Sämtliche Werke 19

Part 35

Chapter 353,749 wordsPublic domain

Mitte Juni. Ein heißer, drückend schwüler Tag; ganz unmöglich in der Stadt zu bleiben: überall Staub, Kalk, Baugerüste vor den Häusern, glühend heiße Pflastersteine, von Ausdünstungen verpestete Luft ... Doch da – o, Freude! – irgendwo in der Ferne donnerte es; der Himmel wurde trübe, umwölkte sich und wurde düster; der Wind erhob sich und trieb den Straßenstaub in dichten Wolken vor sich her. Einzelne große Tropfen fielen schwer zur Erde und plötzlich war es, als öffne der Himmel seine Schleusen: ein ganzer Strom ergoß sich mit seinen Wassermassen über die Stadt. Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne durch die Wolken brach, stieß ich das Fenster meiner Dachstube auf und atmete gierig mit meiner ganzen müden Brust die frische Luft ein. Wie ein Rausch kam es über mich und ich wollte Feder und Papier liegen lassen, auch den Verleger vergessen, und auf die Wassiljeff-Insel laufen zu den _Meinen_! Aber so groß auch die Versuchung war, ich bezwang mich doch und begann mit einer wahren Wut wieder zu arbeiten: ich mußte heute noch mit meiner Novelle fertig werden, um jeden Preis! Mein Verleger wartete und nur wenn ich ihm das fertige Manuskript brachte, würde er mir Geld geben, das wußte ich. Ichmenjeffs erwarteten mich zwar, doch dafür würde ich dann am Abend frei sein, vollkommen frei, frei wie der Wind, und dieser Abend sollte mich für die letzten zwei Tage und zwei Nächte, in denen ich dreieinhalb große Druckbogen geschrieben, vollauf belohnen.

Und endlich kam dann auch der Augenblick, in dem ich die Arbeit beendet vor mir liegen sah ... Ich warf die Feder hin und erhob mich, mit einem Schmerzgefühl im Rücken und in der Brust, und im Kopf drehte sich alles im Kreise. Ich wußte, daß meine Nerven zum Zerreißen angespannt waren und es war mir, als hörte ich noch die letzten Worte meines alten Arztes: „Nein, einer solchen Lebensweise könnte auch die beste Gesundheit nicht lange standhalten!“ Nun, solange sie noch standhält ... Vor meinen Augen tanzten grüne Punkte, ich hielt mich kaum noch auf den Beinen, aber Freude, grenzenlose Freude erfüllte mein Herz. Meine Novelle war beendet und der Verleger würde mir jetzt, obschon ich ihm noch viel schuldete, doch wenigstens etwas Geld geben, wenn auch nur fünfzig Rubel – wie lange aber hatte ich nicht mehr so viel Geld in Händen gehabt! Freiheit und Geld! ... Ganz begeistert griff ich nach meinem Hut, schnell das Manuskript unter den Arm, und wie ein Schulbube lief ich die Treppe hinunter, um den werten Alexander Petrowitsch noch im Bureau anzutreffen.

Ich kam gerade noch rechtzeitig, denn schon war er im Begriff, fortzugehen. Auch er hatte soeben erst etwas sehr Wichtiges beendet; freilich keine Novelle, sondern nur eine ganz unliterarische, doch dafür um so vorteilhaftere zweistündige geschäftliche Unterredung, und nachdem er endlich das schwarzglänzende Jüdchen zur Tür geleitet hatte, streckte er mir freundlich die Hand entgegen und erkundigte sich mit seinem weichen gutmütigen Baß nach meiner Gesundheit. Er war ja doch ein herzensguter Mensch und ich war ihm – im Ernst – nicht wenig zu Dank verpflichtet. Was konnte er denn schließlich dafür, daß er in der Literatur sein Leben lang _nur_ „Verleger“ gewesen war und bis zum Grabe auch nur „Verleger“ bleiben würde? Dafür hatte er erkannt, daß unsere Literatur eines Verlegers bedurfte, und hatte es sogar sehr zur rechten Zeit erkannt, also Ehre wem Ehre gebührt – in diesem Fall, versteht sich, allerdings nur Verlegerehre.

