Part 32
Um neun Uhr morgens war ich bereits wieder bei ihr. Zu gleicher Zeit mit mir fand sich auch Aljoscha ein – um Abschied zu nehmen. Ich möchte nicht von diesen Augenblicken sprechen, und nicht an sie denken. Natascha wollte lustig und gleichgültig erscheinen, und konnte es nicht. Sie umarmte Aljoscha krampfhaft. Sie sprach kein Wort mit ihm, sie sah ihn nur ganz verstört an. Sie hörte gierig jedem seiner Worte zu und schien doch nicht zu begreifen, was er zu ihr sprach. Ich weiß, er bat sie, ihm zu vergeben, ihm und seiner Liebe alles das, womit er sie in der letzten Zeit gekränkt, seine Untreue zu ihr und seine Liebe zu Katjä, seine Abfahrt ... Er sprach zusammenhanglos, Tränen erstickten seine Stimme. Dann versuchte er sie wieder zu beruhigen, sagte, daß er nur auf einen Monat fortginge oder höchstens fünf Wochen, daß er im Sommer wiederkomme und dann ihre Hochzeit sei, und daß der Vater einwilligen würde, und schließlich, was die Hauptsache, daß er übermorgen aus Moskau zurückkehre, um mit ihr noch vier Tage zusammen zu verleben, also würden sie jetzt nur auf einen Tag getrennt sein ...
Sonderbar: wenn er fest davon überzeugt gewesen wäre, daß er die Wahrheit sprach und übermorgen aus Moskau zurückkehrte, – warum weinte er und quälte er sich so?
Endlich schlug die Uhr elf. Ich konnte ihn nur mit aller Gewalt bereden aufzubrechen. Der Moskauer Schnellzug fuhr um Punkt zwölf Uhr ab. Es blieb ihm nur noch eine Stunde. Natascha sagte mir später selbst, daß sie sich der letzten Augenblicke nicht mehr entsinne. Sie bekreuzte ihn, glaube ich, küßte ihn, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und lief ins Zimmer zurück. Ich mußte Aljoscha zur Equipage führen, sonst wäre er niemals fortgegangen.
„Meine ganze Hoffnung beruht auf Dir,“ sagte er mir beim Abschied. „Freund Wanjä, ich bin niemals deiner Liebe würdig gewesen, doch bleibe mir trotzdem ein Bruder; verlasse du sie nicht, schreibe mir alles ausführlich über sie, so ausführlich, als nur möglich. Übermorgen werde ich wieder da sein, bestimmt, bestimmt! Doch dann, wenn ich dann fortfahre, dann schreibst du!“
Ich setzte ihn in den Wagen.
„Bis übermorgen!“ rief er mir noch zu, „bestimmt!“
Als ich mit bangem Herzen oben wieder Nataschas Zimmer betrat, stand sie mitten im Zimmer, mit verkreuzten Armen und blickte mich so fremd an, als erkenne sie mich nicht. Ihr Haar war in Unordnung; ihr Blick war trübe und wie irrsinnig. Mawra stand an der Tür und sah sie angstvoll an.
Plötzlich blitzten ihre Augen auf.
„Ah! Du bist es! Du!“ schrie sie mich an, „Du allein bist geblieben. Du mochtest ihn nicht! Du hast es ihm nie verzeihen können, daß ich ihn liebte ... Jetzt bist du wieder da! Wie? Bist wohl wieder mich beruhigen gekommen, mich bereden, zum Vater zurückzukehren, der mich verflucht hat. Das wußte ich bereits seit gestern, seit zwei Monaten! ... Ich will nicht, will nicht! Ich selbst werde sie verfluchen! ... Geh fort, ich will dich nicht sehen! Fort, fort!“
Ich verstand, daß sie außer sich war, und daß mein Anblick ihren Zorn bis zur Raserei steigerte, ich begriff zugleich, daß es so kommen mußte und beschloß, hinauszugehen. Ich setzte mich auf die erste Treppenstufe und – wartete. Von Zeit zu Zeit öffnete ich die Tür und rief Mawra hinaus, um sie auszufragen; Mawra weinte.
