Sämtliche Werke 20

Part 16

Chapter 163,801 wordsPublic domain

Semjon Iwanowitsch lag so zwei oder drei Tage lang in Fieber, durch seinen Bettschirm von jeglicher Gotteswelt und all ihren Lebensstürmen abgeschieden. Schon am nächsten Morgen hatten ihn alle vergessen, was ja schließlich ganz in der Ordnung war; die Zeit flog dahin, Stunden folgten auf Stunden, Tage auf Tage. Halbschlaf und Träume umlagerten den heißen Kopf des Kranken; er lag ganz ruhig und still, stöhnte nicht und klagte nicht; im Gegenteil, er schwieg und drückte sich an sein Bett wie ein Hase, der sich vor Angst an die Erde preßt, wenn er die Jagd hört. Zu einer gewissen Tageszeit trat in der Wohnung eine langandauernde melancholische Stille ein – das Zeichen, daß alle Einwohner sich entfernt hatten, in den Dienst gegangen waren, und der vor sich hinträumende Semjon Iwanowitsch konnte so viel er wollte damit seinen Kummer zerstreuen, daß er dem Geräusch in der nahen Küche zuhörte, wo die Wirtin herumhantierte, oder den gleichmäßigen schlurrenden Schritten Awdotja’s, der Magd, die von Zimmer zu Zimmer ging und krächzend und stöhnend alle Winkel aufräumte, Staub wischte und die Ordnung wieder herstellte. Ganze Stunden vergingen so in dieser schläfrigen, faulen, eintönigen Weise, wie das Wasser, das man regelmäßig in der Küche vom Krahn ins Becken tröpfeln hörte. Dann kehrten die Einwohner wieder zurück, einzeln oder zusammen, und Semjon Iwanowitsch hörte, wie sie über das Wetter schimpften, essen wollten, lärmten, sich herumzankten, sich wieder versöhnten, Karten spielten, und wie die Tassen klirrten, wenn sie sich anschickten, den Tee zu trinken. Semjon Iwanowitsch machte ganz mechanisch den Versuch aufzustehn, um wie gewöhnlich an dem Tee Teil zu nehmen, schlief aber mittlerweile wieder ein, und so schien es ihm denn, daß er schon lange am Teetisch saß und sich mit ihnen unterhielt, und daß Sinowij Prokoffjewitsch den Zufall benutzte, um in das Gespräch ein Projekt über die Schwägerinnen im allgemeinen einzuflechten und im besonderen über die moralischen Verpflichtungen gewisser guter Leute ihnen gegenüber. Da beeilte sich Semjon Iwanowitsch, sich zu verteidigen, aber siehe da, ihm wurde von allen Gegnern auf einmal eine so mächtig ausgedrückte Antwort zu Teil, daß Semjon Iwanowitsch sich weiter nichts Schöneres ausdenken konnte, als schnell davon zu träumen, daß es der erste des Monats ist und er in seiner Kanzlei viele Silberstücke erhält, und wie es ihm auf der Treppe so ganz ohne Schwierigkeiten gelingt, die Hälfte der Summe in seinem Stiefel verschwinden zu lassen, immer noch dort auf der Treppe. Und ohne sich auch nur im geringsten darüber aufzuhalten, daß er sich in seinem Bett befand, beschloß er, nach Hause zu gehn und das Nötige für Kost und Logis der Wirtin zu bezahlen, darauf noch irgend etwas durchaus Nötiges zu kaufen, und unbeabsichtigt, wie zufällig, Jedem zu zeigen, daß ihm nach der Abrechnung nichts mehr verblieben, daß er jetzt nichts mehr habe, um der Schwägerin zu schicken, bei der Gelegenheit seine Schwägerin zu beklagen, viel von ihr morgen und übermorgen zu sprechen und in zehn Tagen noch so nebenbei ihrer Armut zu erwähnen, damit die Kameraden es nicht vergäßen. Wie er das aber noch gerade so beschließt, sieht er plötzlich, daß Andrei Jefimowitsch, dieser selbe kleine ewig schweigsame und kahlköpfige Beamte, der in der Kanzlei im dritten Zimmer von Semjon Iwanowitsch seinen Platz hatte, und der ihm in fünfundzwanzig Jahren kein einziges Wort gesagt, dort auf der Treppe neben ihm steht und gleichfalls seine Silberrubel zählt, mit dem Kopf schüttelt und ihm sagt: „Ja ja, das Geld! Wenn kein Geld ist, ist auch kein Brei,“ und wie er die Treppe hinuntergeht, fügt er noch hinzu: „und ich habe sieben Kinder.“ Dabei gab der rothaarige Mensch, augenscheinlich gleichfalls ohne sich darum zu bekümmern, daß er nur ein Gespenst war, mit der Hand die Größe seiner Sprößlinge an, indem er sie eine Elle hoch über dem Fußboden hielt und sie dann ruckweis niedriger senkte; darauf murmelte er noch, daß der Älteste das Gymnasium besuche, blickte dann Semjon Iwanowitsch unwillig an, ganz als ob dieser daran Schuld wäre, daß er ihrer sieben hatte – zog seine Mütze auf die Augen, schlug den Mantel zu, kehrte nach links um und verschwand. Semjon Iwanowitsch erschrak, obgleich er von seiner Unschuld an der Zahl der Sieben unter einem Dach vollständig überzeugt war, aber es kam ihm doch so vor, daß Niemand anders als gerade er die Ursache des Elends sein mußte. Er erschrak, wie gesagt, und fing an zu laufen, denn es schien ihm, daß der rothaarige Schreiber zurückkehrte, ihn