Sämtliche Werke 19

Part 5

Chapter 53,927 wordsPublic domain

„Du selbst sagtest doch soeben, Anna Andrejewna, du würdest _vielleicht_ heute nicht aus dem Hause gehen ... also wolltest du bleiben, also hattest du dich noch nicht fest entschlossen?“

Sie lächelte nur bitter zur Antwort. Was sollte diese Frage auch? Ich hätte doch verstehen sollen, daß ihr Entschluß nicht mehr zu ändern war. Doch auch ich war meiner selbst nicht mächtig.

„Liebst du ihn wirklich so maßlos?“ fragte ich mit unsäglichem Weh im Herzen und ohne eigentlich selbst zu begreifen, was ich sie fragte.

„Was soll ich dir darauf antworten, Wanjä? Du siehst doch: er hat mir befohlen, zu kommen, und da bin ich und warte hier auf ihn,“ sagte sie, mit demselben bitteren Lächeln.

„Doch höre, höre, was ich dir sagen werde,“ begann ich wieder, sie anzuflehen, das letzte versuchend, „alles das läßt sich doch noch auf eine andere Weise machen. Warum dein Elternhaus verlassen. Ich werde dir sagen, wie du es machen sollst, Natascha. Ich werde euch helfen, euch Zusammenkünfte vermitteln ... Nur aus dem Hause gehe nicht fort! Ich werde euren Briefwechsel besorgen, warum auch nicht? Das wäre leichter zu ertragen, als alles andere. Ich werde euch beiden dienen, helfen, ihr werdet sehen, ich werde euch zufrieden stellen ... Und du, du wirst dein Leben nicht vernichten, Natascha ... Denn du vernichtest dein Leben damit, Natascha, vollständig! Willige doch ein, Natascha, alles wird gut werden, ihr werdet euch lieben und glücklich sein ... Und wenn die Eltern aufhören, zu prozessieren (und sie werden sicher aufhören) dann ...“

„Genug, Wanjä, laß das,“ unterbrach sie mich, drückte mir kräftig die Hand und lächelte unter Tränen. „Guter, guter Wanjä! Guter, anständiger Mensch, du! Und kein Wort mehr von dir. Ich habe dich verlassen, und dennoch verzeihst du mir alles, und denkst nur an mein Glück. Unsere Briefe willst du ...“

Sie fing an zu weinen.

„Ich weiß es, Wanjä, wie lieb du mich hast, die ganze Zeit über hast du mir keinen Vorwurf gemacht, kein bitteres Wort zu mir gesagt! Und ich ... ich ... Wie bin ich vor dir schuldig! Weißt du noch, Wanjä, weißt du noch, damals, in der schönen Zeit? Ach, besser, ich hätte _ihn_ niemals kennen gelernt! ... Wie gut hätte ich es mit mir, mit dir, meinem guten lieben Wanjä! ... Nein, ich bin eben deiner nicht wert! Siehst du, wie ich bin: dich in diesem Augenblick noch an unser früheres Glück zu erinnern! und du leidest schon sowieso zu viel! Drei Wochen bist du nicht zu uns gekommen: ich schwöre dir, Wanjä, mir ist auch nicht einmal der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß du mir vielleicht fluchst, mich haßt. Ich wußte, warum du nicht kamst, du wolltest uns nicht stören, kein lebender Vorwurf sein. Und du selbst mußtest leiden, wenn du uns sahst. Und wie habe ich dich erwartet, wie habe ich dich erwartet, Wanjä! Höre mich, Wanjä, ich liebe Aljoscha wie eine Wahnsinnige, eine Unsinnige, dich aber liebe ich noch mehr, dich – als meinen Freund. Ich weiß es, daß ich ohne dich nicht leben kann, daß du mir nötig bist, dein Herz, deine goldene Seele ... Ach, Wanjä! welch eine bittere, schwere Zeit jetzt anbricht!“

Tränen überströmten ihr Gesicht. Sie litt unsäglich!

