Sämtliche Werke 19

Part 27

Chapter 273,710 wordsPublic domain

„^Quelle idée, mon cher!^“ Er verfiel wieder in den früheren heiter-gutmütigen Plauderton. „Sie haben mich jetzt nur vom Thema abgelenkt. ^Buvons, mon ami^, erlauben Sie, daß ich Ihnen einschenke. Ich hatte gerade die Absicht, Ihnen ein entzückendes und höchst interessantes Abenteuer zu erzählen. Ich will es nur so in großen Zügen wiedergeben. Ich war einmal mit einer Dame bekannt. Sie war nicht mehr ganz jung, sondern so zwischen sieben- und achtundzwanzig; dafür aber eine erstklassige Schönheit. Welch eine Büste, welche Haltung, welcher Gang! Ihr Blick war durchdringend scharf, hatte etwas Adlerhaftes, doch blieb er stets streng und hart; in ihrem Benehmen war sie königlich unnahbar. Es hieß von ihr, sie sei kalt wie ein sibirischer Winter, und mit ihrer fast grausamen Tugend flößte sie allen Schrecken ein. Ja, ‚grausamen‘! Im ganzen Kreise gab es keinen strengeren Richter als sie. Sie verurteilte nicht nur das Laster, sondern sogar die geringste Schwäche an den anderen Frauen, und verurteilte erbarmungslos, ohne Rücksicht und Appellationsmöglichkeit. Ihr Einfluß, ihre Bedeutung in der Gesellschaft, waren unermeßlich. Selbst die stolzesten Damen und wegen ihrer Tugend am meisten gefürchteten Greisinnen beugten sich vor ihr und suchten sich sogar bei ihr einzuschmeicheln, während sie auf alle gleichmütig erhaben herabblickte, wie etwa eine Äbtissin eines mittelalterlichen Klosters. Die jungen Frauen und Mädchen zitterten vor ihr und erbleichten unter ihrem Blick, denn sie wußten, daß eine Bemerkung, nur eine Andeutung von ihr genügte, um einen Ruf zu vernichten – so groß war nun einmal ihr Ansehen in der Gesellschaft. Sogar die Herren fürchteten sie. Zum Schluß versenkte sie sich in einen gewissen philosophischen Mystizismus, in dem sie aber übrigens ebenso ruhig und erhaben blieb. ... Und was glauben Sie: es gibt kein Weib, das verderbter sein könnte als es diese war. Und ich hatte das Glück, ihr Vertrauen im vollsten Maße zu gewinnen. Mit einem Wort – ich war ihr heimlicher Geliebten. Die Zusammenkünfte wußte sie aber so geschickt, so meisterhaft geschickt zu arrangieren, daß nicht einmal jemand von ihren Hausgenossen auch nur den geringsten Verdacht schöpfen konnte. Nur ihre Kammerzofe, eine nette kleine Französin, war in alle ihre Geheimnisse eingeweiht; doch auf diese Zofe konnte man sich vollkommen verlassen, denn sie war gleichfalls an den Geheimnissen beteiligt – inwiefern – das übergehe ich diesmal. Meine Dame war aber so erotisch lüstern, daß selbst der Marquis de Sade von ihr noch hätte lernen können. Doch das Stärkste, das Durchdringendste und Erschütterndste an dieser Wollust war – die Heimlichkeit und die Unverschämtheit des Betruges. Diese Verhöhnung alles dessen, was die Gräfin in der Gesellschaft als Höchstes und Heiligstes pries, was sie über Moral und Sittlichkeit sprach, und schließlich dieses innerliche teuflische Gelächter, mit dem sie es tat, dieses bewußte Unter-die-Füße-treten und Verleugnen alles dessen, was man doch nicht verleugnen kann – und alles das grenzenlos, bis zum äußersten getrieben, bis zu einem Grade, den sich auch die wildeste Phantasie nicht träumen lassen könnte – sehen Sie, darin lag die Quintessenz dieses Genusses. Sie war der leibhaftige Teufel, ein Teufel von Fleisch und Blut, aber dieser Teufel war doch so bezaubernd, daß ihm niemand hätte widerstehen können. Ich vermag auch jetzt noch nicht, ohne Begeisterung an dieses Weib zurückzudenken. Gerade in der Glut des heißesten Genusses begann sie plötzlich zu lachen – wie eine Wahnsinnige, und ich begriff, begriff vollkommen dieses Gelächter und stimmte selbst ein in ihr unbändiges Lachen. Auch jetzt noch stockt mir der Atem, bei der bloßen Erinnerung daran, obschon es vor so vielen Jahren war. Nach einem Jahr verabschiedete sie mich; sie nahm einen anderen. Selbst wenn ich gewollt hätte – ich hätte ihr doch nicht schaden können. Wer hätte es mir denn geglaubt? – Nun, wie finden Sie diesen Charakter? Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?“

„Pfui, welch ein Ekel!“ sagte ich angewidert.