verfolgte und ihm durchaus das empfangene Monatsgehalt nehmen wollte, sich auf die unumstößliche Zahl Sieben berief und jegliche Verpflichtung Semjon Iwanowitschs, seine Schwägerin zu unterstützen, einfach ableugnete. Prochartschin lief und lief, der Atem ging ihm aus ... neben ihm liefen eine Menge Menschen und bei allen klapperte Geld in den Taschen: zuletzt liefen alle Menschen, die Feuerwehr stieß in die Trompeten und ganze Volkswellen trugen ihn auf den Schultern zu der Brandstätte, wo er das letzte Mal mit dem Vagabunden gewesen war. Der Vagabund, sonst Herr Simoweikin genannt, befand sich schon dort, empfing ihn feierlich, sorgte sich sehr um ihn, nahm ihn an der Hand und führte ihn mitten in das Gedränge. So wie damals wogte und dröhnte um sie herum die unübersehbare Volksmenge, die sich längs dem Quai der Fontanka auf den zwei Brücken und in allen Straßen und Nebenstraßen der Umgegend anstaute. Ganz wie damals wurden er und der Vagabund auf dem großen Holzplatz wie mit Klammern an einen Zaun gepreßt. Die Zuschauer strömten vom Trödelmarkt und von allen umliegenden Häusern, Scheunen und Baracken herbei. Semjon Iwanowitsch sah und hörte alles wie damals; in seinem Fiebertraum tauchten viele sonderbare Gesichter auf. Er erinnerte sich einiger derselben. Eines von ihnen gehörte dem außerordentlich aufdringlichen Herrn von hohem Wuchs und mit einem meterlangen Schnurrbart, der während des Brandes hinter seinem Rücken gestanden und der ihn aufgemuntert hatte, wenn er seinerseits so etwas wie Begeisterung fühlte, der kühnen Arbeit der Feuerwehr zu applaudieren. Ein anderes Gesicht gehörte dem Burschen, von dem unser Held einen Rippenstoß erhalten hatte, als er im Begriff war, über ihn hinwegzuklettern, um vielleicht irgend jemanden zu retten. Desgleichen tauchte vor ihm die Figur eines Alten auf, der sich noch vor dem Ausbruch des Brandes in die Bude begeben hatte, um Zwieback und Tabak für seinen Mieter einzukaufen, und darauf mit den Sachen in den Händen wie erstarrt dastand und zusehn mußte, wie seine Frau und seine Tochter in Gefahr schwebten, zu verbrennen mitsamt seinen Ersparnissen – fünfunddreißig Rubel, die in der Matratze eingenäht waren. Aber noch deutlicher sah er ein altes Weib – das ihn die ganze Zeit schon in seinen Fantasien verfolgte – in Lumpen, mit einem Krückstock und mit einem Quersack auf dem Rücken. Sie überschrie die Feuerwehr und das Volksgetöse, sie fuchtelte wie wahnsinnig mit dem Krückstock und mit den Armen in der Luft herum, weil man sie von ihren Kindern getrennt und sie dabei zehn Kopeken verloren hatte. Sie schrie und weinte, doch Niemand begriff, was sie haben wollte, auch kümmerte sie sich nicht um den Feuerschaden, nicht um die Menschen, nicht um die Funken und die Asche, die auf sie niederfielen. Plötzlich aber empfand Herr Prochartschin einen furchtbaren Schreck: er sah mit einem Mal, daß auch er nicht dem Unglück entgehn konnte, daß sich dort nicht weit von ihm ein Mann mit feurigem Haar und feurigem Bart erhob und anfing, das ganze Volk auf ihn, Semjon Iwanowitsch, aufzuhetzen. Die Menge wuchs und wuchs, der Mann schrie immer lauter und mit Schrecken erkannte Herr Prochartschin, daß der Mann derselbe Droschkenkutscher war, den er gerade vor fünf Jahren auf eine so unmenschliche Weise betrogen hatte, indem er ohne ihn zu bezahlen durch eine Pforte verschwunden war und sich so schnell als möglich aus dem Staube gemacht hatte. Der verzweifelte Herr Prochartschin wollte sprechen, schreien, aber die Stimme versagte ihm. Er fühlte, wie die ganze Volksmenge ihn wie eine bunte Schlange umwand und zu ersticken drohte. Er nahm seine ganze Kraft zusammen und – erwachte. Da sah er plötzlich, daß alles brannte, seine ganze Ecke, sein Schirm, die ganze Wohnung mit Ustinja Fedorowna und all ihren Winkelmietern, daß sein Bett, sein Kissen, seine Decke, sein Koffer und zuletzt noch seine teure Matratze brannten! Semjon Iwanowitsch sprang entsetzt aus dem Bett, ergriff die Matratze und lief, sie nach sich ziehend, hinaus. Aber im Zimmer der Wirtin, wohin unser Held ohne jegliche Gêne, barfüßig und im Hemd, gelaufen war, ergriff man den Flüchtling und brachte ihn wieder zurück hinter den Bettschirm, dem es natürlich gar nicht einfiel zu brennen, da es ja nur im Kopfe Semjon Iwanowitschs brannte. So packte man ihn denn in sein Bett ein, wie der herumziehende Komödiant sein Kasperle in den Kasten steckt, nachdem es gelärmt, getobt, alle verprügelt, die Seele dem Teufel verkauft hat und nun zusammen mit dem Teufel und all seinen Feinden bis zur nächsten Vorstellung sein Dasein ruhig in der schmutzigen Schachtel verbringen muß.

