Part 8
„Ach, mein Lieber, als ob es noch nicht genug wäre, als ob der Kelch nicht zum Überfließen voll wäre! Erinnerst du dich, mein Freund, oder weißt du nicht mehr, daß ich ein goldenes Medaillon besaß, mit Nataschas Bildchen, aus ihren Kinderjahren; acht Jahre alt war sie damals, mein Herzenskind. Wir bestellten es bei einem durchreisenden Maler, du hast es wohl sicher vergessen, mein Lieber! Ein guter Maler war es, er hat sie als Kupido dargestellt: helles lockiges Haar hatte sie damals, durchs Hemdchen schien ihre weiße Haut durch, und so reizend sah sie aus, daß man sich gar nicht an ihr sattsehen konnte. Ich bat den Maler, ihr doch Flügel anzumalen, doch er wollte es nicht tun. Nun, siehst du, mein Lieber, in diesen schrecklichen Tagen hatte ich es aus der Schatulle herausgenommen und es mir um den Hals gehängt; so hing es neben meinem Kreuz, und ich fürchetete schon immer, der Alte würde es vielleicht bemerken. Er befahl doch damals, alle ihre Sachen aus dem Hause zu entfernen oder zu verbrennen, damit wir durch nichts mehr an sie erinnert würden. Ich aber war glücklich, wenn ich das Bild wenigstens betrachten konnte; ich sehe es mir an und weine mich aus, dann wird mir leichter ums Herz; ein anderes Mal aber, wenn ich allein bin, küsse ich es, als wäre sie es selbst und nenne sie bei ihrem Namen und bekreuzige sie zur Nacht. Ich spreche laut mit ihr, wenn ich allein bin, frage sie dies und jenes und mir ist, als antworte sie mir. Ach, mein lieber Wanjä, schwer ist es mir, davon zu sprechen! Nun, ich war froh, daß er wenigstens vom Medaillon nichts bemerkt hatte; wie ich aber gestern abend nach meinem Medaillon greife, ist es nicht mehr da. Mir schwanden die Sinne. Suche, suche und suche – nichts! Es ist verloren und bleibt verloren! Und wie kann ich es verloren haben? Im Bett, denke ich, habe ich es abgerissen; ich kehre das ganze Bett um, – nichts! Wenn ich es verloren habe, wer kann es denn finden, wenn nicht _er_ oder Matrjona? Nun, Matrjona kann ich schon garnicht verdächtigen, sie ist mir mit ganzer Seele zugetan ... (Matrjona, wirst du endlich den Samowar aufstellen?) Nun, denke ich, wenn er es findet, was wird dann sein? Ich sitze da und weine, weine, kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Und Nikolai Ssergejewitsch ist so zärtlich zu mir, und sieht mich bedauernd an, als wüßte er, warum ich weine. Und da denke ich: er hat das Medaillon gefunden und es aus dem Fenster geworfen! In seinem Herzen ist er doch fähig dazu; hat es hinausgeworfen und jetzt tut es ihm selbst leid, bedauert es jetzt, denke ich. Nun, ich lief unter das Fenster, um es mit Matrjona zu suchen, – wir fanden nichts. Ich weinte die ganze Nacht über. Zum ersten Male hatte ich sie nicht zur Nacht bekreuzigt. Oh, das führt zum Schlechten, zum Schlechten, Iwan Petrowitsch, das bedeutet nichts Gutes; auch den nächsten Tag wurden meine Augen nicht trocken, immer wieder weinte ich. Habe dich erwartet, mein Freund, wie einen Engel Gottes, damit du meine Seele erlösest ...“
Und sie weinte bitterlich.
