Sämtliche Werke 19

Part 34

Chapter 343,908 wordsPublic domain

„Ich ging drei Tage nicht zu Großpapa,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „Mama aber fühlte sich damals schon sehr schlecht. Geld hatten wir keinen Kopeken mehr, so konnten wir auch keine Arznei kaufen, und wir aßen nichts, denn auch der Sargmacher, bei dem wir wohnten, hatte mit seiner Frau nichts mehr zu essen, und sie begannen uns schon Vorwürfe zu machen, weil wir uns von ihnen ernähren ließen, wie sie sagten. Da stand ich am dritten Tage auf und kleidete mich an. Mama fragte mich, wohin ich denn gehen wolle. Ich sagte: zu Großpapa, um ihn um Geld zu bitten. Da freute sie sich sehr, denn ich hatte ihr doch alles erzählt, wie er mich von sich fortgejagt, und daß ich jetzt nicht mehr zu ihm gehen wollte. Sie weinte wohl und beredete mich, doch wieder zu ihm zu gehen, aber ich sagte: nein, ich will nicht, ich werde nicht! Ich ging hin und erfuhr, daß Großpapa von dort ausgezogen war. Ich ging dann zu seiner neuen Wohnung. Wie ich aber bei ihm eintrat, sprang er auf, stürzte mir zornig entgegen und stampfte mit den Füßen, aber ich sagte ihm schnell, daß Mama sehr krank sei und daß wir zur Arznei Geld brauchten, fünfzig Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Großpapa schrie mich an und stieß mich hinaus auf die Treppe und schlug hinter mir die Türe zu, die er dann noch verriegelte. Als er mich aber hinausstieß, sagte ich ihm, daß ich so lange auf der Treppe sitzen und nicht fortgehen werde, bis er mir Geld gibt. Und ich setzte mich auf die Treppe. Nach einer Weile machte er die Tür auf und sah hinaus, und als er sah, daß ich dort saß, da schloß er die Tür wieder zu. Dann verging lange Zeit, bis er wieder die Tür aufmachte, wieder hinaussah auf die Treppe und wieder die Tür schloß. Und noch mehrere Mal machte er so die Tür auf und wieder zu. Endlich trat er mit Asorka aus dem Zimmer, schloß die Tür ganz zu und ging an mir vorüber aus dem Hause hinaus, ohne ein Wort zu mir zu sagen. Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zur Dämmerung.“

„Täubchen, mein Kindchen,“ rief Anna Andrejewna ganz erschrocken aus, „aber es war doch kalt dort auf der Treppe!“

„Ich war im Pelzmäntelchen,“ sagte Nelly.

„Pelzmäntelchen! Was ist denn solch ein Mäntelchen ... Du mein Täubchen, wieviel du ausgehalten hast! Nun und – wann kam er denn zurück?“

Nellys Lippen begannen zu zucken, doch sie nahm sich krampfhaft zusammen und erzählte weiter.

„Er kam als es schon ganz dunkel geworden war, und als er beim Hinaufsteigen plötzlich auf mich stieß, schrie er: wer ist hier? Ich sagte, daß ich es sei. Er aber hatte gewiß gedacht, daß ich schon längst fortgegangen, und deshalb war er, als er mich immer noch dort sitzen sah, sehr verwundert und stand lange Zeit ganz still vor mir. Plötzlich schlug er mit dem Stock auf die Treppe, lief dann an mir vorüber, riß die Tür auf und kam schon im nächsten Augenblick zurück: er brachte mir Kupfergeld, lauter Fünfkopekenstücke und er warf sie auf die Treppe. ‚Da hast du,‘ schrie er, ‚nimm, das ist alles was ich habe, und sage deiner Mutter, daß ich sie verfluche!‘ Und damit schlug er die Tür zu. Aber die Geldstücke waren alle die Treppe hinunter gerollt. Ich begann sie in der Dunkelheit zu suchen, aber Großpapa muß es nachher doch eingefallen sein, daß es schwer war, die verstreuten Kupferstücke im Dunkeln zu finden, so kam er denn mit einer Kerze aus dem Zimmer und leuchtete, und da sammelte ich sie schnell auf. Und Großpapa half mir noch beim Suchen und sagte, daß es im ganzen siebzig Kopeken gewesen seien, und dann ging er wieder zurück ins Zimmer. Als ich nach Haus kam, gab ich Mama das Geld und erzählte ihr alles, und Mama fühlte sich wieder schlechter, und ich war auch die ganze Nacht krank und am anderen Tage hatte ich auch Fieber, aber ich dachte nur an eines, denn ich war böse auf Großpapa, und als Mama wieder eingeschlafen war, ging ich hinaus auf die Straße und ging zu Großpapa, aber noch bevor ich sein Haus erreichte, blieb ich auf dem Trottoir stehen. Da kam _jener_ ...“