In feierlichem Kreise umstanden alle sein Lager und sämtliche Gesichter drückten peinliche Erwartung aus. Endlich kam er zu sich: zuerst zerrte er an seiner Decke und plötzlich zog er aus allen Kräften an ihr, wahrscheinlich um sich vor den Blicken seiner mitfühlenden Kameraden zu verbergen; die Decke aber gab nicht nach. Endlich unterbrach Mark Iwanowitsch als Erster das Schweigen, und als kluger Mensch fing er an, vernünftig auf Semjon Iwanowitsch einzusprechen: erstens, daß er sich beruhigen müsse, zweitens, daß es schlecht sei, so zu erkranken, drittens, daß das nur kleine Kinder täten und viertens, daß er gesund werden müsse, um wieder in die Kanzlei gehn zu können. Und Mark Iwanowitsch schloß sogar mit dem Scherz, daß Kranken noch kein festgesetztes Gehalt ausgesetzt worden sei, somit hätte denn seiner Meinung nach solch ein Beruf oder solch ein Zustand nicht einmal einen materiellen Vorteil. Kurz, es war ersichtlich, daß alle sich für das Schicksal Semjon Iwanowitschs interessierten und sich seiner annahmen. Er aber lag, schwieg – was doch eine unverzeihliche Grobheit war – und zog heftig an seiner Decke, um sich endlich ganz zu bedecken. Mark Iwanowitsch hielt sich aber noch längst nicht für besiegt: er faßte sich ein Herz und sagte Semjon Iwanowitsch noch etwas Angenehmes, wie man es ja mit einem kranken Menschen zu tun pflegt. Aber Semjon Iwanowitsch wollte nichts davon bemerken, im Gegenteil, er brummte nur was durch die Zähne und plötzlich schielte er auf eine ganz mißtrauische Weise mit den Augen unter der Stirn hervor nach links und rechts, als wollte er mit seinen Blicken alle, die um ihn herumstanden, vernichten. Da war nichts mehr zu wollen: Mark Iwanowitsch konnte denn auch nicht an sich halten, als er einsah, daß der Mensch sich verschworen hatte, bei diesem Benehmen zu verharren; geärgert und gekränkt erklärte er daher einfach und geradeaus ohne jegliche höflicheren Redewendungen, daß es Zeit wäre, aufzustehn, daß es nicht anginge, immer auf beiden Seiten zu liegen, Tag und Nacht von Feuer, Schwägerinnen, Schlössern, Koffern und weiß der Teufel noch wovon zu schreien, daß das dumm, unanständig und eines Menschen unwürdig wäre, und wenn er, Semjon Iwanowitsch, jetzt nicht ruhig schlafen wollte, so sollte er wenigstens die Anderen nicht daran verhindern. Die Rede tat ihre Wirkung, denn Semjon Iwanowitsch wandte sich plötzlich an den Redner und erklärte mit erstaunlicher Festigkeit, wenn auch mit schwacher und heiserer Stimme:

„Du dummer Junge, Du, halt Deinen Mund! Du schwatzhafter Mensch, Du Schandmaul! Hörst Du, Stiefel! Bist Du etwa ein Fürst? Was verstehst Du denn eigentlich?“ Als Mark Iwanowitsch so etwas hörte, brauste er zuerst auf, aber er sah bald ein, daß er es doch mit einem kranken Menschen zu tun hatte, und war so großmütig, nicht gekränkt zu sein, und so versuchte er denn auch nur, ihn zu beschämen – aber auch das gelang ihm nicht, denn Semjon Iwanowitsch bemerkte sofort, daß er mit sich nicht zu spaßen erlaube und Mark Iwanowitsch doch lieber seine Worte sparen solle. Es folgte ein zwei Minuten langes Schweigen; endlich erholte sich Mark Iwanowitsch von seinem Erstaunen und drückte sich klar, schön und deutlich aus, übrigens mit großer Überlegenheit, daß Semjon Iwanowitsch doch nicht vergessen dürfte, daß er sich unter fremden Menschen befand, und daß „der allergnädigste Herr sich doch besinnen möge, wie man sich unter anständigen Menschen zu betragen habe“. Mark Iwanowitsch verstand es bei Gelegenheit sich schön auszudrücken und das auch seine Zuhörer fühlen zu lassen. Seinerseits sprach Semjon Iwanowitsch, da er ja stets zu schweigen gewohnt war, in einer etwas abgebrochenen Art und Weise, und daher gebar denn, wenn er genötigt war, einmal eine längere Phrase zu sagen, jedes Wort schon beim Entstehen ein anderes Wort und dieses wieder ein drittes und das dritte wieder ein viertes usw., usw., so daß er schließlich den ganzen Mund voll Worte hatte, die dann in der allermalerischsten Unordnung zu Tage kamen. Das war der Grund, warum Semjon Iwanowitsch, der doch sonst ein solider Mensch war, manchmal solch einen Unsinn sprechen konnte.

„Du lügst,“ antwortete er jetzt Mark Iwanowitsch. „Du Lebemann! Wenn Du Geld hast, putzt Du Dich auf, Du Freigeist, Du liederlicher Herumtreiber, Du! Das laß Dir gesagt sein, Du Verseschmied!“

„Sie phantasieren wohl noch, Semjon Iwanowitsch?“

„Ach Du, der Dummkopf phantasiert, der Trunkenbold phantasiert, der Hund phantasiert, aber der Weise dient dem Vernünftigen. Von Geschäften verstehst Du nichts, Du liederlicher Mensch, Du Gelehrter, Du geschriebenes Buch Du! Wenn Du aber brennst, so wirst Du sehn, wie Dir der Kopf abbrennt. Siehst Du jetzt, wie’s ist!?“

„Ja ... das heißt, wie denn ... das heißt, wie meinen Sie, Semjon Iwanowitsch, daß der Kopf ...“

Mark Iwanowitsch beendete seinen Satz nicht, denn es war ja klar, daß Semjon Iwanowitsch noch nicht nüchtern war, sondern phantasierte; die Wirtin konnte denn auch nicht mehr an sich halten und bemerkte, daß das Haus in der Schiefen Gasse von einem rothaarigen Mädchen angezündet worden sei, das mit dem Licht die Dachkammer in Brand gesetzt hätte, sie selbst aber habe nicht gebrannt, und auch ihr Winkel wäre unversehrt geblieben.

