Sämtliche Werke 19

Part 37

Chapter 373,890 wordsPublic domain

„Siehst du, Freund,“ begann er dann, „ich bin da auf eine Spur gestoßen ... das heißt, genau genommen bin ich weder auf eine Spur gestoßen, noch hat es eine Spur überhaupt gegeben, aber es schien mir plötzlich so ... Ich habe gewisse Dinge kombiniert und daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß Nelly ... vielleicht ... nun, mit einem Wort, des Fürsten rechtmäßige Tochter ist.“

„Was!“

„Na ja, das konnte ich mir ja denken, daß du sogleich ‚was!‘ schreien würdest! Bei Gott, es ist keine Möglichkeit, mit diesen Leuten zu reden!“ rief er scheinbar wütend aus. „Habe ich dir denn schon was Positives gesagt, du leichtsinniger Mensch? Habe ich dir gesagt, daß sie die _bewiesenermaßen rechtmäßige_ Tochter des Fürsten sei? Habe ich dir das gesagt oder nicht? ...“

„Höre, mein Bester,“ unterbrach ich ihn erregt, „schreie um Gottes willen nicht so, sondern tue mir den Gefallen und erkläre es mir ruhig und deutlich. Bei Gott, ich werde dich verstehen. So begreife doch, bis zu welch einem Grade das wichtig ist und welche Folgen ...“

„Jawohl, Folgen! Wo willst du die Folgen hernehmen? Wo sind die Beweise? Ohne Beweise macht man nichts, ich aber erzähle es dir nur als größtes Geheimnis. Weshalb ich aber überhaupt davon mit dir rede – das werde ich dir später erklären. Du siehst, es ist notwendig, daß ich’s tue, und damit basta. Also schweige vorläufig, höre zu und laß dir gesagt sein, daß es dir nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitgeteilt wird ... Sieh, die Geschichte verhält sich so: schon im Winter, noch bevor der alte Smitt starb, begann der Fürst sogleich nach seiner Rückkehr aus Warschau die ganze Sache ... Das heißt: begonnen hatte er sie schon viel früher, etwa vor einem Jahr. Damals aber hatte er nach etwas anderem geforscht, jetzt aber begann er nach etwas Neuem zu forschen. Die Hauptsache war nämlich die, daß er ihre Spur verloren hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er die Smitt in Paris verlassen, doch während dieser ganzen Zeit hatte er sie nicht aus dem Auge verloren: so hatte er gewußt, daß sie mit Heinrich zusammenlebte – mit diesem, von dem heute die Rede war; er wußte, daß sie eine Tochter, namens Nelly, hatte, er wußte auch, daß sie selbst krank war; na, mit einem Wort, er wußte alles, nur verlor er plötzlich die Spur, und das, wie mir scheint, bald nach dem Tode Heinrichs, als die Smitt nach Petersburg zurückkehrte. Hier in Petersburg hätte er sie allerdings bald gefunden, gleichviel unter welchem Namen sie zurückgekehrt wäre; aber sieh, die Sache war nämlich die, daß seine ausländischen Agenten ihn betrogen hatten: sie schrieben ihm, daß sie in Süddeutschland irgendwo dort in einer kleinen Stadt lebe, was sie selber für vollkommen richtig hielten, doch hatten sie sich getäuscht: das war eine andere Smitt. Und das dauerte so ungefähr ein Jahr oder noch länger, der Fürst aber begann schließlich Verdacht zu schöpfen, denn aus gewissen Umständen glaubte er zu ersehen, daß es nicht diese Smitt sein könne. Jetzt fragte es sich: wo war die richtige Smitt? Und da kam es ihm in den Sinn – so, ganz von selbst, ohne jede Handhabe: sollte sie nicht in Petersburg sein? Während nun seine Agenten sich im Auslande erkundigten, begann er selber hier in Petersburg nachzuforschen, nur wollte er, wie’s scheint, nicht gar zu offiziell vorgehen. Na und da wandte er sich an mich. Man hatte mich ihm empfohlen, so und so, aus Liebhaberinteresse, wie gesagt, befaßt sich mitunter auch mit solchen Sachen, – nun und so weiter, und so weiter ...“

