Sämtliche Werke 19

Part 12

Chapter 123,847 wordsPublic domain

„So ist es,“ bestätigte der Fürst, „aber abgesehen davon, ist seine ganze Entschlossenheit doch nur eine Folge Ihres Einflusses. Dies hatte ich mir alles auf der Fahrt nach Hause überlegt – und plötzlich fühlte ich in mir die Kraft, hier einen Entschluß herbeizuführen. Unsere Werbung im Hause der Gräfin ist nun für immer zerstört und kann nicht wieder hergestellt werden, selbst wenn es noch möglich wäre. Wie, wenn ich mich jetzt hätte überzeugen müssen, daß nur Sie sein Glück ausmachen, daß nur Sie seine Führerin sein können! Ich habe vor Ihnen nichts verheimlicht und würde es auch jetzt nicht tun: ich liebe Karriere, Geld, Ansehen, Rang, wenn ich auch ganz bewußtermaßen alles das nur für ein Vorurteil halte, – doch ich liebe nun einmal diese Vorurteile. Aber es gibt Umstände, in denen man auch andere Auffassungen gelten lassen muß, man kann nun einmal nicht alles mit demselben Maße messen ... Außerdem liebe ich meinen Sohn über alles. Kurz, ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß Aljoscha sich nicht von Ihnen trennen soll, weil er ohne Sie zugrunde geht. Ich muß mir sogar sagen, daß ich mich innerlich vielleicht schon vor einem Monat dazu entschlossen hatte, und daß ich jetzt recht daran getan, die Sache so aufzufassen. Freilich, um Ihnen dieses Geständnis zu machen, hätte ich nicht diese Stunde, so spät am Abend, zu wählen brauchen. Doch meine Eile möge Ihnen beweisen, wie eifrig, und vor allem, wie aufrichtig ich mich der Sache annehme. Ich bin kein Jüngling, in meinen Jahren kann man keinerlei unüberlegte Schritte mehr tun. Als ich hier bei Ihnen eintrat, war alles schon beschlossen und wohl erwogen. Aber ich fühle, ich werde noch viel Zeit brauchen, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen ... Doch zur Sache! Soll ich Ihnen jetzt noch erklären, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Schuldigkeit zu tun und bei Ihnen feierlich, voll unbegrenzter Hochachtung zu Ihnen für meinen Sohn um Ihre Hand anzuhalten. O, glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin wie ein grausamer Vater, der endlich, endlich es über sich gebracht hat, seinen Kindern zu verzeihen und in ihr Glück einzuwilligen. Nein, nein! Sie erniedrigen mich, wenn Sie das von mir voraussetzen. Denken Sie, bitte, auch nicht, daß ich schon im voraus von Ihrer Einwilligung überzeugt gewesen bin; durchaus nicht. Ich bin der erste, der sagt und offen eingesteht, daß er Ihrer nicht wert ist ... (wenn er auch gut und reines Herzens ist) ... und er selbst wird es bestätigen. Doch das wäre noch wenig. Mich hat zu dieser Stunde nicht nur dies hierher gezogen ... ich bin außerdem gekommen ... (und er erhob sich ehrerbietig und mit einer gewissen Feierlichkeit) ... ich bin hierhergekommen, um Ihr Freund zu sein! Ich weiß, daß ich dazu nicht das kleinste Recht beanspruchen kann, im Gegenteil! Doch erlauben Sie mir, daß ich mir dieses Recht verdiene! Lassen Sie mich hoffen! ...“

Er verbeugte sich ehrerbietig vor Natascha und erwartete ihre Antwort. Die ganze Zeit, während seiner Rede, beobachtete ich ihn aufmerksam. Er merkte es.

