Sämtliche Werke 19

Part 13

Chapter 133,843 wordsPublic domain

Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie befahl dem Kutscher, an der sechsten Linie zu halten, sprang dann aus dem Wagen und sah sich scheu um.

„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde kommen!“ wiederholte sie in großer Aufregung und bat mich flehentlich, ihr nicht zu folgen. „Fahren Sie weiter, schneller, schneller!“

Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke am Kai entlang gefahren war, aus der Droschke und bog in die sechste Linie ein, wo ich ihr auf der anderen Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht weit gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; einmal blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu können ob ich ihr folge oder nicht? Ich bog sofort in ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt. Sie ging weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite.

Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. Obgleich ich beschlossen hatte, ihr nicht in das Haus selbst zu folgen, so wollte ich doch wenigstens wissen, in welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich stand unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, das ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals in der Konditorei Asorka plötzlich verendet war.

IV.

So waren wir bis zum kleinen Prospekt gekommen, sie fast laufend, bis sie endlich in einen Laden trat. Ich blieb stehen und wartete auf sie. „Sie wird doch in keinem Laden leben,“ dachte ich.

Und so war es auch. Schon nach einer Minute kam sie wieder heraus und statt der Bücher hielt sie jetzt eine irdene Schale in der Hand. Nach ein paar Schritten trat sie in das Hoftor eines unansehnlichen, alten zweistöckigen schmutziggelben Hauses. Aus einem der drei Fenster des Hauses am unteren Stockwerk hing ein kleiner rotangestrichener Sarg – das Zeichen eines Sargmachers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren außergewöhnlich klein und viereckig mit grünen, geplatzten Scheiben, durch die rosabaumwollene Vorhänge schienen. Ich ging über die Straße auf das Haus zu und las über dem Hoftor auf dem Blechschild die Inschrift „Haus der Kleinbürgerin Bubnowa.“

Doch kaum hatte ich die Inschrift gelesen, als man plötzlich auf dem Hofe der Bubnowa eine hohe weibliche Stimme schreien und schimpfen hörte. Ich blickte durchs Tor. Auf den Stufen einer Holztreppe stand ein dickes Weib, wie eine Kleinbürgersfrau gekleidet, die um den Kopf einen grünen Schal trug. Ihr Gesicht war von widerwärtiger rotblauer Farbe, ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen blitzten vor Wut. Man sah es ihr an, daß sie, trotz der frühen Stunde, nicht mehr ganz nüchtern war. Sie fuhr auf die arme Helene los, die mit der Schale in den Händen bewegungslos vor ihr stand. Oben auf der Treppe hinter dem Rücken der Alten, stand eine zerzauste, weißgepuderte und rotgeschminkte Frauensperson. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum unteren Stockwerk, und es erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigerufen, eine ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von bescheidenem und angenehmem Äußern. Durch die halbgeöffnete Tür des unteren Stockwerkes lugten noch Köpfe anderer Einwohner hervor, ein alter Mann und ein kleines Mädchen. Mitten auf dem Hofe stand mit dem Besen in der Hand ein kräftiger Bursche, wahrscheinlich der Hausknecht, der sich faul die Szene ansah.

„Ach, du verfluchtes Ding, du Blutsaugerin, du ...“ schrie die Alte einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern auf einmal heraus, ohne Unterbrechung und Überlegung, so daß ihr der Atem ausging. „So lohnst du mir, du Kröte! Nach Gurken habe ich sie geschickt, sie aber treibt sich herum! Mein Herz fühlte es, als ich sie ausschickte. Es nagte und nagte in mir! Gestern abend habe ich sie noch durchgeprügelt, heute läuft sie wieder davon! Wo bist du gewesen, du Herumtreiberin, wo?! ... Zu wem gehst du, verfluchte Hexe, du schiefäugiges Scheusal, du Giftkröte, zu wem? Sprich, du Lausmamsell, oder ich erwürge dich!“

Und das wutschnaubende Weib stürzte sich auf die arme Kleine, als sie aber die andere Frau an der Treppe erblickte, hielt sie plötzlich inne, schrie jedoch jetzt noch mehr als vorher und fuchtelte mit den Händen, als wollte sie die Frau zur Zeugin des furchtbaren Verbrechens machen, das ihr armes Opfer begangen.

