pumpes eine Haltung geben. Versteht sich, er konnte nicht gefühllos werden oder gar gemein handeln. Sein Herz war zu beweglich, zu heiß! Ja, meiner Meinung nach war er der alleranständigste und ehrlichste Mensch auf der Welt, der aber nur mit einer einzigen kleinen Schwäche behaftet war: er konnte nämlich auf den ersten Befehl gutmütig und uneigennützig eine Gemeinheit begehn, nur um den Nächsten einen Gefallen zu erweisen. Mit einem Wort, als Mensch war er ein vollständiger Lappen. Aber am allerlächerlichsten war es doch, daß er ebenso gekleidet war wie alle, nicht schlechter, nicht besser, sauber und sogar mit einer gewissen Gesuchtheit, mit Anspruch auf Solidität und persönliche Würde. Dieses Streben nach äußerer und gewiß auch innerer Gleichheit, die Unruhe um sich selbst und zu gleicher Zeit diese ununterbrochene Selbsterniedrigung – alles das bildete den schreiendsten Kontrast und war des Mitleids und des Gelächters wert. Wenn er in seinem Herzen überzeugt gewesen wäre, daß alle Lacher die besten Menschen der Welt sind – was er trotz seiner Erfahrungen immer noch glaubte –, und daß sie nur über die Tatsache der Lächerlichkeit, nicht aber über seine Persönlichkeit lachten, so würde er mit Vergnügen seinen Frack ausgezogen und ihn umgekehrt angezogen haben und in diesem Gewande den Anderen zum Gefallen und sich selbst zur Genugtuung durch die Straßen gegangen sein, nur um seine Gönner zu erheitern und ihnen Vergnügen zu bereiten. Aber die Gleichheit konnte er doch nie und nimmer und durch nichts erreichen. Übrigens noch ein Zug: der sonderbare Kauz hatte ehrgeizige Anwandlungen und, wenn gerade keine Gefahr vorhanden war, auch sogar großmütige. Man mußte nur sehn und hören, wie er es verstand, zuweilen sogar ohne sich zu schonen, folglich also mit einem Risiko, ja, fast mit Heldenmut, irgend jemanden von seinen Gönnern, der ihn zu sehr gekränkt hatte, zu bearbeiten! Aber das kam nur in seltenen Minuten vor ... Kurz, er war ein Märtyrer in des Wortes vollster Bedeutung, aber der allernutzloseste und daher allerlächerlichste Märtyrer der Welt.
Unter den Gästen erhob sich ein allgemeiner Streit. Plötzlich sah ich wie mein Kauz vom Stuhle springt und aus allen Kräften schreit, man möge doch ausschließlich ihm das Wort geben.
„Passen Sie auf,“ flüsterte mir der Wirt zu. „Er erzählt mitunter die sonderbarsten Sachen ... Interessiert er Sie?“
Ich nickte mit dem Kopf und mischte mich unter die Zuhörer. Der Anblick eines anständig gekleideten Herrn, der auf dem Stuhl stand und die ganze Gesellschaft überschrie, erweckte die allgemeine Aufmerksamkeit. Viele, die den Sonderling nicht kannten, sahen sich unwillig unter einander an, andere wiederum lachten über ihn aus vollem Halse.
„Ich kenne Fedossei Nikolajitsch! Ich muß Fedossei Nikolajitsch von allen am besten kennen!“ rief er von seinem erhöhten Platze aus. „Meine Herren, ich bitte ums Wort! Ich werde von Fedossei Nikolajitsch erzählen! Eine Geschichte, sag ich Ihnen – einfach wundervoll!“
„Erzählen Sie, Ossip Michailytsch, erzählen Sie!“
„Erzähl!!!“
„Hört doch ...“
„Hören Sie, hören Sie!!!“
„Ich beginne. Aber meine Herren, diese Geschichte ist sehr sonderbar ...“
„Gut, gut!“
„Diese Geschichte ist sehr lächerlich.“
„Schon gut, wundervoll, vorzüglich, – zur Sache!“
„Sie ist eine Episode aus dem Leben Ihres alleruntertänigsten ...“
„Nun, wozu gaben Sie sich dann noch die Mühe, zu versichern, daß sie lächerlich ist!“
„Und sogar ein bißchen tragisch!“
„Ah????“
„Mit einem Wort, die Geschichte – beendigen Sie das Vergnügen bereitet, mich zu hören, meine Herrn, – die Geschichte infolge der ich in eine für mich so interessante Gesellschaft geraten bin!“
„Die Geschichte ...“
„Mit einem Wort, die Geschichte – beendigen Sie etwas schneller Ihren Apolog – die Geschichte, die wohl wieder etwas kosten wird,“ fügte mit heiserer Stimme ein junger Herr hinzu, steckte seine Hand in die Tasche und zog wie zufällig statt des Taschentuchs seinen Geldbeutel hervor.
