Part 7
„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben. Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B. ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur undeutlich zu erkennen waren.
„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“ fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat.
Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück.
„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm, da!“ –
Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes.
„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes Engel begleiten!“
Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort.
„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ... hm!“
Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er fortfahren sollte.
„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt, wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines, ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören ..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug! Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“
Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen.
XII.
Die alten Ichmenjeffs liebten sich sehr. Liebe und langjährige Gewohnheit hatte sie unzertrennlich aneinandergefesselt. Doch war Nikolai Ssergejewitsch nicht nur jetzt, sondern auch schon früher in seinen glücklichen Zeiten, nicht sehr mittelsam zu seiner Anna Andrejewna gewesen, und hin und wieder geradezu streng mit ihr umgegangen, letzteres besonders in Gegenwart von fremden Leuten. In einigen Naturen, die sehr zart und feinfühlend sind, erhebt sich manchmal ein Widerstand dagegen, der von ihnen geliebten Person ihre Zärtlichkeit nicht nur in Gegenwart von Menschen, sondern auch unter vier Augen zu zeigen. Nur hin und wieder bricht die Zärtlichkeit durch, um so heißer und leidenschaftlicher, je länger sie zurückgehalten worden war! So verhielt sich auch teilweise der alte Ichmenjeff zu seiner Anna Andrejewna, und zwar von Anfang an in seiner Ehe mit ihr. Er achtete und liebte sie grenzenlos, ungeachtet dessen, daß sie nur eine gute Frau war, die nichts als ihn zu lieben verstand; und er ärgerte sich oft sehr darüber, daß sie sich ihrerseits in ihren Gefühlen zu ihm, in ihrer Natürlichkeit, keinen Zwang antat. Doch seit Natascha sie verlassen, waren sie viel zärtlicher zueinander geworden; sie fühlten es schmerzlich, daß sie jetzt ganz allein auf der Welt waren. Und obgleich Nikolai Ssergejewitsch oft sehr verschlossen und finster war, so konnten doch beide nicht zwei Stunden ohne Schmerz und Sehnsucht voneinander getrennt sein. Sie waren schweigend übereingekommen, von Natascha mit keinem Wort zu sprechen, als wäre sie niemals auf der Welt gewesen. Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes denn auch nicht, Natascha nur im geringsten zu erwähnen, obgleich es ihr sehr schwer fiel. Sie hatte Natascha in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen uns war gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung getroffen worden, daß ich zu jedem Besuch bei ihr Nachrichten von ihrem unvergeßlichen, geliebten Kinde brachte.
Die Alte wurde krank, wenn sie länger keine Nachrichten hatte, und sobald ich dann wieder bei ihr erschien, wollte sie aber auch die kleinste Einzelheit wissen. Mit zitternder Neugier erkundigte sie sich nach allem, was ich gesehen, und wäre beinahe vor Schreck gestorben, als sie hörte, daß Natascha erkrankt war; fast wäre sie selbst zu ihr gegangen. Doch hätte sie es wohl nur im äußersten Fall getan. Sie wagte mir gegenüber nicht einmal den Wunsch, ihre Tochter wiederzusehen, auszusprechen, und jedesmal hielt sie es nach unseren Gesprächen, nachdem sie mich über alles ausgeforscht, für ihre Pflicht, nachdrücklich zu wiederholen, daß, wenn sie sich auch nach wie vor sehr um das Schicksal ihrer Tochter kümmere und sorge, Natascha doch eine Verbrecherin bliebe, der man nicht verzeihen könne. Das war jedoch alles nur äußerlich. Es kam vor, daß Anna Andrejewna sich bis zur Krankhaftigkeit abquälte, in meiner Gegenwart Natascha mit den zärtlichsten Namen nannte, sich bitter über Nikolai Ssergejewitsch beklagte, und in seiner Anwesenheit, wenn auch mit großer Vorsicht, versteckte Anspielungen machte, von Hochmut und Hartherzigkeit der Menschen sprach und davon, daß wir nicht zu verzeihen verstünden, Gott aber den Verstockten seinerseits auch nicht vergäbe – doch mehr wagte sie in seiner Gegenwart nicht zu sagen. In solchen Augenblicken verdüsterte sich das Gesicht des Alten, er wurde mürrisch und schweigsam, und plötzlich sprach er dann, gewöhnlich sehr ungeschickt, laut von etwas ganz anderem, um dann schließlich doch aufzustehen und sich in sein Zimmer zurückzuziehen, um auf diese Weise Anna Andrejewna die Möglichkeit zu geben, ihren Kummer vor mir auszuschütten und sich auszuweinen. Ebenso zog er sich bei meinen Besuchen, nachdem er mich begrüßt hatte, immer gleich zurück, um mir Gelegenheit zu geben, Anna Andrejewna die letzten Nachrichten über Natascha mitzuteilen. So tat er es auch diesmal.
