Sämtliche Werke 19

Part 10

Chapter 103,936 wordsPublic domain

Sie wollte mich, glaube ich, zurückhalten, doch ich ging ins Vorzimmer zu Mawra. Also doch! Es war Aljoscha. Er stritt mit Mawra, die ihn anfangs gar nicht hereinlassen wollte.

„Wo kommst du denn her?“ rief Mawra, als ob sie ein Recht dazu hätte. „Was? Wo hast du dich herumgetrieben? Nun, geh nur, geh! Mir wirst du nichts vormachen! Marsch, wollen wir sehen, was du antworten wirst!“

„Ich fürchte niemanden! Ich werde eintreten!“ sagte Aljoscha, etwas konfus.

„Nun, mal los!“

„Ja, ich werde! Ah! Sie sind hier!“ sagte er, als er mich erblickte, „wie gut das ist, daß Sie hier sind! Nun, und ich, sehen Sie, wie soll ich jetzt ...“

„So kommen Sie doch einfach herein,“ antwortete ich, „was fürchten Sie denn?“

„Ich fürchte wirklich nichts, versichere Ihnen, denn ich bin, bei Gott, nicht schuld. Sie denken vielleicht, daß ich schuldig bin? Sie werden sehen, ich werde mich gleich verteidigen. Natascha, kann man eintreten?“ rief er plötzlich mit gemachter Dreistigkeit aus und blieb an der geschlossenen Tür lauschend stehen.

Niemand antwortete.

„Was bedeutet das?“ fragte er unruhig.

„Nichts, sie war soeben dort,“ antwortete ich, „was sollte denn sein ...“

Aljoscha öffnete vorsichtig die Tür und überflog mit schüchternem Blick das Zimmer. Niemand war da.

Plötzlich bemerkte er sie in einer Ecke neben einem Schrank und dem Fenster. Sie stand da, als hätte sie sich verstecken wollen, halb tot, halb lebendig. Und jetzt noch, wenn ich daran denke, kann ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Aljoscha ging leise und vorsichtig auf sie zu.

„Natascha, was ist dir? Guten Tag, Natascha,“ sagte er schüchtern, und sah sie ängstlich an.

„Wieso, nichts ... nichts ...“ antwortete sie in schrecklicher Verwirrung, als fühlte sie sich schuldig. „Du ... willst du Tee?“

„Höre Natascha,“ sagte Aljoscha ganz verwirrt und verloren. „Du bist vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin ... Doch ich bin an nichts schuld, an nichts! Ich werde dir gleich alles erzählen.“

„Aber, warum denn das?“ murmelte kaum hörbar Natascha. „Nein, nein, das ist nicht nötig ... gib mir lieber die Hand ... und alles ist ... wie immer ...“

Und sie kam aus der Ecke heraus; leise Röte lag auf ihren Wangen. Sie hielt die Augen niedergeschlagen, als fürchtete sie sich, Aljoscha anzusehen.

„O, mein Gott!“ rief er außer sich vor Entzücken, „wenn ich mich wirklich schuldig fühlte, so würde ich wahrlich nicht gewagt haben, sie jetzt noch anzusehen! Sehen Sie, sehen Sie!“ rief er aus, zu mir gewandt: „Sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich. Fünf Tage bin ich nicht zu ihr gekommen! Man sagt, ich sei bei der Braut – und was glauben Sie? Sie hat mir schon vergeben! Sie sagt mir: ‚Gib die Hand und alles ist wie früher!‘ Natascha, mein Täubchen, mein Engel! Ich bin nicht schuld daran, daß du es weißt! Ich bin nicht im geringsten schuld daran. Im Gegenteil! Im Gegenteil!“

„Aber ... aber wie kommst du denn _hierhin_ ... Man hatte dich doch _dahin_ gerufen? Wieviel Uhr ist es denn?“

„Halb elf! Ich war da ... doch ich sagte, ich sei krank und bin fortgefahren und – das ist das erste Mal, das erste Mal in diesen fünf Tagen, daß ich frei bin, daß ich mich von ihnen losmachen und zu dir fahren konnte, Natascha. Das heißt, ich hätte ja früher kommen können, doch wollte ich es absichtlich nicht! Und warum? Du wirst es gleich erfahren; ich werde alles erklären: ich bin deshalb gekommen, um alles zu erklären; nur bin ich diesesmal in nichts schuldig. In nichts!“

