Sämtliche Werke 19

Part 9

Chapter 93,892 wordsPublic domain

In der ersten Zeit seines Zusammenlebens mit Natascha hatte sich Aljoscha mit seinem Vater ganz überworfen. Die damaligen Absichten des Fürsten, seinen Sohn mit Katherina Fedorowna Filimonnowa, der Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, waren nur erst ein Projekt. Nichtsdestoweniger hielt er fest an dem Plan, brachte Aljoscha zu seiner zukünftigen Braut, befahl ihm, alles zu tun, um ihr zu gefallen, und zwang ihn durch Strenge, ihm zu Willen zu sein. Doch zerschlug sich die Sache damals der Gräfin wegen. In der ersten Zeit nahm der Vater die Verbindung seines Sohnes mit Natascha ruhig hin, in der Hoffnung – da er die Unverantwortlichkeit und den Leichtsinn seines Sohnes kannte – Aljoscha würde dieser Liebe bald überdrüssig werden. Daß Aljoscha sich etwa mit Natascha hätte vermählen können, das wäre ihm auch nicht in den Sinn gekommen – darüber machte er sich keine Sorgen. Was nun die Liebenden selbst betrifft, so hatten sie die Vermählung bis zur formellen Aussöhnung Aljoschas mit dem Vater aufgeschoben. Sie hofften überhaupt auf eine Veränderung der Verhältnisse. Natascha wollte offenbar nicht mehr davon sprechen. Aljoscha dagegen deutete mir an, daß die ganze Geschichte seinem Vater in mancher Beziehung sogar sehr angenehm wäre; ihm gefiele vor allem die Erniedrigung, die die Ichmenjeffs dadurch erfuhren. Der Form halber fuhr er jedoch fort, seine Unzufriedenheit seinem Sohne gegenüber aufrecht zu erhalten: er verkleinerte dessen monatliches Taschengeld (in der Beziehung war er übrigens immer ungemein geizig gewesen) und drohte, ihm auch noch dieses zu entziehen. Doch bald darauf fuhr er nach Polen zu der Gräfin, die dort geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen hatte, und verfolgte unablässig sein Heiratsprojekt. Freilich war Aljoscha noch viel zu jung zur Ehe, doch die Braut war reich und diese Gelegenheit sollte nicht ungenützt vorübergehen. Der Fürst erreichte endlich sein Ziel. Zu uns drangen allerlei Gerüchte, daß die Sache für den Fürsten eine günstige Wendung genommen hätte. Zu dieser Zeit war er dann wieder nach Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er freundlich, doch die Hartnäckigkeit seiner Beziehungen zu Natascha berührte ihn jetzt sehr unangenehm. Er wurde nun doch ängstlich. Schroff und nachdrücklich verlangte er die Trennung von Natascha, doch bald besann er sich eines besseren, – er führte Aljoscha zur Gräfin. Die Stieftochter der Gräfin galt für eine Schönheit. Sie war fast noch ein Kind, von seltener Herzensgüte, hatte eine reine unschuldige Seele und war heiter, klug und zärtlich. Der Fürst rechnete darauf, daß Natascha nach einem halben Jahr für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit haben und er daher allmählich mit anderen Augen seine zukünftige Braut ansehen würde, als vorher. Zum Teil hatte er recht ... sie schien in der Tat auf Aljoscha einen großen Eindruck gemacht zu haben. Hinzu kam, daß der Vater sich jetzt ungemein gütig zu seinem Sohne zeigte (trotzdem gab er ihm kein Geld). Aljoscha fühlte, was sich unter dieser Zärtlichkeit vorbereitete und war sehr niedergeschlagen, übrigens, nicht so niedergeschlagen, wie wenn er einen Tag über Katherina Fedorowna nicht gesehen hatte. Ich wußte es, daß er schon den fünften Tag nicht mehr bei Natascha erschienen war. Als ich jetzt von den alten Ichmenjeffs zu ihr ging, riet ich unterwegs hin und her, was sie mir wohl mitzuteilen haben würde? Schon von weitem sah ich das Licht auf ihrem Fenster. Es war nämlich unter uns abgemacht worden, daß sie ein Licht an das Fenster stellen sollte, sobald sie mich zu sehen wünschte. Wenn ich an ihrem Hause vorüberging (was jeden Abend geschah), so konnte ich an dem Licht erkennen, daß sie mich erwartete, und ich ihr unbedingt nötig war. In der letzten Zeit hatte sie das Licht oft an das Fenster gestellt ...