„Ich bin ganz durchnäßt,“ sagte er zu ihr, als wir kaum ins Zimmer getreten waren, „ich gehe in mein Zimmer, und du, Wanjä, bleibe hier. Ihm ist eine Geschichte passiert ... mit der Wohnung; erzähle ihr das. Ich komme gleich wieder zurück ...“
Und er eilte hinaus, bemüht, uns nicht anzusehen, als schäme er sich, daß er uns selbst zusammenbrachte. Wenn er wieder zu uns zurückkehrte, war er dann mürrisch, sowohl gegen mich als gegen Anna Andrejewna, ganz, als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.
„So ist er immer,“ sagte die Alte, die in letzter Zeit ihre frühere Zurückhaltung gegen mich ganz aufgegeben hatte. „Immer ist er so zu mir; dabei weiß er doch, daß wir seine Schlauheit durchschauen. Warum verstellt er sich vor mir! Bin ich denn etwa eine Fremde für ihn? So ist er auch zu seiner Tochter. Er könnte ihr doch verzeihen, vielleicht wünscht er es sogar, Gott weiß es! Die Nächte über weint er, habe es selbst gehört! Äußerlich will er sich stark zeigen. Der Stolz beherrscht ihn ... Lieber Iwan Petrowitsch, erzähl’ schneller: wohin war er gegangen?“
„Nikolai Ssergejewitsch? Ich weiß es nicht: ich wollte Sie fragen.“
„Und ich dich! Mir wurde ganz schwach zumute, als ich ihn gehen sah. Er ist doch krank, und bei solchem Wetter, in der Dunkelheit! Nun, dachte ich, der muß etwas wichtiges vorhaben; was kann es aber wichtigeres geben, als die uns bekannte Angelegenheit? So dachte ich bei mir, aber zu fragen wagte ich ihn nicht. Großer Gott, ich zitterte ordentlich bei dem Gedanken an ihn und an sie. Nun, dachte ich, jetzt geht er zu ihr; jetzt wird er ihr verzeihen! Er hat doch alles erfahren, auch die letzten Nachrichten von ihr kennt er. Ich bin fest überzeugt, daß er alles weiß, woher er aber Nachrichten über sie erhält, kann ich mir nicht vorstellen. Gar zu sehr grämte er sich schon gestern, und heute gleichfalls. Ja, was schreist du denn! Erzähle doch, mein Lieber, was dort vorgefallen ist! Wie einen Engel Gottes habe ich dich erwartet, habe mir die Augen nach dir ausgesehen. Nun, wie ist es, verläßt dieser Bösewicht Natascha?“
Ich erzählte sofort Anna Andrejewna alles, was ich selbst wußte. Zu ihr war ich immer vollkommen aufrichtig. Ich teilte ihr mit, daß es in der Tat diesmal zwischen Natascha und Aljoscha zu einem Bruch kommen könnte; daß diesmal der Konflikt ernster als die früheren sei; daß Natascha mir gestern einen Zettel geschickt und mich gebeten, heute abend um neun Uhr zu ihr zu kommen, weshalb ich auch garnicht die Absicht gehabt, hierher zu gehen, aber Nikolai Ssergejewitsch habe mich mitgenommen. Ich erzählte ihr, und erklärte ihr ausführlich, daß die Lage jetzt eine sehr kritische sei; daß der Vater Aljoschas, der vor zwei Wochen von einer Reise zurückgekehrt sei, von alledem nichts hören wolle und energisch gegen Aljoscha vorgehe. Doch wichtiger sei, daß Aljoscha selbst, wie es scheine, zu der andern hinneige, und wie man höre, sich sogar in sie verliebt haben solle. Ich fügte noch hinzu, daß der Brief von Natascha in großer Aufregung geschrieben sei, und daß heute, wie sie darin schrieb, alles sich entscheiden würde. In welcher Richtung? Das sei noch unentschieden. Sonderbar, daß sie _heute_ geschrieben, mir aber befohlen habe, morgen um neun Uhr abends zu kommen. Darum müsse ich auch sofort gehen, und zwar so schnell als möglich.
