Sämtliche Werke 20

Part 19

Chapter 193,826 wordsPublic domain

„Ja, mein Herr, das wären Sporteln gewesen, die mir ein käuflicher Mensch bezahlt hätte! Und das wäre doch wirklich keine Sünde gewesen. Aber ich werde meine Erzählung jetzt wieder aufnehmen: wie Sie sich vielleicht noch erinnern, zog er mich halbtot, also nur halb lebendig ins Teezimmer; man empfängt mich: alle scheinen sie beleidigt, das heißt, nicht gerade beleidigt, sondern so betrübt zu sein, daß es schon einfach ... Mit einem Wort, niedergeschlagen, ganz niedergeschlagen, auf ihren Gesichtern lag eine Feierlichkeit, sag’ ich Ihnen, eine Trauer in ihren Blicken, so etwas Väterliches, Verwandtschaftliches ... der verlorene Sohn kehrte wieder zurück. Kurz, man setzte sich an den Tisch, um Tee zu trinken: mir selbst kochte ein Samowar in der Brust, meine Füße waren eiskalt: ich zitterte, betete! Marja Fominischna, seine Gemahlin, Hofrätin – jetzt ist sie Frau Kollegienrat – redete mich sofort mit _Du_ an: ‚Warum bist Du, Väterchen, so abgemagert?‘ fragte sie. – ‚Nur so, bin erkältet, Marja Fominischna,‘ sage ich ... das Stimmchen zitterte mir. Und sie beginnt sofort, mir nichts, dir nichts, die Sachen abzuwickeln, solch eine Viper: daß augenscheinlich wohl das Gewissen mich quäle. ‚Unser verwandtschaftliches Salz und Brot, das Du verraten wolltest, meine blutigen Tränen, die ich vergossen habe, brennen Dir wohl auf dem Herzen‘. Bei Gott, das sagte sie, gegen ihr eigenes Gewissen sagte sie das! Ein verwegenes Weib war sie! Saß da am Tisch und goß den Tee ein. Warte, dachte ich, wenn Du auf dem Markt wärest, würdest Du alle anderen Weiber überschreien. Solch eine war unsere Hofrätin. Und zu meinem Unglück trat jetzt noch die Tochter Marja Fedossejewna mit ihrer ganzen Unschuld ins Zimmer, ein wenig bleich, die Äuglein wie von Tränen gerötet – ich war vernichtet, auf der Stelle vernichtet! Später erfuhr ich es, daß sie die Tränen wegen des Remonteoffiziers vergossen hatte: der hatte sich heimlich aus dem Staube gemacht, die Flucht auf seine Weise ergriffen, denn es war für ihn Zeit geworden, den Rückzug anzutreten ... doch war’s nicht etwa ein Befehl von oben gewesen, der ihn dazu gezwungen hatte. Nein ... nachher erst bemerkten es die Eltern, aber was war dann noch zu machen? Mußten das Unglück in aller Stille beseitigen! ... Ich aber, ich war, als ich sie erblickte, einfach vernichtet, ich griff nach meinem Hut, wollte so schnell als möglich spurlos verschwinden ... aber man nahm mir den Hut fort ... Ich wollte schon ohne Hut auf und davon – man schloß die Tür zu, man lächelte, man blinzelte sich gegenseitig zu, – ich wurde ganz konfus, ich stammelte irgend etwas, sprach vom Liebesgotte Amor: sie, das Täubchen, setzte sich ans Klavier und sang in traurigen beleidigten Tönen eine Romanze von einem Husaren, der sich auf seinen Säbel stützte. Großer Gott! – ‚Ach, alles, alles soll vergessen sein, komm in meine Arme!