Er hatte seine Rede in kühlem Ton gesprochen mit merkbarer Absicht, tadellose und zugleich gewinnende Sätze zu formen, und stellenweise wieder mit vornehmer Nachlässigkeit. Der Ton seiner Rede entsprach durchaus nicht dem Ungestüm eines Besuches zu so unpassender Zeit. Einige Bemerkungen wurden besonders unterstrichen und hin und wieder gab er sich, während seiner langen Rede, den Anschein eines Sonderlings, der seine Gefühle durch Humor und Scherz zu verdecken sucht. Doch fiel mir das alles erst später auf, denn seine letzten Worte hatte er mit so viel Gefühl und Verehrung zu Natascha ausgesprochen, daß er uns sofort alle damit besiegte. An seinen Augenwimpern schienen Tränen zu erglänzen. Nataschas edles Herz war vollständig besiegt. Sie erhob sich gleichfalls von ihrem Stuhl und reichte ihm in tiefer Bewegung ihre Hand. Er ergriff sie und küßte sie zärtlich und gefühlvoll. Aljoscha war außer sich vor Begeisterung.

„Was habe ich dir gesagt, Natascha!“ rief er aus. „Du hast mir nicht glauben wollen! Du hast mir nicht glauben wollen, daß er der edelste Mensch auf der Welt ist! Siehst du, siehst du es jetzt selbst ein! ...“

Er stürzte zu seinem Vater und umarmte ihn. Dieser erwiderte seine Zärtlichkeit, doch beeilte er sich, die gefühlvolle Szene abzukürzen, als schäme er sich seiner Gefühle.

„Schon gut,“ sagte er und griff nach seinem Hut, „ich gehe. Ich erbat mir nur zehn Minuten und habe eine ganze Stunde bei Ihnen zugebracht,“ fügte er lächelnd hinzu. „Aber ich gehe von Ihnen voll Ungeduld, Sie möglichst bald wieder zu sehen. Erlauben Sie es, daß ich Sie des öfteren besuche?“

„Ja, gewiß, – o, ja!“ antwortete Natascha. „Auch ich möchte Sie so bald als möglich ... lieben lernen ...“ fügte sie ganz verwirrt hinzu.

„Wie Sie aufrichtig und ehrlich sind!“ sagte der Fürst über ihren Ausbruch lächelnd. „Sie wollen mir nicht nur eine einfache Höflichkeitsformel sagen. Ihre Aufrichtigkeit ist mir viel teurer als alle Höflichkeit. Ja! Ich sehe es ein, daß ich mir Ihre Liebe erst noch verdienen muß!“

„Genug, loben Sie mich bitte nicht ... genug davon!“ flüsterte Natascha ganz bestürzt.

Wie schön war sie in diesem Augenblick!

„Wie Sie wünschen!“ beschloß der Fürst. „Doch noch ein paar Worte zur Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin, denn weder morgen, noch übermorgen werde ich in Petersburg sein ... Ich erhielt heute einen Brief in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die meine Anwesenheit verlangt. Morgen früh also verlasse ich Petersburg. Bitte, glauben Sie nicht etwa, ich bin deshalb heute so spät am Abend gekommen, weil es mir morgen und übermorgen nicht möglich gewesen wäre. Natürlich denken Sie gar nicht daran, aber – nun sehen Sie, da haben Sie wieder eine Probe meines Mißtrauens! Viel hat mir dieses Mißtrauen schon in meinem Leben geschadet, der ganze Prozeß mit Ihrer Familie, ist nichts als die Folge dieses elenden Charakterzuges! ... Heute haben wir Dienstag. Mittwoch, Donnerstag, Freitag werde ich also nicht in Petersburg sein. Sonnabend hoffe ich wieder zurückzukommen und werde Sie dann sofort aufsuchen. Kann ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?“

„Gewiß! Natürlich!“ rief Natascha. „Sonnabend abend werde ich Sie erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!“

„Und ich meinerseits bin sehr glücklich darüber, daß ich Sie näher kennen lernen kann! Doch – jetzt gehe ich! Ich kann nicht umhin, auch Ihnen die Hand zu reichen,“ wandte er sich plötzlich an mich. „Entschuldigen Sie, wir sprechen so durcheinander ... Ich hatte wohl schon des öfteren das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, ich glaube, wir sind uns sogar vorgestellt worden. Ich möchte nicht von hier fortgehen, ohne Ihnen versichert zu haben, daß es mir sehr angenehm ist, unsere Bekanntschaft zu erneuern.“