„Nun und so erklärte er mir denn den Sachverhalt, aber nur so mehr andeutungsweise, der Hund, so schleierhaft und zweideutig, daß kein Teufel recht klug draus werden konnte. Versah sich oft, wiederholte manches mehrmals, und erzählte ein und dasselbe zuerst so, dann wiederum so und dann nochmals anders, – kurz: alles doppelt, dreifach und verschieden ... Na, aber wie schlau er auch war, alles läßt sich doch nicht verbergen. Ich, versteht sich, ich begann mit vollster Unterwürfigkeit und Herzenseinfalt, mit einem Wort: ergebenster Sklave. Nach meinem Grundsatz aber, den ich mir ein für allemal aufgestellt habe, erstens, und zweitens gemäß dem Naturgesetz – denn das ist ein Naturgesetz, mußt du wissen – dachte ich bei mir: erstens ist das, was er mir gesagt hat, das, was er wissen will? Und zweitens: verbirgt sich nicht hinter dem angegebenen Beweggrunde ein ganz anderer, nicht angegebener, ja nicht einmal angedeuteter? Ist aber das der Fall, so will er mich – was du, mein Sohn, mit deinem Dichterschädel vielleicht auch begreifen wirst – so will er mich einfach bestehlen: denn das eine, siehst du, ist, sagen wir, nur einen Rubel wert, das andere aber mindestens vier; da müßte ich doch ein Esel sein, wenn ich ihm für einen Rubel das gebe, was vier wert ist. Ich begann nachzudenken und hin und her zu raten und allmählich kam ich denn auch der Sache auf die Spur. Einiges erfuhr ich von ihm selber, anderes von diesem und jenem, auf wieder anderes verfiel ich selbst, – brauchte nur meinen Verstand kombinieren zu lassen. Fragst du, weshalb ich das tat? Nun, wenn auch nur deshalb, weil der Fürst doch etwas gar zu besorgt war, weil er gar zu vieles zu befürchten schien. Was konnte er aber da schließlich zu befürchten haben, wenn man es recht bedenkt? Hat aus dem Hause des Vaters die Geliebte entführt, und als sie in Umständen war, verließ er sie. Was ist denn dabei Wunderliches? Eine liebe, nette Unart und nichts weiter! Da hörte doch alles auf, wenn ein Mensch wie der Fürst sich deshalb fürchten sollte! Er aber fürchtete sich ... Und da schöpfte ich eben Verdacht. Und da bin ich, mußt du wissen, auf ungemein interessante Spuren gestoßen, zum Teil auch durch diesen Heinrich. Er ist natürlich schon längst tot, aber durch eine seiner Kusinen – jetzt ist sie hier mit einem Bäcker verheiratet – also von dieser Kusine, die einst glühend in ihn verliebt gewesen ist und ihn fünfundzwanzig Jahre lang unverändert weitergeliebt hat, ungeachtet der Existenz ihres Mannes, des Bäckers, mit dem sie ganz aus Versehen acht Kinder in die Welt gesetzt hat – also wie gesagt, von dieser Kusine habe ich denn endlich nach den verschiedensten und kompliziertesten Manövern einen ungemein wichtigen Umstand in Erfahrung gebracht. Dieser Heinrich hatte ihr nämlich nach deutscher Art lange Briefe geschrieben, und vor dem Tode hatte er ihr dann noch verschiedene Papiere und so etwas wie ein Tagebuch zugesandt. Sie, diese Gans, hat natürlich von dem Geschreibsel nur die Stellen verstanden, wo er vom Monde, meinem lieben Augustin und von Wieland, wenn ich nicht irre, spricht, doch vom Wichtigen hat sie kein Wort kapiert. Aus diesen Briefen erfuhr ich aber einiges, das für mich von großer Wichtigkeit war und vor allem kam ich durch sie auf eine neue Spur. So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Smitt, vom Vermögen, das die Tochter ihm entwendet hatte, und daß der Fürst dieses Vermögen sich angeeignet; und zwischen Ausrufen, Allegorien und anderem Zeug las ich dann die ganze Wahrheit heraus: da heißt, Wanjä, – du verstehst doch? Nichts Positives! Dieser Schmachtlappen Heinrich hat absichtlich nichts ausgesprochen, sondern eben nur so angedeutet. Nun, diese Andeutungen aber verbanden sich für mich zu geradezu himmlischer Harmonie! Versteh: der Fürst war mit der Smitt regelrecht verheiratet! Wo er sich hat trauen lassen, hier oder im Auslande, wann, wo die Dokumente sind – alles das ist unbekannt. Weißt du, Freund Wanjä, ich habe mir vor Ärger die Haare aus dem Schädel gerauft und Tag und Nacht gesucht und gesucht, das heißt vielmehr – geforscht ...“

