Sämtliche Werke 19

Part 33

Chapter 333,862 wordsPublic domain

„Und sie sagte mir auch,“ fuhr Nelly fort, sich immer mehr und mehr belebend und offenbar mit dem Wunsch, Nikolai Ssergejewitsch ihre Aussage zu beweisen, obgleich sie sich an Anna Andrejewna wandte, „sie sagte mir auch, daß Großpapa auf sie sehr böse gewesen und sie in allem vor ihm schuldig sei und daß sie jetzt außer Großpapa keinen Menschen mehr auf der Welt hätte. Als sie mir das erzählte, weinte sie, und sie sagte mir bereits bevor wir hierher kamen, daß er ihr ‚nie verzeihen‘ wird, doch vielleicht würde er, wenn er mich sieht, mich lieb gewinnen, und ihr um meinetwillen vergeben. Mama liebte mich sehr und küßte mich immer, Großpapa aber fürchtete sie sehr. Sie lehrte mich, für Großpapa zu beten und betete selbst für ihn und immer erzählte sie mir dann, wie sie früher zusammen mit Großpapa gelebt und wie er sie lieb gehabt habe, lieber als alles auf der Welt. Sie hat ihm vorgespielt und am Abend vorgelesen und Großpapa hätte sie reich beschenkt ... Einmal habe er sich zu Mamas Namenstag sehr geärgert, weil Mama gewußt, was für Geschenke er ihr machen würde. Mama hatte sich Ohrringe gewünscht und Großpapa hatte gesagt, daß sie keine bekommen würde. Als Mama am Namenstage gar nicht verwundert war, daß er ihr doch die Ohrringe geschenkt, hatte er sich sehr darüber geärgert ... nachher habe er sie aber geküßt und sie selbst um Verzeihung gebeten ...“

Nelly hatte sich von ihrer eigenen Erzählung fortreißen lassen und ihre bleichen, kranken Wangen hatten sich gerötet.

Ihre arme Mama schien der kleinen Nelly oft von ihren glücklichen Tagen erzählt zu haben, als sie da unten in der Kellerwohnung saßen und sie ihr Kind, das einzige Glück, das ihr geblieben, herzte und küßte und dabei ihren Kummer ausweinte, ohne daran zu denken, welchen starken und krankhaften Eindruck ihre Erzählungen auf das frühentwickelte Herzchen ihres kleinen Kindes machen mußten.

Nelly schien sich plötzlich zu besinnen, sah sich mißtrauisch im Kreise um und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte wieder auf den Tisch; in Anna Andrejewnas Augen zeigte sich eine Träne, die sie sich schweigend mit dem Taschentuche abtrocknete.

„Mama war sehr krank, als wir hierherkamen,“ fügte Nelly mit leiser Stimme hinzu. „Sie hatte eine kranke Brust. Wir suchten Großpapa lange und konnten ihn nicht finden. Da mieteten wir den Winkel im Keller.“

„Eine Kranke in einem Winkel!“ rief Anna Andrejewna entsetzt.

„Ja ... in einem Winkel ...“ antwortete Nelly. „Mama war sehr arm. Mama hat mir gesagt,“ fügte sie lebhaft hinzu, „daß es keine Sünde sei arm zu sein, daß es aber Sünde sei, reich zu sein und schlecht ... und daß Gott sie gestraft habe.“

„Habt ihr euch gleich dort auf Wassilij-Ostroff eingemietet? Dort bei der Bubnowa?“ fragte der Alte, an mich gewandt mit einer gewissen Nachlässigkeit. Es genierte ihn offenbar so schweigend dazusitzen.

„Nein, nicht dort ... zuerst in der Meschtschanskaja,“ antwortete Nelly. „Dort war es sehr feucht und dunkel,“ fuhr sie nach einigem Schweigen fort „und Mama war wohl krank, doch konnte sie noch gehen. Ich wusch ihre Wäsche, sie aber weinte. Da lebte eine alte Kapitanscha[6] und ein verabschiedeter Beamter, der jede Nacht betrunken nach Hause kam und dann schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitanscha schlagen, die aber war alt und schwach. Mama tat sie leid und sie wollte sie verteidigen; da schlug der Beamte Mama und ich wieder den Beamten ...“

Nelly hielt inne. Die Erinnerung übermannte sie, ihre Augen blitzten.