„Ja, Semjon Iwanowitsch!“ überschrie Sinowij Prokoffjewitsch außer sich die Wirtin, „Semjon Iwanowitsch, sind Sie solch ein verlorener, naiver Mensch, daß Sie diesen Scherz mit Ihrer Schwägerin oder mit den Examen und den Tänzen ernst genommen haben? Haben Sie das wirklich geglaubt?“

„Nun höre Du jetzt,“ antwortete ihm unser Held und richtete sich, seine letzten Kräfte zusammennehmend, wütend im Bett auf. „Wer ist hier der Narr? Du Hund, Du närrischer Mensch, ich aber werde nicht auf Deinen Befehl Dummheiten machen; hörst Du, dummer Junge, ich bin nicht Dein Diener!“

Semjon Iwanowitsch wollte noch etwas sagen, fiel aber kraftlos auf das Kissen zurück. Alle verloren den Kopf, alle rissen sie den Mund auf und wußten nicht, was sie jetzt anfangen sollten; plötzlich knarrte die Küchentür und gleich darauf steckte auch schon Herr Simoweikin den Kopf durch die Tür und beroch, wie es so seine Art war, vorsichtig den Ort und die Situation.

Alle schienen ihn erwartet zu haben; alle winkten sie ihm zu, schnell zum Bett zu kommen, worüber Simoweikin äußerst erfreut war und sich sofort bereitwilligst, ohne den Mantel abzunehmen, zum Kranken begab.

Man sah es ihm an, daß er die Nächte mehr im wachen Zustande verbrachte. Die rechte Seite seines Gesichtes war irgendwomit verklebt; die angeschwollenen Augenlider waren feucht von seinen eiternden Augen; der Frack und die Kleider waren zerrissen, wobei die ganze linke Seite seiner Kleidung irgendwomit bespritzt war, vielleicht mit Schmutz aus irgendeiner Pfütze. Unter dem Arm trug er eine Geige, die er irgendwohin zum Verkauf brachte. Augenscheinlich hatte man gut getan, daß man ihn zu Hülfe gerufen, denn sofort wußte er, worum es sich handelte und so sagte er denn auch mit der Miene und dem Tone eines Menschen, der weiß, worum es sich handelt:

„Hörst Du Senjka, steh auf! Was tust Du Senjka, weiser Prochartschin, nimm Vernunft an! Werde Dich fortschleppen, wenn Du hier noch so herumrumorst; mach Dich hier nicht so wichtig!“

Solch eine kurze und strenge Rede setzte alle Anwesenden in Erstaunen; aber sie erstaunten noch mehr, als sie bemerkten, daß Semjon Iwanowitsch bei diesen Worten und beim Anblick dieses Gesichts so erschrak und so bescheiden wurde, daß er kaum hörbar und nur durch die Zähne die nötige Erwiderung murmelte.

„Geh fort, Du Unglücklicher,“ sagte er, „Du unglücklicher Dieb Du! Hörst Du, verstehst Du? Ein Protz bist Du, ein protziger Mensch bist Du!“

„Nein, Bruder,“ antwortete in schleppendem Tone Simoweikin, ganz Herr der Situation, „das ist nicht gut, Du weiser Bruder Prochartschin, Prochartschinscher Mensch Du!“ parodierte Simoweikin und schaute sich zufrieden im Kreise um. „Mache keine Stückchen! Beruhige Dich, Senja, beruhige Dich oder sonst werde ich alles erzählen, Brüderchen, verstehst Du?“