So vergingen anderthalb Stunden. Was ich in dieser Zeit durchlebt, ist nicht wiederzugeben. Mein Herz erstarb in mir und tat mir zu gleicher Zeit grenzenlos weh. Plötzlich öffnete sich die Tür und Natascha stürzte in Hut und Mantel heraus. Sie war noch nicht zu sich gekommen und sie gestand mir selbst später, daß sie nicht gewußt hätte, was sie beabsichtigt, und wohin sie habe laufen wollen.
Ich konnte kaum von meinem Platze springen, um mich vor ihr zu verbergen, als sie mich bereits gewahrte und wie angewurzelt vor mir stehen blieb. „Es fiel mir plötzlich ein, daß ich Wahnsinnige, Hartherzige, dich hatte fortschicken können, dich, meinen einzigen Freund, meinen Bruder und Retter!“ erzählte sie mir später. „Und als ich sah, daß du, den ich beleidigt, vor meiner Tür auf der Treppe sitzest und wartest bis ich dich wieder rufe, Gott! – wenn du wüßtest, Wanjä, was damals in mir vorging – als hätte man mir einen Dolch ins Herz gestoßen ...“
„Wanjä, Wanjä,“ rief sie und streckte mir beide Hände entgegen. „Du hier! ...“
Und sie fiel in meine Arme.
Ich hob sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war ohnmächtig. „Was tun?“ dachte ich. „Sie wird erkrankt sein, das ist sicher!“
Ich entschloß mich zum Doktor zu laufen; hier mußte sofort eingegriffen werden. Ich konnte schnell zu ihm fahren, bis zwei Uhr war mein alter Deutscher immer zu Hause. Ich eilte zu ihm, und befahl Mawra, Natascha nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, allein zu lassen, ihr auch jeden Ausgang zu verweigern. Gott war mir gnädig: ein wenig später und ich hätte meinen Alten nicht mehr zu Hause angetroffen. Er begegnete mir bereits auf der Straße. Ich setzte ihn in die Droschke, so daß er kaum zur Besinnung kam, und wir fuhren zurück zu Natascha.
Ja. Wirklich, Gott war mir gnädig! In der halben Stunde meiner Abwesenheit hatte sich bei Natascha etwas zugetragen, das sie vollständig hätte vernichten können, wenn ich nicht zur rechten Zeit mit dem Doktor erschienen wäre. Eine viertel Stunde nach meiner Entfernung, war der Fürst bei ihr erschienen. Er hatte die Seinen zur Bahn begleitet und war direkt von da zu Natascha gekommen. Dieser Besuch war wahrscheinlich eine längst beschlossene Sache für ihn gewesen. Natascha erzählte mir selbst später, daß sie im ersten Augenblick gar nicht erstaunt gewesen, als sie den Fürsten gesehen. „Mein Geist war umnachtet,“ sagte sie.
Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit zärtlichen und mitleidigen Blicken an.
„Meine Liebe,“ sagte er seufzend zu ihr, „ich verstehe Ihren Kummer; ich wußte, wie schwer Ihnen dieser Augenblick fallen würde, darum hielt ich es für meine Pflicht, Sie aufzusuchen. Trösten Sie sich, wenn Sie können, wenigstens damit, daß Sie, indem Sie zurückgetreten sind, Aljoscha den Weg zum Glück freigegeben haben. Doch werden Sie das besser wissen als ich, denn Sie haben sich selbst zu diesem großmütigen Schritt entschlossen ...“
„Ich saß da und hörte ihm zu,“ erzählte mir Natascha, „zuerst konnte ich nicht begreifen, was er sagte. Ich habe ihn nur starr – starr angesehen. Er ergriff meine Hand und drückte sie in der seinen. Das schien ihm sehr angenehm zu sein. Ich war so geistesabwesend, daß ich es zuerst nicht einmal bemerkte.“
„Sie haben verstanden,“ fuhr er fort, „daß, wenn Sie Aljoschas Frau geworden wären, er Sie in der Folge vernachlässigt hätte, und Sie haben so viel edlen Stolz ... doch, ich bin nicht gekommen, um Sie zu loben. Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie in niemandem und niemals einen so guten Freund finden werden, als in mir. Ich fühle mit Ihnen und bedaure Sie. Ich habe in dieser ganzen Angelegenheit sehr Teil an Ihnen genommen, doch – meine Pflicht mußte ich erfüllen. Ihr vorzügliches Herz wird das verstehen und sich mit dem meinen aussöhnen ... Mir fiel es vielleicht schwerer als Ihnen; glauben Sie mir.“
„Genug Fürst,“ erwiderte ihm Natascha. „Lassen Sie mich endlich in Ruh.“
„Gewiß, ich werde Sie sofort verlassen, doch liebe ich Sie, wie meine Tochter. Werden Sie es mir erlauben, Sie zu besuchen? Sehen Sie in mir einen Vater und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein.“
„Ich habe nichts nötig, wollen Sie mich bitte verlassen,“ antwortete ihm wieder Natascha.