„Gehe nur, gehe, Junge, gehe sofort,“ rief Anna Andrejewna besorgt und beunruhigt, „sobald er kommt, trinkst du noch rasch den Tee ... Warum hat man den Samowar noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der Samowar? Der Nichtsnutz! ... Wenn du also deinen Tee ausgetrunken hast, finde einen passenden Vorwand, und – fort mit dir! Morgen aber komme unbedingt zu mir und erzähle mir alles. Ja, komme so früh als möglich. Großer Gott! Wenn nur kein Unglück geschieht! Kann es denn noch schlechter kommen! Nikolai Ssergejewitsch hat sicher schon alles erfahren, mein Herz sagt es mir, daß er alles schon weiß. Ich habe ja auch von Matrjona vieles erfahren und diese wieder durch Agascha; Agascha wiederum ist ein Taufkind von Marja Wassiljewna, die im Hause des Fürsten dient ... nun, du weißt doch selbst alles. Böse war heute Nikolai Ssergejewitsch, böse. Ich sprach nur so von diesem und jenem, er aber schrie mich an, wie ein Wütender; später tat es ihm leid, behauptete, wir hätten bald kein Geld mehr. Als wäre er des Geldes wegen wütend gewesen! Nun, du kennst ja doch unsere Verhältnisse. Nach dem Mittagessen ging er schlafen. Ich blickte durch die Türspalte ins Zimmer (in der Tür ist eine kleine Spalte, er weiß nichts von ihr), er aber, mein Täubchen, lag auf den Knien vor einem Heiligenbild und betete. Als ich das erblickte, da wankten mir die Knie. Und den Tee trank er nicht, geschlafen hat er auch nicht. Nahm seinen Hut und ging. Ich wagte nicht ihn zu fragen; er hätte mich wieder angeschrien. Er schreit jetzt des öfteren, wenn er mich nicht anschreit, dann Matrjona; so wie er aber zu schreien anfängt, zittern mir die Knie und mein Herz hört auf zu schlagen. Wenn er auch übertreibt, nun ich weiß ja doch, daß er absichtlich so tut, aber schrecklich ist es doch. Als er fortging, habe ich zu Gott eine ganze Stunde gebetet, er möge alles zum Guten lenken. Wo ist ihr Brief, zeig’ ihn mir!“
Ich gab ihr den Brief. Ich wußte, daß Anna Andrejewna nur den einen Wunsch hatte, daß Aljoscha, den sie einen Bösewicht und dummen Jungen nannte, zuletzt doch Natascha heiraten würde, und daß sein Vater, der Fürst Pjotr Alexandrowitsch, seine Einwilligung dazu gäbe. Sie hatte es einmal sogar mir gegenüber ausgesprochen, es dann jedoch bereut und mehrmals widerrufen. Niemals aber hätte sie ihre Hoffnungen vor Nikolai Ssergejewitsch auszusprechen gewagt, obgleich sie wußte, daß der Alte ihr das nachtrug und ihr im stillen geradezu Vorwürfe deswegen machte. Ich glaube, er hätte Natascha auf immer verflucht und ihr Andenken ganz aus seinem Herzen gerissen, wenn er auch nur von einer Möglichkeit dieser Ehe erfahren hätte.
Wir alle waren damals derselben Meinung. Er erwartete seine Tochter mit jeder Fiber seines Herzens, doch erwartete er sie allein, reuig und bereit, jede Erinnerung an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen zu reißen. Nur unter dieser einen Bedingung hätte er ihr verziehen – wenn er das auch nicht in dieser Weise ausgesprochen, so begriff man es doch sofort, wenn man ihn nur ansah.
