Sämtliche Werke 19

Part 24

Chapter 243,822 wordsPublic domain

Der „Diplomat“ – da ich seinen Familiennamen nicht kenne, nenne ich ihn den „Diplomaten“ – sprach ruhig und erhaben und verfocht irgend eine seiner Theorien. Die Gräfin hörte ihm aufmerksam zu, der Fürst lächelte zustimmend und der Redner wandte sich oft an ihn speziell, da er augenscheinlich glaubte, in ihm einen würdigen Zuhörer zu haben. Mir wurde Tee gereicht und dann ließ man mich vollkommen in Ruh, womit ich sehr zufrieden war, denn so konnte ich die Gräfin ungestört beobachten.

Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, warum sie mir im ersten Augenblick so gefiel, ja, fast sogar gegen meinen Willen gefiel. Vielleicht war sie nicht mehr jung, doch mir schien es, daß sie nicht über achtundzwanzig Jahre alt sein könne. Sie hatte noch so frische Farben und man sah es ihr an, daß sie in der Jugend sehr hübsch gewesen sein mußte. Ihr dunkelblondes reiches Haar stand ihr sehr gut; ihr Blick, der etwas unendlich Gutmütiges hatte, verriet aber gleichzeitig Flatterhaftigkeit, Leichtsinn, Spottlust und Schelmerei. Doch während der Rede des „Diplomaten“ gab sie sich ersichtlich Mühe, ernst und aufmerksam zu sein. Übrigens verriet ihr Blick auch Klugheit, aber am meisten sprachen aus ihm doch Gutmütigkeit und ein heiteres Gemüt. Es schien mir, daß ihre vorherrschende Eigenschaft ein gewisser Leichtsinn sei; eine gewisse Vergnügungssucht und ein gewisser gutmütiger Egoismus, der vielleicht sogar sehr groß war. Jedenfalls aber stand sie, wie ich auch schon gehört hatte, ganz unter der Vormundschaft des Fürsten, der gewiß einen großen Einfluß auf sie ausübte. Ich wußte, daß sie ein Verhältnis hatten, auch hatte ich gehört, daß er während ihres Aufenthaltes im Auslande ein auffallend wenig eifersüchtiger Liebhaber gewesen sei; mir aber schien es – und es scheint mir auch jetzt noch so – daß außer dem früheren Verhältnis sie beide noch etwas anderes verband, etwas zum Teil Geheimnisvolles, etwas in der Art einer gemeinsamen oder gegenseitigen Verpflichtung, die vielleicht in einer gewissen Berechnung beruhte ... Kurz, etwas Ähnliches mußte es jedenfalls sein. Auch wußte ich, daß sie dem Fürsten im Augenblick sehr lästig war, trotzdem aber bestand ihr Verhältnis noch fort. Es ist möglich, daß es gerade ihre Absichten bezüglich Katjä waren, die sie noch verbanden. Selbstverständlich rührten alle diese Pläne vom Fürsten her und nur auf Grund derselben hatte er der Gräfin den Gedanken an eine Heirat – sie soll in der Tat verlangt haben, daß er sie heirate – auszureden und sie sogar für seinen Plan, Aljoscha mit ihrer Stieftochter zu verheiraten, zu gewinnen vermocht.[5] Wenigstens glaubte ich das aus Aljoschas gelegentlichen Erzählungen zu erraten, denn schließlich war Aljoscha doch nicht völlig blind. Auch schien es mir nicht zum wenigsten nach dem, was ich von Aljoscha gehört – daß der Fürst einen bestimmten Grund haben mußte, die Gräfin zu fürchten, obschon er sie vollkommen beherrschte. Das hatte auch sogar Aljoscha bemerkt. Nachher erfuhr ich, daß der Fürst die Gräfin sehr gern mit jemandem verheiratet hätte und sie hauptsächlich deshalb beredet hatte, auf ihr Gut im Gouvernement Ssimbirsk zu reisen, in der Hoffnung, dort in der Provinz einen passenden Gatten für sie zu finden.