„Endlich kam ich dem alten Smitt auf die Spur, da aber mußte es ihm plötzlich einfallen zu sterben. So habe ich ihn lebend nicht einmal zu Gesicht bekommen. Zufällig aber erfuhr ich zu derselben Zeit, daß auf dem Wassiljewskij-Ostroff eine Frau, auf die schon früher mein Verdacht gefallen war, gestorben sei. Und da kam ich wieder auf eine richtige Spur. Weißt du noch, wir trafen uns damals, als ich auf die Insel eilte? Dort erfuhr ich ziemlich viel. Auch Nelly hat mir hier in mancher Beziehung geholfen ...“

„Höre,“ unterbrach ich ihn, „glaubst du wirklich, daß Nelly es weiß ...“

„Was?“

„Daß sie vielleicht die Tochter des Fürsten ist?“

„Aber du weißt doch selber, daß sie die Tochter des Fürsten ist,“ versetzte er und sah mich mit einem gewissen Vorwurf an. „Wozu stellst du so müßige Fragen? Sei nicht langweilig! Nicht das ist die Hauptsache, ob sie es weiß oder nicht weiß, und auch nicht das, daß sie einfach nur des Fürsten Tochter ist, sondern: daß sie seine _rechtmäßige_ Tochter ist – begreifst du jetzt?“

„Das kann nicht sein!“ rief ich aus.

„Das habe ich auch bei mir gedacht, daß es nicht sein könne, auch jetzt noch sage ich es mir bisweilen. Aber das ist es ja gerade, daß es tatsächlich so sein _kann_ und höchstwahrscheinlich auch so _ist_!“

„Nein, Masslobojeff, das kann nicht so sein, du hast übertrieben!“ unterbrach ich ihn. „Nicht nur, daß sie es nicht weiß, – sie ist auch in der Tat nur ein uneheliches Kind. Sollte denn die Mutter, wenn sie nur irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein so schreckliches Elend hier in Petersburg freiwillig ertragen und dabei nicht einmal an die elende Zukunft ihres Kindes gedacht haben? Geh! Das ist unmöglich!“