Es schien, daß Semjon Iwanowitsch alles verstand, denn er zuckte zusammen, als er den Schluß der Rede hörte und sah plötzlich schnell und mit ganz verlorenem Ausdruck um sich herum. Zufrieden mit dem Effekt seiner Rede, wollte Simoweikin noch fortfahren, aber Mark Iwanowitsch verbot ihm das Geschwätz und man wartete einige Zeit, bis Semjon Iwanowitsch sich beruhigt hatte und wieder still da lag; dann erst sprach er vernünftig auf ihn ein, wie z. B. daß ähnliche Gedanken, wie die, die er soeben in seinem Kopfe hätte, erstens ganz unnütz und zweitens nicht nur unnütz, sondern auch schädlich wären und zu guter Letzt nicht so schädlich, als vielmehr unmoralisch, und die Folge von alledem wäre nur die, daß Semjon Iwanowitsch alle irreführte und seinen Nächsten ein schlechtes Beispiel gab. Von solch einer Rede erwarteten alle nur eine vernünftige Wirkung. Zudem war Semjon Iwanowitsch ganz still und antwortete gemäßigt. Es begann ein kleiner Streit. Man wandte sich brüderlich an ihn und fragte ihn, was ihn denn eigentlich so bedrückte? Semjon Iwanowitsch antwortete nur allegorisch. Man antwortete ihm darauf und Semjon Iwanowitsch antwortete wieder. Man antwortete beiderseits noch einmal, und dann mischten sich alle in das Gespräch, alt und jung, denn man sprach von einem wunderbaren und sonderbaren Gegenstand, so daß man wirklich nicht wußte, wie das alles ausdrücken. Man verlor die Geduld, es kam zu Geschrei und zu Tränen, und Mark Iwanowitsch ging schließlich, mit Schaum vor dem Munde, fort und erklärte, daß er bis jetzt solch einen vernagelten Menschen noch nicht gesehen hätte. Oplewanjeff spuckte, Okeanoff erschrak, Sinowij Prokoffjewitsch weinte Tränen und Ustinja Fedorowna heulte wieder einmal und jammerte, daß sie einen Mieter verliere, weil jener wiederum den Verstand verloren hätte, daß ihr Täubchen, ohne ihr den Paß überlassen zu haben, sterbe, daß sie eine Waise sei und daß die Polizei ihr zu schaffen machen würde. Mit einem Wort, alle sahen es endlich klar ein, daß ihre Aussaat gut gewesen war, daß das, was sie gesät hatten, hundertfältig trug, und daß es ihnen gelungen war, den Verstand Semjon Iwanowitschs auf eine unverbesserliche Weise zu bearbeiten. Alle schwiegen, denn sie sahen, daß Semjon Iwanowitsch sich vor allem fürchtete, und so wurden auch sie ganz kleinlaut und fühlten schließlich Mitleid mit ihm.

„Wie!“ schrie Mark Iwanowitsch, „was fürchten Sie denn so? Worüber sind Sie denn verrückt geworden? Wer denkt denn an Sie, mein Herr? Haben Sie denn überhaupt das Recht, sich so zu fürchten? Wer sind Sie, was sind Sie? Eine Null sind Sie, mein Herr, ein runder Pfannenkuchen, wissen Sie das auch? Weil man ein Weib auf der Straße überfahren hat, glauben Sie, daß man jetzt auch Sie überfahren wird? Weil man einem Trunkenbold Geld aus der Tasche gestohlen hat, glauben Sie, daß man Ihnen gleich den ganzen Rock abreißen wird? Weil ein Haus abgebrannt ist, muß auch bei Ihnen gleich der Kopf abbrennen, wie? Ist es nicht so, mein Herr? Nicht so, Väterchen, nicht so?“

„Du, Du, Du bist dumm!“ murmelte Semjon Iwanowitsch. „Man wird Dir die Nase abbeißen und Du wirst sie auf Deinem Butterbrot verzehren, ohne daß Du’s merkst!“

„Dumm wie ein Stiefel, meinetwegen dumm wie ein Stiefel,“ schrie Mark Iwanowitsch, der die Prophezeiung ganz überhört hatte, „ich bin meinetwegen ein dummer Mensch. Ja, ich habe es ja nicht nötig, Examen zu machen, weder zu heiraten, noch zu tanzen, mir wankt der Boden nicht unter den Füßen! Was Väterchen? Sie finden Ihren Platz nicht, der Boden stürzt unter Ihnen zusammen, wie?“