„Ach, ja, was ich vergessen, dir zu sagen!“ begann sie plötzlich, ganz erfreut darüber, daß es ihr eingefallen, „hast du etwas von dem Waisenkind gehört?“
„Ja, Anna Andrejewna, er hat mir erzählt, Sie hätten beide beschlossen, ein armes Mädchen, eine Waise, zur Erziehung anzunehmen. Ist das wahr?“
„Nicht gedacht habe ich daran, mein Lieber, nicht gedacht! Und überhaupt, ein Waisenkind will ich nicht haben! Nur an unser schweres Schicksal, an unser Unglück, wird sie uns erinnern. Außer Natascha will ich niemanden haben. Meine einzige Tochter war sie, meine einzige wird sie auch bleiben. Doch, was soll das wohl bedeuten, dieser Einfall mit der Waise? Was denkst du davon, Iwan Petrowitsch? Mir zur Beruhigung, etwa, damit ich mein leibliches Kind vergessen und mich an ein anderes gewöhnen soll? Was hat er dir von mir erzählt? Wie schien er dir – streng ... böse? Ts! Er kommt! Nachher davon, nachher! ... Morgen mußt du kommen, vergiß nicht ...“
XIII.
Der Alte trat ein. Er blickte uns neugierig und fast etwas verschämt an, dann verfinsterte sich sein Gesicht und er trat an den Tisch.
„Nun,“ fragte er, „hat man noch immer nicht den Samowar gebracht?“
„Man bringt ihn sofort, Väterchen, sofort; nun, da ist er schon,“ beeilte sich Anna Andrejewna zu bemerken.
Matrjona erschien sofort mit dem Samowar, als sie den Herrn erblickte, ganz als hätte sie nur auf ihn gewartet. Diese Matrjona war eine alte, erprobte und ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste und brummigste von allen Mägden der Welt, mit eigensinnigem, rechthaberischem Charakter. Nikolai Ssergejewitsch jedoch fürchtete sie und vor ihm hielt sie den Mund. Dafür entschädigte sie sich aber um so mehr an Anna Andrejewna, war gegen sie grob und zeigte ihr auf Schritt und Tritt den Wunsch, über sie, ihre Herrin, zu herrschen, obwohl sie zu gleicher Zeit ihr und Natascha von Herzen ergeben war. Ich hatte Matrjona schon in Ichmenjeffka gekannt.
„Hm ... es ist nicht angenehm, so durchnäßt zu sein, und hier will man einem nicht einmal den Tee bereiten,“ brummte der Alte halblaut vor sich hin.
Anna Andrejewna warf mir einen verständnisvollen Blick zu, heimlich auf ihren Mann weisend. Er aber konnte die geheimen Einverständnisse nicht leiden, und wenn er sich in diesem Augenblicke auch die Mühe gab, sie nicht zu bemerken, so konnte man es ihm doch ansehen, daß er alles wußte und verstanden hatte.
„Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanjä,“ begann er plötzlich. „Alles in den Dreck gefahren. Sagte ich dir nicht? Mich werden sie verurteilen. Beweise habe ich nicht; die nötigen Papiere fehlen mir; die Angaben sollen sich als unrichtig erweisen ... Hm! ...“
Er sprach von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich noch immer hin, nahm aber für Nikolai Ssergejewitsch die denkbar schlechteste Wendung. Ich schwieg, ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Er blickte mich argwöhnisch an.
„Und was tut’s!“ griff er plötzlich auf, als reizte ihn unser Schweigen, „je schneller, desto besser. Zum Schurken können sie mich nicht machen, wenn sie mich auch verurteilen, zu bezahlen. Ich habe mein reines Gewissen, mögen sie beschließen, was sie wollen. Wenigstens wird die Sache einmal ihr Ende nehmen; sie befreien mich, indem sie mich zugrunde richten ... Ich werde alles hinwerfen und gehe nach Sibirien.“
„Um Gottes willen, wohin gehen! Weshalb so weit!“ konnte Anna Andrejewna sich nicht enthalten, auszurufen.
„Und hier, wem sind wir hier denn nah und irgend etwas wert?“ fragte er sie brutal und als freute er sich dieser Erwiderung.
„Immerhin doch ... in der Nähe von Menschen ...“ erwiderte Anna Andrejewna, mich traurig ansehend.
„Von Menschen!“ fuhr er auf, seinen flammenden Blick von mir auf sie heftend und wieder zurücklenkend, „von welchen Menschen? Von Räubern, Verleumdern und Verrätern? Die gibt es überall; beunruhige dich nicht, auch in Sibirien findet man sie. Wenn du nicht mit mir fahren willst, so bleibe, bitte, hier; ich werde dich nicht zwingen, mitzukommen.“
„Väterchen, Nikolai Ssergejewitsch! Was soll ich denn ohne dich!“ rief die arme Anna Andrejewna. „Ich habe doch, außer dir, in der ganzen Welt, niem...“
Sie stockte, schwieg und sah mich erschrocken und flehend an, als bäte sie mich um Beistand und Hilfe. Der Alte war gereizt; nörgelte an jedem Wort; ihm widersprechen durfte man jetzt nicht.
