Part 36
Doch ihr Zustand beunruhigte uns nicht wenig. Selbstverständlich wurde es schon von Anfang an als stillschweigend beschlossen angenommen – eben weil es so selbstverständlich war –, daß Nelly bei Ichmenjeffs blieb. Nun rückte der Tag der Abreise immer näher, Nelly aber wurde noch immer nicht gesund, ja, ihre Krankheit verschlimmerte sich sogar augenscheinlich. Erkrankt war sie nach jenem schweren Anfall an dem Tage, als ich zum erstenmal mit ihr zu Ichmenjeffs gekommen war, am Tage der Versöhnung des Alten mit Natascha. Doch übrigens, was sage ich! Sie war ja doch wohl nie ganz gesund gewesen: die Krankheit hatte schon von Geburt an in ihr gesessen, deshalb machte sie auch, einmal zum Ausbruch gekommen, so erschreckend schnelle Fortschritte. Worin ihre Krankheit bestand, vermag ich nicht genau zu erklären. Die epileptischen Anfälle kehrten jetzt allerdings nach kürzerer Zeit wieder als früher; doch in der Hauptsache schien es eine Art Zehrung zu sein, ein allgemeiner, unaufhaltsamer Kräfteverlust, Fieber und ein krankhaftes, nervöses Erregtsein. Alles dies hatte sie so geschwächt, daß sie in den letzten Tagen nur noch zu Bett lag. Doch sonderbar: je mehr sie ihrer Krankheit erlag, um so freundlicher, liebevoller und offener wurde sie zu uns. Vor drei Tagen griff sie plötzlich nach meiner Hand, als ich an ihrem Bett vorüberging. Ich blieb natürlich stehen und sah sie an. Sie zog mich näher zu sich. Es war außer uns niemand im Zimmer. Ihr Gesichtchen, das so schmal geworden war, und ihre dunklen Augen glühten und in ihren fieberheißen Händchen zuckte es. Und zuckend, wie vor verhaltener Leidenschaft, streckte sie sich auf den Kissen näher zu mir, und als ich mich zu ihr beugte, schlang sie plötzlich ihre dünnen braunen Ärmchen krampfhaft um meinen Hals und küßte mich fest auf den Mund, und dann verlangte sie sogleich, Natascha solle zu ihr kommen. Ich rief sie. Nelly wollte unbedingt, daß sie sich zu ihr aufs Bett setze und sie ansehe ...
„Ich will euch beide ansehen,“ sagte sie. „Ich habe euch heute nacht beide im Traum gesehen ... aber nicht nur heute nacht, sondern sehr oft ... in jeder Nacht ...“
Es drängte sie offenbar, uns etwas zu sagen; aber sie begriff vielleicht ihre Gefühle selbst nicht und wußte daher auch nicht, wie sie es ausdrücken sollte, was sie auf dem Herzen hatte ...
Nein, am meisten liebte sie nach mir freilich doch den alten Nikolai Ssergejewitsch. Doch ich muß sagen, daß auch Nikolai Ssergejewitsch sie fast ebenso liebte, wie seine Natascha. Er verstand es großartig, seine kleine Nelly zu erheitern: kaum war er in ihr Zimmer getreten, da hörte man sie schon beide lachen. Nelly wurde heiter und unartig wie ein kleines unvernünftiges Kind, kokettierte aber zwischendurch sogar mit dem Alten und lachte ihn aus, um ihm darauf mit ernstestem Gesicht ihre Träume zu erzählen, wobei sie jedesmal die ungeheuerlichsten Dinge erfand, die er ihr dann – gleichfalls mit vollkommen ernstem Gesicht – zu deuten versuchte, worauf er dann ihr wiederum seine Träume erzählte, bei welcher Gelegenheit er eine nicht minder blühende Phantasie entwickelte. Kurz, der Alte war von seinem „kleinen Töchterchen“ so eingenommen, daß er sich bald mit bloßer Liebe zu ihr nicht mehr begnügte und für sie einfach zu schwärmen begann.