„Sie meint Archipoff,“ sagte ich, „jenen, von dem ich Ihnen, Nikolai Ssergejewitsch, bereits erzählt habe, – der zusammen mit dem Kaufmann bei der Bubnowa war und die dort durchgeprügelt wurden. Damals hat ihn Nelly zum erstenmal gesehen ... Erzähle weiter, Nelly.“

„Als er an mir vorübergehen wollte, hielt ich ihn auf und bat ihn um Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ‚Einen Rubel?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘ Da begann er zu lachen und sagte: ‚Komm mit.‘ Ich wußte nicht, ob ich gehen sollte. Da trat plötzlich ein alter kleiner Herr mit einer goldenen Brille an uns heran, denn er hatte gehört, was ich haben wollte, und er beugte sich zu mir und fragte mich, wofür ich gerade so viel brauchte. Ich sagte ihm, daß Mama krank wäre und die Arznei so viel kostete. Er fragte, wo wir wohnten und schrieb das in sein Taschenbuch und gab mir einen Rubel. _Jener_ aber, als er den alten Herrn mit der Brille sah, ging fort und sagte mir nicht mehr, daß ich mitgehen solle. Ich ging dann in eine Bude und wechselte das Geld in kupferne Fünfkopekenstücke; von denen wickelte ich dreißig Kopeken in Papier ein, die behielt ich für Mama, die übrigen siebzig Kopeken wickelte ich aber nicht ein, sondern behielt sie in der Hand und ging mit ihnen zu Großpapa. Als ich vor seinem Zimmer stand, machte ich die Tür auf, blieb aber auf der Schwelle stehen und schleuderte ihm das ganze Geld hin, so daß alle Kupferstücke über den Fußboden rollten. ‚Da haben Sie Ihr Geld!‘ sagte ich zu ihm. ‚Mama braucht es nicht von Ihnen, wenn Sie sie verfluchen.‘ Und ich schlug die Tür zu und lief fort.“

Ihre Augen glänzten fieberhaft und mit kindlich stolzem, herausforderndem Blick sah sie den Alten an.

„Das war gut!“ sagte Anna Andrejewna, ohne ihren Gatten weiter zu beachten und indem sie Nelly fest an sich drückte. „So geschah ihm recht! Dein Großvater war ein böser, grausamer Mensch ...“

„Hm!“ äußerte sich dazu Nikolai Ssergejewitsch.

„Nun und wie wurde es dann, was geschah darauf?“ fragte Anna Andrejewna ungeduldig.

„Ich ging nicht mehr zu Großpapa und er kam mir nicht mehr entgegen,“ sagte Nelly.

„Nun, aber wie wurde es denn mit deiner Mama, was tatet ihr? Ach, ihr Armen, ihr Armen!“

