Sämtliche Werke 20

Part 14

Chapter 143,105 wordsPublic domain

Wie, was? Ich hätte es doch wissen müssen, daß sie es tun würde. Hätte es wissen müssen? Nein. Ich war so weit Egoist, achtete die Menschen im Grunde so wenig, daß ich von ihr niemals so etwas erwartet hätte. Das ertrug ich nicht! Einen Augenblick später stürzte ich mich wie ein Sinnloser in meine Kleider, zog mir an, was mir in die Hände kam, und lief atemlos hinaus – ihr nach. Sie hätte noch keine zweihundert Schritte gegangen sein können, als ich hinaustrat.

Es war ganz still auf der Straße, es schneite; die schweren Flocken fielen fast senkrecht zur Erde und bedeckten den Fußsteig und die einsame Straße mit weichen, weißen Schneekissen. Kein Mensch war rings zu sehn, kein Laut zu hören ... nur Schnee. Wehmütig und nutzlos schimmerten die Laternen. Ich lief an zweihundert Schritt, – bis zur Querstraße und blieb stehn.

Wohin war sie gegangen? Und warum lief ich ihr nach?

Warum? Um vor ihr niederzufallen, vor Reue zu weinen, ihre Füße zu küssen, um ihre Vergebung zu erflehen! Das, gerade das wollte ich. Meine ganze Brust riß sich entzwei! Niemals, niemals werde ich gleichmütig an diesen Augenblick zurückdenken können. Aber, – wozu? fragte ich mich. Werde ich sie denn nicht vielleicht morgen schon hassen, weil ich ihr heute die Füße geküßt? Werde ich ihr denn Glück bringen? Habe ich denn heute nicht wieder, schon zum hundertsten Mal, erkannt, was ich wert bin? Werde ich sie denn nicht totquälen!

Ich stand im Schnee, starrte in die trübe Dunkelheit und dachte darüber nach.

„Und ist es nicht besser, ist’s nicht besser,“ fragte ich mich noch oftmals, wenn ich später in den folgenden Jahren zu Hause mit Phantasieen das lebendige Weh im Herzen betäuben wollte, „ist es nicht besser, daß sie auf ewig die Beleidigung mit sich forttrug? Beleidigung – ist doch Läuterung; das ist die allerätzendste und schmerzhafteste Erkenntnis. Schon am nächsten Tage würde ich ihre Seele beschmutzt und ihr Herz ermüdet haben. Die Beleidigung aber wird niemals in ihr erlöschen und wie gemein auch der Schmutz, der sie umgibt, sein mag, – die Beleidigung wird sie erheben und läutern ... durch Haß ... hm! ... vielleicht auch durch Vergebung ... Aber wird es ihr denn davon leichter werden?“

Und sagt mir doch – jetzt will ich von mir aus noch eine müßige Frage stellen: was ist besser, – billiges Glück, oder erhabenes Leid? Nun, was ist besser?

Sie stieg in mir auf, als ich an jenem Abend halbtot vor Seelenqual bei mir zu Hause saß. Niemals noch hatte ich solch ein Leid, solch eine Reue empfunden. Aber wie hätte denn, als ich hinaus- und ihr nachlief, noch irgend ein Zweifel darüber bestehn können, daß ich nicht auf halbem Wege umkehren und zurückkommen würde!?

Lisa habe ich nie mehr gesehn und auch nie etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, daß mich die _Phrase_ von der Beleidigung und dem Haß auf lange beruhigte, obgleich ich damals vor Leid fast krank wurde.