„Wie ich dich sehen wollte!“ fuhr sie fort, ihre Tränen niederkämpfend. „Wie bist du abgemagert, wie bist du krank und bleich; du bist wirklich krank, Wanjä! Und ich habe mich nicht danach erkundigt! Habe immer nur von mir gesprochen; wie steht es mit deinen Arbeiten? Geht es mit deinem neuen Roman gut vorwärts?“

„Was kümmert mich jetzt mein Roman – als ob es sich um mich handelte, Natascha! Ja, und meine Angelegenheiten, Gott mit ihnen! Was ich sagen wollte, Natascha, hat er es selbst verlangt, daß du zu ihm kommst?“

„Nein, nicht er allein, noch mehr ich. Er sprach davon, doch ich selbst ... Siehst du, Lieber, ich werde dir alles erzählen: man will ihn verheiraten mit einer reichen, sehr vornehmen jungen Dame aus altem Geschlecht. Der Vater will durchaus, daß er sie heiratet, der Vater, du weißt doch, ist ein schrecklicher Intrigant; er hat alles in Bewegung gesetzt; und einen solchen Zufall findet er in zehn Jahren nicht wieder. Verbindungen, Geld ... Und sie, sagt man, sei sehr schön, gebildet, – gut – überhaupt; Aljoscha scheint bereits zu ihr hinzuneigen. Außerdem möchte der Vater ihn loswerden, um selbst wieder zu heiraten, und hat deshalb beschlossen, was es auch kosten möge, unsere Verbindung zu lösen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha ...“

„Weiß denn der Fürst,“ unterbrach ich sie mit Verwunderung, „um eure Liebe? Es war bis jetzt doch nur eine Verdächtigung von ihm.“

„Er weiß, weiß alles.“

„Wer hat es ihm denn gesagt?“

„Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er selbst sagte es mir ...“

„Mein Gott! Was bei euch nicht geschieht!! Er selbst hat alles erzählt und in diesem Augenblick ...?“

„Beschuldige ihn nicht, Wanjä,“ unterbrach mich Natascha, „lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht wie Menschen sonst beurteilen. Sei doch gerecht. Er ist anders als du und ich. Er ist ein Kind; man hat ihn so erzogen. Weiß er denn, was er tut? Der erste Eindruck, der erste fremde Einfluß, kann ihn von allem losreißen, woran er vor einem Augenblick gehangen, worauf er geschworen. Er hat keinen Charakter. Er kann dir schwören und noch am selben Tage einem andern, und als Erster kommt er, um es dir selbst zu erzählen. Man kann ihm wegen seiner Handlungsweise nicht einmal zürnen, man kann ihn nur bedauern. Er ist sogar einer Selbstaufopferung fähig und noch dazu welcher! Doch nur bis zum nächsten neuen Erlebnis: da vergißt er alles. _So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht immer um ihn bin!_ Siehst du, so ist er!“

„Ach, Natascha, vielleicht ist alles das noch gar nicht wahr. Doch, wie soll er, so ein Kind wie er ist, heiraten!“

„Der Vater verfolgt doch einen besonderen Zweck dabei, sagte ich dir.“

„Woher weißt du es, daß die Braut sehr schön sein soll, und daß sie ihn schon beeinflußt?“

„Er hat es mir doch selbst gesagt.“

„Wie! Er hat es selbst gesagt, daß er eine andere lieben kann, und verlangt von dir jetzt dieses Opfer?“