„Das habe ich auch gedacht, oder vielmehr: das steht auch jetzt noch als Rätsel vor mir. Aber sieh: die Smitt war doch an und für sich das hirnverbrannteste Weib der Welt, ein Frauenzimmer, wie man es sich kaum denken kann. Stelle dir doch bloß einmal die Verhältnisse vor! Das ist doch eine Romantik, die nichts mit der Welt zu tun hat, die irgendwo dort über den Sternen schwebt – einfach die wildeste Dummheit im verrücktesten Maßstabe! Nimm doch die Sache wie sie ist: zuerst hat sie nur an einen Himmel auf Erden gedacht und in ihm einen Engel in Menschengestalt gesehn, kurz: sie war hoffnungslos verliebt, vertraute schrankenlos, und ich bin überzeugt, daß sie dann später nicht deshalb den Verstand verloren hat, weil er sie zu lieben aufhörte und verließ, sondern weil er sie betrogen hatte, weil er _fähig gewesen war_, sie zu betrügen und zu verlassen, das heißt, weil ihr Engel sich plötzlich als schmutziger Lump entpuppte, der sie in den Schmutz herabgezogen. Diese Verwandlung konnte ihre romantische Seele nicht überwinden. Und außerdem noch diese Kränkung – du begreifst doch, von welch einer Kränkung ich rede? Entsetzen und Stolz und grenzenlose Verachtung mußte sie empfinden, als ihr die Augen aufgingen. Und da hat sie vielleicht alles zerrissen, alle Dokumente und Papiere, und hat ihm auch das Geld geschenkt, ohne daran zu denken, daß es nicht ihr Geld, sondern ihres Vaters Geld war. Sie verzichtete einfach auf dieses Geld, wie etwa auf Straßenschmutz, um ihren Betrüger durch seelische Erhabenheit zu erdrücken, um ihn als Dieb, der sie bestohlen, ihr Leben lang verachten zu können, und sie wird ihm wohl gesagt haben, daß sie es für eine Schmach halte, seine Frau zu sein. Unsere Kirche erlaubt keine Scheidung, sie aber lebten ^de facto^ geschieden, – wie hätte sie also noch um Hilfe flehen sollen? Bedenke doch, daß sie, diese Wahnsinnige, ihrer Tochter Nelly noch auf dem Sterbebett gesagt hat: geh nicht zu ihnen, arbeite, verkomme, aber geh nicht zu ihnen, gleichviel _wer_ dich auch rufen sollte. Also hat sie doch immer noch erwartet, daß man sie _rufen_ werde, folglich aber würde sie Gelegenheit haben, sich noch einmal zu rächen, dem _Rufenden_ ihre Verachtung zu zeigen. Sagen wir es kurz: sie hat sich nicht von Brot, sondern von ihrem Haß genährt. Vieles, Freund, habe ich auch von Nelly erfahren; selbst jetzt noch forsche ich sie aus. Freilich war ihre Mutter krank, schwindsüchtig; und die Schwindsucht soll ja im Menschen ganz besondere Erbitterung und Reizbarkeit hervorrufen. Dennoch weiß ich ganz genau – ich erfuhr es von einer Gevatterin der Bubnowa – daß sie einen Brief an den Fürsten geschrieben hat: ja, an den Fürsten ...“

„Einen Brief! Und hat er ihn erhalten?“ fragte ich gespannt.

„Das ist es ja, was ich nicht weiß! Verdammt! Die Smitt hat sich jedenfalls einmal an diese Gevatterin gewandt – du hast sie doch gesehn, weißt du, dieses gepuderte Mädchen bei der Bubnowa? Jetzt sitzt sie im Zuchthaus. Nun, und durch diese selbe wollte sie ihm den Brief senden, den sie ^nota bene^ bereits geschrieben hatte. Aber da besann sie sich plötzlich eines anderen und gab ihr den Brief nicht oder forderte ihn zurück. Das war drei Wochen vor ihrem Tode ... Nichtsdestoweniger ist das von großer Wichtigkeit: denn wenn sie sich schon einmal entschlossen hatte, an ihn zu schreiben und ihm den Brief zu übersenden, so kann sie doch, wenn sie ihn auch zurückgenommen hat, sehr wohl ein anderes Mal gesandt haben. Hat sie ihn nun abgesandt oder nicht? Wenn ich das wüßte! Ich habe einen gewissen Grund anzunehmen, daß sie ihn nicht abgesandt hat, denn ich glaube, daß der Fürst erst _nach_ ihrem Tode mit voller Sicherheit erfahren hat, daß sie überhaupt in Petersburg war, und daß sie bei der Bubnowa wohnte. Was der sich gefreut haben muß!“

„Ja, ich entsinne mich, Aljoscha sprach einmal von einem Brief, den der Fürst erhalten und über den er sich sehr gefreut habe. Das war vor gar nicht langer Zeit, vor zwei Monaten höchstens. Aber weiter, weiter – wie ist jetzt dein Verhältnis zum Fürsten?“

„Mein Verhältnis zum Fürsten? Begreifst du, was das heißt: die vollste moralische Überzeugung und dabei keinen einzigen positiven Beweis haben – _keinen einzigen_, ungeachtet aller meiner Anstrengungen! Ist das nicht zum Verzweifeln? Ich hätte im Auslande nachforschen müssen, aber wo im Auslande? – wer das wüßte! wer das wüßte! Ich begriff natürlich, daß mir keine so leichte Schlacht bevorstand, daß ich ihm nur mit Andeutungen einen Schrecken einjagen konnte, wenn ich mich anstellte, als wüßte ich weit mehr, als es in Wirklichkeit der Fall war ...“