„Ich weiß, daß Sie stolz sind ... Doch spreche ich zu Ihnen aufrichtig, von Herzen. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun? Werden Sie sich mit Ihren Eltern versöhnen? Das wäre gewiß gut; doch Ihr Vater ist ungerecht, stolz und ein Despot; verzeihen Sie mir, aber er ist es. In Ihrem Hause werden Sie nur Vorwürfen und neuen Qualen begegnen ... Es ist also nötig, daß Sie unabhängig bleiben und meine heilige Pflicht ist es jetzt – für Sie zu sorgen und Ihnen zu helfen. Aljoscha hat mich gebeten, Sie nicht zu verlassen und Ihnen ein Freund zu sein. Doch auch außer mir gibt es Leute, die Ihnen sehr ergeben sind. Sie werden es mir hoffentlich gestatten, daß ich Ihnen den Grafen N. vorstelle. Er ist ein Verwandter von uns und mit seinem gütigen Herzen, man kann wohl sagen, ein Wohltäter unserer Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha hat ihn denn auch sehr geachtet und lieb gehabt. Er ist eine sehr hohe Persönlichkeit, mit großem Einfluß, ein alter Mann, den Sie zu jeder Zeit empfangen können. Er ist immer bereit, Ihnen, wenn Sie wollen, bei einer seiner Verwandten, eine vorzügliche Stellung verschaffen. Ich habe ihm bereits vor längerer Zeit von Ihnen erzählt und er interessiert sich so sehr für Sie, daß er den Wunsch ausgesprochen hat, Ihnen so bald als möglich vorgestellt zu werden ... Glauben Sie mir, er ist ein freigebiger, ehrenwerter, alter Herr, der das Schöne zu schätzen weiß, der noch unlängst sich Ihrem Vater gegenüber aufs edelste benommen, in einer Geschichte, die ...“
Natascha fuhr tief gekränkt auf, jetzt hatte sie ihn verstanden.
„Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich sofort!“ rief sie.
„Nun, meine Liebe, Sie vergessen sich wirklich: der Graf kann Ihnen und besonders Ihrem Vater sehr nützlich sein ...“
„Mein Vater wird von Ihnen niemals etwas annehmen. Verlassen Sie mich, bitte!“ rief nochmals Natascha.