„Beruhigen Sie sich, Anna Andrejewna,“ sagte ich, „in Sibirien ist es durchaus nicht so schlimm, wie es scheint. Wenn das Unglück geschehen sollte, daß Sie Ichmenjeffka verkaufen müssen, so ist die Absicht Nikolai Ssergejewitschs sogar sehr gut. In Sibirien kann man einen guten Privatverdienst finden, – und dann ...“
„Nun, es freut mich, daß du etwas von der Sache verstehst, Iwan. Ich habe so beschlossen; ich verwerfe die ganze Sache und fahre.“
„Nein, das hatte ich doch nicht erwartet!“ rief Anna Andrejewna und schlug die Hände zusammen. „Also auch du, Wanjä! Von dir, Iwan Petrowitsch, hätte ich das denn doch nicht erwartet ... Ich dächte, du hättest doch von uns nichts anderes als Liebe erfahren, und jetzt ...“
„Ha, ha, ha! Was hattest du denn erwartet? Wovon werden wir denn leben, was denkst du wohl! Das Geld ist verlebt, bald stehen wir vor dem Nichts! Befiehlst du vielleicht, daß ich zum Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?“
Als die Alte den Namen des Fürsten hörte, fing sie vor Schreck an zu zittern. Der Löffel in ihrer Hand schlug hell und vernehmbar an die Untertasse.
„Nein, wirklich, Wanjä, was meinst du,“ fuhr der Alte weiter fort, mit boshafter, hartnäckiger Schadenfreude. „Warum nach Sibirien fahren? Besser ist’s, ich ziehe mich morgen an, kämme mich, putze mich, Anna Andrejewna wird mir ein neues Vorhemd zurechtlegen, werde mir neue Handschuhe kaufen, und zu Sr. Durchlaucht fahren: Väterchen, Euer Durchlaucht, Gönner und Wohltäter! Üben Sie Gnade an mir, geben Sie mir mein Stück Brot wieder, ... meine Frau ... meine kleinen Kinder! ... Soll ich’s so machen, Anna Andrejewna? Wünschst du es so?“
„Väterchen ... ich will nichts, garnichts will ich! Habe nur so aus Dummheit gesagt; verzeih, wenn ich dich geärgert habe, nur höre auf.“ Sie zitterte immer mehr vor Angst und Erregung.
Ich bin überzeugt, daß in dem Augenblicke, als er die Angst und die Tränen seiner armen Frau sah, der Schmerz seine Seele durchbohrte; ich bin überzeugt, daß er noch mehr litt; doch konnte er jetzt nicht mehr an sich halten. So geschieht es meistens bei herzensguten, aber weichen Menschen, die ungeachtet ihrer Güte sich von ihrem eigenen Zorn und Schmerz so weit hinreißen lassen, daß es ihnen zum Genuß wird, sich selbst zu quälen und dabei einen anderen nahestehenden und ganz unschuldigen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen. Frauen, zum Beispiel, haben oft ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu fühlen, obgleich weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Auch gibt es Männer, die in dem Falle oft den Frauen gleichen und sogar starke Männer, die sonst nichts Weibisches an sich haben. Der Alte suchte den Streit, obgleich er selbst darunter litt.
Ich erinnere mich, es kam mir damals der Gedanke, ob er sich nicht in der Tat zu irgend einem Schritt entschlossen hatte, wie Anna Andrejewna es befürchtete. Es war doch möglich, daß er sich wirklich zu Natascha aufgemacht hatte, aber auf dem Wege zu ihr seine Absicht aufgegeben – was doch gewiß eintreten mußte – und jetzt nach Hause zurückgekehrt war, sich gekränkt und beleidigt fühlte – und sich seiner eigenen Wünsche und Gefühle schämte. Er mußte jetzt diesen Ärger an jemandem auslassen, und zwar an demjenigen, den er am meisten verdächtigte, dieselben Wünsche und Gefühle zu haben, wie er sie selbst hatte.
