Part 25
„So mache ich es auch immer,“ unterbrach sie mich, – offenbar wollte sie an diesem Abend noch über vieles mit mir reden. „Sobald ich es einmal nicht weiß, frage ich gleich mein Herz, und wenn es ruhig ist, dann bin auch ich ruhig. Und so muß man es auch immer machen. Und mit Ihnen spreche ich deshalb so aufrichtig, als spräche ich mit mir selbst, weil Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und weil ich Ihre ganze frühere Geschichte mit Natascha, bevor sie Aljoscha liebgewann, kenne, und ich habe geweint als ich sie hörte.“
„Wer hat sie Ihnen denn erzählt?“
„Aljoscha natürlich, und er hatte selbst Tränen in den Augen, als er erzählte. Das war sehr gut von ihm und das hat mir auch sehr gefallen. Ich glaube, daß er Sie mehr liebt, als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen Sie, gerade diese Züge sind es, die mir an ihm gefallen. Nun, und dann zweitens rede ich deshalb so offen mit Ihnen, weil Sie ein sehr kluger Mensch sind und mir in vielen Dingen raten und mich belehren können.“
„Woher wissen Sie, daß ich so klug bin, daß ich Sie belehren könnte?“
„Ach, nun, wie soll ich das nicht wissen!“
Sie dachte nach.
„Ich habe ja nur so davon zusprechen begonnen; doch reden wir jetzt von der Hauptsache. Raten Sie mir, Iwan Petrowitsch! Sehen Sie, ich weiß doch, daß ich jetzt Nataschas Rivalin bin, was soll ich da nun tun? Deshalb fragte ich Sie auch: werden sie glücklich miteinander sein? Daran denke ich Tag und Nacht. Nataschas Lage ist so furchtbar, so furchtbar! Er hat doch schon ganz aufgehört, sie zu lieben und mich liebt er immer mehr. Nicht?“
„Es scheint so.“
„Und er betrügt sie doch gar nicht. Er weiß es ja selbst nicht, daß er aufhört, sie zu lieben, sie aber wird es bestimmt wissen. Da kann man sich denken, wie sie sich quält!“
„Was wollen Sie denn tun, Katherina Fedorowna?“
„Ich habe eine ganze Menge Projekte,“ antwortete sie ernst, „aber ich komme mit ihnen nicht zurecht. Deshalb habe ich Sie auch so ungeduldig erwartet, damit Sie mir helfen. Sie kennen das alles viel besser als ich. Sie sind ja doch jetzt geradezu ein Gott für mich, von dem ich alles erwarte. Also hören Sie: zuerst dachte ich so: wenn sie sich beide lieben, so müssen sie glücklich werden, und deshalb muß ich mich opfern und ihnen helfen. Nicht?“
„Ich weiß, daß Sie imstande wären, es zu tun.“
„Ja, zu Anfang, dann aber, als er öfter zu uns kam und mich immer mehr zu lieben begann, da wurde ich nachdenklich und jetzt frage ich mich: soll ich das Opfer bringen oder soll ich nicht? Das ist doch sehr schlecht von mir, nicht wahr?“
„Das ist schließlich nur natürlich,“ antwortete ich, „anders wäre es kaum denkbar ... Sie sind jedenfalls nicht schuld daran.“
„Das glaube ich nicht. Sie sagen es nur deshalb, weil Sie sehr gut sind. Ich denke aber nun, daß mein Herz wohl nicht ganz rein ist. Wenn mein Herz rein wäre, würde ich wissen, was ich zu tun habe. Doch – lassen wir das! Später erfuhr ich mehr von ihren Verhältnissen, einiges vom Fürsten, einiges von Mama, einiges auch von Aljoscha, und ich erriet, daß sie doch nicht so ganz zueinander passen müssen, und das haben Sie nun auch bestätigt. Da bin ich jetzt noch unentschlossen. Was nun? Denn wenn sie beide unglücklich werden würden, so würde es doch auch für sie nur besser sein, wenn sie sich trennen? Deshalb will ich mir nun von Ihnen alles ganz genau erzählen lassen und dann – so habe ich beschlossen – selbst zu Natascha fahren und mit ihr dann alles endgültig beschließen.“
„Ja, aber wie, das ist die Frage.“
„Ich werde zu ihr einfach sagen: ‚Sie lieben ihn doch mehr als alles auf der Welt, deshalb müssen Sie auch in erster Linie sein Glück wünschen: folglich müssen Sie sich von ihm trennen‘.“
„Was meinen Sie, wird es ihr sehr angenehm sein, so etwas zu hören? Und wenn sie einwilligt – wird sie auch fähig sein, es auszuführen?“
„Das ist es ja gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke und ... und ...“
Und sie brach in Tränen aus.