„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna, die ganz Ohr war und ihr Auge von Nelly nicht abwenden konnte. Nelly wandte sich auch hauptsächlich an sie.

„Da ging Mama fort und nahm mich mit,“ erzählte Nelly weiter. „Wir gingen den ganzen Tag bis zum Abend in den Straßen herum, Mama ging und weinte und führte mich an der Hand mit sich. Ich war sehr müde, wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Mama sprach die ganze Zeit zu mir und sagte mir: ‚bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf niemanden und nichts. Bleibe allein, gehe zu niemanden, bleibe arm und arbeite, und wenn du keine Arbeit findest, so bitte um Almosen, aber zu ihnen gehe du nicht.‘ In der Dämmerstunde gingen wir durch eine große hellerleuchtete Straße, als Mama plötzlich ausrief: ‚Asorka, Asorka!‘ Es sprang ein großer Hund herbei, kam winselnd zu Mama und sprang vor Freude an Mama hinauf, die bleich dastand und sich plötzlich vor einem hohen alten Herrn, der sich auf einen Stock stützte und immer zur Erde sah, auf die Knie warf. Und dieser hohe alte Mann im abgetragenen Überzieher, das war Großpapa. Da habe ich ihn zum ersten Male gesehen. Großpapa erschrak auch sehr und war ganz bleich, als er sah, wie Mama vor ihm auf der Straße kniete, aber er stieß Mama zurück, machte sich von ihr los, schlug mit dem Stock auf die Steine und ging schnell davon. Asorka aber blieb noch bei uns, winselte vor Freude und beleckte Mama; darauf lief er zu Großpapa, packte ihn an der Hose und zog und zerrte ihn zurück, aber Großpapa schlug ihn mit seinem Stock. Asorka kam darauf wieder zu uns gelaufen, bis Großpapa ihn fortrief, da lief er davon und heulte noch immer. Mama aber lag da wie eine Tote, um uns versammelten sich Leute, die Polizei kam herbei. Ich weinte und bemühte mich, Mama aufzuheben. Sie erhob sich auch endlich, sah ganz verwundert um sich und ging dann mit mir weiter. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns noch lange nach und schüttelten die Köpfe ...“

Nelly hielt inne und schöpfte tief Atem, dann raffte sie sich wieder auf. Sie war sehr bleich, doch in ihrem Blick lag feste Entschlossenheit. Sie hatte sich vorgenommen, wie es schien, alles zu sagen. In ihr lag sogar etwas Herausforderndes in diesem Augenblick.

„Nun,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch mit unsicherer Stimme, in gereiztem Tone. „Nun, deine Mutter hatte ihren Vater beleidigt, und sie hatte es verdient, daß er sich von ihr abwandte ...“

„Mütterchen hat es mir auch gesagt,“ versetzte Nelly plötzlich, „und als wir nach Haus gingen, sagte sie immer: das ist dein Großpapa, Nelly, und ich habe ihm großes Leid zugefügt, deshalb hat er mich auch verstoßen und deshalb werde ich jetzt von Gott gestraft, und den ganzen Abend und alle folgenden Tage sprach sie nur davon. Sie war ganz wie von Sinnen ...“

Der Alte schwieg.

„Aber wie kamt ihr denn später in die andere Wohnung?“ fragte Anna Andrejewna, der noch die Tränen über die Wangen rollten.

„Mama wurde in derselben Nacht krank, und die Kapitanscha fand schließlich die Wohnung bei der Bubnowa, und nach drei Tagen zogen wir dann hin. Als wir dann dort eingezogen waren, wurde Mama ganz krank und sie lag drei Wochen zu Bett und ich pflegte sie. Geld hatten wir gar nicht mehr, aber uns halfen die Kapitanscha und Iwan Alexandrowitsch.“

„Der Sargmacher, bei dem sie wohnten,“ bemerkte ich erklärend.

„Und als Mama das Bett wieder verlassen konnte und umherging, da erzählte sie mir auch von Asorka.“

Nelly brach plötzlich ab. Dem Alten schien es sehr willkommen zu sein, daß das Gespräch auf Asorka überging.

„Was hat sie dir denn von Asorka erzählt?“ fragte er wie beiläufig, sich noch mehr nach vorn neigend, als wolle er sein Gesicht verbergen.