„Wir sind uns begegnet, das ist wahr,“ ich ergriff seine Hand, „doch erinnere ich mich nicht, Ihnen vorgestellt zu sein.“

„Beim Fürsten R., im vorigen Jahr.“

„Entschuldigen Sie, ich habe es vergessen. Doch ich versichere, daß ich es dieses Mal nicht vergessen werde. Dieser Abend wird mir durchaus in der Erinnerung bleiben.“

„Ja, das ist recht. Ich weiß es längst, daß Sie der aufrichtigste Freund Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes sind. – Ich hoffe zu Ihnen dreien als der Vierte hinzuzutreten. Habe ich recht?“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder an Natascha.

„Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir wollen alle Freunde sein!“ antwortete Natascha voll tiefer Überzeugung.

Die Arme! Sie strahlte vor Freude, als sie bemerkte, daß der Fürst mich nicht vergessen hatte. Wie sie mich doch lieb hatte!

„Ich bin vielen Verehrern Ihres Talentes begegnet,“ fuhr der Fürst fort, „und ich kenne zwei Ihrer aufrichtigsten Verehrerinnen. Es würde sie sehr freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Es sind das die Gräfin, meine beste Freundin, und ihre Stieftochter, Katherina Fedorowna Philimonnowa. Lassen Sie mich hoffen, Sie diesen Damen vorstellen zu dürfen.“

„Das ist für mich sehr schmeichelhaft, obgleich ich jetzt wenig in der Gesellschaft verkehre ...“

„Geben Sie mir Ihre Adresse! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen haben ...“

„Ich empfange nicht, Fürst, wenigstens nicht gegenwärtig ...“

„Vielleicht machen Sie mit mir eine Ausnahme ...“

„Wenn Sie es verlangen, mir soll es sehr angenehm sein. Ich wohne in der M.-Gasse im Hause Klugen.“

„Im Hause Klugen!“ rief er ganz betroffen aus. „Wie! Wohnen Sie ... schon lange dort?“

„Nein, nicht lange,“ antwortete ich und faßte ihn unwillkürlich schärfer ins Auge. „Meine Wohnung ist Nummer vierundvierzig.“

„Nummer vierundvierzig? Sie leben dort ... allein?“

„Ganz allein.“

„Ja! Ich glaube ... ich kenne dieses Haus. Um so besser ... Ich werde Sie bestimmt besuchen, bestimmt! Ich habe über vieles mit Ihnen zu reden und ich verspreche mir sehr viel von Ihnen. Sie können mir einen großen Dienst erweisen. Sehen Sie, da komme ich schon gleich mit einer Bitte. Also auf Wiedersehen. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand!“

Er reichte mir und Aljoscha die Hand, küßte nochmals Nataschas Händchen, und forderte Aljoscha nicht auf, ihm zu folgen.

Wir drei blieben in großer Erregung zurück. Alles das hatte sich so plötzlich und unerwartet zugetragen. Alle fühlten wir, daß sich in einem Augenblick alles verändert und nun etwas Neues, Unbekanntes beginnen würde. Aljoscha setzte sich schweigend zu Natascha und küßte ihr leise zärtlich die Hand. Von Zeit zu Zeit sah er ihr ins Gesicht, als erwartete er von ihr, daß sie etwas sagen würde.

„Lieber Aljoscha, fahre morgen zu Katherina Fedorowna,“ sagte sie endlich zu ihm.

„Das habe ich auch schon gedacht,“ antwortete er, „ich werde es bestimmt tun.“

„Vielleicht wird es ihr aber schwer fallen, dich zu sehen ... was meinst du?“

„Ich weiß es nicht, mein Liebling. Auch daran habe ich gedacht. Ich werde sehen ... wie ich mich entschließe. Jetzt, Natascha, hat sich alles bei uns geändert,“ konnte sich Aljoscha nicht enthalten zu bemerken.