XV.

Ich traf Natascha allein. Sie schritt mit gekreuzten Armen, in tiefe Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab. Der erloschene Samowar stand auf dem Tisch und schien lange auf mich gewartet zu haben. Schweigend und mit einem verlorenen Lächeln reichte sie mir die Hand. Ihr Gesicht war bleich mit leidendem Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas so Zärtliches, Duldendes. Ihre klaren blauen Augen schienen größer als früher, das Haar dichter, weil sie so abgehärmt und krank aussah.

„Und ich dachte schon, du kämest nicht mehr,“ sagte sie, mir die Hand reichend, „wollte schon Mawra zu dir schicken; fürchtete, du wärest schon wieder erkrankt?“

„Nein, ich bin nicht krank, ich bin nur aufgehalten worden, werde dir sogleich alles erzählen. Doch, was ist mit dir, Natascha? Was ist geschehen?“

„Nichts ist geschehen!“ antwortete sie, ganz erstaunt über meine Frage. „Was soll denn geschehen sein?“

„Ja, du hast mir doch geschrieben ... gestern geschrieben, daß ich kommen soll, hast die Stunde bestimmt, nicht früher und nicht später; nicht wie gewöhnlich.“

„Ach, ja! Ich erwartete _ihn_ gestern.“

„Nun, ist er noch immer nicht dagewesen?“

„Nein. Ich habe gedacht: wenn er nicht mehr kommt, so muß ich mit dir sprechen,“ fügte sie hinzu und verstummte.

„Und heute abend, hast du ihn erwartet?“

„Nein, habe ihn nicht erwartet: er ist des Abends dort.“

„Denkst du denn, Natascha, daß er überhaupt nicht mehr wiederkommen wird?“

„Selbstverständlich wird er kommen,“ antwortete sie, mich so eigentümlich ernst ansehend.

Ihr mißfiel mein eiliges Fragen. Wir verstummten beide und schritten im Zimmer auf und ab.

„Ich habe dich erwartet, Wanjä,“ begann sie mit einem sonderbaren Lächeln, „und weißt du, was ich getan habe? Ich ging im Zimmer auf und ab, und sagte mir das Gedicht her. Kennst du es noch: die Glocke, der Winterweg: ‚Es brodelt der Samowar auf dem eichenen Tisch ...‘ wir haben es noch zusammen gelesen:

Vorüber der Schneesturm; der Weg ist erhellt, Aus Millionen von Augen blickt trübe die Nacht ...

Und dann weiter:

Und da scheint es mir – eine Stimme singt Weich, harmonisch zum Schellengeläut: ‚Ach, wann kommt doch, wann kommt doch, mein Liebster zu mir, Um zu ruhen an meiner Brust! ... Ist bei mir nicht das Leben! Glänzt nicht der Abendschein Rot durch der Eisblumen silberne Pracht – Steht nicht alles bereit auf dem eichenen Tisch ... Und im Ofen knistert das Holz und flammt Auf dem blumigen Vorhang am Bett.‘

Wie ist das doch schön, Wanjä! Welche Qual ... und wie phantastisch das Bild! Man kann alles hineinmalen, alles was man will! Zwei Welten: wie es war und wie es ist ... Dieses ‚alles bereit auf dem eichenen Tisch‘, und das Spiel der Flamme ‚an blumigen Vorhang am Bett ...‘ wie ist das alles so bekannt. Alles wie in unseren Häusern in der Provinz; ich sehe das Haus vor mir: neu, aus weißen, noch unbeschlagenen Balken ... Und dann das andere Bild:

Und es scheint mir – dieselbe Stimme singt Trüb und traurig zum Schellengeläut: ‚Wo ist nun mein Freund? Ich fürchte, er kommt Und umschlingt mich zärtlich wie einst ...‘ Welch ein Leben das ist! So dunkel und eng Meine Stube; dort bläst es herein ... Nur ein einsamer Kirschbaum am Fenster steht Und auch er ist erfroren schon längst. Welch ein Leben! Verblichen der Vorhang am Bett, Krank bin ich, schleppe mich hin ... Bin den Eltern jetzt fremd, kein Liebster mehr kommt – Nicht einmal zu schelten ist jemand mehr da ... Und nur die Alte daneben, die brummt ...

