Part 6
„Nein, hören Sie mich an,“ fügte er mit unglaublicher Naivität hinzu, „beurteilen Sie mich nicht darnach, wie ich scheine; ich besitze viel Beobachtungsvermögen; Sie werden selbst sehen. Warum soll ich es nicht versuchen? Vielleicht gelingt es mir ... Doch andererseits haben Sie recht; ich verstehe nichts vom wirklichen Leben; das hat mir Natascha auch gesagt, übrigens sagen es alle; was kann ich für ein Schriftsteller werden? Lachen Sie nur, lachen Sie mich nur aus, wirken Sie nur auf mich ein, und machen Sie mich nur besser als ich bin – Sie tun es ja für sie, Sie lieben sie ja doch. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich ihrer nicht wert bin, das fühle ich; es fällt mir sehr schwer, ich weiß gar nicht, wofür sie mich so lieb hat? Und doch – ich würde ihr mein ganzes Leben hingeben wollen! Wirklich, bis zu diesem Augenblick habe ich nichts gefürchtet, doch jetzt packt mich die Furcht! Herrgott! Sollte es einem Menschen, der sich ganz seiner Pflicht hingibt, wirklich an Geschick und Kraft fehlen, diese Pflicht zu erfüllen? Helfen Sie uns doch, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund jetzt, der uns geblieben ist. Denn was verstehe ich allein davon! Verzeihen Sie, daß ich mich so auf Sie verlasse, aber ich halte Sie für einen edlen Menschen und für besser als mich. Doch ich werde mich bessern, seien Sie überzeugt davon, und will Ihrer beider wert sein.“
Er drückte mir hierbei wieder die Hand und aus seinen freundlichen Augen strahlte eine aufrichtige Hingabe. So vertrauensvoll reichte er mir die Hand, so überzeugt, daß ich sein Freund sei!
„Sie wird mir helfen, mich zu bessern,“ fuhr er fort. „Denken Sie bitte nicht schlecht von uns, machen Sie sich keine Sorgen um uns. Ich mache mir viel Hoffnungen und in materieller Beziehung werden wir gewiß gesichert sein. Wenn es, zum Beispiel, mit dem Roman nicht gehen sollte (um die Wahrheit zu sagen, habe ich gleich, als ich davon sprach, bei mir gedacht, daß der Roman nur eine Dummheit sei, und ich erzählte es Ihnen nur, um Ihre Meinung darüber zu erfahren), wenn der Roman mir nicht gelingen sollte, so könnte ich im äußersten Fall Musikunterricht erteilen. Sie wissen es vielleicht nicht, daß ich musikalisch bin? Ich werde mich nicht schämen, von derartiger Arbeit zu leben. Ich schließe mich in dem Falle vollständig den neuen Ideen an. Außerdem besitze ich viele Wertsachen, Bibelots, Toilettengegenstände: was sollen sie mir? Ich werde sie verkaufen und, wir können lange Zeit hindurch davon leben! Schließlich kann ich im äußersten Falle immer noch als Beamter eintreten. Mein Vater wird sich sogar darüber freuen, er hat es schon längst gewünscht, ich habe mich unter dem Vorwand, kränklich zu sein, davon frei gemacht. Sowie er aber sehen wird, daß die Ehe mir Nutzen bringt, mich vernünftig macht, und ich wirklich in den Staatsdienst getreten bin ... so wird er sich freuen und mir alles verzeihen ...“
„Haben Sie auch, Alexei Petrowitsch, bedacht, was zwischen Ihrem und Nataschas Vater daraus entstehen wird? Was, glauben Sie, was wird wohl heute abend in ihrem Hause geschehen?“
Ich wies hierbei auf die totenbleich dastehende Natascha. Ich war erbarmungslos.
