Part 26
„O, selbstverständlich nicht. Nur, was ist da zu machen, wenn gerade diese delikaten Seiten in der Hauptsache eine große Rolle spielen. Man kann sie doch nicht totschweigen. Doch übrigens, wie Sie wollen, lassen wir die Dachkammern in Ruh. Ich habe auch nichts für sie übrig, abgesehen von gewissen Fällen ...“ Er lachte widerlich. „Mich wundert ja nur eines: was für ein Vergnügen finden Sie daran, die Rolle der zweiten Person zu spielen? A propos, einer Ihrer Kollegen sagt ja wohl irgendwo in einem Werk, soviel ich mich entsinne, daß es vielleicht die größte Tat sei, wenn ein Mensch es verstehe, sich im Leben auf die Rolle einer zweiten Person zu beschränken ... Oder so etwas Ähnliches. Ich habe auch einmal ein Gespräch darüber gehört ... mit halbem Ohr. Ich weiß doch, daß Aljoscha Ihnen die Braut abspenstig gemacht hat, Sie aber wissen, gleich einem idealen Schiller, nichts besseres zu tun, als sich für sie noch aufzuopfern, sie womöglich zu bedienen oder sich von ihnen gar als Laufbursche benutzen zu lassen ... Verzeihen Sie, mein Lieber, aber das ist doch nur ein gewisses widerliches Spiel mit großmütigen Gefühlen ... Daß es Ihnen noch nicht langweilig geworden ist, begreife ich nicht! Man müßte sich doch eigentlich schämen. Ich würde an Ihrer Stelle, glaube ich, umkommen vor Ärger, aber in erster Linie würde ich mich doch schämen, schämen!“
„Fürst! Es scheint, daß Sie mich nur zu dem Zweck hergebeten haben, um mich zu beleidigen!“ Ich war fast außer mir vor Wut.
„O, nein, mein Freund, nein, ich bin im Augenblick ganz einfach nur ein Sachverständiger, der Ihr Bestes wünscht. Mit einem Wort, ich will der ganzen Geschichte einmal ein Ende machen. Doch vorläufig reden wir noch nicht von der ‚ganzen Geschichte‘, sondern hören Sie mich zuerst bis zu Ende an, und bemühen Sie sich, sich nicht aufzuregen, wenn auch nur für die Dauer von zwei Minuten. – Nun, also, was meinen Sie, sollten Sie nicht heiraten? Sie sehen, ich rede jetzt von ganz _Nebensächlichem_. Weshalb sehen Sie mich denn so erstaunt an?“
„Bitte, weiter, ich warte,“ antwortete ich. Ich sah ihn in der Tat verwundert an.
„O, da ist nichts zu erwarten. Ich wollte nur wissen, was Sie dazu sagen würden, wenn Ihnen jemand von Ihren Freunden, der Ihnen ein dauerhaftes, wahres Glück wünscht – nicht irgend so ein ephemerisches – ein junges, nettes Mädchen anböte, das aber ... bereits einiges durchgemacht hat. Ich rede ganz allegorisch, doch Sie verstehen mich hoffentlich, – nun, so ^à la^ Natalja Nikolajewna, selbstverständlich mit einer anständigen Entschädigung ... Vergessen Sie nicht, daß ich von einer Nebensache, nicht von _unserer_ Sache rede. Nun also: was würden Sie dazu sagen?“
„Ich sage Ihnen, daß Sie ... verrückt geworden sind.“
„Hahaha! Bah! Sie scheinen ja Lust zu haben, tätlich zu werden?“
Es fehlte allerdings nicht viel und ich hätte ihn geprügelt. Ich konnte es kaum noch aushalten! Ich hatte das Empfinden, einem Geschmeiß, einer riesigen ekelhaften Spinne gegenüber zu sitzen und ich brannte vor Verlangen, das scheußliche Tier platt zu schlagen, unter die Füße zu treten. Er ergötzte sich an seinem Spott, den er mit mir trieb, er spielte mit mir, wie eine Katze mit der Maus, denn er glaubte, mich ganz in seiner Gewalt zu haben. Es schien mir, daß er an seiner Schamlosigkeit ein gewisses Vergnügen fand; vielleicht empfand er sogar eine gewisse Wollust in dieser Gemeinheit, in diesem Zynismus, mit dem er vor mir plötzlich sich die Maske vom Gesicht riß. Er wollte sich an meiner Verwunderung, an meinem Schreck und Ekel weiden, wie es mir schien. Er verachtete mich aufrichtig und machte sich über mich lustig.
