Sämtliche Werke 19

Part 11

Chapter 113,486 wordsPublic domain

„Einfach, weil du mich damals mehr liebtest, als jetzt,“ unterbrach ihn Natascha, „deshalb konntest du nichts in ihr finden, aber jetzt ...“

„Kein Wort mehr, Natascha!“ rief feurig Aljoscha, „du irrst dich in allem und beleidigst mich! ... Ich werde dir nichts darauf antworten; höre weiter und du wirst sehen ... Ach, wenn du Katjä kennen würdest! Wenn du wüßtest, was das für eine zärtliche, helle und reine Seele ist! Doch, du wirst sie kennen lernen, höre mich nur an! Vor zwei Wochen, als der Vater zurückkam und mich zu ihr führte, habe ich sie mir näher angesehen. Ich bemerkte, daß auch sie mich beobachtete. Das erweckte in mir die Neugierde schon deshalb, weil ich eine besondere Absicht dabei verfolgte, sie näher kennen zu lernen, – eine Absicht, die ich seit dem Brief meines Vaters, der mich so in Erstaunen setzte, verfolgte. Ich werde nichts über sie sagen, ich werde sie nicht loben, ich will nur bemerken: daß sie eine große Ausnahme in ihrem Kreise ist. Sie ist nämlich eine so eigenartige Natur, eine so starke und aufrichtige Seele, stark durch ihre Reinheit und Wahrhaftigkeit, daß ich einfach vor ihr, wie ihr jüngerer Bruder erscheine, ungeachtet dessen, daß sie erst siebzehn Jahre alt ist. Eines habe ich noch bemerkt: in ihr lebt ein Leid, ein Geheimnis; sie ist sehr verschlossen; im Hause schweigt sie immer, als fürchte sie etwas ... Immer ist sie in Gedanken versunken. Meinen Vater scheint sie zu fürchten. Die Stiefmutter liebt sie nicht, – das habe ich sofort bemerkt. Wenn die Gräfin behauptet, daß ihre Stieftochter sie sehr liebe, so tut sie es nur, um gewisser Ziele willen, doch ist es garnicht wahr. Katjä gehorcht ihr nur in allem, ganz als hätte sie sich mit ihr darüber verständigt, als sei es eine verabredete Sache zwischen ihnen. Vor vier Tagen beschloß ich, meine Absicht auszuführen, und heute abend ist es mir gelungen. Meine Absicht war: alles Katjä zu erzählen, ihr alles anzuvertrauen, sie auf unsere Seite hinüberzuführen und dann mit einem Male der ganzen Sache ein Ende zu machen ...“

„Wie! Was erzählen, was ihr anvertrauen,“ fragte beunruhigt Natascha.

„Alles, einfach alles,“ antwortete Aljoscha, „und Gott, der mir diesen Gedanken eingegeben, sei Dank, doch höre, höre! Vor vier Tagen beschloß ich, nicht eher zu dir zurückzukehren, bis ich die ganze Sache allein durchgeführt hätte. Hätte ich auf dich gehört, so wäre ich unentschieden geblieben, doch allein geblieben, hatte ich mich vor die Tatsache gestellt, daß die Sache ein Ende nehmen müsse, und nur so konnte ich sie durchführen! Ich verließ dich mit dem Entschluß, und ich habe ihn jetzt ausgeführt!“

„Wie, wie das? Erzähle! schneller!“

„Sehr einfach! Ich sagte ihr alles, ehrlich und mutig ... Doch vorher muß ich von einem Zufall erzählen, der mich sehr in Erstaunen setzte. Bevor wir uns dahin begaben, erhielt der Vater einen Brief. In dem Augenblick trat ich zu ihm ins Kabinett und blieb an der Türe stehen. Er bemerkte mich nicht. Er war durch den Brief dermaßen erregt, daß er laut mit sich selbst sprach, erregt im Zimmer auf und ab ging, und mit dem Brief in der Hand plötzlich laut auflachte. Ich fürchtete mich sogar, einzutreten ... Der Vater war über irgend etwas dermaßen erfreut, so erfreut, daß er mich ganz sonderbar anredete, dann plötzlich abbrach und sofort mit mir fortging, obgleich es noch viel zu früh war. Bei ihnen war heute niemand zu Gast, und es war rein ein Irrtum von dir, Natascha, wenn du gedacht hast, es wäre ein Gesellschaftsabend gewesen. Man hat dich falsch unterrichtet.“

„Ach, Aljoscha, schweife doch nicht wieder ab; sag’ doch, was du alles Katjä erzählt hast?“

„Es war ein Glück, daß wir beide zwei ganze Stunden allein blieben. Ich erklärte ihr einfach, daß man uns beide verloben möchte, doch daß diese Ehe unmöglich sei, daß ich in meinem Herzen für sie eine große Sympathie empfinde und daß sie allein mich retten könne. Darauf erzählte ich ihr alles. Stelle dir nur vor, Natascha! sie wußte nichts von unserer Geschichte. Wenn du nur gesehen hättest, wie erschüttert sie davon war. Sie erbleichte sogar. Ich erzählte ihr also unsere ganze Geschichte: wie du dein Elternhaus verlassen, wie wir allein gelebt haben, wie wir uns jetzt quälen und uns ängstigen und um ihre Hilfe bitten (ich sprach auch in deinem Namen, Natascha), und hofften, daß sie auf unsere Seite träte und einfach ihrer Stiefmutter erkläre, daß sie mich nicht heiraten wolle; daß es unsere einzige Rettung wäre und wir einen anderen Ausweg nicht finden könnten. Sie hörte mir mit großer Aufmerksamkeit und Teilnahme zu. Was sie in diesem Augenblick für herrliche Augen hatte! Ihre ganze Seele lag in ihren Augen. Sie hat tiefblaue Augen. Sie dankte mir, daß ich zu ihr Vertrauen gehabt, und versprach, uns mit allen Kräften zu helfen. Dann fragte sie nach dir, sagte, daß sie dich kennen lernen wollte, bat mich, dir zu sagen, daß sie dich wie eine Schwester lieb habe, und daß auch du sie lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß ich dich bereits den fünften Tag nicht mehr gesehen, schickte sie mich selbst sofort zu dir ...“

Natascha war gerührt.

„Und du konntest uns von deinen Heldentaten bei der tauben, alten Fürstin erzählen, ohne uns zuerst dieses mitzuteilen. Ach, Aljoscha, Aljoscha!“ rief Natascha aus, in vorwurfsvollem Tone. „Und wie war denn Katjä? War sie fröhlich, als sie dich entließ?“

„Ja, sie war sehr froh, uns helfen zu können, doch brach sie bald darauf in Tränen aus. Denn sie hat mich auch lieb gewonnen, Natascha! Sie gestand mir, daß sie mich zu lieben angefangen, und daß ich ihr schon längst gefallen hätte, besonders deshalb, weil sie von Lüge und Schlauheit umgeben sei, und sie nur mich allein für einen aufrichtigen und ehrlichen Menschen hält. Sie stand auf und sagte: ‚Nun, Gott sei mit Ihnen, Alexei Petrowitsch, ich dachte nur ...‘ Sie vollendete nicht, brach in Tränen aus und verließ das Zimmer. Wir haben beschlossen, daß sie morgen ihrer Stiefmutter erklären soll, sie wolle mich nicht heiraten, und ich solle alles meinem Vater sagen, mutig und fest. Sie machte mir nur Vorwürfe, warum ich es ihr nicht schon früher gesagt hätte, denn ‚ein ehrlicher Mensch dürfe nichts fürchten!‘ Sie ist so edel. Meinen Vater liebt sie auch nicht; sie sagt, er sei schlau und wolle nur Geld. Ich verteidigte ihn, sie glaubte mir nicht. Wenn ich morgen beim Vater nichts erreichen sollte (sie glaubt nämlich, ich würde nichts erreichen), so ist sie dafür, daß ich zur Fürstin K. gehe. Dann wird es niemand wagen, gegen uns vorzugehen. Wir gaben uns gegenseitig das Wort, wie Bruder und Schwester zu sein. Wenn du ihre Lebensgeschichte kennen würdest, wie auch sie unglücklich ist, wie widerwärtig sie ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung empfindet! Sie sagte es mir, nicht so geradezu, als fürchtete sie, es auszusprechen, aber aus ihren Worten habe ich es doch erraten. Natascha, mein Liebling! Wie würde sie sich freuen, dich zu sehen! Und was für ein gutes Herz sie hat! Es ist so schön, bei ihr zu sein. Ihr seid beide wie geschaffen füreinander, ihr müßt euch gegenseitig wie Schwestern lieb haben! Ich habe die ganze Zeit daran gedacht. Ich müßte euch beide zusammenführen. Mit Entzücken würde ich euch betrachten! Laß mich bitte noch von ihr sprechen, Natascha, glaube nicht etwas Schlechtes. Mit ihr zusammen möchte ich über dich sprechen und mit dir über sie. Du weißt doch, daß ich dich über alles liebe, noch mehr als sie ...“

Natascha schwieg und sah ihn zärtlich und zugleich traurig an. Seine Worte umschmeichelten sie und quälten sie zugleich.

„Und schon lange, schon vor zwei Wochen habe ich Katjä kennen und schätzen gelernt. Ich bin doch jeden Abend bei ihr gewesen. Wenn ich dann nach Hause zurückkehrte, dachte ich immer, immer an euch beide und verglich euch miteinander.“

„Wer von uns schien dir denn besser?“ fragte lächelnd Natascha.

„Einmal du, einmal – sie. Doch meist schienst du besser. Nur wenn ich mit ihr spreche, fühle ich, daß ich selbst besser, klüger und edler bin. Doch morgen, morgen wird sich alles entscheiden!“

„Tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich doch, sagtest du selbst.“

„Gewiß, Natascha! Doch wir werden uns alle drei lieb haben, und dann ...“

„Und dann, leb wohl!“ sagte leise vor sich hin Natascha.

Aljoscha sah sie unwillig an.

Unsere Unterhaltung wurde plötzlich in unerwarteter Weise unterbrochen. In die Küche, die zu gleicher Zeit das Vorzimmer war, hörte man jemanden eintreten. Gleich darauf öffnete Mawra die Tür und winkte Aljoscha, hinzukommen. Wir alle wandten uns nach ihr um.

„Man fragt nach Ihnen!“ sagte sie mit geheimnisvoller Stimme.

„Wer kann das sein, zu dieser Stunde?“ Aljoscha blickte uns ganz verwundert an. „Ich werde sehen!“

Aus der Küche entfernte sich in demselben Augenblick der Lakai des Fürsten, seines Vaters. Die Sache verhielt sich so, daß der Fürst auf der Rückreise nach Hause bei Nataschas Wohnung vorgefahren war, um zu erfahren, ob Aljoscha bei ihr sei. Als es dem Lakai bestätigt wurde, entfernte er sich sofort wieder.

„Sonderbar! Das ist doch noch niemals geschehen,“ sagte verwirrt Aljoscha. „Was soll das bedeuten?“

Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Tür.

„Der Fürst kommt selbst,“ flüsterte sie uns eilig zu und verschwand.

Natascha erbleichte und erhob sich von ihrem Platz. Plötzlich flammten ihre Augen auf. Sie stützte sich leicht auf den Tisch und blickte erwartungsvoll zur Tür, durch die der ungebetene Gast eintreten mußte.

„Natascha, fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Ich erlaube niemanden, dich zu beleidigen,“ flüsterte ihr Aljoscha, der seine Fassung nicht verloren hatte, erregt zu.

Die Tür ging auf und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowskij in eigener Person.

II.

Ein rascher, aufmerksamer Blick streifte uns alle. Aus diesem Blicke konnte man nicht erkennen, ob er von einem Freunde oder Feinde kam. Das Äußere des Fürsten setzte mich an diesem Abend besonders in Erstaunen.

Ich hatte ihn auch schon früher gesehen. Er war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen und schönen Gesichtszügen, deren Ausdruck sich je nach den Umständen, und zwar plötzlich, mit unvorhergesehener Geschwindigkeit, zu verändern pflegte, und die in einem Moment von dem angenehmsten zum bösesten Ausdruck überspringen konnten, als gehorchten sie dem Druck einer mechanischen Feder. Das ebenmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die prachtvollen Zähne, die feingeschwungenen und schmalen Lippen, die schön geschnittene etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch kein Fältchen zu sehen war, die grauen, großen Augen – dies alles machte ihn zum schönen Manne. Und doch machten seine Züge keinen angenehmen Eindruck. Dieses Gesicht hatte etwas so Abstoßendes, weil es gar nicht seinen eigenen Ausdruck besaß, sondern etwas Verstelltes, Erdachtes, Angeeignetes darin lag. Man hatte unwillkürlich die Überzeugung, daß man niemals seinen wahren Ausdruck zu sehen bekommen würde. Wenn man das Gesicht näher betrachtete, so schien hinter seiner Maske etwas Böses, Schlaues und im höchsten Grade Egoistisches zu lauern. Namentlich zogen die grauen, schönen, offenen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie allein konnten sich seinem Willen nicht unterordnen. Er wollte einen weich und liebenswürdig ansehen, doch schienen sich die Strahlen seines Blickes gleichsam zu spalten und mitten zwischen den milden, freundlichen Strahlen blitzten dann böse, mißtrauische, harte, forschende auf ... Er war von ziemlich hohem Wuchs, schlank und elegant. So schien er viel jünger an Jahren, als er wirklich war. Sein dunkelbraunes und weiches Haar war noch nicht ergraut. Seine Ohren, Hände und Füße waren von wunderbarer Form. Er hatte durchaus das, was man Rasse nennt. Seine Kleidung war gewählt und etwas jugendlich, was ihm aber sehr gut stand. Man hätte ihn für den älteren Bruder von Aljoscha halten können, niemals jedoch für den Vater eines erwachsenen Sohnes.

Er ging geradewegs auf Natascha zu und sah ihr ruhig und fest ins Auge.

„Mein Besuch zu dieser Stunde und ohne jede Anmeldung mag Ihnen sonderbar und unangebracht erscheinen; doch ich hoffe, Sie werden mir glauben, daß ich das Exzentrische meiner Handlungsweise durchaus überschaue. Ich meinerseits weiß es gleichfalls, mit wem ich es zu tun habe, ich weiß, daß Sie klug und großzügig sind. Ich bitte Sie mir zehn Minuten zu gewähren und Sie werden meine Handlungsweise begreifen und selbst rechtfertigen.“

Er sprach sehr höflich, doch mit einem gewissen Nachdruck.

„Bitte, nehmen Sie Platz!“ sagte Natascha immer noch verwirrt von der Überraschung.

Er verbeugte sich leicht und setzte sich.

„Erlauben Sie mir, zuerst meinem Sohne ein paar Worte zu sagen. Aljoscha, als du kaum fortgegangen warst, ohne dich von uns zu verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katherina Fedorowna sich schlecht fühle. Die Gräfin wollte sich zu ihr begeben, als Katherina Fedorowna selbst plötzlich ganz verstört und aufgeregt erschien. Sie erklärte uns, daß sie nie deine Frau werden könne. Darauf sagte sie uns, daß sie in ein Kloster ginge, daß du sie um ihre Hilfe gebeten und ihr selbst gestanden hättest, du liebtest Natascha Nikolajewna ... Ein so unwahrscheinliches Geständnis von seiten Katherina Fedorownas in einem solchen Augenblick war natürlich nur die Folge deiner sonderbaren Erklärung ihr gegenüber. Sie war einfach ganz außer sich. Du verstehst, wie überrascht und bestürzt ich war. Als ich hier vorbeikam, erblickte ich Licht in Ihren Fenstern,“ wandte er sich zu Natascha. „Da kam mir denn der Gedanke wieder, der mich schon lange beschäftigt hatte, so daß ich jetzt dem ersten Impuls nachgab und zu Ihnen ging. Wozu? Das werde ich Ihnen gleich sagen, ich bitte jedoch, sich wegen einer gewissen Schärfe und Plötzlichkeit meiner Erklärung nicht zu verwundern. Alles das kam so jäh ...“

„Ich hoffe, daß ich Sie so verstehen werde, wie es nötig ist ... und das von Ihnen Gesagte schätzen werde,“ sagte etwas stockend Natascha.

Der Fürst sah sie aufmerksam an, als wollte er sie in einem Augenblick ganz und gar durchschauen.

„Ich hoffe auf Ihren Scharfsinn,“ fuhr er fort, – „und wenn ich es mir erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so tat ich es nur, weil ich wußte, mit wem ich es zu tun haben werde. Ich kenne Sie schon lange, obgleich ich ungerecht zu Ihnen war, was ich Ihnen offen bekennen muß. Hören Sie mich also an: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Herrn Vater eine alte Fehde besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen. Vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr schuld, als ich es bisher angenommen habe. Wenn es sich so verhalten sollte, dann geschah es, weil ich selbst betrogen worden bin. Ich bin mißtrauisch und ich mache kein Geheimnis daraus. Ich bin immer geneigt, eher das Schlechte als das Gute anzunehmen – ein unglücklicher Zug, nur möglich bei einem Manne mit hartem Herzen. Doch habe ich nicht die Angewohnheit, meine Mängel zu verhehlen. Ich habe allen Verleumdungen über Sie Glauben geschenkt, und als Sie Ihre Eltern verlassen hatten, fürchtete ich für Aljoscha. Doch damals kannte ich Sie noch nicht. Die Nachforschungen, die ich nach und nach angestellt habe, beruhigten mich vollständig. Ich konnte mich schließlich davon überzeugen, daß meine Verdächtigung Ihnen gegenüber tatsächlich unbegründet war. Ich erfuhr und hörte davon, daß Sie sich mit den Ihrigen überworfen, und ich weiß auch, daß Ihr Herr Vater durchaus gegen eine Ehe mit meinem Sohne ist. Und schon allein, daß Sie, die Sie einen solchen Einfluß auf Aljoscha ausüben, ihn bis jetzt nicht zu einer Heirat mit Ihnen gezwungen haben – dies schon allein zeigt Sie von Ihrer besten Seite. Und doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich bereits fest entschlossen war, mit aller Gewalt der Möglichkeit einer Ehe mit meinem Sohne entgegenzuarbeiten. Ich weiß es, daß ich mich jetzt nur allzu aufrichtig zu Ihnen ausspreche, doch dieser Augenblick verlangt nun einmal die größte Aufrichtigkeit meinerseits. Sie werden es mir selbst im Laufe unseres Gespräches zugeben. Bald darauf, als Sie Ihr Elternhaus verlassen hatten, verließ ich Petersburg, und als ich es verließ, da fürchtete ich schon nicht mehr für Aljoscha. Ich rechnete auf Ihren edlen stolzen Sinn. Ich hatte verstanden, daß Sie die Ehe mit Aljoscha nicht wollten, bevor der Familienstreit ein Ende genommen, und daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und meinem Sohne nicht zu zerstören gedachten, da ich ihm niemals die Heirat mit Ihnen verziehen haben würde. Auch wollten Sie wohl nicht, daß man von Ihnen sagen konnte, Sie hätten die Verbindung mit einem fürstlichen Hause gesucht. Im Gegenteil, Sie zeigten unserem Stande gegenüber eine gewisse Verachtung und warteten vielleicht auf den Augenblick, daß ich selbst zu Ihnen käme, um Sie zu bitten, uns die Ehre zu erweisen und die Hand meines Sohnes anzunehmen. Aber trotzdem blieb ich Ihr hartnäckiger Gegner. Ich will mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, die Gründe Ihnen offen klarlegen. Sie sind nicht reich; Ihre Familie ist nicht angesehen. Wenn ich auch vermögend bin, so brauchen wir doch mehr. Mit unserer Familie geht es bergab. Wir haben Verbindungen und Geld nötig. Die Stieftochter der Gräfin hat allerdings keine Verbindungen, aber sie ist sehr reich. Ich durfte keine Zeit verlieren, andere Freier hätten uns die Braut fortgenommen, und so beschloß ich denn, obgleich Aljoscha viel zu jung ist, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verheimliche nichts vor Ihnen. Sie können mit Verachtung auf den Vater sehen, der seinen Sohn aus Habsucht und Vorurteil zu einer schlechten Tat zwingt; denn ein Mädchen, das ihm großmütig alles geopfert hat, zu verlassen, ist eine schlechte Tat. Ich will mich, wie gesagt, nicht entschuldigen. Der zweite Grund für eine Heirat meines Sohnes mit der Stieftochter der Gräfin ist der, daß dieses Mädchen durchaus seiner Liebe und Achtung würdig ist. Sie ist hübsch, gut erzogen, sehr klug und ein herrlicher Charakter, wenn sie auch in vielem noch ein Kind ist. Aljoscha dagegen ist ganz charakterlos, leichtsinnig, unüberlegt und mit seinen zweiundzwanzig Jahren nicht nur ein halbes, sondern ein vollkommenes Kind, das nur den einen Vorzug hat – ein gutes Herz zu besitzen, was bei seinen Fehlern durchaus nicht ungefährlich ist. Ich habe schon längst bemerkt, daß mein Einfluß auf ihn sich verringert hat: das jugendliche Feuer nimmt überhand, auch über seine Verpflichtungen hinweg. Ich meinerseits liebe ihn vielleicht zu sehr, doch habe ich mich immer mehr und mehr davon überzeugt, daß mein Einfluß allein nicht für ihn ausreicht. Trotzdem und gerade deshalb muß er immer unter irgend einem guten Einfluß stehen. Seine Natur ist schwach und liebebedürftig, auch hat sie die Neigung, mehr zu gehorchen, als zu befehlen. So wird er sein ganzes Leben sein. Sie können sich nun vorstellen, wie froh ich war, in Katherina Fedorowna ein Mädchen zu finden, wie ich es meinem Sohne gern zur Frau gewünscht hätte. Doch meine Freude kam zu spät, ihn beherrschte bereits ein anderer Einfluß – der Ihre. Nach meiner Rückkehr beobachtete ich ihn scharf und bemerkte in ihm eine Wandlung zum Besseren. – Sein Leichtsinn, seine Kindlichkeit waren dieselben, daneben aber zeigte sich ein höheres Bestreben: er interessiert sich plötzlich nicht nur für Spielereien, sondern auch für Edleres. Seine Ideen sind noch sonderbar und ungeschickt, doch der Wille, der Wunsch zum Besseren ist entschieden vorhanden und das ist schließlich das Fundament zu allem; all dieses Bessere aber kommt sicher von Ihnen. Sie haben ihn erzogen. Ich gestehe Ihnen, daß ich zuerst den Gedanken hatte, daß tatsächlich Sie allein vielleicht sein Glück ausmachen könnten. Doch habe ich diesen Gedanken sofort wieder unterdrückt. Ich wünsche, offen gestanden, nicht, daß es so sei. Ich mußte ihn, sagte ich mir, Ihrem Einfluß entreißen, was es mich auch koste; ich handelte danach und hoffte schon, daß ich mein Ziel erreichen würde. Noch vor einer Stunde dachte ich, der Sieg sei auf meiner Seite. Doch das Ereignis im Hause der Gräfin stürzte alle meine Hoffnungen wieder über den Haufen und vor allem setzte mich diese ganz unerwartete Tatsache in Erstaunen: dieser seltsame Ernst in Aljoscha, seine Anhänglichkeit an Sie, und die Beharrlichkeit dieser Anhänglichkeit. Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben ihn vollständig umgewandelt und ich sah plötzlich, daß diese Umwandlung sich weiter erstreckt, als ich es ahnen konnte. Heute habe ich zum ersten Male an ihm so etwas wie Verstand wahrgenommen, und zu gleicher Zeit eine große Feinfühligkeit des Herzens. Er hatte den rechten Weg gewählt, um aus dieser Lage heraus zu kommen, die für ihn eine sehr schwierige war. Er rührte an die alleredelsten Fähigkeiten des Menschenherzens, nämlich – die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Großmut zu vergelten. Er gab sich ganz in die Gewalt des von ihm gekränkten Wesens und bat um dessen Teilnahme und Hilfe. Er weckte den ganzen Stolz einer Frau, die ihn liebte, indem er ihr offen erklärte, daß sie eine Nebenbuhlerin hätte, und zu gleicher Zeit erweckte er in ihr Sympathie zu dieser Nebenbuhlerin und für sich Vergebung und brüderliche Freundschaft. So etwas zu wagen und dabei nicht zu beleidigen, das können die schlausten und fähigsten Leute nicht, das kann nur ein junges, reines und gutgelenktes Herz, wie das seine. Ich bin überzeugt, daß Sie, Natalja Nikolajewna, an seinem heutigen Schritte vollkommen unbeteiligt sind. Sie haben, vielleicht, von alledem erst soeben durch ihn erfahren. Nicht wahr, ich irre mich nicht?“

„Sie irren sich nicht!“ wiederholte Natascha, deren Gesicht glühte und deren Augen eigentümlich leuchteten. Die Dialektik des Fürsten begann bereits, ihre Wirkung auszuüben. „Ich habe Aljoscha seit fünf Tagen nicht mehr gesehen,“ fügte sie hinzu. „Das hat er sich alles allein ausgedacht und allein ausgeführt.“