Mit wohlgefälligem Lächeln vernahm er, daß ich meine Novelle beendet hatte und die folgende Nummer der Zeitschrift somit in ihrem Hauptteil gesichert war. Er äußerte noch in humoristischer Weise seine Bewunderung darüber, daß ich überhaupt einmal etwas zum Termin hatte beenden können und machte ein paar Bonmots ... Darauf begab er sich zu seinem Geldschrank, um ihm die mir versprochenen fünfzig Rubel zu entnehmen, machte mich aber vorher noch auf einige Zeilen einer Kritik aufmerksam.

Ich nahm das Blatt zur Hand – doch was sah ich: es war meine vorletzte Novelle, die da besprochen wurde. Sie wurde nicht gerade gelobt, aber auch nicht gerade heruntergerissen, und alles in allem genommen, konnte ich sogar sehr zufrieden sein. Unter anderem meinte aber der Kritiker, daß meine Arbeiten „nach Schweiß“ röchen, daß ich mir gar zu große Mühe gäbe und so lange an ihnen feilte und polierte, daß es einem wirklich widerlich würde.

Wir lachten beide herzlich darüber. Ich sagte ihm, daß ich diese meine vorletzte Novelle in zwei Nächten geschrieben, die soeben gebrachte aber, die über dreieinhalb Druckbogen lang sein dürfte, in zwei Tagen und zwei Nächten. Wenn das mein verehrter Kritiker wüßte!

„Aber es ist doch Ihre eigene Schuld, Iwan Petrowitsch: weshalb schieben Sie das Arbeiten immer so lange auf, daß Sie dann die Nächte zu Hilfe nehmen müssen!“

Alexander Petrowitsch war ja sonst ein äußerst netter Mensch, nur hatte er eine kleine, bisweilen etwas lästige Schwäche, und zwar: mit seinem literarischen Urteil gerade vor jenen großzutun, die ihn, wie er es mitunter sogar selbst ganz richtig vermutete, schon längst durchschaut hatten. Ein Gespräch über Literatur und literarisches Schaffen mit ihm zu führen, war daher auch für mich nichts Verlockendes und so griff ich, da ich das Geld schon empfangen hatte, abschiednehmend nach meinem Hut. Alexander Petrowitsch erkundigte sich nach dem Wohin, und wie er hörte, daß ich auf die Wassiljeff-Insel wollte, bot er mir großmütig einen Platz in seinem Wagen an, er fahre nach Haus, sagte er – er wohnte im Sommer auf einer der Inseln in seiner Villa – und da wäre es für ihn kein Umweg.

„Ich habe doch jetzt einen neuen Wagen – haben Sie ihn noch nicht gesehen? Na, ich sage Ihnen – tadellos!“

Wir begaben uns zur Vorfahrt. Der neue halboffene Wagen war allerdings tadellos, und ich fand es begreiflich, daß Alexander Petrowitsch in der ersten Zeit des Besitzes mit einer ganz besonderen Vorliebe, die sogar ein gewisses geistiges Bedürfnis verriet, seine Bekannten zu einer gemeinsamen Fahrt aufforderte.

Unterwegs erging sich Alexander Petrowitsch dafür ungehindert in Betrachtungen über die zeitgenössische Literatur. Meine Gegenwart verwirrte ihn nicht im geringsten und mit beneidenswerter Gewissensruhe wiederholte er verschiedene fremde Gedanken, die er in der letzten Zeit gehört hatte, in erster Linie, versteht sich, von Literaten, deren Meinung er für richtig hielt und hochschätzte. Bei der Gelegenheit passierte es ihm aber, daß er mitunter sehr wunderliche Dinge sagte, denn da wir Menschen nicht alles auswendig behalten können, was wir nur einmal hören, verwechselte er so manches mit der größten Harmlosigkeit. „Und alles das will er noch als seine eigene heilige Überzeugung respektiert wissen!“ dachte ich seufzend bei mir. Ich saß, hörte schweigend zu und wunderte mich über die Verschiedenheit und Grillenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. „Da haben wir nun einen Menschen,“ dachte ich weiter, „dessen einziger Lebenszweck es doch zu sein scheint, Geld und nichts als Geld zusammenzuscharren, und das müßte ihm doch eigentlich genügen; aber nein, es verlangt ihn noch nach Ruhm, nach literarischem Ruhm, er will sogar als Kritiker anerkannt werden!“