„Mit Mama wurde es immer schlechter, sie konnte fast gar nicht mehr aufstehen,“ fuhr Nelly mit unsicherer Stimme fort. „Geld hatten wir überhaupt keines mehr und darum ging ich denn mit der Kapitanscha. Die Kapitanscha ging in die Häuser und bat um Geld, aber auch auf der Straße wandte sie sich an gutgekleidete Leute und bat sie um Geld, denn nur davon lebte sie. Sie sagte mir, daß sie nicht ganz so arm sei, daß sie aber Papiere habe, auf denen ihr Name geschrieben stand, und auf denen gesagt war, daß sie sehr arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor und dafür gab man ihr Geld. Sie sagte mir auch, daß es keine Schande sei, von reichen Leuten Geld zu erbitten. So ging ich denn mit ihr und man gab uns Geld und davon lebten wir. Mama erfuhr das bald, denn die anderen Einwohner machten ihr Vorwürfe, weil sie arm war, die Bubnowa aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr schicken als mich auf der Straße betteln lassen. Sie war auch früher zu Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht, als Mama es aber nicht von ihr annahm, sagte sie: ‚Weshalb sind Sie so stolz?‘ und schickte uns dann etwas zu essen. Als sie das von mir aber Mama erzählt hatte, begann Mama zu weinen, denn sie war sehr erschrocken, die Bubnowa aber, die ganz betrunken war, begann sie zu schelten und sagte, daß ich sowieso ein Bettelkind sei und schon mit der Kapitanscha ginge, und noch am selben Abend jagte sie die Kapitanscha aus dem Hause. Als Mama das alles erfuhr, begann sie zu weinen, dann stand sie plötzlich auf, kleidete sich an, nahm mich bei der Hand und führte mich mit sich fort. Iwan Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten, aber sie hörte nicht auf ihn und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen, alle Augenblicke setzte sie sich hin und ich stützte sie. Und sie sprach die ganze Zeit und sagte, daß sie zu Großpapa gehe, und daß ich sie hinführen solle, nur war es schon lange Nacht geworden. Da kamen wir zu einem großen schönen Hause, vor dem viele Equipagen standen und viele Menschen kamen aus dem Hause und alle Fenster waren hell und man hörte auch Musik. Mama blieb stehen, zog mich an sich heran und sagte zu mir: ‚Nelly, sei arm, bleibe dein Leben lang arm, gehe nicht zu ihnen, wer dich auch rufen, wer auch zu dir kommen sollte! Auch du könntest dort sein, in einem reichen, schönen Kleide, aber ich will es nicht. Sie sind böse und roh, und nun höre mein Gebot: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen, wenn man aber zu dir kommt und dich unter jene bringen will, dann sage: ich will nicht zu euch! ...‘ Das sagte mir damals Mama als sie krank war und ich will ihr mein ganzes Leben lang gehorchen,“ schloß Nelly zitternd vor Erregung. Ihr Gesichtchen glühte wie im Fieber. „Und ich werde mein ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich gekommen, um zu arbeiten, ich will nicht so wie eine Tochter ...“

„Beruhige dich, mein Täubchen, beruhige dich nur!“ unterbrach sie Anna Andrejewna, die Nelly wieder mit ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit an sich drückte. „Deine Mama war damals doch ganz krank als sie das sagte, mein Täubchen.“

„Wahnsinnig war sie!“ bemerkte schroff der Alte.

„Und wenn auch!“ wandte sich Nelly brüsk an ihn, „und wenn sie auch hundertmal wahnsinnig war, aber sie hat mir das so gesagt, und ich werde mein ganzes Leben lang so leben. Als sie mir das gesagt hatte, fiel sie aber in Ohnmacht.“

„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna aus, „im Winter krank, auf der Straße! ...“

„Man wollte uns auf die Polizei bringen, aber ein Herr trat für uns ein. Er fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und ließ uns in seiner Equipage nach Hause bringen. Von da an hat Mama das Bett nicht mehr verlassen und nach drei Wochen starb sie ...“

„Und der Vater? Der hat ihr nicht verziehen?“ fragte Anna Andrejewna angstvoll und erschrocken.

„Nein, er hat ihr nicht verziehen!“ sagte Nelly, sich qualvoll zusammennehmend. „Eine Woche vor ihrem Tode rief sie mich zu sich und sagte: ‚Nelly, geh noch einmal zu Großpapa, zum letztenmal, und bitte ihn, daß er zu mir komme und mir vergebe; sage ihm, daß ich nach wenigen Tagen sterben werde und dich allein auf der Welt zurücklasse. Und sage ihm noch, daß es mir schwer wird, zu sterben ...‘ Ich ging zu Großpapa und pochte an die Tür. Er machte die Tür auf, aber wie er mich erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder schließen, doch hatte ich mich schon mit beiden Händen an die Tür geklammert und schrie ihm zu: ‚Mama stirbt, Sie sollen hinkommen, sie ruft Sie! ...‘ Er stieß mich aber fort und schlug die Tür zu. Ich ging zu Mama zurück, legte mich neben sie hin, umarmte sie und sagte kein Wort ... Mama umarmte mich gleichfalls und fragte mich auch nichts ...“

Hier stützte sich Nikolai Ssergejewitsch mit der Hand schwer auf den Tischrand und erhob sich langsam, doch blickte er uns alle nur mit einem seltsamen, trüben Blick der Reihe nach an und sank dann wie erschöpft wieder auf seinen Platz zurück. Anna Andrejewna beachtete ihn nicht, sie weinte und umarmte Nelly ...

