Sämtliche Werke 19

Part 23

Chapter 233,792 wordsPublic domain

„Ich vermute, daß du ihm in dieser Angelegenheit behilflich gewesen bist, Masslobojeff.“

„Das ist es wohl, was du gerade wünschst?“

„Ich verstehe nur nicht, was du in _dieser_ Angelegenheit hast ausrichten können.“

„Ja, sieh mal: als sie nach Madrid zurückkehrte – nach zehnjähriger Abwesenheit – da hieß es vor allen Dingen: auskundschaften, unter welchem Namen sie lebte, wo der Bruderschaft geblieben war und wo der alte Vater, und ob es auch wirklich sie selber war und wie es mit dem Kinde stand, und dann, ob sie auch wirklich gestorben war und ob sie Papiere hinterlassen hatte, und so weiter in lieblicher Reihenfolge. Und dann gab es noch so diese und jene Persönlichkeit, die uns interessierte. Wie gesagt: er ist der gemeinste Mensch, der mir je in die Quere gekommen ist, hüte dich vor ihm, Wanjä! Was aber den Masslobojeff betrifft, so merke dir folgendes: nenne ihn nie und unter keinen Umständen einen Schuft! Denn wenn er auch einer ist – meiner Meinung nach ist jeder Mensch in irgendeiner Hinsicht unfehlbar ein Schuft – so hat er doch dir speziell nichts Übles getan. Ich bin zwar stark betrunken, Bruderherz, doch wenn du Ohren hast zu hören, dann höre jetzt: sollte es dir jemals, sei es jetzt, bald oder erst im nächsten Jahr, mal scheinen, daß Masslobojeff in irgendeiner Angelegenheit gegen dich intrigiert hat – und, bitte, vergiß nicht den Ausdruck ‚intrigiert‘ – so wisse, daß er nie eine böse Absicht gehabt hat. Masslobojeff beobachtet dich bloß. Und deshalb schenke keinem Verdacht Glauben, sondern sei gescheiter und komme dann persönlich zu diesem Masslobojeff und rede mit ihm mündlich und brüderlich. Nun, willst du jetzt nicht trinken?“

„Nein.“

„Aber wie verhältst du dich zu einem kleinen Imbiß?“

„Nein, Freund, entschuldige, aber ...“

„Na, dann pack dich zum Teufel, es ist auch schon zehn Minuten vor neun, – damit ist es Zeit für dich.“

„Wie? was? Jetzt hat er sich angetrunken und da jagt er selbst den Gast fort! So ist er ja immer! Ach, du Unverschämter!“ rief Alexandra Ssemjonowna ganz erschrocken aus; sie war fast dem Weinen nahe.

„Alexandra Ssemjonowna, laß ihn nur, er hat es eilig, und wir, meine Liebe, wir werden allein zurückbleiben und uns gegenseitig vergöttern. Er aber, weißt du, ist ein ganzer General! Nein, verzeih, Wanjä, du bist kein General, ich aber – ich, siehst du, ich bin – ein Schuft! Sieh mal, wie sehe ich jetzt aus? Als was stehe ich vor dir da? Vergib, Wanjä, verurteile mich nicht, laß mich mein Herz ausschütten ...“

Er umarmte mich und Tränen traten ihm in die Augen. Ich begann, mich zu verabschieden.

„Ach, mein Gott, und er geht auch wirklich! Und bei uns ist schon der ganze Abendbrottisch gedeckt!“ klagte Alexandra Ssemjonowna tief betrübt. „Aber Freitag werden Sie doch zu uns kommen?“

„Unfehlbar, Alexandra Ssemjonowna, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“

„Vielleicht schämen Sie sich, mit uns zu verkehren, weil ... Sie sehen doch, wie er jetzt ist – ganz betrunken! Aber er ist ein guter Mensch, Iwan Petrowitsch, ein sehr guter Mensch, und wie gern er Sie hat! Tag und Nacht erzählt er mir jetzt nur noch von Ihnen, hat mir sogar Ihre Bücher gekauft, nur habe ich sie noch nicht gelesen – die Zeit vergeht so schnell! – aber morgen werde ich bestimmt damit beginnen. Und wie ich mich erst freuen werde, wenn Sie kommen! Ich sehe doch hier so gut wie gar keine Menschen, niemand besucht uns doch! Alles haben wir und dabei sitzen wir tagaus tagein allein zu Haus. Jetzt saß ich da und hörte zu, wie Sie sprachen, und wie war das schön ... Also Freitag dann!“

VII.