Selbst jetzt noch nach so langen Jahren scheint mir vieles in der Erinnerung schlecht, aber ... Übrigens, sollte ich nicht hier meine „Aufzeichnungen“ beenden? Ich glaube, es war falsch von mir, daß ich sie überhaupt zu schreiben begann. Wenigstens habe ich mich während des Schreibens die ganze Zeit geschämt: also ist das nicht mehr Literatur, sondern Selbstgeißelung. Denn lange Geschichten erzählen zum Beispiel darüber, wie ich mein Leben verfehlt habe durch moralische Verwesung in meinem Dunkel, durch den gänzlichen Mangel oder vielleicht auch nur ein zu Wenig an Mittelmäßigkeit, durch Entwöhnung von allem Lebendigen und durch all die Bosheit, die ich gepflegt, – das ist, bei Gott, alles andere, nur nicht unterhaltend. In einem Roman muß es einen Helden geben, hier aber findet man alle Eigenschaften eines Anti-Helden. Und die Hauptsache ist, daß das Ganze einen äußerst unangenehmen Eindruck macht. Haben wir uns doch alle vom Leben entwöhnt, alle lahmen wir, alle, – natürlich mehr oder weniger. Wir sind es ja sogar dermaßen nicht mehr gewohnt, daß uns mitunter vor dem wirklichen „lebendigen Leben“ Ekel erfaßt, und darum ärgert es uns, wenn wir an dasselbe erinnert werden. Sind wir doch sogar so weit gekommen, daß wir das wirkliche „lebendige Leben“ fast für Mühe, für eine Last, fast für Dienst halten, und im Geheimen sind wir vollkommen einig, daß es besser ist, literarisch zu leben. Und warum nur krabbeln wir herum, was wollen wir denn eigentlich? Das wissen wir ja selbst nicht. Wehe uns, wenn unsere einfältigen Bitten in Erfüllung gingen! Nun, möge man es doch einmal versuchen und uns z. B. größere Freiheit geben, einerlei wem von uns einmal die Hände befreien, das Arbeitsfeld vergrößern, die Vormundschaft zurückziehen, und wir ... ja, ich versichere Ihnen, meine Herren: wir würden sofort wieder um eine Vormundschaft bitten. Ich weiß, daß Sie sich wegen dieser Behauptung maßlos über mich ärgern und mir wütend zuschreien werden:

„Reden Sie von sich und von Ihrer Misère so viel Sie wollen, aber unterstehn Sie sich nicht, ‚wir alle‘ zu sagen!“

Erlauben Sie, meine Herren, ich will mich doch mit diesem „wir alle“ keineswegs etwa rechtfertigen!

Was aber mich speziell hierbei anbetrifft, so habe ich in meinem Leben bloß das bis zum Äußersten geführt, was Sie nicht einmal bis zur Hälfte zu führen wagen. Und diese Ihre Feigheit halten Sie ja noch für Vernunft und trösten sich noch mit ihr, – sehen aber nicht ein, daß das Selbstbetrug ist. So stellt es sich heraus, daß ich schließlich noch lebendiger bin, als Sie, meine Herren. So blicken Sie doch nur aufmerksamer um sich! Wir wissen ja nicht einmal, wo das Lebendige jetzt lebt, was es eigentlich ist und wie es heißt. Man versuche es doch: lasse uns allein, nehme uns die Bücher, und wir würden uns sofort verlieren und verirren, würden nicht wissen, an wen uns anschließen, an was uns halten, was lieben und was hassen, was hochachten und was verachten. Es ist uns ja sogar lästig, Menschen zu sein, Menschen mit wirklichem, _eigenem_ Leib und Blut. Wir schämen uns unseres Leibes, halten das Natürliche für Schande und wollen irgend welche noch nie dagewesene Allmenschen sein. Wir sind Totgeborene – werden wir doch schon lange nicht mehr von lebendigen Vätern geboren ... und das gefällt uns ja sogar immer mehr und mehr! Unser Geschmack gewöhnt sich daran. Bald werden wir uns ausdenken, irgendwie von der Idee geboren zu werden. Doch jetzt genug damit. Ich will nicht mehr „aus dem Dunkel“ schreiben.

* * * * *

Übrigens sind hiermit die Aufzeichnungen dieses paradoxen Menschen noch nicht beendet. Er konnte es nicht lassen, und fuhr daher fort, zu schreiben. Aber auch mir will es scheinen, daß man vorläufig hier abbrechen kann.

Herr Prochartschin.

Eine Erzählung.

