Part 31
Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern beruhigen, daß er in dieser großen Erregung sich kaum dieser Kleinigkeiten erinnern dürfte, und denken würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten wir den Brief vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, und bevor ich fortging, wollte ich noch einmal in der Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden. Mir schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter von ihrem eigenen Vater verflucht worden war, den Alten rühren und ihm großmütigere Gefühle einflößen könnte. Denn alles war in ihm dazu bereit; der Gram um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine beleidigte Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß dazu und die günstige Gelegenheit, und diese konnte vielleicht durch Nelly gegeben werden. Die Alte hörte mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu: Hoffnung und Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits früher gesagt hätte, fragte mich ungeduldig über Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie nun selbst Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. Ja, sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, daß sie krank war, wollte mir für Nelly einen Topf Apfelmus mitgeben, lief in die Kleiderkammer und brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als ich diese nicht annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly auch Kleider und Wäsche hätte und ob sie ihr da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort ihren Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen herauszusuchen, die sie der armen Waise schenken könnte.
Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung emporstieg, sah ich jemand vor ihrer Tür stehen, der soeben anklopfen wollte, doch als er meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach einigem Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam die Treppe hinunter und begegnete mir auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz. Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff erkannte. Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. Er drückte sich an die Wand, um mir Platz zu machen, und ich erinnere mich noch jetzt des seltsamen Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet hatte. Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war er sehr verwirrt und wußte nicht, was er sagen sollte.
„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer Stimme ... „Ich suchte einen Menschen ... einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ... ich suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... Hier scheint er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. Lebe wohl.“
Und er ging schnell die Treppen hinunter.
Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung nichts zu sagen, es ihr aber gleich nach Aljoschas Abreise, wenn sie allein war, mitzuteilen. Gegenwärtig war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn doch nicht so in sich hätte aufnehmen können, wie später in einem Augenblick der letzten Verzweiflung. Dieser Augenblick war jetzt noch nicht gekommen.
Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen können, doch tat ich es absichtlich nicht: Dem Alten mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr schwer fallen. Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr niedergeschlagen, begrüßte mich aber ganz frei und sprach viel von seinen Angelegenheiten.
„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so hoch oben, weißt du noch, wo wir uns begegneten ... vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich plötzlich in nachlässigem Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken auswich.
„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls zur Seite.
„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man hatte mir dieses Haus angegeben ... es war ein Irrtum ... Um also auf meinen Prozeß zu kommen: im Senate hat man entschieden ... usw. usw.“
Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen begann.
Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, um die Alte zu erfreuen, bat sie aber doch unter anderem, ihm nicht besonders ins Gesicht zu schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf zu machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon unterrichtet war. Die Alte war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo er sie doch sonst früher immer selbst dazu überredet hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn morgen direkt darum bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher Angst und Pein.
Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten gesprochen, der in seiner Sache unterrichtet war. Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er den Fürsten gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ dem alten Ichmenjeff die zehntausend Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht kam der Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, hinaus auf die Treppe und verlangte von mir, daß ich sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell fordere. Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu fassen wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. Doch der Alte geriet so außer sich, daß ihm schlecht wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als ich zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der Treppe.
Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber nicht zu Hause; er war damals auf zwei Tage verschwunden.
Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm ereignet hatte. Von mir aus war er geradewegs zum Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu Hause angetroffen, hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in dem Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen Beamten von seinen Worten unterrichtet sei und sich durch sie tödlich beleidigt fühle, daß er, der Fürst, ein gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung zum Duell etwa abzulehnen, da er dann gezwungen wäre, ihn öffentlich zu beleidigen.
Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung zurückgekehrt, daß er sich sofort hingelegt und auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts geantwortet hätte. In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu erwarten. Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als er ihn gelesen, schrie er auf und faßte sich an den Kopf. Anna Andrejewna erstarrte fast vor Schreck und Angst. Er griff sofort nach Hut und Stock und lief hinaus.
Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er Ichmenjeff, daß er über seine Worte, die er dem Beamten gegenüber ausgesprochen, niemand Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff sehr bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch trotz allem Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß der Verurteilte das Recht hätte, seinen Prozeßgegner aus Rache zum Duell herauszufordern. Was endlich die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, so bäte er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, da von einer öffentlichen Beschimpfung gar nicht die Rede sein könne, da er seinen Brief sofort der Polizei vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen Ordnung und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen muß.
Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort zum Fürsten. Der Fürst war wieder nicht zu Haus; dem Alten gelang es aber durch den Lakaien zu erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. Ohne sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. Der Portier des Grafen hielt ihn zurück, als er auf die Treppe hinaufsteigen wollte. Der alte Ichmenjeff geriet in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der Vorfall wurde dem Grafen sofort gemeldet. Als nun der anwesende Fürst dem alten Wüstling von Grafen mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und sein Zorn wandelte sich in Milde: er befahl Ichmenjeff sofort zu befreien; doch geschah das erst in drei Tagen, wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht für ihn gebeten.
Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf sich der Alte aufs Bett und lag eine ganze Stunde bewegungslos; endlich erhob er sich, und erklärte feierlich zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter auf immer und ewig verfluche!
Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; zum Glück mußte für den Alten gesorgt werden. Die ganze Nacht wachte sie an seinem Bette, machte ihm Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück weiter nicht nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. Ich verließ sie um drei Uhr nachts. Am nächsten Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe ich bereits erzählt; diese Szene erschütterte ihn endgültig. Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich wieder zu Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha stattfinden sollte, am Tage vor Aljoschas Abfahrt aus Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich zugegen. Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch.
VI.
Aljoscha war eine Stunde vor der Begegnung zu Natascha gekommen, ich kam gerade in dem Augenblicke, als Katjäs Equipage vor dem Haustor hielt. Katjä erschien mit der alten Französin, die nach langem Zögern endlich eingewilligt hatte, sie zu begleiten und ihr sogar erlaubt hatte, allein den Besuch bei Natascha zu machen, unter der Bedingung, daß Aljoscha zugegen sein würde. Katjä rief mich zu sich an die Equipage, als sie mich erblickte, und bat mich, Aljoscha zu ihr zu senden. Ich traf oben Natascha und Aljoscha in Tränen an: beide weinten. Als Natascha hörte, daß Katjä gekommen sei, erhob sie sich, wischte sich die Tränen ab und stellte sich in Erwartung der Tür gegenüber. Gekleidet war sie diesen Morgen ganz in weiß. Ihre dunkelbraunen Haare waren glatt zurückgekämmt und hinten im Nacken zu einem dichten Knoten verschlungen. In dieser Frisur liebte ich sie am meisten. Als sie sah, daß ich beabsichtigte, bei ihr zu bleiben, bat sie mich auch, den Gästen entgegenzugehen.
„Erst jetzt war es mir möglich, meine Absicht auszuführen, und Natascha aufzusuchen,“ sagte Katjä zu mir, als wir die Treppe hinaufstiegen, „so sehr hat man auf mich aufgepaßt, ... es war schrecklich! Mme. Albert habe ich ganze zwei Wochen bereden müssen, bis sie endlich einwilligte. Und Sie, und Sie, Iwan Petrowitsch, sind kein einziges Mal zu mir gekommen! Schreiben konnte ich Ihnen auch nicht und es fehlte mir auch die Lust dazu, denn im Brief kann man ja doch nicht alles sagen. Und wie gern hätte ich sie gesprochen ... Mein Gott, wie mir jetzt das Herz klopft ...“
„Die Treppe ist so steil,“ bemerkte ich.
„Nun, ja ... die Treppe ... Doch, was glauben Sie: wird Natascha mir zürnen?“
„Nein, weshalb?“
„Nun, ja ... freilich, weshalb; ich werde es ja gleich selbst erfahren; wozu frage ich Sie noch?“ ...