Ich saß und hörte zu, dachte aber eigentlich nur daran, wie ich es anstellen sollte, mit Katherina Fedorowna unter vier Augen zu sprechen. Der „Diplomat“ antwortete ausführlich auf eine Frage der Gräfin nach dem Stand der projektierten Reformen und ob sie denn auch wünschenswert seien. Er sprach viel und lange, ruhig und wie ein Mensch, der sich seiner Macht bewußt ist. Seinen Gedanken entwickelte er sehr klug und gut, doch war der Gedanke an sich widerlich. Mit besonderem Nachdruck hob er hervor, daß dieser ganze „Geist der Reformen und Veränderungen“ nur zu bald gewisse unerwünschte Früchte zeitigen werde, daß man dann angesichts der Früchte – freilich spät genug – wieder zur Vernunft kommen werde und die Gesellschaft – darunter verstand er wohl nur eine Kaste – sich nicht nur von den neuen Reformideen abwenden, sondern, nachdem sie deren Absurdität eingesehen, sich mit doppelter Energie der Erhaltung des Alten zuwenden werde. Ferner, meinte er, daß das allerdings traurige Experiment nur Vorteil bringen könne, denn es werde lehren, wie man dieses allein seligmachende Alte am besten aufrecht erhalten könne, kurzum, es werde neue Aufschlüsse bringen; folglich aber sei es sogar wünschenswert, daß man jetzt möglichst bald bis zur größten Unvorsichtigkeit vorgehe.

„Ohne _uns_ kann nichts bestehen,“ schloß er selbstbewußt, „ohne uns hat sich bisher noch keine Gesellschaft gehalten. Verlieren können wir nichts, im Gegenteil, wir können nur gewinnen, deshalb müßte unsere Devise im gegenwärtigen Augenblick sein: ^pire ça va, mieux ça est^!“

Der Fürst lächelte ihm wie in vollster Übereinstimmung zu, was mich geradezu ekelhaft berührte, während der Redner vollkommen mit sich zufrieden war. Ich war so dumm, daß ich ihm scharf widersprechen wollte, das Blut kochte in mir. Doch ein giftig spöttischer Blick des Fürsten hielt mich noch rechtzeitig davon ab: Dieser Blick glitt eigentlich nur ganz flüchtig über mich hinweg, doch mir schien es, daß der Fürst gerade irgend so einen jugendlich unüberlegten Ausfall meinerseits erwartete; ja, vielleicht wünschte er ihn geradezu, um sich daran zu ergötzen, wie ich mich kompromittieren würde. Außerdem war ich fest überzeugt, daß der „Diplomat“ meine Entgegnung unfehlbar ganz übersehen würde und vielleicht sogar noch mich dazu. Es ekelte mich geradezu, bei ihnen sitzen zu müssen. Da erlöste mich Aljoscha.

Er trat ganz leise an meinen Stuhl und berührte mich an der Schulter.

„Nur auf zwei Worte,“ raunte er mir zu.

Ich erriet sofort, daß Katjä ihn geschickt hatte. So war es auch. Nach wenigen Sekunden saß ich ihr gegenüber. Zuerst betrachtete sie mich nur sehr aufmerksam, als dächte sie bei sich: „Also so siehst du aus!“ und im ersten Augenblick fanden wir beide nicht das richtige Wort, um ein Gespräch anzuknüpfen. Nichtsdestoweniger war ich überzeugt, daß sie nur anzufangen brauchte, um dann womöglich bis zum Morgen sprechen zu können. Aljoschas einmal gemachte Bemerkung, daß er sich „_nur_ einige fünf bis sechs Stunden“ mit ihr habe unterhalten können, kam mir in den Sinn und ich lächelte im geheimen. Aljoscha saß bei uns und erwartete mit Ungeduld, wie und wovon wir sprechen würden.