So bemühte er sich, während ich dieses dachte, mir eine besondere Auffassung der Literatur wiederzugeben, eine Auffassung, die er vor drei Tagen von mir gehört und der er vor drei Tagen, nebenbei bemerkt, heftig widersprochen hatte, was ihn jedoch nicht hinderte, sie als seine ureigenste Schöpfung zu wiederholen. Doch was die Vergeßlichkeit in solchen Dingen – wohlverstanden: nur in solchen Dingen! – anging, so hatte es Alexander Petrowitsch in seinem Bekanntenkreise bereits zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Wie froh es ihn machte, in _seinem_ Wagen reden zu können, wie zufrieden er mit seinem Schicksal war, wie gütig! Er führte ein wissenschaftlich-literarisches Gespräch und sogar sein weicher Baß versuchte in wissenschaftlich harten Tonfärbungen die Worte zu modellieren! Ganz allmählich, offenbar ungewollt und unbewußt, ging er auf den Liberalismus über und verfocht unter anderem die unschuldsvoll skeptische Überzeugung, daß es in unserer Literatur – das heißt: in unserer sowohl wie in jeder anderen – weder Ehrlichkeit noch Bescheidenheit geben könne, sondern einzig und allein ein „um die Wette laufen“. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch dann wohl auch geneigt war, jeden ehrlichen und aufrichtigen Schriftsteller für seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht gerade für einen Esel so doch zum mindesten für einen Einfaltspinsel zu halten. Selbstverständlich war diese seine individuelle Auffassung auf nichts anderes als auf seine ganz außergewöhnliche Unschuld und Naivität zurückzuführen.

Doch ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf der Wassiljeff-Insel verabschiedete ich mich von ihm, stieg aus und eilte zu Ichmenjeffs. Im Augenblicke hatte ich die Dreizehnte Linie und fünf Minuten später auch ihr Häuschen erreicht. Anna Andrejewna drohte mir, als sie mich erblickte, mit dem Finger, legte ihn dann vertikal vor den Mund, winkte darauf beschwichtigend mit beiden Händen und flüsterte endlich: „Pst! – leise!“ – damit ich nur ja nicht unnützen Lärm mache.

„Nelly ist soeben erst eingeschlafen, das arme Kind!“ fügte sie dann zur Erklärung hinzu. „Um Gottes willen, wecken Sie sie nicht auf! Gott, was ist sie für ein schwächliches Geschöpfchen! Wir sind wirklich in Sorge um sie. Der Arzt sagt ja wohl, daß es vorläufig nichts Schlimmes sei, aber aus _dem_ etwas Gescheites herauszubringen, ist ja ganz unmöglich! Ich danke für diesen _Ihren vielgepriesenen_ Arzt! Und Sie, Sie schämen sich nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben auf Sie gewartet und gewartet – die ganze Zeit vor dem Essen ... Sie sind doch zwei Tage nicht mehr hier gewesen! ...“

„Aber ich habe es Ihnen doch vorgestern ausdrücklich gesagt, daß ich zwei Tage nicht kommen werde!“ flüsterte ich ebenso leise wie sie. „Ich mußte meine Arbeit beenden ...“