Ich führte sie am Arme hinauf. Sie war bleich und schien sich sehr zu fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb sie stehen um Atem zu schöpfen, dann aber stieg sie, mit einem bedeutsamen Blick auf mich, entschlossen die letzten Stufen hinauf.
Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und flüsterte mir zu: „ich werde einfach hineingehen und ihr sagen, daß ich so an sie geglaubt habe, ohne etwa befürchten zu müssen ... Übrigens, was sage ich, ich bin doch überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf ist, das es gibt. Nicht wahr?“
Sie trat schüchtern wie eine Schuldbewußte ein und sah Natascha starr an, die ihr zulächelte. Da trat Katjä sofort auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände und küßte sie auf die Lippen. Darauf wandte sie sich, ohne Natascha ein Wort gesagt zu haben, ernst und streng an Aljoscha und bat ihn, sie auf eine halbe Stunde allein zu lassen.
„Du, Aljoscha, sei deshalb nicht böse,“ fügte sie hinzu, „ich wünsche es darum, weil ich mit Natascha über viele ernste und wichtige Dinge zu reden habe, die du nicht hören sollst. Sei vernünftig, und gehe. Sie aber, Iwan Petrowitsch, bleiben hier. Sie müssen bei unserem Gespräch zugegen sein.“
„Setzen wir uns,“ sagte Katjä, als Aljoscha fort war, „so, ich setze mich Ihnen gegenüber. Ich möchte Sie zuerst ein wenig ansehen.“
Sie setzte sich Natascha gegenüber und betrachtete sie stumm. Natascha mußte unwillkürlich lächeln.
„Ich kenne Ihre Photographie,“ sagte Katjä, „Aljoscha hat sie mir gezeigt.“
„Ist sie ähnlich?“
„Sie sind schöner,“ sagte Katjä ernst und bestimmt. „Ich wußte es, daß Sie schöner sind.“
„Und ich freue mich über Sie, wie reizend Sie sind!“
„Was Sie sagen! reden Sie nicht von mir, meine Liebe!“ fügte Katjä hinzu, und ergriff mit zitternden Händen Nataschas Hand, und wieder schwiegen sie und sahen sich gegenseitig an. „Sehen Sie, Natascha,“ unterbrach Katjä das Schweigen, „wir haben nur eine halbe Stunde für uns; Madame Albert wollte mir kaum diese halbe Stunde schenken, – und ich habe viel mit Ihnen zu reden ... Ich will ... ich muß ... Sie einfach fragen: lieben Sie Aljoscha sehr?“
„Ja, sehr.“
„Wenn das so ist ... wenn Sie ihn sehr lieben ... so ... müssen Sie auch sein Glück wünschen ...“ fügte sie leise schüchtern hinzu.
„Ja, ich wünsche es, daß er glücklich würde.“
„So ist’s ... doch jetzt die Frage: kann ich sein Glück ausmachen? Habe ich das Recht so zu sprechen, denn ich nehme Ihnen Aljoscha. Wenn es Ihnen scheint, und wir wollen das jetzt entscheiden, daß er mit Ihnen glücklicher wird, als, als ... so ...“
„Das ist bereits entschieden, liebe Katjä, Sie selbst wissen es doch, daß alles entschieden,“ antwortete Natascha und neigte ihr Haupt. Es fiel ihr offenbar schwer, das Gespräch weiterzuführen.
Katjä hatte wahrscheinlich eine lange Auslegung über dieses Thema vorbereitet: wer Aljoschas Glück ausmachte und wer von ihnen ihn der anderen abtreten sollte? Doch durch Nataschas Antwort begriff sie sofort, daß alles beschlossen und kein Wort mehr zu verlieren sei. Ihre reizenden Lippen halb geöffnet, sah sie traurig Natascha an, deren Hand sie immer noch in der ihren hielt.