„Die Mutter hat sie verloren! Ihr wißt alle, daß sie ganz allein auf der Welt geblieben ist. Haben selbst nichts zu essen, dachte aber bei mir, du bringst dem heiligen Nikolai ein Opfer und nimmst die Waise auf. Was aber glaubt ihr wohl? Zwei Monate lang unterhalte ich sie schon, doch in diesen zwei Monaten hat sie mir wahrhaftig das Blut ausgesogen, mir das Fleisch abgenagt, Blutegel! Verstockter Satan, du! Sie schweigt, ich schlage sie, stoße sie, sie schweigt immer; als hätte sie Wasser im Munde – so schweigt sie. Das Herz zerreißt sie mir – aber sie schweigt! Sag’, wofür hältst du dich denn eigentlich, du Grasaffe? Ohne mich würdest du auf der Straße vor Hunger gestorben sein. Meine Füße müßtest du mir waschen, du Wurm. Steif und kalt wärest du jetzt ohne mich!“

„Was tun Sie, Anna Trifonowna, warum ärgern Sie sich so sehr? Was hat sie denn verbrochen?“ fragte ehrfurchtsvoll die Frau, an die sich die wütende Megäre richtete.

„Warum, gute Frau, warum? Ich will es nicht, daß man gegen meinen Willen handelt! Sie hätte mich heute fast ins Grab gebracht! Habe sie nach Gurken in den Laden geschickt und sie ist erst nach drei Stunden zurückgekehrt! Mein Herz fühlte es, als ich sie schickte, es nagte in mir, es nagte! Wo war sie? Zu wem geht sie? Wen hat sie um Schutz gebeten? Bin ich nicht ihre Wohltäterin? Vierzehn Silberrubel schuldete mir ihre Mutter, habe sie auf meine Rechnung beerdigt, und ihren Grasteufel zur Erziehung angenommen, meine Liebe, das weißt du doch selbst alles! Habe ich nun nicht ein Recht auf sie? Wenn sie das anerkennen würde, so aber handelt sie gegen mich! Ich habe ihr Glück gewollt. Habe ihr ein weißes Musselinkleidchen und Schuhe gekauft und sie wie Feiertags angezogen! Und was glaubt ihr wohl, meine guten Leute! In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke zerrissen, und geht lieber in Lumpen! Und was glaubt ihr wohl, mit Absicht hat sie es zerrissen – ich will nicht lügen, habe es selbst gesehen. Da ging mir die Seele über, da habe ich sie blaugeschlagen, mußte aber dafür später den Arzt herbeiholen und ihn bezahlen. Dich plattdrücken müßte man, dich, du Ungeziefer, – dir eine Woche lang nichts zu essen geben. Die Fußböden hat sie zur Strafe waschen müssen! Und was glaubt ihr wohl: sie wäscht sie, wäscht und wäscht! Mir will das Herz platzen – sie wäscht! Nun denke ich: Die wird mir fortlaufen! Kaum hatte ich es gedacht, da war sie mir auch schon fortgelaufen! Ihr habt es selbst gehört, wie ich sie gestern dafür geschlagen habe, meine Hände schmerzten mir davon, nahm ihr die Strümpfe fort, die Stiefel – sie wird doch nicht barfuß gehen, denke ich, sie aber ist auch heute dorthin gelaufen! Wo warst du? Sprich? Bei wem hast du dich über mich beklagt? Sprich? Bummlerin, du Larvenfratz, sprich?“

Sinnlos vor Wut stürzte sie sich auf das vor Angst ganz erstarrte Kind, packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schale mit den Gurken flog zur Seite und zerschlug; das vergrößerte natürlich noch die Wut der betrunkenen Megäre. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf; Helene aber schwieg hartnäckig und gab keinen Laut von sich, keine Klage wurde laut. Ich stürzte auf den Hof und auf das betrunkene Weib zu.