Ihr niedergeschmetterter und bebender Anblick rührte ihn anfangs. Er schien sich seines Zornes zu schämen und hielt einen Augenblick an sich. Wir schwiegen alle; ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen. Dieser glückliche Moment hielt jedoch nicht lange an. Was daraus auch werden möge, er mußte sich davon befreien, sollte es auch mit einem Wutausbruch oder mit einem Fluch endigen!
„Siehst du, Wanjä,“ sagte er plötzlich, „mir tut es leid, ich wollte lieber nichts davon reden, doch ist jetzt die Zeit gekommen, daß ich mich offen und ohne Winkelzüge ausspreche, wie es sich so für einen aufrichtigen Menschen gehört ... Du verstehst mich doch, Wanjä? Ich bin froh, daß du gekommen bist, und deshalb möchte ich vor dir erklären, damit es auch _andere_ hören, daß ich von all diesen Tränen, Seufzern, dem Unglück und Unsinn genug habe. Das, was ich einmal, vielleicht mit großem Schmerz, aus meinem Herzen gerissen habe, kann ich nie und nimmer wieder in mein Herz einpflanzen. Ja! Ich habe es gesagt und so bleibt es. Ich spreche von dem, was vor einem halben Jahr geschah, du verstehst mich, Wanjä! und ich spreche jetzt davon ganz aufrichtig und gradaus, damit du dich nie in meinen Absichten irren mögest,“ fügte er hinzu, mit flammenden Augen mich ansehend, um dem erschreckten Blick seiner Frau auszuweichen. „Ich wiederhole es: ich wünsche es nicht! ... Mich kränkt es, daß man mich für einen Dummkopf, für den allerniedrigsten Schurken hält, daß _alle_ solcher niedrigen und schwachen Gefühle mich für fähig halten ... sie denken, daß ich vor Kummer meinen Verstand verliere ... Alles Unsinn! Ich habe die alten Gefühle vergessen, aus meinem Herzen gerissen! Für mich gibt es keine Erinnerungen ... so! so! ja so ist es! ...“
Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß alle Tassen klirrten.
„Nikolai Ssergejewitsch! Ist es wirklich möglich, daß Ihnen Anna Andrejewna nicht leid tut! Sehen Sie sie doch an, was Sie tun!“ sagte ich, nicht mehr imstande, meinen Unwillen niederzukämpfen. Doch ich goß nur Öl ins Feuer.
„Nicht leid!“ schrie er, erzitternd und erbleichend, „nicht leid, wenn man auch mich nicht schont! Nicht leid, weil in meinem Hause Verschwörungen gegen mein beschimpftes Haupt, wegen einer verkommenen und aller Strafen und des Fluches würdigen Tochter angezettelt werden! ...“
„Väterchen! Nikolai Ssergejewitsch, verfluche sie nicht! ... Alles was du willst, doch verfluchen darfst du deine Tochter nicht!“ schrie Anna Andrejewna außer sich.
„Ich verfluchte sie!“ schrie der Alte zweimal so laut als früher, „denn von mir, dem Beleidigten und Beschimpften verlangt man, daß ich zu dieser Verfluchten gehe und sie um Verzeihung bitte! Ja, ja, so ist es! Damit quält man mich in meinem Hause jeden Tag, Tag und Nacht, mit Tränen, Seufzern und dummen Bemerkungen! Man will mich weich machen ... Sieh her, sieh her, Wanjä,“ fügte er hinzu, mit zitternden Händen aus seiner Brusttasche Papiere herausziehend, „sieh diese Papiere an, aus meinem Prozeß! Nach diesen Papieren bin ich ein Dieb und Betrüger, und habe meinen Brotherrn bestohlen! ... Ihretwegen bin ich zum Schurken, zum Betrüger, gemacht worden! Sieh, sieh sie dir an, sieh! ...“
Und er begann die verschiedensten Schriftstücke aus der Tasche zu ziehen und sie eines nach dem anderen auf den Tisch zu werfen, ungeduldig dasjenige suchend, das er mir zeigen wollte; doch, wie zum Trotz, fand er gerade dieses nicht. Ungeduldig geworden, riß er alles aus der Tasche, was sich in ihr befand und plötzlich – fiel etwas hell aufklingend auf den Tisch ... Anna Andrejewna schrie laut auf ... es war das verlorene Medaillon!