Ich ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: Masslobojeffs letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. Ich muß sagen, daß mir darob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich täuschte mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, die mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.

Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand eine Straßenlaterne. Ich war gerade im Begriff, einzutreten, als sich plötzlich vom Laternenpfosten eine seltsame Gestalt löste und auf mich zustürzte, so daß ich vor Schreck sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses zitternde, entsetzte, halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte.

Es war Nelly.

„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“

„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“

„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit mir hinauf.“

„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er fortgegangen ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“

Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen hinauf: ich öffnete die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las einen Roman. Wenigstens lag das Buch aufgeschlagen vor ihm.

„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut aus. „Es freut mich, daß Sie endlich zurückgekehrt sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe über eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der Gräfin auf ihre dringende Bitte versprechen, daß ich nicht ohne Sie bei ihr erscheinen würde. Sie hat mich so sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt kennen lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß ich, persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar etwas früher, um Sie noch zu Hause anzutreffen und Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu können. Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier eintrat und Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß Sie ausgegangen seien. Was sollte ich tun! Hatte ich mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht ohne Sie bei der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um etwa eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun sehen Sie, was aus der Viertelstunde geworden ist! Ich schlug Ihren Roman auf und vertiefte mich in ihn. Iwan Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie haben mich ja fast zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, und das pflegt bei mir nicht oft zu geschehen ...“

„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin fahre? Offen gestanden, ich habe jetzt ... wenn ich auch durchaus nicht abgeneigt bin ...“

„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken Sie nur, was Sie mir antun? Ich habe mich doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe ich anderthalb Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig mit Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, worüber. Sie sind in alle diese Verhältnisse bedeutend besser eingeweiht als ich ... Wir könnten vielleicht etwas Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die Aufforderung nicht zurückweisen!“

Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren müssen. Zwar wußte ich, daß Natascha allein war und mich erwartete, aber andererseits hatte sie mich doch ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs Bekanntschaft zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, daß ich Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, daß Natascha sich nicht eher beruhigen würde, als bis ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß ich mich, die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich beunruhigte noch Nelly.

„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat auf die Treppe hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner Zimmertür in einem dunklen Winkel des Flurs.

„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was hat er dir getan? ... Was hat er dir denn gesagt?“

„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich fürchte mich ...“

Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So sagte ich ihr denn, daß sie, sobald ich mit dem Fürsten aus dem Zimmer trete, schnell durch die Tür schlüpfen und sie von innen verriegeln sollte.

„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die Tür klopft, hörst du, Nelly? Und wenn man dich auch noch so bittet.“

„Und Sie gehen mit ihm fort?“

„Ja, ich gehe mit ihm fort.“

Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie mich anflehen, nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch sagte sie kein Wort. Ich nahm mir vor, sie am nächsten Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens zu fragen.

Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung und begann mich anzukleiden. Er versicherte zwar, daß ich mich zu einem Besuch bei der Gräfin durchaus nicht umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach einem peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja freilich immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile nicht ganz außer acht zu lassen.

„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren Kreisen oft genug eine viel zu große Bedeutung beigemessen. Das ist nun leider einmal so,“ schloß er, offenbar angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack besaß.

Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, noch einen Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer zurück, um mich nochmals von Nelly, die inzwischen schon hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie zitterte vor Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen.

„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß ich sagen,“ wandte sich der Fürst auf der Treppe an mich, während wir hinabstiegen. „Dieses kleine Mädchen ist doch Ihre Aufwärterin?“

„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei mir.“

„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie geistig nicht ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem sie mir zuerst ganz bescheiden auf meine Fragen geantwortet, schreit sie plötzlich, wie sie mich genauer ansieht, laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich an meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor Erregung keinen Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, daß mir sogar angst und bange wurde und ich mich bereits in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück lief sie selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. Wie haben Sie sich nur mit ihr einleben können?“

„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich.

