Part 14
Und in dieser Weise redete er noch eine ganze Weile und wurde immer mehr und mehr betrunken. Zuletzt war er bis zu Tränen gerührt. Masslobojeff war immer ein guter Bursch gewesen, doch leider über seine moralischen Kräfte hinaus entwickelt; schlau, hinterlistig, verschmitzt schon von Kindheit an, war er doch im Grunde genommen ein guter Mensch – ein verlorener Mensch. Solcher Typen gibt es viele unter uns Russen. Gewöhnlich sind sie außerordentlich begabt, doch verwirrt sich die Welt in ihnen, und sie sind zu charakterlos, um nach ihrem Gewissen zu handeln. Meistenteils verkommen sie, und meistens wissen sie es selbst, daß sie zugrunde gehen. Masslobojeff zum Beispiel ging mit Bewußtsein am Schnaps zugrunde.
„Höre mich an, mein Freund, noch ein Wort,“ fuhr er fort. „Auch ich erlebte es, wie dein Ruhm zuerst wuchs; habe alle deine Kritiken gelesen; (ich habe sie wirklich gelesen; du glaubst wohl, ich lese nicht) begegnete dir darauf, du warst in schlechten Stiefeln, ohne Galoschen im Schmutz, mit altem Hut. Nun, dachte ich, so geht er unter die Journalisten?“
„Ja, Masslobojeff.“
„Also, ein Postgaul bist du geworden?“
„So etwas Ähnliches.“
„Nun, darauf will ich dir erwidern, Bruder: Trinker ist besser! Sieh, ich betrinke mich, lege mich in meinem Zimmer auf den Diwan (ich habe einen schönen, weichen Sprungfederdiwan) und denke mir, daß ich irgendein Homer oder Dante bin, oder auch Friedrich Barbarossa – denn vorstellen kann man sich ja alles. Du aber darfst dir nicht vorstellen, daß du Homer oder Dante bist, denn du willst du selbst sein und alles ‚wollen‘ ist dir verboten; du bist ein bezahlter Postgaul. Ich lebe in der Einbildung, du in der Wirklichkeit. Höre, seien wir aufrichtig – brauchst du Geld? Ich habe Geld. Mache keine Grimassen. Nimm das Geld und kaufe dich los von deinen Verlegern, wirf die Fesseln ab, befreie dich für ein ganzes Jahr, um deiner Lieblingsidee zu leben, schaffe eine große Sache! Wie? Was meinst du?“
„Höre, Masslobojeff! Dein freundschaftliches Anerbieten schätze ich sehr, doch kann ich dir jetzt noch nichts Bestimmtes darauf antworten – warum – davon ein anderes Mal. Es gibt da gewisse Umstände. Ich danke dir für deinen Vorschlag, ich verspreche dir, noch einmal darauf zurückzukommen. Doch handelt es sich jetzt um etwas anderes, du bist zu mir aufrichtig gewesen, darum habe ich mich entschlossen, auch dich um Rat zu bitten, um so mehr, da du, wie es scheint, in diesen Sachen sehr bewandert bist.“
Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smitt und seiner Enkelin. Sonderbar: an seinen Augen glaubte ich zu bemerken, daß ihm der Vorfall nicht ganz unbekannt war. Ich fragte ihn darnach.
„Ich habe,“ antwortete er, „nur vom Tode eines alten Smitt in einer Konditorei gehört. Doch Madame Bubnowa kenne ich ganz genau. Von dieser Dame habe ich schon vor zwei Monaten Sporteln genommen. ^Je prends mon bien où je le trouve^, in der Beziehung bin ich ganz wie Molière. Obgleich ich ihr damals schon hundert Rubel abgenommen habe, so habe ich mir doch das Wort gegeben, von ihr noch weitere fünfhundert Rubel zu erpressen. Ein schlechtes Weib das. Handelt mit unlauteren Sachen. Dabei wäre ja nichts, wenn sie es nur nicht zu toll triebe. Halte mich, bitte, nicht für einen Don Quichotte. Die Sache kann mir gelingen. Als ich nämlich Ssisobrjuchoff hier vor einer halben Stunde antraf, war ich sehr zufrieden. Ssisobrjuchoff hat sicher der alte Archipoff hierhergeschleppt, und da ich weiß, mit welchen Dingen Archipoff handelt, so schließe ich daraus ... Na, ich werde ihn schon kriegen! Ich bin sehr froh, daß ich etwas über das kleine Mädchen erfahren habe; jetzt bin ich auf eine Spur gekommen. Ich, Bruder, habe die verschiedensten Privataufträge, und du glaubst nicht, mit welchen hochstehenden Leuten ich bekannt bin! Unlängst habe ich in Sachen eines Fürsten nachgespürt, ich sage dir – eine Affäre, die man von einem Fürsten nicht erwarten kann. Oder, soll ich dir noch eine andere Geschichte erzählen? Du, Bruder, komme mal zu mir, ich kann dir Sachen erzählen, die man erdichtet, aber nicht für wahr hält ...“
„Wie lautet der Name des Fürsten?“ unterbrach ich ihn ahnungsvoll.