„Gott hat sie uns zum Geschenk gemacht, damit uns die Freude, die sie uns bringt, für den Kummer dieses letzten Jahres entschädige,“ sagte er einmal zu mir, als er wieder ganz gerührt Nellys Zimmer verließ, nachdem er sie zur Nacht gesegnet hatte.
Die Abende verbrachten wir sehr gemütlich: gewöhnlich versammelten wir uns alle im Eßzimmer um den runden Tisch. Masslobojeff erschien fast an jedem Abend, der alte Doktor, der sich mit ganzem Herzen Ichmenjeffs angeschlossen hatte, erschien nicht so oft, aber immerhin ein paarmal in der Woche. Dann trugen wir Nelly aus ihrem Krankenzimmer zu uns und setzten sie in den Großvaterstuhl. Die Tür zum Garten stand weit offen und vor uns lag der grüne Rasenplatz im Licht der Abendsonne. Und es duftete nach frischem Grün und blühendem Flieder. Nelly rührte sich nicht in ihrem Großvaterstuhl, ganz still hörte sie unserem Gespräch zu und nur ihre Augen bewegten sich langsam, wenn sie vom einen zum anderen sah. Mitunter aber wurde auch sie lebhaft und begann, sich an unserer Unterhaltung zu beteiligen ... Nur muß ich gestehen, daß wir uns dann etwas beunruhigt fühlten, zumal sie auf Dinge zu sprechen kommen konnte, die sie an Vergangenes erinnern mußten, und das war es gerade, was wir ängstlich zu vermeiden suchten. Wir waren uns unserer Schuld sehr wohl bewußt, denn wenn sie uns damals nicht ihre Lebensgeschichte hätte erzählen _müssen_, wäre es vielleicht auch nicht zu jenem schweren Anfall gekommen, der dann den Ausbruch ihrer Krankheit zur Folge hatte. Auch der Doktor war sehr gegen diese Erinnerungen und so gaben wir uns in solchen Fällen gewöhnlich alle die größte Mühe, das Gespräch möglichst unauffällig auf neutrales Gebiet abzulenken. Dann bemühte sich wiederum Nelly, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht erriet, und sie begann mit dem Doktor und Nikolai Ssergejewitsch zu scherzen und zu lachen.
Und doch wurde es mit ihr von Tag zu Tag schlechter. Ihre nervöse Erregbarkeit nahm täglich zu und der Puls wurde immer unregelmäßiger. Der alte Doktor sagte mir, daß sie sogar sehr bald sterben könne.
Natürlich verriet ich das nicht den anderen, – ‚sie werden es ja noch früh genug erfahren,‘ sagte ich mir. Nikolai Ssergejewitsch war übrigens fest überzeugt, daß sie noch vor der Reise vollkommen gesund werden würde.
„Ah, da ist Papa schon zurückgekehrt!“ sagte Natascha, die seine Stimme gehört hatte. „Gehen wir, Wanjä.“
Nikolai Ssergejewitsch hatte, kaum über die Schwelle getreten, seiner Gewohnheit gemäß sogleich laut zu sprechen begonnen, so daß Anna Andrejewna ihn nicht angstvoll und schnell genug zur Ruhe winken konnte. Ganz erschrocken hielt der Alte in seiner heiteren Rede inne, um darauf, als Natascha und ich ins Zimmer traten, flüsternd und – um seine Verlegenheit zu verbergen – mit geschäftiger Miene das Ergebnis seiner soeben gehabten Unterredung mitzuteilen: die Stelle, um die er sich bemüht hatte, war nun endgültig ihm zugesprochen und das freute ihn natürlich sehr.
„Nach zwei Wochen können wir hinfahren,“ schloß er händereibend, doch warf er gleichzeitig einen besorgten Blick auf Natascha.
Sie bemerkte den Blick und antwortete ihm mit einem beruhigenden Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und küßte ihn, was seine Befürchtungen im Augenblick verscheuchte.
„Ja, dann fahren wir, dann fahren wir, meine Lieben!“ fuhr er erfreut fort. „Nur du, Wanjä, sieh ... nur die Trennung von dir wird uns schwer werden ...“
Nebenbei bemerkt: er hatte mich noch mit keinem Wort aufgefordert, mit ihnen zu fahren, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unbedingt getan haben würde, wenn er ... nicht um meine Liebe zu Natascha gewußt hätte.