„Was tun Sie? Wie wagen Sie eine arme Waise so zu behandeln!“ rief ich, die Furie am Arm packend.

„Was soll denn das bedeuten! Wer bist du denn eigentlich?“ keifte sie mich an, sie ließ von Helene ab und stützte ihre Arme in die Hüften. „Was haben Sie in meinem Hause zu suchen?“

„Sie Unbarmherzige!“ schrie ich sie an. „Wie wagen Sie es, ein armes Kind so zu peinigen? Sie gehört Ihnen nicht; ich habe es selbst gehört, daß sie eine Angenommene, eine arme Waise ist ...“

„Jesus Christus!“ brüllte die Furie. „Was hast du dich da herein zu mischen! Bist du etwa mit ihr gekommen, wie? Ich werde gleich die Polizei benachrichtigen! Andrej Timofejewitsch selbst ist mein bester Freund! Was, ist sie bei dir gewesen? Wer bist du eigentlich? Wie wagst du in ein fremdes Haus zu kommen?!“

Und sie stürzte sich mit ihren Fäusten auf mich. Doch in dem Augenblick ertönte ein scharfer, unmenschlicher Schrei. Ich sah mich um und erblickte Helene besinnungslos und in konvulsivischen Krämpfen auf der Erde. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verzerrt, schreckliche Schreie stieß sie aus. Es war ein Anfall von Fallsucht. Die geschminkte Dirne und die einfache Frau hoben sie auf und trugen sie hinauf.

„Krepieren sollst du, Verfluchte!“ schrie ihr keifend die Alte nach. „Schon den dritten Anfall im Monat ... Fort mit dir!“ Sie stürzte sich wieder auf mich.

„Was stehst du da, Mensch? Wofür kriegst du deinen Lohn?“

„Mach, daß du fortkommst! Willst wohl, daß ich dich am Kragen nehme,“ brummte faul der Hausknecht, nur der Form wegen. „Ein Dritter soll sich nie einmischen. Mach, daß du fortkommst und hinaus mit dir!“

Es blieb mir nichts anderes übrig, ich verließ den Hof mit der vollen Überzeugung, daß ich hier nichts ausgerichtet hatte. Doch kochte die Wut in mir. Ich blieb am Hoftor stehen und blickte zurück. Die Alte war ins Haus gegangen, auch der Hausknecht war nicht mehr zu sehen. Gleich darauf erschien die Frau, die Helene hinaufgetragen, und eilte die Treppe hinunter. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und betrachtete mich mit Neugierde. Ihr gutes, stilles Gesicht flößte mir Mut ein. Ich ging zurück in den Hof, gerade auf sie zu.

„Erlauben Sie eine Frage,“ begann ich, „wer ist dieses Kind, und wer diese scheußliche Alte? Glauben Sie nicht, daß ich nur aus Neugierde frage. Diesem Kinde bin ich begegnet und es interessiert mich.“

„Wenn Sie sich für das Kind interessieren, so wäre es besser, Sie nähmen es zu sich oder suchten ihm einen Platz, als daß es hier umkäme,“ sagte die Frau etwas gezwungen und schickte sich an, fortzugehen.

„Wenn Sie mir aber nichts Näheres sagen wollen, was soll ich denn tun? Ich kenne die Verhältnisse hier nicht. Das war wohl die Bubnowa selbst, die Wirtin des Hauses?“

„Ja, das war sie selbst.“

„Wie ist sie denn zu dem Kinde gekommen? Ist die Mutter des Kindes hier gestorben?“

„Wie sie dazu gekommen ... Das ist nicht unsere Sache.“

Und sie wollte wieder fort.