„O, mein Gott, wie ungeduldig und mißtrauisch Sie sind! Wodurch habe ich das verdient,“ erwiderte der Fürst etwas unsicher werdend. „Auf jeden Fall, erlauben Sie mir,“ fuhr er fort, ein großes Papierpaket aus der Tasche ziehend, „Ihnen als Beweis meiner Teilnahme für Sie und auch der Teilnahme des Grafen N., der mit seinem Rat mir beigestanden, hier in dem Paket zehntausend Rubel zu überreichen ... Warten Sie einen Augenblick,“ fuhr er fort, als er sah, daß Natascha sich voll Zorn von ihrem Platz erhoben hatte. „Hören Sie mich, bitte, geduldig an, Sie wissen, daß Ihr Vater dieses Geld an mich verloren hat, und diese zehntausend Rubel sollen jetzt zur Belohnung ...“
„Fort!“ schrie Natascha außer sich, „fort mit diesem Gelde! Ich durchschaue Sie ganz. – Sie niedriger, gemeiner Mensch!“
Bleich vor Wut erhob sich der Fürst von seinem Stuhl.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war er zu Natascha gekommen, um etwas über ihre jetzige Lage zu erfahren. Auch glaubte er fest daran, dieser armen und von allen verlassenen Natascha dieses Angebot von zehntausend Rubel machen zu dürfen. Niedrig und gemein wie er war, hatte er des öfteren dem alten Lüstling Graf N. einen ähnlichen Dienst erwiesen. Er selbst haßte Natascha und als er nun sah, daß er sich in der Sache verrechnet hatte, so wollte er die Gelegenheit nicht unbenützt vorüber lassen, ohne sie tödlich zu beleidigen.
„Das ist durchaus nicht angebracht, meine Liebe, daß Sie sich darüber so empören,“ brachte er mit vor Erregung zitternder Stimme vor, in der die ganze Ungeduld der Erwartung lag, den Effekt seiner Beleidigung so bald als möglich zu erleben; „man bietet Ihnen Schutz an, Sie aber rümpfen das Näschen ... Sie scheinen es nicht zu wissen, wie dankbar Sie mir zu sein haben, denn ich hätte Sie schon längst in eine Korrektionsanstalt bringen können – als Vater eines von Ihnen verführten Sohnes, den Sie ausgenützt haben – und ich habe es nicht getan ... he, he, he!“
Doch in dem Augenblick waren wir schon in der Wohnung. Ich hatte bereits in der Küche die Stimme des Fürsten erkannt, ich ließ den Doktor stehen, stürzte ins Zimmer und war Zeuge seiner letzten Worte. Er brach in ein widerliches Gelächter aus, worauf ich Natascha „Oh, mein Gott!“ ausrufen hörte. In dem Augenblick stürzte ich mich bereits auf ihn.
Ich spie ihm ins Gesicht, ich schlug ihm ins Gesicht. Er wollte sich auf mich stürzen, als er aber bemerkte, daß wir zwei waren, griff er schnell nach seinem Geldpaket und lief hinaus. Unterdessen war der Doktor Natascha zu Hilfe geeilt, die außer sich wie in einem Anfall um sich schlug. Lange konnten wir sie nicht beruhigen: endlich aber gelang es uns, sie zu Bett zu legen.
„Doktor! Was fehlt ihr?“ wandte ich mich in meiner Angst an ihn.
„Das muß man erst abwarten,“ antwortete er mir, „noch kann ich nichts Näheres bestimmen. Das kann mit einem Nervenfieber enden ... Man muß Maßnahmen treffen ...“
In mir blitzte ein neuer Gedanke auf. Ich flehte den Doktor an, zwei bis drei Stunden bei Natascha zu verweilen, sie auf keinen Augenblick zu verlassen. Er gab mir sein Wort und ich lief zu mir nach Haus.
Nelly saß finster und erregt in der Ecke des Zimmers und sah mich verwundert an. Ich muß wohl sehr sonderbar ausgesehen haben.
Ich ergriff ihre Hand, setzte mich auf den Diwan, hob sie auf meine Knie und küßte sie heiß und zärtlich. Sie errötete.
„Nelly, mein Engel!“ sagte ich zu ihr. „Willst du unser aller Retter sein?“
Sie sah mich verwundert an.
„Nelly! Meine ganze Hoffnung ruht auf dir! Es gibt einen Vater: Du kennst ihn; er hat seine Tochter verflucht und gestern kam er her, um dich an Kindesstatt anzunehmen. Jetzt hat der, den Natascha liebte, und um dessentwillen sie von ihrem Vater gegangen war, sie verlassen. Er ist der Sohn dieses Fürsten, der, du erinnerst dich doch, an einem Abend hier war, und dich nur allein antraf; du aber warst von ihm fortgelaufen und nachher davon erkrankt ... Du kennst ihn doch? Er ist ein böser Mensch!“
„Ich weiß,“ antwortete Nelly und zuckte zusammen.