Ich hatte erraten, daß er einen besonderen Zweck verfolgte; ich befand mich aber in einer solchen Situation, daß ich ihn unter allen Umständen anhören mußte. Ich mußte es im Interesse Nataschas; ich mußte mich auf alles gefaßt machen und mußte alles ertragen, denn es war möglich, daß jetzt die Stunde gekommen war, in der sich ihr Schicksal entschied. Wer aber hätte diese zynischen, gemeinen Ausfälle auf ihre Rechnung kaltblütig anhören können? Und er begriff nur zu gut, daß ich gezwungen war, ihn anzuhören, was natürlich noch die Kränkung vergrößerte. „Übrigens bin auch ich ihm unentbehrlich,“ dachte ich bei mir und begann ihm schroff und verächtlich zu antworten. Er merkte es.
„Hören Sie, mein junger Freund,“ begann er plötzlich, mir ernst in die Augen schauend, „so können wir nicht fortfahren, deshalb ist es besser, wir verständigen uns sogleich. Ich, sehen Sie mal, ich hatte die Absicht, Ihnen einiges zu sagen; da müssen Sie aber schon so liebenswürdig sein und einwilligen, mich anzuhören, gleichviel was ich Ihnen auch erzähle oder sagen sollte. Ich wünsche so zu sprechen, wie ich will und wie es mir gefällt, und genau genommen ist es so auch ganz in der Ordnung, Nun, also wie steht es, mein junger Freund? Werden Sie Geduld haben?“
Ich bezwang mich und schwieg, obschon er mich plötzlich mit so beißendem Spott ansah, als wolle er mich absichtlich zu einer schroffen Weigerung herausfordern. Doch er erriet aus meinem Schweigen, daß ich einwilligte, alles anzuhören, und so fuhr er denn fort:
„Ärgern Sie sich nicht über mich, mein Freund! Worüber ärgern Sie sich denn, genau genommen? Einzig über eine äußere Form, nicht wahr? Sie haben doch von mir im Grunde nichts anderes erwartet, gleichviel wie ich mit Ihnen spreche: ob mit parfümierter Höflichkeit oder so wie jetzt; folglich bliebe doch der Sinn immer ein und derselbe. Sie verachten mich, nicht wahr? Sehen Sie doch, wieviel liebe Einfachheit, Aufrichtigkeit und Bonhomie in mir ist! Ich gestehe Ihnen alles, sogar meine Kinderlaunen. Ja, ^mon cher^, ja, ein wenig mehr Bonhomie auch Ihrerseits und wir würden uns vorzüglich aussprechen, würden in allen Punkten einig werden und uns gegenseitig vollkommen verstehen. Über mich aber wundern Sie sich nicht. Ich habe diese ganze Unschuld, Aljoschas Hirtenlieder und Schäferspiele, dieses ganze Schillerianertum und alle die Ideale in diesem verwünschten Verhältnis mit jener Natascha – übrigens an sich ein nettes Mädchen – wie gesagt, alles dies habe ich jetzt so satt, daß ich mich ganz unwillkürlich der Gelegenheit freuen muß, mich über diesen ganzen Rummel gründlich lustig machen zu können. Nun und da haben wir denn jetzt die Gelegenheit. Hinzu kommt, daß ich ja sowieso einmal mein Herz Ihnen ausschütten oder meine Seele vor Ihnen ausbreiten wollte. Hahaha!“
„Sie setzen mich in Erstaunen, Fürst. Ich verstehe Sie nicht. Sie verfallen in den Ton eines Hanswurst; diese plötzlichen Offenbarungen ...“