Natascha hob ihren Kopf und sah ihn an ... Sein Blick leuchtete so aufrichtig, sein Gesicht war so freudig erregt, so ehrlich und lustig, daß man ihm alles glauben mußte. Ich dachte, sie würden gleich mit einem Aufschrei aufeinander stürzen und sich umarmen, wie das früher in ähnlichen Fällen immer geschehen war. Doch Natascha, wie von zu viel Glück überschüttet, senkte nur ihren Kopf und begann plötzlich ... leise zu weinen ... Da konnte Aljoscha sich nicht mehr halten. Er stürzte zu ihren Füßen. Er küßte ihre Hände, ihre Füße. Er war außer sich. Ich schob ihr einen Sessel hin ... Ihre Knie wankten ... Sie warf sich in den Sessel.

Zweiter Teil

I.

Nach einigen Minuten lachten wir alle wie unsinnig.

„Nun, laßt mich doch, laßt mich doch erzählen,“ übertönte uns Aljoscha mit seiner hellen Stimme. „Ihr denkt, daß ich euch, wie immer, nur mit Dummheiten komme ... Ich versichere euch, daß ich wirklich Interessantes mitzuteilen habe. Ja, werdet ihr denn nicht endlich mal aufhören!“

Er wollte so schnell wie möglich alles erzählen, und er schien uns wirklich etwas Wichtiges mitteilen zu wollen. Doch seine Wichtigtuerei und der naive Stolz über den Besitz dieser Neuigkeiten reizte Natascha zum Lachen. Der Ärger und die kindliche Verzweiflung Aljoschas wiederum brachten uns schließlich so weit, daß wir nur den kleinen Finger zu zeigen gebraucht hätten, wie beim Gogolschen Midshipman, um sofort vor Lachen zu bersten. Schließlich kam sogar Mawra aus der Küche und stellte sich an der Tür auf; mit ernstem Unwillen betrachtete sie uns, wütend, daß Aljoscha nicht eine ordentliche Standrede von Natascha bekommen, auf die sie sich schon die ganzen Tage lang gefreut hatte, und daß sie uns statt dessen so fröhlich sehen mußte.

Natascha hörte endlich auf zu lachen, als sie bemerkte, daß Aljoscha anfing, sich beleidigt zu fühlen.

„Was willst du uns denn erzählen?“ fragte sie ihn.

„Soll ich den Samowar anmachen?“ fragte Mawra, Aljoscha ohne jegliche Rücksicht unterbrechend.

„Mach, daß du fortkommst, Mawra,“ und er winkte ihr mit Händen und Füßen ab, damit sie sich schneller entfernen sollte. „Ich werde alles erzählen, wie es gewesen, wie es ist und wie es sein wird, denn ich weiß jetzt alles. Ich weiß es, meine Freunde, und ihr wollt wissen, wo ich die fünf Tage gewesen bin – das ist’s, was ich euch erzählen will, ihr aber laßt mich nicht dazu kommen. Nun, und vor allem also: ich habe dich die ganze Zeit über betrogen, Natascha, schon lange, lange habe ich dich betrogen, und das ist es ...“

„Betrogen?“

„Ja, betrogen, schon seit einem Monat, noch vor Papas Ankunft; jetzt ist endlich die Zeit gekommen, da ich dir alles aufrichtig sagen kann. Vor einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich plötzlich einen langen Brief von ihm, den ich euch beiden gar nicht gezeigt habe. In diesem Brief erklärte er mir einfach und geradeaus – und bemerkt wohl, in einem Tone, wie ich ihn noch niemals von ihm gehört hatte, so daß ich sehr erschrak – erklärte er mir also einfach, daß meine Heirat schon beschlossene Sache sei, daß meine Braut eine weibliche Vollkommenheit und ich ihrer gar nicht wert sei, daß ich sie aber trotzdem heiraten müsse. Und deshalb sei es nötig, daß ich mir alle Torheiten aus dem Kopfe schlage, und so weiter, und so weiter – wie es euch schon bekannt ist. Diesen Brief, seht ihr, habe ich euch garnicht gezeigt und auch nichts von ihm erwähnt.“