In der Wohnung Ustinja Fedorownas hatte sich im allerdunkelsten und bescheidensten Winkel Semjon Iwanowitsch Prochartschin eingemietet, ein älterer, nüchterner und vernünftig denkender Mensch. Da Herr Prochartschin bei seinem kleinen Posten ein nur seinen dienstlichen Fähigkeiten entsprechendes Gehalt bezog, so konnte Ustinja Fedorowna auf keine Weise mehr als fünf Rubel monatlich für diesen Winkel von ihm verlangen. Einige behaupteten, sie hätte dabei eine besondere Berechnung gehabt; aber wie dem auch war, jedenfalls wurde Herr Prochartschin all diesen bösen Zungen zum Trotz ihr Günstling – eine Auszeichnung, die nur in anständigem und ehrenhaftem Sinne zu verstehn ist. Ich muß hier bemerken, daß Ustinja Fedorowna eine sehr achtenswerte und wohlbeleibte Dame war, die einerseits eine besondere Vorliebe fürs Essen und Kaffeetrinken hatte, und andrerseits dann wieder übermäßiges Fasten liebte, eine Dame, die bei sich etliche solcher Winkelmieter hatte, und zwar sogar mehrere, die das Doppelte von dem zahlten, was sie von Semjon Iwanowitsch erhielt, und die, wenn sie nicht friedlich waren – denn sie waren alle bis auf den Letzten „böse Spötter“ – sehr in ihrer Achtung fielen, so daß sie diese Herren, wenn sie nicht ihr Logis bezahlt hätten, nicht nur nicht bei sich aufgenommen, sondern auch nicht einmal in ihrer Wohnung empfangen haben würde. Zum Günstling wurde Semjon Iwanowitsch erst, nachdem man den „Einen“ auf den Friedhof gebracht hatte. Dieser „Eine“ außer Diensten hatte es aber, obgleich er nur ein Auge und ein einziges Bein besaß, die er nach seinen Worten alle beide aus Tapferkeit verloren, nichtsdestoweniger verstanden, die Geneigtheit Ustinja Fedorownas zu erringen. Und wahrscheinlich wäre er noch lange ihr allertreuester Gehilfe und Pensionär geblieben, wenn er sich nicht bedauerlicher Weise zu Tode getrunken hätte. Aber das war schon früher gewesen, als Ustinja Fedorowna noch auf den Peski[4] wohnte und nur drei Mieter hatte, von denen ihr dann später beim Umzug in die neue Wohnung, in der sie sich auf weit größerem Fuße einrichtete und wo sie zehn Pensionäre hielt, nur Herr Prochartschin gefolgt war.

Ob nun Herr Prochartschin unverbesserliche Mängel hatte, oder ob nun an seinen Kameraden die Schuld lag, jedenfalls konnte man sich, wie es schien, beiderseits von Anfang an nicht gut verstehn. Hierbei sei erwähnt, daß alle neuen Mieter Ustinja Fedorownas unter einander wie die leiblichen Brüder lebten; einige von ihnen dienten sogar zusammen und alle verspielten sie ihr Monatsgehalt schon am ersten, wenn sie sich zum Kartenspiel zusammentaten; sie freuten sich auch zusammen ihres Lebens „in den schäumenden Augenblicken des Erdendaseins“, wie sie sich ausdrückten, und sie liebten es, vom Hohen und Erhabenen zu sprechen, obgleich sich bei diesem Thema nie ein Streit vermeiden ließ; da aber Vorurteile in ihrer Gesellschaft verpönt waren, so wurde die allgemeine Harmonie doch nie dabei ganz aufgehoben. Von diesen Winkelmietern waren besonders bemerkenswert: Mark Iwanowitsch, ein kluger und belesener Mensch; darauf Oplewanjeff, Prepolowenko – gleichfalls ein bescheidener und guter Mensch –, dann Sinowij Prokoffjewitsch, dessen Ideal es war, in die höhere Gesellschaft zu kommen; zuletzt seien noch erwähnt der Schreiber Okeanoff – der seiner Zeit Semjon Iwanowitsch Prochartschin beinahe die Siegespalme des Bevorzugten und Günstlings streitig gemacht hätte –, Ssudjbin, Kantareff und noch andere. Allen diesen Leuten war Semjon Iwanowitsch scheinbar kein Kamerad. Böses wünschte ihm zwar keiner von ihnen, umsoweniger, als sie gleich von Anfang an Prochartschin Gerechtigkeit widerfahren ließen und mit den Worten Mark Iwanowitschs vollkommen übereinstimmten, nämlich daß Prochartschin ein friedlicher und guter Mensch sei – allerdings kein Weltmann, dafür aber auch kein Schmeichler –, daß er natürlich seine Fehler habe, im Übrigen aber, falls er einmal leiden sollte, dieses doch nur wegen gänzlichen Mangels eines persönlichen Vorstellungsvermögens geschehen könnte. Doch nichtsdestoweniger konnte Herr Prochartschin, obgleich man ihn auf diese Weise ungefragt eines eigenen Vorstellungsvermögens beraubt hatte, weder mit seiner Figur, noch mit seinen Manieren jemanden von einem für ihn günstigen Standpunkte aus in Erstaunen setzen, worüber die Spötter sich dann andrerseits natürlich gleich zu belustigen hatten. Aber, wie gesagt, Mark Iwanowitsch, die Autorität in höheren Fragen, hatte ja öffentlich und formell Semjon Iwanowitsch in den Schutz genommen, und ziemlich geschickt in einem schönen, blütenreichen Stil erklärt, daß Prochartschin ein erfahrener und solider Mensch sei, der schon längst alles Elegische und Romantische im Leben abgestreift hätte. Also trug denn doch Semjon Iwanowitsch, wenn er sich mit den anderen nicht einzuleben verstand, ganz allein die Schuld daran.