„Nein, Wanjä, nein! Du verstehst ihn nicht. Du kennst ihn zu wenig; man muß ihn besser kennen, um ihn beurteilen zu können. Es gibt kein aufrichtigeres, kein reineres Herz auf der Welt als seines! Wäre es denn besser, wenn er die Unwahrheit sagte? Und daß er jetzt für sie schwärmt! Wir brauchten uns nur eine Woche nicht zu sehen, und er würde mich vergessen haben, so wie er mich aber wieder sieht – liegt er zu meinen Füßen. Nein! Es ist so besser, ich weiß es, Wanjä! Sonst würde ich sterben vor Argwohn; ja, Wanjä! Ich weiß, was ich tue: _wenn ich nicht immer bei ihm wäre, ununterbrochen, jeden Augenblick, dann würde er aufhören, mich zu lieben, würde mich vergessen und verlassen_. Er ist schon einmal so, daß jede andere ihn beeinflussen kann. Und was wird dann mit mir geschehen? Ich werde sterben ... was sterben! Ich wäre froh, wenn ich sterben könnte. Wie soll ich aber ohne ihn leben? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle Qualen! O, Wanjä, Wanjä! Habe ich denn umsonst meinen Vater und meine Mutter verlassen! Rede nicht mehr davon; es ist schon geschehen! Er muß bei mir sein, jede Stunde, jeden Augenblick; ich kann nicht mehr zurück. Ich weiß, daß ich verloren bin und noch andere mit mir ... Ach, Wanjä!“ schrie sie plötzlich auf, am ganzen Körper bebend, „wenn er mich schon jetzt nicht mehr lieben sollte! Wenn du soeben die Wahrheit gesprochen, daß er nur mir allein so rechtschaffen und aufrichtig erscheint, im Grund aber nur ehrgeizig und leichtsinnig ist! Ich verteidige ihn jetzt vor dir, er aber lacht vielleicht in diesem Augenblick mit einer anderen über mich ... und ich, ich habe alles verlassen, laufe auf den Straßen und suche ihn ... Ach, Wanjä!“

Sie stöhnte so qualvoll auf, daß mein Herz vor Wehmut zerspringen wollte. Ich begriff, daß Natascha alle Gewalt über sich verloren hatte. Nur eine unsinnige, blinde Eifersucht hatte sie zu einem solchen Entschlusse treiben können. Doch die Eifersucht entbrannte auch in mir und zerriß mir das Herz. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ein böses Gefühl kam über mich.

„Natascha,“ sagte ich zu ihr, „ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du ihn lieben, nach all dem, was du soeben über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht an seine Liebe, und doch gehst du zu ihm auf immer und vernichtest alle andern, die dich lieben, um seinetwillen? Was wird daraus werden? Er wird dich dein ganzes Leben lang quälen und du – ihn auch. Du liebst ihn schon zu sehr, Natascha, zu sehr. Eine solche Liebe verstehe ich nicht.“

„Ja, ich liebe ihn grenzenlos,“ antwortete sie, wie vor Schmerz erbleichend. „Ich habe dich niemals so geliebt, Wanjä. Ich weiß es doch selbst, daß ich wahnsinnig bin und ihn nicht so liebe, wie es sein muß. Schlecht ist meine Liebe ... Höre mich an, Wanjä: ich habe es schon früher gewußt, in meinen glücklichsten Augenblicken habe ich es vorausgefühlt, daß er mir nur Qualen bereiten wird. Doch was soll ich tun, wenn selbst diese Qualen durch ihn für mich noch ein – Glück bedeuten? Gehe ich denn zu ihm, um Freude zu erleben? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet, und was ich durch ihn erleiden muß? Er hat mir geschworen, mich zu lieben, hat mir sein Versprechen gegeben; ich aber gebe nichts auf seine Versprechungen, wenn ich auch weiß, daß er mich nicht belügt und mich niemals belügen kann. Ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn nicht an mich binden werde. Für ihn ist es besser so. Niemand liebt Fesseln – ich gewiß nicht. Und doch bin ich glücklich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, und alles von ihm zu ertragen, alles, nur damit er bei mir ist und ich ihn sehen kann! Möge er sogar eine andere lieben, nur in meiner Gegenwart, nur daß auch ich dabei bin ... Wie niedrig das ist, nicht wahr, Wanjä?“ fragte sie mich plötzlich, mit leuchtenden, fieberhaft brennenden Augen mich ansehend. Einen Augenblick schien es mir, als phantasiere sie: „Wie niedrig solche Wünsche sind, nicht? Ich selbst sage es ja doch. Und doch, wenn er mich verläßt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, wenn er mich auch von sich stößt, mich davonjagt. Und du beredest mich jetzt, zurückzukehren; was würde die Folge davon sein? Daß ich morgen wieder davonginge! Er würde sagen: komm! – und ich würde kommen. Pfeifen wird er, und ich werde ihm folgen – wie ein Hündchen ... Qualen! Ich fürchte keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich mich _seinetwegen_ quäle ... Ach, Worte geben das nicht wieder, Wanjä!“

„Und Vater und Mutter?“ dachte ich. Die schien sie ganz vergessen zu haben.