„Wieso nicht erwähnt?!“ unterbrach ihn Natascha, „was du behauptest! Im Gegenteil, du hast ihn uns sofort mitgeteilt. Ich erinnere mich noch, wie du plötzlich zärtlich und gehorsam mir gegenüber warst und nicht von mir gingst, als fühltest du dich schuldig vor mir ... und den ganzen Brief hast du uns stückweise mitgeteilt.“

„Das kann nicht sein, die Hauptsache habe ich euch sicher nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide alles erraten, ich jedenfalls habe nichts erzählt. Ich habe geschwiegen und schrecklich darunter gelitten.“

„Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals jeden Augenblick um Rat fragten und mir alles erzählten,“ fügte ich hinzu, mit einem Blick auf Natascha.

„Alles hast du erzählt,“ griff Natascha meine Bemerkung auf. „Was kannst du denn verheimlichen? Kannst du denn einen Menschen betrügen? Sogar Mawra weiß alles. Nicht wahr, Mawra?“

„Wie soll man denn nicht wissen!“ mischte sich Mawra wieder ein. „In den drei ersten Tagen hast du alles erzählt. Du Schlauberger!“

„Pui, mit euch ist es wirklich ärgerlich, etwas zu tun zu haben! Das behauptest du alles nur aus Bosheit, Natascha! Und du, Mawra, du irrst dich gewaltig. Ich weiß, ich war damals noch wie ein Wahnsinniger!“

„Kein Wunder. Du bist ja auch jetzt wie ein Wahnsinniger.“

„Nein, nein, ich spreche nicht davon. Weißt du, das war damals, als wir kein Geld hatten und du gingst noch, um mein silbernes Zigarettenetui zu versetzen; doch erlaube, Mawra, du scheinst dich mir gegenüber ganz und gar zu vergessen. Das hat dir Natascha beigebracht. Nun, nehmen wir an, ich habe euch wirklich damals alles erzählt, doch den Ton, den Ton des Briefes, den kennt ihr nicht, und der Ton des Briefes ist doch die Hauptsache. Davon spreche ich auch jetzt.“

„Nun, wie ist denn der Ton?“ fragte Natascha.

„Höre mal, Natascha, du fragst wie im Scherz. Scherze nicht. Ich versichere dir, das ist sehr wichtig. Der Ton war so, daß ich einfach die Hände fallen ließ. Niemals hatte er so mit mir gesprochen. Eher müßte Lissabon untergehen, als sein Wunsch sich nicht: sieh, so ist der Ton!“

„Nun, nun, erzähle weiter; warum wolltest du denn das vor mir verheimlichen?“

„Ach, mein Gott! Um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, alles wieder gut zu machen. Aber eine schwere Zeit brach an, als mein Vater nun zurückkehrte. Ich wollte ihm auf seinen Brief bestimmt und klar antworten, und immer gelang es mir nicht. Und er, er fragte nicht einmal danach, der Schlaufuchs! Im Gegenteil, er gab sich den Anschein, als wäre alles zwischen uns beschlossen und zu unserer gegenseitigen Befriedigung abgemacht. Höre doch, wie ist das möglich, eine solche Selbstverständlichkeit! Zu mir verhielt er sich zärtlich und liebenswürdig. Ich war einfach starr. Wie er klug ist, Iwan Petrowitsch, wenn Sie wüßten! Er hat alles gelesen, alles weiß er, wenn er nur einen ansieht, so weiß er sofort dessen Gedanken. Darum hat man ihn wohl auch einen Jesuiten genannt. Natascha liebt es nicht, wenn ich ihn lobe. Sei nicht böse, Natascha ... doch zur Sache! Er gab mir am Anfang kein Geld, gestern hat er mir aber wieder welches gegeben. Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut aufgehört. Sieh, hier! Alles, was er mir in diesem halben Jahr entzogen, hat er mir gestern wiedergegeben; sieh, wie viel es ausmacht; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra sieh mal, wie viel es ausmacht, jetzt brauchen wir keine Löffel mehr zu versetzen!“

Er zog einen großen Packen Geld aus der Tasche, wohl über tausend Rubel und legte ihn auf den Tisch. Mawra geriet in Erstaunen und lobte ihn sehr. Natascha drang in ihn, weiter zu erzählen.