Nicht einmal zu schelten ist jemand da. Wieviel Zärtlichkeit, wieviel Qual, welch ein Rausch von Qual und Erinnerung, den man sich selbst heraufbeschwört und den man lieb hat ... Herrgott, wie ist das schön!“

Sie verstummte wieder, als suche sie einen inneren Kampf zu bezwingen.

„Mein Lieber!“ sagte sie zu mir gewandt nach einem kurzen Augenblick und verstummte dann plötzlich wieder, als hätte sie vergessen, was sie hatte sagen wollen.

Unterdessen gingen wir immer noch schweigend im Zimmer auf und ab. Vor dem Heiligenbild brannte das Lämpchen. Natascha schien in der letzten Zeit sehr religiös geworden zu sein, doch liebte sie es nicht, wenn man davon sprach.

„Ist morgen ein Feiertag?“ fragte ich. „Bei dir brennt das Lämpchen.“

„Nein, kein Feiertag ... Doch setzen wir uns, Wanjä, du mußt müde sein. Willst du Tee? du hast sicher noch keinen getrunken?“

„Setzen wir uns, Natascha. Tee habe ich getrunken.“

„Ja, woher kommst du denn jetzt?“

„Von ihnen.“ So bezeichneten wir immer die Alten.

„Von ihnen? Bist du selbst dahin gegangen? Riefen sie dich? ...“

Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht wurde noch bleicher vor Erregung. Ich erzählte ihr ausführlich meine Begegnung mit dem Alten, mein Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon – erzählte alles ausführlich und bis in alle Einzelheiten. Ich verheimlichte nie etwas vor ihr. Sie griff jedes Wort begierig auf. Tränen erglänzten in ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon hatte sie heftig erschüttert.

„Warte, warte, Wanjä,“ sagte sie, oft meine Erzählung unterbrechend, „erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich als möglich; du erzählst nicht ausführlich genug! ...“

Ich wiederholte alles zum zweiten, dritten Mal, durch ihre beständigen Fragen immer wieder unterbrochen.

„Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?“

„Ich weiß es nicht Natascha, ich kann es nicht beschwören. Daß er sich nach dir sehnt, daß er dich liebt – das ist sicher, aber ob er zu dir wollte, das ...“

„Und er küßte das Medaillon?“ unterbrach sie mich. „Was sagte er, als er es küßte?“

„Nur unzusammenhängende Worte; er gab dir die zärtlichsten Namen, rief dich ...“

„Rief mich?“

„Ja.“

Sie weinte still.

„Die Armen,“ sagte sie. „Und daß er von allem unterrichtet ist,“ fügte sie nach einigem Schweigen hinzu, „daran ist kein Zweifel. Er hat von Aljoschas Vater sicher Nachrichten erhalten.“

„Natascha,“ sagte ich schüchtern, „gehen wir zu ihnen! ...“

„Wann?“ fragte sie erbleichend und sich ein wenig erhebend.

Sie glaubte, ich forderte sie auf, gleich mit mir zu kommen.

