Sämtliche Werke 19

Part 38

Chapter 38881 wordsPublic domain

Noch einmal, zum letzten Male umarmte sie mich krampfhaft. Der Alte konnte es nicht fassen, daß sie sterben solle, konnte diese Möglichkeit überhaupt nicht zugeben. Bis zum letzten Augenblick stritt er noch mit uns und versicherte, daß sie unfehlbar gesund werden müsse. Er magerte sichtlich ab vor Sorge und saß ganze Tage und sogar Nächte hindurch an Nellys Bett. In den letzten Nächten schlief er überhaupt nicht. Den geringsten Wunsch suchte er ihr schon im voraus zu erfüllen, noch bevor sie ihn ausgesprochen hatte. Als er an jenem Tage, nachdem sie von uns Abschied genommen, zu uns ins andere Zimmer kam, weinte er bitterlich, doch bald begann er wieder zu hoffen und uns zu versichern, daß sie gesund werden müsse. Ihr Zimmer schmückte er täglich mit Blumen. Einmal kaufte er ein großes Bukett der schönsten roten und weißen Rosen und hatte deshalb einen weiten Weg zurückgelegt, nur um seiner kleinen Nelly eine Freude zu bereiten ... Natürlich regte sie sich darüber nicht wenig auf: war doch eine so große und so allgemeine Liebe etwas ganz Neues für sie. Der Alte wollte unter keiner Bedingung Abschied von ihr nehmen. Da lächelte Nelly ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, fröhlich zu scheinen und mit uns zu scherzen, ja sie lachte sogar ... Wenigstens verließen wir sie alle fast hoffnungsfreudig, doch am nächsten Tage hatte sie schon die Sprache verloren. Nach zwei Tagen starb sie.

Ich erinnere mich noch, wie der Alte ihren Sarg mit Blumen schmückte und wie verzweifelt er ihr abgezehrtes totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln und ihre schmalen gefalteten Händchen betrachtete. Er weinte, als habe er sein leibliches Kind verloren. Natascha, ich und überhaupt alle trösteten ihn, so gut wir zu trösten vermochten, doch er ließ sich nicht trösten und erkrankte nach ihrer Beerdigung sogar ziemlich schwer.

Anna Andrejewna gab mir das Amulett, das sie Nelly abgenommen hatte. Es enthielt nur einen Brief, den Nellys Mutter an den Fürsten geschrieben hatte. Ich las ihn durch. Sie wandte sich mit einem Fluch an ihn, sie sagte, daß sie ihm nicht vergeben könne; sie beschrieb ihr Leben in den letzten Jahren und schilderte das Schicksal, das ihre Tochter erwarte, und darauf flehte sie ihn an, doch etwas wenigstens für das Kind zu tun. „Es ist _Ihr Kind_,“ schrieb sie, „es ist Ihre Tochter und _Sie wissen es selbst, daß sie Ihre natürliche, Ihre rechtmäßige_ Tochter ist. Ich habe ihr gesagt, sie solle zu Ihnen gehen, wenn ich gestorben bin, und Ihnen diesen Brief übergeben. Wenn Sie das Kind nicht verstoßen, werde ich Ihnen _dort_ vielleicht noch vergeben, werde am Tage des Gerichts vor dem Throne Gottes niederknien und den Richter anflehen, Ihnen Ihre Sünden zu vergeben. Nelly weiß, was in diesem Brief steht: ich habe ihn ihr vorgelesen; ich habe ihr _alles_ erzählt, sie weiß _alles, alles_ ...“

Nelly hatte die Bitte der Mutter nicht erfüllt: sie war nicht zum Fürsten gegangen und unversöhnt gestorben.

Als wir von ihrer Beerdigung zurückkamen, gingen wir beide, Natascha und ich, in den Garten. Es war ein heißer, blendend lichtheller Tag. In einer Woche sollten sie abreisen. Natascha sah mich lange mit seltsamen Blicken an.

„Wanjä,“ sagte sie, „Wanjä, das war doch nur ein Traum.“

„Was war ein Traum?“ fragte ich.

„Alles, alles das,“ sagte sie, „alles, was in diesem einen Jahr gewesen ist. Wanjä, weshalb habe ich dein Glück zerstört?“

Und in ihren Augen las ich:

„Wir hätten beide so glücklich sein können!“

Fußnoten

[1] Kinderfrau. E. K. R.

[2] Dershawin, geb. 1743, gest. 1816: Justizminister und Verfasser von Memoiren.

[3] Lomonossoff, geb. 1711, gest. 1765: Schöpfer der modernen russischen Literatursprache, bekannt durch Oden an Katharina die Große. E. K. R.

[4] Koseform für Wladimir. E. K. R.

[5] Die orthodoxe Kirche gestattet offiziell auch die Ehe nicht zwischen entfernten Verwandten, selbst dann nicht, wenn keine Blutsverwandtschaft vorliegt. E. K. R.

[6] Kapitänswitwe.

Anmerkungen zur Transkription

Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung: Neunzehnter Band R. Piper & Co. Verlag, München und Leipzig, 1910.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen („“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben „ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender Namen und Begriffe wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Ssemjon (Semjon) Ssergejewitsch (Sergejewitsch) Ssimbirsk (Simbirsk) Walkowskij (Walkowsky) Wanjä (Wanja)

Auf Seite 353 wurde das Wort „ишь“ nicht übersetzt und statt dessen als „isch“ transliteriert. Es bedeutet in etwa „da!“ oder „schau!“. An allen anderen Stellen und auch in späteren Ausgaben wurde es sinngemäß so übersetzt.

Das letzte Kapitel („Letzte Erinnerungen“) ist sowohl im russischen Original als auch in späteren Ausgaben als „Epilog“ ausgewiesen.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, zum Teil unter Verwendung späterer Ausgaben und des russischen Originals, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 299]: ... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig. Ja, ... ... Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig war. Ja, ...