„So tun Sie mir doch den Gefallen; ich sage Ihnen doch, daß es mich sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, hier etwas zu tun. Wer ist dieses Kind? Wer war ihre Mutter, – wissen Sie es?“

„Ausländer waren es, Angereiste; lebten bei uns unten; sie war so krank und starb an der Schwindsucht.“

„Sie muß wohl sehr arm gewesen sein, wenn sie unten in einem Winkel lebte?“

„Ach, so arm! Das Herz schnürte sich zusammen. Wir haben selbst kaum zu essen, doch blieb sie auch uns die sechs Rubel schuldig in den fünf Monaten, die sie bei uns lebte. Wir haben sie beerdigt, mein Mann hat ihr den Sarg gemacht.“

„Die Bubnowa sagte doch, sie hätte sie beerdigt?“

„Keineswegs!“

„Wie hieß sie denn?“

„Ich kann das nicht aussprechen. So ein fremder deutscher Name.“

„Smitt?“

„Nein, nicht ganz so. Anna Trifonowna hat die Waise zu sich genommen zur Erziehung, wie sie sagt. Doch ist dabei nichts Gutes zu erwarten ...“

„Wahrscheinlich zu einem gewissen Zweck?“

„Zu nichts Gutem,“ antwortete die Frau, nachdenklich und zögernd. „Doch was geht es uns an ...“

„Du solltest besser deinen Mund halten!“ ertönte hinter uns eine Männerstimme.

Es war ihr Mann, ein Mensch in mittleren Jahren, in einem langen Kaftan gekleidet, ein Kleinbürger und Tischlermeister.

„He, Väterchen, wir haben Ihnen nichts zu sagen: das ist nicht unsere Sache ...“ brummte er, mich mißtrauisch von der Seite ansehend. „Und du, mach daß du fortkommst! Leben Sie wohl, mein Herr, ich bin Sargmacher. Wenn Sie einen Sarg brauchen, stehe ich zu Diensten ... sonst aber haben wir nichts mit Ihnen zu tun ...“

Nachdenklich und in tiefer Erregung verließ ich das Haus. Tun konnte ich hier jetzt nichts, doch fiel es mir schwer, zu gehen. Die wenigen Worte der stillen Frau hatten mich tief erschüttert. Daß hier etwas Schlechtes vor sich ging, das fühlte ich deutlich.

Mit gesenktem Kopf ging ich nachdenklich die Straße entlang, als plötzlich eine laute Stimme meinen Namen rief. Als ich aufblickte, steht vor mir ein berauschter, fast schwankender Mensch, ganz sauber angezogen, aber in schlechtem Mantel und schäbiger Mütze. Mir schien sein Gesicht bekannt. Ich sah ihn schärfer an. Er blinzelte mir zu und lächelte.

„Er kennt mich nicht?“

V.

„Ah! Das bist du, Masslobojeff!“ rief ich, in ihm plötzlich einen Schulkameraden aus der Provinz erkennend. „Das ist mal eine Begegnung!“

„Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen. Das heißt, begegnet sind wir uns schon öfter, aber Eure Hochwohlgeboren haben nicht geruht, mich eines Blickes zu würdigen. Sie gehören doch jetzt zu den Literaturgenerälen, ja–a ...“

Er lächelte ironisch.

„Nun, Freund Masslobojeff, du lügst einfach,“ unterbrach ich ihn. „Erstens gibt es in der Literatur keine Generäle und die würden außerdem nicht so aussehen wie ich, und zweitens laß dir sagen, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du schienst mir selbst aus dem Wege zu gehen – sollte ich dir da noch nachlaufen? Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht soeben einen Rausch hättest, so würdest du mich auch heute nicht angeredet haben. Stimmt, nicht? Nun, wie geht es dir? Ich bin sehr froh, lieber Freund, daß ich dir begegnet bin.“

„Wirklich? Aber kompromittiere ich dich nicht durch ... mein Äußeres, sozusagen? Doch jetzt lohnt es sich nicht mehr, danach zu fragen: ich denke, Bruder, immer daran, was du für ein guter Kamerad warst. Dich hat man einmal meinetwegen durchgeprügelt. Du schwiegst aber und verrietest mich nicht, und statt dir zu danken, habe ich dich noch eine ganze Woche lang gefoppt. Du gute Seele! Umarmen wir uns! Wieviel Jahre schlage ich mich schon – Tag und Nacht – allein durch die Welt, doch habe ich das alte nie vergessen. So etwas vergißt man nie! Und du, was machst du? ...“

„Ja, und ich, ich tue dasselbe ...“

Er sah mich lange an, mit dem rührseligen Blick eines betrunkenen Menschen. Im übrigen war er ein guter Kerl.