Ich traute meinen Augen kaum. Das Blut stieg dem Alten zu Kopf und ergoß sich über sein ganzes Gesicht. Er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand da, die Hände übereinandergelegt und sah ihn flehend an. Auf ihrem Gesicht erstrahlte eine helle, freudige Hoffnung. Die Röte, die Erregung des Alten ... sie konnte sich jetzt nicht mehr irren, sie verstand jetzt alles ... das Medaillon!
Sie begriff, daß er es gefunden haben mußte und, vor Freude über den Fund und aus Begeisterung darüber, es eifersüchtig vor den Augen anderer verborgen hatte; daß er sich dann irgendwo allein, versteckt von allen anderen, an dem Gesichtchen seines lieben Kindes nicht habe sattsehen können; daß vielleicht auch er wie sie, die arme Mutter, sich allein in seinem Zimmer eingeschlossen mit seiner Natascha Zwiesprach gehalten, vielleicht auch er des Nachts die Brust von Sehnsucht und Schluchzen erstickt, dieses Bild geküßt und statt des Fluches Segen und Vergebung vom Himmel erfleht hatte auf sie, die er jetzt nicht sehen wollte und vor allen verfluchte.
„Väterchen, so liebst auch du sie noch!“ rief Anna Andrejewna, die jetzt ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte und ganz vergessen zu haben schien, daß er ihre Natascha noch vor einem Augenblick verflucht hatte.
Doch kaum hatte er ihren Schrei gehört, so packte ihn eine wahnsinnige Wut und mit flammenden Augen nahm er das Medaillon, warf es mit aller Gewalt auf den Fußboden und wollte es wie ein Rasender mit den Füßen zerstampfen.
„Auf ewig, auf ewig sei von mir verflucht!“ heischte er heiser vor Wut. „Auf ewig, auf ewig!“
„Mein Gott!“ rief die Alte, „sie, sie! Meine Natascha! Ihr Gesichtchen ... mit den Füßen zertreten! Mit den Füßen! Du Tyrann! Du herzloser Mensch!“
Als er das Jammern seiner Frau vernahm, hielt der Alte inne, ganz erschrocken über das, was geschehen. Plötzlich hob er das Medaillon auf und wollte aus dem Zimmer stürzen, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er auf die Knie fiel und, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, legte er seinen Kopf auf den vor ihm stehenden Diwan.
Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Verhaltenes Schluchzen wühlte in seiner Brust, als wollte es sie zersprengen! Der drohende Alte wurde in einem Augenblicke zum schwachen Kinde. Oh, jetzt hätte er niemand mehr fluchen können, jetzt schämte er sich nicht seiner Liebesausbrüche und bedeckte vor uns das kleine Bild, das er vor einem Augenblick mit Füßen getreten, mit zahllosen Küssen. Es war, als ob alle Zärtlichkeit, alle Liebe zu seiner Tochter, die er solange zurückgehalten, sich jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt hinausdrängte, und die Riesenkraft des Ausbruches sein ganzes Sein zerschmetterte.
„Vergib ihr, vergib!“ rief schluchzend Anna Andrejewna, die sich über ihn gebeugt hatte, ihn umarmend. „Rufe sie zurück in ihr Elternhaus und Gott selbst wird dir einst am Tage des furchtbaren Gerichts deine Demut und Güte anrechnen.“
„Nein, nein! Nie, niemals!“ rief er mit heiserer, erstickter Stimme. „Niemals! Niemals!“
XIV.