„Hahaha! Das ist ja doch teilweise ganz richtig! Ein allerliebster Vergleich! Hahaha! Ich _gehe durch_, mein Freund, ich _gehe durch_, ich bin froh und zufrieden, nun, und Sie, mein Poet, Sie müssen alle nur mögliche Nachsicht mit mir haben und sich dazu bequemen, aus Ihren Höhen tief herabzusteigen. Doch lassen Sie uns trinken!“ unterbrach er sich, in äußerster Zufriedenheit mit sich selbst, und er füllte die Gläser nach. „Sehen Sie, mein Freund, allein schon dieser eine dumme Abend bei Natascha – erinnern Sie sich? – gab mir den Rest. Freilich war sie selbst sehr nett anzusehen in jenem Augenblick, aber nichtsdestoweniger verließ ich sie doch in entsetzlicher Wut und das will ich nicht vergessen. Weder vergessen noch verheimlichen. Natürlich wird auch meine Zeit mal kommen und sie nähert sich ja schon rapid, doch vorläufig lassen wir das aus dem Spiel. Indes wollte ich Ihnen erklären, daß ich einen sehr beachtenswerten Charakterzug besitze, den Sie noch nicht kennen: das ist, daß mir nichts so verhaßt ist, wie alle diese ekelhaften, nichtswürdigen, billigen Naivitäten ^et toutes ces pastourelles^; und einer der pikantesten Genüsse war für mich stets, zuerst selbst in dieser Tonart zu singen, irgend so einen ewig jungen Schiller zu entzücken, fast sogar zu begeistern für mich, und dann ihn plötzlich wie mit einem Keulenschlage zu betäuben, plötzlich die begeisterte Maske herunterzureißen und ihm eine Grimasse zu schneiden, ihm die Zunge zu zeigen, und das gerade in dem Augenblick, wenn er am allerwenigsten eine solche Überraschung erwartete. Wie? Sie begreifen das nicht, Sie finden es vielleicht schändlich, dumm, gemein, nicht?“
„Selbstverständlich finde ich das.“
„Sie sind ziemlich aufrichtig. Nun, aber was kann ich dafür, wenn diese Kerls mich schließlich quälen! Auch ich bin dumm genug, aufrichtig zu sein, aber das ist nun mal mein Charakter. Übrigens will ich Ihnen noch so einige Episoden aus meinem Leben erzählen. Sie werden mich dann besser verstehen und das wird sehr interessant sein. Ja, Sie haben recht, ich erinnere heute vielleicht wirklich an einen Hanswurst, aber ein Hanswurst ist doch aufrichtig, nicht wahr?“
„Hören Sie, Fürst, es ist jetzt spät und wirklich ...“
„Was? Gott, welche Ungeduld! Was eilt denn so? Lassen Sie uns doch ein wenig sitzen, wir können bei der Gelegenheit ganz freundschaftlich und aufrichtig reden, so, wissen Sie, beim Glase Wein, wie es sich guten Freunden ziemt. Sie glauben, ich sei betrunken? Na, um so besser für Sie! Hahaha! In der Tat, diese freundschaftlichen Zusammenkünfte bleiben einem nachher immer so lange noch im Gedächtnis und man denkt mit solch einer Wonne an sie zurück. Sie sind kein guter Mensch, Iwan Petrowitsch! Es ist keine Sentimentalität in Ihnen, Sie gehören nicht zu den Gefühlvollen. Nun, was macht es Ihnen denn aus, ein bis zwei Stunden für solch einen Freund zu opfern, wie ich es bin? Außerdem gehört das doch durchaus zur Sache ... Wie sollten Sie denn das nicht verstehen, – Sie, ein Schriftsteller noch dazu! Sie müßten doch den Zufall einfach segnen. Sie können ja mich als Modell benutzen und einen großartigen Typ schaffen, hahaha! Gott, wie reizend offenherzig ich heute bin!“
Der Wein stieg ihm augenscheinlich schon zu Kopf. Sein Gesicht veränderte sich und nahm einen gewissermaßen verbissenen boshaften Ausdruck an. Offenbar empfand er das Verlangen, zu verletzen, zu verspotten, womöglich zu beißen. „Ganz gut, daß er betrunken ist,“ dachte ich, „ein Betrunkener ist immer schwatzhaft und verrät sich in der Regel.“ Doch ich täuschte mich: er vergaß sich keinen Augenblick und verfolgte einen besonderen Zweck.