„Sie glauben nicht, wie leid mir Natascha tut ...“ murmelte sie mit zuckenden Lippen.
Was sollte ich sagen? Ich schwieg und hatte selbst nicht übel Lust, wie sie zu weinen, nur so, einfach aus einem Gefühl heraus, einem Gefühl, das so wie Liebe war. Welch ein liebes, liebes Kind sie ist! dachte ich. Natürlich fragte ich sie nicht weiter, weshalb sie denn von sich glaubte, daß sie Aljoschas Glück ausmachen könne.
„Sie lieben doch Musik?“ fragte sie, als sie sich ein wenig beherrscht hatte, doch war sie noch ganz nachdenklich gestimmt von den Tränen.
„Ja,“ antwortete ich etwas verwundert.
„Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen jetzt das dritte Konzert von Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Dort sind alle diese Gefühle ... ganz so wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. Doch davon nächstens, heute haben wir noch über Wichtigeres zu sprechen.“
Und es begannen die Beratungen, wie es anzustellen sei, daß sie mit Natascha zusammenkäme. Sie sagte, daß sie nicht ohne Begleitung das Haus verlassen dürfe; ihre Stiefmutter sei zwar gut zu ihr und habe sie lieb, doch werde sie nie und nimmer erlauben, daß sie, Katjä, Natalja Nikolajewnas Bekanntschaft mache. Daher habe sie sich zu einer List entschlossen. An manchen Vormittagen mache sie, wenn das Wetter schön sei, eine Spazierfahrt, doch fahre sie nie allein, sondern stets mit der Gräfin. Wenn diese aber aus irgend einem Grunde nicht mitfahren könne, begleite sie die Französin, die im Augenblick krank war. Das käme aber eigentlich nur dann vor, wenn die Gräfin Migräne habe, folglich mußte man warten, bis diese Migräne eintrat. Inzwischen aber mußte die Französin – ein altes Fräulein, das so etwas wie eine Gesellschafterin war – „gewonnen“ werden, was gewiß nicht schwer fallen könne, denn sie sei sehr gut. Das Ergebnis war also, daß es ganz unmöglich sei, im voraus zu bestimmen, wann sie Natascha ihren Besuch machen könne.
„Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen,“ sagte ich. „Sie will Sie selbst sehr gern kennen lernen, und das ist durchaus notwendig, damit sie wenigstens weiß, wem sie Aljoscha übergibt. Im übrigen aber brauchen Sie sich das alles gar nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Zeit wird auch ohne Ihre Sorgen alles entscheiden. Sie werden doch aufs Land fahren?“
„Ja, bald, vielleicht schon in einem Monat,“ sagte sie. „Ich weiß, daß der Fürst darauf besteht.“
„Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen dorthin fahren?“
„Das ist es, woran ich soeben dachte!“ sagte sie und sah mich unverwandt an. „Er wird doch wohl?“
„Zweifellos.“
„Mein Gott – ich weiß nicht, was daraus noch werden soll! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen alles schreiben, ich werde Ihnen sehr oft schreiben und sehr viel. Ich bin nun einmal Ihr Plagegeist geworden. Werden Sie uns oft besuchen?“
„Ich weiß es nicht, Katherina Fedorowna, das hängt von den Umständen ab. Vielleicht werde ich hier überhaupt nicht wieder erscheinen.“
„Weshalb denn nicht?“
„Das wird eben von verschiedenen Fragen abhängen, doch hauptsächlich – von meinem Verhältnis zum Fürsten.“
„Er ist ein unehrlicher Mensch,“ sagte sie überzeugt. „Aber wissen Sie, Iwan Petrowitsch, wie wäre es, wenn ich Sie einmal besuchen würde? Wenn ich an einem Vormittage meine Spazierfahrt mache? Wäre das gut oder wäre das nicht gut?“
„Wie finden Sie es?“
„Ich denke, daß es gut wäre. So, ganz einfach ... ich würde Sie eben einmal besuchen ...“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich sage es ja nur deshalb, weil ich Sie nicht nur sehr achte, sondern auch sehr liebe ... Und von Ihnen kann man vieles lernen. Und ich liebe Sie doch ... Aber ich brauche mich doch nicht deshalb zu schämen, weil ich so mit Ihnen spreche? ...“
„Weshalb sollten Sie sich schämen? Sie sind mir schon so lieb und wert, als hätte ich in Ihnen eine Blutsverwandte gefunden.“
„Wollen Sie nicht mein Freund sein?“
„O, von Herzen gern!“ sagte ich.
„Nun, die dort aber würden sagen, daß ich mich schämen müßte und daß ein junges Mädchen so nicht reden dürfe,“ bemerkte sie wieder mit einem auf die Gruppe am Teetisch weisenden Blick.
Ich muß hier bemerken, daß der Fürst uns, wie mir schien, absichtlich allein ließ, um uns die Möglichkeit zu geben, über Natascha und Aljoscha unter vier Augen nach Herzenslust zu sprechen.
„Ich weiß doch sehr gut, daß der Fürst es nur auf mein Geld abgesehen hat,“ fuhr sie fort. „Sie halten mich noch für ein vollständiges Kind, und sagen es mir ja auch ganz offen. Ich aber denke anders. Ich bin kein Kind mehr ... Seltsame Menschen sind es doch: sie sind ja noch selbst die richtigen Kinder. Sagen Sie mir nur: weshalb sorgen sie sich so?“
„Katherina Fedorowna, ich vergaß, Sie zu fragen: wer sind dieser Ljowinka und Borinka, die Aljoscha so oft besucht?“
„Das sind entfernte Verwandte von mir. Es sind sehr kluge und sehr anständige Jungen, aber sie sprechen so viel, daß es einem denn doch zu viel wird ... Ich kenne sie ...“
Und sie lächelte vor sich hin.
„Ist es wahr, daß Sie ihnen mit der Zeit eine Million schenken wollen?“
„Nun sehen Sie, zum Beispiel diese Million! Sie haben schon so viel davon gesprochen, daß es einem einfach unerträglich wird. Ich gebe natürlich gern zu allem Nützlichen, denn wozu hat man schließlich so viel Geld, nicht wahr? Aber es wird doch noch einige Zeit dauern, bis ich es werde tun können, sie aber tun so, als hätten sie bereits über das Geld zu verfügen, verteilen es, philosophieren, schreien, streiten über die beste Verwendung, ja sie geraten sich sogar in die Haare deswegen, so daß ich mich wirklich nur wundern kann. Sie haben es doch gar zu eilig. Aber dann sind sie doch wieder so nette Jungen, so herzlich in allem und ... klug sind sie. Sie lernen. Das ist doch immerhin besser als so, wie andere leben ... Nicht wahr?“
Und vieles sprachen wir noch. Sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben und hörte mit brennendem Interesse zu, wenn ich erzählte. Doch immer wieder wollte sie noch Näheres von Natascha und Aljoscha hören. Es hatte schon zwölf geschlagen, als der Fürst zu mir trat und damit das Zeichen zum Aufbruch gab. Ich verabschiedete mich. Katjä drückte mir fest die Hand und sah mich mit einem vielsagenden Blick an. Die Gräfin forderte mich auf, sie auch fernerhin zu besuchen. Ich verließ das Haus zusammen mit dem Fürsten.
