Sämtliche Werke 20

Part 17

Chapter 173,337 wordsPublic domain

„Senjka!“ brüllte außer sich Simoweikin, dieses Mal jegliches Lärmen übertönend, „Freidenker Du! Ich werde sofort alles sagen! Was bist Du! Wer bist Du! Du Schafsgehirn! Nur einen unsoliden und dummen wird man ohne Abschied von der Stelle jagen; wer bist Du denn eigentlich?“

„Ja, dies und das ...“

„Was, dies und das?!“

„Geh Du nur mit ihm ...“

„Wie, geh Du nur mit ihm?“

„Ja, ich bin frei, er ist frei; wenn man so liegt und liegt und darüber ...“

„Worüber?“

„Bin ein Freidenker ...“

„Freidenker! Senjka, Du ein Freidenker!!“

„Halt an,“ schrie Herr Prochartschin, fuchtelte mit der Hand und unterbrach das sich erhebende allgemeine Geschrei, „ich spreche nicht davon ... Versteh doch nur, Du Hammel: ich bin heute ruhig, morgen ruhig und übermorgen schon nicht mehr ruhig, werde frech; nun und ... mache Dich fort, Freidenker! ...“

„Was sagen Sie!“ donnerte Mark Iwanowitsch endlich drein, er sprang vom Stuhl auf, auf den er sich zur Erholung niedergelassen hatte und lief voller Aufregung ans Bett, außer sich und zitternd vor Ärger. – „Wer sind Sie? Ein Hammel sind Sie! Weder Fisch noch Fleisch! Sind Sie etwa allein auf der Welt? Ist für Sie allein die Welt gemacht? Sind Sie etwa Napoleon? Was sind Sie? Wer sind Sie? Sind Sie Napoleon oder sind Sie es nicht?! Sagen Sie doch, mein Herr, Napoleon oder nicht Napoleon? ...“

Aber Herr Prochartschin antwortete nicht mehr auf diese Gewissensfrage. Nicht, daß er sich geschämt hätte, Napoleon zu sein oder sich gefürchtet, solch eine Verantwortung auf sich zu nehmen, nein, er konnte ganz einfach nicht mehr streiten noch von Geschäften sprechen. Eine krankhafte Krisis trat ein. Ströme von Tränen stürzten plötzlich aus seinen grauen, fieberglänzenden Augen. Mit seinen knochigen, von der Krankheit abgemagerten Händen bedeckte er seinen heißen Kopf, erhob sich im Bett und schluchzend fing er an, zu klagen, daß er arm wäre, daß er solch ein unglücklicher und einfacher Mensch wäre, dumm und stumpf, daß ihm gute Menschen vergeben müßten, daß sie ihn doch beschützen und ihm zu essen und zu trinken geben, ihn nicht der Armut preisgeben sollten, und Gott weiß, worum Semjon Iwanowitsch noch sonst alles bat. Dabei blickte er mit solch einer wilden Angst um sich, als ob die Decke einstürzen oder der Boden sich vor ihm auftun müßte. Allen tat er leid, der Arme, und alle Herzen erweichten sich. Die Wirtin heulte wie ein altes Weib, sagte, daß auch sie eine Waise wäre und mühte sich, Semjon Iwanowitsch besser zu betten. Mark Iwanowitsch sah es ein, daß er unnütz ans Gehirn Napoleons gerührt hatte: ihn überkam plötzlich auch eine gütige Anwandlung und so wollte er denn der Wirtin behülflich sein, den Unglücklichen zu betten. Die Anderen, die auch irgendwas dazu tun wollten, schlugen vor, ihm doch eine Himbeerlimonade zu stiften, da sie von allem befreie und dem Kranken sehr angenehm sein würde; aber Simoweikin widerlegte es und behauptete, daß bei seiner Verfassung nichts besser wäre, als ein starker Kamillentee. Was nun Sinowij Prokoffjewitsch mit seinem guten Herzen anbelangt, so weinte er heiße Tränen der Reue, weil er Semjon Iwanowitsch mit erlogenen Sachen geängstigt hatte. Doch die letzten Worte des Kranken, die Klagen über seine Armut, brachten ihn auf eine Idee: er setzte sofort eine Liste auf, eine Kollekte für den armen Kranken, die sich fürs Erste nur auf die Einwohner der Winkel erstreckte. Alle jammerten und stöhnten, allen tat es bitter leid, doch zwischendurch wunderten sie sich alle darüber, wie sich der Mensch dermaßen hatte einschüchtern lassen. Und wodurch eigentlich? Wenn er auf einem großen Posten gewesen wäre, eine Frau gehabt und Kinder gezeugt hätte und wenn man ihn vor Gericht geladen hätte: aber solch ein kleines Tierchen wie er, mit einem Koffer und dem deutschen Schloß davor, lag schon seit zwanzig Jahren hinter dem Schirm, schwieg, kannte die Welt nicht, hatte keinen Kummer, sparte, und plötzlich fiel es jetzt diesem Menschlein ein, sich durch irgendein unnützes, abgeschmacktes Wort den Kopf verdrehen zu lassen und ganz und gar am Leben zu verzweifeln ... Und dabei denkt der Mensch garnicht, daß es die Anderen ebenso schwer haben.