„Ja, ja, Sie haben recht, das ist furchtbar!“ antwortete er. „Ich habe schon daran gedacht und seelisch sehr darunter gelitten ... Doch was ist zu machen? – Sie haben recht: wenn doch nur wenigstens ihre Eltern uns vergeben würden! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide geliebt habe! Sie standen mir so nahe, als wären sie meine eigenen Eltern! – und womit zahle ich es ihnen heim?! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie glauben nicht, wie schrecklich das ist! Und warum streiten sie sich. Alle lieben wir uns gegenseitig, und streiten uns! Man sollte sich endlich aussöhnen und der Sache ein Ende machen! Ich würde es tun an ihrer Stelle ... Furchtbar sind Ihre Worte. Natascha, es ist schrecklich, was wir zu tun beabsichtigen! Ich habe es schon früher gesagt ... Du selbst hast darauf bestanden ... Doch, hören Sie, Iwan Petrowitsch, es kann sich noch alles zum Guten wenden. Wir werden sie aussöhnen. Gewiß, es muß sein; sie werden unserer Liebe nicht widerstehen können ... Mögen sie uns verfluchen, wir werden sie dennoch lieb haben; sie werden nachgeben. Sie glauben mir nicht, was für ein gutes Herz manchmal mein Vater hat! Er blickt nur so finster unter den Brauen hervor, doch ist er oft sehr zugänglich. Wenn Sie wüßten, wie liebevoll er heute mit mir gesprochen, wie er mich zu überzeugen versuchte! Und ich handle gerade heute gegen seinen Willen; das stimmt mich sehr traurig. Und alles dieser elenden Vorurteile wegen! Das ist einfach – Wahnsinn! Wenn er sich doch Natascha nur einmal ordentlich ansehen, mit ihr eine halbe Stunde zusammensein wollte? Er würde uns sofort alles erlauben.“
Bei diesen Worten blickte er in leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf Natascha.
„Tausendmal habe ich mir vorgestellt,“ setzte er sein Geplauder fort, „wie er sie lieben wird, wenn er sie nur kennen lernt, und wie sie sie alle in Verwunderung setzen würde. Denn sie haben doch alle noch nicht ein solches Mädchen gesehen! Der Vater denkt, daß sie eine Intrigantin ist. Meine Pflicht ist es, ihre Ehre wieder herzustellen, und das werde ich tun! Ach, Natascha! Dich werden alle lieben, alle, es gibt keinen Menschen, der dich nicht lieben müßte,“ fügte er begeistert hinzu. „Wenn ich deiner auch nicht wert bin, so liebst du mich doch, ich aber ... O, du kennst mich doch! Und haben wir denn noch mehr nötig zu unserem Glück! Nein, ich glaube, glaube daran, daß dieser Abend uns allen zusammen Glück, Friede und Eintracht bringt. Gesegnet sei dieser Abend! Nicht, Natascha? Doch, was ist mit dir? Mein Gott, was fehlt dir?“
Sie war bleich wie eine Tote. Sie hatte während Aljoschas weitläufiger Rede kein Auge von ihm gewandt, doch allmählich wurde ihr Blick immer trüber und starrer und ihr Antlitz blässer und blässer. Mir schien es, daß sie zuletzt kaum mehr zuhörte und völlig abwesend dastand. Der Ausruf Aljoschas weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Sie fuhr zusammen, schaute um sich und – wandte sich plötzlich zu mir. In aller Eile, und als ob sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie aus der Tasche einen Brief und gab ihn mir. Er war an ihre Eltern gerichtet und am Abend vorher geschrieben worden. Als sie ihn mir reichte, sah sie mich scharf und durchdringend an, als hätte sie sich mit ihrem Blick an mich festgesogen. In diesem Blick lag eine solche Verzweiflung, niemals vergesse ich diesen schrecklichen Blick! Mich schauderte: ich sah, daß sie sich in diesem Moment der ganzen Tragweite ihres Schrittes bewußt wurde. Sie wollte nur etwas sagen, sie begann schon und, plötzlich – verlor sie das Bewußtsein. Ich fing sie auf. Aljoscha erbleichte vor Schreck; er rieb ihre Schläfen, küßte ihre Hände, ihre Lippen. In zwei Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit von uns entfernt stand die Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha in den Wagen gehoben wurde, preßte sie wie unsinnig meine Hand und heiße Tränen rannen über meine Finger. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich stand noch lange an derselben Stelle und schaute ihm nach. Mein ganzes Glück entschwand in diesem Augenblick und mein Leben zerbrach in zwei Hälften. Schmerzhaft mußte ich das empfinden. ... Langsam ging ich den Weg zurück, zu den Alten. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen sollte, noch wie ich zu ihnen ins Zimmer treten wollte. Meine Gedanken erstarrten mir, meine Füße wankten ...