Ich kann hier nicht umhin, eines seltsamen und vielleicht ganz unpassenden Eindruckes, den ich unter anderem aus dem dreistündigen Gespräch mit Katjä davontrug, Erwähnung zu tun: es war dies eine für mich selbst wunderliche, doch um so festere Überzeugung, daß sie noch so weit Kind war, daß sie das ganze Geheimnis der Beziehungen zwischen Mann und Weib überhaupt noch nicht kannte. Das verlieh einzelnen ihrer Äußerungen sowie dem ganzen ernsten Ton, mit dem sie von vielen äußerst wichtigen Dingen sprach, eine unendliche unfreiwillige Komik.
X.
„Was meinen Sie!“ sagte plötzlich der Fürst, als wir uns in den Wagen setzten. – „Wie wäre es, wenn wir jetzt zusammen zu Abend speisten?“
„Wirklich, ich weiß nicht, Fürst,“ antwortete ich unschlüssig. „Ich pflege nie zu Abend zu speisen ...“
„Selbstverständlich würden wir bei der Gelegenheit dann auch _reden_ können,“ fügte er bedeutsam hinzu, indem er mir mit einem halb spöttisch, halb heimtückisch lächelnden Blick unverwandt in die Augen sah.
Wie sollte ich das mißverstehen! „Er will sich aussprechen,“ dachte ich, „und das ist es ja gerade, worauf ich warte.“
Ich willigte ein.
„Also abgemacht. In die Große Moskaja zu B.,“ rief er dem Kutscher zu.
„Ins Restaurant?“ fragte ich ein wenig verwirrt.
„Ja. Wieso? Ich speise doch abends nur selten zu Hause. Erlauben Sie mir denn nicht, Sie aufzufordern?“
„Aber ich sagte Ihnen doch, daß ich mich überhaupt nicht daran gewöhnt habe, zu Abend zu speisen.“
„Nun, dieses eine Mal! Zudem habe ich Sie doch aufgefordert, mein Gast zu sein ...“
Das hieß: ich werde doch für dich zahlen. Ich bin überzeugt, daß er das mit Absicht hinzufügte. Ich widersprach nicht weiter, beschloß aber, im Restaurant selbst für mich zu zahlen. Der Fürst nahm ein einzelnes Zimmer und wählte mit Kennermiene drei Gänge. Das war alles sehr teuer, ebenso auch der feine Tischwein, den er dazu bestimmte, und daher nichts für meine Tasche. Ich warf einen Blick auf die Karte und bestellte für mich ein halbes Haselhuhn und dazu Lafitte.
„Wie, Sie wollen nicht mit mir speisen?“ fragte der Fürst ganz aufgebracht. „Aber das ... das ist ja geradezu lächerlich! Pardon, ^mon ami^, aber das ist doch wirklich ... übertriebene Pedanterie. Sie können doch in Ihrer Eigenliebe nicht so kleinlich sein. Das ist ja förmlich, als wollten Sie auf den Standesunterschied pochen, – ich wette, daß das im geheimen Ihre Absicht ist! Ich versichere Sie, Sie beleidigen mich einfach!“
Doch ich bestand auf meinen Willen.