„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich weiter nicht ... wenn sie überhaupt unnormal ist ...“

Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs letzter Besuch bei mir während meiner Abwesenheit (obschon er genau gewußt hatte, daß ich nicht zu Hause sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor wenigen Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der Betrunkenheit ungern erzählte Geschichten, ferner seine Aufforderung, heute um sieben Uhr bei ihm zu sein, sowie die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu halten, und endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – kurz: daß alle diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander in Zusammenhang standen. Was war da natürlicher, als daß ich nachdenklich wurde?

Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des Fürsten.

VIII.

Bis zur Gräfin war es nicht sehr weit: sie wohnte in der Nähe der Handelsbrücke. Eine Weile schwiegen wir. Ich dachte die ganze Zeit: wovon wird er mit mir zu reden beginnen? Es schien mir, daß er mich prüfen, sondieren und ausforschen wolle. Doch zu meiner Überraschung begann er ohne alle Umschweife sogleich von der Sache selbst.

„Ich mache mir jetzt in einer Angelegenheit große Sorgen, Iwan Petrowitsch,“ hub er an, „da will ich Sie nun um Ihren Rat bitten und überhaupt Ihre Meinung hören. Ich habe nämlich schon längst beschlossen, das von mir im Prozeß gewonnene Geld Herrn Ichmenjeff abzutreten. Wie soll ich das nun machen?“

Es kann doch nicht sein, dachte ich, daß er nicht weiß, wie er es machen soll! Oder sollte er sich nur über mich lustig machen wollen?

„Das weiß ich nicht, Fürst,“ versetzte ich möglichst unbefangen. „In jeder anderen Frage, das heißt, namentlich was Natalja Nikolajewna betrifft, bin ich bereit, Ihnen die für Sie und uns alle notwendigen Erklärungen abzugeben, doch in dieser Angelegenheit wissen Sie natürlich besser Bescheid als ich.“

„Nein, nein, wieso, ganz im Gegenteil! Sie sind mit der ganzen Familie gut bekannt und vielleicht hat Ihnen sogar Natalja Nikolajewna ihre diesbezüglichen Gedanken mitgeteilt. Das aber wäre für mich eine sehr erwünschte Richtschnur. Sie könnten mir viel helfen, denn die Sache ist verzwickter, als man glaubt. Ich bin bereit, ihm das Geld zu überlassen, und ich werde es auch unfehlbar tun, gleichviel wie die anderen Dinge sich gestalten sollten. Doch wie, in welcher Form wäre diese Abtretung des Geldes am richtigsten – das ist die Frage. Sie verstehen mich doch? Nun, sehen Sie: der Alte ist doch sehr stolz und sehr eigensinnig, da könnte er mir ja noch zum Dank für meine Gutmütigkeit das Geld ins Gesicht werfen ...“

„Erlauben Sie: als was betrachten Sie dieses Geld, wenn ich fragen darf? Als sein oder als Ihr Eigentum?“