„Wozu willst du’s wissen? Walkowskij.“
„Pjotr?“
„Ja. Kennst du ihn?“
„Ja, ich kenne ihn, doch nur so ein wenig. Nun, Masslobojeff, wegen dieses Herrn werde ich des öfteren zu dir kommen,“ sagte ich, mich erhebend, „jetzt hast du meine Neugierde erregt.“
„Siehst du, alter Freund, du kannst mich ausforschen, so viel du willst. Und viel kann ich dir erzählen, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, verstehst du? Denn Kredit und Ehre darf ich in meinem Beruf nicht aufs Spiel setzen, du verstehst mich, und so weiter ...“
„Doch soweit es die Ehre erlaubt.“
Ich war in großer Erregung. Er bemerkte es.
„Aber wie denkst du über die Geschichte, die ich dir soeben erzählt habe? Hast du dich zu etwas entschlossen, oder nicht?“
„Bei der Geschichte? Warte einen Augenblick, ich werde bezahlen.“
Er ging ans Büfett und traf da wie zufällig mit dem jungen Mann zusammen, den sie einfach Mitroschka nannten. Mir schien es, daß Masslobojeff näher mit ihm bekannt war, als er es mir gegenüber zugegeben. Wenigstens trafen sie sich augenscheinlich nicht zum erstenmal.
Mitroschka war dem Äußeren nach ein sehr origineller Bursche. In seinem russischen Samtrock und dem roten Seidenhemde mit seinen scharfen, doch edlen Zügen, von brauner Gesichtsfarbe, mit stolzen, blitzenden Augen, machte er einen interessanten und äußerst anziehenden Eindruck auf mich. Seine Gesten waren lebhaft, trotzdem er sich in diesem Augenblick ersichtlich Mühe gab, sachlich, solid und wichtig zu erscheinen.
„Höre, Wanjä,“ sagte Masslobojeff, zu mir zurücktretend, „komme heute abend um sieben Uhr zu mir, ich werde dir manches mitteilen können. Allein ... habe ich ja nichts mehr zu bedeuten; früher bedeutete ich etwas, seitdem ich jedoch ein Trunkenbold geworden, habe ich mich auch von den Geschäften mehr zurückgezogen. Doch sind mir noch meine früheren Beziehungen geblieben, und ich kann vieles erfahren und die Sachen beschnuppern ... Doch genug davon ... Meine Adresse ist Schestilawotschnaja ... Jetzt noch einen Goldenen, Bruder, und dann nach Haus, sich hinlegen! ausschlafen! Wenn du kommst, stelle ich dich Alexandra Ssemjonowna vor, und wenn wir Zeit haben, sprechen wir auch noch von der Literatur.“
„Und davon?“
„Vielleicht auch davon.“
„Dann komme ich vielleicht, oder nein, ich komme bestimmt ...“
VI.