Ich kam sehr spät zu Natascha; es war bereits zehn Uhr. Sie lebte damals an der Fontanka, bei der Ssemjonoffschen Brücke, in dem schmutzigen „Mietshause“ des Kaufmanns Kolotuschkin, im vierten Stock. In der ersten Zeit nach ihrer Entfernung aus dem Elternhause lebte sie und Aljoscha in einer reizenden, wenn auch nicht großen Wohnung im dritten Stock auf der Liteinaja. Doch bald waren die Mittel des jungen Fürsten erschöpft. Musiklehrer war er nicht geworden, hatte dagegen Geld aufgenommen und bedeutende Schulden gemacht. Das Geld gab er zur Verschönerung der Wohnung und für Geschenke an Natascha aus, die sich gegen diese Verschwendung auflehnte, ihm deshalb Vorwürfe machte und oft darüber in Tränen ausbrach. Der gefühlvolle und herzensgute Aljoscha konnte oft wochenlang darüber nachsinnen und sich ausdenken, was er ihr schenken solle, und wie sie sein Geschenk annehmen würde. Für ihn, dem dieses Ereignis einen Feiertag bedeutete, und der mir oft im voraus alle seine Erwartungen und Träume mitteilte, gab es dann jedesmal eine Enttäuschung, wenn er statt dessen ihre Tränen sah, ihre Vorwürfe hörte. Späterhin kam es der Geschenke wegen zu sehr unangenehmen Szenen. Außerdem vergeudete Aljoscha hinter dem Rücken Nataschas noch viel Geld. Er ging mit seinen Freunden durch; besuchte verschiedene Josephinen und Minnas, doch nichtsdestoweniger liebte er Natascha grenzenlos. Er liebte sie dann fast aus Selbstqual. Oft kam er zu mir, traurig und verstimmt, und klagte, daß er Natascha nicht wert sei, daß er schlecht und böse und nicht fähig sei, sie zu verstehen. Er hatte zum Teil recht, zwischen ihnen war ein großer Abstand; er fühlte sich vor ihr wie ein Kind und sie behandelte ihn auch danach. Mit Tränen in den Augen bereute er die Bekanntschaft mit Josephine und zu gleicher Zeit flehte er mich an, Natascha nichts davon zu sagen; und wenn er dann demütig und zitternd vor Angst sich nach diesem aufrichtigen Geständnis mit mir zu Natascha begab, (er versicherte, er könne nach diesem Verbrechen nur mit mir zusammen zu ihr gehen, sowie, daß ich allein ihm Mut einzuflößen vermöge), so wußte Natascha schon auf den ersten Blick, um was es sich handelte. Sie war sehr eifersüchtig, und ich verstehe nicht, wie es ihr möglich war, ihm alle seine leichtsinnigen Ausschreitungen immer wieder zu vergeben. Gewöhnlich war es so: Aljoscha tritt mit mir zusammen ein, schuldbewußt und demütig spricht er mit ihr und sieht ihr mit großer Zärtlichkeit in die Augen. Sie errät sofort, daß er sich schuldig fühlt, doch zeigt sie es ihm nicht, spricht nie davon, fragt ihn nie aus, sondern im Gegenteil: sie verdoppelt ihre Zärtlichkeit, ist lustig und heiter. Es war das nicht etwa eine ersonnene Schlauheit ihrerseits. Nein; für dieses reizende Geschöpf war es eine unendliche Genugtuung, zu verzeihen und zu lieben. Es war, als ob in der Vergebung für sie ein besonderer verfeinerter Reiz lag. Freilich handelte es sich damals nur um Josephinen. Aljoscha wiederum, der sie so zärtlich und liebend sah, konnte mit seinem Geständnis nicht länger zurückhalten und erzählte ihr alles, um sich das Herz zu erleichtern: damit wieder alles „beim alten“ wäre. Hatte er dann ihre Verzeihung erhalten, so geriet er in Begeisterung, weinte oft vor Freude und Entzücken, küßte und umarmte sie. Darauf fand er seinen Mut wieder und erzählte mit kindlicher Offenherzigkeit alle Einzelheiten seines Vergehens mit Josephine, lachte, freute sich und lobte Natascha, und der Tag wurde fröhlich und glücklich beschlossen. Als bei ihm das Geld ausging, fing er an, seine Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas Verlangen wurde eine billige Wohnung an der Fontanka gemietet. Die Sachen waren bald alle verkauft und Natascha begann ihre Kleider zu versetzen und Arbeit zu suchen. Als Aljoscha davon hörte, geriet er in grenzenlose Verzweiflung, verfluchte sich und behauptete, daß er sich selbst verachte, trotzdem blieb aber alles beim alten. In der letzten Zeit waren alle Einkünfte endgültig erschöpft, es blieb ihnen nichts übrig, als Arbeit, und für die Arbeit elender Lohn.