„Den Prozeß habe ich gewonnen, folglich als mein Eigentum.“

„Nun wohl, aber vor Ihrem Gewissen?“

„Selbstverständlich als _mein_ Eigentum,“ versetzte er, ein wenig pikiert durch meine unhöfliche Frage. „Übrigens scheinen Sie über den Sachverhalt nicht ganz unterrichtet zu sein. Ich habe den Alten durchaus nicht eines bewußten, vorgefaßten Betruges beschuldigt, und ich gestehe Ihnen, daß ich ihn zu einer solchen Tat nie für fähig gehalten hätte. Es war sein eigener freier Wille, sich in seiner Ehre verletzt zu fühlen. Seine Schuld besteht nur in seiner Unachtsamkeit, in seiner sorglosen Verwaltung des ihm anvertrauten Vermögens. Unserer alten Abmachung gemäß aber hat er seine Handlungsweise zu verantworten. Sie wissen auch, daß es sich im Grunde gar nicht darum handelt, sondern einfach nur um unseren Streit, den wir damals hatten, um die gegenseitigen Kränkungen, – mit einem Wort: um unsere verletzte Eigenliebe. Ich hätte unter anderen Umständen vielleicht überhaupt nicht an diese lumpigen zehntausend Rubel gedacht. Doch es dürfte Ihnen wohl nicht unbekannt sein, weshalb dann dieser ganze Prozeß begann. Ich gebe gern zu, daß ich vielleicht zu argwöhnisch, daß ich sogar im Unrecht war – das heißt: nur damals! – doch der Ärger über seine Grobheiten verwirrte mich, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das wird Ihnen vielleicht nicht gerade edel erscheinen, aber ich will mich ja auch gar nicht rechtfertigen. Ich meine nur, daß eine Handlungsweise, die Ärger und hauptsächlich gereizte Eigenliebe diktiert haben, noch nicht als ausschlaggebender Beweis für absoluten Mangel an Ehrgefühl angesehen werden kann. Vielmehr ist sie etwas ganz Natürliches, menschlich Verständliches. Und ich sage Ihnen nochmals, daß ich den alten Ichmenjeff damals so gut wie gar nicht kannte und nur all diesen Gerüchten über Aljoscha und seine Tochter Glauben schenkte, folglich aber konnte ich auch an eine beabsichtigte Entwendung des Geldes glauben ... Doch das ist ja Nebensache. Die Hauptsache ist, was ich jetzt tun soll. Verzichte ich auf das Geld, während ich mich doch gleichzeitig durchaus im Recht fühle, so heißt das, daß ich es ihm schenke. Und wenn man nun das etwas gespannte Verhältnis in Betracht zieht, in das uns Natalja Nikolajewna ... Er wird mir zweifellos das Geld vor die Füße werfen ...“

„Nun, sehen Sie, Sie sagen doch selbst: er würde es Ihnen vor die Füße werfen. Folglich halten Sie ihn doch für einen ehrlichen Menschen und daher können Sie auch überzeugt sein, daß er Ihr Geld nicht gestohlen hat. Wenn es sich aber so verhält, weshalb sollten Sie dann nicht ohne Umschweife erklären, daß Sie sich im Unrecht fühlen? Jedenfalls wäre das anständig gehandelt, und Ichmenjeff würde sich dann vielleicht auch nicht weigern, _sein_ Geld zu empfangen.“

„Hm! ... _sein_ Geld; das ist es ja eben. Bedenken Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich soll zu ihm gehen und sagen, daß meine Klage ungerecht war. Ja, weshalb habe ich dann überhaupt geklagt, wenn ich selbst zugebe, daß mir kein Unrecht geschehen sei? – Das kann mich dann doch ein jeder fragen. Das aber habe ich nicht verdient, denn meine Klage war durchaus gerechtfertigt; ich habe weder gesagt noch geschrieben, daß er mich bestohlen habe, doch von seiner Unfähigkeit, seinem Leichtsinn in Geschäftssachen bin ich auch jetzt noch überzeugt. Dieses Geld gehört ganz positiv mir, und deshalb empfände ich es als nicht ganz angenehm, mich selbst zu verleumden ... und schließlich – ich wiederhole es – hat doch der Alte aus freien Stücken sich in seiner Ehre verletzt gefühlt, und da wollen Sie nun, daß ich ihn wegen dieser Kränkung um Verzeihung bitte, – das fällt mir doch etwas schwer ...“