„Er wird dich also heiraten, Natascha?“

„Er hat es versprochen, hat alles versprochen. Er hat mich ja heute darum zu sich gerufen, um sich morgen außerhalb der Stadt mit mir trauen zu lassen; er weiß doch nicht, was er tut. Er weiß vielleicht auch nicht, wie man sich trauen läßt. Und was ist er denn für ein Mann! Einfach lächerlich, nicht wahr. Ist er aber verheiratet, so wird er unglücklich sein, Vorwürfe machen ... Ich will nicht, daß er mir irgendwie einmal Vorwürfe machen könnte ... Alles will ich ihm geben, er aber, er braucht mir nichts zu geben. Wenn er nun durch die Heirat unglücklich wird, warum soll ich ihn – unglücklich machen?“

„Das ist doch einfach Wahnwitz, Natascha! Und du willst jetzt zu ihm gehen?“

„Nein, er versprach mir, hierher zu kommen, mich abzuholen; wir verabredeten uns ...“

Und sie blickte gespannt in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.

„Und er ist noch nicht einmal da. Du bist zuerst gekommen!“ rief ich unwillig aus.

Natascha zuckte wie unter einem Schlage zusammen. Ihr Gesicht war krampfhaft verzerrt.

„Er kommt vielleicht überhaupt nicht,“ sagte sie mit bitterem Lächeln. „Vor drei Tagen hat er mir geschrieben, daß er, wenn ich ihm nicht mein Wort geben könne, zu kommen, gezwungen sei, seinen Entschluß aufzugeben, sich mit mir trauen zu lassen ... und sein Vater ihn zu einer anderen führen würde. Und so natürlich, so einfach hatte er das geschrieben, als läge darin wirklich gar nichts ... Wenn er nun wirklich zu ihr gefahren ist, Wanjä?“

Ich antwortete nicht. Sie preßte heftig meine Hand und ihre Augen blitzten.

„Er ist zu ihr gegangen,“ flüsterte sie kaum hörbar. „Er hoffte, daß ich nicht kommen würde, um dann zu ihr zu fahren mit der Behauptung, er hätte mich vorher davon benachrichtigt, ich aber wäre nicht gekommen. Ich bin ihm langweilig geworden, er wird mich verlassen ... Oh, Gott! Ich Wahnsinnige! Ich glaube, er hat mir neulich selbst gesagt, daß ich ihn langweile ... Worauf warte ich noch?“

„Da ist er!“ rief ich, ihn plötzlich in der Ferne am Kai erblickend.

Natascha fuhr zusammen, schrie auf, blickte dem sich nähernden Aljoscha erwartungsvoll entgegen, und plötzlich stürzte sie, meine Hand loslassend, auf ihn zu. Auch er beschleunigte seine Schritte und in einer Minute lagen sie sich in den Armen. Außer uns war niemand auf der Straße zu sehen. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte zugleich, als hätten sie sich nach langer Trennung wiedergesehen. Ihre bleichen Wangen röteten sich. Sie war außer sich vor Freude ... Aljoscha bemerkte mich jetzt erst und ging sofort auf mich zu.

IX.

Ich sah ihn scharf an, obgleich ich ihn schon des öfteren gesehen; ich sah ihm tief in die Augen, als hätte sein Blick alle meine Zweifel lösen können, wodurch er dieses Kind so bezaubert, in ihr diese wahnsinnige Liebe wachgerufen hatte, eine Liebe bis zum Vergessen jeglicher Pflicht, eine Liebe, der Natascha alles, was ihr bis jetzt heilig gewesen, zum Opfer bringen wollte. Der Fürst nahm meine beiden Hände, schüttelte sie kräftig und sein bescheidener und heller Blick drang mir tief in die Seele.