„Nun – wie Sie wollen. Ich zwinge Sie nicht ... Sagen Sie, Iwan Petrowitsch, darf ich zu Ihnen einmal vollkommen freundschaftlich reden?“
„Ich bitte Sie darum.“
„Nun, dann sage ich Ihnen, daß Sie sich, meiner Meinung nach, durch solche Pedanterie nur schaden. Und dasselbe tun alle Ihre Kollegen. Sie sind Literat, Schriftsteller, Sie müssen die Welt kennen lernen, währenddessen ziehen Sie sich immer mehr zurück und wollen sich von allem fernhalten. Ich rede jetzt nicht von Haselhühnern, aber Sie sind ja doch bereit, auf jede Beziehung zu unseren Kreisen zu verzichten, das aber schadet Ihnen doch sicher. Ganz abgesehen davon, daß Sie dabei viel verlieren, – nun, zum Beispiel, was ihre Karriere betrifft und alles weitere, was daraus folgt – ganz abgesehen davon, sage ich, müßten Sie doch in erster Linie das kennen lernen, was Sie schildern. In solchen Novellen kann doch alles vorkommen, Grafen, Fürsten, Boudoirs ... Doch, was sage ich! Bei den Schriftstellern von heute dreht es sich ja jetzt um nichts anderes mehr als um Armut, verlorene Mäntel, Revisoren, verrückte Offiziere, Beamte, alte Jahrgänge und Sektiererleben, ich weiß, ich weiß ...“
„Sie irren sich, Fürst. Wenn ich mich nicht in den sogenannten höheren Kreisen bewege, so tue ich es nur deshalb nicht, weil es dort, erstens, langweilig ist, und zweitens, weil man dort nichts zu suchen hat. Doch schließlich bin ich auch hin und wieder ...“
„Ich weiß, beim Fürsten R., einmal im Jahr. Ich bin Ihnen ja dort mal begegnet. Aber die übrige Zeit des Jahres verknöchern Sie wie Ihre Kollegen in demokratischem Stolz irgendwo in kleinen Dachstuben. Freilich tun das nicht gerade alle. Es gibt unter ihnen auch solche Abenteuerjäger, daß es sogar mir ekelhaft zumute wird ...“
„Ich bitte Sie, Fürst, dieses Thema fallen zu lassen und unsere Dachstuben nicht weiter zu berühren.“
„Ach, mein Gott, da sind Sie schon gekränkt. Sie hatten mir doch erlaubt, vollkommen freundschaftlich mit Ihnen zu reden. Übrigens, ^je vous demande pardon^, ich habe ja noch mit nichts Ihre Freundschaft verdient. Der Wein ist nicht schlecht. Versuchen Sie ihn.“
Er schenkte mir ein halbes Glas ein – aus seiner Flasche.
„Nun, sehen Sie, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich begreife ja nur zu gut, daß es unanständig ist, seine Freundschaft einem anderen ungebeten aufzudrängen. Sind Sie doch der Meinung, daß wir alle Sie nur demütigend behandeln wollen. Nun, ich begreife auch sehr gut, daß Sie nicht aus Neigung zu mir hier sitzen, sondern weil ich versprochen habe, mit Ihnen zu _reden_. Nicht wahr, so ist es doch?“
Er lachte.
„Da Sie aber die Interessen einer gewissen Person im Auge haben, so sind Sie natürlich sehr gespannt darauf, was ich sagen werde. Nicht wahr?“ fragte er mit boshaftem Lächeln.
„Sie irren sich nicht,“ sagte ich nervös – ich sah, daß er einer von jenen war, die, wenn sie einen Menschen nur ein wenig in ihrer Macht wissen, es diesem sogleich zu fühlen geben möchten. Und ich war in seiner Macht. Sein Ton wurde mit jedem Satz familiärer, spöttischer, unverschämter. „Sie haben es erraten, Fürst; ich bin einzig zu diesem Zweck hergekommen, andernfalls würde ich wahrlich nicht ... so spät hier noch sitzen.“
Ich hatte sagen wollen: andernfalls würde ich wahrlich nicht in Ihrer Gesellschaft bleiben, unterließ es aber, und zwar nicht etwa aus Furcht vor ihm, sondern weil mein verwünschtes Zartgefühl es nicht erlaubte. In der Tat, wie soll man einem Menschen eine Grobheit ins Gesicht sagen, wenn er es auch noch so verdient hätte und ich ihm gerade eine Grobheit sagen wollte? Ich glaube, der Fürst erriet aus meinen Augen, was ich dachte und blickte mich die ganze Zeit spöttisch an, als mokiere er sich über meine Mutlosigkeit und als wolle er mir mit seinem Blick sagen: „Nun was, hast es nicht zu sagen gewagt, hast klein beigegeben? Ja, ja, Freundchen!“ Sicherlich waren das seine Gedanken, denn als ich meinen Satz beendet hatte, lachte er auf und klopfte mir mit einer gewissen protegierenden Liebenswürdigkeit aufs Knie.