Sie lächelte und sah ihn lange zärtlich an.

„Und wie er delikat ist. Er hat doch gesehen, wie ärmlich deine Wohnung ist, und nicht ein Wort hat er ...“

„Worüber?“

„Nun ... du mögest eine andere Wohnung nehmen, oder so etwas Ähnliches,“ fügte er errötend hinzu.

„Aber, Aljoscha, aus welchem Grunde denn!“

„Ich sage ja eben, daß er so delikat ist. Und wie er dich lobte! Ich habe es dir ja gesagt ... gesagt! Nein, er fühlt und versteht alles! Und von mir sprach er wie von einem Kinde; alle halten mich dafür! Doch was tut’s, ich bin es ja auch.“

„Du bist ein Kind, und siehst zugleich schärfer als wir alle. Du, lieber, guter Aljoscha! Du!“

„Er aber sagte, daß mein gutes Herz mir schadet. Wie meint er das? Ich verstehe es nicht. Doch, was meinst du, Natascha, soll ich jetzt nicht gleich zu ihm fahren. Sowie es morgen hell wird, komme ich zu dir.“

„Geh nur, geh, mein Lieber. Du hast ganz recht. Und zeige dich ihm noch heute abend, hörst du? Und morgen komme so früh als möglich. Jetzt wirst du mich nicht mehr fünf Tage allein lassen?“ fügte sie schelmisch hinzu, ihn zärtlich ansehend.

Alle waren wir voll stiller, reiner Freude.

„Kommen Sie mit mir, Wanjä?“ fragte Aljoscha, das Zimmer verlassend.

„Nein, er bleibt; wir haben noch miteinander zu reden, Wanjä. Auf morgen früh also.“

„Ja, morgen früh. Na, adieu, Mawra!“ Mawra war in großer Aufregung. Sie hatte gehorcht und alles gehört, was der Fürst gesagt, doch vieles nicht verstanden. Gern wollte sie das nähere erfahren. Doch sah sie jetzt sehr stolz und ernst drein, sie hatte gleichfalls das Bewußtsein, daß sich nun alles ändern würde.

Wir blieben allein. Natascha nahm schweigend meine Hand und blieb stumm, als wüßte sie nicht, womit sie beginnen sollte.

„Ich fühle mich so müde!“ sagte sie endlich mit schwacher Stimme. „Höre, du gehst doch morgen zu ihnen?“

„Selbstverständlich.“

„Mama kannst du es erzählen, ihm aber nicht.“

„Von dir spreche ich ja auch sonst nie mit ihm.“

„Er wird es ja sowieso erfahren. Achte darauf, wie er es aufnehmen wird. Mein Gott, Wanjä! Wird er mich wirklich dieser Ehe wegen verfluchen? Nein, das kann nicht sein!“

„Das wird alles vom Fürsten abhängen,“ beeilte ich mich zu versichern. „Er muß sich mit ihm aussöhnen und dann wird alles anders werden.“

„O, großer Gott! Wenn es möglich wäre, wenn das nur möglich wäre!“ rief sie verzweifelt aus.

„Beunruhige dich nicht, Natascha, alles wird sich jetzt zum besten kehren.“

Sie sah mich forschend an.

„Wanjä, wie denkst du vom Fürsten?“

„Wenn er wirklich aufrichtig gesprochen hat, so ist er meiner Meinung nach ein edler Mensch!“

„Wenn er aufrichtig gesprochen hat? Was willst du damit sagen? Könnte er denn auch unaufrichtig gesprochen haben?“

„Mir scheint es auch so,“ antwortete ich ausweichend. „Also steigen auch in ihr Zweifel auf,“ dachte ich bei mir. „Sonderbar!“

„Du sahst ihn so eigentümlich an ... so beobachtend ...“

„Ja, er schien mir etwas – merkwürdig.“

„Und mir auch. Er spricht so seltsam. – Doch ich bin jetzt müde, mein Lieber. Weißt du? Gehe auch du nach Haus. Und morgen komme von ihnen so bald als möglich zu mir. Du, es lag doch nichts Beleidigendes darin, daß ich ihm sagte, ich wollte ihn schnell lieben lernen?“