„Nein, Wanjä,“ sagte sie, mir beide Hände auf die Schultern legend mit traurigem Lächeln, „nein, mein Lieber, das sagst du immer, doch ... sprich lieber nicht davon.“

„Also niemals, niemals soll dieser furchtbare Zwiespalt enden?“ rief ich traurig aus. „Bist du wirklich zu stolz, daß du nicht den ersten Schritt tun kannst. Und doch mußt du als erste ihn tun. Vielleicht wartet der Vater nur darauf, um dir zu – um dir zu vergeben ... Er ist dein Vater; du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz, er ist berechtigt, er ist natürlich! Du mußt es tun. Versuche es und er wird dir bedingungslos alles vergeben.“

„Bedingungslos? Das ist unmöglich; und mache mir keine unnützen Vorwürfe, Wanjä. Ich habe daran Tag und Nacht gedacht. Seitdem ich sie verlassen, ist vielleicht kein Tag vergangen, ohne daß ich nicht daran gedacht. Ja, und wie oft haben wir nicht davon gesprochen! Du weißt doch selbst, daß es unmöglich ist!“

„Versuche es!“

„Nein, mein Freund, das geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich ihn noch mehr gegen mich erzürnen. Vergangenes kehrt nicht wieder; und weißt du, was auf immer vorüber ist?! Vorüber sind die glücklichen Tage der Kindheit, die ich mit ihnen verlebt. Wenn der Vater mir auch verzeihen würde, so würde er mich doch jetzt nicht mehr wiedererkennen. Er liebte noch das Kind in mir. Er freute sich meiner kindlichen Einfalt, er konnte mir noch über das Haar streichen, wie damals, da ich als kleines Mädchen auf seinen Knien saß und ihm meine Liederchen sang. Von Kindheit an, bis auf den letzten Tag kam er zu mir ans Bett und bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor dem Unglück kaufte er mir noch Ohrringe, heimlich vor mir (doch wußte ich alles) und freute sich wie ein Kind, sie mir zu schenken. Er war aber einfach empört, als er später erfuhr, daß ich vom Kauf dieser Ohrringe schon im voraus gewußt hatte. Drei Tage vor meiner Flucht bemerkte er, daß ich traurig war, und sofort war er bis zur Krankhaftigkeit niedergeschlagen, und – was glaubst du? um mich zu erheitern, nahm er Billette fürs Theater! ... Wahrhaftig, er wollte mich damit erheitern! Ich wiederhole es dir, er kannte und liebte das Kind in mir, doch wollte er niemals daran denken, daß auch ich einst eine Frau werden würde. Ihm kam das überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt aber, wenn ich nach Hause zurückkehrte, so würde er mich gar nicht wiedererkennen. Und wenn er mir vergibt, was wird er in mir wiederfinden? Ich bin nicht mehr dieselbe, ich bin nicht mehr das Kind, ich habe viel durchlebt. Wenn ich mich auch bemühte, ihm alles recht zu machen, so würde er doch immer an das vergangene Glück denken, sich heimlich grämen, weil ich nicht mehr das von ihm geliebte Kind bin ... das Vergangene erscheint einem ja immer so schön! Mit Qual wird er daran denken! O, wie ist das Vergangene schön, Wanjä!“ rief sie, hingerissen und sich selbst unterbrechend, mit diesem Wort, das so recht aus ihrem wunden Herzen kam.

„Es ist alles wahr, Natascha, was du sagst. Also, muß er dich jetzt wieder von neuem kennen lernen und von neuem lieben. Hauptsächlich aber – kennen lernen. Und, was meinst du? Er wird dich wiederlieben! Denkst du denn wirklich, daß er nicht imstande sein wird, dich zu verstehen, er, er, mit seinem großen Herzen!“