„Nun, aber was ist da zu machen, Kinder! Was sein muß, muß sein! Es tut mir mehr als leid, mein Junge ... Aber ich hoffe, daß diese Lebensveränderung uns allen gut tun wird ... Eine Veränderung der Lebensweise bedeutet – daß ein neues Leben beginnt und ein altes _abgetan ist_!“ schloß er, wieder mit einem Seitenblick auf seine Tochter.
Und er glaubte daran, was er sagte, und dieser Glaube machte ihn froh.
„Aber Nelly?“ fragte Anna Andrejewna.
„Nelly? Wieso, was? ... Nun ja, das Rackerchen ist noch ein wenig schwach, aber bis dahin wird sie ja wohl wieder auf den Beinen sein. Sie ist ja auch jetzt schon ein wenig besser, – findest du nicht auch, Wanjä?“ fragte er mich, wie es schien etwas beunruhigt, und dabei sah er mich so an, als hinge von mir allein alles ab.
„Ja, wie geht es ihr jetzt? Hat sie lange geschlafen? Ist ihr sonst nichts passiert? Oder ist sie vielleicht von meinem lauten Sprechen aufgewacht? Weißt du was, Anna Andrejewna: wir schieben den Tisch schnell auf die Terrasse und trinken dort unseren Tee, wenn die anderen kommen, und Nelly kann heute auch mal draußen sitzen, es ist doch ein Wetter wie geschaffen dazu! ... Das wird schön werden. Aber ist sie nicht vielleicht doch schon aufgewacht? Ich werde mal nachsehen ... nein, nein, hab nur keine Angst, ich werde sie schon nicht aufwecken!“ beruhigte er Anna Andrejewna, da sie wieder ängstlich zur Ruhe mahnen wollte.
Doch Nelly war bereits wach. Nach einer Viertelstunde saßen wir wie gewöhnlich um den runden Tisch beim Abendtee.
Nelly saß wieder in ihrem Großvaterstuhl. Da erschien auch der Doktor und bald nach ihm kam Masslobojeff. Letzterer brachte Nelly ein großes Bukett blühender Fliederdolden, schien aber sonst gereizt und besorgt zu sein.
Masslobojeff war bei Ichmenjeffs ein gern gesehener Gast und er besuchte sie fast täglich. Sonderbar war aber eines: obschon wir ihn alle gern hatten, was ich namentlich von Anna Andrejewna sagen kann, wurde doch Alexandra Ssemjonownas nie mit einem Wort Erwähnung getan; auch Masslobojeff sprach nicht von ihr. Da Anna Andrejewna durch mich erfahren hatte, daß Alexandra Ssemjonowna es noch nicht dazu gebracht, seine rechtmäßige Gattin zu werden, so war sie zu der Überzeugung gekommen, daß sie dieses Mädchen nicht nur nicht bei sich empfangen, sondern nicht einmal von ihr sprechen durfte. Und dabei blieb es – was zur Charakteristik Anna Andrejewnas dienen mag. Übrigens glaube ich aber, daß sie, wenn sie nicht Natascha gehabt hätte und – das mag wohl der Hauptgrund gewesen sein – wenn nicht das geschehen wäre, was geschehen war, so würde sie vielleicht auch nicht so strengdenkend gewesen sein.
Nelly war an diesem Abend auffallend traurig und ihre Gedanken schienen mit etwas Besonderem beschäftigt zu sein. Es war, als habe sie einen schlechten Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Doch über Masslobojeffs Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete mit frohem Lächeln die Blumen, die Anna Andrejewna in einer Vase vor ihr auf den Tisch gestellt hatte.