„Weshalb redet ihr denn nicht?“ fragte er schließlich und er sah uns mit einem Lächeln an. „Da sitzt ihr nun beisammen und schweigt.“

„Ach, Aljoscha, wie du bist! ... Wir werden bald genug sprechen,“ sagte Katjä. „Wir haben über so vieles zu reden, Iwan Petrowitsch, daß ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander bekannt geworden ... aber ich kenne Sie ja schon längst. Und wie gern ich Sie sehen wollte! Ich dachte sogar daran, einen Brief an Sie zu schreiben ...“

„Weshalb das?“ fragte ich, unwillkürlich lächelnd.

„Als ob kein Grund vorhanden wäre,“ meinte sie ernst. „Nun, zum Beispiel, wenn auch nur, um zu erfahren, ob es wahr ist, was er von Natalja Nikolajewna sagt: daß sie sich nicht gekränkt fühle, wenn er sie allein läßt. Nun, sagen Sie doch, kann man überhaupt so handeln wie er? Nun, weshalb sitzt du jetzt hier, sage mir das doch gefälligst?“

„Ach, mein Gott, ich werde doch sofort hinfahren! Ich habe doch schon gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hier bleiben werde, nur um noch zu sehen, was ihr beide tut, und dann fahre ich sogleich zu ihr.“

„Ja, was tun wir denn beide? – nun, wir sitzen hier, – hast du es jetzt gesehen? Und so ist er immer!“ wandte sie sich an mich, mit dem Finger auf ihn weisend, während sie langsam errötete: „‚Nur einen Augenblick, nur einen Augenblick,‘ sagte er, und eh man sich verseht ist es wieder Mitternacht und dann ist es zu spät. ‚Sie wird mir nicht böse sein, sie ist so gut,‘ sagt er, und das ist alles, was er denkt! Was meinst du, ist das schön von dir, ist das hübsch?“

„Ja, aber ich werde ja sogleich hinfahren,“ sagte er ganz kläglich, „ich wollte nur so gern noch etwas bei euch bleiben ...“

„Was hast du denn von uns? Wir aber haben sehr vieles unter vier Augen zu beraten. Aber höre, du, sei deshalb nicht böse, das ist nämlich etwas sehr Notwendiges, – du verstehst doch?“

„Wenn es etwas Notwendiges ist, werde ich sogleich ... weshalb sollte ich da böse sein? Ich will nur noch auf einen Augenblick zu Ljowinka und dann – schnell zu ihr. Nur eines noch, Iwan Petrowitsch,“ fuhr er geschäftig fort, indem er sich bereits erhob, „Sie wissen doch, daß mein Vater auf das Geld, das er im Prozeß von Ichmenjeff gewonnen hat, formell verzichten will?“

„Ja, ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“

„Ist das nicht edel von ihm gehandelt? Was? Katjä will natürlich nicht glauben, daß es edel von ihm sei. Sprechen Sie mit ihr darüber. Auf Wiedersehen, Katjä, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha liebe. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb ihr mir alle diese Bedingungen aufladet, mir beständig Vorwürfe macht, mich beobachtet – ganz als stände ich unter eurer Aufsicht! Sie weiß es, daß ich sie liebe und sie glaubt an mich, und ich glaube ihr, daß sie an mich glaubt. Ich liebe sie so wie sie ist, ohne alle Verpflichtungen ... ich weiß nicht, wie ich sie liebe. Ich liebe sie eben einfach! Und deshalb braucht mich auch niemand ins Verhör zu nehmen wie einen Schuldigen. So frage doch Iwan Petrowitsch, – jetzt ist er hier und kann er es dir bestätigen, daß Natascha eifersüchtig ist, und wenn sie mich auch sehr lieb hat, so liegt doch in ihrer Liebe viel Egoismus, denn sie will mir doch nichts opfern.“

„Wie das?“ fragte ich verwundert – ich traute meinen Ohren nicht.

„Was fällt dir ein, Aljoscha!“ fuhr Katjä ganz entsetzt auf.

„Nun, ja; was ist denn dabei so Wunderliches? Iwan Petrowitsch weiß es ganz gut. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr sei. Oder wenn sie es auch nicht gerade verlangt, so sieht man doch, daß sie es gern haben möchte.“

„Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht!“ rief Katjä ganz rot vor Empörung aus.