„Ich glaube, daß, wenn zwei Menschen sich versöhnen wollen ...“

„Daß es dann sehr leicht getan ist?“

„Ja.“

„Nein, mitunter ist es auch nichts weniger als leicht, um so weniger, wenn ...“

„Ich verstehe: wenn es noch andere Umstände gibt, die zu berücksichtigen sind. Darin stimme ich mit Ihnen allerdings vollkommen überein, Fürst. Die Angelegenheit Natalja Nikolajewna und Ihres Sohnes muß vorher in all jenen Punkten, in denen Sie zu entscheiden haben, in einer Ichmenjeffs zufriedenstellenden Weise entschieden sein. Nur dann werden Sie sich mit Ichmenjeff ganz aufrichtig über den Prozeß aussprechen können. So aber, wie die Dinge jetzt liegen, bleibt Ihnen nur eine Möglichkeit: die Unrechtmäßigkeit Ihrer Klage einzugestehen, und zwar ganz offen, ja, falls nötig, sogar öffentlich. Das wäre meiner Ansicht nach das einzig Richtige. Damit habe ich Ihnen meine Meinung gesagt, denn diese wünschten Sie doch zu hören, und wahrscheinlich haben Sie auch nicht gewünscht, daß ich mich vor Ihnen verstelle. Deshalb werden Sie mir wohl auch folgende Frage gestatten: warum beunruhigt Sie dieses Geld so sehr? Wenn Sie sich im Recht glauben und dieses Geld als Ihr Eigentum betrachten, wie kommen Sie darauf, es ihm zurückgeben zu wollen? Verzeihen Sie meine Frage, aber das eine ist mit dem anderen so eng verbunden ...“

„Was meinen Sie,“ unterbrach er mich plötzlich, als habe er meine Frage ganz überhört, „sind Sie überzeugt, daß der alte Ichmenjeff die zehntausend Rubel zurückweisen wird, auch wenn man sie ihm ohne alle Erklärungen und ... und ... Milderungen anbieten sollte?“

„Selbstverständlich wird er sie zurückweisen!“

Wie unter einem physisch empfundenen Schlage zuckte ich zusammen und das Blut stieg mir ins Gesicht. Diese schamlos skeptische Frage machte auf mich einen Eindruck, als habe der Fürst mir ins Gesicht gespien. Und zu dieser Beleidigung kam noch etwas anderes hinzu: das war die verletzend nonchalante Art und Weise, in der er meine Frage vollkommen überging, als habe er sie überhaupt nicht gehört. Offenbar wollte er mir damit zu verstehen geben, daß ich mich gar zu sehr hatte hinreißen lassen, daß ich zu familiär geworden war, indem ich es wagte, solche Fragen an ihn zu richten. Ich haßte aber nichts so sehr, wie dieses in der höheren Gesellschaft übliche Verfahren und hatte mir schon früher Mühe gegeben, Aljoscha diese Angewohnheit abzugewöhnen.

„Hm! ... Sie sind noch sehr ... temperamentvoll, doch werden im alltäglichen Leben gewisse Dinge nicht so behandelt, wie Sie es sich augenscheinlich denken,“ bemerkte er gleichmütig nach meinem erregten Ausruf. „Übrigens fällt mir soeben ein, daß darüber zum Teil Natalja Nikolajewna entscheiden könnte. Vielleicht sagen Sie ihr das. Sie könnte uns jedenfalls raten ...“

„Das wird ihr nicht einfallen,“ versetzte ich in sehr unhöflichem Tone. „Sie haben nicht geruht, anzuhören, was ich Ihnen vorhin sagte; Sie unterbrachen mich. Natalja Nikolajewna wird einsehen, daß Sie, wenn Sie das Geld unaufrichtig, nicht von Herzen ihrem Vater abtreten und ohne alle diese ‚Milderungen‘, wie Sie sich auszudrücken beliebten, daß Sie dann mit diesem Gelde dem Vater für die Tochter und ihr für Aljoscha eine Entschädigung zahlen wollen, damit sie zurücktrete ...“

„Hm! ... also so haben Sie mich verstanden, mein bester Iwan Petrowitsch!“ – Der Fürst lachte. Worüber lachte er? – „Indes ...“ fuhr er fort, „wir haben noch so vieles zu besprechen, nur haben wir jetzt leider keine Zeit dazu. Ich bitte Sie nur, sich eines zu merken: es handelt sich hier direkt um Natalja Nikolajewna und ihre ganze Zukunft, und alles das hängt teilweise davon ab, zu welch einem Entschluß wir kommen werden. Sie sind hierin unentbehrlich, – das werden Sie nachher einsehen. Und deshalb werden Sie mir, wenn Sie Natalja Nikolajewnas Freund sind, nicht eine Unterredung abschlagen, wie wenig Sie auch mit mir sympathisieren sollten. Da sind wir schon angelangt ... ^à bientôt^.“

IX.