„Nun und?“

„Er ließ sich aber nicht hinters Licht führen; doch erschrak er übrigens nicht wenig, erschrak sogar so, daß er mich auch jetzt noch fürchtet. Wir haben mehrere Zusammenkünfte gehabt. Wie er sich jedesmal verstellt hat! Einmal machte er sich daran, mir – gewissermaßen aus Freundschaft – selbst alles zu erzählen. Das war damals, als er dachte, ich wisse alles. Er erzählte gut, das läßt sich nicht leugnen, erzählte mit Gefühl, offenherzig – d. h. er log mit unglaublicher Gewissenlosigkeit. Eben daran konnte ich ermessen, wie sehr er mich fürchtete. Eine Zeitlang spielte ich den dümmsten Tölpel, der sich selbst für sehr schlau hält. Begann ihn ungeschickt einzuschüchtern, mit Absicht ungeschickt, sagte ihm Grobheiten, drohte ihm sogar, – alles nur, damit er mich für einen Tölpel halte und sich dann vielleicht einmal unvorsichtigerweise verspreche. Er durchschaute mich aber, der Schuft! Ein anderes Mal spielte ich den Betrunkenen, nur kam dabei auch nichts Gescheites heraus. Er ist zu gerieben! Versteh’, Wanjä: ich mußte zuerst feststellen, inwieweit er mich fürchtet, um ihn dann glauben zu machen, daß ich viel mehr wisse, als ich in der Tat weiß ...“

„Nun und – was erreichtest du damit?“

„Ja – nichts, es kam nichts dabei heraus. Beweise, Beweise waren nötig, ich aber habe keinen einzigen Beweis. Nur eines begriff er, nämlich, daß ich einen Skandal heraufbeschwören könnte. Er aber befürchtet ihn um so mehr, als er hier bereits Verbindungen angeknüpft hat. Du weißt doch, daß er heiraten wird?“

„Nein ...“

„Im nächsten Jahr! Die Braut hat er sich schon im vorigen Jahr ausgesucht: damals war sie erst vierzehn Jahre alt, jetzt ist sie schon fünfzehn, geht noch im Flügelkleide, glaube ich, das arme Dingelchen. Die Eltern sind selbstverständlich froh. Begreifst du jetzt, wie notwendig es für ihn war, daß seine Frau starb? Diese Fünfzehnjährige ist eine Generalstochter, und zwar schwerreich! Wir, Freund Wanjä, du und ich, wir werden nie so heiraten ... Was ich mir aber zeit meines Lebens nicht verzeihen werde,“ rief Masslobojeff plötzlich wütend aus und er schlug mit der Faust auf den Tisch, „das ist: daß er mich angeführt hat, jawohl! – vor zwei Wochen ... dieser Schuft!“

„Wieso?“

„Ganz einfach! Ich sah schon, er hatte es erraten, daß ich nichts Positives gegen ihn in der Hand hatte und außerdem fühlte ich, daß er, je mehr ich die Sache in die Länge zog, um so eher meine völlige Machtlosigkeit erraten mußte. Nun und da nahm ich denn mit den Zweitausend fürlieb.“

„Du nahmst Zweitausend! ...“

„In Silber, Wanjä; innerlich knirschend nahm ich sie. Gott, ist denn so etwas bloß lumpige Zweitausend wert! Ich erniedrigte mich, indem ich sie nahm! Wie ein übers Ohr gehauener Esel stand ich da vor ihm, er aber sagte noch: ‚Ich habe Sie, Masslobojeff, für Ihre früheren Bemühungen noch nicht entschädigt‘ – das war aber gar nicht der Fall, er hatte mir schon längst der Verabredung gemäß, hundertundfünzig Rubel gezahlt – ‚nun,‘ sagte er, ‚hier sind zweitausend Rubel, und ich hoffe, daß wir jetzt unsere _sämtlichen_ Geschäfte als erledigt betrachten können.‘ Na und da antwortete ich ihm: ‚Vollkommen erledigt, Fürst,‘ wagte aber dabei nicht mal, ihm in die Fratze zu sehen; ich dachte bei mir, in diesem Gesicht müsse geschrieben stehn: ‚Na, hast du viel herausgeschunden? Ich gebe dir das Geld ja nur so, einzig aus Großmut!‘ Ich weiß nicht einmal, wie ich seine Wohnung verlassen habe!“