Anna Andrejewna hatte mich schon lange erwartet. Das, was ich ihr gestern von Nataschas Brief erzählt, hatte sie so sehr erregt, daß sie mich bereits früh am Morgen, wenigstens seit zehn Uhr erwartete. Als ich nun endlich um zwei Uhr bei ihr erschien, hatte die Qual der Erwartung bei ihr den höchsten Grad erreicht. Außerdem wollte sie mir ihre neuen Hoffnungen mitteilen, die ihre Seele seit gestern erfüllten und mir von Nikolai Ssergejewitsch erzählen, der sich seit gestern abend krank fühlte, zu ihr aber außerordentlich zärtlich gewesen war. Sie empfing mich mit unzufriedenem, kaltem Gesichtsausdruck, sprach sehr abgemessen und zeigte nicht die geringste Neugierde, etwas von mir zu erfahren. Fast hätte sie mir die Frage gestellt: „Warum bist du gekommen? Macht es dir wirklich Vergnügen, jeden Tag hierher zu laufen?“ So ärgerte sie sich über mein spätes Kommen. Doch ich ließ mich nicht stören und erzählte ihr jede Einzelheit der gestrigen Szene bei Natascha. Als nun die Alte vom Besuch des Fürsten und dessen feierlicher Werbung hörte, vergaß sie ganz ihren Ärger. Es läßt sich nicht beschreiben, wie glücklich sie war, wie sie sich zugleich bekreuzte, weinte, lachte und vor dem Heiligenbild auf die Kniee fiel. Sie umarmte mich außer sich vor Freude und wollte sofort zu Nikolai Ssergejewitsch gehen, um ihm alles mitzuteilen.
„Lieber Junge, er ist ja doch krank von all diesen Erniedrigungen und Beleidigungen; wenn er es nun erfahren wird, daß Natascha volle Genugtuung widerfährt, so wird er im Augenblick alles vergessen.“
Nur mit Gewalt konnte ich sie davon abhalten. Die gute Alte kannte ihren Mann noch nicht, trotzdem sie fünfundzwanzig Jahre mit ihm zusammen gelebt. Sie wollte auch sofort mit mir zusammen zu Natascha fahren. Ich stellte ihr vor, daß nicht nur Nikolai Ssergejewitsch sehr ungehalten darüber sein würde, sondern daß wir, durch eine so übereilte Handlung, der ganzen Sache schaden könnten. Endlich beruhigte sie sich, hielt mich aber wohl noch eine halbe Stunde mit unnötigem Gespräch auf und sprach die ganze Zeit davon, „daß sie nun mit ihrer Freude ganz allein in ihren vier Wänden sitzen solle“. Ich konnte sie endlich davon überzeugen, wie eilig ich es hatte, und daß Natascha mich schon längst erwarte. Die Alte bekreuzte mich auf den Weg, schickte Natascha ihren Segen und begann fast zu weinen, als ich ihre Bitte, heute abend bei ihr zu erscheinen, wenn bei Natascha etwas Besonderes vorfallen sollte, abschlagen mußte. Nikolai Ssergejewitsch sah ich dieses Mal überhaupt nicht; er hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen, klagte über Kopfweh und lag jetzt in seinem Zimmer.
Auch Natascha hatte mich seit dem Morgen erwartet. Als ich bei ihr eintrat, ging sie wie gewöhnlich mit gekreuzten Armen, in Nachdenken versunken, im Zimmer auf und ab. Auch jetzt noch, wenn ich an sie denke, sehe ich sie immer allein in diesem ärmlichen Zimmer, einsam, verlassen, auf etwas wartend, mit gekreuzten Armen und gesenkten Augen, ziellos auf- und abgehen.
Sie fuhr auch jetzt fort, leise auf- und abzugehen, und fragte nur, warum ich so spät gekommen sei. Ich erzählte ihr in aller Kürze meine Erlebnisse, doch sie hörte mich kaum. Offenbar war sie mit etwas ganz anderem beschäftigt.
„Was gibt’s Neues?“ fragte ich sie.
„Neues? Nichts!“ antwortete sie mir mit einer sonderbaren Betonung, der man es sofort anhörte, daß sie nur auf mich gewartet, um mir dieses Neue mitzuteilen. Doch wußte ich, daß sie es nach ihrer Gewohnheit nicht sofort tun würde, sondern erst beim Abschied.
So war es immer bei uns gewesen. Ich bereitete mich schon darauf vor und wartete.