„Ach, Wanjä, sei doch gerecht! Was ist denn an mir zu verstehen? Ich spreche doch nicht davon. Siehst du: die väterliche Liebe ist auch eifersüchtig. Er ist gekränkt, daß das mit Aljoscha so ohne ihn geschehen konnte, daß er nichts bemerkt, nichts gewußt. Er glaubt, daß alle unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht, daß das alles nur meiner undankbaren ‚Verschwiegenheit ihm gegenüber‘ zuzuschreiben ist. Ich bin nicht sogleich zu ihm gekommen, ich habe ihm nicht von Anfang an jede Regung meines Herzens mitgeteilt; ich habe im Gegenteil, alles in meiner Seele verborgen gehalten, alles vor ihm versteckt, und das kränkt ihn im Grunde genommen, mehr als die unglücklichen Folgen meiner Liebe, kränkt ihn mehr – als daß ich von ihnen gegangen bin und mich meinem Geliebten hingegeben habe. Nehmen wir an, daß er mich von neuem wie ein Vater aufnimmt, zärtlich und liebevoll – der Same der Feindschaft wird doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage beginnen die Mißverständnisse, kommen die Klagen und versteckten Vorwürfe. Zudem wird er mir nicht bedingungslos verzeihen. Nehmen wir an, ich begreife aus der ganzen Tiefe meines Herzens, daß ich ihn beleidigt habe, daß ich vor ihm schuldig bin, so würde es mir doch weh tun, wenn er nicht verstünde, was mich selbst das ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat, welche Qualen ich gelitten, welchen Schmerz ... Und, wenn ich auch alles auf mich nehmen, alles schweigend ertragen wollte, – so würde ihm das noch immer zu wenig sein. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn fordern, er wird verlangen, daß ich meine ganze Vergangenheit, daß ich Aljoscha verfluchen und meine Liebe zu ihm bereuen soll. Dann aber, dann verlangt er von mir Unmögliches – wenn ich das letzte halbe Jahr aus meinem Leben ausstreichen soll. Denn ich – kann niemandem fluchen, ich kann nichts bereuen ... Wie es geschehen ist, so mußte es geschehen ... Nein, Wanjä, jetzt geht es noch nicht, noch ist die Zeit nicht dazu gekommen.“

„Wann wird sie denn kommen?“

„Ich weiß es nicht ... Man wird das zukünftige Glück wieder durch Leiden erkämpfen müssen; mit neuem Leid es bezahlen müssen. Durch Leid wird alles gesühnt ... Ach, Wanjä, wieviel Schmerz es im Leben gibt!“

Ich schwieg und sah sie nachdenklich an.

„Was siehst du mich so an, Aljoscha, nein, Wanjä?“ Sie versprach sich und lächelte darüber.

„Ich wundere mich über dein Lächeln, Natascha. Wie kommt das, früher lächeltest du anders.“

„Was ist denn mit meinem Lächeln?“

„Die frühere, die ganze kindliche Naivität ist wohl noch in ihm ... Doch, wenn du jetzt lächelst, so scheint es einem immer, als ob dir zu gleicher Zeit das Herz dabei weh tue. Du bist so abgemagert, Natascha, doch dein Haar ist dichter geworden ... Was ist das für ein Kleid? Hast du es jetzt machen lassen, oder schon früher?“

„Wie du mich lieb hast, Wanjä!“ Sie sah mich zärtlich an. „Nun, und du, was tust du jetzt? Wie geht es dir?“

„Wie immer; ich schreibe meinen Roman, aber es geht nicht gut vorwärts. Ich bin nicht recht aufgelegt dazu. Ich könnte ihn ja so niederschreiben, doch mir tut die gute Idee leid. Sie ist meine Lieblingsidee. Zum Termin muß ich aber damit fertig sein. Ich dachte schon eine Novelle statt dieses Romans zu schreiben, etwas Leichtes, Graziöses, etwas, das sich nicht in dieser düsteren Richtung bewegt ... Es wäre Zeit, daß wir wieder alle glücklich und fröhlich wären! ...“

„Du armer Arbeiter! Und Smitt?“

„Smitt ist beerdigt.“

„Ich sage dir, Wanjä, im Ernst, du bist krank. Deine Nerven sind zerrüttet. Was sind das alles für Ideen. Als du mir von deiner Wohnung sprachst, – diese ganze Phantasie! Dazu ist die Wohnung ...“

„Ja! Übrigens erlebte ich heute etwas sehr Sonderbares ... Doch, ich erzähle es dir später.“

Sie hörte mich schon nicht mehr an, und war ganz in Gedanken versunken.

„Ich verstehe nicht, wie ich damals von ihnen fortgehen konnte, ich war wie im Fieber,“ sagte sie endlich, mich mit einem Ausdruck ansehend, der keine Antwort erwartete.

Hätte ich etwas geantwortet, so hätte sie es nicht gehört.