„Sie wären nicht mein junger Freund, wenn Sie anders geantwortet hätten! Ich wußte es ja, daß Sie genau so antworten würden. Hahaha! Warten Sie, ^mon ami^, Sie werden noch leben und es dann auch begreifen, jetzt aber – jetzt muß ich Ihnen noch ein Törtchen servieren. Nein, wenn Sie das nicht verstehen, dann sind Sie kein Dichter: diese Frau begriff das Leben und sie verstand, es auszunutzen.“

„Aber weshalb es denn so bis zum Tierischen treiben?“

„Wieso, bis zum Tierischen?“

„Zu dem diese Frau gelangte und Sie mit ihr.“

„Ah, Sie nennen das tierisch, – ein Zeichen, daß Sie noch unselbständig am Kindergängelbande gehen. Übrigens ... ich gebe ja gern zu, daß es Selbständigkeit auch in der direkt entgegengesetzten Anschauungsweise geben kann, aber ... reden wir einfacher, ^mon ami^ ... Sie müssen doch zugeben, daß alles das Unsinn ist!“

„Was ist denn nicht Unsinn?“

„Nicht Unsinn ist – die Persönlichkeit, die bin ich selbst. Alles ist für mich, die ganze Welt ist nur für mich geschaffen. Hören Sie, mein Freund, ich glaube noch daran, daß man auf Erden gut leben kann. Das aber ist der beste Glaube, denn ohne ihn kann man ja nicht einmal schlecht leben: da müßte man sich vergiften. Ein Dummkopf soll es auch getan haben. Er philosophierte so lange, bis er mit seiner Philosophie alles zerstört hatte, alles, sogar die Gesetzmäßigkeit aller normalen und natürlichen Pflichten der Menschen, und er ging darin so weit, daß ihm zum Schluß nichts mehr übrig blieb: der Rest war gleich Null, und so verkündete er denn, daß das Beste im Leben Blausäure sei. Sie werden sagen: das war Hamlet, Hamlets grausame Verzweiflung, – mit einem Wort, irgend so etwas Großes, an das wir überhaupt nicht zu denken pflegen. Aber Sie sind ja Dichter, während ich ein gewöhnlicher Mensch bin, und deshalb sage ich Ihnen, daß man nur vom praktischsten und gewöhnlichsten Gesichtspunkt aus auf die Sache sehen muß. Ich zum Beispiel habe mich schon längst von allen Fesseln und sogar Pflichten befreit. Ich betrachte mich nur dann zu etwas verpflichtet, wenn mir daraus irgend ein Vorteil erwächst. Sie können sich natürlich nicht auf diesen Standpunkt stellen, Ihre Füße sind in Fesseln verwickelt und Ihr Geschmack ist krank. Sie philosophieren nach dem Maßstab des Ideals. Aber, mein Lieber, ich wäre doch selbst mit dem größten Vergnügen zu jeder Anerkennung, die Sie nur wünschen, bereit, bloß – was soll ich denn tun, wenn ich genau weiß, daß die Grundlage jeder menschlichen Tugend der größte Egoismus ist. Und je tugendhafter etwas ist, um so mehr Egoismus ist darin. Liebe dich selbst, – das ist das einzige Gesetz, das ich anerkenne. Das Leben ist in meinen Augen ein Handelsgeschäft: für nichts gibt’s nichts. Werfen Sie nicht umsonst Ihr Geld fort, aber, falls nötig, zahlen Sie für die Bewirtung und Sie kommen damit all Ihren Verpflichtungen nach, die Sie Ihrem Nächsten schuldig sind – das ist meine Moral, wenn es Sie zu wissen interessiert ... Doch gestehe ich Ihnen, daß es meiner Meinung nach noch besser ist, seinem Nächsten nicht zu zahlen, sondern es zu verstehen, ihn kostenlos auszunutzen. Ideale habe ich nicht und will sie auch nicht haben; gesehnt habe ich mich nach ihnen niemals. Es läßt sich auch ohne Ideale so lustig, so reizend auf der Welt leben ... und ^en somme^ bin ich sehr froh, daß ich ohne Blausäure auskommen kann. Denn – wäre ich nur ein wenig tugendhafter, so würde ich vielleicht doch nicht ohne sie auskommen, wie jener Dummkopf von Philosoph – zweifellos ein Deutscher ... Nein! Im Leben gibt es noch soviel Begehrenswertes! Ich liebe Einfluß, Rang und Titel, ein eigenes Palais, einen hohen Einsatz beim Spiel – überhaupt liebe ich das Spiel leidenschaftlich. Aber die Hauptsache, die Hauptsache sind doch – die Weiber ... Weiber jeder Kategorie; ich liebe sogar ganz heimliche, dunkle Ausschweifung, so eine etwas seltsamere und originellere, sogar ein wenig mit Schmutz zur Abwechslung ... Hahaha! Da sehe ich Ihr Gesicht: mit welch einer Verachtung Sie mich jetzt anblicken!“