„Weshalb soll ich mich denn schämen? Wie du wieder bist, Katjä! Ich liebe sie doch mehr als sie glaubt, wenn sie mich aber wirklich liebte, so wie es sich gehört, so wie ich sie liebe, dann würde sie mir sicherlich ihr Vergnügen opfern. Es ist ja wahr, sie schickt mich selbst fort, aber ich sehe es doch an ihrem Gesicht, daß es ihr schwer fällt, folglich ist es für mich ebenso, als würde sie mich nicht fortlassen.“

„Nein, das stammt nicht von ihm!“ wandte sich Katjä wieder an mich und ihre Augen blitzten vor Zorn. „Gestehe Aljoscha, gestehe sofort, daß alles das dein Vater dir gesagt hat? Hat er es dir heute gesagt? Bitte, versuche mich nicht zu täuschen: ich werde ja doch die Wahrheit erfahren! Nun, sprich!“

„Ja, er sagte es mir heute,“ gestand Aljoscha ein wenig verwirrt. „Was ist denn dabei? Er sprach so freundlich mit mir, wirklich, ganz wie zu seinem Freunde, und von ihr sprach er nur Gutes, wirklich, er lobte sie sehr, so daß ich mich sogar wunderte: sie hat ihn doch so beleidigt, er aber lobt sie noch.“

„Und Sie, Sie haben ihm Glauben geschenkt,“ sagte ich, „Sie, dem Natalja Nikolajewna alles hingegeben hat, alles, was sie nur zu vergeben hatte, und deren einzige Sorge ist und heute noch war, daß Sie sich bei ihr vielleicht langweilten, und wie sie es anstellen sollte, daß sie Sie nicht von einem Besuch bei Katherina Fedorowna abhielt. Das hat sie mir heute selbst anvertraut. Und plötzlich glauben Sie diesen falschen Worten! Schämen Sie sich nicht?“

„Du Undankbarer! Aber wie! – er schämt sich ja nie!“ sagte Katjä mit einer wegwerfenden Handbewegung, als sei er in ihren Augen doch ein total verlorener Mensch.

„Ja, aber was wollt ihr eigentlich!“ fuhr Aljoscha ganz kläglich fort. „Und immer bist du so, Katjä! Immer vermutest du in mir nur Schlechtes ... Von Iwan Petrowitsch rede ich schon gar nicht! Sie glauben, daß ich Natascha nicht liebe. Ich habe doch nicht in diesem Sinne von ihr gesagt, sie sei eine Egoistin. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu sehr liebt, so daß es schon alle Grenzen übersteigt, das aber wird sowohl für mich wie für sie bedrückend. Mein Vater aber wird mich nie betrügen können, selbst wenn er es wollte. Ich bin nicht so dumm. Und er hat auch das, daß sie eine Egoistin sei, durchaus nicht im schlechten Sinne gesagt; ich habe ihn sehr gut verstanden. Er sagte genau so, wie ich es wiederholte: daß sie mich viel zu sehr liebe, mich dermaßen liebe, daß ihre Liebe einfach zum Egoismus wird und sie dadurch mir und sich das Leben schwer macht, und in Zukunft wird sie es mir noch schwerer machen. Nun, das ist doch vollkommen wahr, was er gesagt hat, und er hat es doch nur aus Liebe zu mir gesagt und damit hat er doch von Natascha nichts Schlechtes gesagt; er hat, im Gegenteil, nur die Größe ihrer Liebe hervorgehoben, dieser Liebe ohne jedes Maß, der Liebe bis zur Unmöglichkeit ...“