„Mein Freund,“ hub er an – ersichtlich war ihm das Reden ein Genuß – „ich habe Ihnen soeben ein Geständnis gemacht, das vielleicht nicht ganz am Platze war. Ich meine, daß ich bisweilen den unbezwingbaren Wunsch empfinde, irgend jemandem unter gewissen Umständen die Zunge zu zeigen. Zum Dank für diese meine naive und gutmütige Offenheit vergleichen Sie mich mit einem Hanswurst, was mich von Herzen erheitert hat. Doch wenn Sie mir darob Vorwürfe machen wollen, oder sich darüber wundern, daß ich Ihnen gegenüber unhöflich oder sogar unanständig sei, kurz – plötzlich einen anderen Ton angeschlagen habe, so sind Sie durchaus im Unrecht. Erstens paßt es mir nun einmal so, und zweitens bin ich nicht bei mir, sondern mit _Ihnen_ ... will sagen, wir gehen jetzt beide _durch_, wie es gute Freunde öfters tun; und drittens – liebe ich über alles Launen. Wissen Sie auch, daß ich einmal aus Laune sogar Metaphysiker und Philantrop gewesen bin und mich fast mit denselben Ideen abgegeben habe, wie Sie heute? Übrigens liegt das so unendlich weit zurück, – in den goldenen Tagen meiner Jugend war es mal! Ich weiß noch, ich fuhr damals auf mein Gut, getragen von den humansten Absichten und, versteht sich, grämte mich und sehnte mich ganz gottverboten. Aber Sie glauben nicht, was dann mit mir geschah: vor lauter Langeweile begann ich, bei netten Mädchen Zerstreuung zu suchen ... Schneiden Sie schon wieder eine Grimasse? O, mein junger Freund! Wir sind doch ganz unter uns und sind gute Freunde! Wann soll man denn sonst durchgehen, wann sich einmal auftun, alle Hüllen zurückschlagen! – ich bin doch eine russische Natur, eine unverfälschte russische Natur, bin Patriot, – wie sollte ich es da nicht lieben! Und man muß doch den Augenblick erhaschen und das Leben genießen. Sterben wir – was gibt’s dann noch? Nun, und so trieb ich es denn mit den Mädeln. Ich entsinne mich noch, eine Hirtin hatte einen Mann, ein hübscher junger Bursche war’s. Ich bestrafte ihn schmerzhaft und wollte ihn unter die Soldaten stecken – vergangene Zeiten, mein Poet! – tat es aber dann doch nicht. Er starb in meinem Krankenhause ... Ich hatte doch auf meinem Gut ein Krankenhaus errichtet, für zwölf Betten – großartig! Sauberkeit, parkettierter Fußboden und so weiter ... Jetzt ist es natürlich schon längst eingegangen, damals aber war ich sehr stolz auf mein Werk: ich war doch Philantrop! Nun, den Burschen aber hatte ich seines Weibchens wegen dort zu Tode geprügelt ... Ja, aber weshalb fabrizieren Sie denn schon wieder eine Grimasse? Es ekelt Sie an? Empört Ihre edlen Gefühle? Na, na, beruhigen Sie sich. Das ist ja schon lange her. Das tat ich damals, als ich Romantiker war, als ich ein Wohltäter der Menschheit werden und eine Philantropische Gesellschaft gründen wollte ... ich war eben in solches Fahrwasser hineingeraten. Damals drosch ich denn auch. Jetzt unterlasse ich es; jetzt muß man Grimassen schneiden; das tun wir doch jetzt alle, – es ist nun mal solch eine Zeit ... Doch am meisten amüsiert mich im Augenblick dieser Dummkopf Ichmenjeff. Ich bin überzeugt, daß er von diesem ganzen Vorfall mit dem Burschen unterrichtet war ... und was glauben Sie? Einzig aus Herzensgüte, da sein Herz aus Jungfernhonig geschaffen zu sein scheint, und weil er sich damals in mich geradezu verliebt hatte – entschloß er sich, keinem Wort davon Glauben zu schenken und – tat es auch nicht! Verstehen Sie: er glaubte dem Beweise nicht, leugnete die Tatsache und stand zwölf Jahre lang wie ein Fels für mich ein, bis es ihm dann selbst an den Kragen ging. Hahaha! Na, das ist ja doch alles Unsinn! Trinken wir, mein junger Freund: Sagen Sie: wie verhalten Sie sich zu den Weibern? Lieben Sie sie?“
Ich antwortete nichts. Ich biß die Zähne zusammen und hörte nur zu. Er hatte bereits die zweite Flasche begonnen.