„Du erheiterst mich, Freundchen,“ las ich in seinem Blick.
„Wart mal!“ dachte ich bei mir.
„Ich bin heute sehr vergnügt!“ rief er lachend aus, „und wirklich, ich weiß eigentlich gar nicht, weshalb. Ja, ja, mein Freund, ja! Gerade über diese Person wollte ich mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal aussprechen, und man muß doch auch zu einem Resultat kommen. Deshalb hoffe ich, daß Sie mich diesmal richtig verstehen werden. Vorhin begann ich mit Ihnen von jenem Gelde und der alten Schlafmütze von einem Vater, dem sechzigjährigen Säugling ... Na, es lohnt sich nicht, darüber noch Worte zu verlieren. Ich begann doch davon _nur so_! Hahah! Sie sind doch Dichter – haben Sie denn das nicht erraten? ...“
Verwundert sah ich ihn an. Ich fragte mich, ob er schon betrunken sein könne?
„Nun, was aber sein Töchterchen betrifft, so muß ich sagen, daß ich sie sehr achte, sogar liebe – versichere Sie! Sie ist zwar ein bißchen eigensinnig, aber schließlich: ‚keine Rose ohne Dorn‘, wie man vor fünfzig Jahren zu sagen pflegte, und das Wörtchen ist sogar sehr treffend. Dornen stechen, aber das ist ja gerade das Verlockende, und wenn auch mein Alexei ein Dummkopf ist, so habe ich ihm zum Teil doch schon verziehen – weil er einen so guten Geschmack bewiesen hat. Kurz, mir gefallen diese Mädchen und ich habe –“ er preßte vielsagend die Lippen zusammen – „sogar besondere Absichten ... Nun, davon später ...“
„Fürst! Hören Sie, Fürst!“ rief ich aus, „ich verstehe diese plötzliche Veränderung nicht, aber ... sprechen Sie von anderem, ich bitte Sie.“
„Sie regen sich schon wieder auf! Nun, gut ... ich werde das Thema wechseln. Nur – sehen Sie, was ich Sie fragen will, mein lieber Freund: achten Sie sie sehr?“
„Selbstverständlich!“ antwortete ich mit unhöflicher Gereiztheit und Ungeduld.
„Nun, nun ... und Sie lieben sie?“ fuhr er fort, mit einem widerlichen Lächeln mir zublinzelnd.
„Sie vergessen sich!“
„Nun, schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich nur. Ich bin heute bei erstaunlich guter Laune, das muß ich sagen! Ich bin so heiter gestimmt wie seit langer Zeit nicht mehr. Sollten wir nicht Champagner trinken? Was meinen Sie, mein Poet?“
„Ich werde keinen Champagner trinken, ich will nicht!“
„Nichts da! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft leisten. Ich fühle mich so wundervoll und bin von einer Güte, die fast an Sentimentalität grenzt, aber ich kann nicht allein glücklich sein. Wer weiß, vielleicht bringen wir es noch so weit, daß wir Brüderschaft trinken, hahaha! und ‚Du‘ zueinander sagen! Nein, nein, junger Freund, Sie kennen mich noch nicht! Ich bin überzeugt, daß Sie mich lieb gewinnen werden. Ich will, daß Sie heute Leid und Freud mit mir teilen, Heiterkeit und Tränen, obschon ich hoffe, daß ich ... wenigstens nicht weinen werde. Nun, wie steht’s, Iwan Petrowitsch? So bedenken Sie doch nur, daß, wenn nicht das geschieht, was ich will, meine ganze Inspiration zum Teufel gehen kann und Sie dann nichts mehr hören werden. Nun, Sie aber sind doch einzig zu dem Zweck hier, um etwas zu hören. Hab’ ich nicht recht?“ fragte er wieder mit einem frechen Blinzeln. „Nun, dann wählen Sie also.“
Die Drohung war nicht mißzuverstehen. Ich willigte ein. „Will er mich etwa betrunken machen?“ fragte ich mich. Übrigens dürfte es angebracht sein, hier eines Gerüchts, daß auch mir zu Ohren gekommen war, Erwähnung zu tun. Man erzählte vom Fürsten, daß er – der sich doch in der Gesellschaft stets tadellos und vornehm zeigte – mitunter nachts es wie der letzte Wüstling zu treiben liebte, sich toll und voll soff und sich dann heimlich der Ausschweifung hingab, ganz heimlich und gemein ... Ich hatte Scheußliches von ihm erzählen hören. Aljoscha wußte es, daß der Vater sich bisweilen betrank, suchte es aber vor allen zu verbergen, namentlich vor Natascha. Einmal verriet er sich unbedachtsamerweise im Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und überging die Antwort auf eine meiner diesbezüglichen Fragen. Von diesem Gerücht jedoch hatte ich andere erzählen hören, nur muß ich gestehen, daß ich es für leeres Geschwätz hielt und ihm keinen großen Glauben schenkte.