„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, „ich habe dich hierher gebeten, um dir etwas zu sagen.“

„Was ist geschehen?“

„Ich werde mich von ihm trennen.“

„Du hast dich schon getrennt oder du wirst dich trennen?“

„Mit diesem Leben muß ein Ende gemacht werden. Ich habe dich gerufen, um dir alles, alles, zu sagen, was sich in mir angesammelt hat und was ich bis jetzt dir gegenüber verschwiegen habe.“

So pflegte sie stets zu beginnen, wenn sie mir ihre geheimen Absichten mitteilen wollte, und stets erwies es sich, daß ich von diesem Geheimnis schon längst durch sie selbst unterrichtet war.

„Ach, Natascha, das habe ich schon tausendmal von dir gehört! Natürlich könnt ihr nicht zusammen leben, zwischen euch ist nichts Gemeinsames. Doch ... wirst du die Kraft dazu haben?“

„Früher hatte ich nur die Absicht, Wanjä, jetzt aber habe ich es beschlossen. Ich liebe ihn unendlich, doch bin ich für ihn sein ärgster Feind. Ich untergrabe ihm seine Zukunft. Man muß ihn befreien. Mich heiraten kann er nicht; er hat nicht die Kraft, gegen den Willen des Vaters zu handeln. Auch ich möchte ihn nicht an mich fesseln. Und deshalb bin ich sogar glücklich, daß er sich in die – Braut verliebt hat, die man ihm ausgewählt. Die Trennung von mir wird ihm leichter fallen. Ich muß es tun. Es ist meine Pflicht ... Wenn ich ihn wirklich liebe, so muß ich mich für ihn opfern. Das ist doch meine Pflicht! Nicht wahr?“

„Doch wirst du ihn nicht dazu bereden können.“

„Ich werde ihn auch garnicht dazu bereden. Ich werde so zu ihm sein, wie immer. Doch muß ich ein Mittel finden, damit er mich leicht und ohne Gewissensbisse verlassen kann. Das aber quält mich, Wanjä. Hilf mir. Kannst du mir einen Rat geben?“

„Dafür gibt es nur ein Mittel – einen anderen zu lieben, und nicht mehr ihn! Und kaum wäre das in diesem Falle ein Mittel. Du kennst doch seinen Charakter. Er ist jetzt fünf Tage nicht mehr bei dir gewesen. Nehmen wir an, er habe dich auf immer verlassen; du brauchtest ihm nur zu schreiben, daß du die Absicht hast, ihn zu verlassen, und er wird sofort zu dir gelaufen kommen.“

„Warum liebst du ihn nicht, Wanjä?“

„Ich –?“

„Ja, du, du! Du bist sein geheimer, sein wütendster Feind. Du kannst von ihm nicht ohne Haß sprechen. Ich habe es tausendmal bemerkt, daß es dir eine Genugtuung ist, ihn zu erniedrigen und anzuschwärzen! Besonders, ihn anzuschwärzen. Ja, so ist es, Wanjä!“

„Und tausendmal hast du es mir schon gesagt, Natascha. Genug, lassen wir das Gespräch.“

„Ich möchte in eine andere Wohnung ziehen,“ sagte sie nach längerem Schweigen. „Du, sei mir nicht böse, Wanjä ...“

„Nun, dann kommt er eben in die andere Wohnung. Ich, ich bin dir nicht böse.“

„Die neue Liebe ist stark und kann ihn zurückhalten. Wenn er zu mir kommen sollte, dann wird es doch nur auf einen Augenblick sein, was glaubst du?“

„Ich weiß es nicht, Natascha, bei ihm ist alles möglich, ich glaube, er kann die Andere heiraten und auch dich lieben. Er kann das alles zu gleicher Zeit.“

„Wenn ich wüßte, daß er sie wirklich liebt, so würde ich mich sofort entschließen ... Wanjä! verheimliche nichts vor mir! Weißt du irgend etwas, das du mir nicht sagen möchtest, oder nicht?“

Sie sah mich mit unruhigem, fragendem Blick an.