„Darin haben Sie recht.“

„Nun, sagen wir, daß Sie recht haben, aber in jedem Fall ist doch dieser Schmutz immer noch besser als Blausäure. Nicht wahr?“

„Nein, da ist doch Blausäure besser.“

„Ich fragte Sie mit Absicht ‚nicht wahr‘, nur um mich an Ihrer Antwort zu ergötzen. Ich wußte, was Sie antworten würden. Nein, mein Freund, wenn Sie ein aufrichtiger Menschenfreund sind, so wünschen Sie allen klugen Leuten den Geschmack, den ich habe, also auch am Schmutz Gefallen zu finden, denn sonst würde doch ein kluger Mensch bald nichts auf der Welt zu tun haben und es blieben einzig die Dummköpfe übrig. Was die dann glücklich wären! Aber wissen Sie, es gibt nichts Angenehmeres als unter Dummköpfen zu leben und zu allem, was sie reden, stets ‚Gewiß, gewiß, sehr richtig!‘ zu sagen. Sie ahnen nicht, wie vorteilhaft das ist! Beachten Sie es weiter nicht, daß Vorurteile mir gefallen, daß ich mich nach gewissen Bedingungen richte, mich um größeren Einfluß bemühe. Ich sehe doch, daß ich in einer leeren Gesellschaft lebe. Aber es ist vorläufig ein warmer Platz, und ich stimme ihnen bei und tue, als stände ich wie eine Mauer für sie, und dabei wäre ich bei Gelegenheit der erste, der sie verläßt. Ich kenne doch alle Ihre neuen Ideen, wenn ich auch um ihretwillen nie leide – wozu auch? Gewissensbisse habe ich nie empfunden. Ich bin mit allem einverstanden, wenn es nur mir gut geht. Und solcher wie ich gibt es unter uns Legionen, und wir sind auch wirklich glücklich. Alles in der Welt kann untergehen, nur wir allein werden nie untergehen. Wir existieren ebenso lange wie die Welt existiert. Sollte auch die ganze Erde irgendwo im All ertrinken, wir würden selbst dann wie Fett an die Oberfläche kommen und wieder obenauf schwimmen. Nehmen Sie nur dies eine: sehen Sie doch, wie lebenszäh solche Menschen wie wir sind. Wir sind doch phänomenal zäh! – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Wir leben achtzig, leben sogar neunzig Jahre! Folglich kann man sagen, daß die Natur selbst uns beschützt, hehehe ... Ich will unbedingt neunzig Jahre leben. Ich liebe den Tod nicht, ich fürchte ihn sogar. Weiß der Teufel, wie man noch mal sterben wird! Doch wozu davon reden! Dieser verd... Blausäuren-Philosoph hat mich ja nur darauf gebracht. Hol der Teufel die ganze Philosophie. ^Buvons, mon cher.^ Wir begannen doch, wenn ich nicht irre, von den netten Mädeln ... Wohin wollen Sie?“

„Ich gehe, und auch für Sie wäre es Zeit ...“

„^Eh bien, eh bien!^ Hören Sie mal, das geht so nicht: ich habe hier mein ganzes Herz vor Ihnen ausgebreitet, und Sie wollen einen so seltenen Freundschaftsbeweis nicht einmal würdigen! Hehehe! Es steckt wenig Liebe in Ihnen, mein Poet. Warten Sie, ich will noch eine Flasche ...“

„Die dritte?“

„Die dritte. Was die Tugend betrifft, mein Zögling – Sie erlauben mir doch, Sie mit diesem Kosewort anzureden? – und wer weiß, vielleicht fallen meine Lehren noch auf fruchtbaren Boden ... Also, mein Zögling, was die Tugend betrifft, so habe ich Ihnen ja schon gesagt: je tugendhafter die Tugend ist, um so mehr liegt in ihr Egoismus. Als Beispiel hierfür will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich liebte einmal ein junges Mädchen und liebte sie fast aufrichtig. Sie hat mir sogar manches geopfert ...“

„Ist das dieselbe, die Sie bestohlen haben?“ fragte ich plötzlich in beleidigendem Tone, denn ich wollte mich nicht mehr beherrschen.