‘ rief mir plötzlich Fedossei Nikolajitsch zu. Ich, wie ich da war, fiel mit meinem Gesicht auf seine Weste. ‚Mein Wohltäter, mein leiblicher Vater,‘ rief ich und weinte heiße Tränen. Mein Gott! Die Folgen waren fürchterlich! Er weinte, die Frau weinte, Maschenka weinte ... und noch eine blonde Dame war dort, und auch die weinte ... plötzlich krochen aus allen Ecken und Enden Kinder hervor – Gott hatte sein Haus gesegnet! – und auch die brüllten mit ... wieviel Tränen, wieviel Verzeihen, welch eine Freude, einen Verlorenen brachte man zurück, ich wurde beweint, wie ein Soldat, der in die Heimat zurückkehrt! Man reichte Süßigkeiten herum, spielte Pfänderspiele und blinde Kuh: ‚Oh, wie es schmerzt‘! – ‚Was schmerzt?‘ – ‚Das Herz!‘ – ‚Warum?‘ Sie wird rot, das Täubchen! Der Alte und ich tranken darauf einen Punsch, – man ging endlich auseinander und hatte mich vollständig eingezuckert ... Ich kehrte zu meiner Großmutter zurück. Mein Kopf ging mir rund; auf dem ganzen Wege hatte ich vor mich hingelächelt, zu Hause ging ich zwei geschlagene Stunden in meinem Zimmer auf und ab, weckte die Alte auf, teilte ihr all mein Glück mit. ‚Hat er Dir das Geld gegeben, der Räuber?‘ – ‚Hat gegeben Großmütterchen, hat gegeben, meine Liebe, das Glück ist bei uns eingezogen, öffne nur die Arme!‘ – ‚Nun, jetzt heirate aber, jetzt ist es Zeit, daß Du heiratest,‘ sagt mir die Alte, ‚meine Gebete sind erhört worden‘. Ich weckte Ssofron. ‚Ssofron, zieh’ mir die Stiefel aus! Nun, Ssofroscha! Jetzt kannst Du mir gratulieren, kannst mich umarmen! Ich heirate einfach, Brüderchen, ich heirate, kannst Dich morgen betrinken, kannst einmal durchgehn, liebe Seele, so viel Du willst. Dein Herr heiratet!‘ Eitel Sonnenschein war in meinem Herzen! ... Schon wollte ich einschlafen, aber wieder erhob ich mich und dachte und dachte, und plötzlich ging es mir durch den Kopf: morgen ist der erste April, solch ein heller, spielerischer Tag, wie wär’ es – wenn? ... Und was glauben Sie, meine Herren, ich stand vom Bett auf, zündete das Licht an und setzte mich an den Schreibtisch. Ich war außer Rand und Band, hatte mich schon ganz vergessen, – wissen Sie, meine Herren, wie es ist, wenn ein Mensch sich ganz im Spiel verliert? Mit dem Kopf voran bin ich ins Unglück gerannt! Das liegt schon so im Charakter: sie nehmen Dir etwas und Du gibst Ihnen alles, was Du sonst noch hast. Sie geben Dir einen Backenstreich, Du aber bietest Ihnen zum Vergnügen noch den ganzen Rücken hin. Sie zeigen Dir wie einem Hund ein Stückchen Weißbrot, und Du greifst aus ganzer Seele und mit ganzem Herzen mit Deiner dummen Pfote danach – und küßt Ihre Hände! Wenn das wenigstens jetzt ... Meine Herren! Sie lachen und flüstern unter einander, ich sehe es ja! Nachher, wenn ich Ihnen alle meine Geheimnisse erzählt haben werde, so werden Sie über mich lachen, werden mich hinausstoßen, ich aber werde Ihnen erzählen, erzählen, alles erzählen! Wer hat mich dazu gezwungen! Wer hat es mir befohlen? Wer steht hinter meinem Rücken und flüstert mir zu: erzähle, erzähle! Und ich erzähle und krieche Ihnen damit in die Seele, als ob Sie meine leiblichen Brüder oder Busenfreunde wären ... eh!“