„Sie hat mir immer von Großpapa erzählt,“ antwortete Nelly auf seine Frage, „als sie krank war, erzählte sie auch nur von ihm, und wenn sie im Fieber phantasierte, sprach sie immer nur von Großpapa. Und als sie dann anfing gesund zu werden, da erzählte sie mir wieder wie sie früher gelebt hatte ... und dann erzählte sie auch von Asorka, denn einmal hatten außerhalb der Stadt mehrere Jungen Asorka an einer Schnur zum Fluß gezogen, um ihn zu ertränken, und da hatte Mama ihnen Geld gegeben und Asorka von ihnen gekauft. Als aber Großpapa Asorka zu sehen bekommen, da hatte er furchtbar über ihn gelacht. Nun war Asorka dann fortgelaufen und Mama hatte darüber so geweint, daß Großpapa ganz erschrocken gewesen war und gesagt hatte, er werde hundert Rubel demjenigen geben, der Asorka wiederbrächte. Am dritten Tage wurde er denn auch gebracht; Großpapa gab die hundert Rubel und von da an begann er Asorka sehr zu lieben. Mama aber liebte den Hund bald so sehr, daß sie ihn sogar zu sich ins Bett nahm. Sie sagte, Asorka sei früher mit Komödianten herumgezogen und ein Äffchen ist auf Asorka geritten und Asorka hat zu sitzen verstanden und zu schießen und vieles andere hat er noch verstanden ... Als aber Mama dann Großpapa verlassen hatte, da behielt Großpapa Asorka bei sich und ging niemals ohne ihn auf die Straße, so wußte Mama jedesmal, wenn sie Asorka irgendwo erblickte, daß Großpapa in der Nähe war ...“

Der Alte hatte nun freilich doch etwas anderes zu hören erwartet und schien unangenehm berührt zu sein. Weiteres Fragen unterließ er jedenfalls.

„Und wie war es dann, habt ihr nachher nie mehr den Großvater gesehen?“ fragte Anna Andrejewna.

„Nein, als es Mama besser ging, da begegnete ich ihm wieder einmal. Ich ging zum Bäcker nach Brot: plötzlich sah ich Asorka mit einem Mann und ich erkannte in ihm den Großpapa. Ich bog schnell aus und drückte mich an die Hauswand. Großpapa aber sah mich und sah mich lange an, und er hatte solch ein böses Gesicht, daß ich sehr erschrak, und er ging an mir vorüber; Asorka aber erkannte mich und sprang an mir in die Höhe und leckte meine Hände. Ich ging dann schnell nach Haus, blickte mich aber noch einmal um, und da sah ich, daß Großpapa in den Bäckerladen eintrat. Da dachte ich: jetzt wird er dort nach mir fragen, und ich erschrak noch mehr, und als ich nach Haus kam, sagte ich Mama nichts davon, damit sie nicht wieder krank werde. Am nächsten Tage ging ich aber nicht mehr zum Bäcker, ich sagte, mein Kopf schmerze; als ich dann am dritten Tage ging, begegnete mir niemand, nur hatte ich große Angst, und ich lief so schnell ich konnte. Am nächsten Tage aber – wie ich um die Ecke bog, stand dort plötzlich wieder Großpapa vor mir und neben ihm Asorka. Ich lief schnell fort und lief durch eine andere Straße, um von der andern Seite zum Bäcker zu kommen; doch stieß ich da plötzlich wieder auf ihn und ich erschrak so, daß ich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte. Großpapa rührte sich auch nicht, er stand vor mir und sah mich wieder lange an, dann aber streichelte er mich, nahm meine Hand und führte mich mit sich, und Asorka kam hinter uns und wedelte mit der Rute. Da sah ich denn, daß Großpapa gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf den Stock stützte, und seine Hände zitterten die ganze Zeit. Er führte mich zum Höker, der an der anderen Straßenecke saß und Äpfel und Pfefferkuchen verkaufte. Von ihm kaufte Großpapa einen Hahn und einen Fisch aus Pfefferkuchen und ein Bonbon und einen Apfel, und als er das Geld aus dem Lederbeutel nahm, da zitterten seine Hände so sehr, daß ein Fünfkopekenstück auf das Trottoir fiel, und ich hob es auf und gab es ihm. Er schenkte mir aber die fünf Kopeken und gab mir auch die Pfefferkuchen und streichelte mich wieder, so über den Kopf, nur sagte er wieder kein Wort und ging von mir fort nach Haus.