Ich wartete, was weiter geschehen würde.
Der Kellner erschien mit dem Champagner; der Fürst schenkte ein, sich und mir.
„Ein reizendes, reizendes Mädel! – wenn sie mich auch gescholten hat!“ fuhr er fort, mit Hochgenuß den Wein schlürfend. „Aber gerade in solchen Momenten sind ja diese reizenden Geschöpfe am reizendsten ... Und sie glaubte doch sicherlich, daß sie mich beschämt habe – Sie wissen doch: an jenem Abend? – daß ich einfach vernichtet sei! Hahaha! Und wie ihr das Erröten steht! Sind Sie ein Weiberkenner? Es gibt blasse Gesichter, denen ein plötzliches Erröten wundervoll steht, – ist Ihnen das nicht aufgefallen? Ach, mein Gott! Sie ärgern sich wohl schon wieder?“
„Ja, ich ärgere mich!“ sagte ich, ohne mich noch zu beherrschen. „Ich wünsche nicht, daß Sie jetzt von Natalja Nikolajewna sprechen ... das heißt, in einem solchen Tone. Ich ... ich erlaube Ihnen das nicht!“
„Oho! Nun, wie Sie wünschen; ich bereite Ihnen das Vergnügen und werde auf anderes übergehen. Ich bin ja doch nachgiebig und weich wie Wachs. Reden wir also von Ihnen. Ich liebe Sie, Iwan Petrowitsch. Wenn Sie wüßten, welch freundschaftliches, aufrichtiges Interesse ich für Ihr Schicksal empfinde ...“
„Fürst, wäre es nicht besser, wir kämen zur Sache?“ unterbrach ich ihn.
„Das heißt, zu _unserer_ Sache, wollen Sie sagen. Ich verstehe Sie auch ohne Worte, ^mon ami^, nur ahnen Sie gar nicht, wie nah wir die Sache berühren, wenn wir jetzt auf Sie zu sprechen kommen und wenn Sie mich, was ich hoffe, nicht wieder unterbrechen werden. Also ich fahre fort: ich wollte Ihnen nämlich sagen, mein teuerster Iwan Petrowitsch, daß so leben, wie Sie leben, einfach ein Sichzugrunderichten ist. Erlauben Sie mir einmal, dieses delikate Gebiet zu berühren; ich tu’s aus Freundschaft. Sie sind arm, Sie müssen sich von Ihrem Verleger einen Vorschuß zahlen lassen, um Ihre kleinen Schulden bezahlen zu können, und für das übrige leben Sie ein halbes Jahr nur von Tee und zittern in Ihrer Dachkammer vor Kälte, in der Erwartung des Augenblicks, wann endlich Ihr Roman erscheinen wird. Ist es nicht so?“
„Und wenn es auch so ist, so ist es doch ...“
„Doch ehrenwerter als stehlen, Bücklinge machen, Sporteln nehmen, intrigieren, nun, usw., usw. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen, das ist ja alles schon längst gedruckt!“
„Folglich dürfte es auch überflüssig sein, davon weiter zu reden. Muß ich Sie wirklich noch Takt lehren, Fürst?“