„Eine Geschichte, meine Herren, nach der ich gern viele von Ihnen an meiner Stelle sehen würde. Und, endlich, die Geschichte, der zufolge ich nicht geheiratet habe.“
„Geheiratet! ... Eine Frau! ... Polsunkoff wollte heiraten!! Du lieber Gott!!“
„Ich muß gestehn ich hätte gern Mme. Polsunkoff gesehn!“
„Erlauben Sie, bitte, mich zu erkundigen, wer denn diese gewesene Frau Polsunkoff war?“ piepste ein blondlockiger Jüngling, der sich dem Erzähler näherte.
„Also, meine Herren, das erste Kapitel: es war genau vor sechs Jahren, im Frühling, am 31sten März, – bemerken Sie das Datum, meine Herren – am Vorabend ...“
„Des ersten April!“ rief der blondlockige Jüngling.
„Sie sind wirklich ungemein scharfsinnig. Also: es war Abend. Über die Gouvernementsstadt N. verdichtete sich die Dämmerung und der Mond schickte sich an, langsam am blauen Himmelszelt aufzutauchen ... mit einem Wort, kurz, alles war wie es sich gehörte. Und siehe da, – in der spätesten Dämmerstunde war’s, da tauchte auch ich ganz leise und heimlich aus meiner kleinen Wohnung auf, nachdem ich mich noch vorher von meiner ‚total verschlossenen‘ Großmutter verabschiedet hatte. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß auch ich diesen modernen Ausdruck gebrauche, den ich erst neulich von Nikolai Nikolajitsch hörte. Aber meine Großmutter war in der Tat vollkommen verschlossen: sie war blind, taub, stumm und dumm, – mehr kann man doch nicht verlangen ... Ich muß gestehn, ich zitterte am ganzen Körper, denn was ich vorhatte, war bedeutungsschwer für mich; das Herz zitterte mir wie einem Kater, der eine knöcherne Hand an seinem Genick fühlt.“
„Erlauben Sie, Mr. Polsunkoff.“
„Sie wünschen?“
„Erzählen Sie einfacher; bitte geben Sie sich nicht so große Mühe!“
„Zu Befehl,“ sagte Ossip Michailytsch ein wenig ungehalten über die Unterbrechung. „Also ich ging zu Fedossei Nikolajitsch – in sein wohlerworbenes Haus. Fedossei Nikolajitsch war bekanntlich nicht mein Mitarbeiter, sondern mein gestrenger Vorgesetzter. Ich wurde angemeldet und man führte mich sofort zu ihm in’s Kabinett. Ich sehe es noch jetzt vor mir; ein fast, fast ganz dunkles Zimmer war’s; Licht wurde nicht gebracht. Ich warte: da tritt auch schon Fedossei Nikolajitsch ein. Und so blieben wir denn beide in der Dunkelheit ...“
„Was ging denn zwischen Ihnen vor?“ fragte ein Offizier.
„Ja, was meinen Sie wohl?“ fragte Polsunkoff, und wandte sich unverzüglich mit zuckendem Gesicht an den Jüngling mit den Locken.
„Nun, meine Herren, es war eine sonderbare Situation. Das heißt, sonderbar war an ihr eigentlich nichts, es war, wie man es so nennt, eine rein praktische Gelegenheit – ich zog einfach aus meiner Tasche einen Packen Papiere, das heißt Staatspapiere ...“
„Papiere?“
„Und er zog gleichfalls aus seiner Brusttasche einen Packen Papier hervor und wir tauschten die beiden Packen aus.“
„Ich könnte wetten, daß es nach Sporteln roch,“ äußerte sich ein gut gekleideter und gut frisierter junger Herr.
„Sporteln?“ griff sofort Polsunkoff das Wort auf, – „Ach!
Wär ich doch ein Liberaler, Wie ich viele schon gesehn!
Wenn Sie einmal in der Provinz dienen sollten, so werden Sie sehn, daß Sie Ihre Hände am Herd des Vaterlandes nicht wärmen können, wenn Sie nicht ... Sagte doch ein Dichter: Selbst der Rauch des Vaterlandes ist mir angenehm und lieb! Unser Vaterland ist unsere Mutter, unsere Mutter, meine Herren, die leibliche Mutter, wir aber sind ihre Säuglinge, und so saugen wir denn auch an ihm! ...“
Ein allgemeines Gelächter erhob sich.