Das Gelächter, das sich immer mehr und mehr verbreitete, übertönte schließlich vollständig die Stimme des Erzählers, der wirklich in Begeisterung geraten war; er hielt inne, seine Augen liefen einige Minuten lang über die Versammlung hin, und plötzlich, wie vom Sturme mitgerissen, fing er selbst zu lachen an, als ob er wirklich seine Lage so lächerlich fand – und setzte dann erst wieder seine Erzählung fort:

„Ich schlief so gut wie überhaupt nicht, meine Herren; die ganze Nacht fast kritzelte ich auf dem Papier herum; hatte mir einen Scherz ausgedacht! Ach, meine Herren, wenn ich daran denke, so wird mir schlecht zu Mut! Das kommt vom Nachtwachen, von verschlafenen Augen, hatte mir da was ausgeheckt, was zusammengelogen! Am anderen Morgen erwachte ich, hatte im ganzen nur zwei Stunden geschlafen, kleidete mich an, wusch mich, frisierte und pomadisierte mich, zog mir einen neuen Frack an und begab mich geradewegs zum Fest zu Fedossei Nikolajewitsch. Das Papier hatte ich in den Hut gesteckt. Er empfing mich selbst mit geöffneten Armen und wollte mich wieder an seine väterliche Weste pressen. Ich aber nahm eine vornehme Haltung an und trat einen Schritt zurück: ‚Nein, Fedossei Nikolajitsch, wollen Sie gefälligst dieses Papier durchlesen,‘ sagte ich, und überreichte ihm das Papier, und wissen Sie, was in dem Bericht enthalten war? Daß ein gewisser Ossip Michailytsch aus diesen und jenen Gründen seinen Abschied einreicht, – und unterzeichnet hatte ich es mit meinem vollen Rang und Namen! Großer Gott, daß ich mir auch gerade das hatte ausdenken müssen! Klügeres konnte mir natürlich nicht einfallen! Heute ist der erste April, folglich werde ich mir den Spaß erlauben und eine Miene aufsetzen, als ob ich mich noch gekränkt fühlte und mich über Nacht bedacht hätte, daß ich Euch, meine verwandtschaftlichen Wohltäter und Eure Tochter überhaupt nicht brauche; das Geld habe ich mir gestern in die Tasche gesteckt, bin daher versorgt und reiche jetzt meinen Abschied ein. Möchte vielleicht unter solch einem Vorgesetzten wie Fedossei Nikolajitsch nicht dienen! Werde mir einen anderen Dienst suchen und dann die Denunziation doch einreichen. Zu solch einem Schurken machte ich mich, um sie zu erschrecken! Da war denn Grund genug vorhanden, um erschrocken zu sein! Seit dem vergangenen Tage hing ich mit ganzem Herzen an ihnen; werde mir einen Familienscherz erlauben, dachte ich, werde das väterliche Herz Fedossei Nikolajitschs beängstigen ...

Er griff sofort nach dem Papier, öffnete es und ich sah, wie seine ganze Physiognomie sich veränderte. ‚Wa–a–s, Ossip Michailytsch?‘ – ‚Erster April! Prost Fest, Fedossei Nikolajitsch!‘ sage ich ihm wie ein Dummkopf. Das heißt, wie ein kleiner Junge, der sich hinter dem Stuhl der Großmutter versteckt hat und plötzlich um sie zu erschrecken ihr aus vollem Halse Kikiriki ins Ohr schreit! Ja ... man schämt sich einfach, so was zu erzählen, meine Herren! Nein, ich werde lieber nicht mehr fortfahren ...!“

„Aber nein, weiter, weiter!“

„Nein, nein, erzählen Sie doch! Nein, unbedingt erzählen Sie, erzählen Sie!“ tönte es von allen Seiten.

„Nun, meine Herren, man ächzte und seufzte und saß über mich zu Gericht. Ein Schelm sei ich, und ein Spaßvogel sei ich und ich hätte sie so erschreckt und so viel Süßes hörte ich, daß ich mich selbst schämte und mit Schrecken daran dachte: ‚wie kann solch ein Sünder wie ich, solch einen heiligen Platz einnehmen!‘ – ‚Nun, mein Werter,‘ quiekte die Hofrätin, ‚hast mich so erschreckt, daß mir noch jetzt die Kniee zittern und ich mich kaum auf den Füßen halten kann! Wie eine Halbwahnsinnige lief ich zu Maschenka und frage sie, was wird aus uns werden! Sieh, als was der Deinige sich entpuppt! So sündigte ich, mein Lieber, mußt mir Alten schon verzeihen! Nun, dachte ich: gestern Abend ist er spät nach Hause gekommen, hat sich’s dann noch überlegt, schien ihm vielleicht, daß wir ihm gestern zu sehr den Hof gemacht, ihn beeinflußt haben. Laß gut sein, Maschenka, brauchst mir nicht abzuwinken, Ossip Michailytsch ist uns ja doch kein Fremder, und ich bin Deine Mutter, werde schon nichts Unnötiges sagen! Gott sei Dank, lebe ja doch nicht erst seit zwanzig Jahren auf der Welt, sondern schon seit ganzen fünfundvierzig!‘ ...“