Doch Katjä ließ ihn nicht zu Ende reden und unterbrach ihn heftig. Sie überschüttete ihn mit Vorwürfen und begann ihm zu beweisen, daß sein Vater nur deshalb Gutes von Natascha gesagt habe, um ihn, Aljoscha, durch diese scheinbare Güte für sich zu gewinnen und ihn dann heimlich und unmerklich gegen Natascha aufzuhetzen und sie so einander zu entfremden. Sie redete sich nach und nach in wahre Leidenschaft hinein und erklärte ihm erstaunlich richtig, wie Natascha ihn geliebt und wie keine Liebe das je verzeihen werde, was er ihr jetzt antue, und daß nicht sie, Natascha, sondern er selbst, Aljoscha, hier der Egoist sei. Aljoscha wurde sehr traurig und machte ein aufrichtig reumütiges Gesicht: ganz niedergeschlagen saß er neben uns, blickte zu Boden, entgegnete kein Wort mehr, und schien, nach seiner Leidensmiene zu urteilen, sich förmlich vernichtet zu fühlen. Doch Katjä sprach schonungslos weiter. Ich beobachtete sie mit lebhaftem Interesse, denn ich wollte diesem seltsamen Mädchen bis auf den Grund ihrer Seele schauen. Sie war noch ein vollständiges Kind, nur hatte dieses Kind schon manche selbst gewonnene Überzeugung und von sehr vielen Dingen ganz richtige Auffassungen. Und all das bei angeborener Liebe zum Guten und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie auch in der Tat noch ein Kind nennen konnte, so gehörte sie doch zu der Kategorie der „nachdenklichen“ Kinder, deren es in unseren Familien eine ziemliche Menge gibt. Wenigstens sah man, daß sie viel und auch selbständig gedacht hatte. Wie sollte es mich da nicht interessieren, in dieses denkende Kindergemüt hineinzuschauen und zu sehen, wie sich dort die kindlichsten Begriffe mit vollkommen ernst durchlebten Eindrücken und Lebensbeobachtungen – Katjä kannte bereits das Leben – und gleichzeitig mit ihr noch ganz unbekannten Ideen vermischten, mit Ideen und Gedanken, die sie nicht selbst entwickelt hatte, sondern die ihr, sagen wir: ganz abstrakt aufgefallen waren. Und solcher gab es in ihr offenbar noch eine ganze Menge, doch wahrscheinlich hielt sie sie alle für ihre eigenen Gedankenprodukte. Ich glaube, daß ich sie an diesem Abend und auch im Laufe unserer späteren Bekanntschaft sehr gut kennen gelernt habe. Sie hatte einen stolzen Charakter, doch ein empfängliches Herz. Mitunter hatte es den Anschein, als verachte sie jede Selbstbeherrschung, indem sie nichts als Wahrheit wollte, und jede Lebensregel nur für vereinbartes Vorurteil hielt; und offenbar war sie stolz auf diese ihre Überzeugungen, was bei vielen stolzen Menschen sogar auch in nichts weniger als in jungen Jahren vorkommen soll. Gerade das aber war es, was ihr einen ganz besonderen Reiz verlieh. Denken und die Wahrheit ergründen, damit beschäftigte sie sich viel, doch war sie darin so wenig pedantisch und außerdem machte sie so viele kindliche Ausfälle, daß man von vornherein ihre Originalität nett fand und sich vollkommen mit ihr aussöhnte. Ich dachte an „Ljowinka“ und „Borinka“ und ich fand alles in der besten Ordnung. Und seltsam: ihr Gesicht, in dem ich auf den ersten Blick nichts besonders Schönes entdeckt hatte, wurde an diesem Abend – wenigstens in meinen Augen – mit jeder Minute schöner und anziehender. Dieses naive Doppelspiel des jungen Kindes und des denkenden Weibes, dieses kindliche und doch im höchsten Grade aufrichtige Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, und der felsenfeste Glaube daran, daß sie in ihren Bestrebungen auf dem richtigen Wege war – alles das belebte ihr Gesicht mit einem ... ich möchte sagen: reflektierenden Licht, das ihre ganze aufrichtige Seele sichtbar werden ließ und diesem Gesicht eine ganz anders geartete, höhere, geistige Schönheit verlieh; und man begriff, daß die Bedeutung dieser Schönheit, die nicht sofort jedem gewöhnlichen, gleichgültigen Blick zugänglich war, sich nicht so schnell ergründen ließ. Und da sagte ich mir, daß Aljoscha bald leidenschaftlich an ihr hängen würde. Wenn er selbst auch nicht zu denken und zu urteilen verstand, so liebte er doch gerade diejenigen, die für ihn dachten und sogar für ihn zu denken wünschten, – Katjä aber hatte ihn schon ganz unter ihre Vormundschaft gestellt. Sie hatte ein offenes, reines Kinderherz, das alles Gute und Schöne begierig aufnahm, und bei ihrer kindlichen Aufrichtigkeit hatte sie ihm natürlich schon ihr ganzes Innenleben erschlossen. Aljoscha besaß keinen Atom von eigenem Willen, sie aber besaß einen sehr ausgeprägten, der sich sogar bis zur Leidenschaft begeistern konnte, und nur an einen solchen Menschen, der ihn zu beherrschen, ihm sogar zu befehlen verstand, konnte sich dieser Junge anschließen. Das hatte ihn in mancher Hinsicht auch an Natascha gefesselt –, doch hatte Katjä in dieser Beziehung viel vor der anderen voraus: sie war selbst noch ein Kind und – wird es noch lange bleiben, dachte ich: Diese ihre Kindlichkeit aber bei all ihrem klaren Verstande, und gleichzeitig ihr Mangel an Urteilskraft – das war es, was sie für Aljoscha passender machte, weshalb er sich auch immer mehr zu ihr hingezogen fühlte. Ich bin überzeugt, daß in ihren Gesprächen, wenn sie unter sich waren, neben Katjäs ernsten Ermahnungen und Zurechtweisungen, auch von Spielsachen die Rede war. Und deshalb mußte es Aljoscha bei Katjä, obschon sie ihm augenscheinlich oft den Kopf wusch und ihn überhaupt sehr im Zaum hielt, doch leichter sein als bei Natascha. Sie paßten besser zueinander und das war die Hauptsache.