„Aber das ist doch eine Gemeinheit, Masslobojeff!“ rief ich empört aus. „Bedenke doch, was du mit Nelly getan hast!“

„Das ist nicht nur einfach eine Gemeinheit, das ist einfach niederträchtig, schmutzig ... Das ... das ... weißt du, es gibt keine Worte, um das auszudrücken!“

„Mein Gott! Aber er müßte doch wenigstens Nellys Zukunft sicherstellen!“

„Müßte! Wer kann ihn dazu zwingen? Oder meinst du, man könne ihn einschüchtern? Da sei du unbesorgt: der läßt sich nicht bange machen: ich habe doch das Geld von ihm angenommen. Damit habe ich doch selbst, versteh, ich selbst habe damit zugegeben, daß meine ganze Macht gegen ihn nur lumpige zweitausend Rubel wert ist! Womit kann ich ihn jetzt noch ängstigen?“

„Aber wie, wie ist es denn möglich, wie können denn Nellys Ansprüche damit für immer begraben sein?“ fragte ich ganz verzweifelt.

„Das sind sie ja gar nicht!“ rief Masslobojeff und geriet sogar ganz aus dem Häuschen. „Du glaubst, ich werde ihm das schenken? Ich fange von neuem an, Wanjä: ich habe mich schon entschlossen. Was ist denn dabei, daß ich die Zweitausend genommen habe? Na, zum Teufel damit! Ich habe das Geld einfach für die Kränkung genommen, als Entschädigung, wenn du willst, denn dieser Spitzbube hat mich betrügen wollen, hat sich über mich einfach lustig gemacht, hat mich zum Narren gehabt! Ich erlaube es ihm aber nicht, mich an der Nase zu führen ... Jetzt werde ich, weißt du, zuerst mit Nelly anfangen. Ich habe sie beobachtet und bin zu der Überzeugung gekommen, daß sie den Knoten der ganzen Sache in der Hand hat. Sie weiß _alles, alles_ ... Die Mutter hat es ihr erzählt. Vielleicht schon vor der Krankheit, vielleicht erst später, im Fieber, wenn die Qual zu groß wurde. Sie hatte sonst keinen bei sich, dem sie es hätte klagen können, da wird sie es eben Nelly erzählt haben. Und wenn sie nur einmal damit begonnen hat, dann hat sie ihr unfehlbar _alles_ erzählt. Vielleicht aber können wir mit Nellys Hilfe auch noch gewisse Dokumente entdecken!“ fügte er schmunzelnd hinzu und rieb sich stillvergnügt die Hände. „Begreifst du jetzt, Wanjä, weshalb ich in letzter Zeit so oft herkomme? Erstens natürlich aus Freundschaft zu dir, das versteht sich von selbst. Doch der Hauptzweck ist doch: Nelly zu beobachten. Und drittens, alter Freund, mußt du, ob du willst oder nicht, – mußt du mir behilflich sein, denn du hast großen Einfluß auf Nelly ...“

„O, gewiß, ich bin gern bereit,“ sagte ich lebhaft erfreut, „denn ich hoffe, Masslobojeff, daß du dich in ihrem Interesse bemühst, daß du es für das arme Waisenkind tun willst, nicht nur um deines eigenen Vorteils willen ...“

„Gott, was geht das dich an, um wessen Vorteils willen, wie du sagst, ich mich plagen werde, du seliger Mensch du? Wenn es nur gelingt, – das ist die Hauptsache! Natürlich, versteht sich: in der Hauptsache für das Waisenkindchen, so will’s ja auch die Nächstenliebe. Aber du, Wanjä, Wanjuscha, du verurteile mich nicht bis zu letzter Verdammnis, wenn ich dabei auch an mich denke. Ich bin ein armer Mensch, wie du weißt, er aber soll es hinfort nicht wagen, arme Menschen zu beleidigen. Er entzieht mir das, was mir von Rechts wegen zukommt, und außerdem hat er mich noch betrogen! Und solch einem Spitzbuben soll ich noch was schenken, meinst du? Das wird mir gerade einfallen!“

* * * * *

Leider sollte unser Blumenfest am nächsten Tage unserer Erwartung nicht entsprechen: Nelly fühlte sich bedeutend schlechter und konnte das Zimmer nicht verlassen.