„Nun, was glauben Sie, meine Herren, ich wäre ihr beinahe zu Füßen gestürzt! Man weinte wieder Tränen der Freude und umarmte sich, erlaubte sich Scherzchen. Fedossei Nikolajitsch dachte sich auch einen Aprilscherz aus! Er sagte, daß ihm der Vogel Phönix in seinem brillantenen Schnabel einen Brief gebracht hätte. Man lachte viel darüber. Man schämt sich rein, es zu erzählen!“

„Nun, meine Herren, jetzt komme ich zum Schluß meiner Erzählung. Wir lebten so noch einen Tag, den zweiten, den dritten, die ganze Woche; ich war also Bräutigam. Die Ringe waren bestellt, der Tag schon festgesetzt, man wollte es nur vorläufig noch nicht veröffentlichen, da man den Revisor erwartete. Ich erwartete ihn besonders ungeduldig, er störte mein Glück. Wenn man ihn doch schon wieder vom Halse hätte, dachte ich. Fedossei Nikolajewitsch aber überließ mir unter Scherzen und Lachen alle Arbeit: Rechnungen und Berichte zu schreiben, die Bücher zu vergleichen und was noch mehr. Die schrecklichste Unordnung herrschte überall, alles war rückständig, voll von Häkchen und Hindernissen. Nun, denke ich, tue es für den Schwiegervater! Der aber kränkelte die ganze Zeit schon und es wurde mit ihm von Tag zu Tag immer schlechter und schlechter. Ich selbst aber war schon so abgemagert wie ein Streichhölzchen, arbeitete die Nächte durch und fürchtete mich bereits, ganz zusammenzubrechen. Wurde aber doch mit der Arbeit bis zum Termin fertig. Plötzlich schickt man einen Boten nach mir, ich möge doch so schnell als möglich kommen, Fedossei Nikolajitsch ginge es schlecht. Ich laufe hin, und zerbreche mir schon unterwegs den Kopf, was da wohl los sein könnte? Mein Fedossei Nikolajitsch sitzt, den Kopf mit Essigkompressen umwickelt, krächzt, stöhnt, seufzt: Och und Ach! ‚Mein Werter, mein Lieber,‘ sagt er, ‚ich sterbe, wem werde ich meine Küken überlassen?‘ Frau und Kinder jammerten, Maschenka war in Tränen aufgelöst – nun, und ich selbst fing an zu weinen! ‚Nein, Gott wird nicht so ungerecht sein, daß er meine Familie für meine Sünden strafen wird,‘ sagte er. Darauf befahl er ihnen allen, das Zimmer zu verlassen, die Tür zu schließen und uns allein zu lassen. ‚Habe eine Bitte an Dich!‘ – ‚Welch eine?‘ – ‚So und so, Brüderchen, würde im Grabe keine Ruhe haben: habe Geld nötig!‘ – ‚Wie denn das?‘

Ich stotterte und erbleichte. ‚Ja, Brüderchen, mußte von eigenem Gelde in die Kasse legen; ich, Brüderchen, spare nicht, wenn es sich um den allgemeinen Nutzen handelt! Schone nicht einmal mein Leben! Glaube nicht Schlechtes von mir, man hat mich bei Dir verleumdet ... Der Kummer um Dich machte mir mein Haar ergrauen. Der Revisor wird erwartet und bei Matwejeff fehlen sieben Tausend Rubel in der Kasse, _ich_ muß dafür verantworten, wer denn sonst! Von mir wird man sie verlangen, und von Matwejeff ist doch nichts zu holen! Habe schon so wie so genug von ihm!‘