„Nein ... wieso Beleidigendes?“

„Und ... auch nichts Dummes? Denn es hieß doch eigentlich, daß ich ihn jetzt noch nicht liebe.“

„Im Gegenteil, das war sehr schön von dir, so naiv und spontan. Du warst so wunderbar in diesem Augenblick! Dumm wäre nur _er_, wenn er es mit seinem Gesellschaftsempfinden nicht verstünde!“

„Du scheinst ihm nicht gut gesinnt zu sein, Wanjä? Wie schlecht, mißtrauisch und ehrgeizig ich dagegen bin! Lache nicht über mich, du weißt, ich verberge nichts vor dir. Ach, Wanjä, du mein lieber Freund! Wenn ich nun jetzt wieder unglücklich werde, wenn das Leid wieder zu mir kommt, dann wirst du der Einzige sein, der bei mir bleibt! Wodurch habe ich das alles verdient! Verwünsche du mich nie, Wanjä! ...“

Als ich nach Hause zurückgekehrt war, legte ich mich sofort zu Bett. Im Zimmer bei mir war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Sonderbare Gedanken und Empfindungen wogten in mir auf und ab, lange konnte ich nicht einschlafen.

Doch, wie muß an diesem Abend jener Mensch gelacht haben, der in seiner luxuriösen Wohnung in weichem Bette ruhig einschlief – wenn er uns überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich tat er aber wohl das nicht einmal!

III.

Als ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung verlassen wollte, um nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs zu gehen und von dort zu Natascha, stieß ich an der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. Ich weiß nicht warum, doch war ich ungemein erfreut darüber. Gestern hatte ich sie mir in der Dunkelheit kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich gewesen, ein eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem Äußeren nach, zu finden. Klein von Wuchs, mit blitzenden, dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem, dunklem, widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, fast unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden fesseln müssen. Besonders aber setzte mich dieser Blick in Erstaunen: in ihm lag so viel Klugheit und ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr abgetragenes und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend einer inneren Krankheit leiden müßte, die langsam, aber sicher ihren Organismus zerstörte. Ihr bleiches, mageres Gesichtchen hatte einen krankhaften, gelblich braunen Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie hatte wundervoll geschwungene Brauen, schön war ihre breite etwas niedrige Stirn, die Lippen waren fein gezeichnet in einem stolzen und kühnen Bogen, doch fast farblos.

„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich wußte, daß du wiederkommst. Komm mal herein!“

Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, und blickte mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete sie das Zimmer, in dem ihr Großvater gewohnt hatte, als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen Einwohner verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch die Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch nicht recht bei Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen immer noch; ich wartete.

„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden geschlagen.

„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! Ich hatte sie für dich aufgehoben.“

Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein wenig den Mund, wie zu einem ungläubigen Lächeln. Doch das Lächeln verschwand sofort wieder und verwandelte sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck.

„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie plötzlich, mich ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.

„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“

„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte sie, mich plötzlich unterbrechend.

„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater ganz allein, ohne jegliche Hilfe hätte leben können. Er war so alt und schwach, da dachte ich, jemand muß doch für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du hast wohl aus ihnen gelernt?“

„Nein.“

„Wozu brauchtest du sie denn?“

„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm kam.“

„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“

„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank wurde,“ fügte sie, sich gleichsam entschuldigend, hinzu.

„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“

Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und ein erschreckter Blick traf mich. Sie verstummte wieder vollständig, drehte sich um und ging leise aus dem Zimmer, ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle blieb sie stehen.

„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu mir gekehrt, hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, als sie, mit dem Gesicht zur Tür gewandt, nach Asorka fragte.

Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen Worten. Sie verharrte bewegungslos in ihrer Stellung und hörte gespannt zu. Ich sagte ihr auch, daß der Alte sterbend von der sechsten Linie gesprochen hätte.