„Aber glauben Sie mir, meine Herren, ich habe niemals Sporteln genommen,“ sagte Polsunkoff, wobei er plötzlich mißtrauisch die ganze Versammlung übersah. Doch wahrhaft homerisches Gelächter verschlang die Worte Polsunkoffs.
„Nein, wirklich, meine Herren ...“
Er verstummte aber plötzlich, und betrachtete alle mit einem sonderbaren Ausdruck. Vielleicht – wer kann es wissen – vielleicht kam es ihm in dieser Minute in den Sinn, daß er ehrlicher und anständiger war als viele hochgeehrte Herren dieser anständigen Gesellschaft ... Und bis zum Schluß der allgemeinen Heiterkeit blieb der Ausdruck seines Gesichtes ernst und nachdenklich.
„Also,“ begann Polsunkoff, als die Heiterkeit sich gelegt hatte, „obgleich ich niemals Sporteln genommen, beging ich doch dieses Mal eine Sünde: ich schob die Bestechung in meine Tasche ... die Bestechung von einem bestechlichen Beamten ... Das heißt, in meinen Händen befanden sich Papiere, die ... kurz, wenn ich es gewollt hätte, sie Jemandem zu schicken, so wäre es Fedossei Nikolajitsch schlecht ergangen.“
„So kaufte er sie also von Ihnen zurück?“
„Das tat er.“
„Wieviel gab er Ihnen denn dafür?“
„Er gab soviel, für wieviel ein Anderer in unserer Zeit sein Gewissen verkaufen würde, mit allen Variationen desselben ... wenn man ihm dafür nur soviel geben würde. Ich aber war wie mit siedendem Wasser begossen, als ich das Geld in meine Tasche steckte. Wirklich, ich weiß nicht, meine Herren, wie das bei mir zuging, denn ich war weder tot, noch lebendig, meine Lippen konnte ich kaum bewegen, die Kniee zitterten mir; schuldig, schuldig fühlte ich mich, ganz furchtbar schuldig; machte mir ein Gewissen, war sogar bereit, Fedossei Nikolajitsch um Vergebung zu bitten ...“
„Nun, verzieh er Ihnen?“
„Aber ich tat es ja doch nicht ... ich erzähle doch nur, wie mir damals zu Mute war; ich habe, das heißt ... ich habe ein heißes Herz. Ich sehe, er blickt mir gerade in die Augen: ‚Gott fürchten Sie nicht, Ossip Michailytsch?‘ Nun, was war da zu machen? Ich breitete so die Hände aus, blickte zur Seite. – ‚Warum soll ich denn Gott nicht fürchten, Fedossei Nikolajitsch?‘ Sage das nur so aus Anstand ... selbst bin ich bereit in die Erde zu sinken. ‚Sie, der so lange der Freund unseres Hauses gewesen sind, Sie, der Sie uns fast ein Sohn ... und wer weiß, was vom Schicksal uns noch bestimmt gewesen wäre, Ossip Michailytsch! Und plötzlich, bereiten Sie sich vor mich anzugeben! ... Was soll man nach alledem von den Menschen denken, Ossip Michailytsch?‘ Ach, meine Herren, wie hat er mir ins Gewissen geredet! – ‚Sagen Sie mir, was soll man nach alledem von den Menschen denken, Ossip Michailytsch?‘ fragt er mich. – ‚Was,‘ denke ich, ‚was soll man denn denken?‘ Wissen Sie, die Kehle wurde mir trocken und das Stimmchen zitterte mir, ich fühlte schon, daß ich weich wurde und griff zur Mütze ... ‚Wohin wollen Sie, Ossip Michailytsch? Werden Sie wirklich am Vorabend solch eines Tages ... werden Sie es mir wirklich nachtragen? Was habe ich Ihnen denn Böses getan? ...‘ ‚Fedossei Nikolajitsch,‘ sage ich, ‚Fedossei Nikolajitsch!‘ Mit einem Wort, meine Herren, ich wurde windelweich, wie ein nasses Zuckerstück schmolz ich zusammen. Und das Paket mit den Banknoten, das in meiner Tasche lag, schien mir gleichfalls zuzurufen: ‚Undankbarer Räuber, ruchloser Dieb, Du!‘ – und fünf Pud schwer dünkte es mich – wenn es doch in Wahrheit nur fünf Pud gewogen hätte! – ‚Ich sehe, daß Sie es bereuen,‘ sagt Fedossei Nikolajitsch – ‚Wissen Sie, morgen ist der Namenstag ... Nun, weine nicht, genug: hast gesündigt und bereust es! Gehn wir! Vielleicht gelingt es mir, Dich auf den rechten Weg zurückzuführen! Vielleicht werden meine bescheidenen Penaten – erinnere mich ganz genau, der Räuber sagte Penaten – Dich erwärmen, werden Dein Herz ...‘ Er faßte mich unter den Arm und führte mich zu den Seinen. Mir lief es kalt über den Rücken; ich zitterte. Mit welchen Augen werden sie mich ansehn? dachte ich. Sie müssen nämlich wissen, meine Herren ... wie soll ich’s Ihnen sagen, es gab da noch so eine delikate Geschichte ...“