Der Fürst zuckte zusammen, sein Gesicht veränderte sich und er sah mich mit seinen entzündeten Augen unverwandt an: in seinem Blick lag verständnislose Verwunderung und Wut.

„Warten Sie,“ sagte er wie zu sich selbst, „warten Sie, lassen Sie mich nachdenken. Ich bin in der Tat betrunken, es fällt mir schwer, zu denken ...“

Er verstummte und sah mich böse und gehässig an, während er meine Hand festhielt, als fürchte er, daß ich fortgehen könnte. Ich bin überzeugt, daß er sein Denken krampfhaft anspannte, um zu erraten, woher ich von diesem seinem Erlebnis, von dem doch so gut wie niemand etwas wußte, erfahren haben konnte, und ob nicht darin irgendeine Gefahr lag? So verharrte er eine Weile regungslos. Plötzlich veränderte sich sein Gesicht: der frühere spöttische, trunken heitere Ausdruck erschien wieder in seinen Augen. Er lachte laut auf.

„Ha–ha–ha! O Talleyrand! Nun, was, ich stand allerdings wie bespien vor ihr, als sie es mir so ins Gesicht warf, daß ich sie bestohlen habe! Wie sie kreischte, wie sie mich segnete! Ein verrücktes Frauenzimmer ... und ohne jede Dressur. Aber so urteilen Sie doch selbst: erstens, hatte ich sie durchaus nicht bestohlen, wie Sie sich ausdrückten – sie hatte mir das Geld geschenkt und folglich gehörte es mir. Nehmen wir an, Sie schenken mir Ihren besten Frack,“ – er warf einen kritischen Blick auf meinen einzigen und ziemlich billigen Frack, den mir vor drei Jahren der Schneider Iwan Skornjägin genäht hatte – „ich bin Ihnen dankbar und trage ihn, nach einem Jahr aber ärgern Sie sich plötzlich über mich und da verlangen Sie von mir den Frack zurück, ich aber habe ihn schon vertragen ... So etwas ist unfein. Weshalb haben Sie ihn mir denn geschenkt? Und zweitens hätte ich ihr das Geld, das mir und nicht mehr ihr gehörte, unfehlbar zurückgegeben, aber, nicht wahr: wo hätte ich im Augenblick eine so große Summe hernehmen können? Und vor allen Dingen kann ich nun mal Schäferspiele und Schillerianer nicht ausstehen, wie ich Ihnen schon sagte, nun, das aber war eben die ganze Veranlassung ... Sie glauben nicht, wie sie vor mir Theater spielte, als sie schrie, daß sie mir das Geld schenke – das Geld, das mir gehörte! Das machte mich wütend und plötzlich sah ich ganz richtig ein – meine Geistesgegenwart verläßt mich nie in solchen Augenblicken – daß ich sie ja einfach unglücklich machen würde, wenn ich ihr das Geld zurückgeben würde. Damit hätte ich ihr doch den Genuß geraubt, _durch mich_ vollkommen unglücklich zu sein und mich ihr Leben lang zu verfluchen. Glauben Sie mir, mein Freund, in einem solchen Unglück liegt sogar ein gewisser Rausch, wenn man sich selbst so vollkommen im Recht fühlt und wenn man weiß, daß man großmütig gehandelt hat und berechtigt ist, den Beleidiger einen Schurken zu nennen. Das sind natürlich zumeist Schillernaturen, die sich an ihrem Haß so berauschen können. Vielleicht hat sie später nichts zu essen gehabt, aber ich bin überzeugt, daß sie glücklich war. Und da ich sie dieses Glückes nicht berauben wollte, sandte ich ihr das Geld nicht zurück. Somit ist meine Theorie durchaus gerechtfertigt, daß, je lauter und größer die menschliche Großmut ist, man bei genauerer Beobachtung einen um so größeren und widerlicheren Egoismus hinter ihr entdeckt ... Sollte Ihnen das wirklich nicht klar sein? ... Aber ... Sie wollten mir ja nur ein Bein stellen und mich fangen, ha–ha–ha! ... Nun, so gestehen Sie doch, daß Sie’s wollten? ... O, Sie Talleyrand!“

„Adieu!“ sagte ich, und ich stand entschlossen auf.