Die Gräfin lebte in einer sehr schönen Wohnung. Die Raume waren alle gut und geschmackvoll eingerichtet, wenn auch nicht gerade luxuriös. Doch ungeachtet des zweifellosen Geschmacks, verriet alles, daß es nur für einen zeitweiligen Aufenthalt zusammengetragen war. Es war das eben nur eine für kurze Zeit gemietete Wohnung, denn es fehlte hier ganz jener Prunk einer alteingesessenen Familie, deren Heim stets den Stempel der Herrschaft trägt und sogar alle jeweiligen Launen der Einwohner widerspiegelt. Es hieß, daß die Gräfin für den Sommer auf ihr im Gouvernement Ssimbirsk gelegenes Gut – das über und über verschuldet und verpfändet war – reisen und der Fürst sie dorthin begleiten würde. Ich hatte darüber, seit ich es gehört, oft genug mit Sorgen nachgedacht und mich gefragt: was wird Aljoscha tun, wenn Katjä mit der Gräfin verreist? Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen, ich fürchtete mich davor; doch glaubte ich, aus einigen Anzeichen zu ersehen, daß auch sie, wie es schien, von diesem Gerücht gehört haben mußte. Sie schwieg darüber und litt allein.

Die Gräfin empfing mich sehr liebenswürdig, reichte mir mit einem Lächeln die Hand und bestätigte, was der Fürst mir gesagt hatte: daß sie mich schon lange bei sich zu sehen gewünscht habe. Sie bereitete selbst den Tee, während wir uns im Kreise um den schönen silbernen Samowar setzten, der Fürst, ich und noch irgend ein äußerst vornehm dreinschauender Herr mit einem Orden auf dem Frack, steifen Bewegungen und einer viel- oder nichtssagenden Diplomatenmiene – je nachdem. Dieser Gast wurde offenbar sehr geachtet. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande noch keinen größeren gesellschaftlichen Verkehr finden können, wie sie es sich gewünscht. Außer diesem Gast und mir kam niemand mehr. Ich suchte mit den Augen Katherina Fedorowna: sie saß mit Aljoscha im Nebenzimmer, als sie von unserem Erscheinen erfuhr, stand sie sogleich auf und kam zu uns. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand und die Gräfin wies lächelnd auf mich. Da stellte mich der Fürst vor. Ich kann nicht leugnen, daß ich sie mit großer Neugier betrachtete. Sie trug ein weißes Kleid und war zart und blond, und von nur mittelgroßem Wuchs. Ihr Gesicht hatte einen stillen, ruhigen Ausdruck, und ihre Augen waren „vollkommen blau“, wie Aljoscha sich einmal ausgedrückt hatte. Alles in allem war es nur die Anmut der Jugend, die sie verschönte, nichts weiter. Ich hatte erwartet, eine vollendete Schönheit zu erblicken, doch konnte man sie nicht gerade schön nennen. Sie hatte ein zartes Gesicht, ziemlich regelmäßige Züge, allerdings sehr schönes Haar, das sie aber ganz schlicht trug, und dazu einen ruhigen, aufmerksamen Blick. Bei einer Begegnung auf der Straße wäre ich an ihr vorübergegangen, ohne sie besonders zu beachten, dachte ich; doch das schien mir nur so im ersten Augenblick, denn noch im Laufe dieses Abends hatte ich Zeit und Gelegenheit, sie genauer zu betrachten, und da änderte sich meine Meinung ganz. Allein schon, wie sie mir die Hand reichte und mit angespanntem Blick mir unverwandt in die Augen schaute, ohne dabei ein Wort zu sagen, fiel mir als etwas Seltsames auf und ich lächelte ihr unwillkürlich zu. Wahrscheinlich empfand ich halb unbewußt die kindliche Reinheit ihres ganzen Wesens. Die Gräfin beobachtete sie aufmerksam. Katjä wandte sich, nachdem sie mir die Hand gereicht, mit fast auffallender Plötzlichkeit wieder von mir fort und setzte sich mit Aljoscha am anderen Ende des Zimmers in eine gemütliche Ecke. Bei der Begrüßung hatte mir Aljoscha unbemerkt zugeflüstert: „Ich bleibe nur noch einen Augenblick hier, dann fahre ich wieder hin – zu ihr.“