„Ich rede mit Vorliebe abends nach dem Essen von ihnen. Soll ich Sie nicht nachher mit einer bekannt machen – Mademoiselle Philiberte, zum Beispiel – wie? Was meinen Sie? Ja, was fehlt Ihnen denn? Sie wollen mich nicht einmal ansehen ... hm!“
Er dachte nach. Doch plötzlich hob er den Kopf, sah mich ganz eigentümlich an und fuhr fort:
„Sehen Sie, mein Poet, ich will Ihnen ein Naturgeheimnis aufdecken, eines, das Ihnen, wie es scheint, noch ganz unbekannt ist. Ich weiß, daß Sie mich im Augenblick einen Sünder, vielleicht sogar einen Schurken, ein Monstrum der Verderbnis und des Lasters nennen. Doch hören Sie, was ich Ihnen sagen werde. Wenn es nur möglich wäre – ^en parenthèse^: der menschlichen Natur gemäß ist es absolut unmöglich – also, wenn es möglich wäre, daß ein jeder von uns sein ganzes Innenleben beschriebe, jedoch so, daß er nicht nur das, was er für keinen Preis den Menschen sagen, nicht nur das, was er nicht einmal seinem besten Freunde verraten würde, sondern sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt, einmal mit größter Wahrheitstreue beschriebe, so würde es doch in der Welt einen solchen Gestank geben, daß wir alle ersticken müßten. Deshalb sind denn auch, nochmals ^en parenthèse^, unsere gesellschaftlichen Anstandsregeln und Gesetze so zweckentsprechend und segensreich. Es liegt ein tiefer Gedanke in ihnen, – ich will nicht sagen, daß es gerade ein sittlicher sei, aber einfach ein erhaltender, bequemer, was natürlich noch besser ist, denn die Sittlichkeit ist ja doch im Grunde nur Bequemlichkeit ... das heißt, ich meine, sie ist doch einzig zur Bequemlichkeit erfunden. Doch von den Anstandsregeln später, ich komme immer wieder vom Thema ab – erinnern Sie mich nachher daran. Sie beschuldigen mich der Lasterhaftigkeit, Ausschweifung, Unsittlichkeit, während man mir doch jetzt vielleicht nur das eine vorwerfen könnte, daß ich _aufrichtiger_ bin als die anderen, und weiter nichts; daß ich das nicht geheim halte, was die anderen sogar vor sich selbst verbergen, wie ich vorhin sagte. Das ist allerdings eine Schändlichkeit von mir, aber ich will es nun einmal so. Übrigens – beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach er sich mit einem spöttischen Lächeln, „ich sagte ‚vorwerfen‘, aber ich will mich ja durchaus nicht entschuldigen oder Sie um Entschuldigung bitten. Und beachten Sie auch das noch: ich will Sie nicht in Verlegenheit setzen, indem ich Sie frage: ‚haben Sie nicht auch ähnliche Geheimnisse?‘ – um mit Ihren Geheimnissen dann auch mich in etwas zu rechtfertigen ... Ich handle also anständig und gentlemanlike. Überhaupt ist letzteres stets meine Richtschnur ...“
„Sie sind einfach ins Schwätzen gekommen,“ sagte ich und sah ihn mit Verachtung an.