Ich fühlte, daß ich mich – zumal er mein Feind war – in meinem Urteil über ihn hatte irren können, denn ich liebte ihn nicht, habe ihn auch niemals lieben können – ich war die einzige Ausnahme unter allen, die ihn kannten. Hartnäckig konnte ich mich an vieles nicht gewöhnen, besonders nicht an sein elegantes Äußeres, vielleicht weil es schon zu elegant und gesucht war.

Später begriff ich, daß ich ihn auch darin parteiisch beurteilt hatte. Er war hoch und schlank; sein Gesicht war von länglicher Form und immer bleich; er hatte blondes Haar und große blaue Augen, die milde und nachdenklich in die Welt schauten und aus denen dann zuweilen eine kindliche Freude aufleuchtete. Seine vollen roten Lippen hatten einen wunderschönen Schnitt und um den festgeschlossenen Mund lag ein seltsam ernster Zug; um so unerwarteter und bezaubernder war dann sein Lächeln, so naiv und gutherzig, daß man, in welcher Stimmung man sich auch befand, unwillkürlich mitlächeln mußte und dabei das Bedürfnis empfand, genau so zu lächeln, wie er. Er kleidete sich, wie gesagt, sehr elegant, doch diese Eleganz kostete ihm keine Mühe, sie schien ihm angeboren.

Freilich besaß er auch einige von den schlechten Gepflogenheiten und Angewohnheiten des guten Tones: Leichtsinnigkeit, Selbstgenügsamkeit und höfliche Grobheit. Doch war er offenherzig und sich seiner Angewohnheiten so bewußt, daß er sich selbst tadelte und über sie lachte. Mir scheint es, daß dieses Kind von Jüngling nicht einmal im Scherz hätte lügen können, und wenn er es je getan, so würde er sich gewiß nichts Schlechtes dabei gedacht haben. Sogar sein Egoismus war anziehend, vielleicht weil er so offensichtlich war und nichts zu verbergen suchte. Er war schwach, vertrauensselig und schüchtern und hatte gar keine Willenskraft. Ihn zu betrügen und zu beleidigen wäre eine Sünde gewesen, so wie es Sünde ist, ein Kind zu beleidigen und zu betrügen. Er war, was seiner Jugend entsprach, vollständig naiv und unwissend und verstand nichts vom wirklichen Leben; übrigens würde er auch mit vierzig Jahren nichts von ihm verstanden haben. Solche Menschen sind zu einer ewigen Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es gab keinen Menschen, der ihn nicht liebte, er war zu jedem zärtlich wie ein Kind. Natascha hatte recht; er wäre vielleicht imstande gewesen, schlecht zu handeln, durch schlechten, starken Einfluß dazu veranlaßt, doch hätte er über die Folgen seiner Tat vor Reue sterben können. Natascha fühlte instinktiv, daß sie seine Herrin, seine Beherrscherin und er ihr Opfer sein würde. Sie berauschte sich im voraus an dem Gefühl, ihn sinnlos zu lieben, und denjenigen, den sie liebte, sinnlos zu quälen, nur weil sie ihn liebte – deshalb war es ihr vielleicht ein Bedürfnis, sich selbst zuerst zu opfern. Doch auch aus seinem Ärger strahlte Liebe, und er betrachtete sie mit Entzücken. Triumphierend sah sie mich an. In diesem Augenblick vergaß sie alles – die Eltern, den Abschied und jedes Mißtrauen ... In diesem Augenblick war sie glücklich.

„Wanjä!“ rief sie, „ich fühle mich schuldig vor ihm und bin seiner nicht wert! Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß meine schlechten Gedanken, Wanjä. Ich werde alles wieder gut machen!“ fügte sie hinzu und sah ihn mit grenzenloser Hingebung an.

Er lächelte und küßte ihre Hand, und, ohne die Hand freizugeben, wandte er sich an mich.