„Einen Augenblick! Nur noch zwei Worte zum Schluß!“ rief er, mich zurückhaltend, aus, und plötzlich in ernstem Ton, im Gegensatz zu seiner bisherigen widerlich frivolen Weise. „Hören Sie nur noch das Letzte an, das ich Ihnen zu sagen habe: aus all dem Gesagten geht, denke ich, klar und deutlich hervor – ich hoffe, daß auch Sie es gemerkt haben –, daß ich niemals und unter keiner Bedingung meinen Vorteil jemandem opfern werde. Ich liebe Geld und ich brauche es. Katherina Fedorowna ist sehr reich: ihr Vater war zehn Jahre lang Branntweinpächter. Sie hat drei Millionen Rubel, und dieses Geld wird mir sehr zustatten kommen. Aljoscha und Katjä sind wie geschaffen füreinander; beide sind sie Dummköpfe erster Sorte, und das ist es gerade, was ich bedarf. Deshalb wünsche und will ich, daß sie sich heiraten, und zwar möglichst bald. Nach zwei, höchstens drei Wochen werden die Gräfin und Katjä Petersburg verlassen. Aljoscha muß sie begleiten. Ich wünsche es so. Bereiten Sie also Natalja Nikolajewna darauf vor: damit es zu keinen Szenen kommt und keine Schillerrollen gespielt werden, und sie sich nicht etwa gegen mich auflehnt. Ich bin rachsüchtig und böse von Natur; ich werde meinen Willen durchsetzen. Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich sie fürchte. Selbstverständlich wird alles nach meinem Willen geschehen und deshalb geschieht es fast nur in ihrem Interesse, wenn ich sie warnen lasse. Also sorgen Sie dafür, daß es keine Dummheiten gibt und sie sich vernünftig benimmt. Anderenfalls würde es ihr schlimm ergehen, sehr schlimm. Müßte sie mir doch allein schon dafür dankbar sein, daß ich nicht so, wie es sich eigentlich gehört hätte, mit ihr verfahren bin, einfach gesetzmäßig. Wissen Sie auch, mein Poet, daß das Gesetz die Familie beschützt: das Gesetz garantiert dem Vater für den Gehorsam des Sohnes, und diejenigen, die die Kinder von ihren Pflichten den Eltern gegenüber ablenken, stehen nicht unter dem Schutz des Gesetzes. Und ziehen Sie gefälligst auch das in Betracht, daß ich überaus einflußreiche Verbindungen habe, wessen sie sich nicht im geringsten rühmen kann, und – begreifen Sie denn nicht, was ich mit ihr tun könnte? ... Ich habe aber noch nichts getan, weil sie sich bisher noch vernünftig verhielt. Während dieses halben Jahres haben achtsame Augen jede ihrer Bewegungen beobachtet und ich wurde von jedem letzten Detail in Kenntnis gesetzt. Und ich wartete ruhig ab, bis der Zeitpunkt kommen würde, an dem Aljoscha sie von selbst verläßt, was ja jetzt bereits der Fall ist; vorläufig aber ist es für ihn eine nette Zerstreuung. Und so bin ich in seinen Augen der humane Vater geblieben, und das wünsche ich gerade, daß er so über mich denkt. Ha–ha–ha! Wenn ich bedenke, daß ich ihr beinahe Komplimente gesagt habe – damals, an jenem Abend – und mich bei ihr quasi bedankt habe für ihre uneigennützige Großmut, die sie darin bewiesen, daß sie ihn nicht geheiratet – ich möchte bloß wissen, wie sie das angestellt hätte! Und was meinen damaligen Besuch bei ihr betrifft, so ging ich nur deshalb zu ihr, weil es doch endlich Zeit war, mit diesem Verhältnis ein Ende zu machen. Ich mußte mich von allem persönlich überzeugen, das war es ... Nun, sind Sie jetzt zufriedengestellt? Oder wollen Sie vielleicht noch erfahren, wozu ich Sie hierher geführt, weshalb ich diese Gespräche vom Zaun gebrochen und so rückhaltlos offen gewesen bin, während man dies auch ohne jede Offenheit Ihnen hätte mitteilen können – ja?“

„Ja.“

Ich bezwang mich gewaltsam und wartete. Zu sagen hatte ich ihm nichts weiter.