„Würde er doch nun das Eine in Betracht ziehn,“ sagte später Okeanoff, „daß es allen schwer fällt, so würde er ja seinen Kopf behalten, würde seine tollen Streiche lassen und leben und reden, wie es sich gehört.“

Den nächsten ganzen Tag über sprach man nur von Semjon Iwanowitsch. Man kam zu ihm, erkundigte sich nach ihm, beruhigte ihn; aber zum Abend hin halfen die Beruhigungen nicht mehr. Der Arme fieberte und phantasierte und verlor von Zeit zu Zeit seine Besinnung, so daß man schon nach dem Arzt schicken wollte; alle Einwohner beschlossen gemeinsam, der Reihe nach bei Semjon Iwanowitsch die Nacht über zu wachen, ihn zu beruhigen und falls irgend etwas geschehn sollte, die Anderen aufzuwecken. In dieser Absicht fingen sie an Karten zu spielen, und ließen seinen Freund Simoweikin, der schon den ganzen Tag über bei ihm gewesen war und von ihnen die Erlaubnis erhielt, auch dort zu nächtigen, bei ihm. Da sie aber kein hohes Spiel machten, so wurde es ihnen alsbald langweilig. Sie brachen das Spiel ab und gerieten allmählich über irgendetwas in Streit, lärmten und polterten und zogen sich schließlich in die Winkel zurück, wo ein jeder noch lange in seinem Herzen den Anderen widersprach und sie allesamt übertrumpfte, und da sie alle geärgert waren, so wollte Niemand mehr wachen. So kam es denn, daß alle einschliefen: bald darauf wurde es in den Winkeln so still wie in einem leeren Keller, um so mehr, als es sehr kalt war. Einer von den Letzten, die einschliefen, war Okeanoff, und wie er später erzählte, hatte er nicht gerade im Schlaf und auch nicht gerade im wachen Zustande, neben sich kurz vor Morgengrauen zwei Menschen miteinander sprechen gehört. Darauf aber hätte er Simoweikins Stimme erkannt, der Remneff, seinen alten Freund weckte und lange mit ihm leise sprach, dann habe er gehört, wie Simoweikin fortgegangen war und wie er die Küchentür mit dem Schlüssel aufgeschlossen hatte. Der Schlüssel – versicherte später Ustinja Fedorowna – habe immer unter ihrem Kopfkissen gelegen und wäre seit dieser Nacht verloren gegangen. Dann – erzählte Okeanoff – schien es ihm, daß beide hinter den Schirm zum Kranken gingen und dort das Licht anzündeten. Mehr, sagte er, wisse er nicht, seine Augen wären ihm zugefallen; er erwachte erst mit allen anderen, die in den Winkeln schliefen und sprang mit ihnen zu gleicher Zeit aus dem Bett, als plötzlich hinter dem Schirm Semjon Iwanowitschs solch ein Geschrei ertönte, daß selbst die Toten erwacht wären – in dem Moment aber schien es vielen, daß plötzlich das Licht hinter dem Schirm ausgelöscht wurde. Es entstand eine allgemeine Verwirrung: hinter dem Schirm hörte man Geschimpf, Geschrei und Kampf. Es wurde Licht gemacht und man sah, daß Simoweikin und Remneff sich prügelten und jähzornig beschimpften. Als man sie nun auseinander brachte, so schrie der eine:

„Nicht ich bin es, aber dieser Räuber da!“ und Simoweikin schrie wiederum:

„Rühr mich nicht an, bin nicht schuldig; ich werde sofort schwören!“ Aber in der ersten Minute war es nicht um sie zu tun, denn – der Kranke war verschwunden! Man entfernte die Vagabunden und siehe da: Herr Prochartschin lag unter dem Bett, vollständig besinnungslos; auf ihm lagen seine Decke und sein Kissen, so daß sich auf dem Bett nur noch die schmutzige Matratze befand, – denn Bettücher besaß er nicht. Man zog also Semjon Iwanowitsch unter dem Bett hervor und legte ihn auf die Matratze und bemerkte da sofort, daß mit ihm nichts mehr zu machen war; er war schon ganz steif, hin und wieder lief nur noch ein Zittern über den Körper. Er wollte die Hände erheben, konnte es aber nicht, seine Zunge bewegte sich nicht mehr, aber er blinzelte noch mit den Augen, wie die Köpfe der Enthaupteten noch mit den Lidern blinzeln sollen, wenn das Beil des Henkers sie schon vom Körper getrennt hat.

Allmählich wurde er ruhiger, der Todeskrampf ließ nach; Herr Prochartschin streckte die Beine von sich und begab sich mit all seinen Sünden ins Jenseits. Ob er sich nun so erschreckt hatte, oder ob er einen Traum gehabt, wie später Remneff versicherte, oder ob dem eine andere Sünde zu Grunde lag, das ist eine offene Frage. Die Sache war aber die, daß, wenn jetzt selbst der Chef in der Wohnung erschienen wäre, um persönlich Semjon Iwanowitsch den Abschied wegen Trunksucht, Freidenkerschaft und Händeleien zu überbringen, und wenn durch die andere Tür eine Bettlerin unter dem Titel einer Schwägerin Semjon Iwanowitschs eingetreten wäre, ja selbst wenn er plötzlich zweihundert Rubel Gratifikation erhalten hätte, oder das Haus in Flammen aufgegangen wäre, Semjon Iwanowitsch doch nicht mehr geruht haben würde, auch nur einen Finger zu rühren. Während die erste Erstarrung sich legte, die Anwesenden die Sprache langsam wiedererlangten und ein Chaos von Vorschlägen, Vermutungen und Geschrei entstand, – zog Ustinja Fedorowna den Koffer unter dem Bett hervor und suchte in aller Eile unter dem Kissen unter der Matratze, ja sogar in den Stiefeln Semjon Iwanowitschs nach. Und während man Remneff und Simoweikin verhörte – bewies Okeanoff, der bis jetzt allerunintelligenteste und stillste Winkelbewohner, plötzlich die größte Geistesgegenwart, ja entdeckte vielleicht zum ersten Mal seine Fähigkeiten und sein Talent, nahm seine Mütze und verschwand bei der allgemeinen Verwirrung ganz unbemerkt. Und als alle Schrecken des Chaos ihren Höhepunkt in den bis jetzt so friedlichen Winkeln erreichten, öffnete sich die Tür und wie kalter Schnee auf heiße Köpfe fällt, erschien zuerst ein Herr von anständigem Äußeren, aber mit einem strengen, unzufriedenen Gesicht; ihm folgte Jaroslaff Iljitsch mit seinem Beamten samt Allem, was dazu gehört; und ihnen folgte aufgeregt Herr Okeanoff. Der strenge Herr von anständigem Äußern ging geradewegs auf Semjon Iwanowitsch zu, befühlte ihn, machte eine Grimasse, zuckte mit den Schultern und sagte, was alle schon längst wußten, daß der Tote tot wäre, und fügte nur von sich aus noch hinzu, daß in diesen Tagen einem sehr hohen und angesehenen Herrn dasselbe im Schlaf passiert sei, und er daran gestorben wäre. Darauf behauptete er noch, daß man ihn ganz unnütz belästigt hätte und ging zur Tür hinaus. Ihn ersetzte sofort Jaroslaff Iljitsch, der Beamte, und während Remneff und Simoweikin den Gerichtsdienern übergeben wurden, bemächtigte er sich des Koffers, den die Wirtin schon zu verstecken versucht hatte, stellte die Stiefel auf ihren früheren Platz zurück, bemerkte dazu, daß sie ganz durchlöchert seien und daher fortgeworfen werden könnten, verlangte auch das Kissen zurück, rief Okeanoff und bat um den Schlüssel zum Koffer, der sich schließlich in Simoweikins Tasche fand und öffnete feierlich wie es sich gehörte die Habe Semjon Iwanowitschs. Da lagen denn allen sichtbar: zwei alte Hemden, ein Paar Socken, ein zerrissenes Tuch, ein alter Hut, einige Knöpfe, alte Stiefelsohlen, ferner Schnüre, Seife, Salben, alle möglichen Lumpen, die einen üblen Geruch verbreiteten; gut war nur das deutsche Schloß. Man rief Okeanoff und sprach streng mit ihm; aber Okeanoff war bereit zu schwören. Man verlangte das Kissen, sah es sich an; es war nur schmutzig, glich aber sonst in jeder Beziehung einem Kissen. Man hob die Matratze auf, legte sie wieder hin, bedachte sich noch, was zu tun wäre, als plötzlich etwas Schweres, Klingendes auf den Boden schlug. Man bückte sich, man suchte und fand eine Papierrolle mit zehn Silberrubel. „Eh, eh, eh!“ rief Jaroslaff Iljitsch und zeigte auf eine offene Stelle in der Matratze, aus der Roßhaar hervorlugte. Man besah sich die Stelle und alle waren überzeugt, daß sie soeben mit dem Messer gemacht worden war: man steckte die Hand hinein und zog ein Küchenmesser hervor, das man wohl in aller Eile da hineingesteckt hatte, nachdem man mit ihm vorher die Matratze aufgeschnitten. Kaum war es Jaroslaff Iljitsch gelungen, das Messer herauszuziehn, als er schon wieder „Ehe–e!“ sagte und bald darauf eine andere Rolle herausfiel und nach ihr Fünfzigkopekenstücke, fünfundzwanzig Kopeken, und verschiedenes Kleingeld, darunter auch ein gesundes, kupfernes Fünfkopekenstück. Alle Hände griffen danach. Auch war man der Meinung, daß es nicht schlecht wäre, die Matratze aufzuschneiden. Man verlangte eine Schere ...