„Aber Sie versprachen doch, heute zu Mittag zu kommen! Weshalb kamen Sie denn nicht? Nelly war eigens dazu aufgestanden, wir setzten sie, unser Engelchen, noch in den Großvaterstuhl und so saß sie am Eßtisch und wartete. ‚Ich will mit euch zusammen Wanjä erwarten,‘ sagte sie, wer aber nicht kam – das war Wanjä. Es ist doch schon bald sechs! Wo haben Sie sich denn wieder herumgetrieben? Ach Gott, wer die Jugend von heute nicht kennt! Und das hat sie so aufgeregt, daß ich nicht wußte, wie sie beruhigen ... ein Wunder, daß sie endlich einschlief, mein Engelchen. ... Nikolai Ssergejewitsch ist in die Stadt gegangen – zum Tee wird er wieder zurück sein – er hat doch Aussicht, eine Anstellung zu bekommen! Wenn ich aber denke, daß es in der Nähe von Perm ist, so läuft es mir kalt über den Rücken.“

„Wo ist Natascha?“

„Im Gärtchen ist sie, mein Liebling, hier gleich im Gärtchen! Gehen Sie mal zu ihr ... Sie scheint mir auch nicht so ganz ... ich weiß nicht, was ich denken soll ... Ach, Iwan Petrowitsch, das Leben wird einem nicht leicht! Sie sagt wohl immer, daß sie heiter und zufrieden sei, aber ich glaube es ihr nicht ... Gehen Sie mal zu ihr, Wanjä, und dann sagen Sie mir später unter vier Augen, was sie eigentlich hat ... Bitte, bitte!“

Doch ich war schon unterwegs zum Garten. Dieser Garten gehörte zum Hause. Er war etwa fünfundzwanzig Schritt lang und ungefähr auch ebenso breit, und bestand aus einem Rasenplatz, drei großen, alten Bäumen, ein paar jungen Birken und einigen Fliederbüschen; am Zaune wuchs Geisblatt und an einer Seite waren Himbeeren und zwei kleine Erdbeerbeete, und durch das Ganze schlängelten sich zwei schmale Wege. Der alte Ichmenjeff war von seinem Garten bis zur Begeisterung eingenommen und versicherte, daß in ihm bald Pilze wachsen würden. Die Hauptsache war aber, daß Nelly diesen Garten liebgewonnen hatte, weshalb sie denn auch oft im Lehnstuhl auf den Rasenplatz hinausgetragen wurde. Nelly war bereits zum Abgott des ganzen Hauses geworden. Doch da erblickte ich schon Natascha: sie kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie elend sie noch aussah, wie bleich! Sie hatte sich auch kaum erst von der Krankheit erholt.

„Hast du sie schon ganz beendet, deine Novelle, Wanjä?“ fragte sie mich.

„Ganz, ganz! Jetzt bin ich auch den ganzen Abend frei.“

„Nun, Gott sei Dank! Hast du dich sehr beeilt? – Doch nicht zu überhin geschrieben?“

„Das läßt sich nicht ändern ... Übrigens hat das nichts auf sich. Diese angespannte Arbeit reizt meine Nerven, meine Gedanken sind dann klarer, ich fühle und empfinde alles viel lebhafter und auch tiefer, sogar der Stil paßt sich mir an, so daß gerade diese angespannte Arbeitsweise sich als die vorteilhaftere erweist. Alles ist gut ...“

„Ach, Wanjä, Wanjä!“

Es fiel mir auf, daß Natascha in der letzten Zeit auf meine literarischen Erfolge, auf meinen Ruhm entschieden eifersüchtig wurde. Sie las nochmals alles der Reihe nach, was ich im Laufe dieses Jahres geschrieben hatte, fragte mich jeden Augenblick nach meinen weiteren Plänen, interessierte sich für jede Kritik, die über mich geschrieben wurde, ärgerte sich über jedes absprechende Wort, und wollte unbedingt, daß ich es zu großer Berühmtheit brächte.