„Als ich dann zu Mama zurückkam, erzählte ich ihr alles vom Großpapa und wie ich mich zuerst gefürchtet und vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte mir zuerst gar nicht, dann aber war sie so froh, daß sie mich den ganzen Abend immer wieder nach allem fragte, mich küßte und weinte, und als ich ihr alles erzählt hatte, sagte sie zu mir, daß ich mich niemals mehr vor Großpapa fürchten solle, und daß er mich doch liebhaben müsse, wenn er absichtlich zu mir gekommen war. Und sie sagte, ich solle freundlich zu ihm sein und antworten, wenn er mich was fragt. Am nächsten Tag aber schickte sie mich schon am Morgen immer wieder hinaus, obwohl ich ihr sagte, daß Großpapa immer erst gegen Abend kommt. Und wenn ich ging, kam sie selbst mir nach und wartete hinter der Ecke, und ebenso auch am anderen Tage, aber Großpapa kam nicht mehr, und da es an diesem Tage regnete, erkältete sich Mama, denn sie war doch hinausgegangen in den Regen und da mußte sie wieder ins Bett.

„Großpapa kam erst nach einer Woche und kaufte mir wieder einen Fisch und einen Apfel, sagte aber wieder nichts. Als er aber von mir fortging, versteckte ich mich zuerst und folgte ihm dann heimlich. Das hatte ich mir schon so vorgenommen, um zu sehen, wo Großpapa wohnte, und um das Mama zu sagen. Ich ging ganz weit hinter ihm auf der andern Straßenseite, so, damit Großpapa mich nicht sehen konnte. Er wohnte aber sehr weit, gar nicht dort, wo er später wohnte und starb, sondern in der Gorochowaja, auch in einem großen Hause und vier Treppen hoch. Das erfuhr ich denn alles und kehrte spät zurück nach Haus. Mama hatte sich sehr geängstigt, denn sie wußte doch nicht, wo ich geblieben war. Als ich ihr aber alles erzählt hatte, war sie wieder sehr froh und wollte gleich am nächsten Morgen zu Großpapa gehen; aber am nächsten Morgen wurde sie wieder nachdenklich und begann sich zu fürchten, und sie dachte immer an ihn und fürchtete sich ganze drei Tage; und so ging sie denn nicht zu ihm. Dann aber rief sie mich zu sich und sagte mir: ‚Höre, Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht zu ihm gehen, aber ich habe einen Brief an deinen Großpapa geschrieben, geh du zu ihm und gib ihm diesen Brief. Und sieh zu, Nelly, wie er diesen Brief liest und was er sagt und wie er überhaupt sein wird. Und küsse ihm die Hand und bitte ihn, daß er deiner Mama verzeihe ...‘ Und Mama weinte die ganze Zeit und küßte mich und segnete mich und betete zu Gott und hieß mich, neben ihr vor dem Muttergottesbilde niederknien, und obschon sie sehr krank war, begleitete sie mich doch bis auf die Straße hinaus, und als ich zurückschaute stand sie immer noch dort und sah mir nach wie ich ging ...

„Ich kam zu Großpapa und machte die Tür auf, denn die Tür war nicht verschlossen und hatte auch gar keinen Griff. Großpapa saß am Tisch und aß Brot mit Kartoffeln, Asorka aber stand vor ihm, sah ihm zu wie er aß und wedelte mit der Rute. Großpapa hatte auch dort in jener Wohnung nur einen Tisch und einen Stuhl und die Fenster waren klein und niedrig. Er lebte dort ganz allein. Als ich eintrat erschrak er so, daß er ganz bleich wurde und zitterte. Ich erschrak auch und sagte auch nichts, ich ging nur zum Tisch und legte den Brief hin. Als Großpapa den Brief sah, wurde er so böse, daß er aufsprang, nach seinem Stock griff und mich schlagen wollte, nur schlug er mich nicht, er führte mich nur hinaus in den Treppenflur und stieß mich. Ich war noch nicht die erste Treppe hinuntergegangen, als er die Tür nochmals aufriß und mir den Brief nachwarf, uneröffnet. Ich ging nach Haus und erzählte alles Mama. Da wurde Mama wieder krank ...“

VIII.

In diesem Augenblick donnerte es plötzlich stark und der Regen schlug in großen Tropfen an die Fensterscheiben; im Zimmer wurde es dunkler. Anna Andrejewna schien ganz erschrocken zu sein und bekreuzte sich. Wir waren alle verstummt.