Und sie sollte es überhaupt nicht mehr verlassen.

Sie starb nach zwei Wochen. In diesen zwei Wochen ihrer Agonie kam sie nur selten zu sich, gewöhnlich hielten seltsame Phantasien sie gefangen. Es schien fast, als sei sie nicht mehr bei vollem Verstande. Von Anfang an war sie fest überzeugt, daß der Großvater sie zu sich rufe und sich über sie ärgere, weil sie nicht käme, und dann klopfe er mit dem Stock und sage, sie müsse von „guten Leuten“ Geld zu Brot und Tabak zusammenbetteln. Oft weinte sie im Schlaf, und wenn sie dann erwachte, erzählte sie, daß sie ihre Mutter gesehen habe.

Einmal war ich allein bei ihr, als sie wieder zu sich kam; da schob sie sich näher zu mir und ergriff meine Hand mit ihren abgezehrten, fieberheißen Händchen.

„Wanjä,“ sagte sie, „wenn ich sterbe, dann heirate Natascha!“

Ich glaube, dieser Gedanke hatte sich schon vor langer Zeit in ihr festgesetzt, und immerwährend schien er sie zu beschäftigen. Ich lächelte ihr schweigend zu. Als sie mein Lächeln sah, lächelte sie gleichfalls und drohte mir schelmisch mit ihrem dünnen Fingerchen und dann küßte sie mich.

An einem wundervollen Sommerabend – es war drei Tage vor ihrem Tode – bat sie, man möge den Vorhang vor dem Fenster emporziehen und das Fenster öffnen. Vor dem Fenster lag das Gärtchen. Lange blickte sie in das frische Grün und sah die leuchtenden Farben der Abendsonne, und plötzlich bat sie, uns beide allein zu lassen.

„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, denn sie war schon sehr schwach, „ich werde bald sterben. Sehr bald, und ich will dir sagen, daß du mich nicht vergessen sollst. Zum Andenken hinterlasse ich dir dieses hier,“ – sie wies auf ein großes Amulett, das sie an dem Bändchen, an dem auch ihr Kreuz hing, auf der Brust trug. „Das hat Mama mir sterbend hinterlassen. Also, wenn ich sterbe, so nimm du dieses Amulett an dich, nimm es und lies, was darin steht. Ich werde heute auch den andern sagen, daß du allein dieses Amulett erhalten sollst. Und wenn du gelesen hast, was hier geschrieben steht, dann geh zu _ihm_ und sage ihm, daß ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen habe. Sage ihm auch, daß ich die Bibel vor nicht langer Zeit gelesen habe. Dort ist gesagt: vergebt allen euren Feinden. Nun, ich habe das gelesen, _ihm_ aber vergebe ich trotzdem nicht, denn als Mama im Sterben lag und noch sprechen konnte, war das Letzte, was sie mir sagte: ‚_Ich verfluche ihn_‘. Nun und so verfluche auch _ich_ ihn, verfluche ihn nicht um meinetwillen, sondern um Mamas willen ... Und du erzähle ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich bei der Bubnowa allein zurückblieb, erzähle ihm, wie du mich bei der Bubnowa gesehn hast, – alles, alles erzähle ihm und dann sage ihm auch, daß ich lieber bei der Bubnowa bleiben wollte, als zu ihm gehen ... Ich bin nicht zu ihm gegangen ...“

Nelly war bleich geworden, ihre Augen brannten und ihr Herz klopfte so stark, daß sie auf das Kissen zurücksank und eine Weile kein Wort sprechen konnte.

„Rufe sie, Wanjä,“ sagte sie dann endlich mit schwacher Stimme. „Ich will von allen Abschied nehmen. Leb wohl, Wanjä! ...“