„So wirst du dich aber bald ausschreiben, Wanjä,“ sagte sie zu mir, „du wirst dich durch eine so angespannte Arbeit schnell erschöpfen; außerdem untergräbst du damit auch deine Gesundheit. S. zum Beispiel schreibt in zwei Jahren nur eine Novelle und N. hat in zehn Jahren im ganzen nur einen Roman geschrieben. Dafür aber – wie ist der auch geschrieben! Meisterhaft! Da findest du keinen einzigen nachlässigen Satz, kein einziges flüchtiges, unbedachtes Wort ...“

„Ja, schon möglich, aber diese Herren leben in gesicherten Verhältnissen, ich aber – bin wie ein gehetzter Postgaul. Ach, nun, das ist ja doch Unsinn! Reden wir nicht davon. Du? ... Was gibt es sonst Neues?“

„Vieles! Erstens einen Brief von _ihm_.“

„Noch einen?“

„Noch einen.“

Und sie reichte mir den letzten Brief von Aljoscha. Es war der dritte nach der Trennung. Den ersten hatte er aus Moskau geschrieben: er teilte ihr damals mit, daß die Umstände es ihm ganz unmöglich machten, aus Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie es vor der Trennung verabredet worden war. Im zweiten Brief benachrichtigte er sie, daß er in den nächsten Tagen wieder in Petersburg eintreffen werde, um sich dann mit ihr, Natascha, sogleich trauen zu lassen, das sei nun einmal sein fester Entschluß, von dem ihn keine Macht der Welt abbringen könne. Indes verriet der ganze Ton des Briefes nur zu deutlich, daß die anderen Einflüsse ihn bereits besiegt hatten, weshalb er denn überhaupt nicht mehr zu wissen schien, was er tun oder lassen sollte. Unter anderem schrieb er in diesem Brief noch, daß Katjä seine Vorsehung sei, und sie allein tröste ihn noch und stehe ihm bei. Ich gestehe, daß ich mehr als neugierig war, diesen seinen letzten Brief zu lesen.

Es waren zwei Briefbogen. Die Handschrift war unordentlich, flüchtig, der ganze Brief mit Tinte besudelt und hier und da einzelne Worte von Tränen verwischt. Aljoscha begann damit, daß er sich von Natascha lossagte und sie bat, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, ihr zu beweisen, daß eine Ehe zwischen ihnen unmöglich sei, daß andere, ihnen feindliche „Einflüsse“ stärker seien als er, und zu guter Letzt, daß es doch so am besten sei, denn sowohl er wie Natascha würden in der Ehe unglücklich geworden sein, da sie doch nicht zueinander paßten. Plötzlich aber vergaß er alle seine Vernunftschlüsse und Beweise und gestand – ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen –, daß er ein Verbrecher, ein verlorener Mensch sei und nicht mehr die Kraft habe, sich dem Willen seines Vaters, der übrigens auch schon auf dem Gute eingetroffen war, zu widersetzen. Ferner schrieb er noch, daß er nicht fähig sei, seine Qualen zu schildern oder sonstwie auszudrücken, was er empfand, gestand aber im nächsten Satz, daß er durchaus die Fähigkeit in sich fühle, Natascha glücklich zu machen, worauf er zu beweisen begann, daß sie vollkommen ebenbürtig und für einander geschaffen wären, um zum Schluß mit aller Hartnäckigkeit die Einwendungen des Vaters zurückzuweisen. Mit wahrer Verzweiflung schilderte er die Glückseligkeit des Lebens, das ihrer harrte, falls sie sich heirateten – um darauf sich selbst wegen seines Kleinmuts zu verwünschen und – ihr auf ewig Lebewohl zu sagen!

Man sah es, daß er den Brief unter Qualen geschrieben hatte, daß er in seiner Ratlosigkeit ganz außer sich gewesen war. Mir traten plötzlich Tränen in die Augen. Natascha reichte mir einen anderen Brief. Es war ein Brief von Katjä, den sie in einem Kouvert mit dem Brief Aljoschas gesandt hatte.