„Und Sie, Sie lieben ihn sehr?“ fragte Natascha sie plötzlich.
„Ja; und ich wollte Sie auch darum fragen und bin deshalb hierhergekommen, um zu erfahren, warum Sie ihn lieben?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete Natascha, in ihrer Antwort lag ein Ausdruck gewisser Ungeduld.
„Halten Sie ihn für klug?“ fragte Katjä.
„Nein, ich liebe ihn einfach ...“
„Und ich auch. Er tut mir scheinbar immer so leid.“
„Und mir auch,“ antwortete Natascha.
„Was soll man jetzt mit ihm beginnen! Und wie konnte er Sie um meinetwillen verlassen, ich begreife es nicht!“ rief Katjä aus. „Jetzt, wo ich Sie gesehen habe, kann ich es nicht verstehen!“
Natascha antwortete nicht und sah zu Boden. Auch Katjä verstummte und plötzlich erhob sie sich und umarmte sie zärtlich. Sich umarmt haltend, weinten sie miteinander. Katjä setzte sich auf den Arm des Lehnstuhls und hielt Natascha fest umschlungen, ihr die Hände küssend.
„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!“ sagte sie in Tränen aufgelöst. „Wir wollen Schwestern bleiben und uns schreiben ... ich werde Sie ewig lieben, ewig ...“
„Hat er Ihnen von unserer Hochzeit im Juni gesprochen?“ fragte sie Natascha.
„Ja, er hat gesagt, daß Sie dareinwilligen. Das ist doch alles nur so, um ihn zu beruhigen, nicht wahr?“
„Natürlich.“
„So habe ich es auch aufgefaßt. Ich werde ihn sehr lieben, Natascha, und Ihnen von ihm schreiben. Wahrscheinlich wird man uns bald verheiraten; so scheint es wenigstens. Sie sprechen alle davon. Liebe Natascha, Sie werden doch jetzt zu Ihren Eltern gehen?“
Natascha antwortete nicht, sondern küßte sie schweigend.
„Werden Sie glücklich!“ sagte sie.
„Und ... Sie ... Sie auch,“ erwiderte Katjä.
In dem Augenblicke öffnete sich die Tür und Aljoscha trat ein. Er war nicht imstande, die halbe Stunde abzuwarten und als er sie jetzt umarmt und in Tränen sah, stürzte er ihnen beiden zu Füßen.
„Warum weinst denn du?“ fragte ihn Natascha. „Wir werden doch nicht auf lange getrennt sein? Zum Juni kommst du doch wieder?“
„Und dann wird eure Hochzeit sein,“ beeilte sich auch Katjä ihn zu trösten.
„Doch, ich kann nicht, ich kann dich nicht auf einen Tag verlassen, Natascha. Ich muß ohne dich sterben ... Du weißt nicht, wie teuer du mir jetzt bist! Gerade jetzt! ...“
„Nun, mache es doch so,“ sagte plötzlich belebt Natascha, „die Gräfin bleibt doch längere Zeit in Moskau?“
„Ja, fast eine Woche,“ bestätigte Katjä.
„Eine Woche! Was wäre denn besser: du begleitest sie morgen nach Moskau, bleibst dort einen Tag und kommst hierher zurück. Wenn sie Moskau verlassen, fährst du wieder hin und begleitest sie auf einen Monat aufs Land.“
„So, so ist’s ... Sie werden immerhin noch vier Tage zusammen sein!“ rief Katjä entzückt, mit einem vielsagenden Blick auf Natascha.