„Gut, Katjä, schon gut, hör auf; es läuft doch immer darauf hinaus, daß du recht hast und nicht ich. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist als meine,“ sagte Aljoscha, und er erhob sich, um sich zu verabschieden. „Ich werde sogleich zu ihr fahren, zu Ljowinka aber werde ich nicht mehr gehen ...“

„Du hast dort auch nichts zu suchen, bei Ljowinka,“ meinte Katjä, „daß du aber jetzt gehorchst und zu ihr fährst, das ist sehr lieb von dir.“

„Und du bist mir tausendmal lieber als alle anderen,“ sagte der betrübte Aljoscha. „Iwan Petrowitsch, ich muß Ihnen noch zwei Worte sagen.“

Wir traten zur Seite.

„Ich habe heute schmählich gehandelt,“ flüsterte er, „es war eine Gemeinheit von mir, ich habe mich an allen versündigt, am meisten aber an ihnen, an Natascha und an ihr. Heute machte mich mein Vater nach dem Essen mit der Alexandrine bekannt – eine Französin, wissen Sie, ein bezauberndes Weib. Ich ... ließ mich hinreißen und ... nun, was soll man da reden, ich bin’s einfach nicht mehr wert, bei ihnen zu sein ... Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch!“ –

„Er ist ein guter, ein ehrlicher Mensch,“ begann Katjä sogleich eilig zu versichern, kaum daß ich mich wieder zu ihr gesetzt hatte, „doch wir werden noch viel zu reden haben, das eilt nicht, jetzt aber zuerst eine Frage: für was halten Sie den Fürsten?“

„Für einen sehr schlechten Menschen.“

„Ich auch. Also stimmen wir darin überein; das wird uns vieles erleichtern. Jetzt lassen Sie uns zuerst über Natalja Nikolajewna reden ... Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich saß hier wie im Dunkeln und erwartete Sie wie das Sonnenlicht. Sie müssen mir das alles erklären, denn gerade die Hauptsache ist mir völlig unklar, ich tappe da nur so im Dunkeln herum und habe keine weiteren Anhaltspunkte als das, was Aljoscha mir gelegentlich erzählt hat. Sonst aber habe ich hier doch keine Menschenseele, von der ich etwas erfahren könnte. Sagen Sie also, erstens – das ist das wichtigste – was meinen Sie, werden Aljoscha und Natascha glücklich miteinander sein oder nicht? Das muß ich ganz zuerst wissen, um mich endgültig entscheiden zu können, um genau zu wissen, was ich zu tun habe.“