„Ins Schwätzen ... hahaha! Und wenn man bedenkt, welche Frage Sie dabei am meisten plagt! Soll ich’s sagen? Sie fragen sich: weshalb hat er mich hierhergeschleppt und plötzlich mir nichts dir nichts angefangen, mir alles das zu erzählen? Hab ich’s getroffen?“
„Ja.“
„Na, das werden Sie später erfahren.“
„Die einfachste Antwort ist aber: Sie haben zwei Flaschen Wein getrunken und sind ... berauscht.“
„Das heißt, einfach betrunken. Auch das ist möglich. ‚Berauscht‘! Das ist ja wohl eine höflichere Ausdrucksform. O, Sie in Zartgefühl getauchter Mann! Aber ... ich glaube, wir verfallen schon wieder in Liebenswürdigkeiten und begannen doch gerade mit einem so interessanten Thema. Ja, was ich sagen wollte, mein Poet: wenn es in der Welt noch etwas Reizendes und Süßes gibt, so sind es die Weiber.“
„Ich verstehe nicht, Fürst, weshalb es Ihnen eingefallen ist, gerade mich zum Zuhörer zu wählen, wenn Sie Ihre Geheimnisse und Liebes ... erlebnisse zum besten geben wollen.“
„Hm! ... Ja – aber ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß Sie das nachher erfahren werden. Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, nehmen Sie meinethalben an, daß überhaupt kein besonderer Grund vorliegt. Sie sind doch ein Dichter, Sie werden mich verstehen – doch das habe ich Ihnen ja schon gesagt. Es liegt eine besondere Art Wollust in diesem plötzlichen Abreißen der Maske, in diesem Zynismus, in dem sich der Mensch einem anderen plötzlich so zeigt, daß er ihn nicht einmal würdigt, sich vor ihm zu schämen. Ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war einmal in Paris ein verrückter Beamter; später wurde er in einer Irrenanstalt untergebracht, als man sich vollends überzeugt hatte, daß er verrückt war. Nun, also dieser Mann hatte sich folgendes zu seinem Vergnügen erdacht: er entkleidete sich zu Hause vollständig, nur die Stiefel behielt er an, nahm sich dann einen weiten Mantel um, der fast bis zu den Fersen reichte, hüllte sich in ihn ein und ging dann mit ernster, erhabener Miene hinaus auf die Straße. Von der Seite gesehen – ein Mensch in einem Mantel spaziert dort wie alle anderen zu seinem Vergnügen. Sobald es sich aber so machte, daß ihm jemand entgegenkam, ringsum aber kein anderer Mensch zu sehen war, so ging er mit dem ernstesten und vertrauenerweckendsten Gesicht auf ihn zu, blieb dann plötzlich vor ihm stehen, schlug seinen Mantel auf und zeigte sich in seiner ganzen ... Naturtreue. Das dauerte nur einen Augenblick, dann hüllte er sich wieder ein und schritt stumm, ohne auch nur mit einem Gesichtsmuskel zu zucken, an dem sprachlos ihn Anstarrenden vorüber, ruhig, majestätisch, wie der Geist von Hamlets Vater. So tat er es mit allen, Männern, Frauen, Kindern, und darin bestand sein ganzes Vergnügen. Nun, einen Teil dieses Vergnügens kann man auch dann empfinden, wenn man einem jungen Schillerianer plötzlich einen solchen Keulenhieb versetzt und ihm die Zunge zeigt in einem Augenblick, in dem er am wenigsten so etwas erwartet. Hm, – wie gefällt Ihnen das Wörtchen ‚Keulenhieb‘? Ich habe es irgendwo in unserer – pardon! – in Ihrer modernen Literatur aufgestöbert.“
„Jener war ein Verrückter, Sie aber ...“
„Ich aber bin bei vollem Verstande?“
„Ja.“
Der Fürst begann zu lachen.
„Sie urteilen sehr richtig, mein Lieber,“ fügte er mit der unverschämtesten Miene nur kurz hinzu.
„Fürst,“ begann ich empört über seine Frechheit, „Sie hassen uns und jetzt wollen Sie sich an allen und für alles rächen. Und das tun Sie nur aus der kleinlichsten Eigenliebe heraus. Sie sind boshaft, und kleinlich boshaft. Wir haben Sie geärgert; und vielleicht ärgern Sie sich noch mehr als über alles andere zusammengenommen über – jenen Abend! Selbstverständlich konnten Sie sich dafür mit nichts so gut an mir rächen als mit dieser grenzenlosen Verachtung, die Sie mir jetzt bezeugen. Sie lassen sogar die alltäglichste Höflichkeit, um nicht zu sagen Anständigkeit zu der wir alle verpflichtet sind, außer acht. Sie wollen mir so deutlich wie möglich zeigen, daß Sie sich nicht einmal vor mir schämen – da ich es in Ihren Augen wohl auch nicht ‚wert‘ bin –, indem Sie so unverhohlen und unerwartet Ihre scheußliche Maske abreißen und sich in einem sittlichen Zynismus präsentieren, der ...“
„Wozu sagen Sie mir denn das alles?“ fragte er, mich frech und boshaft betrachtend. „Um Ihren Scharfblick zu beweisen?“
„Um zu beweisen, daß ich Sie durchschaue und um Ihnen das mitzuteilen.“