„Charakterlos ist er, ein charakterloser, grausamer Junge ist er, das habe ich immer gesagt,“ begann Anna Andrejewna wieder von neuem. „Man hat ihn nicht zu erziehen verstanden, ein Leichtsinn ist er geworden. Um dieser neuen Liebe willen sie zu verlassen! Gott, mein Gott! Was wird aus der Armen werden? Und was er wohl an der Anderen gefunden haben mag, das begreife ich nicht!“
„Ich habe gehört, Anna Andrejewna,“ bemerkte ich, „daß diese Braut ein reizendes, bezauberndes Mädchen sein soll, auch Natalja Nikolajewna hat es von ihr behauptet ...“
„Und du glaubst natürlich alles!“ unterbrach sie mich. „Bezaubernd? Für euch Federfuchser ist jede bezaubernd, wenn sie nur einen Rock an hat. Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein edles Herz hat. Sie versteht nicht ihn zu halten, alles verzeiht sie ihm, selbst aber leidet sie. Wie oft ist er ihr schon untreu gewesen! Böse, hartherzige Menschen! Mich aber packt die Angst, Iwan Petrowitsch! Der Stolz blendet sie alle. Wenn der Meine sich wenigstens überwinden, meinem Täubchen verzeihen und es wieder zu mir bringen würde! Wie wollte ich sie umarmen, mich an ihr satt sehen! Sie sieht wohl sehr elend aus?“
„Ja, Anna Andrejewna.“
„Die Arme! Und mit mir steht es auch nicht ganz gut, Iwan Petrowitsch! Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag habe ich geweint ... worüber, das werde ich dir später erzählen! Wievielmal habe ich ihm nicht von ferne angedeutet, er möge ihr doch verzeihen: geradeaus wage ich es ihm nicht zu sagen, doch so auf Umwegen muß man’s ihm beibringen. Das Herz erstirbt mir dabei in der Brust: wenn er nun wütend wird, und sie noch verflucht! Verflucht hat er sie noch nicht, das habe ich von ihm noch nicht gehört ... Darum fürchte ich mich aber auch so sehr, daß er es nur ja nicht tut! Was würde wohl dann sein? Der Fluch des Vaters ist auch Gottes Fluch. So lebe ich, jeden Tag zittere ich vor Angst. Und auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; bist in unserem Hause aufgewachsen, hast elterliche Liebe von uns empfangen und hast dir auch ausgedacht, daß die Andere bezaubernd sei! Was geht denn dich das an? Was für eine Bezaubernde? Da hat Marja Wassiljewna besser gesprochen. (Ich habe es gewagt: habe sie einmal zu mir zum Kaffee eingeladen, als Meiner einen ganzen Morgen in Geschäften aus war.) Sie hat mich über alles aufgeklärt. Der Fürst, der Vater von Aljoscha, hat zu der Gräfin in unerlaubten Beziehungen gestanden. Die Gräfin hat ihm schon immer vorgeworfen, daß er sie nicht heirate, er hat es aber immer wieder aufgeschoben. Die Gräfin jedoch stand schon bei Lebzeiten ihres Gemahls in schlechtem Rufe. Als ihr Mann starb, reiste sie ins Ausland: hier lernte sie Italiener, Franzosen, Barone und Grafen kennen, und da hat sie auch den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gekrallt. Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres ersten Mannes, der ein Branntweinpächter war, wuchs allmählich heran. Die Gräfin, ihre Stiefmutter also, hatte bis dahin alles verlebt, was sie besaß, mit Katherina Fedorowna zusammen aber wuchsen auch die zwei Millionen heran, die ihr Vater für sie in der Bank deponiert hatte. Jetzt, sagt man, habe sie drei Millionen, und da hat sich denn der Fürst gedacht, daß es sehr vorteilhaft wäre, Aljoscha mit ihr zu verheiraten. (Fürchte dich nicht, der läßt nichts durch.) Der Graf, der vornehme, hochgestellte Hofmann, ihr Verwandter, hat eingewilligt; drei Millionen sind kein Spaß! Gut, sagt er, sprechen Sie mit der Gräfin. Der Fürst teilt der Gräfin seinen Wunsch mit. Die ist dagegen, mit Händen und Füßen. Eine tolle Frau, sagt man, ohne jeden Anstand! Hier sollen sie schon viele nicht mehr empfangen, wie wird es erst im Auslande gewesen sein! Nein, sagt sie, du, Fürst, mußt mich heiraten, meine Stieftochter bekommt Aljoscha nicht. Die