Und das ist die Geschichte meines Glückes! Das war das Ende meiner Liebe: Ich werde nun in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.
X.
Fünf Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen Wohnung ein. Den ganzen Tag fühlte ich mich elend und traurig; das Wetter war feucht und kalt, vom Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen Abend zeigte sich für einen Augenblick die Sonne und ein verlorener Strahl huschte, wohl aus Neugier, für einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war ja groß, doch so niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. Ich dachte mir gleich, daß ich in dieser Wohnung den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so geschah es denn auch.
Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren gelesen und sie in Ordnung gebracht. Da ich keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem Kissenbezug hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf setzte ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals an meinem großen Roman, doch konnte ich die Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war mir so voll von anderen Dingen ...
Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Es dunkelte bereits und auch in meiner Seele wurde es immer düsterer. Schwere Gedanken lasteten auf mir. Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch schließlich untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich würde neu aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem Gefängnis wieder an die freie Gotteswelt käme, den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die ich so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der Gedanke durch den Kopf, wie gut es wäre, wie durch einen Zauberspruch alles zu vergessen, alles was ich in der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. Damals träumte ich noch davon und hoffte auf eine Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein Irrenhaus käme, und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ Ich fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an das Leben! ... Doch auch bei diesem Gedanken lachte ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause, was würde dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“
So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es war ganz dunkel geworden. Am Abend stand mir ein Wiedersehen mit Natascha bevor; sie hatte mich durch einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten. Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. Es drängte mich sowieso fort aus dieser Wohnung, einerlei wohin, in den Regen, in den Schmutz.
Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien es bei mir im Zimmer zu werden, das sich immer mehr und mehr erweiterte. Mir war, als müßte ich in jeder Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so dasaß und einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen Asorka. Und plötzlich ereignete sich etwas, das tiefe Spuren in mir hinterließ.
Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser Schwäche, oder infolge der aufregenden Eindrücke in der neuen Wohnung und von der Erkältung her geschehen konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der Nacht heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken nennen möchte. Es war das die allerschrecklichste quälendste Furcht vor einem ungewissen Etwas, das man selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus in jeder Minute zu sein vermag, allen Vernunftgründen zum Trotz auftaucht und sich vor mir als unerbittliche, schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, daß der Geist in diesen Augenblicken noch größere Klarheit gewinnt, und nichtsdestoweniger alle Macht verliert, dieser Empfindung entgegenzutreten. Man gehorcht ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht mehr nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung verdoppelt sich langsam aber sicher.
Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken zur Tür und griff nach meinem Hut auf dem Tische, als mir der Gedanke kam, ich würde sofort hinter mir den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam öffnen und er würde auf der Schwelle stehen und ins Zimmer blicken, würde leise mit gesenktem Kopf auf mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine trüben Augen auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen mit seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein großer Körper würde von diesem Lachen hin- und hertanzen. Diese Vision richtete sich so klar und deutlich in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen, unerschütterlichen Überzeugung wurde, daß alles das sofort geschehen müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, und daß ich es nur nicht gesehen, da ich mit dem Rücken zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte sich die Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um und – was geschah? – die Tür öffnete sich wirklich leise, lautlos, genau so wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich niemand, als hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber erschien auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein Paar Augen, die ich kaum in der Dunkelheit unterscheiden konnte, blickten mich finster und durchdringend an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem größten Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein Mädchen, und wenn es sogar Smitt selbst gewesen wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so erschrecken können, wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung eines mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und Stunde in meinem Zimmer.
Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam und unhörbar öffnete. Es war, als fürchtete sie sich, einzutreten. Als sie endlich auf der Schwelle erschien, sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, als wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei Schritte vor und blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor mir stehen. Jetzt konnte ich sie deutlicher erkennen. Es war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren, klein von Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber leuchteten seine großen, dunklen Augen. Mit der linken Hand hielt die Kleine über der Brust ein altes, durchlöchertes Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor der Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man kann ruhig sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte dunkle Haar war ungekämmt und zerwühlt. Wir standen uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, uns gegenseitig anstarrend.
„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer Stimme, als schmerzte ihr die Brust oder die Kehle.
Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. Man fragte nach Smitt! Ganz unerwartet kam ich also auf eine Spur von ihm!
„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich ohne Besinnen, da ich auf diese Frage garnicht vorbereitet war. Ich bereute es sofort. Einen Augenblick blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann aber erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich fürchtete, sie bekäme einen Nervenanfall. Ich mußte sie halten, damit sie nicht fiele. Nach einigen Minuten wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte.
„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so einfach herausgeplatzt, das war vielleicht nicht dein Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du eigentlich? Den Alten, der hier lebte?“
„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte mich unruhig an.
„Er hieß Smitt? Ja?“
„J–, Ja!“
„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur nicht traurig, mein Täubchen! Warum bist du nicht früher gekommen? Woher kommst du? Sie haben ihn gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... Du bist also seine Enkelin?“
Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten Fragen. Schweigend kehrte sie sich um und ging fast lautlos aus dem Zimmer. Ich war so bestürzt, daß ich sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte. Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und halb zu mir gewandt, fragte sie:
„Auch Asorka ist tot?“
„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir schien die Frage so sonderbar; sie klang so überzeugt davon, daß Asorka zusammen mit seinem Herrn hatte sterben müssen.
Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann lautlos durch die Tür, die sie vorsichtig hinter sich zuschloß.
Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, voll Ärger darüber, daß ich sie hatte gehen lassen. Sie war so lautlos verschwunden, daß ich nicht gehört, wie sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür hinter sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man vernahm weder ein Geräusch noch Schritte. In einem unteren Stockwerk wurde eine Tür laut zugeschlagen. Dann war wieder alles still.
Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung in den vierten Stock machte eine Biegung, erst von dort an führte sie geradeaus und hinab. Es war eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick war es auf ihr vollständig finster. Ich tastete mich bis zum nächsten Stockwerk hinunter und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse sich hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt haben. Ich tastete mit den Händen längs der Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine, die mit dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, weinte.
„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, „habe ich dich so sehr erschreckt? Das tut mir leid. Als dein Großpapa starb, sprach er von dir; das waren seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; sie gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst du? Er sagte, in der sechsten Linie ...“
Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt darüber, daß ich wissen konnte, wo sie wohne, schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer mageren kleinen Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen Schritte. Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die Straße trat, war sie nicht mehr zu sehen. Ich eilte bis auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und als ich da anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens waren: sie war verschwunden. „Wahrscheinlich hat sie sich irgendwo vor mir versteckt,“ dachte ich, „vielleicht gleich unten bei der Treppe.“
XI.
Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig, zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung witterte.
Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus, in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte; er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn anzuschauen.
„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“
„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst krank, und jetzt gehen Sie aus?“
Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht gehört.
„Wie geht es Anna Andrejewna?“
„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“ fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend.
Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde.
„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine Antwort. „Das ist gut ...“
Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich.
„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“ Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne.
„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum warst du so lange nicht mehr bei uns?“
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich verstummte.
Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm auszukommen, und auch das nicht immer.
„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus. „Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine Kritiken?“
„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“
„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“
„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich.