Sämtliche Werke 20

Part 15

Chapter 152,263 wordsPublic domain

Semjon Iwanowitsch hatte sich nämlich eine sehr schlaue Taktik ausgedacht, mittels der er sich auf anständige Weise des Abends zu den Anderen gesellen konnte, ein Manöver, das dem Leser zum Teil bereits bekannt ist: wenn er sah, daß die Anderen sich zusammentaten, um einen Tee mit Likör oder sonstigen Zutaten zu trinken, so kroch er ganz einfach aus seinem Bett, ging als bescheidener, kluger und liebenswürdiger Mensch zu ihnen und legte seine obligatorischen zwanzig Kopeken auf den Tisch, was bedeuten sollte, daß er sich zu beteiligen wünschte. Die Gesellschaft tauschte darauf verständnisinnge Blicke aus und – Semjon Iwanowitsch wurde einwandlos angenommen. Man bemühte sich zuerst ein anständiges und vernünftiges Gespräch zu führen, darauf wurde aber irgend ein freieres Thema gewählt und allmählich, als ob nichts dabei gewesen wäre, ging man auf die Neuigkeiten über. Nun aber war die Sache die, daß diese Neuigkeiten von dem Erzähler ganz willkürlich erdacht und wiedergegeben wurden. Zum Beispiel erzählte man, wie seine Excellenz Demid Wassiljewitsch gesagt, daß seiner Meinung nach die verheirateten Beamten weit solider wären als die unverheirateten und daher bei der Beförderung den Anderen stets vorzuziehen seien; denn erstens wären sie ruhiger, und zweitens entwickle die Ehe in ihnen viel mehr Fähigkeiten, und darum, fügte der betreffende Erzähler der Nachricht von sich aus hinzu, werde auch er hinfort, um sich auszuzeichnen und etwas erreichen zu können, bemüht sein, sich baldmöglichst mit irgendeiner Fewronja Prokoffjewna zu verehelichen. Oder, zum Beispiel, wie alle bemerkt hätten, daß die Unverheirateten jeglicher angenehmen und guten Manieren eines Weltmannes entbehrten, und deshalb in der Gesellschaft und besonders den Damen nicht gefallen könnten. Um nun ähnlichen Unfug auszurotten, solle von dem Monatsgehalt ein Teil abgezogen werden, und zwar zur Errichtung eines Saales, in dem man das Tanzen erlernen, und bei der Gelegenheit Anstand, gute Manieren, Höflichkeit, Ehrfurcht vor dem Alter, einen festen Charakter, ein gutes Herz und weiß Gott was sonst noch alles erwerben könnte. Ja, es hieße sogar, sagte der Erzähler, daß die Beamten, besonders die älteren und allerältesten, ein Examen in allen Fächern würden ablegen müssen, um schneller einen vorschriftsmäßigen Bildungsgrad zu erreichen und daß infolgedessen viele von ihnen ihre Karten aus der Hand legen müßten ... mit einem Wort, es wurden tausend solcher sinnloser Sachen besprochen, und man tat, als ob man im Ernst an sie glaubte, als ob man selbst davon betroffen wäre: einige machten eine traurige Miene, andere wiegten bedenklich das Haupt und fragten um Rat, was sie tun sollten, um diesem Schicksal zu entgehn? Es versteht sich von selbst, daß ein anderer Mensch, der nicht so gutmütig und ruhig gewesen wäre, wie Herr Prochartschin, sich in das allgemeine Gespräch eingemischt und erklärt haben würde, mit ihren Ansichten nicht übereinstimmen zu können. Aber augenscheinlich war Semjon Iwanowitsch viel zu stumpfsinnig und beschränkt, um einen neuen Gedanken, an den sich sein Verstand noch nicht gewöhnt hatte, sofort zu erfassen, und so war er denn, wenn er einmal irgendwo einen neuen Gedanken hörte, genötigt, ihn erst wochenlang zu bedenken und zu verdauen, um seinen Sinn zu begreifen; gewöhnlich aber verwickelte er sich bei dieser Prozedur dermaßen, daß er ihn dann schließlich nur auf eine ganz besondere, nur ihm eigene Weise überwinden konnte. Infolge dieser Gespräche entpuppten sich bei Semjon Iwanowitsch plötzlich ganz eigenartige und ganz unvorhergesehene Eigenschaften ... Diese Gespräche mit Variationen und Zulagen wurden später sogar in seiner Kanzlei bekannt. Besonderes Aufsehn erregte aber die eine Tatsache, daß Herr Prochartschin, der seit undenklichen Zeiten immer ein und dasselbe Gesicht gehabt hatte, plötzlich um nichts und wieder nichts seine Physiognomie ganz und gar veränderte: sein Gesicht wurde unruhig und er blickte scheu und mißtrauisch um sich; wenn er ging, trat er leise auf, schrak oft zusammen, und mit einem Male liebte er es über alles, sozusagen zur Vollendung seiner neuen Eigenschaften, die Wahrheit zu erforschen. In der Liebe zur Wahrheit brachte er es schließlich so weit, daß er es wagte, sich bei Demid Wassiljewitsch, seinem Chef, selbst nach der Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte zu erkundigen, und wenn ich die Folgen dieses Wagnisses verschweige, so geschieht das nur, um Semjon Iwanowitschs Reputation zu schonen. So fanden denn alsbald seine sämtlichen Kollegen, daß er ein Misantrop wäre und den gesellschaftlichen Anstand verachtete. Auch fanden sie, daß viel Phantastisches an ihm war, und auch darin hatten sie Recht; es fiel allgemein auf, daß Semjon Iwanowitsch sich manchmal ganz vergessen konnte, mit offenem Munde unbeweglich und versteinert dasaß und die Feder in der Luft hielt, so daß er mehr dem Schatten eines denkenden Menschen, als einem denkenden Menschen selbst glich. Auch kam es nicht selten vor, daß irgend einer der stumpfenden Schreiber, wenn er plötzlich seinem unruhigen und suchenden Blick begegnete, zusammenfuhr, erzitterte und auf das zu beschreibende Papier ein ganz unnötiges Wort niederschrieb. Die Unzulässigkeit seines Benehmens beunruhigte und beleidigte aufrichtig viele anständige Leute ... Als sich aber an einem schönen Morgen in der Kanzlei das Gerücht verbreitete, daß Herr Prochartschin sogar seinen Bureauchef Demid Wassiljewitsch erschreckt, sich nämlich bei einer Begegnung im Korridor dermaßen eigenartig und sonderbar benommen hatte, daß dieser genötigt gewesen war, ihm auszuweichen, da war man allgemein überzeugt, daß die Entwicklung seines Geistes eine gefährliche Richtung eingeschlagen hatte. Dieses Gerücht kam auch schließlich ihm zu Ohren. Als er es hörte, stand er auf, ging vorsichtig an allen Tischen und Stühlen vorüber, erreichte das Vorzimmer, nahm eigenhändig seinen Mantel vom Kleiderständer, zog ihn an, ging hinaus und – verschwand. Warum er verschwand? Wer kann das wissen! Ob er den Mut vollständig verlor oder ihn etwas anderes fortzog, das mag dahingestellt sein. Jedenfalls war er weder zu Hause noch in der Kanzlei zu finden.

Ich werde nicht das Schicksal Semjon Iwanowitschs durch seine phantastischen Neigungen zu erklären versuchen, doch muß ich bemerken, daß unser Held – nichts weniger als ein Weltmann war, denn früher, als er noch auf den „Peski“ wohnte, d. h. als er noch nicht in diese Kompagnie der Winkelbewohner geraten war, hatte er in einer dumpfen, undurchdringlichen Einsamkeit gelebt. Fast geheimnisvoll kam er einem vor, denn er hatte die ganze Zeit über nur auf seinem Bett hinter dem Schirm gelegen und geschwiegen und zu Niemandem in Beziehung gestanden. Seine beiden alten Miteinwohner, Ustinja Fedorowna sowie der Verstorbene, lebten ebenso zurückgezogen wie er; beide schienen sie nicht weniger geheimnisvoll zu sein, beide lagen sie gleichfalls fünfzehn Jahre lang hinter den Schirmen. In patriarchalischer Ruhe zogen sich die glücklichen dämmerigen Tage und Stunden hin und da alles um sie herum in derselben Ordnung seinen Gang nahm, so erinnerten sich später weder Semjon Iwanowitsch noch Ustinja Fedorowna genau, wann das Schicksal sie eigentlich zusammengeführt hatte. „Ob es zehn Jahre her sind oder schon fünfzehn Jahre, oder vielleicht sogar schon fünfundzwanzig,“ sagte sie ihren neuen Mietern, „daß er, mein Täubchen, bei mir nistet und ich ihm die Seele wärme – wer kann’s wissen?“ – Und darum war es nur natürlich, daß sie äußerst unangenehm erstaunt war, als sich der Held unserer Erzählung, ihr solider, bescheidener Liebling, vor einem Jahr in die Gesellschaft der neuen Winkelbewohner, dieser lärmenden und unruhigen zehn „jungen Kinder“, einmischte.

Das Verschwinden Semjon Iwanowitschs verursachte nicht wenig Aufsehen in den Winkeln. Allein schon, weil er der Günstling Ustinja Fedorownas war und sodann, weil es sich erwies, daß sein Paß, den bis jetzt sie als Wirtin aufbewahrt hatte, plötzlich verschwunden war. Ustinja Fedorowna schluchzte natürlich – was sie in allen kritischen Augenblicken zu tun pflegte; den Einwohnern machte sie zwei ganze Tage lang Vorwürfe, daß sie ihn wie ein armes Küken verjagt hätten, daß sie ihn umgebracht hätten „alle diese bösen Spötter“ und – am dritten Tage jagte sie alle hinaus, ihn zu suchen, mit dem Befehl, den Flüchtling tot oder lebendig einzufangen. Gegen Abend kam als erster der Schreiber Ssudjbin zurück und erklärte, daß er auf seiner Spur wäre, daß er den Flüchtling auf dem Trödelmarkt und noch an anderen Stellen gesehen hätte, daß er ganz in seiner Nähe gestanden beim Feuerschaden in der „schiefen Gasse“, es aber nicht gewagt hätte, ihn anzureden. Eine Stunde darauf erschienen Okeanoff und Kantareff und bestätigten Ssudjbins Aussagen Wort für Wort: auch sie hätten nicht weit von ihm gestanden, ihn anzureden hätten aber auch sie nicht gewagt, und beide hätten sie bemerkt, daß Semjon Iwanowitsch mit dem bekannten Trunkenbold Simoweikin gegangen wäre. Dieser Vagabund war ein schlechter, schmeichlerischer Mensch, der auf Semjon Iwanowitsch ersichtlich einen schlechten Einfluß hatte. Er tauchte gerade eine Woche vor dem Verschwinden Semjon Iwanowitschs mit seinem Freunde Remneff auf, lebte einige Zeit in den Winkeln und erzählte allen, daß er um der Wahrheit willen litt, daß er früher in der Provinz gedient hätte, dann aber, als der Revisor gekommen war, samt seinen Genossen um der Wahrheit willen verjagt worden wäre, daß er dann nach Petersburg gekommen und Porfirij Grigorjewitsch fußfällig gebeten hätte, ihn durch seine Fürsprache in einer Kanzlei unterzubringen, aber daß man ihn, dank seines grausamen Schicksals, auch von dort wieder entfernt hätte, woran nur die Kanzlei die Schuld trüge; in die neugebildete Gesellschaft der Beamten nehme man ihn aber nicht auf, einesteils wegen seiner Unfähigkeit zum Dienst überhaupt, und andrerseits wegen seiner Neigung zu einer anderen, ganz nebensächlichen Sache, – alles zusammen genommen aber doch nur wegen seiner Liebe zur Wahrheit und zu guter Letzt auch noch infolge der Ränke seiner Feinde. Nachdem Herr Simoweikin die Erzählung seiner Lebensgeschichte beendet hatte, während welcher er die ganze Zeit über seinem unrasierten Freunde zugeblinzelt hatte, verabschiedete er sich der Reihe nach von allen, die im Zimmer anwesend waren, auch Awdotja, die Magd, nicht ausgenommen, nannte sie alle seine Wohltäter und sagte noch zum Schluß, daß er allein ein unwürdiger, gemeiner, unsolider und dummer Mensch wäre, und daß gute Menschen sein trauriges Schicksal nicht bemitleiden sollten. Nachdem er dann alle um Schutz angefleht hatte, wurde Herr Simoweikin froh und lustig, küßte Ustinja Fedorowna sogar die Hand, ungeachtet ihrer bescheidenen Versicherungen, daß ihre Hand eine einfache, keine adlige Hand wäre, und versprach am Abend der ganzen Gesellschaft sein Talent in einem besonderen charakteristischen Tanze zu zeigen. Aber am darauffolgenden Tage wurde er vor die Tür gesetzt, – vielleicht weil sein Charaktertanz zu viel Charakter gehabt oder weil er Ustinja Fedorowna nach ihren Worten „beleidigt und erniedrigt“ hatte, sie aber, die selbst mit Jaroslaff Iljitsch bekannt war, folglich, wenn sie nur gewollt, schon längst die Frau eines Oberleutnants hätte sein können. Er ging, kehrte aber wieder zurück, wurde jedoch wieder als ehrlos vertrieben. Da bat er denn Semjon Iwanowitsch, sich seiner anzunehmen, nahm ihm so nebenbei seine neuen Hosen ab und erschien dann in der Eigenschaft als Verführer Semjon Iwanowitschs wieder auf der Bildfläche.