‚Alle Heiligen,‘ denke ich, ‚welch ein Mensch, was für eine Seele!!‘ – ‚Ja,‘ sagt er, ‚an die Aussteuer und Mitgift meiner Tochter will ich nicht rühren: das ist eine heilige Summe! Habe ja auch noch eigenes Geld, aber das ist bei Leuten, von denen jetzt nichts zu erwarten ist!‘ Ich fiel vor ihm auf die Kniee. ‚Mein Wohltäter,‘ rief ich, ‚habe Dich beleidigt und gekränkt. Verleumder haben über Dich Schlechtes ausgesagt, nimm das Geld zurück, das Geld, das Du mir gegeben hast!‘ Er sieht mich dankbar an und die Tränen fließen ihm über die Wangen. ‚Das hatte ich von Dir erwartet, mein Sohn, stehe auf; damals vergab ich Dir um der Tränen meiner Tochter willen, jetzt verzeiht Dir auch mein Herz! Du hast mir meine Wunden geheilt, sei gesegnet bis in alle Ewigkeit!‘ Nun, meine Herren, als er mich gesegnet hatte, lief ich fast auf allen Vieren nach Haus und brachte ihm die Summe: ‚Hier, Väterchen, ist alles, nur fünfzig Rubel habe ich davon ausgegeben!‘ ‚Tut nichts,‘ sagt er, ‚man muß nicht alles so genau nehmen; die Zeit eilt, schreib’ nur einen Zettel älteren Datums aus, daß Du 50 Rubel Gage vorausbittest ...‘ Nun, was, meine Herren! Was glauben Sie! Ich schrieb den Zettel! ...“

„Nun, und – wie endete denn alles? ...“

„Wie ich den Zettel geschrieben hatte, meine Herren, geschah Folgendes. Ganz früh am anderen Morgen erschien ein versichertes und versiegeltes Paket, und was finde ich in ihm? Meine Entlassung! Also arbeite und schinde Dich und dann kannst Du Deines Weges gehn!“

„Wie denn das?“

„Ja, habe gleichfalls aus voller Kehle geschrieen, meine Herren, wie das möglich wäre! Ich dachte nach: Sollte der Revisor angekommen sein? ... Mein Herz krampfte sich zusammen. So wie ich war, lief ich zu Fedossei Nikolajitsch: ‚Was bedeutet das?‘ fragte ich. ‚Ja, wie denn, das ist doch die erwünschte Entlassung!‘ – ‚Welche erwünschte Entlassung? Ich weiß nichts davon.‘ –

‚Aber die Entlassung aus dem Dienst!‘ – ‚Ja, habe ich denn überhaupt ein Entlassungsgesuch eingereicht?‘ – ‚Gewiß, am ersten April haben Sie Ihr Entlassungsgesuch eingereicht.‘ – ‚Fedossei Nikolajitsch, sehen denn meine Augen recht, hören denn meine Ohren recht?‘ – ‚Wie kommen Sie darauf, so etwas zu fragen?‘ – ‚Oh, mein Gott!‘ – ‚Ja, mein Herr, es tut mir sehr leid, daß Sie schon so früh Ihren Dienst verlassen wollen! Ein junger Mensch muß dienen, aber Sie, mein Herr, scheinen Wind im Kopf zu haben. Was das Attestat anbelangt, seien Sie unbesorgt, ich werde schon dafür sorgen. Sie haben sich ja immer so gut aufgeführt!‘ – ‚Ich habe doch nur gescherzt, Fedossei Nikolajitsch, hatte mir mit diesem Papier nur einen Familienscherz erlauben ...‘ – ‚Wie das! Was für einen Scherz? Scherzt man denn mit solchen Dingen? Für solche Scherze wird man Sie noch einmal nach Sibirien schicken! Leben Sie wohl, ich habe keine Zeit mehr. Der Revisor ist da, die Dienstpflichten gehn allem voran, Sie können Domino spielen, wenn Sie wollen, wir aber müssen arbeiten. Ich werde Sie schon wie es sich gehört attestieren. Übrigens, was ich sagen wollte, ich habe das Haus von Matwejeff gekauft, werde daher in diesen Tagen umziehen, so daß ich wohl hoffen kann, Sie ferner nicht mehr bei mir zu sehn!‘ Ich lief nach Haus. ‚Wir sind verloren, Großmütterchen, verloren!‘ Die Alte weinte, die Arme! Gleich darauf folgte der Laufbursche von Fedossei Nikolajitsch mit einem Vogelbauer, in dem ein Staar saß, und überreichte mir einen Zettel. Auf ihm stand: ‚_1. April_‘ – und weiter nichts. Nun, meine Herren, wie gefällt Ihnen meine Erzählung?“

„Und was geschah denn weiter???“

„Was weiter geschah? Ich begegnete noch einmal Fedossei Nikolajitsch auf der Straße, wollte ihm ins Gesicht sagen ...“

„Nun?“

„Aber ich brachte es doch nicht über die Lippen, meine Herren!“

Der ehrliche Dieb.