Das Entzücken Aljoschas über dieses neue Projekt läßt sich gar nicht beschreiben. Er schien plötzlich vollkommen beruhigt; sein Gesicht strahlte, er umarmte Natascha, küßte Katjä die Hand, umarmte mich. Natascha sah ihn mit traurigem Lächeln an, doch Katjä konnte sich kaum mehr beherrschen. Sie warf mir einen heißen, zornigen Blick zu, umarmte Natascha, erhob sich vom Stuhl um aufzubrechen. In dem Augenblick erschien auch schon der Diener mit der Meldung, daß die halbe Stunde vorüber sei.
Natascha erhob sich. Beide standen sich jetzt gegenüber und sahen sich mit einem Blick an, der ihre ganze Seele ausdrücken sollte.
„Wir werden uns niemals wiedersehen,“ sagte Katjä.
„Niemals mehr,“ antwortete Natascha.
„Dann leben Sie wohl.“
Sie umarmten sich.
„Fluchen Sie mir nicht,“ flüsterte ihr eilig noch Katjä zu, „ich werde immer ... seien Sie überzeugt ... er wird glücklich ... Komm, Aljoscha, begleite mich!“ stieß sie eilig hervor und faßte ihn an der Hand.
„Wanjä!“ wandte sich Natascha an mich, ganz erschöpft, als sie gegangen, „folge auch du ihnen ... Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis acht Uhr; länger kann er nicht, dann muß er gehen. Ich bleibe dann allein ... Komme gegen zehn Uhr. Bitte!“
Als ich um neun Uhr Nelly (nach der zerschlagenen Tasse) mit Alexandra Ssemjonowna allein ließ, ging ich zu Natascha, die bereits ungeduldig auf mich wartete. Mawra gab den Tee; Natascha schenkte mir eine Tasse ein, setzte sich auf den Diwan und ich mußte mich neben sie setzen.
„Nun ist alles, alles aus!“ sagte sie mit einem Blick auf mich, den ich nie vergessen werde.
„Ein halbes Jahr der Liebe ... für ein ganzes Leben,“ fügte sie hinzu und preßte meine Hand.
Ihre Hände brannten. Ich fing an sie zu bereden, sich warm einzuhüllen und zu Bett zu legen.
„Sofort, Wanjä, sofort. Laß mich nur reden und mich an alles dies erinnern ... Ich bin wie zerschlagen ... Morgen sehe ich ihn zum letzten Male, um zehn Uhr ... zum letzten Mal!“
„Natascha, du bist wie im Fieber, gleich wird dich der Schüttelfrost packen; habe Mitleid mit dir ...“
„Was glaubst du, Wanjä? Ich habe hier auf dich seit einer halben Stunde gewartet und ich fragte mich, als er fortgegangen war – fragte mich: liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht, und was war das eigentlich für eine Liebe? Dir wird das wohl sonderbar vorkommen, Wanjä, daß es von mir erst jetzt geschah?“
„Rege dich nicht auf, Natascha ...“
„Siehst du, Wanjä, ich glaube, daß ich ihn nicht so geliebt habe, wie eine gewöhnliche Frau einen Mann liebt. Ich liebte ihn fast ... wie eine Mutter. Ich glaube, daß es auf der Welt gar keine solche Liebe gibt, wo sich gegenseitig beide ganz gleich lieben, ah? Wie denkst du?“
In banger Unruhe beobachtete ich sie und befürchtete einen Fieberausbruch. Sie schien sich einem sonderbaren Gefühl hinzugeben, einem Bedürfnis, zu reden; oft ganz unzusammenhängende Worte, die ich kaum verstehen konnte. Ich fürchtete sehr für sie.