„Also du hast Blumen gern, Nelly?“ fragte der Alte. „Schau, schau! Na, wart mal,“ meinte er schmunzelnd, „morgen ... na, du wirst schon sehen ...“
„Ja, ich liebe Blumen,“ sagte Nelly, „und ich weiß noch, wie wir Mama einmal mit Blumen überraschten. Als wir noch dort waren,“ – dort bedeutete jetzt: im Auslande – „war Mama einmal einen ganzen Monat sehr schwer krank. Da verabredeten wir uns, Heinrich und ich, für sie, wenn sie zum erstenmal ihr Schlafzimmer verlassen würde, alle anderen Zimmer mit Blumen zu schmücken. Und so machten wir es auch. Mama sagte am Abend, daß sie am nächsten Tage unbedingt mit uns frühstücken wolle. Da standen wir sehr, sehr früh auf und Heinrich brachte viele Blumen und wir schmückten das ganze Zimmer mit grünen Ästen und Blumensträußen. Es waren da auch Efeuranken und noch andere, sehr breite Blätter – ich weiß nicht mehr, wie sie heißen – und dann noch andere, die überall kleben bleiben, und dann noch große weiße Blüten und weiße Narzissen – das sind meine Lieblingsblumen – und dann noch Rosen, so schöne, schöne Rosen, und noch viele, viele Blumen. Und wir schmückten das ganze Zimmer. Und dann waren da noch solche Büsche, ganz wie kleine Bäume sahen sie aus, in großen Kübeln, die stellten wir in die Ecken und zu beiden Seiten von Mamas Stuhl, und als Mama kam, war sie ganz verwundert und sie freute sich sehr und Heinrich war auch froh ... Ich weiß noch ganz genau wie das war ...“
Der Doktor war sichtlich besorgt und schien sie unterbrechen zu wollen, denn Nelly sah so erschöpft und bleich aus. Aber sie wollte sprechen und so erzählte sie bis zum Sonnenuntergang von jenem Leben, das sie „dort“ geführt hatten, und wir unterbrachen sie nicht. „Dort“ war sie mit ihrer Mutter und Heinrich viel gereist und sie erzählte mit glücklichen Augen vom tiefblauen Himmel, von hohen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, von Wasserfällen und Gletschern. Dann sprach sie von den Seen und Schluchten Italiens, von Blumen und Bäumen und von italienischen Bauern und deren braunen Gesichtern mit den schwarzen Augen; und sie erzählte verschiedene Erlebnisse, und was ihnen hier und da begegnet war. Dann sprach sie von großen Städten und Palästen, von einem großen Dom mit einer großen Kuppel, die plötzlich in den verschiedensten Farben erstrahlte, als man einmal die ganze Stadt illuminiert hatte; und dann von einer heißen südlichen Stadt, über der der Himmel ganz wolkenlos und ganz blau gewesen war und die an einem blauen Meerbusen lag ... Es war das das erstemal, daß Nelly so ausführlich von ihrer Vergangenheit erzählte, und wir hörten ihr gespannt zu. Wir hatten bisher nur ihr Leben in Petersburg gekannt – dieses Leben in einer finsteren, unfreundlichen Stadt, in einem rauhen, kalten Klima, unter einer trüben, bleichen Sonne und unter bösen, halbwahnsinnigen Menschen, durch die sie und ihre Mutter so viel zu leiden hatten. Ich dachte mir, wie sie beide an so manchem feuchten Abend in der schmutzigen Kellerwohnung auf ihrem armseligen Lager eng umschlungen gelegen und von Vergangenem gesprochen haben mögen, vom toten Freunde und von den Wundern anderer Länder. Ich dachte auch an Nelly, wie sie sich dann später allein dessen erinnert haben mag, als auch ihre Mutter schon tot war und die Bubnowa sie mit tierischer Grausamkeit zu Schändlichkeiten zwingen wollte ...
Ganz erschöpft hielt Nelly endlich inne: sie fühlte sich sehr schlecht und wollte wieder ins Bett getragen werden. Nikolai Ssergejewitsch war ganz erschrocken und konnte es sich nachher nicht verzeihen, daß er sie so lange hatte sprechen lassen. Nelly bekam einen leichten Ohnmachtsanfall; in der letzten Zeit war das öfter geschehen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, wollte sie mich sprechen. Und sie bat so dringend, mich zu ihr zu rufen und uns allein zu lassen, daß der alte Doktor zu guter Letzt selbst darauf bestand, ihren Wunsch zu erfüllen.