Der heruntergebrannte Lichtstummel beleuchtete eine äußerst interessante Szene. Ungefähr zehn Einwohner gruppierten sich in den allermalerischsten Nachtkostümen um das Bett herum, alle ungekämmt, unrasiert und ungewaschen und kaum vom Schlaf erwacht. Einige von ihnen waren kreidebleich, bei anderen perlte der Schweiß auf der Stirn, die Einen schüttelte der Frost, die Anderen die Hitze. Die Wirtin stand halb bewußtlos da, hatte die Hände gefaltet und überließ sich der Gnade Jaroslaff Iljitschs. Vom Ofen herab sahen erschrocken und doch neugierig Awdotja, die Magd, und die Lieblingskatze der Wirtin. Zerrissene und zerschlagene Bettschirme lagen überall im Wege; der geöffnete Koffer zeigte sein unanständiges Innere; die Decke und das Kopfkissen zusammen mit dem Inhalt der Matratze lagen auf dem Boden und auf einem kleinen gebrechlichen hölzernen Tischchen glänzte der anwachsende Haufen der verschiedensten Geldstücke. Nur Semjon Iwanowitsch allein behielt seine Kaltblütigkeit: er lag friedlich auf dem Bett und schien seinen Ruin überhaupt nicht zu ahnen. Als die Schere gebracht war und der Gehilfe Jaroslaff Iljitschs, aus Wunsch behilflich zu sein, die Matratze ein wenig zu hastig hob, um sie besser vom Rücken des Besitzers befreien zu können, trat ihnen Semjon Iwanowitsch wohl aus Höflichkeit ein wenig seinen Platz ab und kehrte sich auf die Seite; beim zweiten Ruck machte er ihnen noch ein wenig Platz und drehte sich mit dem Gesicht aufs Kissen, mit anderen Worten: drehte ihnen den Rücken zu, und plötzlich ganz unerwartet fiel er mit dem Kopf voran aus dem Bett, so daß seine beiden knochigen, mageren und blauen Beine wie zwei verkohlte Äste eines abgebrannten Baumes in die Luft starrten. Da Herr Prochartschin sich schon das zweite Mal an diesem Morgen unter das Bett begab, so erregte das Verdacht und mehrere von den Einwohnern krochen sofort unter der Anführung Sinowij Prokoffjewitschs unter das Bett, in der Absicht zu untersuchen, ob nicht da noch was verborgen war. Aber die Suchenden stießen bloß mit den Köpfen aneinander und da Jaroslaff Iljitsch sie anschrie und ihnen befahl, sofort Semjon Iwanowitsch von seiner schlechten Lage zu befreien, so packten ihn denn zwei von den vernünftigeren mit beiden Händen je an ein Bein und zogen den unerwarteten Kapitalisten wieder an die Oberfläche und legten ihn quer aufs Bett. Währenddessen flogen Roßhaar und Watte umher und der silberne Haufen wuchs – und wuchs und – oh Gott! was war da nicht alles zu finden! ... Anständige Silberrubel, solide starke anderthalb Rubelstücke, reizende Fünfziger, plebejischere Fünfundzwanziger und Zwanziger, altes Kleingeld in Zehnern und Fünfern – alles in besonderen Papierrollen methodisch und in solider Ordnung eingewickelt. Es waren auch Seltenheiten dabei: ein Napoleond’or, eine unbekannte und sehr seltene Münze ... Auch einige von