Tochter soll aber eine Seele von Mensch sein, doch ihrer Stiefmutter in allem untertan und sie geradezu anbeten. Eine bescheidene, sagt man, eine engelsgute Seele! Der Fürst versteht natürlich sofort, um was es sich handelt, und sagt es ihr auch: ‚Du, Gräfin, beunruhige dich nicht. Du hast dein Gut verlebt und eine Menge Schulden. Wenn aber deine Stieftochter Aljoscha heiraten wird, so gibt es ein gutes Paar: sie ist unschuldig wie ein Engel und Aljoscha ein Dummkopf; wir werden sie beide zusammen bevormunden, dann wirst auch du Geld haben. Was nützt es dir, wenn ich dich heirate?‘ sagte er. Ein schlauer Mensch. Ein Freimaurer! Vor einem halben Jahr hat die Gräfin sich nicht dazu entschließen können, jetzt, sagt man, seien sie nach Warschau gefahren, dort habe sie eingewilligt. So ist es. Das hat mir alles Marja Wassiljewna erzählt, die es selbst von einem glaubwürdigen Menschen erfahren. Nun, siehst du wohl: um Geld handelt’s sich, um Millionen, und nicht darum, daß sie bezaubernd ist!“
Die Erzählung Anna Andrejewnas setzte mich in Erstaunen. Sie stimmte vollkommen mit dem überein, was ich selbst unlängst von Aljoscha gehört hatte. Als er es mir erzählte, behauptete er fest, daß er nie des Geldes wegen heiraten würde. Doch hatte Katherina Fedorowna einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Ich hörte auch von Aljoscha, daß der Vater selbst vielleicht heiraten möchte, doch alles Gerede darüber als unwahr bezeichne, um die Gräfin nicht vorher zu reizen. Ich sagte bereits, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte und pries, und an ihn, wie an einen Gott, glaubte.
„Und nicht aus gräflichem Geschlecht ist sie, deine Bezaubernde!“ fuhr Anna Andrejewna fort, sehr gereizt über das Lob, das ich der zukünftigen Braut des jungen Fürsten gespendet hatte. „Natascha wäre für ihn eine bessere Partie. Sie ist die Tochter eines Kaufmanns. Natascha aber ist aus altem adligem Geschlecht. Mein Alter öffnete gestern (ich habe es vergessen, dir zu sagen) seine eiserne Kiste, du kennst sie doch, und hat den ganzen Tag in alten Urkunden geblättert. So ernst saß er da. Ich strickte meinen Strumpf und wagte nicht, ihn anzusehn. Als er nun sieht, daß ich schweige, wird er wütend, er muß mich nun selbst rufen und da hat er mir den ganzen Abend unseren Stammbaum erklärt: Und so erfuhr ich denn, daß die Ichmenjeffs schon zu Zeiten Iwan Wassiljewitsch des Grausamen den Adel besaßen und meine Familie, das Geschlecht der Schumiloffs, schon unter Alexei Michailowitsch bekannt war, und eine Rolle gespielt hat – wir haben die Dokumente darüber und auch in der Geschichte Karamsins sind wir verzeichnet. Also, mein Väterchen, wir sind nicht schlechter in der Beziehung als die Anderen. Als der Alte mir das zu erklären anfing, verstand ich, was er im Sinne hatte. Ihn kränkt es, daß man Natascha so gering einschätzt. Nur mit dem Reichtum sind sie uns über. Nun, möge sich dieser Räuber Pjotr Alexandrowitsch um sein Geld mühen: das ist ja allen bekannt: er ist eine hartherzige, gierige Seele. Er sei in Warschau, sagt man, zu den Jesuiten übergetreten? Ist es wahr, was glaubst du?“
„Dummes Gerede,“ antwortete ich, doch unwillkürlich interessierte mich die Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Gerücht verbreitete und erhielt. Auch die Nachricht von Nikolai Ssergejewitsch, der seine Urkunden durchsuchte, interessierte mich sehr. Früher hatte er nie seines Geschlechtes Erwähnung getan.
„Alle sind sie hartherzige Menschen!“ fuhr Anna Andrejewna fort. „Doch, was tut sie, mein Täubchen? grämt sie sich, weint sie? Es ist Zeit, daß du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Wo bleibst du, Nichtsnutz! Haben sie sie beleidigt? Sage doch, Wanjä!“
Was sollte ich antworten? Sie fing an zu weinen. Ich fragte sie, welches Unglück sie denn noch betroffen hätte, wie sie vorhin gesagt.