„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, Wanjä,“ begann Nelly, als wir allein waren. „Ich weiß, die denken alle, daß ich mit ihnen dorthin fahren werde; aber ich werde nicht mitfahren, denn ich kann nicht, und vorläufig will ich bei dir bleiben. Das mußte ich dir jetzt sagen.“
Ich versuchte, sie zu bereden; ich sagte ihr, daß Ichmenjeffs sie so liebten als wäre sie ihr leibliches Kind, daß sie sehr traurig sein würden, wenn sie sich von ihr trennen müßten, daß sie bei mir dagegen ein sehr schlechtes Leben hätte, und daß wir uns daher wohl, so lieb sie mir auch war, doch würden trennen müssen.
„Nein, das geht nicht!“ sagte sie sehr bestimmt, „denn ich sehe jetzt Mama oft im Traum und sie sagt mir, daß ich nicht mit ihnen fortfahren, sondern hierbleiben soll; sie sagt, ich hätte viel gesündigt, weil ich Großpapa allein gelassen habe, und sie weint immer, wenn sie das sagt. Ich will hierbleiben und Großpapa pflegen, Wanjä.“
„Aber dein Großpapa ist doch schon tot, Nelly,“ sagte ich, nachdem ich sie etwas verwundert angehört hatte.
Sie dachte nach und sah mich dabei mit vollkommen unbeweglichem, ernstem Blick an.
„Erzähle mir noch einmal, Wanjä, wie Großpapa gestorben ist. Erzähle alles ganz genau, vergiß nichts!“
Ich wunderte mich wieder über ihr eigentümliches Verlangen, begann aber doch nach bestem Wissen zu erzählen. Ich sagte mir, daß sie vielleicht nur phantasiere, oder wenn nicht gerade das, so doch nach dem Ohnmachtsanfall vielleicht noch etwas unzurechnungsfähig war.
Sie folgte aber meiner Erzählung mit angespannter Aufmerksamkeit. Deutlich sehe ich noch ihre dunkeln, krank blickenden Augen mit dem Fieberglanz unablässig auf mich gerichtet, solange ich erzählte.
„Nein, Wanjä, er ist nicht tot!“ sagte sie plötzlich überzeugt, als ich verstummt war und sie noch eine Weile nachgedacht hatte. „Mama spricht jedesmal von Großpapa, und als ich ihr gestern sagte: ‚Aber er ist doch tot,‘ da war sie sehr traurig und weinte, und dann sagte sie mir, daß es nicht wahr sei, daß man es mir nur so sage, daß er aber auch jetzt noch dort gehe und um Almosen bitte, ‚so wie wir beide früher gingen,‘ sagte Mama, ‚und er geht immer dort auf der Stelle, wo wir ihn das erstemal gesehen haben, als ich vor ihm niederfiel und Asorka mich erkannte‘ ...“
„Das ist ein Traum, Nelly, und ein kranker Traum, weil du selbst krank bist,“ sagte ich ihr.