„Etwa Madame Polsunkoff?“
„Marja Fedossejewna war es nicht bestimmt, solch eine Madame zu werden, wie Sie sie zu nennen belieben. Doch Fedossei Nikolajitsch war im Recht, wenn er sagte, daß ich im Hause fast für einen Sohn gehalten wurde. Vor einem halben Jahre war das schon der Fall gewesen, nämlich als noch Michail Maximytsch Dwigailoff, der Junker außer Diensten, lebte. Aber nach einem höheren Ratschluß Gottes starb er und da er das Testamentmachen immer aufgeschoben, so konnte man auch nachher nirgendwo eines finden ...“
„Ah!!!“
„Nun, nichts zu machen, meine Herren, entschuldigen Sie, ich habe mich versprochen, das war allerdings nicht schön, doch das will ja auch nichts besagen, dafür aber war die Sache selbst um so schlechter, als ich zurückblieb, sozusagen, bloß mit der Null in der Perspektive, denn der Junker außer Diensten, wenn ich auch sein Haus nicht betreten durfte – er lebte auf großem Fuße, wahrscheinlich weil er früher lange Finger gehabt – so hielt er mich vielleicht doch nicht ganz irrtümlicher Weise für seinen leiblichen Sohn.“
„Aha!!!“
„Ja, also so war’s! Nun, und da zeigte man mir bei Fedossei Nikolajitsch lange Nasen. Ich bemerkte es denn auch sofort und war darob nicht wenig verwundert, bezwang mich aber. Da kam plötzlich zu meinem Unglück – oder vielleicht auch zu meinem Glück – wie kalter Schnee auf’s Haupt, in unser Städtchen ein Remonteoffizier hereingesaust. Nun, wissen Sie, seine Aufgabe wurde ihm nicht allzu schwer gemacht, Kavallerieplänkelei ... wenn er sich nur nicht bei Fedossei Nikolajitsch so festgesetzt hätte, saß wie eine Kugel in der Wand! Ich, der langjährige Hausfreund war vergessen ... und, wissen Sie, dumme Angewohnheit: nehme Fedossei Nikolajitsch bei Seite und erkläre ihm so und so, warum denn gleich beleidigen! Da ich doch in gewissem Sinne schon wie ein Sohn war ... Das Väterliche, das Väterliche ... ach, nun ja, das heißt, ich meine, wie soll ich’s denn abwarten!? Nun, er antwortete mir, das heißt, er erzählte mir ein ganzes Poem in zwölf Liedern und Gesängen, schon allein vom Zuhören fließt es einem wie Honig über die Seele, man leckt sich bloß die Lippen. Fragst Du Dich aber nach dem Sinn der Worte, so stehst Du wie ein Ochs am Berg: der Schuft dreht sich wie ein Aal, bleibt nirgends stecken, geht ölglatt über alle Hindernisse hinweg. Mit einem Wort, ein Talent hatte er, sag ich Ihnen, ein Talent, daß einem angst und bange wurde, wirklich eine phänomenale Begabung! Weder ja noch nein, denk Dir, was Du willst. Nun, Sie können sich denken, was ich mir dachte! Schleppe ihr Romanzen zu, bringe Konfekt und brüte Witzchen aus, seufze und stöhne, Ach und Weh, mein Herz schmerzt mir vor Liebe, sage ich und weine Tränen, mache heimliche Geständnisse. Dumm ist der Mensch! Der Alte hatte ja nicht in den Kirchenbüchern nachgeschlagen, wußte also nicht, daß ich dreißig Jahre alt war! Fehlt noch! Wollte schlau sein! Aber meine Sache glückte mir nicht, Spott und Gelächter rund um mich herum ... da packte mich die Wut und preßte mir die Kehle zu. Ich ging davon, gedachte in dieses Haus nie mehr meinen Fuß zu setzen – und die Sache anzugeben. Ich gebe es zu, daß es gemein von mir war, den Freund angeben zu wollen, aber Material dazu war viel vorhanden, kostbares Material, wäre eine kapitale Sache gewesen! Tausendfünfhundert brachte es mir ein, als ich es gegen Papierscheine eintauschte!“
„Ah! Da haben wir die Sporteln!“