den Silberrubeln waren von hohem Alter, Elisabetheische, deutsche Kreuzer, Petermünzen, Katharinenmünzen; auch waren da alte durchlöcherte Silbermünzen, solche, die man früher als Gehänge trug, sogar Kupfer war dabei, aber schon ganz grün und rostig gewordenes ... Auch fand man noch ein rotes Stück Papier – aber das war denn auch alles. Als man endlich die ganze Operation beendigt und den Überzug der Matratze um und um geschüttelt hatte und nichts mehr in ihm klirrte noch klimperte, setzte man sich an den Tisch, um das Geld zu zählen. Auf den ersten Anblick konnte man sich sehr täuschen und den Geldhaufen auf eine Million schätzen – so groß war er! Aber eine Million war es denn doch nicht, obgleich es keine geringe Summe war – genau 2497 Rubel und 50 Kopeken. Wenn die Einnahme der Kollekte, die Sinowij Prokoffjewitsch am Abend vorher zur Unterstützung des _armen Kranken_ entworfen hatte, schon bar vorhanden gewesen wäre, so hätte es genau 2500 Rubel ausgemacht. Man nahm das Geld, versiegelte den Koffer des Verstorbenen, hörte den Klagen der Wirtin zu und sagte ihr, wohin und an wen sie sich mit ihrem Schuldschein des Verstorbenen zu wenden hätte. Wie es sich gehörte, forderte man Unterschriften, man sprach auch dabei von der Schwägerin, aber man versicherte sich gegenseitig, daß die Schwägerin in gewissem Sinne nur eine Allegorie sein könnte, die vielleicht nur in der krankhaften Einbildungskraft Semjon Iwanowitschs entstanden war, was man nicht nur einmal dem Verstorbenen vorgehalten haben wollte. Und damit war denn die Sache zu Ende. Als der erste Schreck sich gelegt hatte, als die armen Winkelmieter mit wiedergewonnenem Verstande erkennen konnten, wer der Verstorbene eigentlich gewesen war, so wurden sie nachdenklich und in sich gekehrt und sahen sich gegenseitig mißtrauisch an. Einige nahmen es sich sehr zu Herzen und fühlten sich durch solch ein Verhalten Semjon Iwanowitschs beleidigt ... Solch ein Kapital! Das hat der Mensch zusammengescharrt. Mark Iwanowitsch, der seine Geistesgegenwart wieder erlangte, wollte ergründen und untersuchen, warum Semjon Iwanowitsch plötzlich so allen Mut verloren hatte, aber man hörte ihm nicht mehr zu. Sinowij Prokoffjewitsch wurde sehr nachdenklich, Okeanoff trank zur Stärkung ein wenig Schnaps, und die Übrigen fühlten sich gleichfalls sehr bedrückt. Der kleine Kantareff, der sich nur durch seine Habichtnase auszeichnete, verließ die Wohnung, nachdem er sorgfältig sein Hab und Gut zusammengesucht hatte, und erklärte kühl auf die Fragen, warum er fortginge, daß die Zeit schwer wäre und das Leben hier über seine Mittel ginge. Die Wirtin heulte ununterbrochen und prophezeite, daß Semjon Iwanowitsch in die Hölle käme, da er sie, eine arme Waise, ausgenutzt und beleidigt hätte. Sie fragte Mark Iwanowitsch, warum der Verstorbene sein Geld nicht in die Sparkasse gebracht habe?