„Ich weiß nichts, Natascha, ich gebe dir mein Ehrenwort, ich habe dir nie etwas verheimlicht. Übrigens, was ich noch sagen wollte: vielleicht ist er garnicht so verliebt in die Stieftochter der Gräfin, wie wir es annehmen. Vielleicht ist er nur so ...“

„Glaubst du das, Wanjä? Gott, wenn ich es doch nur wüßte! Oh, wie würde ich in diesem Augenblick ihn sehen wollen. Ich würde aus seinem Gesicht alles erraten! Und er kommt nicht! Er kommt nicht!“

„Erwartest du ihn denn, Natascha?“

„Nein, er ist bei _ihr_; ich weiß es; ich habe auskundschaften lassen. Wie gerne würde auch ich sie sehen ... Höre, Wanjä, vielleicht ist es unsinnig von mir, doch sollte ich sie denn wirklich niemals sehen, nie ihr begegnen können? Was glaubst du, ist es wirklich unmöglich?“

Unruhig erwartete sie, was ich sagen würde.

„Sehen würdest du sie schon können, doch das ist dir wohl zu wenig?“

„Es würde ja genügen, sie nur zu sehen, dann würde ich auch schon alles andere wissen. Höre mich an: ich bin jetzt so dumm geworden; gehe hier auf und ab, auf und ab, immer allein, immer allein – und denke. Oft sind die Gedanken so schwer, daß sie mich wie ein Wirbelsturm niederreißen! Wanjä, kannst du nicht ihre Bekanntschaft machen? Die Gräfin, wie du mir damals selbst erzähltest, hatte doch deinen Roman sehr gelobt. Du gehst doch manchmal des Abends zum Fürsten R; sie verkehrt doch bei ihm. Lasse dich ihr vorstellen. Übrigens könnte dich auch Aljoscha ihr vorstellen. Sieh, und du würdest mir dann alles von ihr erzählen.“

„Natascha, lieber Freund, davon später. Hier handelt’s sich darum: glaubst du denn wirklich, daß du die Kraft dazu haben wirst? Sieh dich doch an, wie gequält und unruhig du bist.“

„Ich werde sie haben!“ antwortete sie kaum hörbar. „Alles für ihn. Mein ganzes Leben für ihn. Doch, weißt du, Wanjä, ich kann es nur nicht ertragen, daß er mich jetzt bei ihr so ganz vergißt, in diesem Augenblick vielleicht neben ihr sitzt, plaudert, lacht, weißt du, ganz wie er es hier tut ... ihr gerade in die Augen sieht, – er sieht immer gerade in die Augen – und es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, daß ich hier bin ... mit dir ...“

Sie beendigte ihren Satz nicht und blickte mich mit Verzweiflung an.

„Wie denn, Natascha, soeben sagtest du doch noch, soeben ...“

„Nein, mögen wir alle zusammen auseinandergehen!“ unterbrach sie mich mit blitzenden Augen. „Ich selbst werde ihn segnen ... Doch schwer ist es, Wanjä, wenn er als erster mich vergißt! Ach, Wanjä, was sind das für Qualen! Ich selbst verstehe mich nicht: in Gedanken kann man alles, in Wirklichkeit jedoch nichts. Was wird aus mir werden!“

„Genug, genug, Natascha, beruhige dich! ...“

„Und jetzt schon seit fünf Tagen, jede Stunde, jede Minute ... im Traum, wenn ich wache oder schlafe ... immer denke ich an ihn, an ihn! Weißt du, Wanjä, gehen wir dahin, bringe mich hin!“

„Aber, Natascha!“

„Ja, gehen wir! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanjä! Drei Tage lang habe ich nur darüber nachgedacht. Darum hatte ich dich gerufen ... Du mußt mich begleiten; du darfst es mir nicht abschlagen ... Ich habe auf dich gewartet ... drei Tage ... Dort ist heute ein Abend ... er ist dort ... gehen wir!“

Sie schien wie von Sinnen. Im Vorzimmer hörte man Stimmen. Mawra schien sich mit jemanden zu streiten.

„Warte, Natascha, wer ist da?“ fragte ich. „Höre!“

Mit ungläubigem Lächeln horchte sie auf, und plötzlich erblaßte sie.

„Mein Gott! Wer ist da?“ hauchte sie mit kaum hörbarer Stimme.