„Verurteilen Sie mich nicht. Schon lange wollte ich Sie als meinen Bruder umarmen; sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Wir sind uns bis jetzt eigentlich fremd geblieben. Wollen wir Freunde sein und ... verzeihen Sie uns,“ fügte er noch mit halber Stimme und etwas errötend mit seinem bezaubernden Lächeln hinzu, sodaß ich nicht anders konnte, als seinen Vorschlag von ganzem Herzen anzunehmen.

„Ja, ja, Aljoscha,“ griff Natascha auf, „er ist unser, unser Bruder, er hat uns schon verziehen und ohne seine Freundschaft würden wir nicht glücklich sein. Ich habe es ihm bereits gesagt ... Oh, grausame Kinder sind wir, Aljoscha! Doch wir werden zu dreien leben ... Wanjä!“ fuhr sie fort und ihre Lippen zitterten ein wenig, „sieh, du gehst jetzt zu ihnen nach Haus; du hast ein goldenes Herz, wenn sie mir auch nicht vergeben wollen, so werden sie sehen, daß du mir vergeben hast, und das wird sie weicher stimmen. Erzähle ihnen alles, alles, mit deinen von Herzen kommenden Worten. Verteidige mich, rette mich; sage ihnen die Gründe meiner Tat, so wie du sie verstanden hast. Weißt du, Wanjä, ich hätte mich vielleicht heute nicht dazu entschließen können, wenn du nicht gekommen wärest! Du bist meine Rettung: ich habe sofort an dich gedacht und gehofft, du würdest es ihnen mitteilen, du würdest den ersten Schmerz mildern helfen. O, Gott! Sage ihnen von mir, Wanjä, ich wüßte es, daß sie mir nicht mehr vergeben, doch wenn sie mich auch verfluchen sollten, so würde ich sie mein ganzes Leben segnen und für sie beten. Mein Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle zusammen glücklich sein! Warum, warum! ... O Gott! Was habe ich getan!“ rief sie, sich plötzlich besinnend, und vor Entsetzen erschauernd schlug sie die Hände vor ihr Gesicht. Aljoscha umarmte sie und drückte sie schweigend an sich. Wir schwiegen alle drei.

„Und Sie konnten ein solches Opfer von ihr verlangen!“ sagte ich zu ihm mit vorwurfsvollem Blick.

„Verurteilen Sie mich nicht!“ wiederholte er, „ich versichere Ihnen, daß alle Qualen, wenn sie auch jetzt sehr heftig sind – nicht von langer Dauer sein werden. Ich bin davon vollkommen überzeugt. Man muß nur den Mut haben, diesen ersten Augenblick zu ertragen, dasselbe hat auch sie mir gesagt. Sie wissen, daß dieser Familienstolz, dieser sinnlose Prozeß an allem die Schuld trägt ... Doch (ich habe es mir lange überlegt, versichere ich Ihnen) das alles muß einmal ein Ende nehmen. Wir werden uns alle wieder miteinander aussöhnen und vollständig glücklich sein. Wer weiß, vielleicht wird unsere Vermählung der erste Schritt zur Aussöhnung sein. Ich glaube sogar, daß es gar nicht anders sein kann. Was glauben Sie?“

„Sie sagen: Vermählung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?“ fragte ich, auf Natascha blickend.