„Ja, er ist ein böser Mensch. Er haßte Natascha, weil sein Sohn Aljoscha sie heiraten wollte. Heute ist Aljoscha fortgefahren und eine Stunde nachher kam der Fürst zu ihr, beleidigte sie und drohte ihr mit der Korrektionsanstalt und verspottete sie. Kannst du mich verstehen, Nelly?“
Ihre dunkeln Augen blitzten, doch senkte sie sie schnell zu Boden.
„Ich verstehe,“ flüsterte sie kaum hörbar.
„Jetzt ist Natascha krank und allein; ich habe unseren Doktor bei ihr gelassen und bin schnell zu dir gelaufen. Höre mich an, Nelly: gehen wir beide zu Nataschas Eltern; du liebst ihren Vater nicht, du wolltest nicht zu ihm, doch jetzt, mit mir zusammen mußt du es tun. Wir treten zusammen ein, und ich sage, daß du willig bist, die Stelle Nataschas bei ihm einzunehmen. Der Alte ist jetzt krank, weil er Natascha verflucht, und der Vater Aljoschas ihn vor ein paar Tagen tödlich beleidigt hat. Er will jetzt nichts von seiner Tochter wissen, doch er liebt sie, liebt sie, Nelly, und möchte sich mit ihr aussöhnen; ich weiß es, ich weiß es alles! Es ist so! ... Hörst du, Nelly?“ ...
„Ich höre,“ sagte sie mit demselben Flüsterton.
Ich sprach zu ihr mit tränenerstickter Stimme. Sie sah mich scheu an.
„Glaubst du daran?“
„Ich glaube.“
„Nun, dann komm mit mir! Man wird dich freundlich empfangen und dich nach allem ausfragen. Ich werde dann das Gespräch auf deine Mutter und deinen Großvater lenken. Du erzählst ihnen alles, Nelly, wie du es mir erzählt hast. Erzähle ihnen, wie dieser böse Mensch deine Mutter verlassen hat, wie sie in der Kellerwohnung bei der Bubnowa gestorben, wie du mit deiner Mutter in den Straßen gebettelt hast; was sie dir gesagt, und um was sie dich gebeten, als sie starb ... Bei der Gelegenheit erzähle auch von deinem Großvater, wie er deiner Mutter nicht verzeihen wollte, und wie sie dich in ihrer Sterbestunde zu ihm schickte, damit er ihr Verzeihung gewähre, wie er es ihr verweigerte und wie sie dann allein gestorben. Alles, alles erzähle! Durch deine Erzählung wird das Gewissen des Alten aufgerüttelt werden. Denn er weiß, daß heute Aljoscha sie verlassen, daß sie beleidigt und beschimpft allein ohne Hilfe und Schutz zurückgeblieben, ihrem Feinde preisgegeben ist. Er weiß das alles ... Nelly, rette Natascha! Willst du es tun?“
„Ja,“ antwortete sie, schwer atmend und mich mit einem so sonderbaren Blick starr ansehend; es lag ein stummer Vorwurf in diesem Blick, ich fühlte es wohl in meinem Herzen.
Doch konnte ich mich von dem Gedanken nicht mehr trennen. Ich glaubte zu sehr an ihn. Ich faßte Nelly an der Hand und wir gingen hinaus. In der letzten Zeit war das Wetter so drückend und schwül gewesen, man hörte in der Ferne jetzt den ersten Donner. Eine dunkle Wolke zog auf und der Wind wirbelte den Staub hoch auf in den Straßen. Es war drei Uhr nachmittags.
Wir nahmen eine Droschke. Auf dem ganzen Wege schwieg Nelly, nur von Zeit zu Zeit sah sie mich mit ihrem sonderbaren, rätselhaften Blick an. Ihre Brust hob und senkte sich, ich fühlte wie in ihrer kleinen Handfläche ihr Herzchen schlug, als wollte es herausspringen.