„Nun, was soll ich machen – denke ich?“ fuhr Aljoscha fort. „Wie soll ich jetzt gegen seinen Willen handeln? Denn ich schwöre euch beiden, wäre er schlecht und nicht so gut zu mir gewesen, so hätte ich mir weiter keine Gedanken gemacht. Ich hätte ihm geradeaus ins Gesicht gesagt, daß ich nicht will, daß ich ein erwachsener Mensch bin und – Schluß! Und glaubt mir, ich hätte auf dem meinen bestanden. Aber jetzt – was soll ich ihm jetzt sagen? Bitte, beschuldigt mich nicht. Ich sehe, daß du mit mir unzufrieden bist, Natascha. Warum seht ihr euch gegenseitig so an? Wahrscheinlich denkt ihr wohl: ‚nun, da haben sie ihn jetzt gekriegt und er hat keinen Charakter.‘ Ich aber, ich habe Charakter, mehr als ihr glaubt! Zum Beweise dafür, habe ich, ungeachtet meiner Lage, mir sofort gesagt: ‚es ist meine Pflicht, meine Schuldigkeit, meinem Vater alles zu sagen,‘ und ich habe ihm alles gesagt und er hat mir ruhig zugehört.“

„Ja was, was hast du ihm denn gesagt?“ fragte, unruhig geworden, Natascha.

„Daß ich keine andere Braut haben will, daß ich schon selbst eine habe – und das wärest du! Das heißt, ich habe es ihm noch nicht genau so gesagt, sondern ihn nur darauf vorbereitet, doch morgen werde ich’s ihm sagen, das habe ich mir schon vorgenommen. Zuerst begann ich damit, daß es Schimpf und Schande wäre, um des Geldes willen zu heiraten, und wenn wir uns für wer weiß was für Aristokraten hielten, so wäre das einfach – dumm (ich bin ja zu ihm so aufrichtig wie zu einem Bruder). Darauf habe ich ihm erklärt, daß ich zum Dritten Stande gehöre, zum ^tiers-état^ und ^le tiers-état c’est l’essentiel^; daß es mein Stolz wäre, mit allen gleich zu stehen, mich von niemandem zu unterscheiden ... mit einem Wort, ich habe ihm alle diese gesunden neuen Ideen auseinandergesetzt ... Ich ließ mich hinreißen und sprach ganz begeistert. Ich war selbst über mich erstaunt. Ich bewies ihm und fragte ihn einfach: was wir für Fürsten seien? Vielleicht nur dem Geschlechte nach, fragte ich, doch in Wirklichkeit, was wäre an uns Fürstliches? Besonders reich wären wir nicht und Reichtum – ist doch die Hauptsache. Heutigentags ist der größte Fürst – Rothschild. Zweitens hat man in der großen Welt von uns schon längst nichts mehr gehört. Mein Großvater Ssemjon Walkowskij, der Letzte aus der Familie, der in Moskau bekannt war, ja – der hatte seine ganzen dreihundert Seelen vergeudet, und wenn mein Vater sich nicht Geld erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht jetzt selbst das Land pflügen müssen, wie es Fürsten oft tun. Wir hätten also nichts, auf das wir stolz sein könnten. Mit einem Wort, ich habe alles ausgesprochen, was in mir gärte – alles, ganz aufrichtig, ich habe sogar noch manches hinzugefügt. Er antwortete mir garnicht, sondern warf mir nur vor, daß ich das Haus des Grafen Nainskij nicht mehr besuchte, daß ich die Bekanntschaft der Gräfin K., meiner Taufmutter, machen müsse und daß ich, wenn diese Gräfin mich liebenswürdig aufnähme, überall empfangen werden würde und Karriere machen könnte usw. usw.! Das waren alles Anspielungen darauf, Natascha, daß du mich beeinflußt hättest, diese Besuche zu unterlassen. Von dir selbst zu sprechen, hat er bis jetzt unterlassen. Wir sind beide schlau; wir warten beide, wie der eine den andern fangen wird, und sei überzeugt, auch auf unserer Straße wird es Feiertag geben.“