„Das habe ich auch gedacht, daß es nur ein Traum sein kann, und deshalb habe ich auch niemandem etwas davon gesagt,“ fuhr Nelly fort. „Nur dir allein wollte ich es erzählen. Aber heute als ich nach dem Essen einschlief, nachdem du nicht gekommen warst, sah ich auch Großpapa im Traum. Er saß bei sich zu Hause und wartete auf mich, und er sah wieder so unheimlich aus, und er sagte, daß er zwei Tage nichts mehr gegessen habe und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf mich und machte mir Vorwürfe. Dann sagte er noch, daß er gar keinen Schnupftabak habe, ohne diesen Tabak aber könne er gar nicht leben. Das hat er mir wirklich auch schon früher einmal gesagt, Wanjä, als Mama schon gestorben war und ich noch zu ihm ging. Dann war er ganz krank und begriff fast gar nicht mehr was ich ihm sagte. Wie ich das nun heute von ihm hörte, dachte ich bei mir: ich werde auf die Straße gehen und um Almosen bitten, und dann für ihn Brot, gekochte Kartoffeln und Schnupftabak kaufen. Und da ging ich auch auf die Straße, stand und bat, nur sah ich plötzlich, daß auch Großpapa nicht weit von mir auf der Straße war, er wartete ein wenig und dann trat er an mich heran und sah nach, wieviel ich bekommen hatte und nahm mir das Geld fort. ‚Das ist für Brot,‘ sagte er, ‚jetzt sammle für Tabak.‘ Ich bitte also weiter um Almosen und er kommt dann wieder und nimmt mir das Geld wieder fort. Ich sage ihm, daß ich ihm doch sowieso das ganze Geld geben werde, daß ich doch nichts für mich behalten will. Er aber sagt: ‚Nein, du bestiehlst mich; auch die Bubnowa hat mir gesagt, daß du eine Diebin bist, deshalb werde ich dich auch niemals zu mir nehmen. Wo hast du ein Fünfkopekenstück hingetan?‘ Ich begann zu weinen, weil er mich eine Diebin genannt und mir nicht traute, er aber hörte nicht auf mich und schrie immer nur: ‚Fünf Kopeken hast du gestohlen, gib sie her!‘ Und dann fing er an, mich zu schlagen, dort vor allen Menschen auf der Straße, und er schlug mich so stark, daß ich schreien wollte vor Schmerz. Und ich weinte sehr ... Sieh, und da denke ich jetzt, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo dort allein geht und auf mich wartet ...“
Ich begann sie wieder zu beruhigen und ihr zu versichern, daß er tatsächlich gestorben sei, bis sie es mir zu guter Letzt doch zu glauben schien. Sie sagte nur, daß sie sich jetzt fürchte, einzuschlafen, weil sie dann den Großpapa sehen werde. Endlich umarmte sie mich wieder ganz plötzlich und heiß ...
„Aber ich kann dich doch nicht verlassen, Wanjä!“ sagte sie, ihr Gesichtchen an meine Wange schmiegend. „Auch wenn Großpapa nicht wäre – ich würde doch nicht von dir fortfahren!“
Die anderen waren alle sehr besorgt um Nelly. Ich ging mit dem Doktor ins Nebenzimmer und erzählte ihm dort unter vier Augen von ihren Träumen. Ich bat ihn, mir seine endgültige Meinung zu sagen.
„Das kann ich nicht, denn ich weiß selbst noch nicht genau, um was es sich hier handelt,“ sagte er nachdenklich. „Ich beobachte vorläufig noch, ich kombiniere und versuche es mehr zu erraten, aber ... bestimmt etwas sagen läßt sich vorläufig noch nicht. Außer dem einen: daß eine absolute Gesundung prinzipiell unmöglich ist und sie unfehlbar bald sterben wird. Ichmenjeffs habe ich davon noch nichts gesagt, da Sie mich darum so gebeten haben, aber ... Ich will sie morgen noch einmal untersuchen und auch noch andere Ärzte zur Beratung heranziehen. Vielleicht läßt sich da noch etwas machen, vielleicht! Sie tut mir leid, die Kleine, es ist mir, als müßte ich mein eigenes Kind verlieren ... Solch ein liebes, reizendes Mädchen! Und wie verständig sie ist, wie klug für ihr Alter!“ ...
Nikolai Ssergejewitsch war ganz besonders aufgeregt und trug sich mit großen Plänen.
„Höre mal, Wanjä, ich habe mir was ausgedacht!“ begann er sogleich, als ich zu ihnen zurückkehrte. „Sie liebt – Blumen sehr – weißt du, was wir da machen wollen? Wir arrangieren ihr zu morgen genau solch einen Empfang mit Blumen, wie sie ihn mit jenem Heinrich ihrer Mutter bereitet hat, weißt du, so wie sie vorhin erzählte ... Es regte sie so auf als sie davon sprach ...“
„Das ist eben der Haken, – Aufregung schadet ihr,“ wandte ich ein.