„Wie kann man so etwas mit Bestimmtheit vorher sagen? ...“

„Ach, nein, so meinte ich es ja gar nicht, das kann natürlich kein Mensch,“ unterbrach sie mich rasch, „ich will nur wissen, wie es Ihnen scheint, – denn ich weiß, Sie sind ein sehr kluger Mensch.“

„Mir scheint es, daß sie nicht glücklich sein werden.“

„Weshalb nicht?“

„Sie passen nicht zueinander.“

„Das habe ich mir auch gedacht.“

Und sie faltete ihre Händchen wie in tiefer Trauer.

„Erzählen Sie, bitte, ausführlicher. Hören Sie: ich möchte furchtbar gern Natascha sehen. Ich muß mich mit ihr aussprechen und ich glaube, wir werden dann für alles die richtige Lösung finden. Jetzt versuche ich immer mir in der Phantasie vorzustellen, wie sie ist: sie muß furchtbar klug sein, ernst, wahrheitsliebend und sehr schön. Nicht?“

„Ja.“

„Das dachte ich mir. Nun, aber wenn sie so ist, wie hat sie sich dann in Aljoscha, in diesen Knaben, verlieben können? Erklären Sie mir das. Ich habe darüber schon oft nachgedacht.“

„Das läßt sich nicht erklären, Katherina Fedorowna. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie und weshalb man ihn so lieb gewinnen kann. Ja, er ist ein vollständiges Kind. Aber wissen Sie denn nicht, wie man ein Kind bisweilen liebgewinnen kann?“ Mein Herz wurde weich bei ihrer kindlichen Ehrbarkeit, während der Blick ihrer tiefen, ernsten Augen in erwartungsvoller Aufmerksamkeit unverwandt auf mir ruhte.

„Und je mehr Natascha selbst nicht einem Kinde gleicht,“ fuhr ich fort, „je ernster sie selbst ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er wird nie lügen, er ist von Herzen aufrichtig und überhaupt ist alles an ihm herzlich; er ist unglaublich naiv, bisweilen hat aber auch seine Naivität etwas Liebenswürdiges an sich. Vielleicht hat sie ihn – wie soll man das ausdrücken? ... aus einem gewissen Mitleid liebgewonnen. Das pflegt bei großmütigen Menschen mitunter vorzukommen ... Übrigens fühle ich, daß ich Ihnen nichts erklären kann, dafür aber möchte ich Sie etwas fragen: Sie lieben ihn doch?“

Ich sprach die Frage ganz ruhig aus, denn ich fühlte, daß ich weder durch ihre Plötzlichkeit, noch durch sonst etwas die kindliche Reinheit ihrer Seele trüben konnte.

„Bei Gott, ich weiß es noch nicht,“ antwortete sie leise und ihre klaren Augen sahen mich dabei so ehrlich an, „aber ich glaube, daß ich ihn sehr liebe ...“

„Nun, sehen Sie. Und können Sie es erklären, weshalb Sie ihn lieben?“

„Es ist nichts Gelogenes an ihm,“ antwortete sie nach einigem Nachdenken. „Und wenn er mir so gerade in die Augen sieht und dabei etwas zu mir spricht, so gefällt mir das sehr ... Hören Sie, Iwan Petrowitsch, da spreche ich jetzt mit Ihnen davon, und ich bin doch ein Mädchen und Sie sind ein Mann; ist das nun gut gehandelt oder schlecht?“

„Ja, was sollte denn hierbei schlecht sein?“

„Das ist es ja. Selbstverständlich: was sollte hierbei schlecht sein? Nun, die dort aber,“ – sie wies mit dem Blick auf die Gruppe am Teetisch – „würden sicherlich sagen, daß es nicht gut sei. Haben sie recht oder nicht recht?“

„Nein! Sie fühlen doch in Ihrem Herzen, daß Sie nichts Schlechtes tun, folglich ...“