VII.
Der Weg schien mir endlos lang. Endlich kamen wir an und mit beklommenem Herzen trat ich zu den Alten ins Zimmer. Ich wußte nicht, mit welchen Gefühlen ich sie wieder verlassen würde, doch eines stand fest, nicht ohne Versöhnung und Frieden für uns alle erlangt zu haben.
Es war bereits vier Uhr geworden. Die Alten saßen allein, wie gewöhnlich. Nikolai Ssergejewitsch fühlte sich immer noch sehr schwach und lag bleich in seinem Lehnstuhl mit verbundenem Kopf. Anna Andrejewna saß neben ihm und sah ihn hin und wieder mit fragenden und besorgten Blicken an, was den Alten jedoch sehr zu beunruhigen und zu ärgern schien. Er schwieg hartnäckig und sie wagte das Schweigen nicht zu brechen. Unser plötzliches Erscheinen setzte sie beide in Erstaunen. Anna Andrejewna schien sogar zu erschrecken als sie mich mit Nelly erblickte, und in dem ersten Augenblick uns gegenüber fast so etwas wie Schuldbewußtsein zu haben.
„Ich habe Ihnen da meine Nelly mitgebracht,“ sagte ich eintretend. „Sie hat sich bedacht und selbst eingewilligt zu Ihnen zu kommen. Nehmen Sie sie und haben Sie sie lieb ...“
Der Alte sah mich mißtrauisch an, ich erriet sofort, daß ihm bekannt, daß Natascha jetzt verlassen, allein und erniedrigt dastehe. Er wollte offenbar hinter das Geheimnis unseres Erscheinens kommen und sah mich, wie Nelly, forschend an. Nelly zitterte und preßte meine Hand fest in der ihren, sah zu Boden, und warf nur flüchtig hin und wieder ihren Blick, schnell wie einen Pfeil über uns hin. Doch Anna Andrejewna besann sich sofort und schien alles erraten zu haben: sie stürzte sich auf Nelly, küßte und streichelte sie, fing sogar an zu weinen, setzte sie neben sich und ließ ihre kleinen Hände nicht aus den ihrigen. Nelly sah sie mit Neugier und Verwunderung von der Seite an.
Nachdem die Alte Nelly gestreichelt und geliebkost hatte, wußte sie nicht mehr, was nun weiter zu tun, und sah mich in naiver Erwartung fragend an. Der Alte runzelte die Brauen, weil er wohl begriff, warum ich Nelly hierhergebracht. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene und finstere Stirn bemerkt hatte, führte er die Hand zum Kopfe und sagte mit abgerissener Stimme:
„Der Kopf tut mir weh, Wanjä.“
Wir saßen noch alle und schwiegen: ich dachte nach, wie beginnen. Im Zimmer war es düster; die dunkle Wolke kam immer näher, man hörte das ferne Rollen des Donners.
„So früh im Frühling schon ein Gewitter,“ bemerkte Ichmenjeff. „Ich erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig gab es bei uns in Ichmenjeffka ebenfalls so früh im Jahr ein Gewitter.“
Anna Andrejewna seufzte.
„Sollte man nicht den Samowar aufstellen?“ fragte sie schüchtern; doch niemand antwortete ihr, und sie wandte sich daher wieder an Nelly. „Wie heißt du, mein Täubchen?“ fragte sie sie.
„Nelly,“ sagte sie mit ihrem schwachen Stimmchen und senkte das Köpfchen noch tiefer. Der Alte sah sie forschend an.
„Das heißt Helene, nicht?“ fügte Anna Andrejewna aufmunternd hinzu.
„Ja,“ antwortete Nelly.
Und wieder folgte minutenlanges Schweigen.
„Bei der Schwester Praßkoffja Andrejewna hieß die Kleine auch Helene,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch, „man rief sie Nelly.“
„Du hast, mein Täubchen, keinen Vater, keine Mutter mehr?“ fragte wieder Anna Andrejewna.
„Nein,“ flüsterte Nelly scheu und kurz.