„Erst am letzten Tage, bevor sie starb, rief sie mich zu sich – es war schon Abend – und sie nahm meine Hand und sagte: ‚Ich werde heute sterben, Nelly.‘ Sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht mehr. Ich sah sie an, und da war es mir, als sehe sie mich gar nicht, nur meine Hand hielt sie krampfhaft fest. Da befreite ich vorsichtig meine Hand und lief aus dem Hause und lief den ganzen Weg so schnell ich konnte bis zu Großpapa. Wie er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf und sah mich so groß an, und er war so erschrocken, daß er ganz bleich wurde und zu zittern begann. Ich ergriff seine Hand und sagte nur das eine: ‚Sie wird gleich sterben,‘ und da war er plötzlich ganz anders: er lief durch das Zimmer, ergriff seinen Stock und eilte zur Tür; sogar seinen Hut vergaß er, und es war doch kalt. Ich nahm seinen Hut und gab ihn ihm und wir liefen beide hinaus auf die Straße. Ich trieb ihn zur Eile an und sagte, er solle eine Droschke nehmen, denn Mama würde gleich sterben, aber Großpapa hatte im ganzen nur sieben Kopeken. Er blieb wohl bei den Droschken stehen und handelte mit den Kutschern, aber die lachten nur, und auch über Asorka lachten sie, denn Asorka lief uns nach, und wir liefen immer weiter, immer weiter. Großpapa wurde müde und atmete schwer, aber er lief doch so schnell er konnte. Plötzlich fiel er und der Hut flog fort. Ich lief dem Hut nach und hob ihn auf und half Großpapa aufzustehen und dann führte ich ihn an der Hand, aber es war schon Nacht als wir nach Hause kamen ... Und Mama war schon tot. Als Großpapa sie dort liegen sah, erhob er die Arme, erzitterte und starrte sie an, sagte aber kein Wort. Da ging ich zu meiner toten Mama, zog ihn ans Bett und schrie: ‚Siehst du, siehst du, du schlechter, herzloser Mensch, sieh! ... Sieh! ...‘ Da schrie Großpapa laut auf und fiel hin wie ein Toter ...“

Nelly befreite sich heftig aus den Armen Anna Andrejewnas, sprang von ihrem Schoß und blieb bleich, erschöpft und über alle Maßen erregt zwischen uns stehen. Doch Anna Andrejewna stürzte wieder zu ihr, zog sie von neuem in ihre Arme und rief wie in Ekstase:

„Ich, ich werde deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly, laß uns von hier fortgehen, verlassen wir die Herzlosen! Mögen sie in ihrem Stolz Trost finden, Gott aber, Gott wird es ihnen schon anrechnen ... Gehen wir, Nelly, gehen wir von hier fort, komm! ...“

Noch nie hatte ich Anna Andrejewna in einer solchen Erregung gesehn. Und offen gestanden: ich hätte es auch gar nicht für möglich gehalten, daß sie sich unter Umständen auch so erregen könnte.

Nikolai Ssergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhle bei den letzten Worten etwas auf und als er sah, daß Anna Andrejewna es ernst meinte, erhob er sich langsam und fragte mit merklich unsicherer Stimme:

„Wohin willst du denn gehen, Anna Andrejewna?“

„Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!“ rief sie erregt, Nelly zur Tür nach sich ziehend.

„Warte, warte doch, so warte doch!“

„Wie lange soll ich noch warten, du herzloser Vater! Ich habe lange genug gewartet und sie hat lange genug gewartet, jetzt gehe ich, lebe wohl! ...“

Sie wandte sich, zum Abschied nickend, noch einmal zu ihrem Mann zurück. Da! – was war das? – sie starrte ihn sprachlos an. Ihr Nikolai Ssergejewitsch stand vor ihr mit dem Hut auf dem Kopf und zog sich mit zitternden Händen seinen Paletot an.

„Du ... du kommst auch!“ stotterte sie, ohne es fassen zu können, dann faltete sie die Hände und sah ihn an, als wage sie noch nicht, an ein solches Glück zu glauben.

„Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?“ rang es sich plötzlich hervor. „Gebt mir meine Tochter zurück, mein Kind! Wo ist sie, wo ist sie?“

Er riß mir seinen Stock, den ich ihm reichte, aus der Hand und wandte sich hastig zur Tür.

„Er verzeiht! er verzeiht!“ stammelte Anna Andrejewna.

Doch noch bevor der Alte die Tür erreicht hatte, wurde diese von außen aufgestoßen und ins Zimmer stürzte Natascha, bleich vor Erregung und mit glänzenden Augen, wie sie sonst nur Fieberkranke haben. Ihr Kleid war verknüllt und vom Regen naß. Das Tuch, das sie sich um den Kopf geschlungen hatte, war in den Nacken gesunken und in ihrem welligen Haar glänzten Regentropfen. Mit einem Schrei warf sie sich vor ihrem Vater auf die Kniee nieder und erhob flehend die Hände.