„Einzig deshalb, mein Freund, weil ich in Ihnen ein wenig mehr Vernunft und klaren Blick bemerkt habe, als sie unsere Närrchen besitzen. Sie hätten auch früher schon wissen, ahnen, erraten können, wer ich bin, vielleicht hatten Sie auch schon in bezug auf mich manche Vermutungen entwickelt, doch nun wollte ich Sie dieser ganzen Mühe überheben und so entschloß ich mich, Ihnen anschaulich zu zeigen, _mit wem Sie es zu tun haben_. Ein persönlicher Eindruck will immer viel sagen. Bemühen Sie sich also, mich zu verstehen, mon ami. Sie wissen, wer ich bin, und da hoffe ich denn, daß Sie, der Sie sie lieben, Ihren ganzen Einfluß – den Sie zweifellos auf sie haben – daransetzen werden, um sie von Handlungen, die _gewisse_ Scherereien nach sich ziehen könnten, abzuhalten. Sollte das nicht der Fall sein, so wird es Scherereien geben, und ich versichere Ihnen, versichere Ihnen allen Ernstes, daß es keine leichten Scherereien sein werden. Nun und dann – der dritte Grund meiner Offenheit ... aber Sie haben ihn ja doch schon erraten, mein Lieber: ja, ich wollte in der Tat diese ganze Geschichte einmal etwas anspeien, und zwar gerade vor Ihnen ...“

„Und Sie haben Ihren Zweck erreicht,“ sagte ich, zitternd vor Empörung. „Ich gebe zu, daß Sie mit nichts Ihre Wut auf uns und die ganze Verachtung, die Sie für mich und uns alle empfinden, so gut hätten ausdrücken können wie gerade mit dieser Offenheit. Sie haben nicht nur nicht befürchtet, daß diese Offenheit Sie in meinen Augen kompromittieren könnte, Sie haben sich sogar nicht einmal vor mir geschämt ... Sie erinnerten in der Tat an jenen Verrückten, der nackt auf die Straße ging. Sie haben mich nicht für einen Menschen gehalten, mich wenigstens nicht zu den Menschen gezählt ...“

„Sie haben es erraten, mein junger Freund,“ sagte er ruhig. Er erhob sich. „Sie haben alles erraten: Sie sind doch nicht umsonst Literat. Ich hoffe, daß wir uns friedlich trennen werden. Brüderschaft jedoch werden wir wohl nicht trinken?“

„Sie sind betrunken, nur deshalb antworte ich Ihnen nicht so wie es sich gehörte ...“

„Wieder ein unvollendeter Satz. – Weshalb sprechen Sie es nicht aus, wie es sich zu antworten gehörte? Hahaha! Für Sie zu zahlen erlauben Sie mir nicht?“

„Beruhigen Sie sich, ich zahle selbst.“

„Nun, zweifellos. – Wir haben wohl nicht denselben Weg?“

„Ich werde nicht mit Ihnen fahren.“

„Adieu, mein Poet. Ich hoffe, daß Sie mich verstanden haben ...“

Er verließ mich – wie ich bemerkte, mit etwas unsicheren Schritten – ohne sich noch nach mir umzuwenden. Der Portier half ihm beim Einsteigen. Ich ging meiner Wege. Es war gegen drei Uhr morgens. Es regnete, die Nacht war dunkel ...

Vierter Teil

I.

Ich will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon ich mich so ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, fühlte ich mich doch so überrumpelt, als hätte ich das nicht von ihm erwartet und als wäre er so überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens entsinne ich mich, daß ich mir meiner Empfindungen im Augenblick nicht ganz bewußt war: es war mir, als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. Ich fürchtete für Natascha. Konnte ich mir doch denken, wieviel Qualen ihr bevorstanden, und ich suchte halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen, vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um ihr diese letzte Zeit vor der endgültigen Entscheidung zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung ausfallen würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte sich erschreckend schnell.

Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach Haus zurücklegte, obschon der Regen mich gründlich durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins Haus trat. Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie es schien, hatte Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern die ganze Zeit an der Tür gewartet. Das Licht brannte auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht und erschrak: es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei sah sie mich so wild und scheu an, als erkenne sie mich nicht. Ihre glühend heißen Hände zitterten.

„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, mich zu ihr niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen Armen.

Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie sich, und stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie mir etwas zu erzählen, als habe sie mich nur deshalb erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre Worte waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff nichts. Sie aber sprach immer weiter wie im Fieber.