Was allen zuerst auffiel, war zweifellos Semjon Iwanowitsch’s sparsame Haushaltung und sein schmutziger Geiz. Das bemerkte man gar bald und setzte es ihm dann auch sofort auf die Rechnung. Semjon Iwanowitsch konnte z. B. niemals und niemandem seine Teekanne leihen, wenn auch nur auf einen Augenblick; und das war um so mehr unrecht von ihm, als er selbst fast nie Tee trank, sondern nur zuweilen, wenn er dessen sehr bedurfte, einen angenehmen Aufguß von Kamillentee und anderen heilsamen Kräutern, von denen er große Vorräte bei sich aufbewahrte, in dieser Teekanne zu kochen pflegte. Übrigens speiste er auch nicht so, wie die anderen Mieter. Niemals z. B. erlaubte er sich das ganze Mittagessen, das Ustinja Fedorowna täglich ihren Pensionären verabfolgte, zu verspeisen. Das Mittagessen kostete fünfzig Kopeken; Semjon Iwanowitsch aß aber nur für fünfundzwanzig Kopeken und überstieg diese Summe kein einziges Mal. Er aß entweder die Kohlsuppe mit Piroggen oder den Braten, – und sehr oft aß er weder das Eine noch das Andere, sondern irgend einen Mehlbrei mit Zwiebeln oder saure Milch mit gesalzener Gurke, was weit billiger war. Wenn er aber seine natürlichen Instinkte nicht mehr überwinden konnte, so kehrte er wieder zu seiner halben Portion Mittagessen zurück ...