„Das habe ich gehört, das habe ich gehört. Und ist deine Mutter schon lange tot?“
„Nicht lange.“
„Ach, du mein armes Kind,“ fuhr Anna Andrejewna fort, sie mitleidig betrachtend.
Nikolai Ssergejewitsch trommelte ungeduldig mit seinen Fingerspitzen auf den Tisch.
„Deine Mutter war eine Ausländerin, nicht? So erzählten Sie doch, Iwan Petrowitsch?“ setzte scheu die Alte ihre Fragen fort.
Nelly sah mich mit ihren dunklen Augen flüchtig an, als riefe sie mich zu Hilfe. Sie atmete schwer und unregelmäßig.
„Ihre Mutter, Anna Andrejewna,“ begann ich, „war die Tochter eines Engländers und einer Russin, so daß sie noch eher Russin war; Nelly ist im Auslande geboren.“
„Warum ist denn ihre Mutter mit ihrem Gatten ins Ausland gefahren?“
Nelly wurde plötzlich feuerrot. Anna Andrejewna begriff sofort, daß sie zu weit gegangen und zuckte unter dem strafenden Blick des Alten zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann ab zum Fenster.
„Ihre Mutter ist von einem nichtswürdigen Menschen betrogen worden,“ wandte er sich plötzlich an Anna Andrejewna. „Sie hatte mit ihm den Vater verlassen und das Geld des Vaters ihm übergeben; er aber brachte sie ins Ausland, betrog sie um das Geld und verließ sie. Ein guter Freund von ihr hat ihr dann bis zu seinem Tode geholfen. Als er gestorben war, kehrte sie zwei Jahre nach seinem Tode zum Vater zurück. War es so, Wanjä?“ fragte er mich barsch.
Nelly hatte sich in höchster Erregung von ihrem Platze erhoben und wollte zur Tür gehen.
„Komm her, Nelly,“ sagte der Alte, ihr endlich die Hand reichend, „setze dich hierher, neben mich, so!“
Er beugte sich über sie, küßte sie auf die Stirn und strich ihr leise übers Haar. Nelly erzitterte am ganzen Körper, doch beherrschte sie sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung zu, wie Nikolai Ssergejewitsch endlich die Kleine an sein Herz schloß.
„Ich weiß, Nelly, daß ein gemeiner und sittenloser Mensch deine Mutter zugrunde gerichtet hat, aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater geliebt und geachtet hat,“ sagte erregt Nikolai Ssergejewitsch und fuhr fort Nellys Köpfchen zu streicheln. Er konnte sich nicht versagen, diese Herausforderung an uns zu richten. Seine bleichen Wangen röteten sich und er vermied es, uns anzusehen.
„Mama liebte Großpapa mehr als Großpapa sie liebte,“ sagte Nelly mit fester Stimme und bemühte sich ebenfalls niemanden anzusehen.
„Woher weißt du denn das?“ fragte sie der Alte heftig und ungeduldig wie ein Kind.
„Ich weiß es,“ antwortete ihm kurz angebunden Nelly. „Er hat Mama nicht zu sich genommen ... er hat sie von sich gestoßen ...“
Ich sah, wie Nikolai Ssergejewitsch etwas antworten wollte, zum Beispiel, daß der Alte das volle Recht gehabt es zu tun, doch er sah uns an und schwieg.
„Wie das, wo habt ihr denn gewohnt, wenn der Großpapa euch nicht aufnahm?“ fragte Anna Andrejewna, die plötzlich den Eigensinn zu haben schien, dieses Thema weiter fortzusetzen.
„Als wir hier ankamen, haben wir lange nach Großpapa gesucht,“ antwortete Nelly, „doch konnten wir ihn nicht finden. Mama erzählte mir damals, daß Großpapa früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe bauen wollen, und daß er jetzt ganz arm geworden, weil derjenige, der mit Mama ins Ausland fuhr, ihr das Geld fortgenommen und es ihr nicht mehr zurückgegeben hat. Das hat mir Mama selbst erzählt.“
„Hm! ...“ brummte der Alte.