„Ja, aber eine angenehme Aufregung doch nicht! – das ist doch etwas ganz anderes! Glaube mir nur, Freundchen, verlaß dich auf meine Erfahrung: angenehme Aufregung schadet nie, im Gegenteil, die kann sogar gesund machen oder wenigstens zur Gesundung beitragen ...“
Mit einem Wort, der Alte war von seiner Idee so entzückt, daß er sich für sie fast schon zu begeistern begann. Es war ganz unmöglich, ihm zu widersprechen. Er fragte auch noch den Doktor nach seiner Meinung, doch bevor dieser etwas meinen konnte, hatte er schon Hut und Stock in der Hand und wandte sich zum Gehen.
„Hör’ mal,“ sagte er im Fortgehen, „hier ist eine Orangerie in der Nähe, eine prächtige Orangerie. Und jetzt ist dort Ausverkauf: da kann man für den billigsten Preis Blumen kaufen, wirklich, geradezu erstaunlich billig! ... Du, sag das bei Gelegenheit Anna Andrejewna, damit sie sich nicht wegen der Ausgabe allzusehr beunruhigt ... Na, also das wäre das ... Ja! Noch eines, Freund: wohin gehst du denn jetzt? Du bist doch fertig, hast die Arbeit beendet, wozu also jetzt nach Hause eilen? Nächtige doch bei uns oben, in der Dachkammer – weißt du noch, wie früher? Deine Kissen, das Bett – alles steht noch auf demselben Fleck, – nicht angerührt! Wirst wie ein König von Frankreich dort oben schlafen. Was? Bleib mal hier! Morgen können wir dann früher aufstehen, und dann, weißt du, wenn die Blumen gebracht werden, können wir beide das Zimmer schmücken, so daß zu acht Uhr alles fertig ist. Und Natascha wird uns helfen – sie hat doch mehr Geschmack als wir beide zusammen ... Nun, bist du einverstanden? Bleibst du?“
Natürlich blieb ich. Der Alte traf sogleich die nötigen Anordnungen. Inzwischen verabschiedeten sich der Arzt und Masslobojeff und gingen nach Hause, denn Ichmenjeffs pflegten früh zu Bett zu gehen, gewöhnlich schon um elf Uhr. Masslobojeff war, als er sich verabschiedete, still und nachdenklich und wollte mir etwas mitteilen, schob es aber auf.
„Ein anderes Mal, heute ist es zu spät,“ sagte er.
Als ich aber den Alten gute Nacht gewünscht und in meine Dachkammer hinaufgestiegen war, da fand ich ihn zu meiner Verwunderung dort oben vor. Er saß am Tisch und blätterte in einem Buch. Offenbar erwartete er mich.
„Habe unterwegs kehrtgemacht, Wanjä,“ sagte er, „denn schließlich ist es doch besser, ich erzähle es dir heute noch. Setze dich. Sieh, die ganze Geschichte ist so dumm, so blödsinnig dumm, daß man sich darüber nur ärgern kann ...“
„Was, was ist denn los?“
„Los ist nichts, aber dein vermaledeiter Fürst hat mich vor zwei Wochen so geärgert, so geärgert, sag ich dir, daß mein Ärger selbst in zwei Wochen noch nichts an Kraft und Größe eingebüßt hat.“
„Wie, was? Stehst du denn mit dem Fürsten immer noch in Verbindung?“
„Na ja, wußt ich’s doch, daß du sogleich Wie und Was schreien wirst, als wäre Gott weiß was passiert! Du, Freund, du bist auf ein Haar wie meine Alexandra Ssemjonowna ... Überhaupt ist das alles unerträgliches Weibergewäsch ... Kann so was nicht verdauen! ... Da braucht nur eine Krähe einmal zu krächzen, sogleich ist das Gezeter groß: ‚Wie! was!‘“
„Nun, ärgere dich nicht.“
„Tue ich gar nicht, aber man muß doch mit nüchternen normalen Augen auf die Dinge sehen, nicht durch Vergrößerungsgläser ... Ja.“
Er schwieg eine Weile, als ärgere er sich noch über mich. Ich schwieg gleichfalls und wartete.