Wir sprachen natürlich zuerst vom gestrigen Erlebnis. Es wunderte mich, daß wir beide der gleichen Meinung über den Fürsten waren: er mißfiel ihr, mißfiel ihr heute weit mehr noch, als gestern. Als wir alles Gestrige durchgesprochen hatten, bemerkte plötzlich Natascha:
„Weißt du, Wanjä, es pflegt aber immer so zu sein, und es ist das beste Zeichen, wenn ein Mensch einem zuerst nicht gefällt – dann gefällt er einem später. Mir ist es des öfteren so gegangen.“
„Gott gebe es, Natascha. Meine endgültige Meinung ist es übrigens, wie ich es mir auch hin und her überlege, daß der Fürst, obwohl er ein Jesuit ist, eure Ehe jetzt doch in Wirklichkeit zu wünschen scheint.“
Natascha blieb inmitten des Zimmers stehen und sah mich streng an. Ihr ganzes Gesicht veränderte sich; ihre Lippen zitterten leicht.
„Wie hätte er denn in _diesem_ Falle ... lügen können?“ fragte sie in verhaltenem Unwillen.
„Gewiß, gewiß!“ beeilte ich mich, ihr zu versichern.
„Natürlich hat er nicht gelogen. Daran zu denken ist einfach unmöglich. Aus welch einem Grunde sollte er es getan haben? Und schließlich, was bin ich denn in seinen Augen, wenn er sich in solchem Grade über mich lustig machen kann? Kann denn ein Mensch wirklich einer solchen Beleidigung fähig sein?“
„Freilich, freilich ist das unmöglich!“ bestätigte ich meinerseits, bei mir aber dachte ich: „Gerade darüber denkst du jetzt nach, meine Arme, also mißtraust du ihm mehr noch als ich.“
„Ach, wie wünschte ich, daß er schneller zurückkehrte!“ sagte sie. „Den ganzen Abend wollte er bei mir verbringen ... Es muß doch eine wichtige Angelegenheit sein, wenn er alles läßt und fortfährt. Weißt du nichts davon, Wanjä? Hast du nichts darüber gehört?“
„Gott weiß es. Er soll alles Geld verleben. Was wissen wir von Geldsachen, Natascha.“
„Nichts. – Aljoscha sprach von einem Brief.“
„Von irgendeiner Nachricht. War Aljoscha hier?“
„Er war hier.“
„Früh?“
„Um zwölf Uhr; er schläft ja so lange. Ich schickte ihn zu Katherina Fedorowna, ich konnte doch nicht anders, Wanjä?“
„Hatte er selbst denn nicht die Absicht hinzugehen?“
„Ja, er selbst ...“
Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch verstummte sie. Ich sah sie erwartungsvoll an. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern darum gefragt, doch war ihr das oft nicht angenehm.
„Ein sonderbarer Mensch ist er doch,“ sagte sie endlich. Sie verzog ein wenig ihren Mund zu einem bitteren Lächeln und vermied es, mich anzusehen.
„Wieso? Was ist denn vorgefallen?“
„Nichts, nur so ... Er war übrigens sehr nett ... Nur zu ...“
„Jetzt haben alle seine Sorgen ein Ende ...“ sagte ich.
Natascha sah mich lange forschend an. Sie schien mir selbst gern antworten zu wollen: „Welche Sorgen machte er sich denn früher,“ doch in meinen Worten lag schon derselbe Gedanke. Sie schwieg gekränkt.
Übrigens war das nur eine vorübergehende Regung. Sie war sehr bald wieder freundlich, liebenswürdig, und von ihrer alten stillen Art. Ich blieb bei ihr wohl eine Stunde lang. Sie war sehr unruhig, ihr graute vor dem Fürsten. An einigen ihrer Fragen bemerkte ich, daß es ihr sehr darum zu tun war, zu erfahren, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht haben könne. Wie sie sich verhalten? Ob sie ihre Freude nicht zu auffällig gezeigt? Ob sie nicht allzu zurückhaltend, oder im Gegenteil, zu zuvorkommend gewesen sei? Hatte er sich nicht am Ende über sie lustig gemacht? Oder Verachtung für sie empfunden? ... Bei dem Gedanken schoß ihr das Blut wie Feuer in die Wangen.
„Kann man sich wirklich so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch über einen denkt? Soll er doch denken, was er will!“ sagte ich.