Ich muß gestehen, daß ich mich niemals entschlossen hätte, von solchen niedrigen und sogar peinlichen Einzelheiten zu sprechen, wenn nicht diese kleinen Einzelheiten gerade ein vorherrschender Charakterzug des Helden meiner Erzählung gewesen wären; denn Herr Prochartschin war längst nicht so geizig – wie er es selbst manchmal behauptete –, um sich eine regelmäßige und gute Kost zu versagen, sondern er tat es, ohne dabei die Kritik der anderen zu fürchten, bloß zur Befriedigung seiner sonderbaren Launen; das waren: Sparsamkeit und übertriebene Vorsicht. Auch kann ich nicht unterlassen zu bemerken – ich berufe mich hier nur auf die Aussagen Ustinja Fedorownas –, daß er sich in seinem ganzen Leben nicht entschließen konnte, seine Wäsche waschen zu lassen oder wenigstens sich so selten dazu entschloß, daß man sich mitunter zweifelnd fragen mußte, ob Semjon Iwanowitsch überhaupt Wäsche trug. Wie sie sagte, hat Semjon Iwanowitsch ihr „Täubchen“ zweimal zehn Jahre lang bei ihr einen Winkel gewärmt, Scham kannte er nicht, denn es fehlte ihm nicht nur sein ganzes Erdenleben hindurch immerwährend an Socken, Taschentüchern und anderen unentbehrlichen Gegenständen der Leibesnotdurft, sondern „ich selbst, Ustinja Fedorowna, habe mit eigenen Augen gesehn, dank der Altersrisse des großen Bettschirms, daß er, mein Täubchen, nicht einmal etwas hatte, um sein weißes Körperchen zu bedecken“. Solche Gerüchte verbreiteten sich aber erst nach dem Tode Semjon Iwanowitschs, denn zu seinen Lebzeiten – und das war eine der Hauptursachen aller Zwistigkeiten – konnte er es unter keinen Umständen vertragen, ungeachtet der kameradschaftlichsten Beziehungen, daß irgend jemand seine neugierige Nase in seinen Winkel steckte und wenn auch nur infolge der Risse des alten Bettschirms. Er war ein schweigsamer, unzugänglicher Mensch, der sich auf keine unnütze Unterhaltung einließ. Ratgeber liebte er in keinerlei Gestalt, Vorwitzige aber noch weniger, und konnte er einmal einen von ihnen auf der Stelle packen, so ließ er ihn nicht früher wieder los, als bis er ihm ordentlich die Wahrheit gesagt hatte. „Du dummer Junge Du, behalte Deine Ratschläge für Dich, sieh mal erst in Deine Tasche, mein Herr, und zähle lieber nach, was Du hast!“ Semjon Iwanowitsch war ein einfacher Mensch und sagte zu allen ausnahmslos Du. Auch konnte er es nicht leiden, wenn irgend jemand, der seine Gewohnheiten kannte, nur zum Scherz oder aus Unart ihn fragte, was er denn eigentlich in seinem Koffer aufbewahrte ... Semjon Iwanowitsch besaß nämlich einen sonderbaren Koffer: er stand bei ihm unter dem Bett und wurde von ihm wie ein Augapfel behütet. Obgleich es alle wußten, daß in ihm außer alten Lappen, außer zwei oder drei Paar alter, vertragener Stiefel und überhaupt allem möglichstem Kram so gut wie gar nichts enthalten war, schätzte Herr Prochartschin dieses sein bewegliches Mobiliar doch sehr hoch; ja, einmal ließ er sogar etwas von seiner Absicht verlauten, das alte, aber sehr starke Schloß des Koffers durch ein neues Schloß deutscher Arbeit, das verschiedene kniffliche Sicherheitsvorrichtungen und heimliche Federn haben sollte, zu ersetzen. Als einmal Sinowij Prokoffjewitsch infolge seiner jugendlichen Unbedachtsamkeit einen sehr taktlosen, ja groben Verdacht äußerte, nämlich, daß Semjon Iwanowitsch wahrscheinlich in seinen Koffer hineinsparte, um seinen „Nachkommen“ etwas zu hinterlassen, da waren alle anwesenden Winkelmieter angesichts der außergewöhnlichen Folgen dieser Unbedachtsamkeit Sinowij Prokoffjewitschs einfach sprachlos. Erstens konnte Herr Prochartschin auf solch eine grobe Bemerkung nicht sofort eine anständige Erwiderung finden. Dann aber stürzten über seine Lippen nur Worte ohne jeglichen Zusammenhang, und erst nach langer Zeit