IX.

Im nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust.

Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu seinem Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, um dann seinerseits vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre Hände, ihre Kniee, er konnte sich nicht satt sehen an ihr, als wolle er das Versäumte nachholen, als glaube er noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder sah und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine Natascha! Anna Andrejewna drückte, unfähig ein Wort hervorzubringen, schluchzend Nataschas Köpfchen an ihre Brust.

„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine Freude du!“ stammelte der Alte, Nataschas Hände mit Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur Verliebte haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben Augen, in denen Tränen glänzten. „Mein Kind, mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und wieder verstummte er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. „Aber wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen habe!“ fuhr er mit seltsamem Kinderlächeln fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein bißchen ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig bleicher, aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! Noch schöner als sie früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich verstummte er wie unter einem seelischen Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen, von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei.

„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ bat Natascha. „Ich will Sie doch auch küssen ...“

„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast du gehört, Annuschka, wie lieb sie das gesagt hat!“

Und er umarmte sie leidenschaftlich.

„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis ich fühle, daß du mir verziehen hast! Sage mir, was soll ich tun, um deine Verzeihung zu erlangen! Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich verflucht – hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, ich konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, wie konntest du nur glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen würde! Und du hast es doch geglaubt, hast es geglaubt! Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht glauben sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! Wie konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu halten? Weshalb kamst du nicht zu mir? Du hättest doch wissen müssen, wie ich dich liebe ... O, Natascha, du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun, dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal so sehr, nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! Mit meinem ganzen Blut liebte ich dich! Meine Seele hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein Herz mir aus der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So liebte ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“

„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf die Wangen, so wie Mama!“ rief Natascha mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, Müdigkeit, Qual und Glück.

„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! Weißt du noch, so wie früher ...“ und der Alte küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir nicht von uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im Traum erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen und ich habe über dich geweint. Einmal aber erschienst du als kleines Mädchen, weißt du, so wie damals, als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade erst Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem kurzen Kleidchen zu mir, in hellen Stiefelchen, und deine kleinen Händchen waren rot ... sie hatte doch damals oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die Ärmchen um meinen Hals ... Und du, du böses Mädchen, konntest noch glauben, daß ich dir die Tür gewiesen hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war ja doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, nur hat das bisher niemand gewußt, auch sie, deine Mutter, nicht, keine Menschenseele! So stand ich dort auf der anderen Straßenseite und schaute hinauf zu den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht ausgehen und dann könnte ich dich von ferne sehen. Oft sah ich abends eine Kerze auf deinem Fensterbrett brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb hingegangen sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen, vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, und um dich für die Nacht zu segnen. Hast du auch so an mich gedacht? Hast du? Hast du es nicht gefühlt, daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen und habe auf dem dunklen Treppenabsatz gestanden und mein Gehör angestrengt, um durch die Tür vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du nicht? Ich dich verfluchen! War ich doch an jenem Abend zu dir gegangen, um dir alles zu verzeihen – ja, das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich es auf. ... O, Natascha!“

Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an seine Brust zu drücken.

„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz drücken! Ich danke dir, Gott, für alles, für alles, auch für deinen Zorn, und danke dir für deine Güte! ... Und auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter auf uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke ich dir! O! mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte sein, was tut das! – wir sind doch wieder alle beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch triumphieren, die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt und beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! Fürchte dich nicht, Natascha ... Wir werden Hand in Hand gehen und ich werde ihnen sagen: dies hier ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein unschuldiges geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, das ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle Zeiten segne! ...“

„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu sich und streckte mir über den Arm ihres Vaters die Hand entgegen.

O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick noch an mich dachte und mich zu sich rief!

„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, sich umschauend.

„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna ganz erschrocken auf. „Mein Täubchen, wo bist du! Haben wir sie doch über der Freude ganz vergessen!“

Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt war sie ins Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle hin; Nelly stand in einem Winkel hinter der Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken.

„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ fragte der Alte zärtlich, und er wollte den Arm um sie legen.

Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen Augen an.

„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht mehr ganz bei Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief sie angstvoll, ihre zitternden Hände nach uns ausstreckend.

Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder Schrei aus ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief über ihr Gesicht und in einem schweren Anfall fiel sie nieder ...

Letzte Erinnerungen.