„Er war mein,“ fuhr sie fort. „Gleich von der ersten Begegnung an, tauchte in mir der unbezwingliche Wunsch auf, daß er mein sei, ganz mein, und daß er niemanden kennen, niemanden sehen müßte, als nur mich ... Katjä hatte ganz recht vorhin, als sie sagte; ich habe ihn die ganze Zeit mit einer Liebe geliebt, als ob er mir leid täte ... Immer hatte ich den unbezwinglichen Wunsch, ja die Qual, wenn ich allein blieb, daß er unendlich und ewig glücklich sein müsse. Ich konnte sein Gesicht nicht ruhig ansehen. (Du kennst doch den Ausdruck seines Gesichtes, Wanjä): einen solchen Ausdruck _gibt es nicht_ noch einmal, und wenn er lachte, so lief mir ein kalter Schauer über den Rücken ... Das ist wahr! ...“
„Natascha, höre mich an ...“
„Alle sagten,“ unterbrach sie mich, „und übrigens auch du hast es gesagt, daß er charakterlos und ... sein Verstand der eines Kindes sei. Nun, und, das war es, was ich am meisten an ihm liebte ... glaubst du es mir? Ich weiß nicht, ob ich ihn gerade nur darum liebte: kurz, ich liebte ihn einfach so wie er war und wäre er anders gewesen, so hätte ich ihn vielleicht gar nicht so lieb gehabt. Weißt du, Wanjä, ich muß dir noch eines gestehen; erinnerst du dich, vor drei Monaten hatten wir einen großen Streit, damals, als er mit seinen Kameraden bei dieser Minna gewesen war ... Als ich es erfahren, glaubst du mir, tat es mir sehr weh, zugleich war es aber so angenehm, daß er sich vor mir schuldig fühlte, und ich das Gefühl hatte, daß er sich wie ein Erwachsener aufgeführt und mit anderen Männern zu schönen Frauen gefahren! Und dann, welch ein Entzücken, ihm vergeben zu können ... oh, Lieber!“
Sie sah mir ins Gesicht und lächelte so sonderbar. Darauf verfiel sie in tiefes, tiefes Nachdenken. Und lange saß sie da, mit diesem Lächeln auf den Lippen und dachte an Vergangenes.
„Ich liebte es unendlich, ihm zu vergeben, Wanjä,“ fuhr sie fort. „Wenn er mich allein ließ und ich im Zimmer auf und ab ging, weinte und mich quälte, dann dachte ich immer: je schuldiger er vor mir sein wird, um so besser ... Ja! Und weißt du: immer schien es mir, daß er ein kleiner Junge sei: ich sitze da, er legt seinen Kopf auf meinen Schoß und schläft ein, dann streiche ich ihm leise übers Haar ... Immer habe ich ihn mir so vorgestellt, wenn er nicht bei mir war ... Weißt du, Wanjä,“ wandte sie sich plötzlich an mich, „wie reizend ist doch Katjä!“
Ich fühlte es, daß sie mit Absicht ihre Wunde aufriß, als fühlte sie ein Bedürfnis – ein Bedürfnis, der Verzweiflung und des Leides ... Das geschieht oft mit Herzen, die viel verloren haben!
„Wie es mir scheint, wird Katjä ihn glücklich machen,“ fuhr sie fort. „Sie hat Charakter und spricht zu ihm so überzeugt, so ernst und überlegen – und stets von hohen Dingen, wie eine Erwachsene. Und dabei ist sie selbst – das reine Kind! Ein liebes, liebes Kind! Oh, möchten sie glücklich sein!“
Tränen und Schluchzen erschütterten ihren Körper. Ganze anderthalb Stunden konnte sie nicht zu sich kommen, sich irgendwie beruhigen.
Dieser Engel von Natascha! Und doch konnte sie noch an demselben Abend, trotz ihres Kummers, Teilnahme für mich und meine Sorgen haben, als ich ihr, um sie zu zerstreuen, von Nelly erzählte ... Wir trennten uns erst spät abends, ich wartete bis sie eingeschlafen war und bat Mawra, als ich fortging, heute nacht bei ihrer kranken Herrin zu wachen.
„Oh, schneller, schneller,“ dachte ich, als ich zu mir zurückkehrte, „schneller ein Ende mit diesen Qualen! Einerlei wodurch, einerlei wie, nur schneller, schneller!“