Aufzeichnungen.

Eines Morgens, als ich mich gerade anschickte, in den Dienst zu gehn, trat Agrafena, meine Köchin, Wäscherin und Haushälterin, zu mir ins Zimmer und begann zu meinem großen Erstaunen ein Gespräch mit mir.

Bis dahin war dieses alte Weib so schweigsam gewesen, daß sie außer den paar Fragen täglich, was sie zum Mittag bereiten sollte u. s. w., fast seit sechs Jahren kein einziges Wort gesprochen hatte. Wenigstens hatte ich keines von ihr vernommen.

„Sehn Sie, Herr, ich bin zu Ihnen gekommen,“ begann sie hastig, „denn Sie müssen die kleine Kammer vermieten.“

„Was für eine Kammer?“

„Die da, neben der Küche. Man weiß doch was für eine.“

„Warum?“

„Warum? Darum, weil Menschen doch vermieten. Man weiß doch warum.“

„Aber wer wird sie denn mieten?“

„Wer wird sie mieten! Ein Mieter. Das weiß man doch wer.“

„Aber dort, Mütterchen, kann man doch kein Bett hinstellen! Es ist doch viel zu eng! Wer kann denn dort leben?“

„Warum dort leben! Wenn er nur irgendwo schlafen kann; leben wird er auf dem Fensterbrett.“

„Auf welch einem Fensterbrett?“

„Das weiß man doch auf welch einem, als ob Sie es nicht wüßten! Auf dem im Vorzimmer. Er wird dort sitzen, nähen oder sonst was tun. Aber er kann ja auch auf dem Stuhle sitzen. Er hat einen Stuhl, auch ein Tisch ist da, alles ist da.“

„Was ist er denn für Einer?“

„Ein erfahrener, ein solider Mensch ist er. Ich werde ihm das Essen kochen, und für die Wohnung und für die Beköstigung werde ich drei Rubel Silber monatlich nehmen ...“

Nach großen Anstrengungen erfuhr ich endlich, daß irgend ein älterer Mensch Agrafena überredet hatte, ihn als Mieter und Pensionär aufzunehmen. Was aber Agrafena sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, damit mußte man sich so schnell als möglich einverstanden erklären, denn ich wußte es aus eigener Erfahrung, daß sie mir früher doch keine Ruhe geben würde. Wenn ihr irgendetwas nicht nach Wunsch ging, so wurde sie nachdenklich und verfiel zuletzt in eine tiefe Melancholie. Dieser Zustand dauerte dann wenigstens zwei bis drei Wochen an und in dieser Zeit war das Essen ungenießbar, die Wäsche nicht gewaschen und das Zimmer nicht gesäubert, mit einem Wort es gab dann viel Unangenehmes. Ich hatte schon längst bemerkt, daß diese schweigsame Frau nicht im Stande war, von sich aus einen Entschluß zu fassen, geschweige denn auf einen neuen ihr selbst angehörigen Gedanken zu kommen. Aber wenn sich in ihrem schwachen Verstande einmal irgendetwas einer Idee oder gar einem Entschluß Ähnliches festsetzte, so konnte man sie durch ein Verbot oder einen Widerspruch auf einige Zeit moralisch vernichten. Weil ich nun um alles in der Welt nicht in meiner Ruhe gestört sein wollte, so willigte ich auch dieses Mal sofort ein.

„Hat er wenigstens irgendwelche Papiere, einen Paß oder so etwas?“

„Wie denn nicht? Man weiß doch, was er ist. Ein solider, erfahrener Mensch. Drei Rubel hat er versprochen zu geben.“

Am anderen Morgen erschien also in meiner einfachen Junggesellenwohnung der neue Einwohner, was mich genau genommen nicht einmal kränkte; im Gegenteil, ich war innerlich sogar sehr zufrieden. Ich lebe einsam, wie ein Einsiedler. Bekannte habe ich so gut wie überhaupt keine, selten gehe ich aus. Zehn Jahre bin ich schon so allein. Freilich hatte ich mich an die Einsamkeit gewöhnt, aber zehn, fünfzehn Jahre oder noch mehr solcher Einsamkeit, mit solch einer Agrafena in solch einer Junggesellenwohnung – ist eine farblose Perspektive. Unter solchen Umständen ist denn ein friedlicher Mensch mehr – eine himmlische Wohltat.