„Das Gewitter wird bald vorüberziehen,“ sagte der Alte nach einem Blick zum Fenster hinaus. Dann stand er auf und ging eine Weile im Zimmer hin und her, wie um sich Bewegung zu machen.

Nelly beobachtete ihn verstohlen. Sie war krankhaft erregt, das sah ich; doch sie vermied es, mich anzusehen.

„Nun, und was weiter?“ fragte endlich der Alte, indem er sich wieder auf seinen Platz setzte.

Nelly blickte scheu von einem zum anderen.

„So hast du denn deinen Großvater nicht wieder gesehen?“

„Nein, doch, ich habe ihn wiedergesehen ...“

„Ja! ja? Erzähl’, mein Täubchen, erzähl’ nur weiter,“ ermunterte sie Anna Andrejewna.

„Drei Wochen sah ich ihn nicht,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „bis zum Winter. Dann wurde es kalt und es schneite. Als ich Großpapa wiedersah, auf derselben Stelle, wo ich ihm früher begegnet war, da war ich sehr froh ... denn Mama grämte sich, weil er nicht mehr kam. Als ich ihn aber erblickte, lief ich absichtlich auf das andere Trottoir, damit er sah, daß ich von ihm fortlief. Wie ich mich aber nach ihm umschaute, sah ich, daß er mir sehr schnell nachkam und dann fast lief, um mich einzuholen, und er rief mich: ‚Nelly, Nelly!‘ Und Asorka lief ihm nach. Mir tat er leid und so blieb ich stehen. Großpapa kam zu mir, nahm mich bei der Hand und führte mich; plötzlich sah er, daß ich weinte: da blieb er stehen, sah mich an, beugte sich über mich und küßte mich. Da sah er auch, daß meine Schuhe schon ganz schlecht waren und er fragte mich, ob ich denn keine besseren hätte. Ich sagte ihm, daß Mama gar kein Geld mehr hatte und der Sargmacher uns nur aus Mitleid zu essen gab. Großpapa sagte darauf nichts, aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir dort ein Paar Schuhe, die ich gleich anziehen mußte, er wollte es so, und dann führte er mich zu sich, in die Gorochowaja, und unterwegs ging er noch in eine Bude und kaufte eine Pastete und zwei Bonbons, und als wir in sein Zimmer kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und er sah mich dabei die ganze Zeit an, während ich aß, und dann gab er mir die Bonbons. Aber Asorka hatte die Vorderpfoten auf den Tisch gelegt und bat um ein Stückchen Pastete und ich gab ihm denn auch etwas, und Großpapa lachte. Dann nahm er mich und ich mußte vor ihm stehen und er streichelte mein Haar und fragte mich, ob ich schon was gelernt habe und was ich überhaupt wisse. Ich sagte ihm darauf alles und darauf sagte er, daß ich jeden Tag um drei Uhr zu ihm kommen müsse, er wolle mich selbst unterrichten. Dann sagte er, ich müsse mich jetzt mit dem Rücken zu ihm wenden und zum Fenster hinaussehen, bis er mir sagte, daß ich mich wieder umkehren könne. Ich stellte mich auch so hin, aber dann guckte ich mich heimlich doch nach ihm um, und da sah ich, daß er sein Kissen am unteren Ende auftrennte und vier silberne Rubelstücke herausnahm. Dann kam er zu mir und gab mir das Geld und sagte: ‚Das ist für dich allein‘. Ich wollte es schon nehmen, aber dann dachte ich nach und sagte: ‚Für mich allein nehme ich es nicht.‘ Großpapa wurde sehr böse, aber er sagte doch: ‚Nun, dann wie du willst, geh!‘ Ich ging fort, er aber küßte mich nicht zum Abschied.

Als ich nach Haus kam, erzählte ich alles Mama. Sie fühlte sich aber immer schlechter. Zu jenem Sargmacher, bei dem wir wohnten, kam auch ein Student; der behandelte Mama und verschrieb ihr eine Arznei.