„Nein, Wanjä, du bist nicht wie ich,“ sagte er endlich in tragischem Ton. „Ich habe doch gelesen, Wanjä, gelesen! ... Höre mich an: sprechen wir aufrichtig und von Herzen! Hast du Eile!?“

„Ich habe allerdings Eile; und ich muß dir gestehen, daß mich etwas ungemein beschäftigt. Sage mir besser, wo du wohnst?“

„Ich werde es dir gleich sagen. Doch das ist nicht besser. Soll ich dir aber sagen, was besser ist?“

„Nun, was?“

„Siehst du dort?“ Und er wies auf ein Schild, zehn Schritt von uns entfernt, „siehst du: Konditorei und Restaurant, das ist ein guter Ort. Ich sage dir, es ist ein gutes Lokal, und der Schnaps – es gibt nichts Besseres! Mir Schlechtes vorzusetzen, das wagt man nicht so leicht. Man kennt Filipp Filippytsch. Ich heiße so, Filipp Filippytsch! Wie, genierst du dich? Laß mich zu Ende reden. Jetzt ist es gleich ein Viertel nach elf, in einer Viertelstunde gebe ich dich wieder frei. Zwanzig Minuten kann man einem alten Freunde doch schenken, nicht?“

„Wenn es nur zwanzig Minuten sind – gut; denn, liebe Seele, ich schwöre dir, ich kann nicht ...“

„Nun, wenn es geht, dann komme. Aber vor allem muß ich dir sagen, daß dein Gesicht keinen guten – na ... Ausdruck hat, hast du dich etwa geärgert, wie?“

„Ja, du hast recht.“

„Das habe ich doch sofort erraten. Ich habe mich jetzt, Bruder, auf die Physiognomik gelegt, das ist auch eine Beschäftigung. Nun, gehen wir, reden wir miteinander. In zwanzig Minuten habe ich Zeit, mir einen ‚Admiral‘ in die Kehle zu gießen, das heißt einen Birken-, dann einen Pomeranzenschnaps und darauf einen parfait-amour und zu guter Letzt wird sich schon auch noch was anderes finden. Ich trinke viel, Bruder! Nur an den Feiertagen, vor dem Gottesdienst bin ich nüchtern. Du halte es, wie du willst. Ich brauche nur dich. Trinkst du auch, – willst du mir diese Ehre erweisen, so komm! Wechseln wir ein paar Worte, und dann gehen wir wieder auseinander, vielleicht – auf zehn Jahre. Ich passe ja doch nicht zu dir, Wanjä!“

„Rede nicht so viel, gehen wir lieber. Wie gesagt, zwanzig Minuten und dann ...“

Zum Restaurant führte eine Holztreppe in die zweite Etage. Auf der Treppe begegneten wir zwei ganz betrunkenen Herrn. Als sie uns erblickten, machten sie nur wankend Platz.

Einer von ihnen war ein noch ganz junger Mensch, bartlos und mit einem ganz leichten Anflug von Schnurrbart und mit einem besonders dummen Gesichtsausdruck. Angezogen war er ungemein komisch, wie ein Modegeck, doch zugleich war es, als stecke er in einem ihm fremden Anzug. Ringe trug er an den Fingern und eine kostbare Busennadel trug er im Halstuch. Er hatte einen Scheitel, der seinen dummen Gesichtsausdruck noch erhöhte und lächelte und kicherte ununterbrochen. Der andere war ein Mann schon von fünfzig Jahren, dick und aufgedunsen, nachlässig gekleidet, kahlköpfig, doch trug auch er eine kostbare Nadel im Halstuch. Der Ausdruck seines Gesichts war sinnlich und roh, seine bösen, mißtrauischen, kleinen Augen schwammen im Fett und blickten wie aus ein paar Spalten. Beide schienen Masslobojeff zu kennen. Der Ältere verzog bei der Begegnung mit uns sein Gesicht zur Grimasse und der andere lächelte widerlich-süßlich – er lüftete seine Mütze.