Natascha war mißtrauisch, aber von Herzen rein und aufrichtig. Sie war stolz und konnte es nicht ertragen, das, was sie hoch hielt, verspottet zu sehen. Die Verachtung eines Menschen hätte sie gleichfalls mit Verachtung beantwortet, doch ihr Herz hätte es nicht ertragen, daß jemand über ihr Heiligstes gelacht. Das war keine Folge von Charakterschwäche, sondern nur von geringer Kenntnis des Lebens und der Menschen. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Winkel verbracht, ohne ihn jemals zu verlassen. Und schließlich ist es eine Eigenschaft aller gutmütigen Charaktere – eine Eigenschaft, die vom Vater auf sie übergegangen – stets einen Menschen besser zu machen als er ist, nur Gutes in ihm zu sehen: diese Eigenschaft war in ihr sehr entwickelt. Derartige Menschen leiden dann sehr, wenn sie sich getäuscht fühlen, um so mehr, weil sie selbst schuld daran sind. Sie fordern mehr, als andere geben können. Und darum ist es besser, wenn sie in ihren Winkeln bleiben und nicht in die Welt gehen. Übrigens hatte Natascha zu viel Leid und Erniedrigung erfahren. Sie war ein kranker Mensch geworden, den man nicht beschuldigen darf – wenn in meinen Worten überhaupt etwa eine Anklage liegt ...
Doch ich hatte Eile und erhob mich, um fortzugehen. Sie war ganz erstaunt darüber und wäre fast in Tränen ausgebrochen, obgleich sie die ganze Zeit sich mir gegenüber sehr kühl verhalten hatte, kühler als gewöhnlich. Doch jetzt küßte sie mich zärtlich und sah mich lange an.
„Höre,“ sagte sie. „Aljoscha war zu sonderbar heute und hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Er war sehr nett und schien sehr glücklich zu sein, doch kehrte und drehte er sich die ganze Zeit vor dem Spiegel wie ein Fant. Er ist schon etwas gar zu nachlässig in seinem Betragen geworden ... Auch war er nicht lange hier. Stelle dir vor, er hat mir Konfekt gebracht!“
„Konfekt? Das ist ja sehr naiv und nett von ihm. Ach, was ihr beide für Menschen seid! Er ist ja noch immer der lustige Schulbub von früher. Aber du, du!“
Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton veränderte und zu mir mit irgendeiner Klage über Aljoscha kam, oder irgendwelche Zweifel von mir gelöst haben wollte, oder mit einem Geheimnis kam, das ich selbst erraten mußte, so sah sie mich immer mit offenem Munde flehend an, mit der unausgesprochenen Bitte, alles so zu lösen, daß ihrem Herzen leichter wurde. In diesen Augenblicken nahm ich dann immer einen strengen Ton an, als wollte ich sie ausschelten, und sonderbar, es gelang mir fast immer. Meine Wichtigkeit und Strenge taten jedesmal ihre Wirkung. Der Mensch empfindet manchmal geradezu das Bedürfnis, eine Strafpredigt zu hören. Wenigstens Natascha verließ mich nach solchen Augenblicken immer vollkommen getröstet.
„Nein, siehst du, Wanjä,“ fuhr sie fort, die linke Hand auf meine Schulter legend und meinen Blick erhaschend, „mir schien es, daß er schon ganz daran gewöhnt ist ... er schien mir schon zu – naiv ... weißt du, als ob wir schon zehn Jahre Mann und Frau gewesen wären. Ist das nicht viel zu früh? ... Er lachte, drehte und kehrte sich, als ob ich ihm eigentlich ganz gleichgültig wäre, nicht so wie früher ... Er beeilte sich schon zu sehr, zu Katherina Fedorowna ... Ich spreche zu ihm, er hört mich nicht und spricht von ganz anderem, weißt du, in dieser häßlichen, weltmännischen Manier, von der wir ihn schon glücklich abgebracht hatten. Kurz, er war so ... so gleichgültig ... Doch was tue ich! So bin ich – was sind wir doch alle anspruchsvoll, Wanjä, was für eigensinnige Despoten! Das merke ich erst jetzt! Wir verzeihen dem Menschen keine einzige Veränderung, und Gott weiß allein den Grund, warum er sich verändert hat! Du tust recht, Wanjä, mich auszuschelten! Daran bin nur ich allein schuld! Wir selbst erdenken uns alle Qualen der Welt und dann klagen wir noch über sie ... Habe Dank, Wanjä, du hast mich vollkommen beruhigt. Ach, wenn er doch nur heute käme! Vielleicht hat er sich noch geärgert!“
„Wie, habt ihr euch denn gezankt?“ rief ich verwundert aus.