Ich ging von da an sehr oft zu Großpapa: Mama wollte es so. Großpapa kaufte das Neue Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich; manchmal aber erzählte er mir nur von den Ländern und Völkern und was für Menschen es überall gibt und was für Meere und Berge, und was früher alles war, und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst eine Frage stellte, so war er sehr froh und darum fragte ich ihn immer recht viel und er sagte mir dann alles und auch von Gott sprach er viel. Manchmal aber lernten wir nicht, sondern ich spielte mit Asorka. Asorka liebte mich sehr, und ich ließ ihn sitzen und übern Stock springen, und Großpapa lachte und streichelte wieder meinen Kopf. Nur lachte Großpapa eigentlich sehr selten.

Zuweilen sprach er sehr viel, plötzlich aber verstummte er und saß dann so, als wäre er eingeschlafen, die Augen aber waren offen. Und so saß er bis es dunkel wurde, in der Dämmerung aber wurde er immer so unheimlich, so alt sah er dann aus ... Zuweilen aber war es so, wenn ich zu Großpapa kam: er sitzt auf seinem Stuhl, denkt und hört nichts, und Asorka liegt neben seinem Stuhl. Ich warte, warte – endlich huste ich: Großpapa hört aber gar nichts und rührt sich nicht. So ging ich denn wieder fort. Zu Hause aber erwartete mich Mama immer in großer Angst. Und ich erzählte ihr dann immer alles, alles, während sie im Bett lag, und es wurde darüber Nacht, ich aber erzählte immer noch von Großpapa und sie hörte zu: was er erzählt hatte, was für Geschichten, was ich gelernt hatte, und was ich das nächste Mal lernen würde. Und wenn ich von Asorka erzählte, wie ich ihn über einen Stock hatte springen lassen und wie Großpapa darüber gelacht hatte, da begann auch sie plötzlich zu lachen, und sie lachte und freute sich und ich mußte es ihr von neuem erzählen, und dann plötzlich begann sie zu beten. Ich aber dachte immer: wie kommt es, daß Mama, ihn, den Großpapa, so lieb hat, er sie aber gar nicht, und als ich zu ihm kam, fing ich absichtlich davon an, wie Mama ihn liebte. Er hörte zu und rührte sich nicht, und so böse sah er aus, kein Wort sagte er, er hörte nur zu; dann fragte ich ihn, weshalb denn gerade Mama ihn so liebte, daß sie immer nach ihm fragte, er aber nach ihr gar nicht fragte. Da wurde Großpapa sehr böse und jagte mich hinaus auf den Treppenflur. Ich stand dort ein Weilchen hinter der Tür und wartete, da kam er aber wieder und rief mich zurück, aber er war immer noch sehr böse und schwieg die ganze Zeit. Als wir aber dann im Neuen Testament zu lesen begannen, fragte ich wieder, wie es denn komme, daß Jesus Christus gesagt hat, wir sollen einander lieben und alles verzeihen, er aber meiner Mama nicht vergeben wolle. Da sprang er auf und schrie, daß ich von Mama beauftragt sei, das zu fragen, und er stieß mich wieder hinaus und sagte, daß ich mich nicht unterstehen solle, nochmals zu ihm zu kommen. Ich aber sagte, daß ich jetzt von selbst gar nicht mehr zu ihm kommen wolle und auch nicht kommen werde, und ich ging fort ... Großpapa zog aber am nächsten Tage aus jener Wohnung aus ...“

„Siehst du, ich sagte dir, daß der Regen nicht lange dauern werde – da hat es schon aufgehört zu regnen und dort scheint auch schon die Sonne hervor ... sieh, Wanjä,“ sagte Nikolai Ssergejewitsch, sich zum Fenster wendend.

Anna Andrejewna sah ihn äußerst verwundert an, und plötzlich drückte sich heftiger Unwille in den Augen der bis dahin ängstlichen, eingeschüchterten alten Frau aus. Schweigend zog sie Nelly zu sich heran und nahm sie auf ihren Schoß.

„Erzähle mir, mein Täubchen, mir allein,“ sagte sie, „ich werde allein zuhören. Laß jene Hartherzigen.“ –

Sie sprach es nicht ganz aus, was sie sagen wollte, und wischte sich wieder die Tränen aus den Augen. Nelly sah mich, offenbar etwas verwundert und vielleicht auch erschrocken mit fragendem Blick an. Der Alte wandte sich zu mir, als wolle er etwas sagen, zuckte jedoch nur mit der Achsel und wandte sich sogleich wieder fort.

„Erzähle nur weiter, Nelly,“ sagte ich.