„Schon gut, schon gut, Aljoscha, doch womit endet es denn, was hat er beschlossen? Das ist doch die Hauptsache! – Was bist du doch für ein Schwätzer, Aljoscha ...“

„Gott weiß es, aus ihm kann man nicht ... klug werden; ich bin durchaus kein Schwätzer, ich rede ganz sachlich. Er hat einfach nicht so beschlossen, sondern nur mitleidig zu allem gelächelt, was ich ihm sagte. ‚Ich bin,‘ sagte er, ‚mit allem einverstanden, was du denkst, doch fahren wir jetzt zum Grafen Nainskij, hüte dich aber dort, von diesen Dingen zu reden. Ich verstehe dich zur Not noch, sie aber werden dich nicht verstehen.‘ Es scheint, daß sie ihn dort selbst nicht gern empfangen; daß sie gegen ihn verstimmt sind. Überhaupt scheint man meinen Vater in der Gesellschaft nicht mehr gern zu sehen. Der Graf empfing mich zuerst ganz von oben herab; er schien es völlig vergessen zu haben, daß ich in seinem Hause erzogen worden bin. Er hält es für ‚Undankbarkeit‘, daß ich sein Haus nicht mehr besuche, doch kann dabei von Undankbarkeit meinerseits keine Rede sein; in seinem Hause ist es einfach langweilig und – das ist alles, ist der Grund, warum ich nicht mehr hingegangen bin. Auch meinen Vater empfing er so herablassend, so herablassend, daß ich einfach nicht verstehe, wie er noch zu ihm fahren kann. Das hat mich sehr aufgeregt. Der arme Vater muß vor ihm den Rücken beugen, und das alles meinetwegen – und ich, ich habe das alles garnicht nötig. Ich hätte meinem Vater gern meine Meinung gesagt, aber ich ließ es bleiben. Und wozu denn auch; seine Überzeugung kann ich ihm nicht nehmen, ich verärgere ihn nur und er hat es ohnehin schon schwer. Nun, denke ich mir, ich werde sie alle überlisten und werde den Grafen zwingen, mich zu achten – und, was glaubst du! Ich habe sofort alles erreicht und in einem Tage hat sich alles geändert! Graf Nainskij weiß jetzt nicht mehr, wie er mit mir umgehen soll. Und alles das habe ich ganz allein durch meine Schlauheit erreicht, so daß mein Vater vor Erstaunen ...“

„Höre doch, Aljoscha, bleibe doch bei der Sache!“ unterbrach ihn ungeduldig Natascha: „ich dachte, du hättest etwas zu erzählen, was uns anbetrifft, doch du erzählst nur davon, wie du dich beim Grafen ausgezeichnet hast. Was geht mich dein Graf an!“

„Was geht er dich an! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, was geht er Sie an? Aber das ist doch die Hauptsache! Das wirst du selbst gleich sehen, laß’ mich doch nur zu Ende erzählen ... Und schließlich, warum soll ich’s nicht aufrichtig sagen, Sie, Iwan Petrowitsch, und Natascha haben oft gefunden, daß ich nicht sehr vernünftig sei; nun, und oft bin ich wirklich einfach dumm gewesen. Doch dieses Mal, ich versichere euch, habe ich viel Schlauheit gezeigt, auch viel Klugheit; so daß Sie beide, denke ich, selbst sehr froh sein werden, daß ich nicht immer – dumm bin.“

„Ach, wie kannst du so sprechen, Aljoscha! Laß’ doch, mein Lieber!“

Natascha konnte es nicht ertragen, wenn man Aljoscha für dumm hielt. Wie oft war sie nicht gekränkt gewesen, wenn ich ohne jegliche Zeremonie, Aljoscha irgendeiner seiner Dummheiten überführte. Es war ein wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Erniedrigung Aljoschas nicht ertragen, um so weniger, als sie sich seiner geistigen Beschränktheit bewußt war. Doch wagte sie nie ihre Meinung über ihn auszusprechen, um seine Eigenliebe nicht zu verletzen. Er aber schien in der Beziehung besonders empfindlich zu sein und erriet jedesmal ihre geheimen Gefühle. Natascha wiederum versuchte ihn durch Liebkosungen und Schmeichelworte davon abzulenken. Deshalb berührten sie seine Worte auch dieses Mal peinlich ...

„Laß doch, Aljoscha, du bist nur leichtsinnig, du bist durchaus nicht so ...“ fügte sie hinzu, „warum sich erniedrigen?“

„Nun, schon gut, schon gut, laß mich nur zu Ende erzählen. Nach diesem Empfang beim Grafen war der Vater außer sich über mich. Warte, denke ich! Wir fuhren gerade zur Gräfin; ich hatte bereits erfahren, daß sie vor Alter den Verstand verloren habe, fast taub sei und über alles Hunde liebte. Sie besitzt ein ganzes Rudel dieser Tiere und läßt nichts auf sie kommen. Ungeachtet dessen hat sie einen so großen Einfluß in der Welt, daß sogar Graf Nainskij, ^le superbe^, bei ihr antichambriert. Schon unterwegs hatte ich meinen Plan entworfen, und was glaubt ihr wohl, worauf ich mich stützte? Darauf, daß alle Hunde mich lieben. Wahrhaftig, ich habe es oft bemerkt. Steckt in mir ein solcher Magnetismus oder kommt es daher, daß ich selbst Tiere so gern habe, ich weiß es nicht, doch die Hunde lieben mich, das ist so! Übrigens, was den Magnetismus anbelangt, so habe ich dir noch nicht erzählt, Natascha, daß wir vor ein paar Jahren Geister beschwört haben, ich war bei einem Spiritisten; das ist sehr interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Ich habe Julius Cäsar beschworen.“

„Ach, mein Gott! Was soll dir Julius Cäsar?“ rief Natascha, hell auflachend. „Das fehlte auch noch!“

„Ja, warum denn nicht ... ganz als ob ich, ich weiß nicht, ver... Warum soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu beschwören? Was ist denn dabei? Sehen Sie, jetzt lacht sie!“

„Natürlich ist nichts dabei ... ach, ach, mein Lieber! Nun, und was sagte dir Julius Cäsar?“

„Nichts sagte er. Ich hielt nur den Bleistift und der Bleistift schrieb von selbst auf das Papier. Alle sagten, das wäre Julius Cäsar. Ich glaubte es aber nicht.“

„Und was schrieb er denn?“

„Er schrieb etwas über – aber nun höre auf zu lachen!“

„Ja, aber erzähle uns nun doch von der Gräfin!“

„Ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zur Fürstin und ich begann sofort, Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist ein altes, ekliges, widerwärtiges Hündchen und dazu noch knurrig und bissig. Die Fürstin liebt es natürlich über alle Maßen. Ich füttere Mimi sofort mit Konfekt und bringe das Tier in zehn Minuten so weit, daß es mir die Pfote gibt, was man ihm das ganze Leben lang nicht hatte beibringen können. Die Fürstin geriet ganz außer sich vor Entzücken, fast hätte sie vor Freuden weinen können: ‚Mimi, Mimi, Mimi gibt die Pfote!‘ hieß es, wenn jemand eintrat. Graf Nainskij erschien. ‚Mein Taufsohn hat es ihm beigebracht!‘ rief man ihm entgegen. ‚Mimi reicht die Pfote.‘ Dabei sieht sie mich fast mit Tränen der Rührung an. Die gute Alte; sie kann mir fast leid tun. Ich ließ keine Gelegenheit vorübergehn, um ihr zu schmeicheln: ihre Tabakdose zeigt ein Jugendbild von ihr als Braut vor sechzig Jahren. Die Dose also fiel zu Boden, ich hob sie auf und sagte so, als wäre es mir garnicht bewußt: ^Quelle charmante peinture!^ Welch ideale Schönheit! Da taute sie schon ganz auf; sprach mit mir von dem und jenem, wo ich erzogen sei, bei wem ich verkehre, wie schön mein Haar wäre usw. usw. Ich brachte sie auch zum Lachen, erzählte ihr ein skandalöses Geschichtchen. Sie liebt das, drohte mir mit dem Finger, aber lachen tat sie doch. Sie entläßt mich, küßt und bekreuzt mich, und verlangt, daß ich jeden Tag zu ihr komme, um sie zu zerstreuen. Der Graf drückt mir die Hand, seine Augen schwammen ganz vor Rührung, und der Vater, der doch der beste, ehrlichste und anständigste Mensch ist – glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht – er weinte fast vor Freude, als wir beide zusammen nach Hause fuhren; er umarmte mich, wurde zu mir aufrichtig, teilte mir allerhand Geheimnisse über Karriere, Verbindungen, Geld, Ehe mit, so daß ich vieles davon nicht einmal verstehen konnte. Bei der Gelegenheit gab er mir denn auch das Geld. Das war gestern. Morgen muß ich wieder zur Fürstin und Papa ist, wie gesagt, der anständigste Mensch – glaubt nur nichts Schlechtes von ihm, wenn er mich auch von Natascha trennen will, so sind es doch nur die Millionen Katjäs, die ihn blind machen. Du besitzt doch keine ... und er will sie nur für mich, und nur aus Blindheit und Unwissenheit ist er ungerecht zu dir. Doch, welcher Vater wünscht seinem Sohne nicht Glück! So sind sie alle! Man muß ihn nur von diesem Standpunkt aus beurteilen, und er bekommt sofort recht. Ich bin gleich zu dir geeilt, Natascha, um dich davon zu überzeugen, ich weiß, du bist ihm gegenüber voreingenommen und, versteht sich, nicht schuld daran. Ich möchte dich auch garnicht anklagen ...“

„Also das ist alles, was du erlebt, du hast bei der Fürstin Karriere gemacht? Darin besteht deine ganze Schlauheit?“ fragte Natascha.

„Wieso! Das ist doch nur der Anfang ... ich habe nur darum von der Fürstin erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in die Hand bekomme, doch mit der Hauptsache habe ich noch nicht einmal begonnen.“

„Nun, so erzähle doch!“

„Ich hatte heute ein sonderbares Erlebnis, worüber ich selbst noch ganz erstaunt bin,“ fuhr Aljoscha fort. „Ich muß bemerken, daß die Verlobung zwischen meinem Vater und der Gräfin wohl beschlossen, doch noch nicht öffentlich bekannt gegeben worden ist, so daß sie ohne jeglichen Skandal wieder gelöst werden kann; nur Graf Nainskij weiß davon, doch der zählt ja nur als Verwandter und Gönner ... Obgleich ich in diesen Tagen Katjä viel näher getreten bin, so hatten wir doch bis heute miteinander kein Wort über Zukünftiges gesprochen, das heißt, weder von der Ehe, noch von der Liebe. Außerdem ist noch beschlossen worden, die Einwilligung der Fürstin K. abzuwarten, von deren Gunst man Goldberge erwartet. Was sie dazu sagen wird, das wird auch die ganze Welt sagen; sie hat ja so große Verbindungen ... Man möchte mich durchaus in die Gesellschaft einführen. Daran besteht besonders die Gräfin, Katjäs Stiefmutter. Die Sache ist nämlich die, daß die Fürstin sie vielleicht ihrer Abenteuer im Auslande wegen nicht mehr empfangen wird, und wenn die Fürstin sie nicht mehr empfängt, so tun es die andern auch nicht; es ist also meine Verlobung mit Katjä eine bequeme Gelegenheit, um wieder anzuknüpfen. Darum freute sich auch die Gräfin, die früher gegen die Verlobung war, so sehr über meinen Erfolg bei der Fürstin, ... doch das ist ja Nebensache, die Hauptsache ist: Katherina Fedorowna hatte ich vor einem Jahr kennen gelernt; aber damals war ich noch ein Junge und konnte nichts begreifen, und nichts besonderes in ihr finden ...“