„Morgen oder übermorgen; wenigstens übermorgen bestimmt. Sehen Sie, ich selbst weiß es noch nicht genau, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich auch noch keine Schritte getan. Ich dachte, vielleicht kommt Natascha heute gar nicht. Dazu wollte mich mein Vater noch durchaus zu meiner Braut führen (Sie wissen, man will mich verheiraten; Natascha hat es Ihnen doch erzählt? Ich aber will nicht). So konnte ich auf nichts Bestimmtes rechnen. Sicher lassen wir uns übermorgen trauen. Auf dem Wege nach Pskoff, nicht weit von hier, lebt auf dem Lande ein Freund von mir, aus dem Lyzeum, ein sehr guter Mensch, Sie werden ihn vielleicht noch kennen lernen. Im Dorfe wird es doch auch einen Geistlichen geben, bestimmt weiß ich es zwar nicht. Ich hätte mich früher darnach erkundigen sollen, doch bin ich noch nicht dazu gekommen. Im übrigen sind das doch alles Nebensachen. Man könnte im Notfalle aus einem Nachbardorfe einen Geistlichen holen; wie denken Sie darüber? Schade, daß ich meinem Kameraden noch nichts davon geschrieben habe, man hätte ihn benachrichtigen sollen. Vielleicht ist mein Freund noch nicht einmal anwesend. Das ist jedoch das Wenigste! Man muß nur wollen, alles andere wird sich schon finden, nicht wahr? Doch bis morgen oder übermorgen wird sie bei mir bleiben. Ich habe eine Wohnung gemietet, in der wir leben werden. Ich werde nicht mehr zu meinem Vater zurückkehren, nicht wahr Natascha? Sie werden uns besuchen? Ich habe alles sehr nett eingerichtet. Meine Freunde werden mich besuchen; ich werde Gesellschaftsabende ...“

Voll Unwillen und zugleich tiefem Kummer hörte ich ihm zu. Natascha sah mich flehend an, ihn nicht allzu streng zu beurteilen. Sie hörte seinen Erzählungen mit traurigem Lächeln liebevoll zu, wie man einem lieben fröhlichen Kinde bei seinem süßen und unsinnigen Geplapper zuhört. Ich sah sie vorwurfsvoll an. Mir war unerträglich schwer zumut.

„Doch Ihr Vater?“ fragte ich. „Sind Sie fest überzeugt, daß er Ihnen verzeihen wird?“

„Versteht sich; was bleibt ihm denn anderes übrig? Das heißt, zuerst wird er mich natürlich verfluchen; davon bin ich überzeugt. Er ist schon einmal so, und zu mir ist er immer sehr streng. Vielleicht wird er auch versuchen, seine väterliche Macht mir gegenüber zu gebrauchen ... Doch das ist nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich namenlos; er wird sich ärgern und mir doch verzeihen. Dann werden wir uns alle aussöhnen und alle glücklich sein. Auch ihr Vater ...“

„Wenn er aber nicht verzeiht? Haben Sie auch darüber nachgedacht?“

„Er wird mir unbedingt verzeihen, wenn auch nicht sofort. Nun, was tut es? Ich werde ihm zeigen, daß auch ich Charakter besitze. Er macht mir immer Vorwürfe, daß ich keinen Charakter habe, daß ich leichtsinnig sei. Jetzt kann er sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht? Verheiratet sein, ist keine Kleinigkeit. Ich bin kein Kind mehr ... das heißt, ich wollte sagen, daß ich dann so sein werde, wie die anderen ... ich meine, wie andere verheiratete Männer. Ich werde mir selbst mein Brot verdienen. Natascha sagt, daß es besser sei, so zu leben, als auf Rechnung anderer, wie wir alle leben. Wenn Sie wüßten, wie viel Gutes sie mir sagt! Ich wäre selbst nie darauf gekommen, ich bin nicht so aufgewachsen, man hat mich nicht so erzogen. Freilich, ich weiß es selbst, daß ich leichtsinnig bin und zu nichts fähig; doch wissen Sie, vorvorgestern hatte ich einen sonderbaren Gedanken. Es ist eigentlich nicht gerade der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, doch möchte ich es gern tun, um Ihren Rat zu hören. Sehen Sie: ich möchte Romane schreiben und sie an Zeitungen verkaufen, so wie Sie es tun. Werden Sie mir dabei helfen, nicht? Ich habe auf Sie gerechnet und mir gestern die ganze Nacht über einen Roman ausgedacht, so zur Probe, und wissen Sie: es kann wirklich eine nette Sache werden. Das Sujet habe ich aus einer Skribeschen Komödie genommen ... Ich werde Ihnen später davon erzählen. Die Hauptsache ist, daß man dafür Geld bekommt ... Ihnen gibt man doch Geld dafür!“

Ich mußte lächeln.

„Sie lachen,“ sagte er, gleichfalls lächelnd.