„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand von den Seinen leben mußte, daher erwartete ich auch, daß man sich bei mir nach ihm erkundigen würde. Sicher hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten Augenblick an dich gedacht hat.“

„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht geliebt.“

Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater erzählte, beugte ich mich zu ihr hinab, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche Anstrengungen sie machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu verbergen. Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte krampfhaft an ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte mich ihr Herzklopfen: ich konnte es auf zwei bis drei Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie würde plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah nicht.

„Wo ist der Zaun?“

„Welcher Zaun?“

„An welchem er starb.“

„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. Höre, wie heißt du?“

„Nicht nötig ...“

„Warum nicht?“

„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte sie abgebrochen und schickte sich an fortzugehen. Ich hielt sie zurück.

„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir doch nur Gutes tun; du tust mir leid seit gestern, wie du da in der Ecke weintest. Ich kann gar nicht daran denken ... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen gestorben, und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. Ich sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die Bücher habe ich für dich aufbewahrt, und du bist so scheu und fürchtest dich vor mir. Du bist sicher ein Waisenkind, sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist es so oder nicht?“

Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, was mich zu ihr zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes als nur Mitleid. Etwas Geheimnisvolles, das mit Smitt zusammenhing, und meine eigene phantastische Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer mißtrauisch an, wenn auch jetzt nicht mehr so finster. Dann blickte sie wieder nachdenklich zu Boden.

„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und kaum hörbar.

„Also, Helene heißt du?“

„Ja ...“

„Wirst du mich besuchen?“

„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte sie wie im inneren Kampfe.

In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte zusammen und mit einem unbeschreiblich qualvollen Ausdruck fragte sie mich immer noch flüsternd:

„Wieviel Uhr ist es?“

„Ich glaube halb elf.“

Sie schrie auf.

„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte zur Tür hinaus. Doch erhaschte ich sie noch im Flur.

„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. „Wen fürchtest du? Warum hast du dich verspätet? Wohin mußt du?“

„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! Sie wird mich schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich aus meinen Händen befreiend.

„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, auch ich muß dahin. Ich habe mich gleichfalls verspätet und werde mir eine Droschke nehmen. Du fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann kommst du schneller hin, als zu Fuß ...“

„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ schrie sie in noch größerer Angst. Ihre Züge verzerrten sich bei dem für sie fürchterlichen Gedanken, ich könnte dahin kommen, wo sie lebte.

„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte Linie muß, in meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus nicht zu dir kommen will! Mit der Droschke geht es schneller. Fahren wir!“

Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die erste beste Droschke, die vor Alter in allen Fugen krachte. Sie mußte es wohl sehr eilig haben, da sie einwilligte, mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß ich sie nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit den Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke zu springen, als ich sie nur danach fragte, wen sie doch zu Hause so fürchte? „Was ist denn das für ein Geheimnis?“ dachte ich.

Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer kleinen, schmutzigen Hand nach meinem Paletot. In der anderen Hand hielt sie ihre Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie teuer ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal zurechtsetzte, sah ich zu meinem größten Erstaunen, daß ihre Füße ohne Strümpfe in zerrissenen Stiefeln staken. Obgleich ich beschlossen hatte, sie um nichts mehr zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas zu bemerken:

„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. „Wie kann man barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte gehen?“

„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen.

„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, konntest du dir denn nicht Strümpfe verschaffen, wenn du schon ausgehen mußtest.“

„Nein.“

„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“

„Um so besser.“

Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen ärgerten sie offenbar sehr.

„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das Haus, wo der Alte verendet war.

Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich an mich mit der Bitte:

„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen; wenn es mir nur möglich sein wird, werde ich kommen!“

„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht zu kommen. Doch wen oder was fürchtest du so? Du quälst dich furchtbar, es tut mir leid, dich anzusehen ...“

„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem Tone.

„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“

„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen blitzten. „Soll sie es doch!“ rief sie bitter aus und ihre Oberlippe zitterte leise und verächtlich.