Als nun die Wirtin hörte, daß Semjon Iwanowitsch noch lebte und gesund war, und daß man somit seinen Paß nicht mehr zu suchen brauchte, ließ sie das Trauern und beruhigte sich allmählich. Da fiel es aber einem von der Kompagnie ein, dem Entlaufenen einen feierlichen Empfang zu bereiten, und sofort waren alle dabei: sie öffneten den Riegel des Bettschirmes, hoben ihn etwas weiter ins Zimmer, durchwühlten ein wenig das Bett, nahmen den bekannten Koffer und legten ihn quer auf die Fußstelle des Bettes; darauf machten sie aus den alten Kleidern der Wirtin, aus einem Tuch, einer Haube und einem Schlafrock die „Schwägerin aus Twerj“ und legten diese Puppe „zur Erholung von der Reise“ auf das Lager des Entlaufenen. Bei seiner Ankunft wollten sie ihm dann mitteilen, daß seine Schwägerin angekommen wäre und sich in seiner Ecke eingerichtet hätte. Sie warteten und warteten aber vergeblich! Bis Mitternacht hatte in der Erwartung Mark Iwanowitsch schon seine halbe Monatsgage an Kantareff und Prepolowenko verspielt. Awdotja, die Magd, hatte sich schon vollkommen ausgeschlafen und war bereits zweimal von ihrem Bett aufgestanden, um den Ofen zu heizen. Sinowij Prokoffjewitsch war bis auf die Haut durchnäßt, da er immer wieder auf den Hof hinausgelaufen war, um nachzusehn, ob nicht Semjon Iwanowitsch endlich kam; aber es erschien Niemand: weder Semjon Iwanowitsch, noch der Simoweikin. Endlich legten sich alle schlafen und ließen für alle Fälle die Schwägerin auf seinem Bett. Erst um vier Uhr nachts wurde an die Pforte geklopft, und zwar so heftig, daß alle Erwartenden für ihre Mühen reichlich belohnt waren. Das war er, er selbst, Semjon Iwanowitsch, Herr Prochartschin, nur befand er sich in solch einem Zustande, daß alle entsetzt die Mäuler aufsperrten und keiner von ihnen mehr an die Schwägerin dachte. Der Verlorengegangene war ganz durchnäßt und besinnungslos. Ihn brachte, oder richtiger gesagt, trug auf den Schultern ein zerlumpter Droschkenkutscher. Auf die Frage der Wirtin, wo sich denn der Arme so betrunken hatte, antwortete jener: „Betrunken ist er nicht und ist es auch gar nicht gewesen; das kann ich Dir schon versichern, wahrscheinlich hat ihn eine Ohnmacht überfallen oder ein Krampf, oder der Schlag hat ihn gerührt.“ Man untersuchte ihn, brachte den Schuldigen an den Ofen, und überzeugte sich, daß er weder betrunken, noch vom Schlag gerührt war, sondern daß ihn irgend eine andere Sünde überfallen haben mußte. Auch konnte Semjon Iwanowitsch seine Zunge nicht bewegen, ihn schüttelte nur ein Fieberfrost und er blinkerte mit den Augenlidern und stierte erstaunt den einen oder anderen Zuschauer in ihren Nachtkostümen an. Man fragte darauf den Kutscher, woher er ihn gebracht? „Von irgend woher“ antwortete dieser, „der Henker weiß woher, Herren sind nicht Herren, wenn sie spazieren gegangen und lustige Herren sind; haben sie sich geprügelt oder sonst was, Gott weiß es, was für welche es waren, lustige Herren sind gute Herren!“ Man trug Semjon Iwanowitsch auf sein Bett. Als Semjon Iwanowitsch aber seine „Schwägerin“ berührte und seinen geliebten Koffer wiedersah, da schrie er auf, bedeckte ihn mit seinem Körper, mit seinen Händen und starrte die Anwesenden mit verzweifeltem, aber sonderbar entschlossenem Blick an; dieser Blick schien auszudrücken, daß er eher zu sterben bereit war, als auch nur den hundertsten Teil seiner armseligen Habe irgend jemandem abzutreten ...