„Mütterchen, er war zu naiv dazu, sein Vorstellungsvermögen reichte nicht dazu aus,“ antwortete Mark Iwanowitsch.

„Nun, und auch Sie sind naiv, Mütterchen,“ schloß Okeanoff, „fünfundzwanzig Jahre stärkte sich der Mensch bei Ihnen und von einem kleinen Nasenstüber fiel er um, bei Ihnen aber kochte die Kohlsuppe, hatten keine Zeit dafür! Ach Sie, ... Weibsbild! ...“

„Ach, das sagst Du mir! – und was Sparkasse!“ fuhr die Wirtin auf. „Hätte er mir doch nur eine Handvoll davon gebracht und mir gesagt: Nimm, Ustinjuschka, hier ist für Dich der Lohn, ernähre Du mich so lange, wie mich die kühle Mutter Erde noch trägt, das wäre recht gewesen, ich hätte ihn gefüttert, getränkt, bedient! Ach, dieser Verführer, solch ein Betrüger! Betrogen hat er mich Waisenkind!“

Man ging wieder ans Bett Semjon Iwanowitschs. Er lag bereits wie es sich gehörte in seinem besten und übrigens einzigen Anzug, das knochige Kinn hinter einer Halsbinde, die ihm etwas ungeschickt umgebunden worden war, gewaschen und gekämmt, aber nicht rasiert, weil ein Rasiermesser in den Winkeln nicht vorhanden war: das einzige Messer, das Sinowij Prokoffjewitsch gehört hatte, war schartig geworden und man hatte es auf dem Trödelmarkt verkauft. Die Anderen gingen alle zum Barbier. Das Zimmer hatte man aber noch nicht aufräumen können. Die zerrissenen Schirme lagen noch kreuz und quer umher und entblößten die Vereinsamung Semjon Iwanowitschs, ganz wie ein Emblem dessen, daß der Tod alle Vorhänge vor unseren Geheimnissen und Intrigen zerreißt. Das Füllsel der Matratze lag auch noch in Haufen zerstreut umher. Diesen plötzlich zerstörten Winkel hätte man mit einem zerstörten Nest von Hausschwalben vergleichen können, zerschlagen und zerrissen vom Sturm, das warme Bettchen aus Federn und Wolle zerstört ... Übrigens, Semjon Iwanowitsch selbst sah eher einem diebischen Spatz ähnlich. Er war ganz still geworden und tat, als ob er nichts zu verhehlen hätte, an nichts Schuld wäre und nicht gewissenlos und schamlos die besten Menschen auf die allerunanständigste Weise betrogen hätte. Er hörte nicht mehr das Weinen und Schluchzen seiner verwaisten und beleidigten Witwe. Im Gegenteil, als erfahrener und geriebener Kapitalist, der selbst im Grabe nicht eine Minute nutzlos verlieren wollte, schien er mit spekulativen Berechnungen beschäftigt zu sein. Sein Gesicht drückte tiefes Nachdenken aus und die Lippen waren zusammengepreßt. Er sah geradezu bedeutend aus, – eine Eigenschaft, der man Semjon Iwanowitsch im Leben nicht hätte verdächtigen können. Er schien klüger geworden zu sein. Das rechte Auge war pfiffig zusammengezogen; auch wollte Semjon Iwanowitsch etwas sagen, etwas sehr Nötiges mitteilen und erklären, um so schnell als möglich die Geschäfte zu erledigen, denn er schien auch keine Zeit zu haben. Auch glaubte man ihn sagen zu hören: „Was fehlt Dir? Höre auf zu weinen, dummes Weib! Heul nicht! Du Mutter, mach’ ein Schläfchen, hörst Du! Ich bin gestorben; jetzt ist schon nichts mehr nötig ... Was für eine Wahrheit? Es ist schön so zu liegen ... Ich, hörst Du, spreche übrigens nicht davon, Du bist ein Weib, hast mich verstanden? Jetzt ist es aus mit dem Dienst; siehst Du jetzt, wie’s ist? – Dumm! ... fehlt noch! Aber, weißt Du, wenn ich jetzt aufstehe, was würde dann sein, wie?“

Polsunkoff.

Eine Erzählung.