„Nein, er hat nichts bemerkt! Nur war ich ein wenig traurig und er wurde plötzlich nachdenklich und verabschiedete sich ein wenig trocken von mir. Ich werde nach ihm schicken ... Kommst du heute, Wanjä?“
„Ich komme bestimmt, wenn ich nicht abgehalten werde.“
VII.
Um punkt sieben war ich bei Masslobojeff. Er lebte im Flügel eines kleinen Hauses auf der Schestilawotschnaja, in einer etwas unsauberen Wohnung von drei Zimmern, die jedoch gut möbliert waren. Es fehlte freilich überall an häuslicher Ordnung. Die Tür öffnete mir ein reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, sehr einfach, aber nett und sauber gekleidet, mit guten fröhlichen Augen. Ich erriet sofort, daß es Alexandra Ssemjonowna, seine Geliebte, sein mußte, die er vorhin erwähnt hatte, und der er mich vorstellen wollte. Sie fragte, wer ich sei, und als ich ihr meinen Namen genannt, sagte sie, daß man mich erwarte und führte mich ins Zimmer, wo Masslobojeff auf seinem schönen, weichen Diwan, bedeckt mit einem Mantel, schlief. Sein Kopf ruhte auf einem alten Lederkissen. Er erwachte sofort, als wir eintraten, und rief mich bei Namen.
„Ah! Da bist du ja! Ich habe dich erwartet. Soeben sah ich im Traum, wie du zu mir kamst und mich aufwecktest. Also ist es Zeit. Fahren wir.“
„Wohin?“
„Zur Dame.“
„Zu welcher Dame? Warum?“
„Zu Madame Bubnowa, um bei ihr einzukassieren. Was die für eine Schönheit ist!“ wandte er sich plötzlich zu Alexandra Ssemjonowna und küßte seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Madame Bubnowa.
„Nun, geh nur, geh. Das denkst du dir nur aus!“ bemerkte Alexandra Ssemjonowna, die es für ihre Pflicht hielt, sich etwas zu ärgern.
„Ihr kennt euch nicht? Ich werde dich vorstellen, Bruder: Alexandra Ssemjonowna, hier stelle ich dir einen Literaturgeneral vor; man kann ihn nur einmal im Jahr umsonst sehen, die übrige Zeit aber nur für Geld.“
„Jetzt hält er mich wieder zum besten. Hören Sie, bitte, nicht auf ihn, er lacht immer über mich. Was sind Sie denn für ein General?“
„Ich sage dir doch, daß er ein besonderer ist. Und Sie, meine Dame, glauben Sie nicht, daß wir dumm sind; wir sind viel klüger als wir auf den ersten Blick erscheinen.“
„Hören Sie nicht auf ihn! Immer verstellt er sich vor anständigen Leuten, Unverschämter! Wenn er mich doch wenigstens nur einmal ins Theater brächte!“
„Bitte, Alexandra Ssemjonowna, lieben Sie Ihre Pe... Haben Sie vergessen, was Sie lieben müssen? Haben Sie das Wort vergessen, das ich Ihnen gelehrt habe!“
„Natürlich habe ich es nicht vergessen. Irgendeinen Unsinn bedeutet es.“
„Nun, wie hieß denn das Wort?“
„Ich soll mich wohl vor dem Gast blamieren. Wer weiß, was dieses Wort bedeutet. Eher trocknet meine Zunge aus, als daß ich es sage.“
„Also haben Sie es vergessen?“
„Vergessen? Lieben Sie Ihre Penaten ... Sehen Sie, was er sich ausgedacht! Es hat vielleicht niemals Penaten gegeben; und warum soll ich sie lieben? Alles Lüge!“
„Dafür gehen wir auch zu Madame Bubnowa ...“
„Pfui, mit Ihrer Madame Bubnowa ...“
Und Alexandra Ssemjonowna lief gekränkt aus dem Zimmer.