Katjä schrieb ziemlich kurz, daß Aljoscha in der Tat sehr niedergeschlagen sei, oft weine, mitunter scheinbar der Verzweiflung nahe und sogar ein wenig krank sei, daß _sie_ aber bei ihm bleiben und ihn wieder glücklich machen werde. Sie schrieb, Natascha dürfe daraus nicht schließen, daß Aljoscha sich bald trösten werde und seine Trauer nicht ernst zu nehmen sei. Im Gegenteil! „Niemals wird er Sie vergessen,“ schrieb sie, „selbst wenn er es wollte, könnte er es nicht, denn sein Herz ließe es einfach nicht zu. Er liebt Sie ganz grenzenlos und wird Sie immer lieben, und ich sage Ihnen: sollte er jemals – gleichviel wann – aufhören, Sie zu lieben oder aufhören, sich nach Ihnen zu sehnen bei der Erinnerung an Sie, so werde ich sofort aufhören, ihn meinerseits zu lieben ...“

Ich gab Natascha beide Briefe zurück: wir sahen uns nur einmal an und sagten kein Wort. Dasselbe hatten wir auch nach den ersten Briefen getan. Überhaupt vermieden wir es jetzt, von Vergangenem zu sprechen, als hätten wir es so verabredet. Sie litt unsäglich, das sah ich, aber selbst mich wollte sie davon nichts merken lassen. Nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus hatte sie drei Wochen zu Bett gelegen und auch jetzt noch hatte sie sich kaum erholt. Von der nahe bevorstehenden Trennung sprachen wir überhaupt nicht, obwohl wir beide wußten, daß ihr Vater eine Anstellung bekommen würde. Trotzdem aber war sie so lieb zu mir, interessierte sich in der letzten Zeit so lebhaft für alles, was mich betraf und hörte mir mit so angespannter Aufmerksamkeit zu, wenn ich ihr auf ihre dringende Bitte von mir erzählte, daß es mir anfangs das Beisammensein schwer machte: es schien mir, daß sie mich für das Vergangene entschädigen wollte. Doch bald begriff ich, daß es sich hier um etwas ganz anderes handelte, daß sie mich einfach liebte, ja, ganz unendlich liebte und ohne mich gar nicht mehr leben konnte. Ich glaube, selbst eine Schwester hätte ihren Bruder nicht so lieb haben können, wie Natascha mich lieb hatte. Ich wußte sehr gut, daß unsere bevorstehende Trennung wie ein Alp auf ihr lag und sie quälte, denn auch sie wußte, daß ich ebensowenig ohne sie leben konnte. Doch wir sprachen nicht davon, wenn wir uns auch oft genug sehr eingehend über Bevorstehendes unterhielten ...

Ich erkundigte mich nach Nikolai Ssergejewitsch.

„Er wird bald zurückkommen, denke ich,“ sagte Natascha, „zum Tee jedenfalls bestimmt.“

„Ist er wegen der neuen Anstellung in die Stadt gegangen?“

„Ja. Übrigens ist es jetzt schon abgemacht, daß er sie bekommt ... Ich glaube, es war gar nicht so notwendig, daß er heute fortging,“ fügte sie wie in Gedanken hinzu. „Er hätte es auch morgen tun können.“

„Weshalb ist er denn heute fortgegangen?“

„Weil ich den Brief erhielt ...“

„Er leidet fast mehr als ich,“ fuhr Natascha nach kurzem Schweigen fort, „und du kannst dir denken, Wanjä, wie mich das quält. Ich glaube, er denkt an nichts anderes als an mich, nicht einmal im Schlaf scheint er mich vergessen zu können. Er weiß nicht, wie ich mich in diesem Leben zurechtfinden werde, was ich denke, was ich fühle. Sehe ich traurig aus, so ist er wie zerschlagen, und weiß nicht, wie er mich trösten soll, ohne mich dabei merken zu lassen, daß er mich trösten will. Mein Gott, ich sehe doch, wie ungeschickt er sich verstellt, wenn er uns Heiterkeit vortäuscht, sich zum Scherzen und Lachen zwingt! Mama ist dann auch ganz unglücklich, denn daß er sich nur uns zuliebe verstellt, das sieht sie doch ... So bleibt ihr nichts übrig, als zu seufzen ... Sich verstellen – das versteht sie nicht ... wie alle ehrlichen, offenherzigen Menschen!“ Natascha lächelte. „Und als ich heute den Brief erhielt, mußte er sogleich aus dem Hause, um nicht meinem Blick irgendwie zu begegnen ... Ich liebe ihn mehr als mich selbst, ich liebe ihn mehr als alle anderen auf der Welt, Wanjä,“ fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu und drückte mir leise die Hand, „sogar mehr als dich ...“

Wir gingen zweimal durch den Garten, ehe sie wieder zu sprechen begann.