Agrafena hatte nicht gelogen: mein Einwohner war einer von den Soliden. Nach dem Paß erwies es sich, daß er Soldat gewesen war, was ich freilich auch ohnedem auf den ersten Blick erraten hatte. Das erkennt man sofort. Also mein Einwohner Astaphij Iwanytsch war unter seinen Standesgenossen einer der Besseren. Wir lebten gut zusammen. Das Beste war aber doch, daß Astaphij Iwanytsch Geschichten und Erlebnisse aus seinem Leben zu erzählen wußte. Bei der immerwährenden Langweile meines Lebens war solch ein Erzähler einfach ein Schatz. Eine seiner Erzählungen machte auf mich einen nachhaltigeren Eindruck, und so will ich sie denn hier wiedergeben, und auch, bei welch einer Gelegenheit er sie mir erzählte.

Ich blieb einmal allein in der Wohnung. Astaphij wie auch Agrafena waren ausgegangen. Plötzlich hörte ich aus meinem Zimmer, daß irgendjemand ins Vorzimmer trat, wie es mir schien, ein Fremder; ich ging hinaus, und tatsächlich war im Vorzimmer ein fremder Mensch, klein von Wuchs und trotz der kalten Herbstzeit nur im Rock.

„Was suchst Du?“

„Den Beamten Alexandroff. Wohnt er hier?“

„Solch einen gibt es hier nicht, Brüderchen, adieu.“

„Wie denn, der Hausknecht hat mir doch gesagt, daß er hier ...“ murmelte der Besucher und zog sich vorsichtig zur Tür zurück.

„Mach daß Du hinauskommst, mein Lieber.“

Am andern Tage nach dem Mittagessen, gerade als Astaphij Iwanytsch mir meinen Rock anpaßte, den er mir ummachte, trat wieder Jemand ins Vorzimmer. Ich öffnete ein wenig die Tür.

In diesem Augenblick nahm der gestrige Besucher vor meinen Augen meinen Pelz vom Kleiderständer, steckte ihn unter den Arm und ging damit zur Wohnung hinaus. Agrafena sperrte vor Erstaunen nur Mund und Augen auf, tat aber sonst nichts zur Verteidigung meines Pelzes. Astaphij Iwanytsch lief wohl dem Schurken nach, kehrte aber schon in zehn Minuten ganz außer Atem und mit leeren Händen zurück. „Wie unter der Erde verschwunden ist er!“

„Welch ein Pech! Ein Glück, daß er Ihnen noch den Mantel gelassen hat. Er hätte uns ja sonst gänzlich aufs Trockene gesetzt, der Schuft!“

Astaphij Iwanytsch war aber so erschüttert, daß ich vor Verwunderung über ihn den Diebstahl bald ganz vergaß. Er konnte es garnicht fassen, wie das alles so hatte geschehen können. Jeden Augenblick legte er die Arbeit wieder aus der Hand und begann von Neuem, die Sache zu erzählen: wie das alles geschehen war, wie er gestanden, wie man vor seinen Augen, zwei Schritte von ihm entfernt, den Pelz genommen hatte, und wie es gekommen war, daß er ihn nicht hatte packen können. Nach einiger Zeit setzte er sich an die Arbeit, aber es dauerte nicht lange und er warf sie wieder fort. Bald darauf sah ich ihn zum Hausknecht laufen, um ihm die ganze Geschichte zu erzählen, und ihm Vorwürfe zu machen, daß auf seinem Hofe so etwas hatte geschehen können. Darauf kam er zurück und schimpfte Agrafena aus, und als er sich dann wieder an die Arbeit setzte, murmelte er noch lange vor sich hin: wie sich das alles zugetragen, wie er _dort_ gestanden hätte und ich _dort_ und wie jener vor seinen Augen, zwei Schritt von ihm entfernt, den Pelz genommen hatte u. s. w. u. s. w.

Am Abend desselben Tages brachte ich ihm ein Glas Tee, um mir meine Langeweile zu vertreiben, da ich wußte, daß er wieder vom gestohlenen Pelz erzählen würde, was mich infolge der häufigen Wiederholung und tiefempfundenen Aufrichtigkeit des Erzählers nachgerade ungemein erheiterte.

„Man hat uns zum Besten gehabt, Astaphij Iwanytsch.“