„Wie, was, fragt man Dich darum? Schließt man sie, so ist sie geschlossen.“

„Was soll man schließen? Was haben Sie da wieder?“

„Den Vagabunden hat man doch abgesetzt ...“

„Abgesetzt! Dafür ist er auch ein Vagabund, Sie und ich sind aber doch – Menschen!“

„Menschen! Ist sie noch oder nicht? ...“

„Was ist noch, oder nicht? Von was für einer ‚sie‘ reden Sie?“

„Sie, die Kanzlei ... die Kan–ze–lei!!!“

„Ja, gesegneter Mensch, Sie! Sie ist doch nötig, Ihre Kanzlei ...“

„Sie ist nötig! fehlt noch! Heute ist sie nötig, morgen ist sie nötig und übermorgen wird sie nicht mehr nötig sein! Siehst Du jetzt, wie’s ist?“

„Aber man gibt Ihnen doch ein jährliches Gehalt?“

„Gehalt? Ich habe das Gehalt aber aufgegessen, Diebe kommen und nehmen das Geld fort; ich habe noch eine Schwägerin, hörst Du? Eine Schwägerin! Verstehst Du, wenn Du nicht vernagelt bist ...“

„Eine Schwägerin! Mensch, Sie ...“

„Mensch, ja, ich bin ein Mensch, Du aber bist mit Dummheit geschlagen, ein vernagelter Mensch bist Du, verstehst Du? Ich spreche schon gar nicht von Deinem Unsinn, den Du schwatzt. Das ist schon solch eine Stelle, wenn es drauf ankommt, wird sie vernichtet. Demid Wassiljewitsch sagt es selbst ...“

„Ach, Sie, Demid, Demid!“

„Ja, er löst sie auf und damit basta und dann sitzt man da ohne Stelle; was wirst Du dann sagen ...“

„Ach, Sie lügen ja einfach nur, oder haben Sie den Verstand verloren? Sagen Sie uns doch einfach, was Ihnen fehlt! Gestehen Sie uns doch Ihre Sünden! Da ist ja nichts sich zu schämen! Oder ist es alle mit dem Verstand, wie, Väterchen?“

„Der Kerl ist wahrhaftig verrückt geworden! Er hat den Verstand verloren!“ tönte es in der Runde und man rang die Hände vor Verzweiflung, die Wirtin aber umfing Mark Iwanowitsch mit beiden Armen, damit er Semjon Iwanowitsch nur nicht weiter quälte.

„Ein Heide bist Du, eine heidnische Seele hast Du, Weiser!“ flehte ihn Simoweikin an; „Senja, Du lieber gutmütiger Mensch, Du! Du bist bescheiden, Du bist gut ... hörst Du? Das kommt von Deiner Großmut; der unordentliche und dumme, das bin ich, der Bettler bin ich! Du hast als guter Mensch mich nicht verlassen, fürchte nichts; Dir wird schon Ehre zuteil werden; Dir und der Wirtin sage ich Dank! Siehst Du, ich mache Dir eine Verbeugung bis zur Erde, siehst Du, siehst Du, ich bezahle meine Schuld, liebe Wirtin!“ Simoweikin machte mit pedantischer Würde rund herum seine Verbeugung bis zur Erde. Semjon Iwanowitsch wollte fortfahren zu sprechen, aber man erlaubte es ihm nicht mehr, alle stürmten auf ihn ein, flehten ihn an, sich zu beruhigen und erreichten zuletzt, daß Semjon Iwanowitsch ganz beschämt und mit schwacher Stimme bat, sich erklären zu dürfen.

„Ja, nun gut,“ sagte er, „ich bin liebenswürdig, angenehm, ruhig, hörst Du, und wohltätig, ergeben und treu; weißt Du, meinen letzten Tropfen Blut, hörst Du, dummer Junge, ... möge sie bestehn, die Stelle; ich bin ja arm; wenn man sie mir nimmt, hörst Du ... schweige jetzt, verstehst Du, man nimmt sie ... und dann, Bruder, ist sie nicht mehr da ... verstehst Du? Und ich, Bruder, mit dieser Summe, hörst Du?“