„Entschuldigen Sie, Filipp Filippytsch,“ murmelte er, ihn süßlich ansehend.

„Was wünschen Sie?“

„Verzeihung, dort sitzt Mitroschka. Ihrer Meinung nach, Filipp Filippytsch, ist er jetzt ein Schuft.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Nur so ... Ihm aber (er wies mit dem Kopf auf seinen Kumpan) hat man in der vorigen Woche auf Mitroschkas Veranlassung an einem gewissen unanständigen Ort das ganze Gesicht mit Sahne eingeschmiert ... khi!“

Der Dicke stieß ihn ärgerlich mit dem Ellenbogen.

„Würden Sie nicht mit uns, Filipp Filippytsch, wieder mal ein halbes Dutzend trinken, können wir darauf hoffen?“

„Nein, das ist jetzt nicht möglich,“ antwortete Masslobojeff. „Ich habe jetzt zu tun.“

„Kchi! Auch ich habe mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen.“

Der andere stieß ihn wieder mit dem Ellbogen.

„Nachher, ein anderes Mal!“

Masslobojeff bemühte sich augenscheinlich, sie nicht anzusehen. Als wir in den ersten Raum eintraten, in dem sich ein reich beladenes Büfett befand, brachte mich Masslobojeff sofort in eine Ecke und sagte zu mir:

„Dieser junge Mensch ist ein Sohn Ssisobrjuchoffs, eines reichen Kaufmanns, der jetzt nach dem Tode des Vaters dessen Millionen durchbringt. Er war jüngst in Paris und hat dort sein halbes Vermögen vergeudet, nach einem Jahr wird er auf der Straße sein. Dumm ist er wie eine Gans. – Manchmal verkehrt er nur in den besten Restaurants, dann wieder in Kellern und Kabacken, mit Schauspielerinnen ... jetzt will er zu den Husaren – hat eine Bittschrift eingereicht. Der andere, alter Lebemann, – Archipoff, ist auch Kaufmann oder Verwalter, eine echte Bestie und ein Schelm, jetzt gut Freund mit Ssisobrjuchoff, Judas und Falstaff in einem, ein doppelter, falscher Bankrotteur und sinnlicher Wurm. Ich weiß von ihm eine Sache ... Es freut mich, daß ich ihm hier begegnet bin; ich hatte darauf gewartet ... Archipoff plündert natürlich den Ssisobrjuchoff. Er weiß und kennt alle Spelunken. Darum ist er für diesen Jüngling ein sehr genehmer Kumpan. Ich, Bruder, lauere ihm schon lange auf, auch Mitroschka, dieser junge Mensch dort in reicher Kleidung – der dort am Fenster steht mit dem Zigeunergesicht. Er handelt mit Pferden und ist mit allen Husaren bekannt. Ich sage dir, das ist ein solcher Betrüger, vor deinen Augen wird er Papiere fälschen, du siehst es mit eigenen Augen und glaubst ihm doch. Er geht jetzt im Samtkaftan, wie ein Slawophile; (der steht ihm aber fein) zieh ihm aber einen Frack an oder etwas Ähnliches und gehe mit ihm in den englischen Klub und sage von ihm, das ist, sagen wir, ein Graf Barabanoff, so wird man ihn dort tatsächlich für einen Grafen halten: er wird Whist spielen und sich wie ein Graf benehmen und keiner wird den Betrug bemerken. Schade, er wird sicher schlecht enden. Nun also, dieser Mitroschka ist auf den Dicken wütend, weil es ihm jetzt etwas faul geht und der Alte ihm Ssisobrjuchoff, seinen früheren Kameraden, abspenstig gemacht hat, noch bevor dieser ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Wenn sie hier alle drei zusammen gewesen sind, dann haben sie wieder mal ein Stückchen vor. Ich weiß sogar, um was es sich handelt, denn Mitroschka hat mich davon unterrichtet, weshalb Archipoff und Ssisobrjuchoff sich hier herumtreiben. Eine Gemeinheit ist es. Ich will diese Gelegenheit ausnutzen und habe meine Gründe dazu. Mitroschka soll nichts davon bemerken, sieh nicht zu ihm hinüber, bitte. Wenn wir fortgehen werden, wird er wohl selbst zu mir kommen und mir das Nötige sagen ... Doch jetzt gehen wir ins andere Zimmer, Wanjä! Stepan,“ wandte er sich an den Kellner, „du weißt, was ich wünsche.“