konnte man endlich erraten, daß Semjon Iwanowitsch den Sinowij Prokoffjewitsch wegen einer altvergangenen schmutzigen Angelegenheit beschimpfte; darauf prophezeite Semjon Iwanowitsch, daß Sinowij Prokoffjewitsch nie in die höhere Gesellschaft gelangen und ihn der Schneider, dem er noch einen Anzug schuldete, einfach durchprügeln würde, unbedingt gerade durchprügeln, da der „dumme Junge“ doch nicht bezahlen könnte; und „Du dummer Junge“ fügte Semjon Iwanowitsch hinzu, „Du willst zu den Husaren übergehn, aber sieh, ich sage Dir, das wird Dir nicht gelingen, da hast Du es, Du dummer Junge, und so wie die Obrigkeit von Dir alles erfahren wird, wird sie Dich zum Schreiber degradieren; siehst Du jetzt, wie’s ist! Du dummer Junge!“ Darüber schien sich Semjon Iwanowitsch zu beruhigen. Aber siehe da, nachdem er fünf Stunden lang wie in tiefes Nachdenken versunken ruhig dagelegen hatte, fing er plötzlich, zum größten Erstaunen aller, zuerst nur vor sich hin, dann aber wieder an Sinowij Prokoffjewitsch gewandt zu schimpfen an. Damit aber war die Sache auch noch nicht abgetan, denn als am Abend Mark Iwanowitsch und Prepolowenko einen Tee spendierten, da kroch auch Semjon Iwanowitsch aus seinem Bett, setzte sich zu ihnen und steuerte sogar seine fünfzehn oder zwanzig Kopeken dazu bei, und unter dem Vorwand, daß er Tee trinken wollte, fing er an, sich sehr weitschweifig über die Sache auszubreiten: daß er ein armer Mensch wäre und sonst nichts mehr, und daß ein armer Mensch nichts einzuscharren hätte. Bei der Gelegenheit gestand also Herr Prochartschin – und zwar nur darum, weil es einmal zur Sprache gekommen –, daß er ein armer Mensch war; noch vor drei Tagen hätte er den frechen Menschen um einen Rubel anpumpen wollen, jetzt aber würde er es nicht mehr tun, weil der dumme Junge sonst triumphieren könnte ... und sein Gehalt sei gerade so groß, daß es kaum für ihn selbst ausreichte, er aber müßte noch, so arm wie er war und wie es doch alle sahen und wußten, fünf Rubel monatlich seiner Schwägerin nach Twerj schicken, und wenn er sie nicht schicken würde, so würde die Schwägerin sterben, und wenn sie sterben würde, so würde er sich sofort neue Kleider kaufen können ... Und lange noch und ausführlich sprach Semjon Iwanowitsch vom armen Menschen, von den fünf Rubeln und der Schwägerin, und wiederholte dasselbe des stärkeren Nachdrucks halber den Zuhörern so lange, bis er sich endlich selbst ganz verwirrte und verstummte. Aber nach drei Tagen, als schon niemand mehr ihn anzugreifen beabsichtigte und alle ihn vergessen hatten, fügte er plötzlich noch zum Schluß hinzu: „Wenn Sinowij Prokoffjewitsch zu den Husaren geht, so wird man diesem frechen Menschen im Kriege die Beine abschießen und wenn er dann in Holzbeinen betteln gehn wird, und ihn bitten wird: ‚gib mir, guter Mensch, Semjon Iwanowitsch, ein Stückchen Brot!‘, so wird er, Semjon Iwanowitsch, ihm _nichts_ geben und wird diesen übermütigen Menschen Sinowij Prokoffjewitsch nicht einmal ansehn und nur sagen: ‚geh Du nur jetzt mit Deinen Bohnenstangen! Siehst Du jetzt, wie’s ist‘!“

Alles das, wie es ja auch nicht anders möglich war, wirkte sehr sonderbar und zu gleicher Zeit sehr lächerlich. Ohne sich lange zu bedenken, versammelten sich alle Winkelmänner zur weiteren Untersuchung der Verhältnisse Semjon Iwanowitschs und sie entschlossen sich, ihn alle zusammen endgültig anzugreifen. Da es Herr Prochartschin in der letzten Zeit, in der er sich ihrer Kompagnie anschloß, sehr liebte, sich in alles einzumischen und über alles auszufragen, was er wahrscheinlich aus besonderen geheimnisvollen Gründen tat, so verschlechterten sich die beiderseitigen Beziehungen, ohne jegliche vorhergefaßte Absicht, einfach durch diese seine neue Eigenschaft ganz von selbst.