„Es ist Zeit! Gehen wir! Leben Sie wohl, Alexandra Ssemjonowna!“
Wir traten ins Freie.
„Siehst du, Wanjä, setzen wir uns jetzt zuerst in die Droschke. So. Und jetzt kann ich dir noch mitteilen, daß ich manches und zwar ganz genau erfahren habe. Ich blieb noch eine ganze Stunde nachher auf Wassilij-Ostroff. Diese dicke Blase ist eine schreckliche Kanaille, ein schmutziger, perverser Kerl. Und diese Bubnowa ist ihrer gewissen Geschäftchen wegen schon ganz bekannt. Vor ein paar Tagen hat sie es mit einem jungen Mädchen aus anständigem Hause zu tun gehabt. Diese Musselinkleidchen, von denen du mir erzähltest, ließen mir keine Ruh, denn ich hatte schon vorher verschiedenes von ihr gehört. Ich habe mich jetzt davon überzeugen können, daß ich mich nicht irre. Wie alt ist die Kleine?“
„Dem Ansehen nach dreizehn Jahr.“
„Von Gestalt ist sie aber noch jünger. Nun ja, so treibt sie es. Wenn es nötig, sagt sie, die Kleine sei elf Jahre alt und wenn es nötig, – fünfzehn. Und da die kleine ohne Schutz und Familie ist, so ...“
„Ist’s möglich?“
„Was glaubst du denn? Eine Madame Bubnowa wird doch nicht aus Mitleid eine Waise zu sich nehmen. Und wenn der Dicke schon da verkehrt, so stimmt’s. Er ist neulich am Morgen bei ihr gewesen. Dem Dummkopf Ssisobrjuchoff ist eine verheiratete Dame, eine Schönheit versprochen worden, die Frau eines Stabsoffiziers. Wenn Kaufleute durchgehen, verlangen sie immer eine von Rang. Das ist wie in der lateinischen Grammatik; die Bedeutung hängt immer von der Endung ab. Übrigens, ich bin noch, glaube ich, betrunken. Die Bubnowa soll es nur wagen, solche Geschäftchen zu versuchen. Sie kann wohl die Polizei hintergehen, mich aber nicht, da soll sie mal sehen ... Nun, du verstehst mich?“
Ich war furchtbar erschrocken. Diese Nachrichten erregten mich im höchsten Grade. Ich fürchtete jetzt, daß wir uns verspäten könnten und trieb den Kutscher zur Eile an.
„Fürchte nichts; ich habe Maßregeln getroffen,“ sagte Masslobojeff. „Mitroschka ist dort, wir haben uns mit ihm verabredet. Madame Bubnowa kommt auf meine Rechnung ...“
Wir hielten am Restaurant, doch ein Mensch, der Mitroschka hieß, war da nicht zu finden. Wir befahlen dem Kutscher, uns an der Treppe des Restaurants zu erwarten und gingen zum Hause der Bubnowa. Mitroschka erwartete uns am Hoftor. Die Fenster waren hell erleuchtet und man hörte Ssisobrjuchoffs betrunkenes Lachen.
„Seit einer Viertelstunde sind sie alle dort,“ berichtete Mitroschka. „Jetzt ist es Zeit.“
„Wie sollen wir denn hineingehen?“ fragte ich.
„Wie Gäste,“ entgegnete Masslobojeff, „sie kennt mich; auch Mitroschka kennt sie. Wahrhaftig, da scheint ein großes Fest zu sein, nur nicht für uns.“
Er klopfte leise an das Hoftor, der Hausknecht öffnete uns sofort; während er sich mit Mitroschka verständigte, gingen wir beide die Treppe hinauf. Im Hause bemerkte man uns nicht. Der Hausknecht klopfte an. Man fragte, wer da sei. Er antwortete: „Gäste“. Man öffnete uns und wir traten alle auf einmal ein. Der Hausknecht verschwand sofort.
„Ai, wer ist das?“ rief die Bubnowa betrunken und zerzaust, mit einem Licht in der Hand.
„Wer?“ erwiderte Masslobojeff. „Wie so denn? Sie erkennen Ihre Gäste nicht, Anna Trifonowna? Wer denn anders als wir ... Filipp Filippytsch!“