„Ich verstehe.“

„Und wirst du mich befriedigen?“

„Ich werde Sie befriedigen!“

„Nun, so tu es! Setze dich, Wanjä. Warum siehst du mich so an? Ich habe schon lange bemerkt, daß du mich sonderbar ansiehst. Wundere dich nicht, mein Lieber. Alles kann einem Menschen passieren, auch, was ihm nie geträumt, und besonders nicht damals ... als wir den Kornelius Nepos studierten. Doch glaube mir, Wanjä, wenn Masslobojeff auch vom Wege abgeraten ist, sein Herz ist doch dasselbe geblieben ... Nur die Verhältnisse haben sich geändert. Wenn ich selbst auch nichts vorstelle, Schaden bringe ich niemandem. Zuerst wollte ich Arzt werden, dann unter die Lehrer gehen, habe sogar einen Artikel über Gogol geschrieben, dann wollte ich Goldarbeiter werden, mich verheiraten – sie willigte ein, obgleich ich nichts besaß. Zur Trauungszeremonie hatte ich mir schon Stiefel gepumpt, meine eigenen waren voll Löcher ... Doch kam es nicht dazu. Sie wurde die Frau eines Lehrers, ich ging in ein Kontor. Da entstand eine ganze Musik, und, wenn ich auch keine Stellung mehr habe, so verdiene ich mir doch genügend Geld: ich lasse mir nämlich Sporteln zahlen und zeuge für die Wahrheit auf Erden. Vor dem Dummkopf bin ich der Gerechte, und vor dem Gerechten bin ich der Dummkopf. Die Regel kenne ich jetzt, ein Krieger im Felde macht keinen Krieg aus. Meine Arbeit ist mehr eine unsichtbare ... Du begreifst?“

„Du bist doch nicht am Ende ein Polizeispitzel?“

„Nein, das bin ich nicht, doch gebe ich mich mit manchen Sachen ab, zum Teil offiziell, zum Teil aus Liebe zum Beruf. Siehst du, Wanjä, ich bin ein Trinker. Da ich aber niemals meinen Kopf vertrinke, so bin ich mir meiner Zukunft bewußt. Meine Zeit ist dahin, einen Mohren wirst du nicht weiß waschen. Eins nur muß ich sagen, wenn sich nicht in mir noch etwas Menschliches regte, so wäre ich heute nicht zu dir gekommen, Wanjä. Du hast recht, wenn ich dich auch schon des öfteren gesehen, so wagte ich doch nicht, dich anzureden, ich schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und die Wahrheit zu gestehen, Wanjä, ich tat es auch heute nur, weil ich nicht nüchtern war. Doch alles das ist Unsinn, was ich rede, – sprechen wir lieber von dir. Nun, mein Lieber, ich hab’s gelesen. Ich, mein Freund, spreche von deinem Erstgeborenen. Als ich’s gelesen hatte, Bruder, wollte ich beinah ein anständiger Mensch werden! Doch habe ich es bald wieder aufgeben müssen. So ist es ...“