„Masslobojeff war heute bei uns, auch gestern war er hier.“

„Ja, er hat euch in letzter Zeit oft besucht.“

„Weißt du auch, weshalb er kommt? Mama glaubt an ihn wie an einen Allmächtigen. Sie ist überzeugt, daß er alles so genau wisse – nun, da die Gesetze und alles übrige – daß er alles zustande bringen könne. Und nun, was meinst du, woran sie denkt? Es tut ihr, weißt du, im Grunde doch sehr leid, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Das läßt ihr jetzt keine Ruhe, und ich glaube, sie hat Masslobojeff in ihren Kummer eingeweiht. Papa gegenüber wagt sie natürlich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und da hofft sie nun, daß sich eventuell durch Masslobojeff etwas machen ließe, so – vielleicht mit Hilfe irgend eines Gesetzparagraphen. Masslobojeff ist natürlich klug genug, ihr nicht viel zu widersprechen und läßt es ruhig geschehen, daß sie ihm jedesmal Wein vorsetzt,“ schloß Natascha belustigt.

„Glaub’s schon, das sieht ihm ähnlich! Aber woher weißt du es denn?“

„Daß Mama –? ... Ach, Mamachen verrät sich doch immer selbst ... mit ihren Andeutungen ... Dazu bedarf es nicht fremder Hilfe.“

„Was macht Nelly? Wie ist sie jetzt?“ fragte ich.

„O, ich wundere mich schon die ganze Zeit über dich, Wanjä: erst jetzt erkundigst du dich nach ihr?“

Ich glaubte aus Nataschas Stimme einen leisen Vorwurf herauszuhören.

Nelly war, wie gesagt, der Abgott des ganzen Hauses. Natascha gewann sie geradezu leidenschaftlich lieb und auch Nelly erwiderte ihre Liebe bald von ganzem Herzen. Die arme Kleine hatte es sich wohl nicht träumen lassen, daß sie je im Leben solche Menschen und soviel Liebe finden würde, und zu meiner Freude sah ich, daß ihr erbittertes kleines Herz mit der Zeit ganz weich und zutraulich wurde. Ja, bald erwiderte sie die allgemeine Liebe, die sie hier umgab, mit einer nahezu fieberhaften Gegenliebe, die man ihr nach ihrem früheren Mißtrauen, ihrer Verstocktheit und Unnahbarkeit kaum zugetraut hätte. Übrigens war aber diese Veränderung doch nicht so schnell vor sich gegangen: lange Zeit hatte sie sich noch wie ein Muscheltier zu den liebevollen Annäherungsversuchen der anderen verhalten, bis sie dann endlich ihre Scheu verlor und sich ganz ihrer Liebe zu uns hingab. Am meisten liebte sie Natascha und den alten Ichmenjeff. Ich aber, oder vielmehr meine Gegenwart wurde für sie förmlich zur ersten Lebensbedingung, so daß sich ihr Zustand jedesmal verschlimmerte, wenn ich an einem Tage nicht zu ihr kam. So hatte ich sie zum Beispiel das letztemal beim Abschied, als ich ihr sagen mußte, daß ich zwei Tage nicht zu ihr kommen würde, da ich eine Arbeit beenden mußte, lange Zeit darüber beruhigen müssen ... natürlich indirekt. Denn Nelly schämte sich ihrer Gefühle viel zu sehr, als daß ich offen von ihnen hätte sprechen können, daher mußte ich mir den Anschein geben, daß ich ihr das alles nur so beiläufig erkläre.